Kapitel 2: Gewohnheiten und Ungewöhnliches...
In den nächsten Tagen erwies es sich, dass Carol zwar ein außergewöhnliches Gespür für die Emotionen ihrer Mitmenschen besaß, aber nicht den Hauch einer Ahnung, wie sie das Leben in einem Haus meistern sollte, das für Hexen und Zauberer gemacht war. Lupin war eine echte Hilfe und unterstützte sie mit viel Geduld. So entzündete er jeden Morgen ein großes Feuer in dem altmodischen Herd, damit auch Carol ohne Magie darauf kochen konnte. Harry verbrachte die meiste Zeit seines Tages mit seinen Büchern am Küchentisch und beantwortete geduldig Carols Fragen.
Trotzdem gab es immer wieder Schwierigkeiten, eines Mittags stand Carol vor einem Schrank, dessen Tür sich nicht öffnen lassen wollte. Als sie etwas kräftiger zerrte sprang die Tür auf und eine Flut alter Porzellantassen ergoss sich über Carol und zerschellte auf dem Boden. Sie begann fluchend die Scherben einzusammeln, als Harry aufstand um ihr zu helfen. Er murmelte leise: "Kreacher war eine Landplage, aber manchmal war es doch leichter, als er noch da war."
Carol sah auf und fragte: „Wer ist Kreacher?" Harry erklärte ihr, was es mit den Hauselfen auf sich habe, die Geschichten von Dobby und Winky und schliesslich erklärte er ihr noch Hermines B.ElfeR.
Nach einiger Zeit des Nachdenkens murmelte Carol fast unhörbar: „Ich frage mich… hm… vielleicht ginge das…", sie hob den Kopf und sah Harry mit fragendem Blick an: „Meinst Du, man könnte Winky fragen, ob sie uns hier helfen würde? Vielleicht fühlt sie sich nicht mehr ganz so schlecht, wenn sie irgendwo ist, wo sie wirklich sehr gebraucht wird."
Harry überlegte einen Moment und sagte dann, er würde Dumbledore über das Flohnetzwerk fragen.
Am nächsten Morgen stand Carol am Herd und briet Eier und Speck, als Harry die Küche mit verschlossener Miene betrat. Carol sah zu ihm herüber und betrachtete sein Gesicht. „Wenn wir nur mehr Zeit hätten", dachte sie. „Niemand darf so durch sein Leben gescheucht werden wie dieser Junge." Sie seufzte vernehmlich, als ein Toast deutlichen Brandgeruch abgab,
warf ihn in den Müll und sagte achselzuckend „Ich bin halt keine Magierin, da geht doch dauernd was schief, wenn man keinen Toaster mit Aufknuspertaste und Krümelschublade hat."
Harry grinste schief und sagte: „Hexe"
„Wie bitte?"
„Hexe. Frauen sind bei uns Hexen, Männer Zauberer. Magierinnen gibt's nicht."
„Aha. So… na ja…" Sie schob ihm einen Teller mit Eiern, Speck und Toast hin und sagte mit funkelnden Augen: „Das sind Eier und Toast. Wir können das auch Kokosnussplantage nennen, aber wenn Du es in den Mund steckst schmeckt es trotzdem nach Eiern und Toast."
Sie nahm sich selber auch einen Teller und beide frühstückten schweigend. Lupin betrat kurz danach die Küche, wünschte fröhlich einen guten Morgen und setzte sich mit einem eigenen Teller zu den beiden.
Nachdem alle ihre Mahlzeit beendet hatten nahm sich Lupin den Tagespropheten, eine Tasse Tee und verzog sich in eine Ecke. Harry griff in ein Regal an der Wand, holte Bücher, Pergament und Federn an den Küchentisch und begann einen Aufsatz für Verwandlungen zu schreiben.
Carol sah sich den Bücherstapel an, griff nach „Geschichte der Zauberei" und fragte „darf ich mir das ausleihen?" Harry blickte auf, sah das Buch und nickte gleichgültig „lies es ruhig, es ist ganz interessant. Das hat mir auch sehr geholfen, als ich im ersten Schuljahr ohne Ahnung von der Zaubererwelt nach Hogwarts kam."
Carol verzog das Gesicht bei dem Gedanken, auf dem Wissensstand eines Erstklässlers zu sein, seufzte dann ergeben und begann zu lesen.
Harry versuchte sich auf den Aufsatz zu konzentrieren, aber seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Letztes Jahr hatte er auch hier am Küchentisch gesessen, und da war Sirius in seiner Nähe gewesen. Er vermisste seinen Paten schrecklich und wie immer bei der Erinnerung an dessen bellendes Lachen spürte er eine eisige Hand nach seinem Herzen greifen und es schmerzhaft zerquetschen. Er sah auf und sah Lupin lesend und Tee trinkend in der Ecke der Küche sitzen. Eine plötzliche Welle des Zorns erfasste ihn. Wie konnten nur alle so tun, als wäre die Welt völlig in Ordnung? Sirius war tot und niemanden schien das zu stören.
Plötzlich fühlte er eine Hand auf seinem Unterarm und eine leise Stimme sagte: „Wir alle vermissen ihn schrecklich, Du bist damit nicht alleine."
Er sah hoch und blickte Carol verständnislos an: „Du hast Sirius doch gar nicht gekannt!" brach es mit unglaublicher Wut aus ihm heraus.
Carol setzte sich neben ihn und sagte ruhig: „Nein, ich habe Sirius nicht gekannt. Aber vielen von uns ist irgendwann einmal ein besonderer Mensch begegnet. Ein Mensch, der unserem Leben eine neue Wendung gegeben hat, der uns mehr geliebt hat als sein eigenes Leben. Ein Mensch, der das kostbarste Geschenk ist, das man bekommen kann.
Und wenn uns dieser Mensch dann wieder genommen wird, dann ist es, als würde ein Stück aus uns heraus gerissen. Als Würde das Herz zu einem Eisklumpen, der mit einem Hammer zerschmettert wird. Es ist ein Schmerz, der sich anfühlt, als würde sich das Universum zusammenziehen um dann mit einem infernalischen Schrei zu explodieren.
Und wenn wir dann die Augen öffnen sehen wir, dass das Universum nicht explodiert ist. Daß es einfach weiter existiert, als wäre nichts gewesen. Wir sehen uns um und sehen, dass die Menschen um uns herum weiter leben. Und wir beginnen zu hassen. Das Universum, weil es nicht explodiert ist. Die Menschen, die leben obwohl unser Herz gestorben ist. Das Leben, weil es so grausam zu uns ist.
Aber das ist falsch. Hasse nicht das Leben. Hasse jene, die Dir den Menschen genommen haben, aber hasse nicht die Menschen, die leben. Denn letztendlich muss jeder lernen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt… für jene, die zurück geblieben sind. Aber vor allem aber: hasse nie das Leben.
Viele von uns haben das erlebt Harry. Wir alle vermissen ihn schrecklich… wie immer er auch sein Name gewesen ist."
Sie schwieg und legte einen Arm um Harrys Schulter. Er legte seinen Kopf an ihre Schulter und begann endlich zu weinen.
