bKapitel 12: Wege, die sich kreuzen sollen/b

Ernesto stand am Fenster seines Zimmers im Dienstbotenflügel des Palazzo Franconi und blickte auf die Anlegestelle des Palazzos am Rio de la Frescada.

Der Palazzo war seit vielen Generationen im Besitz der Familie Franconi, in deren Dienste Ernesto in Florida zunächst als Gärtner, später dann auch als Chauffeur und Mädchen für Alles getreten war.

Sie waren Muggel, in deren Familie es seit mehr als 200 Jahren keinen Zauberer mehr gegeben hatte. So war es Ernesto nicht schwer gefallen, seine Fäden zu weben, um ein düsteres Werk zu schaffen. Die Franconis hätten keine Ahnung gehabt, worauf sie hätten achten müssen, um ihn zu entlarven.

Sein Werk... Er drehte sich vom Fenster weg und sah in die Ecke seines Zimmers. Dort, vor neugierigen Blicken durch einen Paravant verborgen lag sein Bruder Manolo. Sein Blick war leer und inhaltslos auf einen Punkt weit hinter der Zimmerdecke gerichtet, sein Willen von einem Imperius-Fluch gebrochen.

Außerdem waren seine Arme und Beine mit silbernen glänzenden Fäden gefesselt und über seinem Mund klebte ein breiter Streifen der gleichen silbrig glänzenden Substanz.

Ernesto fand den Imperius zwar durchaus nützlich, traute ihm aber nicht als alleiniges Mittel der Unterwerfung. Es hatte immer wieder Zauberer gegeben, die sich dem Fluch erfolgreich widersetzt hatten und Ernesto wollte kein Risiko eingehen bei seinem Werk.

Sein Werk... sein Geschenk an den dunklen Lord.

Er wandte sich wieder dem Fester zu und ließ den Blick über die Dächer des Viertels gleiten. Seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit.

Er war ein Todesser geworden, als nur sehr wenige bereit gewesen waren, sich dem dunklen Lord anzuschließen, ganz zu Beginn seiner ersten Machtperiode. Damals waren Manolo und er von ihren Eltern für einen Schüleraustausch nach Durmstrang geschickt worden.

Manolo hatte ihren dortigen Lehrer für die dunklen Künste, Karkarow verabscheut, wie er auch ganz allgemein die Tatsache ablehnte, dass sie in den dunklen Künsten unterrichtet wurden. Aber er, Ernesto, hatte diesen Unterricht unglaublich aufregend gefunden und war fasziniert von den Ansichten des Lehrers.

Als ihre Zeit in Durmstrang um war und die Brüder heimfahren sollten, versprach Ernesto Karkarow mit ihm in Verbindung zu bleiben. In den folgenden Jahren hatten sie einen regen Briefkontakt im Verborgenen und Ernestos Weg zu den Gefolgsleuten Voldemorts nahm seinen Lauf.

Er rief sich zur Ordnung, der Vergangenheit nachzuhängen würde ihn bei seinem momentanen Auftrag nicht weiter bringen.

Er nahm sich die Schriftrolle, die er Manolo abgenommen hatte und fertigte geschickt eine Kopie an, deren Inhalt sich leicht von dem Original unterschied. Leicht genug, dass es echt wirkte und zumindest den ungeübten Betrachter täuschen konnte.

Ernesto lächelte zufrieden, als er die Kopie fertig gestellt hatte. Das Ehepaar, das ihm der Informant angekündigt hatte würde sowieso kaum Zeit genug haben, die Schriftrolle zu begutachten und einem flüchtigen Blick würde die Fälschung standhalten können. Der Informant hatte auch mitgeteilt, dass das britische Paar Manolo nie zu Gesicht bekommen hatte, so dass er sich problemlos für seinen Bruder würde ausgeben können. Sein Gesicht verzog sich zu einer bösartigen Fratze, "Informant" dachte er mit einem grausamen Ausdruck im Gesicht "war eine irreführende Bezeichnung, wenn man bedachte, welche verheerenden Folgen es haben konnte, sich dem Verhör eines Todessers widersetzen zu wollen."

Er prüfte noch einmal alle Vorbereitungen und nickte dann wie in Gedanken. Die Falle war vorbereitet, nun musste er nur noch warten. Es würde eine Weile dauern, bis sie zuschnappen konnte, aber Geduld war eine seiner Stärken und er wusste, dass die Anerkennung des dunklen Lords die Belohnung für seine Sorgfalt und Voraussicht sein würde.

Snapes Genesung machte nach seinem Erwachen nur sehr langsame Fortschritte. Zwar hatte er die Lebensgefahr durch die Finsternis überstanden, doch hatte die Folterung auch starke körperliche Schädigungen verursacht, deren Heilung Zeit benötigte. Er hatte weitreichende Schädigungen des Nervensystems die enorme Schmerzen bei Bewegungen verursachten und litt unter Lähmungserscheinungen, die von einer Überreizung des Rückenmarkes beim Auftreffen der Flüche entstanden war.

So konnte er nicht das Bett verlassen, da weder seine Beine ihn tragen konnten, noch die Schmerzen aushaltbar gewesen wären, die ein Versuch ausgelöst hätte.

Seine Laune wurde zusehends schlechter, denn die aufgezwungene Untätigkeit trieb ihn in den Wahnsinn und die erforderliche Geduld war nichts, das Severus Snape zu seinen herausstechenden Eigenschaften zählen würde.

Mit der ihm eigenen Verbissenheit kämpfte er den Schmerz nieder und erhöhte von Tag zu Tag seine Beweglichkeit, aber bei allen Fortschritten ging es ihm entschieden zu langsam. Es erfüllte die Luft im Haus mit seiner schlechten Laune und selbst Remus, der sonst für alles und jeden eine Entschuldigung oder Erklärung fand war am Rande seiner Geduld angelangt.

Moody, Tonks und Kingsley, die weiterhin viel Zeit im Hauptquartier verbrachten machten böse Bemerkungen und eigentlich wünschte sich jeder sehnlichst, Snape würde gesund und könnte das Haus wieder verlassen.

„Als er noch ohne Bewusstsein war hat er mir besser gefallen" murrte Tonks eines Abends beim Essen.

„Ich finde es eine Schande, wie er Carol behandelt, immerhin hat sie ihm geholfen am Leben zu bleiben, ihm also quasi das Leben gerettet." Empörte sich Moody, der ohnehin kein gutes Wort für Snape übrig hatte, Carol aber seit dem Vorfall auf der Lichtung wie einen leibhaftigen Schutzengel betrachtete.

Dumbledore erschien zusammen mit McGonagall. Er hatte die Eule mit den neuesten Entwicklungen bekommen und wollte einige Details besprechen.

"Ein sehr interessanter Vorschlag, den Sie da ihren hydrophilen Freund betreffend gemacht haben, Carol." sagte er nachdenklich. "Glauben Sie, er wäre einverstanden, mit den Wassermenschen zu reden?"

"Das werden wir nur herausfinden, wenn wir ihn fragen", erwiderte Carol und schmunzelte "aber wie ich ihn kenne, wird er es als einen Riesenspaß ansehen."

Dumbledore nickte "Dann sollte jemand ihn herholen." er zwinkerte verschmitzt zu Tonks "Merlin sei Dank haben wir ja jemanden, der weiß, wo Jasper zu finden ist und nicht zögern würde, sofort aufzubrechen"

Tonks lief puterrot an und versuchte etwas zu sagen, brachte jedoch nur ein quiekendes Geräusch hervor, das entfernt wie "Suppenlöffel" klang. Mit einer weit ausholenden Geste räumte sie mehrere Teetassen vom Tisch ab, sprang erschrocken auf, stieß ihren Stuhl um und bohrte der neben ihr sitzenden McGonagall ihren Teelöffel ins Haar.

McGonagall schnaubte leise, packte Tonks' Arm und zog sie auf ihren Stuhl zurück.

"Um Himmels Willen, Kindchen, beruhigen Sie sich wieder."

Dann wandte sie sich an Dumbledore und sagte mit gerunzelter Stirn: "Findest Du es klug, jemanden, von dem wir so gut wie nichts wissen hierher zu holen, Albus?"

"Wir sind in keiner Lage, in der wir sehr viel Wahl hätten, Minerva" sagte er mit plötzlichem Ernst, der ihn für einen Moment müde und alt aussehen ließ. "Voldemort verliert keine Zeit seine Kräfte zu sammeln und die Reihen seiner Anhänger zu verdichten. Auf die Schriftrolle wegen der ich Molly und Arthur nach Peru geschickt habe wurde ein Anschlag verübt, der sie zerstört hat. Einzig eine Kopie existiert, die sich aber mit ihrem Retter auf der Flucht befindet. Die Weasleys folgen ihm und ich hoffe sehr, dass sie zumindest an die Kopie heran kommen. Allerdings wissen wir ab jetzt nicht mehr genau, wann sie wo sein werden, da ein Kontakt zum Orden ihre Tarnung gefährden könnte. Und zu allem Überfluss haben wir Severus als Spion verloren, so dass wir nur noch ahnen können, was die Todesser planen."

Er holte tief Luft und sah McGonagall an: "Glaubst Du, wir können es uns leisten, das Risiko zu scheuen und auf einen Verbündeten wie Jasper verzichten?"

McGonagall nickte und sagte mit seltsam beherrscht klingender Stimme: "Du hast natürlich Recht, Albus." Ihre Augen allerdings schienen zu sagen: "Darüber reden wir später..."

"Dann ist es also abgemacht", sagte er vergnügt an Tonks gewandt, schrieb einige Worte auf ein Stück Pergament, reichte es Tonks und schickte sie mit einem fröhlichen Winken los. Sie nahm das Pergament und verließ das Haus wobei es erstaunlicherweise keine weiteren Unfälle gab.

"Was ist mit den Kindern?" fragte McGonagall an Lupin gerichtet.

"Sie sind zurzeit in einem der oberen Stockwerke, Hermine sagte etwas davon, sie müsse eine Rede üben, bei der ihr Harry und Ron als Testpublikum dienen sollten. Die beiden wirkten wenig begeistert, hatte ich den Eindruck." Ein amüsiertes Lächeln umspielte seine Lippen.

McGonagall nickte knapp und wandte sich an Moody und Kingsley "Ist für die Begleitung der Kinder zum Hogwarts-Express nächste Woche gesorgt?"

Moodys magisches Auge schwenkte nach oben, wo die drei Jugendlichen waren, während sein normales Auge auf McGonagall gerichtet war "Selbstverständlich" erwiderte er und ein Hauch von Empörung schwang in dem einen Wort mit, als wäre es unerhört, ihn so etwas überhaupt zu fragen.

McGonagall nickte mit einem Gesichtsausdruck, als hake sie im Geiste eine Liste ab.

An Mme. Pomfrey gerichtet sagte sie: "Poppy, Sie werden in den nächsten Tagen auch nach Hogwarts zurückkehren, haben wir schon einen Ersatz für Ihre Arbeit hier?"

Mme. Pomfrey nickte: "Augusta Jacobsen, eine Cousine von mir und ausgebildete Heilerin würde gerne aushelfen. Sie war lange Zeit in einer Gemeinschaftspraxis auf dem Lande tätig, aber ihre liberale Haltung gegenüber Halbmenschen und ihre gradlinige Art, öffentlich zu ihren Ansichten zu stehen haben ihr mehr als nur leichten Ärger eingebracht, so dass sie seit einigen Monaten arbeitslos ist.

Ich habe mit ihr gesprochen und ein paar Andeutungen gemacht und aus ihrer Reaktion habe ich entnommen, dass sie gerne helfen würde."

„Sehr gut. Schicken Sie ihr bitte eine Eule und schildern Sie ihr, was hier auf sie zukommt."

Ein Geräusch an der Tür ließ sie alle ihre Köpfe drehen. Da standen Tonks und ein Mann, der Jasper sein musste. Er sah atemberaubend aus. Sein glänzendes, schulterlanges schwarzes Haar hing leger halb über sein Gesicht, darunter funkelten erstaunlich blaue Augen hervor, aus denen Funken des Vergnügens zu sprühen schienen. Sein ganzes Gesicht, von überirdischer Schönheit und Ebenmäßigkeit war erfüllt von einem Ausdruck des Entzückens und der Freude. Sein muskulöser Körper wirkte entspannt und seine Bewegungen schienen eine Art elegante Leichtigkeit auszustrahlen, die man eigentlich nur von Lebewesen im Wasser kannte.

Er blickte sich im Raum um, sah Carol und sprang auf sie zu. Er packte sie, riss sie hoch und wirbelte sie herum. Dann setzte er sie ab, drückte sie fest an sich und lachte glücklich. Nach einigen Augenblicken lockerte er seinen Griff und hielt sie auf Armlänge von sich.

„Meine Güte, Engelchen, Du siehst schrecklich aus" sagte er mit strahlendem Gesicht. „Das kriegen wir schon wieder hin", fügte er hinzu, als er ihren Gesichtsausdruck sah.

Er drückte sie wieder an sich, dann sah er sich in der Runde um.

Etwas Merkwürdiges ging von ihm aus. Wellen der Freude, der Lebenslust und der Zuversicht schienen sich sternförmig von seinem Körper auszubreiten und jeder am Tisch, dem er ein Weilchen in die Augen sah empfand einen Moment leichtherziger Freude. Selbst McGonagalls Gesicht wirkte entspannter und ein leichtes Lächeln umspielte ihren sonst so strengen Mund.

Jasper ließ seinen Blick weiter schweifen und verharrte bei Moody. Er grinste fröhlich und sagte: „Aye, ich würde mir auch nicht trauen, wenn ich mich nicht schon so lange kennen würde." Er lachte laut über Moodys verdutztes Gesicht. Es war kein hämisches oder schadenfrohes Lachen, es klang pure Freude daraus hervor, so dass Moody bei allem Misstrauen selber grinsen musste.

„Keine Angst" sagte Jasper „ich bin kein richtiger Telepath, aber wenn ihr alle so laut denkt, was soll ich da tun?"

Unaufgefordert setzte er sich neben Tonks an den Tisch, blickte in die Runde und fragte: „Und? Was soll ich tun?" Er stupste Tonks in die Rippen „Diese bezaubernde Person hat mir nicht soviel erzählt. Sie wirkte etwas derangiert." Er lachte und küsste sie auf die Wange, wobei sie aussah, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie ihn an sich reißen oder direkt in Ohnmacht fallen solle.

Mit einem belustigten Schmunzeln erklärte Dumbledore ihm die Situation und Carols Vorschlag, er könne mit den Wassermenschen sprechen, um sie auf die Seite des Ordens zu bringen.

„Hm", sagte Jasper nachdenklich „Wassermenschen. Schwierige Leute, sehr dickköpfig und sehr eigen, was ihre Traditionen und Vorstellungen von Ehre angeht. Ich kannte einen Stamm, der bei mir zuhause auf meinem Lieblingsriff lebte. Eigentlich waren sie ganz annehmbar, aber wie gesagt sehr schwierig im Umgang.

Aber ich versuche gerne, mit ihnen zu reden, ich denke, mein Charme wird sie überzeugen." Beim letzten Satz überzog ein übermütiges Lächeln sein Gesicht.

Er drehte sich zu Carol um „Hast Du schon mal daran gedacht, mit den Geschöpfen des Waldes zu sprechen? So weit ich das verstanden habe ist der Plan, dass die Wassermenschen das Schloss von der Wasserseite aus sichern sollen, da wäre es doch klug, wenn die Wesen des Waldes das Gleiche von der anderen Seite aus tun würden, oder?"

Alle starrten ihn an.

„Das wäre in der Tat eine gute Idee." erwiderte Dumbledore nachdenklich „allerdings haben wir seit letztem Jahr ein Problem mit den Zentauren." Er seufzte.

„Zentauren?" fragte Jasper erstaunt „das wäre doch nun wirklich ein Fall für Carol. Niemand ist dem Wald verbundener als Zentauren."

Carol sah ihn an und nickte dann „Ja, ich würde gerne mit den Zentauren reden."

„Fein" rief Jasper „dann wäre das also abgemacht."

Er strahlte über das ganze Gesicht.

„Nun möchte ich mehr über Euch hören und über Eure Abenteuer. Ich hätte nie geglaubt, dass es in solcher Nähe zu meiner Hütte Leute gibt, die so viel Spaß haben."

Er sah sich suchend um „Wo ist eigentlich der Mensch für den das zweifach gesegnete Wasser war? Hat es ihm geholfen? Carol, hast Du mal wieder versucht, einen Weg zu finden, eine dritte Segnung hinzuzufügen?"

Fragen schienen aus Jasper hervorzusprudeln als er versuchte, alles gleichzeitig zu erfassen.

Alle schauten ihn völlig fasziniert an, nur Carol, die ihn gut genug zu kennen schien, lächelte ihn an und erwiderte ruhig: „Der Mann, für den das Wasser war, hat den Kampf gegen die Finsternis gewonnen." Jasper sah sie an und wirkte ehrlich erleichtert. „Das freut mich, Liebes."

„Er ist noch nicht wieder gesund, aber den Teil der Genesung, bei dem wir ihm helfen konnten, den hat er überstanden." Fuhr sie fort. „Und nein, ich hatte bei all den Ereignissen in letzter Zeit keine Möglichkeit zu weiteren Forschungen." Sie lächelte Jasper an und schwieg.

Es wurde noch eine Weile geredet, aber Carol und Jasper setzten sich nach kurzer Zeit etwas abseits hin und sprachen noch lange.

Als die Versammlung sich auflöste wurde vorgeschlagen, Jasper solle auch im Haus bleiben, doch er hatte eine enorme Abneigung gegen gemauerte Gebäude und wollte lieber wieder in seine Hütte zurück. Er versprach am nächsten Abend wieder zu kommen.

Bevor er ging knuffte er Lupin in die Seite und flüsterte ihm mit einem freundlichen Grinsen zu: „Wir müssen mal reden, Mann. Morgen oder so."

Lupin sah ihn erstaunt an und runzelte die Stirn. Aber auch er konnte sich dem fröhlichen Gesichtsausdruck Jaspers nicht entziehen und nickte dann lächelnd.