Kapitel 17: Die Schatten fallen...
Er fühlte Schmerz.
Brennenden Schmerz in der Schulter.
Sein Hals war ausgedörrt und das Schlucken schmerzte. Nicht, dass er Speichel in seinem pergamenttrockenen Mund gehabt hätte, den es zu schlucken gelohnt hätte.
Er öffnete die Augen und stellte fest, dass er blind war.
Nebelschwaden durchzogen seinen Verstand und nur sehr langsam realisierte er, dass es nicht gut war, blind zu sein.
Scheinbar war es auch nicht gut, den Mund nicht öffnen zu können.
Langsam, sehr langsam sickerte Erkenntnis in Arthur Weasleys Verstand.
Venedig.
Die Schriftrolle.
Der Gondoliere.
Schmerz.
Schlagartig verschwand der Nebel und Arthur erinnerte sich an das Geschehene. Er analysierte die derzeitige Situation und kam zu dem Schluss, er war gefesselt, geknebelt und entweder in einem absolut finsteren Raum oder ihm waren die Augen verbunden.
Molly.
Wo war Molly und in welchem Zustand war sie?
Panik wollte sich seiner bemächtigen, aber er kämpfte sie nieder.
Langsam kämpfte sich sein Verstand durch das, was er wusste, das, was er vermutete und das, was er befürchtete. Er musste sich befreien, Molly finden und befreien und die Schriftrolle in Sicherheit bringen. Und vor allem musste er Kontakt mit dem Orden aufnehmen.
Unruhe, drückende Ungewissheit prägten die Atmosphäre am Grimmauldplatz, als die drei aus Hogwarts wieder dort eintrafen.
Mitglieder des Ordens waren schon eingetroffen und bewegten sich ruhelos durch die Räume.
Niemand sprach viel, aber die Blicke, in denen manchmal kurz Furcht aufflackerte sagten mehr als viele Worte.
Alle warteten auf den Rest der Mitglieder und vor Allem auf McGonagall und Dumbledore, um endlich zu erfahren, was es denn für beunruhigende Entwicklungen gäbe. Auch Severus Snape ging es wieder gut genug, dass er an dem Treffen teilnehmen konnte.
Als schließlich alle bis auf die beiden Lehrer eingetroffen waren, eröffnete Kingsley das Treffen und kam gleich zu den ersten wesentlichen Punkten.
„Wir haben erfahren, dass es sich bei dem Artefakt, für dessen Information Severus sich in derartige Gefahr begeben hat, tatsächlich um einen enorm mächtigen und wertvollen Gegenstand handelt. Severus, würdest Du uns berichten, was Du bis zu Deiner Verletzung in Erfahrung gebracht hast?"
Snape saß aufrecht am Tisch, legte nun seine feingliedrigen Hände aneinander und platzierte sein Kinn auf den Fingerspitzen.
„Es handelt sich um ein Artefakt", begann er „von dem niemand genau sagen kann, woher es stammt und wer es hergestellt hat. Es enthält eine Substanz, die in ihrer reinen Form ungefährlich und völlig harmlos ist. Wird das Artefakt jedoch aktiviert, dann wandelt seine Magie die enthaltene Substanz in etwas um, das ungeheure Macht verleiht. Woraus die Substanz besteht, welche Form von Magie das ist und was für eine Macht es verleiht, das weiß keiner. Es ist uralt und man hat nur bruchstückhaftes Wissen aus alten Aufzeichnungen finden können. Einzig die Tatsache, dass es eine Formel gibt, die auf das Artefakt angewendet werden muss, um es zu aktivieren ist eine sichere Information. Die Formel befindet sich auf einer Schriftrolle, die vor langer Zeit verschwunden ist. Mehr konnte ich nicht in Erfahrung bringen."
Er schwieg und sah sich in der Runde um.
Carol war leichenblass geworden.
„Das ist schlimmer, als ich vermutet habe" flüsterte sie fast unhörbar und auch Jasper schnappte entsetzt nach Luft.
Alle Köpfe drehten sich zu den beiden, die nebeneinander am Tisch saßen.
Kingsley fragte besorgt: „Was soll das heißen?"
„Wenn es das ist, was ich vermute", erwiderte Carol „dann ist die Substanz in dem Artefakt das, was auch schon Severus fast getötet hätte. Es ist eine Manifestation der Dunkelheit. Die Verneinung des Leben, die Kraft, die dem Leben entgegensteht."
„Der Tod?" fragte Tonks beklommen.
„Nein, der Tod ist ein Teil des Lebenskreislaufes. Diese Kraft ist etwas viel dunkleres, eine Art Kontrapunkt zum Kreislauf des Lebens. Es ist nicht zu beschreiben, aber wer sich diese Macht zunutze macht, kann einen unvorstellbaren Schrecken verbreiten." Jasper schwieg, weil Worte nicht ausdrücken konnten, was er fühlte.
Eine Weile herrschte Schweigen am Tisch, dann ergriff Kingsley wieder das Wort.
„Ich denke, es handelt sich um die Schriftrolle, mit der das Artefakt aktiviert wird, hinter der Molly und Arthur her sind. Wir wissen nicht, ob ihre Mission erfolgreich war, also sollten wir auf jeden Fall einen Plan B ausarbeiten. Also müssen wir das Artefakt an uns bringen oder es zerstören.
Wir haben Informationen erhalten, die besagen, es wird in einer Krypta auf dem Grundstück einer der weniger prominenten Todesser-Familien aufbewahrt. Das, was von dem Artefakt ausgeht ist scheinbar derartig böse, dass niemand es in seinem Haus aufbewahren möchte.
Und da ist unsere Chance: das Grundstück ist gut bewacht, aber es ist leichter, an die Krypta zu kommen, als in ein Haus einzubrechen."
„Ich habe das schon mal gesagt, als es nur eine wage Vorstellung war" blaffte Moody scharf dazwischen „das ist ein Himmelfahrtskommando und ich werde nicht erlauben, dass einer von uns da offenen Auges ins Verderben rennt."
„Wir haben keine Wahl", entgegnete Kinsley „glaubst Du es macht Dumbledore Spaß, einen von uns dort hinzuschicken?
Schau Dir doch an, wo wir stehen, Moody. Wir haben den Kontakt zu Arthur und Molly verloren, keine Spur von der Schriftrolle und wir können auch nur ahnen, ob sie sie gefunden haben und ob es überhaupt eine Chance gibt, dass sie die Rolle herbringen. Wir haben Severus als Spion verloren und er wird auch noch einige Zeit ohne Kontakt zu den Todessern bleiben.
Also, was bleibt uns übrig?
Haben wir eine Wahl?"
„Das war schon einmal eine Falle, was, wenn es wieder eine ist?"
Jasper folgte der Unterhaltung schweigend. Sein Gesicht wirkte verschlossen und sein Blick war abwesend.
Plötzlich sagte Lupin: „Ich werde gehen."
Alle sahen ihn fragend an. „Ich werde gehen" wiederholte er mit ruhiger Stimme, die keinen Widerspruch duldete, „wenn Albus glaubt, einer von uns muss dorthin, dann werde ich nicht darüber diskutieren."
„Nein" sagte Carol mit Entsetzen im Gesicht.
Moody fauchte wütend: „Das kann doch nicht wahr sein. Es gibt kaum eine Chance, dort lebend herauszukommen, wir wissen nicht mal, ob man das Artefakt überhaupt aus der Krypta entfernen kann und ihr wollt munter dorthin spazieren und euch umbringen lassen, oder was?"
„Kingsley hat recht", sagte Tonks und lief rosa an, als Jasper ihr in die Augen sah, „Wir haben nur diese eine Chance. Offensichtlich ist das Artefakt den Todessern wichtig genug, um Severus umbringen zu wollen. Auf die Schriftrolle, die dazu gehört wurde ein Attentat verübt und wir wissen nicht, ob es uns gelingt, die Schriftrolle vor den Todessern in Sicherheit zu bringen. Wir können natürlich warten, bis Arthur und Molly sich melden, aber wenn ihnen die Schriftrolle durch die Lappen gegangen ist, dann sitzen wir in der Tinte.
Voldemort darf unter keinen Umständen das Artefakt und die Schriftrolle in seine Hände bekommen, die Macht die darin steckt, wenn er das Artefakt mit der Schriftrolle aktivieren kann ist ungeheuerlich.
Wichtig ist es jetzt, dass wir das Artefakt entweder aus dieser Krypta holen, in der es laut Kingsleys Informationen liegt oder es zumindest zerstören. Dafür hat Severus eine Säure-Tinktur vorbereitet, die ein solches magisches Gefäß zerstören kann."
Sie holte tief Luft. Es kam ihr etwas komisch vor, eine solche Rede vor allen zu halten, immerhin waren die Auroren hier viel älter und erfahrener als sie. Aber offensichtlich hörten sie ihr interessiert zu und dachten über ihre Argumente nach.
Kingsley sagte in die Stille hinein: „Ich sehe das genauso. Wir wissen, wo die Krypta ist, in der das Artefakt verborgen ist. Die Familie, der das Anwesen gehört ist häufig Gastgeber für geheime treffen, also wird das Grundstück gut bewacht und dort mit unseren vereinten Kräften zu hinein zu stürmen wäre Selbstmord. Es bleibt nur die Chance, dass einer sich unauffällig hineinschleicht und das Artefakt mitnimmt oder zerstört. Mag sein, dass das ein Himmelfahrtskommando ist, aber wir wissen auch, dass wir immer wieder Dinge geschafft haben, die unmöglich erschienen."
Es knallte in der Halle und Sekunden später betrat Minerva McGonagall die Küche. Ohne Umschweife setzte sie sich an den Tisch und zog ein Pergament hervor.
„Albus wird noch nicht zu uns kommen können, er muss noch einiges erledigen, das keinen Aufschub duldet. Wir haben schreckliche Neuigkeiten erhalten.
Zunächst einmal haben wir erfahren, dass Paulina Ancion in Lima ermordet wurde. Sie war die Gastgeberin und Kontaktperson für die Weasleys, als sie in Peru waren. Der Mord war unverhältnismäßig grausam und offensichtlich völlig sinnlos, so dass sich zusammen mit einer zweiten Information ein schrecklicher Gedanke aufdrängt.
Die zweite Information besagt, dass Everett Spangle beobachtet wurde, wie er England verlassen hat."
Um den Tisch herum wurde zischend Luft geholt, Entsetzen machte sich auf den Gesichtern breit, während Jasper und Carol sich verwirrt umsahen.
„Wer ist Everett Spangle?" fragte Carol
„Er ist das, was die Muggel einen Soziopathen nennen. Ein absolut durchgeknallter Irrer" sagte Tonks mit vor Abscheu und Entsetzen bebender Stimme
Kingsley erklärte „Er hat während Voldemorts erster Herrschaftsperiode grauenhafte Morde an Muggeln begangen. Er hat sie verstümmelt und mit ihren Körpern berühmte Gemälde nachgestellt. Voldemort hat in ihm einen treuen und eifrigen Erfüllungsgehilfen. Zu wissen, dass er losgeschickt wurde ist so ziemlich das Schlimmste, was uns passieren konnte."
McGonagall nickte und fügte dann noch hinzu: „Dazu kommt noch, dass man in Venedig mehrere grausam entstellte Leichen gefunden hat, unter anderem die Leiche von Manolo Cantalestra, dem Mann, der die Schriftrolle nach Venedig zu seinem Bruder bringen wollte, um sie dort den Weasleys zu übergeben.
Die Kombination aus diesen Informationen lässt nur den Schluss zu, dass wir Molly und Arthur verloren haben und die Schriftrolle in den Händen des Feindes ist."
Ihre Stimme zitterte, als sie das sagte und alle am Tisch senkten den Blick voller Grauen.
Minerva wartete noch einen Moment, dann straffte sie sich, schob sich eine graue Haarsträne, die sich aus dem sonst so akkuraten Knoten gelöst hatte zurück und sagte mit bitterer Entschlossenheit in der Stimme: „Wir haben nun nur noch die Chance, das Artefakt unschädlich zu machen, bevor die Schriftrolle in die Hände Voldemorts gerät. Und wir müssen schnell handeln."
Kingsley brachte sie kurz auf den Stand der Dinge, was die Versammlung vor ihrem Eintreffen besprochen hatte und sie nickte. Ihr Blick schweifte kurz zu Lupin, dann sagte sie: „Gut. Machen wir es so."
Snape stellte die Phiole mit dem Säure-Elixier auf den Tisch und erklärte ihre Anwendung und Wirkungsweise. Dann zeichnete er einen Plan des Anwesens, das er bei mehreren Todessertreffen besucht hatte und markierte die genaue Lage der Krypta. Auch die Positionen der üblichen Wachposten vermerkte er, allerdings mit der Anmerkung, er könne nicht garantieren, dass die Wachen noch immer die gleichen Patrouillenwege abgingen. Schweigend und in gedrückter Stimmung verließen die Ordensmitglieder die Versammlung.
Jasper ging als einer der ersten, kommentarlos und ohne noch einmal mit Remus zu reden.
Moody ging zu Lupin, zog seinen Tarnumhang hervor und überreichte ihn mit den Worten: „Nimm, Du wirst ihn brauchen." Er klopfte ihm hölzern auf die Schulter und verließ das Haus.
Lupin steckte den Tarnumhang in seine Tasche und drehte sich zu Carol um. Sie waren mittlerweile alleine in der Küche und sie sah ihn mit Tränen in den Augen an.
„Du darfst da nicht hingehen" sagte sie mit erstickter Stimme.
„Ich muss. Du hast gesagt, ich müsse Stärke in mir finden. Nun, da ist sie. Das ist meine Stärke. Ich kann es schaffen, vertrau mir."
Sie trat auf ihn zu, nahm sein Gesicht in ihre Hände und blickte in seine Augen. Sie strich ihm noch einmal zärtlich über sein Gesicht, dann drehte sie sich wortlos um.
Lupin warf ihr einen letzten Blick zu, dann verließ er die Küche.
In der Halle blieb er einen Moment stehen, betrachtete das Fläschchen mit der Säure in seiner Hand und wandte sich dann der Tür zu, als er hinter sich ein Geräusch hörte.
„Pssst..."
Er drehte sich um und sah Jasper in einer Nische stehen, der ihm zuwinkte, er solle herüber kommen. Lupin ging zu ihm und sah ihn fragend an.
„Geh nicht durch die Halle, Mann. Carol wird Dich nicht gehen lassen, das weißt Du doch. Tief in Deinem Herzen weißt Du, dass Du von dort nicht mehr wieder kommst und dass Du ihr zu viel bedeutest, als dass sie Dich gehen lassen könnte."
Er schwieg einen Moment.
„Hat dieses Haus einen Hintereingang? Wenn ja, dann benutze ihn, Du darfst ihr nicht noch einmal über den Weg laufen."
Lupin zögerte einen Augenblick, dann nickte er. Er wandte sich dem anderen Ende der Halle zu und öffnete eine verwitterte Holztür. Sie führte durch einen Gang in einen Raum, der wahrscheinlich vor langer Zeit als eine Art Waschküche gedient hatte. An der Außenwand des Raumes befand sich eine metallene Tür, deren dunkelgrüner Lack an vielen Stellen absplitterte.
Remus griff nach dem Türknauf, als Jasper ihn ein weiteres Mal aufhielt.
„Warte. Hier, das soll Dir Glück bringen" sagte er und reichte Lupin eine kleine gelbe Blume. „Es ist eine Blume meiner Heimat, sie wird Seefahrern gegeben von jenen, die sie lieben, damit ihnen eine sichere Heimkehr garantiert wird." Er grinste schief: „Denk Dir einfach, Carol hätte sie Dir gegeben und nicht ich."
Lupin nahm die zarte Blüte und betrachtete sie. Sie war winzig, mit unglaublich vielen Blütenblättern und wunderschön. Ihre Farbe glich der Sonne im Juli und ihr Duft war betörend. Er hob sie an sein Gesicht und atmete den verlockenden Geruch, den sie verströmte tief ein. Einen Moment empfand er Schwindel, dann eine Art eisige Klarheit, dann fiel er mit einem dumpfen Aufprall wie ein gefällter Baum bewusstlos zu Boden.
„Tut mir leid, alter Junge" sagte Jasper mit ehrlichem Bedauern in der Stimme. „Aber Du wirst hier dringender gebraucht, Du musst für Carol da sein, wenn die Zeit kommt und sie gerettet werden muss vor den Schatten. Deine Rolle in diesem Stück ist wichtiger und größer als meine und Du wirst alle Deine Stärke noch brauchen."
Er bückte sich und hob die Phiole auf, die Lupin bei seinem Sturz aus der Hand gerutscht war und griff nach dem gezeichneten Lageplan, der in seiner Umhangtasche sichtbar war.
Mit einem letzten Blick auf den Bewusstlosen öffnete er die Metalltür und verschwand.
Minuten später erschien Jasper auf dem Anwesen und studierte die Karte. Er erkannte eine Patrouillenroute anhand der Bäume hier und kurz darauf kam auch schon der Wächter vorbei. Jasper kauerte sich in ein Gebüsch und ließ ihn passieren. Als die Luft wieder rein war, schlich er weiter und arbeitete sich mit Hilfe der Karte und seinen außergewöhnlich gut ausgeprägten Sinnesorganen stückchenweise auf die Krypta zu.
Schließlich kam die kleine Kapelle in Sicht und Jasper schlich sich noch vorsichtiger an. Er versicherte sich, dass niemand in der Nähe war und trat dann an das schmiedeeiserne Tor. Kunstvoll gearbeitete Ornamente schmückten die Torflügel, aber trotz der Ruhe ausstrahlenden Schönheit dieses Ortes ging etwas Schreckliches vom Inneren des Gebäudes aus.
Mit einem Ruck öffnete er die Tür, erstaunt, dass sie nicht verschlossen war. Wahrscheinlich verließ man sich hier zu sehr auf die Geheimhaltung des Ortes und auf die Wachen.
Langsam und mit steigendem Unbehagen betrat er die Kapelle. Er sah sich um und entdeckte fast sofort den Zugang zur Krypta. Seitlich vom Altar gingen einige Stufen in den Boden hinunter.
Er trat auf die Öffnung im Boden zu und ging die Stufen hinab. Unten empfing ihn tiefe Finsternis.
LUMOSEin dezentes Licht aus der Spitze seines Zauberstabes ließ ihn den winzigen Raum erkennen. In der Mitte standen zwei Sarkophage, deren Deckel mit je einer lebensgroßen liegenden Gestalt verziert waren. In der Wand gegenüber dem Niedergang waren Nischen, in denen Urnen standen. In einer der Nischen jedoch lag ein merkwürdiger Gegenstand.
Es war eine Art Glaskugel, die von etwas gehalten wurde, das wie die Klauen eines Raubvogels aussah.
Jasper griff danach und augenblicklich schüttelte ihn heftige Übelkeit. Tiefes Grauen packte ihn und er fühlte sich, als ob eine eisige Hand seine Seele packte.
Langsam und tief atmend schüttelte er das Gefühl tiefen Elends ab. Er rief sich das Rauschen des Meeres in seiner Heimat ins Gedächtnis, die unvergleichliche Schönheit des Riffes zu dem er immer schwamm, den Geruch des Windes wenn er durch die Palmen rauschte, den Geschmack des Salzwassers und das Gefühl des nassen Sandes auf der Haut, wenn er aus dem Wasser stieg und sich einfach auf dem Strand fallen lies.
Nachdem er so jeden seiner Sinne mit etwas Gutem in Verbindung gebracht hatte, war er in der Lage, das Gefühl des nahenden Untergangs zu verscheuchen und sich das Artefakt näher anzusehen. Es sah fremdartig aus, als wäre es nicht von Menschen, ja, als wäre es nicht einmal in dieser Welt geschaffen worden. Die Halterung der Kugel war aus einem ihm unbekannten Material, kalt und glatt. Die Klauen, die die gläserne Kugel hielten wirkten auf eine ekelhafte Art echt, wie versteinert. Die Kugel selber sah aus wie Glas, sie wirkte zerbrechlich, was sie aber offensichtlich nicht war, wenn man den Berichten glauben konnte.
Das Schlimmste jedoch war die Substanz, die sich in der Kugel befand. Sie war schwarz, schwärzer als alles, was Jasper je gesehen hatte. Es war eine Art schwarz, das den Eindruck vermittelte, alles Licht zu verschlucken. Dazu war die Substanz zähflüssig und ölig. Träge wogte sie in der Kugel, wenn Jasper sie bewegte. Das grauenhafte Gefühl ging eindeutig von diesem öligen Alptraum aus.
„Wenn es etwas gibt, aus dem Dementoren gemacht werden, dann ist es das hier" dachte Jasper.
Er gab sich einen Ruck und stieg die Stufen wieder hoch. Das ganze Unternehmen hier war schon heikel genug, da musste er nicht auch noch trödeln.
Mit schnellen Schritten durchquerte er die Kapelle und verließ sie wieder. Ein Rascheln in seiner Nähe ließ ihn zusammenschrecken. Er duckte sich hinter ein nahes Gebüsch und mit einigen komplizierten, aber anmutigen Bewegungen seiner Arme umgab er sich mit einem magischen Schild. Es gab ein leichtes blaues Leuchten ab und seine Energie fluktuierte dezent, so dass es aussah, als wäre er in einen Kokon aus Wasser gehüllt.
So geschützt schlich er vorsichtig weiter, als er plötzlich ein Stimme hörte: „Du kannst genauso gut herauskommen, wir wissen, dass Du da bist." Ein höhnisches Lachen erklang, kalt und grausam.
„Hast Du gedacht, Du könntest unbemerkt in die Kapelle einbrechen? Es sind überall um die Krypta herum Zauber gelegt, die uns bei einem Eindringling sofort alarmieren."
Das hässliche Lachen erklang erneut und Jasper duckte sich tiefer in seine Deckung. Sehr vorsichtig spähte er daraus hervor und sondierte die Lage. Die Kapelle lag recht exponiert an einer Wiese, die er überqueren musste, um zum Waldrand zu kommen. Wenn er erstmal im Wald war, würde er eine Chance haben zu entkommen. Apparieren konnte er erst jenseits der Grenze des Anwesens, das hatte er schon bei seiner Ankunft bemerkt.
Er sah einen Weg, am Rand der Wiese entlang zur Grundstücksgrenze zu kommen, bei dem er sich gute Chancen ausrechnete ein wenig Deckung zu behalten.
Er umklammerte das Artefakt und sprintete los.
Lupin erwachte auf dem steinernen Boden der früheren Waschküche. Schmerzhaft merkte er die Stellen seines Körpers, auf denen er gelandet war, aber das war nichts im Vergleich zu dem Schrecken, der ihn packte, als er sich erinnerte, was passiert war. Er sah die kleine Blüte in seiner Hand und seufzte. Jasper war an seiner Stelle losgegangen, er musste das von dem Moment an geplant haben, als er so scheinbar überstürzt die Versammlung verlassen hatte. Lupin tastete in seinen Taschen, die Phiole und die Karte waren verschwunden, aber Moodys Tarnumhang war noch da. Natürlich, den hatte Moody ihm ja gegeben, als Jasper schon fort war, also konnte er nichts davon wissen.
Seufzend erhob sich Lupin und ging den Gang hinunter in die Halle und dann in die Küche.
Carol stand in Gedanken versunken am Fenster und starrte in die beginnende Abenddämmerung.
Als Lupin die Küche betrat, drehte sie sich um zu ihm und sah ihn fragend an.
„Jasper?" fragte sie tonlos.
Lupin nickte, ihm fehlten die Worte. Er wollte erklären, es verständlich machen, es selber verstehen, aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken und so sah er sie nur an.
„Ja, das macht Sinn" sagte sie sehr leise. „Nur er kann sehen, was kommen wird, nur er kann entscheiden, sich dem zu stellen. Er ist Dein Freund, Remus und er wird es immer sein, sonst hätte er das heute nicht getan."
Sie drehte sich wieder zum Fenster und starrte weiter hinaus. Er trat neben sie und stellte sich schweigend an ihre Seite und so verharrten sie wortlos, bewegungslos, wie Statuen außerhalb der Zeit.
Ein roter Blitz traf auf den Schild aus blauer Energie und verschwand ohne irgendeine Wirkung zu zeigen. Jasper lief weiter und ein triumphierendes Lächeln strahlte über sein Gesicht. Er konnte es tatsächlich schaffen, die Kraft des Wassers konnte ihn wirklich schützen. Er hatte das nie zuvor ausprobiert, aber er war auch noch nie zuvor angegriffen worden. Er lachte glücklich auf, mit dem Schutz des Meeres konnte er das Schicksal wenden. Er würde lebend hier heraus kommen und die Bilder, die er gesehen hatte würden nicht wahr werden.
Weitere rote Blitze und farblose Zauber und Flüche trafen den Schild und wurden absorbiert. Außer einem kurzen Flackern war nichts zu erkennen. Ein Blick über die Schulter verriet ihm dass mehrere Männer in dunklen Kapuzenumhängen die Verfolgung aufgenommen hatten. Nahezu unbehelligt lief er weiter auf den Waldrand zu, nur von einigen wirkungslosen Flüchen getroffen.
Plötzlich erklang hinter ihm „AVADA KEDAVRA". Ein grüner Blitz raste auf ihn zu und traf den Wasserschild. Er absorbierte den größten Teil der destruktiven Energie des Fluches doch ein Teil drang durch ihn hindurch und traf Jaspers Brustkorb. Die tödliche Wirkung war entschärft, aber der grässliche Fluch hatte noch genug Zerstörungskraft, um seine rechte Lunge zu zerreißen. Keuchend ging er in die Knie, das Artefakt entglitt seinen Fingern und rollte auf den Boden. Er kämpfte um Luft und nach einigen Sekunden konnte er wieder ein wenig atmen. Mühsam erhob er sich, als ein weiterer grüner Blitz ihn traf. Wieder absorbierte das Wasser den größten Teil, doch der Rest warf ihn einige Meter rückwärts und richtete schreckliche Verheerungen an seinen inneren Organen an. Wahnsinniger Schmerz erfüllte seinen Körper und schlagartig wurde ihm klar, dass er das Schicksal nicht betrügen konnte. Die grauenhaften Bilder, die er gesehen hatte würden wahr werden.
Das Artefakt.
Er würde es nicht mehr zum Orden bringen können, das spürte er, aber er musste es wenigstens zerstören, sonst wäre alles umsonst.
Er erhob sich auf die Knie und halb blind vor Schmerz kroch er auf die Stelle zu, wo er das Artefakt fallengelassen hatte. Kurz bevor er es erreichte traf ein weiterer Todesfluch von hinten und der nicht absorbierte Rest zerschmetterte seine Wirbelsäule. Er sackte zusammen und wünschte sich nur noch, dass es enden möge. Mit einer unvorstellbaren Kraftanstrengung bäumte er sich noch ein weiteres Mal auf und zog sich mit den Armen auf das Artefakt zu. Blind tastete er über den Boden, bis seine Finger die kalte, metallene Halterung ertasteten. Er hielt es fest, mit der anderen Hand zog er die Phiole aus seiner Umhangtasche. Ein neuerlicher grüner Blitz traf ihn, aber er nahm ihn kaum noch wahr, das zerstörte Rückenmark ersparte ihm weitere Qualen.
Mit den Zähnen öffnete er die Phiole und goss die Säure über das Artefakt. Sie fraß sich rasend schnell durch die Halterung und zerstörte das Glas, so dass die schwarze, ölige Substanz heraus floss und im Erdreich versickerte.
Die restliche Säure verbrannte Jasper die Hand, doch das spürte er schon nicht mehr.
Er lief. Lief den Strand entlang, aufs Wasser zu, stürzte sich mit einem Jubelschrei in die Fluten und begann zu schwimmen. Das Gefühl unendlicher Freiheit im Meer erfasste ihn, als er immer weiter schwamm und dann hörte er sie, die Gesänge der Wale.
Und mit dem Gesang der Wale erlosch sein Geist.
Vor der Küste Hawaiis bäumte sich das Meer auf und tobte wie bei einem Orkan, nur dass kein Wind aufgekommen war. Stunden dauerte das Phänomen, das allerdings von keinem Menschen bemerkt wurde, außer einem Fischer, der nur mit knapper Not mit seinem Boot dem Inferno entkommen konnte. Später erzählte er seiner Familie, er wäre bereit zu schwören, er hätte den Meeresgott heulen gehört wie aus tiefster Qual.
Am Fenster der Küche öffnete Carol den Mund und begann zu schreien. Ihr Schrei hallte durch das Haus und die einzigen Bewohner, die nicht in der Küche waren, Snape und Antonia, erstarrten und rührten sich nicht von der Stelle.
Lupin drehte sich um zu ihr, nahm sie an den Schultern und versuchte ihr in die Augen zu sehen. Sie waren trübe und leer, blickten in weite Ferne und spiegelten den Schmerz wieder, der aus dem Schrei erklang.
Er tat das einzige, was er tun konnte, schloss sie in die Arme und hielt sie fest.
Nach und nach verklang der Schrei und sie sackte plötzlich wie eine Stoffpuppe zusammen. Er hielt sie fest und sank mit ihr auf die Knie, als sie zu weinen begann und ihr Körper von
unkontrolliertem Schluchzen geschüttelt wurde.
So hockten sie zusammen auf dem Küchenboden bis nach vielen Stunden ihre Tränen versiegten und Stille eintrat.
