Kapitel 16: Die Schatten verdichten sich…

Am nächsten Tag brachen Jasper, Carol und Lupin auf nach Hogwarts. Dumbledore hatte einen Portschlüssel geschickt und so landeten sie wohlbehalten auf den Ländereien.

Der späte Sommer warf ein mildes Licht über die Weiten des Landes und hob Schönheit dieser Gegend hervor. Atemberaubend boten sich der See, der verbotene Wald und die Ebenen dem staunenden Auge des Betrachters dar und Carol vermochte kaum sich loszureißen.

Sie wurden ins Schloss geleitet und ihnen wurden die Gästezimmer gezeigt.

Nachdem Carol sich eingerichtet hatte, ging sie Zu Jaspers Tür, klopfte und wartete auf Antwort.

Niemand antwortete ihr und die Tür war verschlossen. Eine Tür weiter, wo Remus untergebracht war, öffnete sich die Tür auf ihr Klopfen prompt.

„Komm herein, Carol"

„Danke, aber ich suche Jasper. Weißt Du, wo er steckt?"

„Ich habe ihn seit unserer Ankunft hier nicht gesehen, tut mir leid."

Remus musterte Carols Gesicht und sah Sorge in ihren Augen.

„Was ist mit ihm?"

Sie seufzte: „Er ist schrecklich aufgeregt, er glaubt die Zeit läuft uns davon. Aber er sagt mir nicht, was er tun will." Sie schnaubte ungeduldig. „Ich habe ihn noch nie so verschlossen erlebt und das besorgt mich mehr als ich sagen kann."

Remus ergriff ihre Hand und drückte sie tröstend. „Er wird wissen, was er tut, ich habe den Eindruck, er weiß genau, was getan werden muss."

„Ja, das weiß er. Aber genau das macht mir solche Angst. Jasper ist niemals zuvor so beunruhigt gewesen, seine Visionen haben ihn niemals zuvor so sehr zu einem Getriebenen gemacht."

Er drückte noch einmal ihre Hand und ließ sie los, dann sagte er mit gezwungen ruhiger Stimme: „Wir werden nicht mehr erfahren, wenn wir hier herumstehen und spekulieren. Ich wollte gerade zu Hagrid gehen, komm doch mit, vielleicht hat er Jasper gesehen und kann uns sagen, wo er hingegangen ist."

Carol schmunzelte. „Gerne, ich möchte Hagrid sowieso unbedingt kennen lernen. Und was Jasper betrifft, ich schätze, er ist schon zum See gegangen, um die Wassermenschen zu treffen. Es macht mir keine Sorge, wo er ist, sondern vielmehr, warum er so in Eile ist und nichts verraten will."

„Woher sollte Jasper wissen, wie er zum See kommt?"

„Jasper kann Wasser riechen, ahnen, fühlen. Es zieht ihn immer magisch an. Jasper findet jedes Wasser." Sie lächelte.

Gemeinsam schlenderten sie durch das Schloss und über die Wege zu Hagrids Hütte und Remus erzählte ihr vieles über seine Zeiten in Hogwarts.

Hagrid öffnete ihnen die Tür und nach einer kurzen Vorstellung ließ er sie eintreten und bot ihnen Tee an. Fang kann angelaufen, schnüffelte kurz an Lupins Hose und wandte sich dann Carol zu. Er wich nicht mehr von ihrer Seite, bis sie sich an den Tisch setzten. Dann legte er seinen riesigen Kopf auf ihren Schoß und schloss die Augen.

Hagrid und Carol mochten sich auf Anhieb, ihre gemeinsame Liebe für alle lebenden Wesen verband sie auf einer tiefen Ebene der Seele. Lupins Verbindung zu Carol und seine alte Freundschaft mit Hagrid taten das ihre und so entstand eine wundervolle Atmosphäre der gegenseitigen Zuneigung im Raum.

Hagrid erzählte von Hogwarts, von seiner Geschichte und von den Besonderheiten der Ländereien. Carol lauschte mit staunenden Augen und zunehmende Begeisterung war auf ihrem Gesicht erkennbar.

Als Hagrid mehr vom Wald und seinen Geschöpfen erzählte, leuchteten ihre Augen voller Freude und sie strahlte über das ganze Gesicht.

Hagrid bemerkte, wie Lupin sie ansah, als sie so strahlte und schmunzelte.

Carol berichtete Hagrid warum sie nach Hogwarts gekommen waren und der Halbriese ließ vor Schreck seine Teetasse fallen.

„Du kannst nich in den verbotenen Wald gehen" polterte er aufgeregt. „Das geht nich. Nie und nimmer geht das. Bane und seine Kumpane werden Dich umbringen, jawoll, das werden sie." Er nickte nachdrücklich.

Carol lachte nur und sagte: „Der Wald, in den ich nicht gehen darf muss erst erfunden werden."

„Nee, glaub mir, das geht nich" beharrte Hagrid, doch Carol ließ sich nicht beirren.

„Wart wenigstens, bis ich Zeit hab, mitzugehen. Heut Nachmittag unterrichte ich eine Gruppe Viertklässler aus Slytherin und Hufflepuff, aber morgen könnt ich mit Dir in den Wald gehen."

Er sah zutiefst besorgt aus, als sie den Kopf schüttelte.

„Danke Hagrid. Aber ich werde das alleine schaffen, glaub mir. Ich werde heute Nachmittag gehen."

Hagrid brummte etwas Unverständliches in seinen Bart, dann knurrte er: „Na, meinetwegen. Macht ja hier eh jeder was er will. Hört ja eh keiner auf die Warnungen vom alten Hagrid."

Carol lachte und knuffte ihn fröhlich. „Nun schimpf mich nicht aus, Hagrid. Es wird schon gut gehen."

Der Vormittag war wie im Flug vergangen und als die Zeit des Mittagessens kam, erhoben sie sich, um zum Schloss zu gehen. Carol fragte, wie sie zum See komme, um nachzusehen, ob Jasper dort sei und ob er schon bei den Wassermenschen gewesen sei.

Hagrid zeigte ihnen den Weg zu See und als sie dort ankamen stapfte gerade ein tropfend nasser Jasper aus dem Wasser. Ein Stück von ihm entfernt kam ein alter Wassermann aus dem See gestiegen und in einiger Entfernung kamen noch mehr Wassermenschen zum Vorschein.

Jasper schüttelte sich sein langes nasses Haar wie ein Hund und tropfen flogen in alle Richtungen.

Er lachte fröhlich und rief dem alten Wassermenschen zu: „Nein, nein und nochmals nein, ich werde Deine Enkelin nicht heiraten! Und wenn Du mir das Ganze Schloss dazu geben willst, keine Frau fängt mich jemals ein."

Der Alte stimmte in das Lachen ein, ging auf Jasper zu und packte seinen Arm. Die beiden rangen einen Moment, dann umarmten sie sich und klopften einander auf den Rücken.

„Gut, abgemacht. Ich werde also Dumbledore von eurer Unterstützung berichten" sagte Jasper zum Abschied. „Pass gut auf Deine Enkeltochter auf, alter Mann" fügte er mit einem breiten Grinsen hinzu. Dann winkte er den Wassermenschen zu, und drehte sich von ihnen weg.

Er ging auf das Ufer zu, während der Alte und die anderen Wassermenschen sich wieder in Richtung auf die Mitte des Sees zu bewegten.

Als er Carol und Remus am Ufer sah, winkte er fröhlich und lachte aus vollem Herzen. Er schüttelte sich wieder und sah zu, wie sie versuchten den Tropfen auszuweichen.

„Na, das war doch mal ein Erfolg", sagte er grinsend. „Auch wenn ich beinahe die Enkelin eines der Ältesten hätte heiraten müssen." Er schnaufte mit gespielter Empörung.

Carol und Remus grinsten und gemeinsam gingen sie zum Schloss hoch.

Nach dem Mittagessen machte Carol sich auf in den verbotenen Wald. Sie folgte dem Pfad, den Hagrid ihr gezeigt hatte und schon bald war die Sonne kaum noch sichtbar. Sie blieb einen Moment stehen, atmete tief ein und genoss es hier zu sein. Kraft durchströmte sie und sie fühlte die Energie der Erneuerung durch ihre Adern fließen.

Sie ging zu einem besonders alt aussehenden Baum und berührte seine Rinde. Leicht flackerte goldenes Licht auf, wo sie ihn berührte und sie legte einen Moment ihre Stirn gegen den Stamm.

Dann ging sie weiter, tiefer hinein in den verbotenen Wald, dessen Magie sie durchströmte und ihr ein Gefühl gab, nach Hause gekommen zu sein.

Ein zischendes Geräusch ließ sie aus ihren Träumen aufschrecken. Sie hielt an und bemerkte einen Pfeil, der nur wenige Zentimeter von ihrem Kopf entfernt in einem Baum steckte.

Vor ihr brachen zwei Gestalten aus dem Unterholz, die Bögen im Anschlag und auf sie zielend.

Zentauren" dachte Carol, „stark, unbeugsam und stolz. Nun denn… möge das Ringen beginnen." Sie holte tief Luft und wandte sich den beiden Männern zu.

„Was tust Du hier?" sagte die eine Gestalt.

„Menschen sind hier nicht willkommen. Verschwinde, solange wir Dich noch lassen" fügte die andere hinzu.

Sie musterte die beiden ernst. Ihr Fell glänzte in den vereinzelten Sonnenstrahlen, die durch das dichte Blätterdach des Waldes fielen.

Ruhig erwiderte sie: „Wer will mir verbieten, den Wald zu betreten und warum?"

Der vordere Zentaur trat noch einen Schritt auf sie zu und sagte mit unverhohlenem Abscheu in der Stimme: „Menschen ist es nicht erlaubt, unseren Wald zu betreten. Also verschwinde, solange wir noch die Gnade verspüren, Dich unversehrt gehen zu lassen."

Zorn blitzte in Carols Augen auf „In Eurem Wald?" sagte sie mit unüberhörbarer Schärfe in der Stimme. „Wer hat Euch das Recht gegeben, diesen Wald als Euer Eigentum zu bezeichnen und anderen Geschöpfen den Zutritt zu verweigern?"

Der hintere der Zentauren trat vor und sprach mit einer Stimme, deren unheimliche Ruhe wie eine furchtbare Drohung wirkte: „Mein Name ist Magorian und ich spreche für mein Volk hier im Wald. Wir dulden keine Menschen hier und wir werden unseren Wünschen auch mit Gewalt Nachdruck verleihen."

Er machte eine kurze Pause, dann sagte er „Du hast soeben Dein Recht verwirkt, unseren Wald unverletzt wieder zu verlassen, Mensch. Dieser Wald gehört den Zentauren und es ist typisch für euch Menschen, dass ihr das einfach ignoriert und meint, ihr könnt hier herumspazieren, wie es euch passt. Was andere Geschöpfe denken ist euch egal, Hauptsache ihr kommt zu dem, was ihr für euer recht haltet."

Carols Gesicht wurde zornig. Langsam, ohne den Blickkontakt zu Magorian zu brechen ging sie in die Hocke, bis ihre Hand den Boden berührte. Sie grub ihre Finger in das lockere Erdreich und nahm eine Handvoll Erde, Blätter und kleine Zweige auf.

Sie erhob sich wieder, öffnete die Hand und streckte sie den Zentauren entgegen.

„Das ist der Wald" fauchte sie wütend. „Das ist die Mutter und sie gehört niemandem."

Sie schleuderte Magorian den Inhalt ihrer Hand vor die Füße und richtet sich gerade auf.

„Euer Wald? Seid dankbar, dass ihr hier leben dürft, dass die Natur Euch das Leben, Nahrung und Nachkommen schenkt. Niemand nennt einen Baum sein Eigentum. Niemand nennt die Luft, das Wasser oder die Erde sein Eigentum. Wer es dennoch tut begeht ein Verbrechen an der Freiheit des Lebens."

Wut klang aus ihren Worten und ihre kleine Gestalt bebte vor Zorn.

Magorian hatte seinen Bogen gesenkt und starrte sie an. Dann drehte er sich zu seinem Gefährten um. Dieser hatte ebenfalls seinen Bogen sinken lassen und wirkte verwirrt.

Er drehte sich wieder zu Carol und sagte leise: „Bist Du die, die angekündigt wurde von unseren Sehern?"

Carols Stimme wurde wieder ruhiger, als sie sagte: „Ich weiß nicht, was Euch angekündigt wurde, aber ich bin hier, um mit Euch zu reden. Über Euch, über die Menschen, über die Zukunft und die dunklen Schatten, die alles bedrohen, was lebt. Auch Euch. Und ohne eine gemeinsame Basis werden wir alle untergehen. Also müssen wir reden."

Die beiden Zentauren betrachteten sie eine Weile schweigend, dann nickte Magorian: „Folge uns, wir bringen Dich zu unserer Herde."

Sehr spät am Abend kam Carol wieder aus dem Wald heraus und ging direkt in Dumbledores Büro, um ihm von ihrem Gespräch zu erzählen. Sie konnte berichten, dass die Zentauren sich dem Kampf anschließen würden. Sie wollten Hogwarts von der Waldseite aus schützen und garantierten allen Menschen, die auf der Seite des Ordens kämpften freies Geleit durch den Wald. Allerdings durfte keiner der Menschen den Pfad ohne guten Grund verlassen und es wurde erwartet, dass sie sich von den Waldbewohnern fernhielten. Sollte es trotzdem zu Kontakten kommen, wurde respektvolles und zurückhaltendes Verhalten von den Menschen erwartet. Jedweder Bruch dieser Vereinbarung würde ein sofortiges Zurückziehen der Zentauren aus dem Kampf bedeuten.

Dumbledore war zwar sehr zufrieden mit dem Abkommen, aber neue Nachrichten beunruhigten ihn.

Er nahm Carol am Arm und bugsierte sie die Treppe zu den Korridoren hinunter.

„Während Sie im Wald waren, Carol, habe ich schlimme Nachrichten erhalten und sofort Eulen zum Orden geschickt. Ich muss sofort aufbrechen und einige Leute treffen. Sie, Jasper und Remus können noch ein paar Tage hier bleiben und sich erholen. Sobald ich mehr weiß, werden wir eine Versammlung abhalten und sehen, wie wir weiter vorgehen wollen."

Er tätschelte ihre Hand: „Sie haben gute Arbeit geleistet, Kindchen, wir sind ihnen sehr dankbar. Hoffen wir, dass nicht alles umsonst war."

Der nächste Tag verlief ruhig, Carol sah Harry beim Quidditsch-Training zu, trank mit Hagrid Tee, und ging wieder in den Wald, um mit einigen der Zentauren über die Kräfte der Natur zu sprechen.

Jasper war fast nur am und im See und Remus verbrachte die Zeit mit den anderen Lehrern.

Am Abend, nach dem Essen sprach er Carol noch einmal an und wies sie auf den heutigen Vollmond hin. Sie sah ihn einen Augenblick an und nickte dann stumm.

In ihrem Zimmer angekommen nahm sie sich „Eine Geschichte von Hogwarts", das Hermine ihr geliehen hatte und setzte sich in einen bequemen Sessel ans Feuer. Nach einigen Stunden erhob sie sich, verließ ihr Zimmer und öffnete die Tür nebenan.

Der Wolf lag vor dem Feuer und blickte auf, als sie den Raum betrat. Sie hockte sich zu ihm, sah ihm tief in die Augen und sah dort die Seele und den Verstand des Mannes. Sanft schlang sie die Arme um den muskulösen Wolfskörper und schmiegte sich an ihn.

Nach einer Weile streckte sie den Arm aus und zog eine Cashmeredecke von der Lehne eines Sessels, der nahe am Kamin stand. Sie deckte sich und den Wolf zu und schlief kurz darauf ein.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, war der Wolf verschwunden und auch Remus war nirgendwo zu sehen.

Das passt zu ihm" dachte sie „ganz der Gentleman, der einer Dame Zeit gibt, sich frisch zu machen, bevor er sie wieder ansieht."

Sie schmunzelte, ging in ihr Zimmer und machte sich für den Tag bereit.

Beim Frühstück in der Halle traf sie dann Remus und Jasper, die sich angeregt unterhielten. Jasper grinste ihr fröhlich zu und Remus sagte leise: „Danke, es war wunderbar, nicht alleine sein zu müssen."

Sie lächelte ihn an und begann sich Eier und Speck auf den Teller zu füllen.

Kurz darauf erschien Minerva McGonagall mit neuen Nachrichten. Remus, Carol und Jasper sollten unverzüglich zum Grimmauldplatz zurückkehren. Sie selber und Dumbledore würden später dazukommen und es würde eine Versammlung des Ordens geben. McGonagall wirkte geordnet und ruhig, ihre kompetente Ausstrahlung hatte eine beruhigende Wirkung trotz des offensichtlichen Ernstes der Lage.

Carol ging ihre Sachen packen und traf die anderen beiden in der Halle, wo der Portschlüssel schon auf sie wartete.