Kapitel 6: Die Falle schnappt zu…
Wieder kehrte Ruhe ein in das Haus am Grimmauldplatz Nummer 12. Ron, Harry und Hermine verbrachten viel Zeit miteinander, sie hatten sich viel zu erzählen und auch die Vorbereitungen auf das neue Schuljahr nahmen einiges an Zeit in Anspruch.
Lupin versuchte ständig an Carols Seite zu sein, er hatte die Veränderung, die mit ihr in den letzten Tagen vor sich gegangen war deutlich bemerkt. Auch Tonks hatte mitbekommen, dass etwas anders war und war häufig im Haus und leistete Carol und Lupin Gesellschaft.
Eines Nachmittags saßen sie wieder einmal am Küchentisch, tranken Tee und Tonks knabberte an Möhrenstreifen, mit denen sie beim Sprechen furchteinflößend herumfuchtelte.
„Was denkst Du über Snape?" fragte sie unvermittelt.
Carol überlegte einen Moment, dann sagte sie „nicht viel. Er tut Dinge, die kein anderer tun würde. Er denkt, das wäre unvermeidbar, er glaubt er tut das Richtige, aber manchmal denke ich, er versucht zu viel zu tun. Es ist, als wolle er eine Schuld begleichen."
Sie sah Lupin und Tonks fragend an. Tonks zuckte mit den Achseln und Remus sagte langsam: „Da ist etwas dran, den Verdacht haben einige von uns, aber Genaues weiss wohl nur Dumbledore. Ihn und Severus verbindet eine Geschichte, die keiner außer den beiden kennt."
Carols Blick schien sich in der Ferne zu verlieren.
„Das muss enden" sagte sie schlicht. „Diese Gedanken von Schuld und Sühne tragen nur die Saat der Zerstörung in sich. Sie sind zu nichts anderem nutze. Wenn es Snape nicht gelingt, sich von diesen Gedanken zu lösen… wenn es ihm nicht gelingt, sich von seiner Vergangenheit zu lösen, dann hat er keine Zukunft."
Tonks sah sie erschreckt an „ist er in Gefahr bei seiner Mission?"
„Ja, mehr als er und wir ahnen, fürchte ich. Er hat vor sehr langer Zeit einen Teil von sich verloren. Er glaubt, jemand habe ihm diesen Teil genommen und er kann das niemals verzeihen. Er hat gelernt zu hassen, weil er glaubt, man habe ihm Unrecht getan. Aber er hat nie gelernt, dass es Dinge gibt, die kann einem kein Mensch nehmen, wenn man es nicht zulässt. Er hat nie begriffen, dass nur seine stillschweigende Duldung es seinem Gegner ermöglicht hat, ihm diesen Teil von sich zu nehmen.
Und so geht er durch die Welt voller Wut und Hass und versucht den Teil von ihm wieder zu finden, der ihm fehlt. Und dabei ist dieser Teil von ihm immer noch da, er muss ihn nur sehen und akzeptieren. Und er muss begreifen, dass nur er alleine entscheiden kann, wie viel ein anderer ihm antun kann. Dass er selber das Maß dessen bestimmt, was man ihm nehmen kann. Nur dadurch, dass er es zulässt."
Sie holte tief Luft. „Nun geht er also los und übernimmt gefährliche Missionen, als wolle er vermeiden, in sich selber zu sehen und endlich herauszufinden, was dort geschehen ist. Aber das ist oft so. Wenn der Schmerz im Inneren so groß ist, dass er den Blick für das Leben trübt, dann neigt man dazu, überhöhte Risiken einzugehen, denn nichts kann einen mehr schockieren oder verletzen."
Sie lehnte sich zurück, Traurigkeit lag in ihrem Blick: „Aber ich fürchte, der Preis für seine Suche nach dem fehlenden Teil wird hoch. Ich fürchte, er kann nicht alles aushalten, auch wenn er das glaubt."
Die Tür öffnete sich und Moody betrat den Raum. „Tonks, Remus, wir haben Nachricht von Snape. Er hat einen wichtigen Gegenstand und möchte, dass wir ihn sofort treffen. Wir sollen den Gegenstand von ihm übernehmen und sofort nach Hogwarts bringen, damit er dort von Experten untersucht wird. Er selber will seine Tarnung nicht gefährden und bleibt noch bei der Gruppe Todesser, bei denen er sich zur Zeit aufhält. Deshalb sollen wir ihn kurz treffen, den Gegenstand von ihm entgegennehmen und dann wieder verschwinden. Der Treffpunkt ist eine Lichtung am Waldrand von Stashton Woods.
Carol hörte Moodys Worte und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Sie schnappte hörbar nach Luft und alle drehten sich zu ihr um.
„Ich muss da mitkommen", sagte sie mit einem unüberhörbaren Zittern in der Stimme.
„Auf gar keinen Fall", warf Moody sofort ein. „Das kommt gar nicht in Frage!", er schnaubte „ein Zivilist bei einem konspirativen Treffen…. Soweit kommt's noch."
Carol dreht sich zu Lupin um: „Remus, kannst Du mir vertrauen? BITTE! Nimm mich mit zu diesem Treffen. Ich kann Dir nicht erklären, warum das so wichtig ist, aber es ist so." Ohne ein weiteres Wort sah sie ihm in die Augen und ihr Blick flehte ihn um Hilfe an.
Lupin dachte nur eine Sekunde nach, dann sagte er ruhig: „Wir nehmen sie mit. Sie hat schon mehrfach einen merkwürdigen Instinkt für das Unerwartete bewiesen, das kann nur von Nutzen sein." Moody murmelte ein paar unverständliche Worte, warf Lupin einen grimmigen Blick zu, sagte aber nichts mehr zu dem Thema.
Tonks hatte sich derweil am Kamin zu schaffen gemacht.
„Es gibt ein paar hundert Meter vom Waldrand entfernt ein altes Zaubererhaus, das im Moment leer steht, dessen Kamin aber noch an das Flohnetzwerk angeschlossen ist. Damit können wir reisen." sagte sie eifrig.
Wenige Augenblicke später verliessen die vier das Zaubererhaus und gingen schnellen Schrittes auf den Waldrand zu. Sie betraten den Wald und hielten nach der Lichtung Ausschau. Vorsichtig bewegten sie sich durch das dichte Unterholz, bemüht möglichst wenig Lärm zu machen.
„Hier irgendwo müsste Snape gleich sein" murmelte Moody und da sahen sie ihn. Seine unverkennbare Gestalt stand am Rand einer Lichtung. Doch er war nicht alleine. Vier in Kapuzenumhänge gehüllte Gestalten standen ihm gegenüber und sprachen mit ihm. Moody, Tonks, Lupin und Carol hielten inne und versuchten zu hören, was dort gesprochen wurde. Doch die Unterhaltung war zu leise und zu weit entfernt. Man konnte lediglich ein Murmeln hören, aber einzelne Worte waren nicht unterscheidbar. Snape hob die Arme wie in einer abwehrenden Geste und sprach schneller. Es war, als wolle er die vier Männer von irgendetwas überzeugen. Man konnte fast die Eindringlichkeit spüren, die von seinen Gesten und den unverständlichen Worten ausging.
Plötzlich wurde seine Rede von einem lauten und hässlichen Lachen unterbrochen. Der Todesser ganz rechts machte eine Geste, als wolle er Snape zum Schweigen bringen und lachte nochmals laut und bösartig auf. Dann zückten alle vier ihre Zauberstäbe und ein mehrstimmiges „CRUCIO!" schallte durch die Bäume.
Snapes Körper, von dem vierfachen Fluch getroffen, zuckte wie bei einem Elektroschock, doch er blieb auf seinen Beinen stehen. Kein Laut kam über seine Lippen. Die Szene wirkte wie eingefroren, bis er nach einigen Momenten langsam auf die Knie sackte. Er verharrte einen Augenblick, dann kippte sein Körper zur Seite. Liegend krümmte er sich unter den noch immer auf ihn wirkenden Flüchen, aber auch jetzt verlies kein Ton seine Lippen.
Wieder verging ein scheinbar endloser Moment, dann öffnete Snape wie in Zeitlupe den Mund und ein Schrei voll unendlicher Qual entrang sich seiner Kehle. Er schrie und schrie und schien niemals mehr aufzuhören, als wären seine Lungen für alle Ewigkeit voller Luft.
„Ein vierfacher Cruciatus! Das kann kein Mensch ertragen oder überleben" flüsterte Moody und Entsetzen klang aus seiner Stimme.
Lupin war blaß, sagte aber kein Wort und Tonks Hände krallten sich voller Abscheu und Panik in seinen Arm.
Carol erhob sich wie ferngesteuert, hob den Arm und zeigte auf die grauenhafte Szene: „Macht dem ein Ende. Sofort." sagte sie fast tonlos.
Drei Zauberstäbe wurden wie einer gezückt und sofort erschallte Expelliarmus und Stupor und in wenigen Momenten waren die überraschten Todesser entwaffnet, bewusstlos und lagen gefesselt am Boden.
Carol ging mit wenigen Schritten zu Snape, der am Boden lag. Er war verstummt, doch nichts wies darauf hin, dass er bei Bewusstsein war. Sein Körper bebte noch immer unkontrolliert und schien den Nachhall der Folterung zu erleben. Carol kniete neben ihm nieder, legte Zeigefinger und Mittelfinger der linken Hand auf seine Stirn. Die rechte Hand legte sie in der nun schon vertrauten Geste flach an die Seite seines Gesichtes und schloss die Augen. Eine Weile lag Totenstille über dem Rand der Lichtung, dann kam ein grauenerfülltes Stöhnen über ihre Lippen und sie sackte ein wenig zur Seite. Lupin wollte vorstürzen und ihr helfen, doch Tonks hielt ihn am Arm zurück: „Lass sie, sie wird wissen, was sie tut."
Langsam verklang der Laut und Carol saß wieder ruhig neben Snape, dessen Körper nun endlich still dalag. Tränen sickerten aus ihren geschlossenen Augen, doch sie schien sie nicht zu bemerken.
Nach einer Weile ließ sie sein Gesicht los und sackte in sich zusammen. Lupin und Tonks stürzten auf sie zu und nahmen sie in die Arme. „Was hast Du getan, Carol?" fragte Tonks mit zitternder Stimme.
Carol schien fast keine Kraft zu Sprechen zu haben, als sie leise sagte: „Ein wenig den Schmerz genommen und den Lebensfunken gestärkt. Die Kälte vertrieben und verhindert, dass er in der Dunkelheit versinkt." Sie schwieg.
Plötzlich erschallten Geräusche wie von einem Maschinengewehr. Es knallte in rasend schneller Folge und auf der Lichtung apparierten ungefähr 25 bis 30 Todesser.
„Verdammt! Es war eine Falle!" zischte Moody.
Die Todesser zückten wie von einer unsichtbaren Choreographie des Grauens geleitet ihre Zauberstäbe und wandten sich der kleinen Gruppe zu. Rote und grüne Lichtblitze schossen aus den Spitzen der zahlreiche Stäbe und die Lichtung war erfüllt von gerufenen Flüchen und Zaubern.
Carol sprang auf und wie von neuer Energie erfüllt warf sie sich zwischen ihre Freunde und die auf sie zurasenden Lichter.
Sie riss die Arme hoch und dem überraschten Betrachter bot sich ein denkwürdiges Schauspiel. Goldene Fäden kamen aus ihren Fingern, zwischen ihren Händen flocht sich ein Netz aus strahlender Energie, das in rasender Geschwindigkeit wuchs, so dass eine mehrere Meter breite und hohe Wand zwischen den Todessern und ihre Opfern bildete. Das Netz flackerte auf, als die tödlichen Flüche es trafen. Doch es warf sie nicht zurück. Beim Auftreffen eines jeden Lichtblitzes passierte etwa Erstaunliches: Er teilte sich, folgte den Fasern des Netzes und bei jedem Knoten, auf den er traf teilte er sich erneut. Solange, bis er so zerfasert und dünn war, dass er verschwand. Das Netz absorbierte auf diese Weise die gesamte destruktive Energie, die aus den Zauberstäben abgeschossen wurde.
Nach einer Weile begann das Netz zu wabern und löste sich von Carols Händen. Es schwebte langsam auf die Todesser zu und begann sie zu umschlingen. Einer nach dem Anderen sanken nach der Berührung des Netzes ohnmächtig zu Boden und als alle von ihnen außer Gefecht gesetzt waren flackerte das Netz noch einmal kurz auf, dann verschwand es wie ein goldener Nebel, den ein Windhauch davon weht.
Carol ließ die Arme sinken, dann brach sie ohne einen Laut von sich zu geben zusammen.
