Kapitel 15: Beängstigende Vorahnungen…
Zwei Tage nach dem Gespräch mit Harry wurden die 3 Jugendlichen unter dem strengen Regime von Mad-Eye zum Bahnhof geleitet, von wo aus sie den Hogwarts-Express nehmen würden, der sie für den Beginn ihres 6. Schuljahres wieder in das Schloss bringen würde.
Hermine hatte einen unglaublichen Stapel Bücher in einer großen Tasche bei sich, die sie beim letzten gemeinsamen Frühstück in der großen Küche noch einmal sortierte. Titel wie „Der Aufstand der Massen – eine Anleitung in 198 einfachen Schritten", „Revolutionen leicht gemacht", „Sie wollen Aufruhr stiften? Kein Problem mit der Brigitte-Psychologie" und „Freiheit für Dummies" stapelten sich zu einem schwankenden Turm. Ganz oben thronte ein dicker Wälzer „Reden schreiben für Barrikaden-Redner – Legen sie sich auch ihre letzten Worte bereit, man weiß ja nie, wann man sie braucht und dann sollten sie im Gedächtnis der Massen bleiben". Hermine hatte allen schon mehrfach mit ernstem Gesicht erklärt, das wären nur die Muggelbücher, die sie nach Hogwarts mitnehmen wolle, sie hoffe doch sehr, in der dortigen Bibliothek ausreichend Material über die Koboldaufstände und andere interessante geschichtliche Begebenheiten der Zaubererwelt zu finden.
Das Frühstück verlief ruhig. Obwohl Harry, Ron und Hermine sich eigentlich auf das neue Schuljahr freuten war die Stimmung ein wenig gedrückt, weil der Kontakt zu Rons Eltern nun schon deutlich zu lange angerissen war. Zwar betonte Kingsley immer wieder, es bestünde kein Grund zur Sorge, der fehlende Kontakt sei lediglich eine Sicherheitsmaßnahem, aber die Sorge, die man in seinen Augen sah vermochte er nicht zu verbergen. Ron war die Sorge besonders deutlich anzumerken, obwohl er versuchte, sie mit Scherzen zu überdecken. Aber sein Lachen war immer ein wenig zu schrill, seine Scherze einen Hauch zu schnell und seine Augen wirkten seit einigen Tagen müder als sonst.
„Jasper und ich werden in den nächsten Tagen auch nach Hogwarts kommen", sagte Carol zu den Dreien. „Wir werden einige Tage dort in den Gästequartieren bleiben und sehen, was wir mit den noch unentschlossenen Geschöpfen anfangen können."
„Wenn es um die Wassermenschen geht, dann sollte Jasper aufpassen" warf Harry ein. „Ich habe erlebt, wie die sein können, das ist eine schwierige Aufgabe, die er sich da vorgenommen hat."
Carol schmunzelte „Schwierige Aufgeben sind Jaspers Spezialität. Ich bin sicher, er wird damit fertig."
„Wo steckt er eigentlich" fragte Moody, der gerade angekommen war, um die letzten Sicherheitsvorkehrungen für den Weg zu treffen.
„Ich weiß es nicht" erwiderte Carol, „er hat nur gesagt, er müsse ein paar Dinge erledigen." „Manchmal ist er ein wenig undurchsichtig" fügte sie seufzend hinzu, als sie die fragenden Blicke der anderen bemerkte.
Nach dem Frühstück gab es eine lange Verabschiedung in der Halle und die Schüler mit ihrem Geleitschutz verließen das Haus.
Carol blieb zurück und empfand die plötzliche Leere in der Halle als fast körperlich spürbar. Sie warf einen letzten Blick auf die Haustür, durch die sich eben noch der schnatternde und lachende Haufen unter Moodys Disziplinierungsrufen bewegt hatte und schritt auf das Krankenzimmer zu.
Mme. Pomfrey war schon gestern nach Hogwarts abgereist, nachdem ihre Cousine Augusta Jacobsen eingetroffen war und von ihr eine Übergabe des Krankenzimmers erhalten hatte.
Augusta war eine kleine, rundliche Person, deren Auftreten resolute Kompetenz ausstrahlte. Ihre mütterlich-warme Art mit Patienten umzugehen hatte zwar bei Severus Snape nicht sofort den gewünschten Erfolg, aber sie sah nicht so aus, als wolle sie ihn als ihren ersten Misserfolg verbuchen oder gar aufgeben.
Seine Genesung machte gute Fortschritte und inzwischen bewegte er sich zwar langsam, aber ohne fremde Hilfe einige Meter im Krankenzimmer. Seine linke Seite zeigte noch immer eine deutliche motorische Schwäche, aber sein unbeugsamer Wille und seine eiserne Disziplin ließen keinen daran zweifeln, dass er auch diese Einschränkung überwinden würde.
Natürlich reichten seine Kräfte bei weitem noch nicht aus, um seine Lehrtätigkeit in Hogwarts wieder aufzunehmen und er selber hätte niemals zugelassen, dass Schüler ihn in seinem Zustand sehen konnten.
Dumbledore hatte ihn beruhigt und ihm erklärt, er würde einen temporären Ersatz besorgen und Severus möge sich bitte alle benötigte Zeit nehmen, um wieder ganz der Alte zu werden.
Und so arbeitete er täglich mehrere Stunden mit Erholungspausen an seinem Tisch in der Ecke des Krankenzimmers und braute Tränke. Augusta war begeistert über die Vielzahl der Heil- und Stärkungstränke, die er herstellte und füllte die Vorratsschränke des Krankenzimmers.
Carol verbrachte immer wieder einige Stunden bei ihm. Teils schwiegen sie, teils sprachen sie, aber immer mehr schien sich eine Aura des Friedens und der Akzeptanz um die beiden so ungleichen Menschen zu legen.
An diesem Vormittag setzte sie sich zu ihm an den Arbeitstisch und beobachtete ihn stumm bei der Arbeit. Nach einer Weile füllte er ein Fläschchen ab, verkorkte es sorgfältig und reichte es ihr.
„Würden Sie das bitte Lupin geben, Miss Featherton? Es ist sein Wolfsbanntrank."
Sie nahm das Fläschchen vorsichtig in die Hand und nickte. „Danke".
Nach einem Augenblick sagte sie schlicht: „Carol."
„Wie bitte?"
„Nennen Sie mich bitte Carol. Ich denke, nach dem was wir gemeinsam erlebt haben ist das angemessen."
Er schwieg eine Weile, dann neigte er leicht den Kopf: „Ja, das scheint mir akzeptabel". Er erhob sich steif und reichte ihr auf seltsam altmodisch-förmlich anmutende Art die Hand: „Severus."
Sie ergriff seine Hand und nickte ihm mit würdevollem Gesichtsausdruck zu.
Freundliches Schweigen breitete sich wieder zwischen den Beiden aus, nur unterbrochen vom sanften Blubbern des Kessels und dem Zischen beim Hinzugeben neuer Zutaten.
Nach einer Weile erhob sich Carol und verließ den Raum. Langsam schlenderte sie in die verlassene Küche zurück.
Die Stille wirkte eigenartig nach den turbulenten letzten Wochen hier im Haus. Sie setzte sich an den Tisch, starrte gedankenverloren in ihre Teetasse und versuchte die Sorgen zu verdrängen, die sie sich um die Zukunft machte.
Die Weasleys wurden bewusstlos gehalten und auf deutlich direkterem Weg zurück nach England gebracht, als sie nach Venedig gekommen waren. Es gab keine Schlenker, keine Ablenkungsmanöver, der Mann, der ihrer habhaft geworden war fühlte sich sicher und unangreifbar.
Everett Spangle, der einzige Spross eines entfernten Zweiges der Familie McNair war zufrieden mit seiner Arbeit. Er liebte es präzise und sauber zu arbeiten. Er liebte die Schönheit der Präzision und ließ diese Hingabe immer wieder in seine Arbeit einfließen. Der Gondoliere war ein Geschenk der Götter gewesen. Er hatte drei Tage Zeit gehabt, ihn in seinem Versteck zu einem Werk perfekter Schönheit zu verwandeln. Die Präzision des Schmerzes war seine Passion und die Erinnerung an den Tod des Italieners schmerzte ihn noch immer. Dieser dumme Kerl hatte seine Kunst nicht zu würdigen gewusst und war einfach mitten in der Choreographie aus Schmerz und Blut gestorben. Er hatte alles verdorben und Everett hatte ihn wütend einfach in den Canale geworfen.
Everett erinnerte sich mit Schaudern an den Abend und sein rechtes Auge begann zu zucken bei dem Gedanken daran, dass er vielleicht diese beiden hier bekam, wenn sie ihren Zweck für den dunklen Lord erfüllt hatten. Freudige Erwartung ob dieses Gedankens erfüllte ihn. Sicherlich würde der dunkle Lord auch die Kunst in seiner Arbeit erkennen und ihm diese Beiden zum Geschenk machen.
Ein böses Lächeln zog sich über sein Gesicht, ein feiner Speichelfaden lief von seinem Mundwinkel zum Kinn, aber er bemerkte es nicht mehr, seine Gedanken waren schon wieder bei der Vorbereitung für ein weiteres, diesmal ein doppeltes Kunstwerk.
Einige Stunden später erschien Lupin wieder im Haus am Grimmauldplatz. Er war schweigsam und ging auf direktem Weg in seine Räume im ersten Stock. Doch die Unruhe des nahenden Vollmondes trieb ihn wieder herunter und so setzte er sich mit einer Tasse Tee und dem Tagespropheten an den Küchentisch.
Carol war es recht, sie empfand es als angenehm, nicht alleine, aber dennoch still in der Küche zu sitzen und sich geistig und emotional auf das vorzubereiten, was in naher Zukunft auf diese Menschen hier zukommen würde.
„Ziemlich nachdenkliche Stimmung hier" ertönte eine samtweiche Stimme von der Tür her.
Jasper lehnte am Türrahmen, den rechten Arm über den Kopf erhoben und an den Türrahmen gestützt. Den Kopf hatte er ein wenig schief gelegt, als er die Szene in der Küche betrachtete und dabei fielen seine Haare seidig über seine linke Gesichtshälfte. In seinen Augen blitze ein charmantes Lächeln auf, das binnen Sekunden sein ganzes Gesicht überzog.
Er machte einen Satz auf Carol zu, packte sie um die Taille und wirbelte sie herum.
„Hast Du mich vermisst, meine Süße?" fragte er lachend.
„Natürlich habe ich das, Du Dummerchen. Jeder vermisst Dich, wenn er sich einmal an Deine Anwesenheit gewöhnt hat" erwiderte sie lachend. Dann verstummte sie und hielt ihn auf Armlänge von sich entfernt fest.
„Heilige Mutter, Du siehst schlimm aus" sagte sie besorgt, als sie die dunklen Ränder unter seinen Augen sah.
Er lachte nur noch fröhlicher als er sagte: „Schlimm? Hey, so was ist modern. Verlebt gilt heutzutage als très chic."
Carol schüttelte den Kopf „Nun sei doch einmal ernst. Was ist passiert? Hast Du wieder nächtelang Visionen gehabt? Was hast Du gesehen?"
Er schüttelte den Kopf, drückte sie fest an sich und sagte leise: „Nichts ist gewiss, Liebes. Niemand weiß, welche Zukunft sich wirklich ereignen wird.
Ja, ich habe bestimmte Dinge gesehen, aber ich hoffe… nein, ich glaube, dass es immer unsere Entscheidungen sind, die bestimmen, welche Zukunft wir erleben."
Er hielt sie fest in den Armen, so dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte, aber Lupin, der den Kopf gehoben hatte sah, dass Jasper Tränen über das Gesicht liefen, als er diese Worte sprach.
Jasper atmete tief ein und drehte Carol dann mit einer schwungvollen Bewegung von sich fort, wischte sich unauffällig das Gesicht und sagte dann mit wieder lachender Stimme: „Wo steckt eigentlich der alte Griesgram? Ich habe hier einige Meerespflanzen, Extrakte und Wasserarten, die er nicht kennen kann, die aber für bestimmte Tränke eine nur sehr selten erreichte Wirkung bedeuten."
Carol deutete in Richtung des Flures: „Er ist an seinem Arbeitstisch im Krankenzimmer."
Jasper kramte einen Beutel aus seinem Umhang hervor und ging mit federnden Schritten durch die Küchentür in die Halle hinaus.
Carol wandte sich wieder ihrer Teetasse zu.
Leise, wie zu sich selber sagte sie: „Das ist nicht gut, was immer er gesehen hat, es muss schrecklich sein, wenn es ihn zum Weinen bringen kann."
Lupin sah sie erstaunt an: „Du hast das gemerkt?"
„Natürlich. Er hat soviel Kummer ausgestrahlt. Glaubst Du wirklich, man kann jemanden im Arm halten und nicht merken, wenn er weint?"
Lupin nickte nachdenklich.
Er legte seine Zeitung beiseite, erhob sich und sagte leise: „In zwei Tagen ist Vollmond. Ich frage mich, ob Severus…" er brach ab.
Carol schreckte aus ihre Gedanken auf und reichte ihm das Fläschchen, das sie von Snape erhalten hatte: „Oh, Himmel… das hatte ich ganz vergessen, verzeih mir. Er hat es mir vorhin gegeben, bevor Du vom Bahnhof zurückgekommen bist."
Lupin griff nach der Phiole und besah sie sich.
„So klein und doch der Unterschied zwischen Qual und Erträglichkeit" sinnierte er.
Noch einen Moment sah er auf das Fläschchen, dann setzte er sich an den Tisch wandte er sich Carol zu.
„Der Trank bewirkt, dass ich mich zwar körperlich in einen Wolf verwandele, aber meinen eigenen Verstand behalte. Ich bin also ungefährlich. Würdest Du… äähh…" er räusperte sich „würde es Dir etwas ausmachen, die Nacht… ich meine die Vollmondnacht… also ich will sagen, ich wäre nicht gerne alleine in der Nacht." Er holte tief Luft und senkte den Blick.
Carol sah ihn an, hob sein Gesicht mit der Hand an, so dass sie in seine Augen sehen konnte und sagte mit einem Lächeln: „Aber sicher."
Dann stand sie auf, gab ihm einen sanften Kuss auf die Stirn und verließ die Küche.
Lupin blieb noch einen Moment sitzen und genoss den Nachhall der zärtlichen Berührung. Schließlich erhob auch er sich und ging in die Halle.
Dort stieß er fast mit dem aus dem Krankenzimmer stürmenden Jasper zusammen.
Der Hawaiianer sah auf, packte Lupin an der Schulter und drückte ihn fast schmerzhaft gegen die Wand.
„Gut, dass ich Dich gerade treffe. Hör gut zu, Mann, das hier ist wichtig. Vergiss es nicht."
Seine strahlenden blauen Augen bohrten sich tief in Lupins braune Augen als wollten sie die gesprochene Botschaft in seine Seele einbrennen.
„Du musst Carol schützen, das ist wichtiger als je zu vor. Ich habe Dinge gesehen, die das Ende von Allem bedeuten, wenn wir es vermasseln. Wir, Wolf. Du und ich. Du musst Frieden schließen mit dem Wolf in Dir. Du musst seine Kraft und seine Wildheit für Dich einsetzen, wenn der Moment gekommen ist.
Wir dürfen es nicht vermasseln."
Er keuchte, dann ließ er Lupin los, sah ihn noch einem Moment eindringlich an und drehte sich zur Tür.
„Ich muss noch ein paar Dinge erledigen. Die Zeit läuft uns davon."
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren verließ er das Haus.
