Kapitel 11: Alte und neue Wunden
„Nicht einmal, wenn Du einen Imperius-Fluch auf mich sprichst, werde ich selbst gestrickte Socken auf Deinem blöden Basar verkaufen. NIEMALS!" schnauzte Ron Hermine an, die verblüfft über diesen Ausbruch die Augen aufriss.
„Aber ich dachte doch nur, dass eine solche Aktion die Kasse von B.Elfe.R. aufbessern könnte und außerdem noch das Interesse unserer Mitschüler auf die Problematik der Hauselfenunterdrückung lenken könnte."
„Ich lenk Dir gleich ne ganz andere Problematik " fauchte Ron wütend. „Ich mach' mich doch nicht vor allen Schülern in Hogwarts zum Affen."
Harry verdrehte die Augen über den neuerlichen Streit der Beiden, der nun schon seit einiger Zeit anhielt.
Hermine hatte immer neue Ideen, wie man B.Elfe.R. zu mehr Publizität verhelfen könnte und jede war verrückter als die vorhergehende.
Er wünschte sich fast, das Schuljahr möge anfangen, damit sie wieder von Büchern und Prüfungen abgelenkt war.
Ron sprang auf und verlies murmelnd die Küche. Hermine sah ihm nach und sagte mit zornrotem Kopf „Er ist so ein Ignorant. Ich kann es einfach nicht glauben, dass er einfach nicht einsehen will, wie wichtig das Thema ist."
Harry versuchte sie zu beschwichtigen: „Ach komm, Hermine, lass es vorerst gut sein. Wir können doch in Hogwarts erstmal sehen, ob wir nicht ein paar von den neuen Erstklässlern für B.Elfe.R rekrutieren können." Er hatte eine Sekunde lang ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken an die sowieso eingeschüchterten Kinder, die dann noch hilflos Hermines guten Absichten ausgeliefert waren. Andererseits war Hermine auch nicht schlimmer als Snape oder Malfoy, zumindest nicht sehr. Er schmunzelte bei dem Gedanken. Die Kinder würden es überleben und er hätte jetzt erstmal wieder etwas Spaß mit seinen Freunden anstelle des dauernden Streites.
Bei dem Gedanken an Snape zuckte er kurz zusammen und bekam das Gefühl, seine Ohren liefen rosa an. Tief in seinem Inneren schämte er sich, dass er seinem Lehrer keine Linderung seiner Qualen gegönnte hatte.
Er stupste Hermine an und sagte: „Komm, lass uns mal nach Tonks und Snape sehen". Hermine nickte und zusammen gingen sie zum Krankenzimmer.
Carol saß an Tonks' Bett und streichelte ihre Hand, während diese versuchte, nicht allzu grün anzulaufen von dem Trank, den Mme. Pomfrey ihr gegeben hatte.
Mit einem raschen Blick zu Snapes Bett hinüber zischte Tonks: „Ich glaube, das ist seine ureigene Art, es seinen Mitmenschen heimzuzahlen. Er hält einen Wettbewerb mit sich selber ab, welcher seiner Tränke wohl der ekeligste ist."
„"Wie geht es Dir?" fragte Hermine.
„Dem Knöchel geht's schon wieder ganz gut, aber ich werde Tage, ach was sage ich, Wochen brauchen, um mich von dem Trank zu erholen." Tonks bemühte sich, empört auszusehen, aber ihre Mundwinke zuckten verräterisch und ein kleines Lächeln erhellte ihr grünlich-blasses Gesicht.
Sie würgte etwas aufsteigende Galle wieder herunter und nahm dankbar ein Glas Wasser von der Krankenschwester an.
Dann wandte sie sich an Carol und begann ihre Geschichte zu erzählen, was in dem Wäldchen geschehen war.
Als sie zu dem seltsamen Fremden kann, hob Carol die Augenbrauen und ein leises Lächeln umspielte ihr Gesicht.
Tonks erzählte weiter, ließ jedoch wohlweislich den Namen des Fremden aus. Sie blickte aufmerksam in Carols Gesicht, um zu sehen, ob diese den Fremden erkannte.
Carols Lächeln wurde breiter, als sie sagte: "Jasper..."
Sie zögerte einen Moment, dann sagte sie stirnrunzelnd: "Was tut er in England und vor allem, wieso steckt er in einem Wald?"
Tonks starrte sie an, dann sprudelte es aus ihr heraus: "Wer ist er? Woher kennst Du ihn? Was hat er da im Wald getan und woher wusste er von Todessern, die sich da rumtreiben?"
Carol lachte "Eins nach dem Anderen", sagte sie.
"Also... ich habe Jasper auf meiner Reise getroffen. Ich kam nach Hawaii und dort lebte er bei seiner Mutter. Sie ist eine hawaiianische Priesterin, sein Vater ist Engländer. Damals kam mir vieles, was er tat merkwürdig vor, aber jetzt weiß ich, was es war. Sein Vater muss ein Zauberer gewesen sein, daher ist auch er einer. So machen viele Dinge Sinn, die ich damals zwar gesehen, aber nicht verstanden habe.
Tja, Jasper ist etwas ganz besonderes. Er hat zwei Gaben von der Natur bekommen. Die eine ist es, in jedem Menschen in seiner Umgebung Freude und Lebenslust auszulösen. Und die andere... für ihn ist Wasser das, was für mich Erde ist. Gemeinsam haben wir experimentiert, was wir erreichen können, wenn wir unsere Elemente kombinieren. Daher kommt auch das Wissen über das Wasser, das durch Felsen und Erde geflossen ist. Außerdem besitzt er die wunderbare Fähigkeit Wasser zu manipulieren. Er liebt es damit zu spielen.
Im Grunde hat er das Herz und die Seele eines Delphins. Er ist das liebenswerteste Wesen, das ich jemals getroffen habe, er liebt das Leben und jedes lebende Wesen. Niemals könnte er etwas Lebendigem ein Leid zufügen.
Selbst als er versucht hat, Dich zu bedrohen Tonks, hast Du etwas gespürt, das angenehm war, oder?"
Tonks dachte kurz an das Empfinden, das sie hatte, als sie das Meeresrauschen gehört hatte und seufzte, „Ja, das stimmt."
Carol lachte wieder „Das ist Jasper. Man kann ihn nicht beschreiben, man muss ihn erleben."
Sie grinste Tonks breit an „Außerdem sieht er beeindruckend aus, stimmt's?"
Tonks lief puterrot an „Ääähh….. na ja… doch, schon ziemlich gut". Ihr Gesicht nahm eine noch tiefere Schattierung von Rot an und Carol lachte wieder fröhlich. „Ja", sagte sie bestimmt „er ist so ziemlich das Schönste, was die Natur jemals bei der Spezies Mann zustande gebracht hat. Das Problem ist, genau das weiß er auch."
Sie umarmte Tonks, die noch immer ziemlich verlegen wirkte und gerade mehrere Fasern aus der Decke gezogen hatte, die Mme. Pomfrey fürsorglich über ihre Beine gelegt hatte.
„So geht es jedem, der Jasper trifft."
Sie drückte Tonks noch einmal fest an sich und sagte dann: „Nun schlaf ein paar Stunden, wenn Du wieder wach bist, geht es Deinem Knöchel bestimmt besser."
Tonks sah Carol noch einen Moment lang an, dann nickte sie und ließ sich zurück in die Kissen fallen.
Als Carol das Krankenzimmer verlassen wollte stieß sie in der Tür fast mit Harry und Hermine zusammen.
„Wir wollten sehen, wie es Tonks und Professor Snape geht" erklärte Hermine.
„Oh, Tonks soll gerade etwas schlafen und bei Severus Snape wissen wir leider noch nicht, was werden wird." Als sie Hermines bestürztes Gesicht sah fügte sie rasch hinzu „aber er sieht heute schon viel kräftiger aus, ich denke, er wird sich erholen."
Am nächsten Tag saß Carol gerade mit Kingsley am Küchentisch und sie unterhielten sich über die Geschichte des Ordens. Carol löcherte ihn mit Fragen und Kingsley schien milde amüsiert über ihr Interesse, erzählte aber munter abenteuerliche Geschichten.
Harry, Ron und Hermine betraten die Küche. Knisterndes Schweigen war zwischen ihnen zu spüren. Hermine warf Ron giftige Blicke zu, sagte aber nichts.
Kingsley räusperte sich und fragte dann „was ist Euch denn über die Leber gelaufen?"
Harry holte tief Luft, kam aber nicht dazu irgendetwas zu sagen, denn der Streit zwischen Ron und Hermine brandete sofort wieder auf.
In rasender Geschwindigkeit berichteten sie ihre unterschiedlichen Einstellungen zum Thema Hauselfen und was man zu deren Errettung tun müsse oder eben nicht tun müsse, wobei wütende Blicke hin und her flogen.
Hermine zog ihren finalen Trumpf aus dem Ärmel: „Carol ist sicherlich meiner Meinung, was die Versklavung von empfindungsfähigen Lebewesen an geht, oder?" Carol blickte schweigend, aber mit einer hochgezogenen Augenbraue in die Runde.
Hermine stupste Carol auffordernd an. „Es kann doch nicht richtig sein, andere Lebewesen zu versklaven. Den Hauselfen muss unverzüglich die Freiheit gegeben werden, sie müssen Lohn und Freizeit bekommen." Hermine redete sich schon wieder in Fahrt.
„Hermine, Freiheit erlangt man nicht, indem man sie geschenkt bekommt. Wirkliche Freiheit muss man sich selber erschaffen. Schau Dir Winky an, ihr wurde die Freiheit gegeben, aber in ihrem Herzen ist sie nicht frei. Dort ist sie noch immer versklavt.
Freiheit erlangt man nur, wenn man sich nach ihr sehnt und sie erkämpfen will. Um jeden Preis."
„Aber…"
„Nein, Hermine. Kein Aber. Freiheit ist eine Angelegenheit des Herzens. Es gibt Menschen, die verbringen ihr Leben in Gefangenschaft, aber in ihren Herzen sind sie keine Minute eingesperrt gewesen. Sie tragen die Freiheit in ihren Herzen mit sich herum. Und viele Menschen sind gefangen, versklavt in ihrem Leben. Egal wie frei sie vordergründig erscheinen mögen, ihre Herzen liegen in Ketten.
Wenn Du willst, dass die Hauselfen eines Tages frei sind, dann hör auf, ihnen Kleidung zu schenken, sondern tu das, was sie wirklich in die Freiheit führen kann. Entfache den Funken in ihren Herzen, der den Wunsch frei zu sein in sich trägt. Wecke die Sehnsucht nach Freiheit in ihnen, damit sie sich eines Tages erheben und diese Freiheit fordern.
Nur so werden sie wirklich frei sein können.
Und glaube mir, Hermine, das ist eine weitaus schwierigere Aufgabe, als ihnen Socken und Mützen zu schenken."
Carol lächelte Hermine an, deren Gesichtsausdruck nachdenklich geworden war.
"Es gibt da doch die Biographien einiger Freiheitskämpfer, die ich lesen könnte" murmelte sie und notierte sich ein paar Namen auf einem Zettel.
Dann strahlte sie Harry und Ron an: "Da haben wir noch einiges zu tun vor dem Schuljahrsbeginn, wir müssen Bücher aus Muggelbibliotheken raussuchen, ich glaube kaum, dass Mme. Pince die Biographien von Führern verschiedener Muggelrevolutionen hat."
Sie kritzelte eifrig weiter auf ihrem Blatt Pergament, während Harry die Augen verdrehte und Carol zuzwinkerte.
Carol betrat nachdenklich das Krankenzimmer und ging zu Snapes Bett. Er lag da, nichts deutete auf den Kampf hin, der in seinem Inneren tobte, doch Carol spürte es. Wie gerne wäre sie eingeschritten, hätte ihm ihre Lebenskraft überlassen, um ihn den Kampf gewinnen zu lassen. Aber sie wusste, dass sie so schon zu viel getan hatte, dass sie ihm schon viel mehr gegeben hatte als für ihn und sein Leben gut sein konnte.
Sie betrachtete ihn noch einen Moment, nahm dann das Tuch, das noch in der Schale neben dem Bett lag und wusch sanft sein Gesicht.
Nichts war schwerer zu ertragen, als aufgezwungene Tatenlosigkeit. Sie strich ihm noch einmal über die Stirn dann überließ sie ihn wieder dem Kampf gegen seine Dämonen.
Am Abend des gleichen Tages erwachte er. Mme. Pomfrey kam in die Küche und berichtete, er hätte die Augen geöffnet. Noch sei er nicht wirklich kontaktbar, aber es wäre immerhin ein Schritt.
Carol eilte sofort zu ihm, aber die Krankenschwester hatte Recht behalten. Nichts ließ darauf schließen, dass er sah oder hörte, was in seiner Umgebung geschah. Trotzdem sah Carol den Funken in seinen Augen und ging beruhigt wieder in die Küche.
Sie erklärte den Anwesenden, es würde noch etwas Zeit brauchen, aber Severus würde sich erholen.
Der Abend verlief in einer wunderbar gelösten Stimmung, alle schienen erleichtert, dass nach der schlimmen Situation, der sie entkommen waren keiner auf der Strecke blieb.
Sie redeten über die verschiedensten Pläne und Taktiken für den weiteren Verlauf des Krieges und plötzlich sagte Carol: „Warum fragen wir nicht Jasper, ob er mit den Wassermenschen redet? Ich bin sicher, wenn es irgendwer schaffen kann, diese Wesen endgültig und komplett auf unsere Seite zu bringen, dann ist er es."
Sie beschlossen, Dumbledore von Jasper und ihren Plänen zu berichten und alle gingen fröhlich nach Hause oder in ihre Zimmer.
Carol ging noch einmal zu Snape, um zu sehen, ob es eine Veränderung gab.
Er lag weiterhin mit geöffneten Augen und unbewegter Miene da, aber als sie sich über ihn beugte blinzelte er. Es dauerte einen Moment, bis seine Augen sie zu fokussieren schienen, dann drehte er ruckartig den Kopf.
Er betrachtete sie einen Moment lang fragend, zog langsam eine Augenbraue hoch, doch anstelle von Erkennen trat nur Leere in seinen Blick, er schloss die Augen und drehte den Kopf wieder weg.
Einige Sekunden lang geschah nichts, dann öffnete er plötzlich wieder die Augen und sah sie an. Seine Lippen bewegten sich, aber außer einem heiseren Laut drang nichts aus seiner Kehle. Carol nahm ein Glas vom Nachttisch, füllte es mit Wasser und hielt es ihm an die Lippen. Mit der anderen Hand nahm sie vorsichtig seinen Kopf und hob ihn leicht an. Ein paar Tropfen Wasser liefen über seine Lippen und er schluckte. Nach einigen weiteren Schlucken ließ sie seinen Kopf wieder auf das Kissen sinken.
Er sah sie unverwandt an und wieder bewegten sich seine Lippen: „Sie…." krächzte er. Er schluckte noch einmal, dann sagte er bedächtig: „Sie waren das, da in meinem Kopf, oder?"
Carol sah ihn ruhig an und nickte.
Snape verengte seine Augen zu Schlitzen und musterte sie weiter.
Dann nickte er kurz und schloss die Augen. Sie strich ihm mit einer fast beiläufigen Geste eine Haarsträne aus dem Gesicht, die halb über seinem Auge lag. Dann drehte sie sich um und ging zur Tür. Kurz bevor sie sie öffnete, erklang hinter ihr noch einmal Snapes Stimme leise und kalt: „Glauben Sie nur nicht, dass Sie das zu jemandem Besonderes für mich macht. Und denken Sie nicht, Sie könnten sich jetzt mir gegenüber Dinge herausnehmen."
Sie drehte sich nicht um, lächelte so dass er es nicht sehen konnte und antwortete dann ruhig: „Keine Sorge, alles bleibt, wie es ist."
Damit verließ sie das Zimmer und überließ Severus Snape dem Schlaf und sehr verwirrenden Träumen.
