Kapitel 4: Verwandlungen und Wandlungen…..
Mit Winkys Hilfe war es viel einfacher, das Leben in dieser magischen Umgebung zu meistern stellte Carol in den nächsten beiden Tagen fest. Dadurch blieb ihr mehr Zeit, ihre Umgebung und die Menschen zu beobachten.
Lupin wirkte etwas ruhiger als am Abend der Versammlung, doch er warf ihr immer wieder fragende Blicke zu. Zweimal hatte er versucht, sie zu fragen, was das an dem Abend gewesen wäre. Woher sie wisse, dass er ein Werwolf sei und was es mit der Liebe der Mutter auf sich habe. Er fühlte sich von niemandem mehr geliebt als andere Geschöpfe. Auch ihre Formulierung „wunderbare Wesen" hatte ihn irritiert. Er hatte schon viele Dinge gehört, die man über Werwölfe gesagt hatte, aber „wunderbare Wesen" war definitiv niemals dabei gewesen. Er konnte sich überhaupt niemanden vorstellen, der einen Werwolf wunderbar finden würde. Ausserdem wollte er wissen, was es für Optionen waren, die sie angesprochen hatte. In einem hatte sie allerdings Recht behalten: Durch ihren denkwürdigen Auftritt war die anfängliche Verzweiflung tatsächlich von ihm gewichen.
Nun aber, da sie sich beharrlich weigerte, seine Fragen zu beantworten und sich der Vollmond näherte, kehrte das Gefühl der Verzweiflung mit aller Macht zurück. Er kannte sein Dasein eigentlich schon so lange, dass er nicht geglaubt hätte, es könnte ihn noch mehr schmerzen, aber durch die vielen deprimierenden Ereignisse der letzten Zeit war seine Leidensfähigkeit über ein erträgliches Maß hinaus strapaziert worden.
Wie grausam konnte das Schicksal sein? Reichte es nicht, dass er alle seine Freunde verloren hatte, durch Tod oder Verrat. Musste er einen seiner Freunde wiederbekommen, nur um ihn erneut zu verlieren? Zu erkennen, dass der Mensch, den er für einen Verräter gehalten hatte 12 Jahre lang immer da gewesen war und es nur eines Beweises bedurft hätte, damit er frei gewesen wäre hinterliess eine grausame Leere. Ihre Freundschaft hatte 12 Jahre verloren und nun war die Chance, diese Zeit nachzuholen endgültig vorbei.
Wenn es nicht die Arbeit für den Orden gegeben hätte, er hätte sich schon lange gefragt, wozu all das hier gut war.
Lupin atmete tief durch und schüttelte die dunklen Gedanken ab. Es wurde langsam Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen, der Abend war nahe und der Mond würde bald aufgehen.
Er betrat die Küche und wandte sich an Carol.
„Würdest Du mir nachher helfen, bitte?" fragte er direkt.
Sie blickte ihn erstaun an und fragte: „Sicher. Wobei denn?"
„Du musst mich in einem der Kellerräume einschliessen."
„Hm… ja, wenn Du das möchtest mache ich das" sagte sie betont gleichmütig. „Sag mir einfach Bescheid, wenn es losgehen soll."
Sie drehte sich um und verliess die Küche. Lupin sah ihr stirnrunzelnd nach.
Zwei Stunden später klopfte er an ihre Tür und bat sie nun in den Keller zu kommen. Als sie unten ankam, stand er schon in dem Raum, den er ausgesucht hatte. Eine massive Eisentür würde den Raum sicher verschliessen bis der nächste Tag anbrach. Sie musterte den Raum und schauderte. Kalte nackte Steinwände, ein unregelmäßiger Steinboden, auf dem altes Stroh lag, als wäre hier in früherer Zeit mal ein Tier eingesperrt gewesen. Es roch muffig und feucht. Lupin wirkte merkwürdig verloren in dieser Umgebung.
Carol sah ihn traurig an und fragte: „Brauchst Du noch irgendwas?"
„Nein" erwiderte er und wandte den Blick von ihr ab. „Schliess bitte einfach die Tür von aussen ab und öffne sie erst morgen früh wieder."
„Ist in Ordnung" sagte sie und blieb noch einen Moment unentschlossen im Türrahmen stehen, als wolle sie noch irgendetwas sagen. Sie zuckte unbeholfen mit den Schultern, dann machte sie kehrt, schloss die Tür von aussen, drehte den Schlüssel zweimal um und ging nach oben.
Lupin stand noch eine Weile da und starrte die Tür an. Dann legte er seine Kleider ab, faltete sie und verstaute sie in einer Kiste, die in der Ecke des Raumes stand.
Carol stand in ihrem Zimmer und sah aus dem Fenster. Ihr Blick ging ins Leere, sie fürchtete sich vor dem, was ihr bevorstand. Im Stillen hatte sie gehofft, sie hätte Lupins Kummer ohne viele Worte lindern können. Bei Harry war es nicht so schwer gewesen Trost zu geben, aber Lupin war so viel mehrschichtiger als der Junge. Sein Kummer und seine Verzweiflung hatten verschiedene Wurzeln und zusammen bildeten sie einen grausamen Strauch des Schmerzes. Das liess sich nicht mit ein paar einfühlsamen Worten lindern.
Carol kannte sich mit Schmerz aus, sie hatte ihn in vielen Formen in vielen Menschen erfahren und fand es kaum erträglich jemanden so sehr leiden zu sehen.
Sie wusste genau, was es bedurfte, um ihm Linderung zu verschaffen, aber sie hatte so sehr gehofft, dass das heute noch nicht nötig wäre. Daß sie noch Zeit hätte, sich darauf vorzubereiten. Daß es vielleicht gar nicht nötig gewesen wäre. Sie wusste, dass sie etwas tun konnte und musste, was Hoffnung geben konnte. Aber sie wusste auch was der Preis dafür war. Und sie fürchtete sich davor, diesen Preis zahlen zu müssen. Sie wusste, dass es allein ihre Entscheidung war. Und dass sie diese Entscheidung jetzt treffen musste. Es blieb nicht mehr viel Zeit, aber sie konnte sich nicht aus ihren Gedanken losreißen. „Komm schon" sagte sie zu sich selbst „Du bist doch sonst auch nicht so ein Feigling. Oder wirst Du langsam schwach?"
Sie straffte sich und fällte ihre Entscheidung. Was auch immer der Preis war, den sie dafür zahlen musste, es gab eine Möglichkeit Schmerzen zu lindern und die würde sie nicht ungenutzt verstreichen lassen. Mit den Folgen für sich selber würde sie sich auseinandersetzen, wenn es soweit war.
Sie trat an den Schrank, griff in die Tasche ihrer Jacke und holte ein kleines Döschen heraus. Darin befand sich dunkle Erde mit einigen Tannennadeln und kleinen Blättern. Sie schüttete etwas davon in ihre eine Hand, verschloss die Dose sorgfältig wieder und steckte sie zurück in ihre Jackentasche. Dann zerrieb sie den Schmutz aus der Dose zwischen ihren Händen und hielt ihre Hände ans Gesicht. Sie atmete den erdigen Waldgeruch ein, sog den Duft und die Kraft tief in ihre Lungen und verliess dann mit federnden Schritten ihr Zimmer. Sie marschierte direkt in den Keller, schloss die Tür auf und betrat den Raum, in dem Lupin auf den Aufgang des Mondes wartete.
Lupin hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte und eine Welle von Panik durchfuhr ihn. Was immer Carol noch wollte, dafür war keine Zeit mehr, er konnte fühlen, wie die Verwandlung unmittelbar bevorstand. Wenn sie nicht auf der Stelle wieder abschloss würde er sie zerfetzen.
Die Tür öffnete sich und sie stand mit ruhiger Miene in der Tür. Nichts erinnerte mehr an ihre unsicheres Verhalten vom Abend. Sie trat einen Schritt auf ihn zu und er streckte die Hand aus „Bleib draussen, bitte. Es ist keine Zeit mehr, Du musst gehen. SOFORT !"
Sie schüttelte nur den Kopf und sagte ruhig: „Entspanne Dich, alles wird gut. Ich sagte doch, es gibt Optionen, mit denen keiner rechnet." Sie lächelte.
Langsam hob sie die Hände und berührte sein Gesicht. Sie legte ihre Hände flach an die Seiten seines Kopfes und hielt ihn fest. Lupin fühlte dass es zu spät war, das vertraute und verhasste Reissen begann, mit dem sich die Struktur seiner Knochen und seines Gewebes ankündigte. Er wollte noch etwas sagen, sich entschuldigen, sie warnen, doch kein Laut kam mehr über seine Lippen. Er blickte in ihre dunklen Augen, aber statt Angst, Panik, Abscheu oder Entsetzen sah er nur tiefen Frieden. Voller Erstaunen bemerkte er, dass die Verwandlung dieses mal völlig schmerzfrei war, dann verschwand sein Verstand hinter der nebelhaften Wand der tierischen Instinkte.
Carol sah zu, wie der Mensch sich in den Wolf verwandelte. Sie hielt sein Gesicht weiter in ihren Händen, auch als es der Kopf des Wolfes war. Als die Verwandlung abgeschlossen war strich sie einmal sanft über seine Schnauze, dann sank sie langsam auf den Boden, wo sie sich hinsetzte. Den Kopf noch immer in ihren Händen folgte der Wolf ihren Bewegungen und legte sich neben sie auf den Boden mit dem Kopf in ihrem Schoß. Ein leises Winseln kam aus seiner Kehle und er schloss die Augen.
So verharrten sie bis zum Morgengrauen.
Als die Sonne aufging und der Wolf sich wieder in einen Menschen zurückverwandelte, löste Carol ihre Hände von seinem Gesicht und bevor Lupin realisierte, was geschehen war, schlüpfte sie aus dem Raum und ging nach oben.
Der Duft frischen Kaffees drang aus der Küche und Carol schickte einen dankbaren Gedanken an Winky. Sie betrat die Küche, wo eine große Kanne Kaffee und ein riesiger Berg Pfannkuchen warteten. Mit einem Becher Kaffee setzte sie sich an den Tisch und bewegte vorsichtig ihre verkrampften, schmerzenden Schultern.
Lupin folgte auch dem Duft und betrat die Küche kurz nach ihr. Er war vollkommen überwältigt von dem, was er erfahren hatte. Nicht nur war die Verwandlung völlig schmerzfrei gewesen, er fühlte sich nicht erschöpft und ausgelaugt, hatte keinerlei Verletzungen und auch erinnerte sonst nichts daran, dass er eine Vollmondnacht hinter sich hatte.
Er nahm sich Kaffee und Pfannkuchen und schob auch ihr einen Teller hin. Sie lächelte dankbar und er sah mit Entsetzen, wie sie aussah. Tiefe Furchen gruben sich von ihren Nasenflügeln zu ihren Mundwinkeln, ihr Gesicht war eingefallen und die Wangeknochen standen hervor wie bei einem Hungersnot-Opfer. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und wirkten stumpf.
Schweigend aßen sie. Dann platzte die Frage aus ihm heraus, die ihm seit der Rückverwandlung unter den Nägeln brannte: „Was war das?"
Sie schmunzelte und ein leichtes Leuchten blitzte in ihren müden Augen auf.
„Das war die Zähmung des Wolfes" sagte sie und zwinkerte ihm zu.
„Wie lange ist er denn gezähmt" fragte er erstaunt und hoffnungsvoll.
„Nur die eine Nacht." Enttäuschte sie seine stille aufgekeimte Hoffnung.
„Kannst Du das immer?"
„Nein. Niemand kann das immer."
„Und wieso konntest Du es letzte Nacht?"
„Weil Deine Verzweiflung und Dein Schmerz stärker waren als Dein Mut. Weil ich so etwas nur dann kann, wenn Mut und Hoffnung vom Untergang bedroht werden. Wenn alles verloren scheint, dann kann ich eine Kraft aufbringen, die ich sonst nicht habe."
Er sah sie an „aber das zehrt an Dir, oder?"
„Ja. Ich bezahle dafür mit meiner eigenen Energie." Sie lächelte ihn an. „Aber das ist in Ordnung, den Preis ist es mir wert."
Er sah sie eine ganze Zeitlang nachdenklich an, dann fragte er: „Wer bist Du?"
„Ich bin niemand. Niemand wichtiges oder besonderes, ich bin nur ein Werkzeug. Ein Werkzeug übrigens, das jetzt schlafen geht."
Gähnend verließ sie die Küche und Lupin starrte ihr noch eine ganze Weile nach, bevor auch er das Haus verließ.
