Kapitel 14: Wer kennt die Wege, die vor uns liegen…
Nachdem der rasende Conquistadore sie an der Grenze zwischen Mexiko und den USA abgesetzt hatte, waren die Weasleys über eine sehr komplizierte Route durch das Flohnetzwerk der Vereinigten Staaten geschleust worden. Es war nach den Ereignissen in Cancun allen Beteiligten ausgesprochen wichtig, dafür zu sorgen, dass keiner den Weasleys folgen konnte. Der nordamerikanische „Order of Liberty", eine Gruppe, die dem Phoenixorden verblüffend ähnlich war, hatte die gesamte Reise geplant und auch dafür gesorgt, dass das britische Ehepaar nur mit Mitgliedern dieses Ordens in Kontakt kam. Mitglieder des „Order of Liberty" hatten den Weasleys erzählt, dass ihre Organisation wie auch der Phoenixorden sehr alt sei und immer dann wieder zum Leben erweckt werde, wenn Gefahr drohe. Führende Mitglieder des Ordens seien mit anderen Organisationen auf der ganzen Welt in Kontakt, allerdings laufe das auf allergeheimster Ebene ab.
So durchquerten die Weasleys das Land auf einem verwirrenden Zickzackkurs, an dessen Ende klar war, dass sie nicht verfolgt wurden. Beruhigt lehnten sich alle zurück, zufrieden, dass sie gute Arbeit geleistet hatten.
Getarnt als Muggel verließen Molly und Arthur das Land mit einem Muggelflugzeug, dass sie über Rom nach Venedig bringen sollte.
Arthurs Begeisterung für dieses fliegende Muggelgefährt, das tatsächlich ohne Zauber flog kannte keine Grenzen. Erst als er nur um Haaresbreite einer Verhaftung entgehen konnte, weil er immer wieder versuchte, das Cockpit zu betreten, kam er zur Ruhe und blieb den Rest des Fluges neben Molly sitzen, die von dieser Art des Reisens alles andere als begeistert war. Sie sagte, zwar, sie habe keine Angst, aber trotzdem hielten ihre Hände den Griff ihrer Handtasche fest umklammert.
Als das Bordpersonal die Sicherheits- und Rettungsmaßnahmen erklärte wurde sie kreidebleich und murmelte: „Arthur, ich will nie wieder mit einem Muggelfahrzeug fahren, das nicht am Boden bleibt!"
Ihr Mann tätschelte tröstend ihre Hand und wandte sich dann wieder den Erklärungen der Stewardess zu, wobei der versuchte, die Funktionsweise der Schwimmweste zu verstehen.
Nach einer langen Reise kamen sie in Venedig an, nachdem sie noch eine ziemliche Strecke im Bus zurücklegen mussten.
Sie beschlossen ohne Umwege sofort zum Palazzo Franconi zu fahren, um mit Manolo Kontakt aufzunehmen. Arthur zeigte auf einen Anleger, an dem unzählige Gondeln lagen und sagte zu Molly: „Da, lass uns eine von denen nehmen."
Sie gingen auf die vorderste Gondel zu, doch in dem Moment schoss eine der hinteren Gondeln nach vorne und stoppte genau vor Arthur.
„Eine romantische Fahrt für ein verliebtes Paar?" pries der Gondoliere sich in rasender Geschwindigkeit in drei verschiedenen Sprachen an und zog Arthur fast ein wenig zu forsch in sein Gefährt. Gemeinsam nahmen sie Mollys Hände und halfen auch ihr in die Gondel.
Sie setzten sich und der Gondoliere steuerte seine Gondel unter den wütenden Beschimpfungen seiner Kollegen hinaus auf den Canale.
Arthur zupfte ihn am Ärmel und zeigte ihm den Zettel mit der Adresse.
„Ah, si si… Il Palazzo Franconi… bene… kein Problem, Signore. Wünschen Sie eine kleine Rundfahrt durch die Stadt der Liebe?" Er sprach mit starkem Akzent, aber durchaus verständlich. Ehe Arthur etwas sagen konnte sagte Molly „Nein, bitte bringen Sie uns direkt zu der Adresse, aber auf der Rückfahrt würde ich gerne einige Sehenswürdigkeiten sehen."
„Si Signora, gerne."
Sie fuhren den Canale Grande herunter und bogen nach einiger Zeit in den Rio de la Frescada. Nach wenigen Minuten hielt die Gondel an einem beeindruckenden Gebäude.
„Il Palazzo Franconi" sagte der Gondoliere schlicht.
Die Tür hinter dem Anleger öffnete sich und ein dunkelhaariger Mann trat heraus. Er winkte der Gondel und ihren Insassen zu und trat an den Anleger. In seiner Hand hielt er ein aufgerolltes, sehr alt aussehendes Pergament.
Molly und Arthur erhoben sich um ihn zu begrüßen. Er trat mit einem freundlichen Lächeln auf sie zu und sagte: „Willkommen in Venedig", griff in seinen Umhang, zog einen Zauberstab heraus und richtete ihn auf Arthur. Ehe dieser reagieren konnte, hatte der Gondoliere auch einen Zauberstab gezückt und auf Molly gerichtet. Fast synchron schossen zwei rote Blitze aus den Spitzen und die Weasleys brachen ohne einen Laut zusammen. Sie fielen zurück in die Gondel und der Gondoliere zog mit einer fließenden Bewegung eine Plane über die beiden leblosen Körper. Ernesto griff erneut in seinen Umhang und zog ein Paket hervor. Er reichte es dem falschen Gondoliere und sagte: „Gib das zusammen mit dem Abschaum da an unseren Kontaktmann und versichere Dich, dass es mit ihnen zusammen nach England transportiert wird."
Der Italiener nickte, wendete die Gondel und steuerte sie zurück zum Canale Grande. Mit einem bösen lächeln im Gesicht beschloss er, unter der Seufzerbrücke hindurch zu fahren. So würde das dumme englische Paar doch noch seine Sightseeing-Tour bekommen, wenn auch anders als sie es gedacht hatten. Es tat ihm leid, dass sie lebend nach England gebracht werden sollten, er hätte gerne etwas Spaß mit ihnen gehabt.
Während sich die Gondel die Canales hinunter bewegte schrie ein norwegisches Liebespaar in einem anderen Stadtviertel gellend auf, als eine schrecklich zugerichtete männliche Leiche in der klassischen Gondoliere-Kleidung im Wasser treibend mit einem dumpfen Geräusch gegen ihr Boot prallte.
Einige Tage nach dem letzten Treffen erschien Mad Eye Moody mit einigen anderen Mitgliedern des Ordens und begann den Weg der Kinder nach Kings Cross für den übernächsten Tag zu planen.
Carol war in den letzten Tagen oft mit Jasper im Wald bei seiner Hütte gewesen. Der Boden hier hatte einige Besonderheiten, die ihr wichtig waren und Jasper hatte gedrängt, dass sie sich das genauer ansehen solle. Eine merkwürdige Kraft durchzog die Erde hier wie eine Ader und Carol fand enorme Energie, die sie nutzte, um ihre eigenen Kräfte wieder aufzufüllen.
Nun stand sie wieder einmal in der Tür zum Krankenzimmer und fand Snape vor, der vor seinem Bett stand. Sehr wackelig, aber er stand aus eigener Kraft. Es war ihm anzusehen, welche ungeheure Anstrengung das für ihn war und ganz offensichtlich reichte ihm das noch nicht, denn er versuchte einen Schritt zu machen. Er schwankte und hatte Mühe sein Gleichgewicht zu halten.
Carol trat auf ihn zu und hielt ihm schweigend ihren Arm hin. Er ignorierte sie, zeigte mit keiner Geste, dass er sie überhaupt wahrnahm.
Carol blieb einfach unbeweglich stehen, den angebotenen Arm vor seinem Körper.
„Glauben Sie mir", sagte sie ruhig, ohne ihn anzusehen in den Raum hinein, „Sie verlieren meinen Respekt nicht, nur weil Sie sich einmal auf meinen Arm stützen. Darum geht es doch die ganze Zeit, nicht wahr? Respekt. Sie haben ihn, Sie hatten ihn immer, also hören Sie endlich auf, darum zu kämpfen."
Er sah hoch und blickte in ihre Augen, dann nickte er. Langsam hob er den Arm, legte seine Hand auf ihren Unterarm und deutete mit dem Kopf auf einen Tisch in der Ecke des Raumes. Auf dem Tisch standen jede Menge Glasflaschen, Phiolen, Töpfchen und ein großer Kessel.
Schwer auf sie gestützt machte er seinen ersten Schritt. Langsam und taumelnd durchquerten sie den Raum bis zu dem Tisch. Snape setzte sich an den Tisch und sagte leise: „In etwa zwei Stunden werde ich soweit sein. Wenn Sie dann vielleicht wieder hier sein könnten…"
„Sicher, kein Problem. Viel Erfolg bei was auch immer das da werden soll" erwiderte Carol mit leicht angewidertem Blick auf die auf dem Tisch ausgebreiteten Ingredienzien.
„Eine besonderes Säure-Elixier" entgegnete Snape ruhig und machte sich ohne sie noch weiter zu Kenntnis zu nehmen an die Arbeit.
Carol betrat die Küche, in der die Ordensmitglieder am Tisch saßen und sich aufgeregt unterhielten. Sie ging zum Herd, nahm sich eine Tasse Tee und setzte sich zwischen Jasper und Remus an den Tisch.
„Das ist ein Himmelfahrtskommando, das kann keiner machen", sagte Moody gerade laut „ich werde nicht erlauben, dass da einer alleine hingeht." Er klang aufgebracht.
Kingsley sagte mit ruhiger Stimme: „Das können wir auch ein anderes Mal entscheiden, Alastor. Wichtig ist jetzt nur, dass wir wissen, wo das Artefakt ist und was zu tun ist. Jetzt müssen wir erstmal alle Informationen zusammentragen und dann können wir entscheiden, was zu tun ist."
Langsam löste das Treffen sich auf und als alle gegangen waren blieben Lupin und Carol alleine in der Küche zurück.
Er lehnte an der Wand neben der Tür und musterte sie.
Etwas wie ein deja vu durchzuckte sie, als sie ihn dort so stehen sah. Auf eine so charmante Weise ungelenk, dass sie unwillkürlich lächeln musste.
Er fragte direkt: „Wie geht es Dir?"
„Es geht mir gut, sehr gut" erwiderte sie mit einem strahlenden Lächeln in seine Richtung. „Die letzten Tage haben mit gut getan."
„Jasper tut Dir gut" sagte er mit einem Hauch Kummer in der der Stimme. Er wollte es nicht und es war unfair ihr gegenüber, aber dennoch versetzte es ihm einen Stich daran zu denken, wie sie strahlte und aufblühte, wenn sie mit Jasper lachte.
„Nein, nicht Jasper. Aber das, was Jasper verkörpert, das tut mir gut."
Er sah sie an, dachte an sein Versprechen und wusste nicht, was er tun konnte, um es zu halten.
Er trat einen Schritt auf sie zu, streckte seine Hand nach ihr aus. Vorsichtig, als könne sie sich in Rauch auflösen berührte er ihr Gesicht. Sie ließ ihn gewähren, hob ihrerseits die Hand und strich durch sein Haar. Wie in einer Zeitblase gefangen standen sie dort in der Küche während das schwindende Abendlicht gespenstische Schatten auf ihre Gestalten warf.
Schließlich streichelte sie mit zwei Fingern sanft über seine Wange, verharrte einen Moment und ihr Daumen strich wie gedankenverloren über seine Lippen, dann löste sie ihre Hand von ihm.
Sanft, fast hypnotisch sagte sie: „Nein, Remus. Wir haben Zeit, alles liegt noch vor uns. Es wird alles gut werden und dann haben wir alle Zeit, die wir brauchen. Alles wird sich zum Guten wenden."
Er nickte wortlos und verließ die Küche.
Carol drehte sich zum Fenster und sah in die zunehmende Dunkelheit hinaus.
Sie hatte Remus belogen. Nichts würde gut werden. Im Gegenteil, alles würde noch viel schlimmer werden, als sie es befürchtet hatte. Das Auftauchen des Artefaktes war eine Katastrophe. Nichts würde gut werden.
Ihre Gedanken schweiften zu Remus. Wenn sie ihn nur beschützen könnte vor dem, was noch kam. Wenn sie ihm nur geben könnte, wonach er so sehr hungerte.
Ihr Blick verlor sich im Dunklen. Schon längst war das letzte Licht in den Schatten versickert und ihre Augen fanden nichts zum Fokussieren.
Plötzlich hörte sie hinter sich in der dunklen Küche ein Rascheln.
Sie drehte sich um und sah eine hagere Gestalt im Schlafanzug in der Tür stehen, matt beleuchtet von einer entfernten Lichtquelle in der Halle.
„Harry. Kannst Du auch nicht schlafen?"
„Nein, ich weiß auch nicht was los ist. Da dachte ich, ich schaue mal..." Er verstummte.
Carol lächelte: „Ja, dann schaun wir doch gemeinsam mal."
Sie griff hinter sich auf ein Regal, holte eine Dose herunter und öffnete sie.
„Ah, Schokoladenkekse. Genau das, was wir brauchen. Hm... lass mich überlegen. Wir brauchen Schokoladenkekse und Milch und ein ruhiges Eckchen."
Sie griff nach einem Krug, nahm zwei Gläser aus einem Schrank und schenkte sie mit Milch voll.
Dann stellte sie alles auf den Tisch und zog zwei Stühle an das eine Ende des Tisches.
„Setz Dich, es kostet nichts extra" sagte sie mit einem Grinsen.
Harry setzte sich, griff nach einem Keks und begann daran zu knabbern.
„Etwas beunruhigt Dich, Harry."
„Nein... Ja... Äähh... Eigentlich... Ach verdammt!" platzte es aus ihm heraus.
„Warum ich? Warum nicht irgendwer? Warum muss ich es sein, der diese verfluchte Narbe tragen muss? Warum muss ich es sein, der nur zwei Möglichkeiten zur Auswahl hat und eine ist schrecklicher als die andere? WARUM ?"
Er schrie die letzten Worte heraus, als wären sie Gift.
Carol sah ihn nachdenklich an.
„Du meinst die Prophezeiung, von der sie mir erzählt haben, oder?"
Harry nickte, immer noch voller Zorn und Verzweiflung.
„Du glaubst, dass Du zu den Verdammten gehörst, weil die Wahl die Du hast keine wirkliche Wahl ist."
„Zu den Verdammten? Ja, das klingt passend." sagte er mit Zynismus in der Stimme.
Carol nahm einen großen Schluck Milch und griff nach einem weiteren Schokoladenkeks.
„Es ist möglich, die Prophezeiung zu erfüllen, ohne zu sterben oder zum Mörder zu werden, Harry."
Er starrte sie verdutzt an, als hätte sie ihm soeben erklärt, sie wäre eine Außerirdische.
„Es gibt immer noch Optionen, an die keiner denkt, Harry. Das ist das grundlegende Prinzip des Lebens."
„Wie kann das gehen?"
„Um das zu verstehen musst Du zunächst begreifen, was Dein Gegner ist. Du musst verstehen, warum er Dich nicht töten konnte, als Du ein Baby warst. Und Du musst wissen, was die Macht ist, die Du hast, die Voldemort nicht kennt und die ihn vernichten kann. Die Macht, die er zugleich fürchtet und herbeisehnt."
„Ich weiß" sagte Harry „die Macht der Liebe. Es war die Liebe meiner Mutter, die mich geschützt hat damals."
„Nein"
„NEIN?"
„Nein. Dumbledore irrt in dem Punkt. Ein verständlicher Irrtum durchaus, denn die Macht der Liebe ist sehr ähnlich und auch sehr mächtig. Aber es gibt eine Kraft, die noch stärker ist, noch elementarer.
Als Deine Mutter sich damals opferte für Dich, da tat sie das sicherlich aus Liebe. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind ist unglaublich stark. Aber was zählte war die Hingabe des Lebens. Das wertvollste Gut, das es gibt ist das Leben. Wer es freiwillig hergibt setzt damit eine ungeheure Kraft frei. Diese Kraft war es, die Dich umhüllte und schützte. Die Kraft zu Leben ist die mächtigste Waffe in Kampf gegen die Finsternis."
„Aber wie kann ich überleben, ohne zum Mörder zu werden?"
„Eines nach dem anderen" sie lächelte.
„Du muss begreifen, was dein Feind ist, Harry. Warum hat der reflektierte Todesfluch Voldemort nicht getötet, damals?"
Harry blickte sie fragend an.
„Er konnte ihn nicht töten, weil er schon damals kaum noch lebte. Er hat sich endlose Jahre dunkler Magie hingegeben, hat immer danach gestrebt, Unsterblichkeit zu finden. Er hat nicht gemerkt, dass er sich schon damals einen Schritt zu weit vom Leben entfernt hatte. Nach dem Ereignis, das ihn seines Körpers beraubt hat, hat er sich mit unvorstellbarer Zähigkeit an seine merkwürdige Form der Halb-Existenz geklammert. Nicht willens aufzugeben, nicht willens zu akzeptieren, dass er nicht mehr lebte. Diese jahrelange Halb-Existenz hat ihn endgültig von der Natur entfernt, hat ihn zu einem künstlichen Etwas gemacht, in dem kein Funken Leben mehr steckt. Er ist etwas komplett Widernatürliches, eine pervertierte Form des Seins. Deshalb ist es das Leben, das Du hast, das er aber nicht hat. Das ist die Macht die er fürchtet, die einzige Macht die ihn zerstören kann.
Wenn Du dieses Wesen vernichtest, vernichtest Du kein Leben. Du wirst nicht zum Mörder. Du kannst die Prophezeiung erfüllen ohne zu sterben oder zum Mörder zu werden."
Harry starrte sie an. Sein Mund war leicht geöffnet und sein ganzer Ausdruck war voller Ungläubigkeit.
„Aber wie... woher... ich meine, wie kann ich mit der Macht des Lebens umgehen?"
„Dafür bin ich hier, Harry. Ich werde da sein und sie Dir zugänglich machen. Das ist meine Aufgabe."
