Kapitel11

Obi-Wan beschloss, an diesem Tag erst einmal nichts mehr zu unternehmen. Schließlich brauchte auch ein Jedi ab und zu Ruhe und musste etwas zu sich nehmen. Er würde sich also ein Hotel oder etwas in der Art suchen und dort nächtigen. Zum Glück hatte er auf seine Intuition gehört und sich etwas anderes angezogen, denn so wie es aussah, machte ihm sein Jedidasein eher Probleme, als dass es ihm half.

Gern wäre er in dieser Wohnung geblieben, aber er wollte Padmé nicht noch mehr Umstände machen, als er es sowieso schon getan hatte.

Also stand er auf.

„Ihr habt mir wirklich sehr geholfen, Padmé. Ich danke Euch vielmals. Ich habe Eure Zeit lange genug in Anspruch genommen, deshalb werde ich mich jetzt zurückziehen."

„Es freut mich, wenn ich Euch helfen konnte. Ich würde Euch wirklich gerne anbieten, hier zu übernachten, aber ich fürchte, dass ist nicht möglich, da manche Senatoren diesen Raum auch als, wie soll ich sagen, Ort für Vergnügungen nehmen, wenn Ihr versteht, was ich meine."

Padmé lächelte entschuldigend.

„Deshalb müssen wir auch jetzt aufbrechen, da die ersten bald erscheinen werden."

Auch sie erhob sich.

„Wisst Ihr, wo Ihr übernachten könnt?"

Obi-Wan schüttelte den Kopf.

„Ich habe mir noch nichts Genaues überlegt, aber ich bin sicher, ich werde etwas finden. Es gibt mehrere Etablissements, die in Frage kommen. Immerhin sind wir hier auf Coruscant."

Lächelnd bewegte sich der Jedi-Meister Richtung Tür.

„Wartet!"

Obi-Wan blieb stehen.

„Wer ist denn dieser nun Anakin in meinen Träumen? Vielleicht kann ich wieder schlafen, wenn Ihr mir das noch sagt."

Bittend schaute sie auf Obi-Wans Rücken. Dieser drehte sich langsam wieder um und schaute in ihre schönen braunen Augen.

„Anakin Skywalker war mein Schüler. Bis vor kurzem. Wenn Ihr meint, meinen Worten glauben zu können, dann habt Ihr ihn vor ungefähr fünfzehn Jahren auf Tatooine kennen gelernt. Damals war er natürlich noch ein kleiner Junge und nicht der Mann, den Ihr in Euren Träumen gesehen habt. Aber seid versichert, selbst, wenn meine Erinnerungen wahr sind, dann besteht keine derartige Verbindung zwischen ihm und Euch, wie Ihr sie gesehen habt."

Noch während er diese Worte äußerte, meldete sich wieder dieses merkwürdige Gefühl, das er schon gehabt hatte, als Padmé ihm das erste Mal von diesem Traum erzählt hatte.

Aber warum nur? Schließlich vertraute er doch Anakin. Und wenn nicht ihm, dann war er sich doch wenigstens über Padmés Vernunft im Klaren. Obwohl er zugeben musste, dass sich Ani seit der zweiten Begegnung mit der Senatorin verändert hatte. Jedoch nicht unbedingt im negativen Sinne.

Er beschloss darüber später nachzudenken, denn im Moment gab es wichtigere Dinge, mit denen er sich jetzt befassen musste. Angefangen bei einer Unterkunft. Bereits nach kurzem Überlegen waren ihm gleich mehrere Hotels eingefallen, bei denen er es versuchen konnte.

Im Stillen dankte er seinem alten Meister Qui-Gon Jinn für dieses Wissen, dass er durch ihn auf zahlreichen Missionen erworben hatte. Dank ihm kannte sich Obi-Wan in fast ganz Coruscant wunderbar aus.

„Wenn es Euch jetzt Recht ist, Sena..., Padmé, dann werde ich mich jetzt nach einem Hotel umsehen. Falls mir noch etwas einfällt, werde ich Euch aufsuchen, wenn Ihr nichts dagegen habt."

Padmé nickte. „Ich hoffe, wir sehen uns wieder."

Obi-Wan verneigte sich knapp und drehte sich schnell um, um zu gehen. Denn er wollte nicht diesen traurigen Ausdruck in Padmés Augen sehen, die mit ihm den Traum von einer besseren und sinnvolleren Existenz aus dem Raum gehen sah. Was für eine Verschwendung von Potential, dass sie nur eine Doppelgängerin einer Senatorin war! Nur konnte er ihr leider nicht helfen, sondern musste sich vielmehr darum kümmern, selbst aus dieser vertrackten Situation herauszukommen.

Nachdem Obi-Wan, Padmé zurücklassend, die kleine Wohnung verlassen hatte, fiel ihm ein, dass er sich, trotz Qui-Gons Ausbildung, in diesem Teil von Coruscant nicht auskannte. Zurückgehen wollte er jedoch auch nicht, also beschloss er, einfach draufloszugehen.

Das war zwar vermutlich nicht eine seiner besten Ideen gewesen, aber er konnte sich wenigstens an eine Teilstrecke erinnern, über die er mit Padmé hergekommen war.

Doch schon nach einer Weile hatte er sich, wie zu erwarten gewesen war, verirrt. Er stand mitten in einem Wohnviertel, in dem alle Häuser gleich aussahen: grau, hoch und trostlos. Zu alldem gesellten sich außerdem noch die Dunkelheit und die Kälte.

Wie gerne hätte er jetzt seine Jedi-Robe gehabt, in die man sich tief hineinwickeln kann.

Aber Obi-Wan hatte schon schlimmeres erlebt. Mit diesem Gedanken versuchte er sich selbst aufzubauen. Wenn er es wollte, konnte ein Jedi noch viel länger ohne Nahrung und Schlaf und bei noch widrigerer Witterung auskommen. Aber Obi-Wan hatte schon sehr früh gemerkt, dass dieses Können nicht zu seinen größten Stärken gehörte. Sein Magen knurrte immer lauter und lauter. Immer mehr bereute er es, bei Dex nur etwas getrunken zu haben.

Zu allem Überfluss fing es dann auch noch an zu regnen. Niemand war zu sehen, den der Jedi nach dem Weg hätte fragen können. Verständlich, denn wer ging schon bei diesem Wetter und der Dunkelheit in dieser Gegend auf die Straße? Wenigstens gab es ab und zu ein paar Straßenlaternen.

Mit gesenktem Kopf stapfte Obi-Wan weiter.

Dabei hatte er wenigstens die Zeit, um über alles nachzudenken. Dabei glitten seine Gedanken als erstes zu Anakin.

Anakin und Padmé. Konnte das möglich sein?

Er verwarf diesen Gedanken wieder. Hätte ihm Padmé nie von diesem Traum erzählt, wäre er nie auf diese Idee gekommen. Wozu sich also Gedanken machen?

Immer noch grübelte Obi-Wan darüber, wo er war und wie er hierher gekommen war. Vielleicht war er ja tatsächlich verrückt. Allerdings wäre er dann vermutlich nicht mitten auf Coruscant erwacht. Oder gerade. Wenn wenigstens Anakin hier wäre und er mit ihm reden könnte. Mit ihm reden! Natürlich! Wenn es die Hoffnung gab, dass sich Anakin hier auch irgendwo befand, dann könnte er ihn über sein Comlink erreichen. Warum war ihm diese Idee nicht schon früher gekommen?

Schnell holte er sein Comlink hervor, um Anakin zu kontaktieren, musste jedoch feststellen, dass Anakin nicht in Reichweite war. Auf Coruscant jedenfalls war er nicht.

Gerade wollte er sein Comlink frustriert wieder einstecken, da spürte er durch die Macht, dass jemand lautlos mit einem Blaster in der Hand hinter ihn aus einem Hauseingang trat. Jemand, der ihm definitiv nicht nur „hallo" sagen wollte.

„Ey, keine falsche Bewegung! Dreh dich langsam um und gib mir das da, was du in der Hand hast und was du sonst noch an Wertsachen besitzt!"

Wie konnte Obi-Wan vergessen, dass er sich auf Coruscant befand. Diese Situation überraschte gar nicht.

Da Obi-Wan versuchen wollte, das Ganze auf die harmlose Art und Weise zu lösen, drehte er sich langsam um, bewegte leicht die Finger und sagte: „Du willst meine Sachen nicht, sondern willst nach Hause gehen und schlafen."

Normalerweise war es eine der leichteren Übungen für ihn, mithilfe der Macht den Geist eines Kleinkriminellen zu beeinflussen, doch hier zeigte es erstaunlicherweise keinerlei Wirkung.

„Was fällt dir eigentlich ein? Natürlich will ich deine Sachen. Du hälst dich wohl für was Besseres? Los, her mit deinem Kram und keine Mätzchen!"

Ok, das funktionierte also nicht. Übergang zu Variante B.

Mit Hilfe der Macht ließ Obi-Wan den Blaster in seine eigene Hand fliegen. Fassunglos starrte die Gestalt, deren Gesicht der Jedi noch immer nicht erkennen konnte auf seine Hand, in der sich bis eben seine Waffe befunden hatte.

„Aber…"

„So, mein Freund, meinst du nicht, du möchtest doch nach Hause gehen und schlafen? Das sollte dir eine Lehre sein. Ein anständiger Job wäre besser für dich."

Wie abgedroschen diese Worte selbst in seinen eigenen Ohren klangen! Aber für mehr hatte er jetzt werde die Zeit noch die Nerven und wollte es deshalb dabei belassen und einfach weitergehen.

Allerdings trat die Gestalt in den Schein einer der Laternen und Obi-Wan konnte das Gesicht sehen. Zwar kannte er die Frau nicht, die ihn entgeistert anstarrte, jedoch machte sie einen dermaßen armseligen und mitleiderregenden Eindruck, dass es Obi-Wan einfach nicht übers Herz brachte sie, wie geplant einfach dort stehen zu lassen.

Hervorragend, Obi-Wan, ´ein anständiger Job wäre besser für dich´. Oh, ja, das half dieser Frau wahrscheinlich wahnsinnig. Und er hielt sich für sensibel.

„Was du nicht sagst. Ein Job wäre besser für mich? Ich war auch mal so wie du. So arrogant. Doch dann habe ich einen großen Fehler gemacht, ich habe mich gegen das System geäußert. Nachdem ich dann meinen Job verloren hatte, kannst du dir an meinem Gesicht anschauen, was die Jedi mit mir gemacht haben."

Sie sah in der Tat erschreckend aus. Ihr ganzes Gesicht war mit Narben übersät.

„Ich, äh, das tut mir wahnsinnig leid, aber bei dem Abschaum, der einem manchmal begegnet… Bitte verzeih mir mein schnelles Urteil. Ich heiße Obi-Wan."

„Ist mir egal wie du heißt. Ich will nur wissen, wie du das mit dem Blaster gemacht hast. So was hab ich bis jetzt nur bei einem Jedi gesehen. Also sag mir, bist du ein Jedi oder so was in der Art?"

Misstrauisch besah sie ihn von oben bis unten.

„Nun so etwas in der Art. Nicht so, wie du denkst. Ich bin allerdings nicht von hier und kenn mich mit den Jedi nicht sonderlich aus, vielleicht könntest du mir Nachhilfeunterricht geben."

„Also ich weiß nicht…"

„Ich habe einen Blaster in der Hand", unterbrach sie Obi-Wan.

„Na schön, komm mit. Ich heiße übrigens Aniya."

Mit diesen Worten stapfte sie los und Obi-Wan beeilte sich, ihr zu folgen.