Kapitel 7: Unerwartete Enthüllungen und neue Geheimnisse….

Unnatürliche Ruhe herrschte am Grimmauldplatz Nummer 12. Als wäre das ganze Gebäude in Watte gepackt und seine Bewohner bewegten sich wie in Trance.

Die beiden Bewusstlosen waren von Tonks, Lupin und Moody zurück ins Haus gebracht worden, Lupin hatte darauf bestanden, Carol auf seinen Armen zu tragen.

Sie hatten sofort Dumbledore benachrichtigt und nach einer kurzen Beratung war man sich einig, dass es nicht verantwortbar wäre, die beiden ins St.Mungos zu bringen. Wie hätte man erklären sollen wer oder was Carol war. Unabhängig davon, dass sie es selber nicht wussten und der Vorfall auf der Lichtung sie noch fremdartiger gemacht hatte.

Und wie hätte man Snapes Zustand begründen sollen? Was hätte eine plausible Erklärung dafür sein können, dass er minutenlang einem vierfachen Cruciatus-Fluch ausgesetzt war.

Also wurde beschlossen, Mme. Pomfrey aus Hogwarts herzuholen. Zur Zeit waren keine Schüler im Schloss, so dass sie durchaus abkömmlich war. Mit Winkys Unterstützung wurde einer der Räume im Erdgeschoß des Hauses in ein Krankenzimmer umgestaltet und Poppy hatte alles Benötigte mitgebracht.

Sie kümmerte sich hervorragend um die Kranken, aber leider wussten weder sie noch Dumbledore, was man tun sollte, außer ihnen Stärkungstränke und gute Wünsche zukommen zu lassen.

Nach 2 Tagen erwachte Carol von alleine, doch ihr Anblick war schrecklich. Sie konnte kaum stehen, geschweige denn alleine gehen. Ihr Gesicht war ausgemergelt, die dunklen braunen Augen trübe und leer. Die Haut schien sich zum Zerreißen gespannt über die Knochen ihres Körpers zu spannen und sie atmete keuchend, als würde jeder Atemzug ihr schwer fallen.

Tonks und Lupin waren sofort an ihrer Seite und auch Harry ließ sich nicht fortschicken. Poppy beobachtete besorgt was da vor sich ging, doch da die Gesellschaft Carol nicht zu schaden schien, ließ sie die Freunde gewähren.

Und tatsächlich, unter der liebevollen Zuneigung der drei schien sie ein wenig aufzublühen.

Kaum wirkte sie etwas gekräftigt eilte sie sofort an Snapes Bett. Sie kniete daneben nieder und legte wieder Finger und Hand an sein Gesicht. „Heilige Mutter…" murmelte sie voller Entsetzen über das, was sie dort fühlte.

Sie blieb eine ganze Weile so sitzen und nachdem sie ihre Hände von ihm gelöst hatte sagte sie: „Ich brauche Hilfe."

Sofort wollten alle etwas tun und redeten durcheinander, sie lächelte zum ersten Mal seit Tagen wieder und auch dieses Lächeln schien sie auf wundersame Weise zu beleben.

„Ich brauche Wasser", sagte sie. „Zweifach gesegnetes Wasser, das heißt, es muss einmal durch Felsen geflossen sein und dann noch durch die Erde. Jemand muss einen Bach suchen, der durch Felsen geflossen ist und dann eine Weile unterirdisch verlief, bevor er an die Oberfläche kommt."

Sie sah sich fragend um. Tonks sprang sofort auf, warf ihren Stuhl und eine Stehlampe um und rief: „Ich mache das."

„Danke" schmunzelte Carol und wandte sich wieder Snape zu.

Severus Snape spürte eine neue Welle der Kälte über sich hinwegrollen. Mit jeder neuen Welle blieb etwas mehr von dieser Kälte in ihm zurück und schien ihn Stück für Stück zu ersticken. Mit der Kälte kam Dunkelheit. Langsam kroch sie zu ihm und begann ihn einzuhüllen. Er fragte sich, ob es sinnvoll sei, sich dagegen zu wehren, ob er überhaupt eine Chance hätte sich erfolgreich zu wehren.

Unvermittelt brach die Welle aus Kälte ab und zog sich zurück, die Dunkelheit wich wieder etwas zurück und Snape fühlte plötzlich die Freiheit zu atmen. Wärme erfüllte ihn und er hatte das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein. Etwas oder jemand berührte seinen Geist und schien um Einlass zu bitten. Er stemmte sich dagegen. Niemals würde er irgendwem gestatten in seine Gedanken zu blicken. NIEMALS! Ein Bild entstand vor seinem geistigen Auge. Es zeigte eine Person, die vor einem Haus stand und von außen mit einer Person am Fenster sprach. Er begriff die Symbolik dieses Bildes, das ihm offensichtlich geschickt worden war um zu zeigen, dass der Fremde keineswegs in seine Gedanken eindringen, sondern nur mit ihm kommunizieren wollte.

Er entspannte sich, dann hörte oder vielmehr fühlte er plötzlich eine Stimme in seinem Kopf: „Ich kann die Kälte und die Finsternis nur eine kurze Weile vertreiben. Ich kann sie nicht besiegen. Sie werden immer wieder kommen, solange, bis Du sie in Dir vernichtest. Alles, was Du für diesen Kampf brauchst trägst Du in Dir und ich kann Dir ein Werkzeug geben, mit dem Du den Kampf gewinnen kannst. Aber Du alleine musst die Entscheidung fällen, den Kampf zu beginnen. Erst dann kannst Du sie loswerden und Dein Bewusstsein zurückgewinnen."

Was für ein Werkzeug ist das, das Du mir anbietest?" dachte er.

Das Wissen, wo Deine Stärke liegt." Erklang erneut die Stimme in seinem Bewusstsein.

Ich weiß sehr genau, wo meine Stärken liegen!" es war merkwürdig, diese Dinge nicht auszusprechen, sondern nur zu denken, aber allmählich gewöhnte er sich daran.

Vielleicht, aber die eine wichtige Stärke, die, die es Dir ermöglicht endlich frei zu sein, die kennst Du nicht."

Wovon redest Du" fragte er argwöhnisch.

Sanft erwiderte die Stimme „wenn Du bereit bist zu kämpfen, dann gebe ich Dir das Wissen."

Leere erfüllte seinen Geist und er wusste, er war wieder allein. Still genoss er noch ein wenig das das Gefühl dass Kälte und Finsternis nicht allzu nahe waren.

Carol löste ihre Hände von Snapes Gesicht, wandte sich von seinem Bett ab und erhob sich langsam. Lupin griff nach ihrem Arm und sie lehnte sich erschöpft einen Moment an ihn. Dann öffnete sich die Tür und Dumbledore betrat den Raum.

„Der Orden ist versammelt", sagte er ruhig, „Carol ich glaube, es ist an der Zeit, dass Sie uns ein paar Erklärungen geben." Er unterbrach sich und musterte sie „natürlich nur, wenn Sie sich gut genug dafür fühlen" fuhr er mit Besorgnis in der Stimme fort.

„Einverstanden" sagte Carol und folgte Dumbledore auf den Arm von Remus gestützt in den Versammlungsraum.

Dumbledore setzte sie mit einem freundlichen Lächeln an den großen Tisch neben seinen eigenen Stuhl und sagte einleitend: „Wir werden die Versammlung beginnen, obwohl heute nicht alle da sein können. Carol wird hoffentlich etwas Licht in die jüngsten Ereignisse bringen können und vielleicht auch etwas über Severus' Zustand berichten können. Aber bitte, geht schonend mit ihr um, wie ihr sehen könnt ist sie noch nicht wieder auf der Höhe ihrer Kraft."

Er setzte sich und nickte Carol aufmunternd zu. Sie sah schweigend in die Runde, dann begann Moody zu fragen: „Was war das für ein Zauber auf der Lichtung?"

Alle nickten, das war die dringlichste Frage, die sie alle hatten, denn nach den Berichten von Moody, Lupin und Tonks war es nichts, das irgendjemand je vorher erlebt hatte.

Carol holte tief Luft, dann sagte sie ruhig: „Das war kein Zauber im eigentlichen Sinne. Es war die Manifestation der Natur in ihrer Form als Beschützerin des Lebens."

Schweigen erfüllte den Raum. Sie fuhr fort: „Was ihr dort gesehen habt waren die Kräfte der Natur, des Lebens selber, die sich gegen die Vernichtung von Leben gewandt haben. Deshalb hat das Netz die Flüche auch nicht reflektiert, sondern absorbiert. Das Leben kann niemals etwas Lebendiges vernichten, es kann sich nur schützen. Es ist sehr schwer zu erklären, wenn man das Wissen nicht in sich selber fühlen kann."

„Wer bist Du?" wiederholte Lupin seine früher schon mal gestellte Frage.

Carol warf ihm ein warmes Lächeln zu, dann sagte sie: „Ich bin ein Werkzeug des Lebens. Nennt es eine Priesterin, ein Gefäß oder ein Werkzeug, es meint alles das gleiche."

Sie verstummte.

Verblüffte Gesichter waren um den Tisch herum zu sehen.

Kingsley beugte sich vor und sagte: „Und Du beherrscht diese Kräfte?"

„Nein, niemand beherrscht sie. Man kann sie nicht benutzen. Wenn das Leben selber bedroht wird, dann manifestieren sie sich. Sie benutzen Menschen wie mich, um ihr Ziel, den Schutz des Lebens, zu verfolgen. Beherrschen oder benutzen kann man sie nicht, aber einsetzen, wenn Kräfte sich vereinen um sich gegen das Leben zu stellen. Jedoch funktionieren diese Kräfte nur zusammen mit der Lebensenergie des Menschen, den sie benutzen. In gewisser Weise zehren sie ihn auf."

Längeres Schweigen trat ein, jeder schien über das Gehörte nachzudenken.

„Können Sie Severus heilen?" fragte Dumbledore unvermittelt.

„Nein" erwiderte sie mit unverkennbarem Kummer in der Stimme, „das kann er nur selber."

Fragend blickte Dumbledore sie an „Was ist denn das Problem mit ihm?"

„Er ist von etwas getroffen worden, das weitaus schrecklicher ist als nur die 4 Flüche, die ihn foltern sollten. Sicherlich, der Schmerz, den sie angerichtet haben war über die Maßen grausam, aber Schmerz ist heilbar und den Schmerz habe ich relativ schnell von ihm nehmen können.

Was viel gravierender ist, ist die Folge der Flüche. Sie konnte eintreten, weil es vier Leute waren, die sie ausgestoßen haben. Einer oder zwei hätte das niemals zuwege gebracht. Die Flüche waren angereichert mit einem unvorstellbaren Maß an Hass, Grausamkeit, Freude an der Qual eines anderen. Wenn diese Gefühle in dieser Stärke von so vielen Personen abgesondert und dann in einem Fluch gebündelt werden, dann manifestiert sich etwas, das ich nur als „Verneinung des Lebens" bezeichnen kann. Diese Manifestation stellt sich als grausame Kälte und abgrundtiefe Dunkelheit dar. Diese Kälte und Dunkelheit haben Severus Snape überwältigt. Ich kann es lindern, indem ich sie immer wieder für eine Zeit vertreiben, aber nur er alleine kann sie aus sich verbannen."

„Was muss er dafür tun?"

„Er muss die Entscheidung fällen, sich diesem Kampf zu stellen. Er muss die Finsternis, die sich ihm immer wieder nähert, ihn überwältigt und ihn stückweise zerstört vernichten. Diese Finsternis und die Kälte sind mehr als der Tod, aber ihre Wirkung ist genauso."

„Er wird sterben, wenn er das nicht tut?"

„Ja"

Stille breitete sich aus.

Nach einer langen Weile fragte Lupin „Was ist mit dem Rest? Wieso kannst Du heilen, Schmerzen nehmen und woher weißt Du soviel?

Carol lächelte verschmitzt und zwinkerte ihm zu „Ich habe einen Teil der Mutter Natur bekommen, den ich in mir aufnehmen konnte und den ich einsetzen kann. Nicht immer, und nicht ohne den Preis dafür zu zahlen, aber wenn Dinge sehr schwierig werden, dann bin ich in der Lage, etwas zu tun. Ich kann Emotionen erspüren in Menschen. Diese Gabe hatte ich in begrenztem Maße schon immer, nun ist sie sehr verstärkt worden. Und aus der Wahrnehmung der Gefühle ergibt sich das Verstehen der Person. Aus Verstehen entsteht die Fähigkeit zu Helfen, wenn die Not des einzelnen zu groß wird und er seine Last nicht mehr alleine tragen kann.

Das Nehmen von Schmerz gehört genauso dazu wie das Geben von Mut und Hoffnung. Es ist immer das Geben und das Nehmen, was wichtig ist."

Dumbledore sah sie eine Weile an und sagte dann „Ich denke, das reicht erstmal an Informationen, Carol. Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit.

Wenden wir uns nun dem 2. wichtigen Thema zu, das Artefakt, von dem Severus gesprochen hat. Wir sollten herausfinden, ob es wirklich existiert oder ob die Information nur der Köder für die Falle war."

Die Versammlung ging ihren Gang und am Ende verließen alle das Haus ohne das übliche gemeinsame Essen.

Carol ging noch einmal nach Snape sehen, aber er war bei Mme. Pomfrey in guten Händen und so wandte sie sich ihrem Bett im Krankenzimmer zu.

Lupin hielt sie im Gang zwischen den Betten auf, hielt sie bei den Schultern, sah in ihre Augen und sagte leise: „Danke, dass Du bei uns bist."

Sie lächelte ihn an und drehte sich zu ihrem Bett um.