Kapitel 9: Warum muss es nur so schwer sein?
Im Haus am Grimmauldplatz ging Carol voller Sorge vor dem Bett von Severus Snape auf und ab. Kaum noch ein Lebenshauch war von ihm zu spüren und sie wusste keinen Rat mehr. Allein das zweifach gesegnete Wasser konnte noch die Hoffnung auf Heilung in sich bergen. Wenn der Mensch denn geheilt werden wollte. Nur durch seine eigene Kraft war Heilung möglich, aber sie zweifelte inzwischen stark an seinem Willen. Trotzdem, sie wollte es versuchen und mit Hilfe des Wassers könnte sie vielleicht noch einmal mit seinen Gedanken Kontakt aufnehmen, um ihm die Waffe für seinen Kampf anzubieten. Mehr konnte sie sowieso nicht tun, aber das bisschen wollte sie nicht unversucht lassen.
Das Ehepaar Weasley betrat die Wohnung von Paulina Ancion, nachdem eine halsbrecherische Taxifahrt sie zu der auf dem kleinen Zettel notierten Adresse gebracht hatte, den sie dem rasend schnell redenden Taxifahrer unter die Nase gehalten hatten. Wenigstens fiel es hier nicht auf, dass Arthur sich nicht mit dem Muggelgeld auskannte, denn als Engländer hatten sie hier sowieso einen Status, bei dem niemand erwartete, dass sie sich mit einheimischen Dingen auskennen sollten.
Der Taxifahrer hatte während der gesamten Fahrt ununterbrochen geredet und schien zu glauben, sie wollten eine Sightseeing-Tour durch Lima, denn der deutete beim Reden pausenlos auf die verschiedensten Gebäude, an denen sie vorbei fuhren.
Da er nicht nur auf Dinge außerhalb des Wagens deutete, sondern auch lebhaft mit beiden Armen gestikulierte, während er sprach, waren die beiden Weasleys völlig verängstigt, als sie endlich aus dem Wagen steigen durften.
„Bei Merlins Bart" brummte Arthur „wer solche Autofahrer hat, braucht keinen Du-weißt-schon-wen mehr, um ein ganzes Land in Angst und Schrecken zu versetzen.
Nun folgten sie Paulina in ihr Wohnzimmer und hofften, dass sie die Schriftrolle, die sie für Dumbledore heil nach England bringen sollten bald in den Händen halten würden. Dieses Land war heiß und laut und ganz und gar unenglisch, entschied Molly in Gedanken und sehnte sich in den Fuchsbau zurück.
Paulina bot ihnen Kaffee an und erzählte dann in gebrochenem Englisch, sie hätte einen Ara mit einer Nachricht von Dumbledore erhalten, die das Kommen der Weasleys ankündigte und sie bat, ihnen den Reiseführer auszuhändigen.
„Reiseführer?" fragte Molly „Ara?". Ihre Miene zeigte heillose Verwirrung.
Paulina deutete lachend auf einen großen, leuchtend roten Vogel mit beeindruckend großem Schnabel. Der Vogel schaute gelangweilt zu ihnen herüber, dann begann er vorsichtig sein Gefieder mit dem Schnabel zu putzen.
„Sie bringen uns die Post" sagte Paulina erstaunt. „Wie machen sie in England das denn?"
„Eulen" erwiderte Arthur und fügte nach einem Blick in Paulinas Unverständnis ausdrückendes Gesicht schnell hinzu „große, nachtaktive Vögel".
„Und was für ein Reiseführer?" hakte Molly nach.
„Das Tarnwort für die Schriftrolle" erklärte Paulina verschmitzt lachend. „Sie wissen doch, man könnte die Aras abfangen und deshalb lassen wir unsere Botschaften harmlos klingen"
Dann aber wurde sie ernst und erklärt den verblüfft dreinschauenden Weasleys, dass die Schriftrolle Peru verlassen habe. In dem Museum in dem Paulina arbeitete und wo sie auch die Schriftrolle entdeckt hatte wurde seit einiger Zeit eine Wanderausstellung ausgearbeitet und nachdem die langen Vorbereitungen vor einer Woche endlich zum Abschluss gekommen waren, hatten alle Ausstellungstücke das Land verlassen, um ein Jahr lang um die Welt zu reisen.
Die Schriftrolle war Teil der Ausstellung, die in den nächsten Tagen in Yucatan Station machen würde.
„Dann müssen wir nach Yucatan" sagte Molly bestimmt zu ihrem Mann, der sofort nickte.
Paulina lachte wieder und sagte: „Wenn Sie nach dem Essen abreisen wird das früh genug sein, denke ich. Wir müssen sowieso noch Vorbereitungen treffen."
„Vorbereitungen?"
„Ich muss einen Ara an eine bekannte Familie in Cancun schicken. Hier sind nur wenige Häuser und Wohnungen an das Flohnetzwerk angeschlossen und man weiß nie genau, ob jemand noch da wohnt, wo man ihn erinnert. Sie wollen nicht im Ofen von wildfremden Leuten landen, oder?"
„im OFEN ?"
„Hier reisen wir durch die Öfen und Kochstellen der Häuser. Kamine sind in Südamerika sehr selten, nur in einigen großen Herrenhäusern aus der Kolonialzeit findet man sie.
Jetzt ist erstmal wichtig, dass wir Sie heil nach Mexiko bringen, danach können Sie weitersehen.
Also… ich schicke einen Ara an Senior Cantalestra in Cancun und kündige Ihr kommen an. Hoffen wir, dass das Haus noch steht und er noch dort wohnt."
Sie ging zur Anrichte, zog Pergament, Feder und Tinte aus einer Schublade und setzte sich wieder an den Tisch. In wenigen Sekunden hatte sie einige Zeilen zu Papier gebracht, rollte das Pergament ein und wickelte einen dünnen Faden darum.
Sie machte eine Geste zu dem leuchtenden roten Vogel, der sofort auf den Tisch flog und ihr ein Bein entgegenstreckte. Rasch war die Pergamentrolle daran befestigt und Paulina sprach leise aber eindringlich auf den Vogel ein. Er hopste auf ihre Schulter, zupfte eine Haarsträhne aus ihrem Zopfband, knabberte kurz daran und flog dann durch das offene Fenster davon.
Paulina drehte sich zu den Weasleys um und sagte: „So. Nun warten wir."
Die dunkle Gestalt packte Tonks Arm noch fester und mit seiner anderen Hand griff er zielsicher in ihren Umhang. Er zog ihren Zauberstab hervor und ein triumphierendes Glitzern war in seinen Augen zu sehen.
Tonks wurde bleich. Ihr Fuß schmerzte entsetzlich, der Fremde wusste offensichtlich genau was er wollte und wie er das erreichte und am Grimmauldplatz verließ man sich auf ihre Fähigkeiten. „Na toll", dachte sie. „Verlasst Euch nur auf Tonks, sie wird es schon vermasseln."
Der Fremde sprach wieder mit dieser heiseren, rau klingenden Stimme.
„Ich hasse es, mich wiederholen zu müssen. Und es wird Dir nicht gefallen was passiert, wenn ich etwas hasse. Aber da Du mich nicht kennst, bekommst Du dieses Mal eine zweite Chance. Wer bist Du und was tust Du auf meinem Land?"
Tonks überlegte fieberhaft.
„Ich… ich bin…" stammelte sie „ich bin nur spazieren gegangen."
Ein kaltes, heiseres Lachen ertönte unter der Kapuze. Mit einem Ruck verdrehte er ihren Arm auf den Rücken. Sie strauchelte und bei dem Versuch das Gleichgewicht zu halten trat sie auf ihr ihren verletzten Fuß. Sie stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus, verstummte aber sofort wieder, als der Fremde seinen Griff daraufhin nur noch verstärkte.
Mit einem leisen Wimmern sagte sie: „Ich hab nur Wasser gesucht. Sehen Sie doch, dort liegen die Scherben meines Kruges."
Der Griff um ihren Arm lockerte sich ein wenig.
„Warum hier? Wasser gibt es überall." wollte die Stimme wissen.
„Rein zufällig… ehrlich." Sie senkte den Kopf.
Die dunkle Gestalt machte eine ruckartige Bewegung, mit seiner freien Hand packte er Tonks Kinn und zwang ihr Gesicht in eine Position, in der er ihr in die Augen sehen konnte. Seine Augen hatten ein fast hypnotisches, tiefes Dunkelblau und sein Blick bohrte sich unerbittlich in Tonks Augen. Sie wollte die Augen schließen, konnte sich aber bei allem Willen seinem Blick nicht entziehen.
„Belüge mich nie wieder und nenne das dann noch ehrlich" sagte die Stimme leise und drohend.
„Sag mir, wenn ich irgendetwas tun kann" sagte Remus Lupin, als er das Krankenzimmer betrat.
„Im Moment kann niemand hier etwas tun, lass uns einen Tee trinken."
Sie gingen in die Küche, schenkten sich Tee ein und setzten sich an den großen Tisch.
Schweigend saßen sie dort und jeder hing seinen Gedanken nach. Lupin betrachtete sie und stellte fest, dass sie sich langsam wieder erholte. Viel langsamer als nach der Vollmondnacht, aber er vermutete, dass es eine leichtere Aufgabe gewesen war, den Wolf zu bändigen als das, was auf der Lichtung passiert war.
„Darf ich Dich etwas fragen" unterbrach er die das Schweigen.
„Sicher… wenn ich es beantworten kann werde ich das gerne tun." erwiderte sie mit einem Lächeln.
„Ich habe nur Teile von dem verstanden, was Du bei der Versammlung des Ordens erzählt hast.."
„Ich kann dazu im Moment nichts mehr sagen" unterbrach sie ihn und ihr Lächeln erlosch, „es tut mir leid."
„Kein Problem" antwortete er schnell um das Unbehagen zu vertreiben.
Sie entspannte sich sichtlich wieder und nahm einen Schluck Tee.
Wieder breitete sich Stille aus.
Nach einigen Minuten sah Lupin von seiner Tasse auf, legte seine Hand auf ihren Unterarm und sagte leise „wenn Du jemanden zum Reden brauchst… oder Hilfe bei was auch immer…" er zögerte „…ich werde immer da sein und tun, was in meiner Macht steht."
Sie hob den Kopf und blickte dankbar in seine warmen Augen.
„Du tust schon so viel. Viel mehr als Du selber vielleicht ahnst." sagte sie mit einem Lächeln.
Sie legte ihre Hand auf die Seine, die immer noch auf ihrem Arm ruhte.
„Und Du wirst noch mehr tun, das weiß ich. Jetzt im Moment brauche ich nur Deine Stärke, denn alleine kann ich hier nichts mehr tun."
Er seufzte und genoss einen Moment lang die Wärme ihrer Handfläche auf seiner Haut. Mit Erstaunen bemerkte er, dass sich ihre Hand ganz anders anfühlte als damals im Keller. Dort schien ihre Handfläche kühl gewesen zu sein. Aber da mochte ihn seine Erinnerung auch trügen, immerhin hatte er ihre Hand nur wenige Sekunden wahrgenommen, bevor sein bewusstes Denken von den Instinkten des Wolfes verdrängt worden war.
Er sog noch einen Moment lang die Erinnerung an den Moment wie Luft in seine Lungen, dann zog er seine Hand weg, senkte den Blick und murmelte: „Ich bin nicht stark, erhoffe Dir da nichts von mir. Meine Hilfe kann vielleicht praktischer Natur sein, aber Stärke habe ich keine, die Dich unterstützen kann."
Carol schloss die Augen. Warum konnte denn nichts nur mal ganz einfach sein? Verzweiflung näherte sich ihr und versuchte sie zu überwältigen. Sie kämpfte das Gefühl nieder und bemühte sich ruhig zu atmen.
Die Bilanz war im Moment niederschmetternd.
Sie hatte hier einen Menschen, der voller Mitgefühl, Liebe, Mut und Verständnis steckte, der seine eigene Stärke aber nicht sehen konnte oder wollte.
Dann war da ein Mann dessen Stärke, Tapferkeit und Gradlinigkeit nur noch von seiner Sturheit und seiner Blindheit übertroffen wurden. Und der jetzt lieber starb, als Hilfe anzunehmen.
Und da war noch der Junge, dessen Seele von Schmerz und Verwirrung zerrissen wurde und der nicht wusste wohin mit all seinen Gefühlen. Und dieser Junge sollte die Macht finden, die das Böse vernichten konnte.
Langsam atmete sie aus.
In was für eine Geschichte war sie hier nur hineingeraten?
Gut. Sie wollte Schritt für Schritt vorgehen.
Erstmal war hier der Mensch neben ihr, der trotz allem, was er erlebt und überlebt hatte noch immer nicht an seine Stärke glauben konnte.
Wenn nicht er selber seine Stärke sehen konnte, wer sollte es dann tun? Sie überlegte, dann öffnete sie die Augen, griff wieder nach seiner Hand und hielt sie fest in ihren Händen.
„Wieso glaubst Du, Du hättest keine Stärke anzubieten?"
„Ich… sieh mich doch an. Ich bin ein Werwolf. Ein Wesen, bei dem die meisten Menschen sich nicht sicher sind, ob sie es mehr fürchten oder mehr verabscheuen sollen. Ich bin nicht in der Lage, mich zu kontrollieren, wenn der Vollmond mich beherrscht. Sicher, der Wolfsbanntrank hilft, aber was passiert wenn ich den nicht nehme hast Du ja selber gesehen." Er hielt inne, als er sie lächeln sah. Dann fuhr er fort:
„Na gut, Du hast es vielleicht nicht selber gesehen, aber glaube mir, ich werde eine Bestie, die ohne Skrupel einen Menschen töten kann. Ich hasse mich alleine bei dem Gedanken an das, was ich tun könnte. Verstehst Du denn nicht? Es ist nicht nur was ich einem Opfer antun könnte, da sind noch die Familie des Opfers, seine Freunde und alle, für die er in der Zukunft noch wichtig geworden wäre. In einer Zukunft, die er nun nicht mehr hat, weil es mich gibt und ich seinen Weg gekreuzt habe."
Es war, als wäre ein Damm gebrochen und die Worte strömten nur so aus ihm heraus.
„Oder was ist, wenn ich nicht töte, sondern nur verletze? Dann verurteile ich einen anderen Menschen zu dem gleichen Schicksal unter dem ich auch leide.
In beiden Fällen läuft es auf das gleiche hinaus. Ich vernichte Leben, ich zerstöre die Zukunft anderer, ich verdamme andere zum Leiden, ich bin ein Monster!"
Tränen standen in seinen Augen, als er wieder leiser sagte: „Wieso glaubst Du, es wäre Stärke in mir? In mir ist nur Tod und Verdammnis."
Er versuchte ihr seine Hand zu entziehen, doch sie hielt sie unerbittlich fest. Sanft strichen ihre Finger über seinen Handrücken, als zeichneten sie Symbole darauf.
Mit ruhiger Stimme sagte sie: „Ein schönes Monster würdest Du abgeben. Getrieben und geplagt von Mitgefühl für Opfer und Familien. Gepeinigt von Reue und Selbsthass. Nein, um ein Monster zu sein bedarf es Skrupellosigkeit und absoluter Mitleidlosigkeit.
Du hast so viel überstanden. Du hättest jedes Recht, verbittert, wütend und hasserfüllt zu sein. Das Leben war grausam zu Dir, es hat Dir Dinge gezeigt, die sollte kaum ein Mensch erfahren. Aber dass Du nicht so geworden bist, dass Du Dir Mitgefühl, Liebe und Wärme für andere Menschen bewahrt hast, das zeigt, wie viel Stärke in Dir ist.
Und nun öffne bitte endlich Deine Augen und erkenne, was Du bist.
Ein Monster steckt in jedem Menschen, aber ob der Mensch selber zum Monster wird hängt einzig davon ab, wie er mit dem Monster in sich selber umgeht. Lässt er es die Kontrolle übernehmen, oder behält er seine Menschlichkeit? Nur diese Entscheidung alleine definiert uns. Mit dieser einen Entscheidung stellen wir uns auf die eine oder die andere Seite. Wo stehst Du, Remus?
Du weißt es.
Schau in Dein Herz, Remus, nur dort kannst Du die Antwort finden. Dort findest Du einen Menschen, kein Monster. Dort findest Du Licht, keine Verdammnis.
Und nun sag mir noch einmal, dass Du mir nicht mit Stärke helfen kannst."
Sie blickte ihn herausfordernd an.
