Kapitel 18: Betäubung und Unglauben…..

Arthur Weasley erwachte langsam. Die schon fast vertraute Benommenheit fiel diesmal noch ein wenig schneller von ihm ab und er erinnerte sich, dass er in der Zwischenzeit mehrmals erwacht war. Jedes Mal war er etwas schneller wieder klar geworden und er hatte den Eindruck, die Phasen der Bewusstlosigkeit würden kürzer. Jedes Mal hatte er sich bemüht, seine Fesseln loszuwerden und hatte festgestellt, dass das ein scheinbar sinnloses Unterfangen war. Ihm blieb auch immer nur wenig Zeit, sich damit auseinander zu setzen, denn obwohl es ihm schien, dass er immer früher erwachte und immer länger bei Bewusstsein bleib, so war es doch nicht so viel Zeit, wie er sich gewünscht hätte.

Um Molly machte er sich keine allzu schweren Sorgen. Zwar war es stockdunkel hier, aber er konnte sie atmen hören und sie klang nicht, als ob sie verletzt wäre oder nach Luft ringen würde. Er war lange genug verheiratet, um seine Frau an ihrem Atemgeräusch zu erkennen und er wusste auch, wie sie klang, wenn sie tief schlief. Dass das ruhige und gleichmäßige Atmen auch bedeuten konnte, dass sie bewusstlos war und vielleicht bleiben würde, darüber wollte er sich keine Gedanken machen. Nicht jetzt. Sie lebte und das musste erst einmal genügen. Jetzt war wichtig, die verbleibende Zeit zu nutzen, bis der Fremde wieder kam.

Es lief immer nach dem gleichen Schema ab, er erwachte, versuchte sich zu orientieren, versuchte seine Fesseln zu lockern und nach einer Weile vergeblicher Bemühungen hörte er kratzende Geräusche und schloss die Augen, um sich bewusstlos zu stellen. Jedes Mal hörte er dann das Knacken eines Schlosses und Schritte, die zuerst in eine andere Richtung des Raumes gingen und danach zu ihm kamen. Sekunden später fühlte er Tropfen einer bitteren Flüssigkeit auf seinen Lippen und dann umfing ihn Schwärze.

Er überlegte

Diese Erinnerungen mussten eine Bedeutung haben.

Schmerzen breiteten sich wieder in seinem Kopf und in seiner Schulter aus.

Warum die Fesseln?

Warum die bitteren Tropfen?

Seine Hände mühten sich weiter mit den Fesseln ab, während sein Verstand langsam immer schneller arbeitete.

Beherrschte der Fremde keine Lähmzauber oder Schlafzauber?

Kannte er den Imperius-Fluch nicht?

Oder traute er ihnen nicht und wollte sich durch konventionelle Methoden absichern?

War er vielleicht gar kein Zauberer?

Oder war er ein Zauberer, aber einer, der von Paranoia und Perfektionismus besessen war?

Arthur hustete, als er wieder versuchte, ein wenig Speichel zu sammeln, um seinen trockenen Hals zu befeuchten.

Allmählich fühlte sich sein Mund und Rachen an wie Schmirgelpapier und er wäre bereit gewesen den Fuchsbau zu geben für einen einzigen Schluck Wasser.

Plötzlich fühlte er, wie sich seine linke Hand ein wenig bewegte.

Sein Herz begann zu rasen und er konnte es in seinen Ohren pochen hören. Zum ersten Mal seit seinem ersten Erwachen fühlte er so etwas wie einen Schimmer Hoffnung auf Erfolg.

Er bewegte seine Hand weiter, ignorierte den beißenden Schmerz in der Schulter. Millimeterweise drehte er das Handgelenk, doch bevor er einen weiteren Erfolg erzielen konnte hörte er wieder das verhasste schnarrende Geräusch an der Tür.

Er schloss die Augen, bemühte sich flach zu atmen und hoffte inständig, man könne sein aufgeregt schlagendes Herz nicht hören.

Als Carols Weinen endete, wartete Lupin noch einige Minuten, und als es so schien, als sei sie ganz verstummt, hob er sie hoch und trug sie zu einem Stuhl am Tisch. Er setzte sie darauf, musste sie aber weiterhin halten, weil sie wie eine Stoffpuppe herunter gerutscht wäre. Er sah sie prüfend an, doch sie zeigte keine Reaktion, ihr Blick ging ins Leere. Langsam begriff er, was geschehen sein musste. Hatte Jasper ihm nicht erzählt, dass sie beide etwas verband? Dass Carol ein Teil von ihm sein und er ein Teil von Carol?

Entsetzt blickte er wieder in ihr Gesicht. Ihm musste etwas Schreckliches zugestoßen sein und sie hatte es quasi selber gespürt.

Sanft nahm er sie wieder in die Arme, lehnte ihr Gesicht gegen seine Brust und streichelte beruhigend ihren Kopf. Wie zu sich selber murmelte er dabei: „Es wird wieder gut, ich bin hier, hab keine Angst. Ich bleibe bei Dir, es wird wieder gut."

Dann hob er sie hoch und trug sie zum Krankenzimmer.

Kaum hatte er es betreten rauschte Augusta auf ihn zu, musterte erst ihn, dann Carol auf seinem Arm und sah ihm dann streng ins Gesicht.

„Was haben Sie mit ihr gemacht? Ich habe sie schreien gehört, was um Merlins Willen haben Sie nur mit ihr gemacht?" Sie funkelte ihn zornig an.

Lupin sah sie erstaunt an, nicht begreifend, was sie meinte, bis es ihm plötzlich dämmerte, dass Augusta nicht gesehen hatte, was in der Küche geschehen war.

„Nichts." Sagte er leise. „Ich habe nichts getan. Sie hat wohl... einen psychischen Schock erlitten, oder so etwas." Unsicher zuckte er mit den Schultern und trug Carol zu einem Bett auf das Augusta gedeutet hatte.

Kaum lag Carol scheuchte sie Lupin fort: „Gehen Sie, ich untersuche jetzt meine Patienten. Na los, weg mit Ihnen. Sie können später wieder kommen."

Er ging einige Schritte von dem Bett weg, um das herum Augusta mit einer leichten Bewegung ihres Zauberstabes einen Vorhang zog.

Schockiert von dem Erlebten, noch immer zutiefst erschüttert von Jaspers Handeln ging er durch das Krankenzimmer, ohne auf seine Umgebung zu achten. Schmerzhaft prallte er gegen etwas Hartes und als er seine Augen vom Boden hob sah er dass er gegen den Tisch gestoßen war, an dem Severus saß und arbeitete.

„Wieder einmal abgelenkt, Lupin?" sagte Snape mit kalter, seltsam tonloser Stimme. Er erhob sich und beugte sich über den Tisch zu Lupin. „Was tust Du hier? Solltest Du nicht draußen auf dem Anwesen sein und das Artefakt bergen? Hast Du Dich vor der Mission gedrückt, Remus? Bist lieber in der Sicherheit des Hauses geblieben? Wer geht für Dich dort hin und wird verletzt oder Schlimmeres?" Snape bohrte seine dunklen, seltsam lodernden Augen in Lupins Blick. „Während andere ihr Leben riskieren bleibst Du lieber in Sicherheit und tröstest die Dame, was? Na ja, Missionen, die Mut erfordern sind eben nicht jedermanns Sache."

Die Worte trafen Lupin wie Peitschenhiebe, er versuchte etwas zu sagen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Er schluckte hart und rang nach Luft.

Leise, sehr leise sagte er: „Jasper ist gegangen." Seine Stimme klang fremd, als er das sagte, was er zuvor nicht hatte aussprechen können. „Er hat mich… ausgetrickst. Betäubt. Er wusste genau, was er tat, ich glaube, er hatte das geplant."

Lupin verstummte. Wieso versuchte er sich hier vor Snape zu rechtfertigen?

„Betäubt? Wie und womit?" Snape wirkte leicht interessiert, wie immer, wenn es um seine Wissenschaft ging.

Lupin zog ohne wirkliches Interesse die Blüte aus der Tasche und reichte sie Snape.

„Hiermit, aber Vorsicht. Du solltest besser nicht daran riechen, wenn Du nicht die nächsten Stunden Augustas Patient sein möchtest."

Snape schnaubte abfällig und betrachtete dann die Blüte genauer.

„Aber das ist… das kann nicht sein…"

Er legte sie vorsichtig auf dem Tisch ab, beugte sich zu einem Bücherstapel und zog einen sehr alt aussehenden Folianten heraus. Behutsam blätterte er die brüchig erscheinenden Seiten um, bis er etwas gefunden zu haben schien. Er vertiefte sich einige Minuten in den Text, dann sah er auf.

„Ich denke, ich muss…" er brach ab, seine Lippen kräuselten sich, als er Lupin ansah. Kaum hörbar fuhr er fort: „Ich habe Dir wohl Unrecht getan, Remus. Es ist relativ wahrscheinlich, dass Du wirklich betäubt wurdest Ich kann noch nicht genau sagen, was das hier für eine Blume ist, aber ich habe den Verdacht, dass es sie nicht geben dürfte. Dass sie eine Legende ist. Eine Legende allerdings, die in Kreisen von Kräuterkundlern berühmt ist."

Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Es wird einige Zeit und eine Menge Nachforschungen erfordern, herauszufinden, womit wir es zu tun haben. Ich werde umgehend Professor Sprout eine Eule schicken, um sie über den Fund zu unterrichten. Sie wird sehr interessiert daran sein, herauszufinden, ob die Legenden wahr sein könnten. Jasper hat mir außerdem einen Beutel gegeben voller Dinge, deren Erforschung Monate, wenn nicht Jahre brauchen wird." Sein Blick wurde lebendig, er schien gefesselt von der Vorstellung.

Lupin schwieg, er war dankbar, dass Snape beschäftig schien, denn er wollte nicht über das Geschehene reden.

Als wäre das ein Stichwort gewesen hob Snape den Kopf und fragte: „Was ist passiert? Ich habe Carol schreien gehört, danach war stundenlang Stille." Er unterbrach sich, sah aus, als wolle er noch etwas sagen, schwieg dann aber.

Lupin holte tief Luft, berichtete dann, was passiert war, als Jasper ihn in der Halle abgefangen hatte und wie er in die Küche gekommen war.

„Sie stand einfach am Fenster. Starrte hinaus, als könne sie sehen, was geschieht. Als ich in die Küche kam, wusste sie, dass es Jasper war, der gegangen war und als sie anfing zu schreien, muss ihm etwas Furchtbares zugestoßen sein. Sie waren verbunden." Er verstummte, als er Snape nicken sah.

„Ich habe so etwas bei ihr gespürt als…" Wieder schwieg er abrupt. Was redete er? Wozu sprach er hier mit Lupin? Er stand ruckartig auf, drehte sich weg und sagte: „Geh jetzt besser, Remus. Es tut uns beiden nicht gut, hier zu sitzen. Ich werde sehen, ob es einen Trank gibt, der ihr helfen kann." Schroff wandte er sich seinen Büchern zu und ignorierte Lupin, der ihn milde verwundert ansah, sich dann aber umdrehte und in die Richtung zurück ging, aus der er gekommen war.

Wieder an dem Bett angekommen, in das er Carol gelegt hatte, sah er Augusta fragend an, doch die schüttelte den Kopf.

„Ich kann keine physische Ursache für ihre Bewusstlosigkeit finden. Vielleicht ist sie nur sehr erschöpft, ich weiß es nicht. Wir werden es beobachten müssen."

Lupin zog sich einen Stuhl ans Bett und setzte sich, er griff nach Carols Hand und umschloss sie mit seinen Händen. Kummer erfüllte ihn, denn all das hier hätte nicht sein sollen. Er hätte gehen müssen, dann wären Carol und Jasper gesund und in der Lage den Orden zu unterstützen. Jetzt schien alles so leer, so unverständlich und er fragte sich, wie es weitergehen sollte.

Er versuchte sich auszumalen, was Jasper passiert sein könnte bei der Mission, aber er konnte es sich nur schwer ausmalen.

Jäh durchfuhr ihn ein Gedanke. Er fuhr hoch, ließ Carols Hand los und strich ihr sanft über das Gesicht: „Ich muss kurz gehen, Albus und der Orden müssen informiert werden, auch wenn ich nur bruchstückhafte Informationen habe, aber die müssen unbedingt weiter gegeben werden."

Er beugte sich über ihr Gesicht und hauchte einen zarten Kuss auf ihre Stirn.

„Ich bin gleich wieder hier, keine Sorge, ich werde Dich nicht alleine lassen."

Er verließ das Krankenzimmer in Richtung Küche, wandte sich dort dem Kamin zu und griff nach der Schale mit dem Flohpulver.

Er erschien kurz im Kamin in Dumbledores Büro und erklärte dem Schulleiter, er habe wichtige Informationen, die er weder eine Eule anvertrauen noch durch das Flohnetzwerk verbreiten wolle. Sie beschlossen, Lupin solle durch den Kamin in das Büro des Schulleiters kommen und sie wollten dann besprechen, was zu tun sei.

Als Severus Snape hörte, wie Lupin das Krankenzimmer verließ, erhob er sich von seinen Studien und ging langsam und immer noch humpelnd zu Carols Bett.

Eine Weile blieb er regungslos neben ihr stehen und sah sie stumm an. Dann setzte er sich auf den Stuhl der immer noch neben dem Bett stand und flüsterte fast unhörbar: „Du wirst nicht alleine sein, solange Du wehrlos bist, das verspreche ich."

Er legte seine Hand auf die Bettdecke und lauschte konzentriert, ob er Lupin zurückkehren hörte, damit er rechtzeitig ungesehen wieder an seinen Tisch zurückkommen könnte.