Kapitel 8: Ein langer Weg….

Als sie am nächsten Morgen erwachte, war das erste das sie erblickte ein im Stuhl schlafender Lupin neben ihrem Bett. Sie lächelte dankbar bei dem Gedanken an die Fürsorge, die sich in seiner Anwesenheit ausdrückte.

Rasch schlüpfte sie aus ihrem Bett, verharrte kurz vor ihm und strich ihm mit einer fast zärtlich anmutenden Geste eine braune Haasträne aus der Stirn. Dann ging sie rasch zu Snapes Bett auf der anderen Seite des Raumes.

Er wirkte fast noch blasser als gewöhnlich, falls das überhaupt möglich war. Mme. Pomfrey träufelte gerade einige Tropfen einer wässrig-gelblichen Flüssigkeit aus einer Pipette auf seine Lippen. Die Tropfen versickerten langsam zwischen ihnen, ohne jedoch einen irgendwie sichtbaren Effekt zu zeigen. Die Krankenschwester setzte sich auf dem Stuhl neben das Bett, schraubte das Fläschchen wieder zu und betrachtete ihren Patienten nachdenklich: „Ein Erweckungstrank nach einem besonderen Rezept für schwere Fälle von Bewusstlosigkeit. Er hat ihn selber gebraut." Sie hielt inne und sah versonnen auf das kleine Fläschchen. „Ob er weiß, wie sehr er von uns gebraucht wird?" Sie seufzte und erhob sich.

Carol strich ihr sanft über den Rücken: „Er weiß zumindest, wie sehr sein Wissen und sein Können geschätzt werden." Sagte sie aufmunternd.

Poppy verließ den Raum und Carol beugte sich über den bleichen Tränkemeister, den sein eigener Trank ganz offensichtlich nicht hatte kurieren können. Sie strich mit Zeige- und Mittelfinger der linken Hand über seine Stirn und hielt an einem bestimmten Punkt inne. Langsam legte sie die rechte Hand an die Seite seines Gesichtes und schloss die Augen.

Nach einigen Augenblicken löste sie ihre Hände wieder von seinem Gesicht und schüttelte den Kopf. Sie verließ das Krankenzimmer und verschwand ins Bad.

„Warum sollten wir nicht mit einem Muggelwagen zum Haus der Familie Ancion fahren?"

„Weil wir hier nicht auffallen sollen, Arthur. Das hier ist Peru und Du bist hier nicht im Ministerium und kannst etwas wieder hinbiegen, wenn es daneben gegangen ist." Murrte Molly Weasley. „Wir sollen uns unauffällig verhalten und wie Touristen durch die Lande ziehen. Albus möchte sicher nicht, dass man uns aus einem peruanischen Gefängnis befreien muss oder noch schlimmer, dass das Ministerium uns hinterher reisen muss, um den Muggeln hier das Gedächtnis zu verändern."

Arthur sah sich fragend um. „Und wie sollen wir da nun hinkommen?"

„Wir nehmen ein Taxi, so wie man es uns vorgeschlagen hat" sagte Molly bestimmt, trat an den Straßenrand und begann mit den Armen zu wedeln.

Carol betrat die Küche, nahm sich Tee und setzte sich an den Tisch, auf dem eine dampfende Schüssel mit Haferbrei wartete. Harry saß schweigend vor seinem Teller und schien mit grimmiger Miene den Haferbrei hypnotisieren zu wollen. Sie füllte sich ihren Teller und begann zu essen.

Nach einer Weile sagte Harry ohne den Blick vom Teller zu heben: „Du versuchst ihm das Leben zu retten?"

„Ja"

„Warum?"

Sie zögerte: „Warum nicht?"

„Er ist so…" Harry unterbrach sich und versuchte Zorn und Abscheu in Worte zu fassen, „so scheußlich."

Carol dachte einen Moment über seine Worte nach und fragte dann: „und deshalb soll ich ihn sterben lassen?

Harry zuckte mit den Schultern ohne den Blick zu heben.

Sie schaute einen Moment lang auf ihren Löffel, der seit Beginn des Dialoges auf halber Höhe zwischen ihrem Teller und ihrem Mund geschwebt hatte, dann senkte sie ihn zum Teller zurück.

„Jedes Leben ist es wert gerettet zu werden, Harry. Was wären wir für Lebewesen, wenn wir versuchen wollten, den Wert eines anderen Lebens zu bemessen? Der eine ist wertvoller, der andere weniger wert?

Wer darf das entscheiden?

Wenn wir aufhören, jedes einzelne Leben zu lieben, um jedes einzelne Leben zu kämpfen, dann hören wir auf das Leben an sich zu lieben und darum zu kämpfen."

Sie nahm erneut ihren Löffel auf und begann entschlossen zu essen.

Harry sah ihr einen Moment zu, dann setzte auch er sein Frühstück fort.

Nach einer Weile fragte er: „Wirst Du es schaffen? Ihn zu retten, meine ich."

„Ich weiß es nicht. Es liegt an ihm alleine. Nur er selber kann den Kampf gegen die Dunkelheit aufnehmen."

„Wer kämpft gegen die Dunkelheit?" ertönte eine müde Stimme von der Tür herüber. Lupin trat in die Küche. Er setzte sich an den Tisch und sah Harry und Carol fragend an.

„Snape" sagte sie leise und ihr Blick wurde von Trauer getrübt. „Ich glaube, er verliert den Kampf, wenn er nicht bald bereit ist Hilfe anzunehmen. Eben konnte ich ihn nicht mehr erreichen, es hat wohl begonnen…."

„Was hat begonnen?" fragte Lupin erschreckt. Er mochte Snape nicht sonderlich gerne, im Gegenteil, aber sie verband ein merkwürdiges Band aus Abneigung und widerwilligem Respekt.

„Er versinkt in der Dunkelheit" sagte Carol schlicht. „Wenn nicht schnell starke Hilfe zu ihm durchdringt, verlieren wir ihn."

Severus Snape fühlte die Finsternis näher kommen, die Kälte hatte ihn nun fast vollständig erfasst und breitete sich schmerzhaft in seinem Körper aus. In der Ferne hatte er vor einigen Minuten die Fremde gespürt, die wieder Kontakt aufnehmen wollte, doch er hatte sie ignoriert. Warum sollte er auf eine fremde Stimme hören, die ihm Hilfe versprach? Woher sollte er wissen, dass sie kein Feind war? Er hatte in seinem Leben fast alles alleine geschafft, da würde er jetzt nicht damit anfangen, sich auf fremde zu stützen.

Die Kälte schmerzte fast unerträglich und die Finsternis schien immer verlockender zu werden.

Langsam ließ er sich fallen in die wartende Umarmung der Dunkelheit…..

Tonks stolperte durch das dichter werdende Unterholz. Irgendwo hier musste dieser verdammte Bach doch wieder ans Tageslicht kommen. Sie fluchte leise, als einige Zweige sich zum wiederholten Male in ihren Haaren verfingen und schmerzhaft daran rissen. Sie richtete sich auf und versuchte sich zu orientieren. Dies war nun die dritte Stelle, an der sie suchte. Zuerst hatte sie einen Bach gefunden, der zwar aus Felsen heraus floss, aber dann nicht mehr in der Erde verschwand. Danach fand sie einen Unterirdischen Wasserlauf, den sie bis zu den Bergen zurückverfolgen konnte, doch kurz davor konnte sie nicht sicher sagen, woher er kam. Sie wollte ganz sicher sein es richtig zu machen. Carols Anweisungen waren präzise gewesen und es schien wirklich dringend zu sein.

Ihr Fuss verfing sich in einer Wurzel und sie stürzte hart zu Boden. Unter Schmerzen erhob sie sich wieder und wäre beim ersten Schritt fast sofort wieder gestürzt, denn ihr Knöchel tat fast unerträglich weh.

„Oh nein," dachte sie „nicht auch das noch."

Sie versuchte vorsichtig aufzutreten, aber Schmerz ließ sie zusammenzucken.

Vorsichtig setzte sie sich auf den Boden und inspizierte ihren Knöchel. Er begann unaufhaltsam anzuschwellen und eine tiefrote Färbung lies auf einen heftigen Bluterguss schließen. Tonks tastete vorsichtig den Knochen ab und kam zu dem Schluss, es sei nichts gebrochen. Nicht, dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt hätte, wie man durch Tasten einen Bruch diagnostizieren konnte, aber sie hatte beschlossen, dass allzu negatives Denken in ihrer Situation nicht förderlich sein konnte.

Da sie aber wirklich nicht wusste, ob sie es nun mit einer Verstauchung, einem Bänderriss oder sonst etwas zu tun hatte und dieses Wissen ja auch nicht wirklich etwas geholfen hätte, deutete sie resigniert mit ihrem Zauberstab auf den Knöchel und sagte „Ferula".

Sofort erschien eine Schiene und Verbände wickelten sich um den verletzten Knöchel. Sie erhob sich und sah sich um. In der nähe lag ein abgerissener Ast, der ihr stabil genug erschien, um ihn als Gehstock zu verwenden.

So gerüstet versuchte sie ein paar Schritte und stellte fest, dass es leidlich ging. Nach Hause apparieren kam nicht in Frage, ihre Aufgabe hatte wirklich dringlich geklungen und sie war nicht willens, mit leeren Händen im Grimmauldplatz wieder aufzutauchen.

Langsam bewegte sie sich weiter durch die Büsche. Irgendwo hier musste dieser Bach an die Oberfläche kommen. Sie hatte keine Alternativen mehr, wo anders von vorne anzufangen mit der Suche, das würde sie mit ihrem Fuß nicht schaffen.

Sie kämpfte sich durch eine weitere, dichter werdende Mauer aus Sträuchern, als sie plötzlich ein leises Plätschern hörte. Sie schob die Büsche zur Seite und sah ein kleines Rinnsal am Boden. Ihm folgend gelangte sie schließlich zu einem Bereich des Bachbettes, aus dem sie Wasser in einen Krug schöpfen konnte. Sie füllte den Krug und verschloss ihn magisch. Als sie sich aufrichtete und den Krug in ihrem Umhang verstauen wollte starrten ihr zwei tiefblaue Augen ins Gesicht. Sie erstarrte, als sie erkannte, dass eine in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt vor ihr stand. Der Krug rutschte aus ihrer Hand und zerbrach am Boden. Das Wasser versickerte sofort wieder im Erdreich. Eine kräftige Hand griff nach ihrem Arm, hielt ihn wie einen Schraubstock umklammert und eine heisere Stimme sagte rau „Wer bist Du und was tust Du hier auf meinem Land?"