Kapitel 5: Der Ernst beginnt…

In den nächsten Tagen erholte sich Carol sichtlich, so dass Lupins Sorge um ihre Gesundheit geringer wurde. Dennoch brannten ihm Fragen auf der Seele, doch sie wies ihn immer wieder mit einem Lächeln und einigen gemurmelten Worten zurück aus denen er nur etwas wie „… andern Mal… noch nicht soweit…" heraushören konnte.

Der Sommer neigte sich dem Ende zu und Harry beschäftigte sich mehr mit seinen Büchern, da das neue Schuljahr in 3 Wochen beginnen würde. Er dachte kurz daran zurück, dass Lupin ihn bereits nach 4 Tagen aus dem Ligusterweg abgeholt hatte und Dankbarkeit erfüllte ihn. Das Verhalten der Dursleys war so merkwürdig und verschlossen abweisend gewesen, dass er nicht mehr genau wusste, wie er mit ihnen umgehen sollte.

Hier war das Leben so anders. Er war einer von Vielen und völlig normal. Es machte ihm Freude, Carol zu helfen. Endlich war mal nicht er der Außenseiter und er genoss dieses Gefühl. Seit dem Gespräch über den Verlust geliebter Menschen fühlte er sich merkwürdig leichter und er hatte das Gefühl, Carol irgendwie verbunden zu sein.

Am Dienstagabend erschienen die Weasleys zu einem neuerlichen Treffen des Ordens und sie brachten Ron mit. Er sollte die letzten 3 Wochen der Ferien mit Harry im Haus verbringen, da seine Eltern einen Auftrag für den Orden erledigen mussten. Arthur hatte extra Urlaub beim Ministerium einreichen müssen, damit sie gemeinsam als Ehepaar reisen konnten. Tarnung wurde in diesen Tagen immer entscheidender und so waren die Weasleys ein wichtiger Aktivposten des Ordens. Wer würde schon bei diesem so harmlos wirkenden Ehepaar Verdacht schöpfen?

Zudem war eine Nachricht von Snape eingetroffen, dass er über seine Informationsquelle berichten müsse.

So war ein Treffen des Ordens einberufen worden, das heute Abend stattfinden sollte. Die Weasleys fanden, es wäre eine gute Idee, wenn sie Ron gleich mitbringen und dann im Haus lassen würden und Harry freute sich schon ungemein auf seinen Freund.

Langsam trudelten sowohl die Weasleys als auch die Mitglieder des Ordens ein.

Mit Molly Weasley betrat ein junges Mädchen die Küche, das sofort von Harry freudig begrüßt wurde.

„Hermine! Was machst Du denn hier?"

„Ich habe meine Eltern gefragt, ob ich nicht einige Zeit mit Ron und Dir hier verbringen darf" erwiderte sie. „Es kam ihnen nicht allzu ungelegen, weil die Praxis renoviert wurde und die Handwerker einen enormen Wasserschaden verursacht haben. Tja, die Hälfte der Instrumente sind im Eimer und der gesamte Röntgen-Bereich ist unbrauchbar. Nun muss alles neu gemacht werden und sie wollen die Gelegenheit nutzen, um die Praxis gleich auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Das erfordert, dass sie sich erstmal genau informieren, was der Zahnarzt von Welt heutzutage so alles in seiner Praxis anbieten sollte. Naja, so werden sie sowieso wenig Zeit haben, also kommt es ihnen gerade Recht, dass ich hierher wollte."

Sie schwieg und grinste Harry fröhlich an. Krummbein sprang von ihrem Arm und direkt auf Carols Schoß. Hermine sah zu ihr herüber und sagte: "Oh, Du musst Carol sein. Harry hat mit in seinem letzten Brief von Dir erzählt." Sie reichte Carol die Hand.

Langsam füllte sich die Küche, alleine Professor Dumbledore fehlte noch. Minerva McGonagall traf ein und erklärte, er sei seit dem Nachmittag unterwegs um etwas zu suchen. Er habe gesagt, er würde danach direkt zum Grimmauldplatz kommen.

„Also sollten wir einfach auf ihn warten." Schloss sie ihren Bericht.

Als nach einer Stunde immer noch nichts von Dumbledore zu sehen war, schlug Molly vor, zuerst zu essen und danach die Versammlung abzuhalten.

Alle stimmten begeistert zu und Molly machte sich an die Arbeit. Lächelnd lehnte sie sowohl Carols als auch Tonks' Angebot zu helfen ab und wirbelte mit der ihr eigenen Effizienz durch die Küche.

Gerade als sich alle an den Tisch setzen wollten öffnete sich die Tür und Snape betrat den Raum. Das fröhliche Gekicher erstarb augenblicklich, als er sich mit kaltem Blick umsah.

„Wo ist Dumbledore?" fragte er ohne Umschweife.

„Guten Abend. Ich freue mich auch, Sie hier zu sehen." Sagte Carol mit einem aufgesetzt freundlichem Lächeln auf dem Gesicht. Sie schmunzelte innerlich, hatte sie sich doch auf ein erneutes Zusammentreffen mit dem Tränkemeister mental vorbereitet. Sie hatte sich geschworen, er würde sie nie wieder derartig überfahren wie bei ihrem ersten Zusammentreffen.

Er warf ihr einen wütenden Blick zu und erwiderte nur „Guten Abend. Würden Sie bitte aufhören in meiner Gegenwart…"

Er verstummte und wandte sich von ihr ab, als wäre sie die Worte nicht wert.

„In Ihrer Gegenwart aufhören womit? Zu existieren?" fragte sie ihn an seinen Rücken gewandt.

Er drehte sich wieder zu ihr um und zog langsam die Augenbrauen hoch. Seine Lippen bildeten eine dünne Linie als er sagte: „Das wäre ein Anfang."

Carol verdreht die Augen. „Meine Güte, bei Ihrer Zeugung hat Prince Charming ja nicht unbedingt mitgewirkt, oder?"

Tonks brach in hemmungsloses Kichern aus, was ihr einen blitzesprühenden Blick von Snape einbrachte.

„Severus, setz Dich mit an den Tisch, wir müssen sowieso auf Dumbledore warten." Sagte Lupin geduldig.

Snape setzte sich und um ihn herum entspannen sich muntere Gespräche, die er zu ignorieren versuchte.

Plötzlich erschallte aus der Halle wieder einmal Mrs. Blacks Gekreische: „Schlammblüter, Verräter des Blutes und nun auch noch ekelerregende Muggel verseuchen mein Haus und keiner unternimmt etwas dagegen! Mögen sie verrotten in ihren Gräbern nachdem ein mutiger Reinblüter den Mumm hatte, ihnen die Köpfe abzuschlagen!"

Alle am Tisch verdrehten die Augen, nur Snape nickte gedankenverloren.

„Glauben Sie an das, was die Frau sagt?" fragte Carol ernsthaft interessiert.

„Sie hat nicht unbedingt Unrecht mit ihren Ansichten" erwiderte Snape trocken.

„Lieber Himmel, Logik ist nicht gerade ihre Stärke, oder?" fragte Carol und klang unbeabsichtigt etwas schnippisch.

Snape sah sie einen Moment lang an, dann erwiderte er: „Was wissen Sie schon über die Reinheit des Blutes?"

„Ich habe einiges über ihre Vorstellungen von Reinheit, Halbblütern und Muggeln gelesen" sagte Carol ruhig „und ich halte es für ausgemachten Unsinn."

Alle Blicke an Tisch hatten sich inzwischen den Beiden zugewandt, das versprach ja ein spannendes Rededuell zu werden.

„Unsinn?" sagte Snape mit hochgezogenen Augenbrauen und ein undefinierbar überlegen-amüsierter Gesichtsausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Würden Sie das vielleicht erläutern?"

„Aber gerne" sagte Carol ruhig.

„Es ist im Grunde ganz einfach: Die Natur verabscheut Reinblütigkeit. Sie strebt nach Veränderung, Verbesserung. Das kann die Züchtung der Reinheit nicht bieten. Reinheit ist Stillstand und Stillstand kann niemals irgendwohin führen."

Snape sah sie erstaunt an. „Was meinen Sie mit „Reinheit ist Stillstand?""

„Nun, immer wenn es in der Natur zu einer Weiterentwicklung kommt, war eine Vermischung oder eine Mutation am Werk. Wenn eine Art rein geblieben ist, dann hat sie sich dem Untergang geweiht. Sie tun genau das.

Sie erklären die Reinheit des Blutes zum Heiligtum und töten ihre eigene Art damit."

Sie hielt inne. Snape sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, schwieg aber.

"Sie erheben den Anspruch eine Regel aufgestellt zu haben, der alle Ihresgleichen folgen sollen, aber die Natur unterwirft sich keiner fremden Regel. Und Sie erwarten in Ihrer Arroganz, daß die Natur ihnen das durchgehen läßt. Aber das wird sie nicht. Die Reinheit des Blutes bringt nach einer gewissen Zeit nur noch Krüppel hervor, genetisch defekte Kreaturen.

Sie glauben, sie können das reine Blut erhalten, aber Sie verdammen Ihre Art zum Tode. Kein glorreicher schneller Tod, sondern ein Tod in gebrochenem Körpern und in geistiger Umnachtung."

Sie sah ihn an mit einer Mischung aus Mitleid und Zorn, Snape erwiderte ihren Blick ungerührt, dann sagte er ruhig: "Das ist dummes Zeug, sie wissen nichts von uns und sollten sich daher mit unqualifizierten Äußerungen zurückhalten."

Sie seufzte vernehmlich: "Ich dachte mir schon, dass Sie der Vernunft nicht sonderlich aufgeschlossen gegenüber stehen. Mein Wissen um Ihre Art ändert nichts an den Grundsätzen der Vernunft, der Logik und der Natur."

Snape starrte sie einige Minuten schweigend an, dann erhob er sich und sagte in die Runde: "Ich kann nicht länger warten. Richten Sie Dumbledore aus, ich muss wieder zu meiner Quelle. Anscheinend gibt es ein uraltes Artefakt, das starke Macht besitzt. Einige Todesser wollen mehr darüber in Erfahrung bringen und es wahrscheinlich für den dunklen Lord in ihren Besitz bringen, wenn es hält was sie sich davon versprechen. Ich werde versuchen mehr über das Artefakt und die Pläne der Todesser heraus zu finden und melde mich, sobald ich etwas weiss."

Er ging zur Tür, dreht sich noch einmal um, blickte in die Runde. Sein Blick blieb einen Augenblick auf Carol ruhen, als ihre Blicke sich trafen schüttelte er fast unmerklich den Kopf, dreht sich erneut zur Tür und verließ das Haus.

Carol sah die Mitglieder des Ordens an, dann wandte sie sich an Lupin: "Seid Ihr sicher, dass er auf Eurer Seite steht?"

Alle Augen wandten sich ihr zu, vereinzelt hörte sie erschrockenes Schnappen nach Luft.

"Wie meinst Du das? Hast Du etwas Böses in ihm gefühlt? "

Carol dachte nach. "Nein, nicht böse... aber allein. Er ist kein Team-Player, wie man bei uns sagt."

Sie verstummte und ließ noch einmal die Eindrücke, die sie in dem Gespräch von ihm empfangen hatte auf sich wirken.

"Er steht nur auf seiner eigenen Seite. Er hat eigene Definitionen für Recht und Unrecht. Und nur nach denen handelt er. Ja, er kämpft an Eurer Seite, solange das seine Seite ist, solange Eure Ziele seiner Definition von Recht entsprechen. Aber das ist Treue sich selber gegenüber, keine Treue Eurer Sache gegenüber. Vergesst das niemals."

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Dumbledore betrat die Küche. Er bat die Mitglieder des Ordens in den Versammlungsraum und Harry, Ron, Hermine und Carol blieben in der Küche zurück.

Ron, Hermine und Harry saßen in einer Ecke und plauderten angeregt. Carol lächelte. Sie waren gut aufgehoben und so verließ sie leise die Küche und ging in ihr Zimmer.

Sie setzte sich auf das Bett und schlug die Hände vor ihr Gesicht.

Wieder hatte sie das Gefühl die Zeit würde zu schnell verrinnen, ihr würde die Zeit fehlen, sich für das Kommende vorzubereiten. Sie wusste, etwas Grauenvolles würde geschehen, jemand würde Schreckliches erleiden. Es stand nicht in ihrer Macht, das zu verhindern. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie den Schmerz würde lindern können.

Fast wünschte sie, sich in Luft auflösen zu können nur um Frieden zu finden. Wozu war sie denn da, wenn sie nicht helfen konnte? Was sollte sie tun, wenn alle ihre Fähigkeiten nichts nützen konnten gegen das kommende Leiden. Wenn sie nur nicht so alleine wäre. Wenn es nur jemanden gäbe, der ihr Rat und Hilfe geben könnte.

Wenn nur mehr Zeit wäre...

Doch die dunklen Mächte brauchten keine Zeit, die Zeit spielte auf ihrer Seite. Je schneller sie erstarken konnten, desto besser war es für sie.

Carol seufzte, blickte aus dem Fenster und sah den Sonnenuntergang.

"Fast symbolisch.." dachte sie und Tränen liefen über ihr Gesicht.