Kapitel 19: Ungeahnte Kräfte

Remus Lupin erschien im Büro des Schulleiters und klopfte sich Asche und Staub von seinem Umhang. Er sah müde und erschöpft aus, aber auf eine andere Art als sonst. Es schien fast, als wäre das Lebendige aus ihm verschwunden, als hielte ihn nur noch eine Aufgabe auf den Beinen.

Dumbledore betrachtete ihn mit sorgenvollem Blick, deutete dann auf einen Sessel und sagte: „Setz Dich, Remus."

Er ging zu einem Tischchen, auf dem ausnahmsweise kein funkelndes, sich mit leisem Sirren bewegendes Instrument stand, sondern eine dickbäuchige Teekanne und einige Tassen, griff nach einer Tasse und füllte sie aus der Kanne. Dann reichte er Lupin die Tasse, drehte sich um und öffnete ein Schränkchen, das wie von Zauberhand plötzlich in einer Ecke stand. Er nahm eine kleine, hellgelb schimmernde Flasche heraus und schraubte den Deckel ab.

Mit einem Schmunzeln in den Augen goss er einen kräftigen Schluck in Lupins Tasse und sagte: „Trink, das hilft!"

Lupin hob die Augenbrauen und sah den Schulleiter fragend an, doch der hatte sich schon wieder umgedreht, um die Flasche wieder in dem Schränkchen zu verstauen, welches daraufhin unversehens wieder verschwand.

Er drehte sich wieder zurück und sah Lupin eindringlich an.

„Nun trink schon, Du wirst Dich besser fühlen."

Lupin hob die Tasse an seine Lippen und nahm einen vorsichtigen Schluck. Der Tee schmeckte auf angenehme Weise merkwürdig. Ein bisschen, als hätte man ihn mit Honig gesüßt, aber auch ein ganz klein wenig bitter. Die Wirkung allerdings war erstaunlich. Lupin fühlte zuerst Wärme durch seinen Körper strömen, gefolgt von einem merkwürdigen Gefühl der Dynamik, als wolle er sofort aufspringen und den Grundstein für ein Haus legen. Als letztes stellte sich ein sanftes Gefühl von Zuversicht ein, so, als hätte eine leise, überzeugende Stimme ihm versprochen, dass alles gut werden würde.

Er atmete tief durch und sah den alten Zauberer fragend an: „Was ist das?"

Dumbledore lächelte zufrieden: „Das ist ein sehr altes Hausmittel der Familie Dumbledore, meine Großmutter hat mir das Rezept verraten. Allerdings sollte man es nur in sehr seltenen Fällen verwenden, denn so gut es auch tut, es macht sehr schnell süchtig und ruiniert bei häufiger Einnahme die Nieren."

Er seufzte bedauernd.

Dann setzte er sich Lupin gegenüber und sah ihn auffordernd an.

Remus Lupin holte tief Luft, dann erzählte er Dumbledore die Ereignisse der letzten Nacht, soweit er sie erlebt hatte. Er ließ nichts aus, stockte allerdings bei den Teilen, die er sich nur zusammenreimte. Dumbledore nickte ernst, als Remus von seinen Vermutungen Jasper betreffend berichtete und als er von Carols Bewusstlosigkeit erzählte, zuckte der alte Zauberer wie von einem plötzlichen Schmerz getroffen zusammen und seine Miene wurde kummervoll.

„Es ist erstaunlich, was für Bindungen Menschen eingehen", sagte er leise und musterte Remus.

„Und Du?" fragte er dann mit einem mitfühlenden Lächeln. „Wie überstehst Du es?"

Lupin senkte stumm den Kopf.

Dumbledore legte seine Hand auf Lupins Schulter und drückte sie kurz. Es war eine Geste voller Mitgefühl und Verständnis, fast väterlich und Remus empfand sie als ungeheuer tröstlich.

Dumbledore hatte schon immer das richtige Gespür gehabt, wann und wie er Menschen trösten konnte und auch in seinem hohen Alter war ihm dieses Gespür nicht verloren gegangen.

Leise sagte er zu dem jüngeren Mann: „Es geschieht nie ohne Grund, Remus. Ich glaube, Jasper hat genau gewusst, was er tat und warum er es getan hat. Versuch Dir seine Gesicht, sein Wesen ins Gedächtnis zu rufen und sag mir: Hätte er Dich mit Schuldgefühlen belasten wollen? Lag es in seiner Absicht, jemanden zu verletzen oder ihm dauerhaften Schmerz zuzufügen?"

Lupin schüttelte stumm den Kopf, konnte aber keine Erleichterung empfinden. Dumbledore meinte es gut und er hatte ja auch Recht. Vor Lupins geistigem Auge erschien Jasper, wie er im Zimmer gestanden hatte und lachend gefragt hatte, ob sie sich setzen könnten.

Und was Deine Frage angeht, warum ich sie nicht beschützen kann", erklang Jaspers Stimme unvermittelt in seinem Kopf "Ich werde nicht da sein, wenn sie Schutz braucht. Mein Weg endet woanders."

Aus der Tiefe seines Unterbewusstseins wollte sich eine Erkenntnis in seinem Kopf einnisten, aber Lupin hatte nicht die Kraft, sich damit auseinander zu setzen. Er schob sie beiseite und erhob sich müde.

„Ich werde zurück zum Grimmauldplatz gehen und sehen, wie es Carol geht", sagte er zu Dumbledore.

Der alte Mann nickte. „Ich hoffe, sie erholt sich schnell" und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu „und Du auch."

Lupin dankte ihm noch einmal und betrat dann den Kamin.

Er ließ einen zutiefst besorgten und nachdenklichen Schulleiter in seinem Büro zurück.

Mit leisem Knarren öffnete sich die Tür. Wie jedes Mal verharrten die Schritte einen Moment, bevor sie sich auf Arthur zu bewegten. Er lauschte angespannt, dann hörte er, wie die Person, die den Raum betreten hatte anhielt, einen Atemzug lang stehen blieb und sich dann wieder von ihm abwandte. Die Schritte bewegten sich in die Richtung, aus der Mollys Atmen erklang und mit der Hoffnung, der Fremde hätte ihm den Rücken zugekehrt öffnete Arthur die Augen einen Spalt weit. Blendend grelles Licht schnitt ihm wie Messer in die Augen und schien in seinem Kopf zu explodieren. Er schnappte unwillkürlich nach Luft, hielt dann aber erschreckt den Atem an, um zu lauschen, ob der Fremde ihn gehört hatte. Aber das Rascheln seiner Kleidung, aus dem sich schließen ließ, dass der Fremde seine Bewegungen einfach fortsetzte, ließ Arthur vermuten, dass der Fremde zu beschäftig war oder sich zu sicher fühlte, um ihn gehört zu haben.

Langsam ließ er die angehaltene Luft wieder entweichen. Er öffnete noch einmal sehr vorsichtig die Augen, diesmal darauf vorbereitet, wie wenig seine Augen an Licht gewöhnt waren und er merkte, dass es immer noch sehr schwierig war, etwas zu erkennen. Aber immerhin konnte er ein Schemen ausmachen, den er für den Fremden hielt.

Er biss die Zähne zusammen und drehte sein linkes Handgelenk mit einem kräftigen Ruck. Ein glühender Schmerz schoss in seine Schulter, raubte ihm den Atem und füllte seine Augen mit Tränen. Aber er konnte die Hand aus den Fesseln bewegen und wusste, dass er nun eine wirkliche Chance hatte.

Er blinzelte die Tränen aus den Augen, versuchte den Schmerz in der Schulter zu ignorieren und schätzte die Entfernung zu dem Schemen, der sich rechts von ihm befand.

Mit einer einzigen fließenden Bewegung drehte er sich auf seine rechte Seite, zog die zusammengebundenen Beine an und rammte sie dann mit der ganzen Kraft, zu der er fähig war in die Nierengegend des Fremden.

Mit einem gurgelnden Geräusch ging der Mann in die Knie und Arthur trat ihm noch einmal mit aller Kraft gegen den Brustkorb.

Wie ein nasser Sack stürzte sein Wächter zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Arthur zog seine linke Hand aus der Fessel und begann damit sich komplett zu befreien. Sobald er sich einigermaßen frei bewegen konnte, versuchte er zu Molly hinüber zu kriechen. Er konnte kaum seine Beine bewegen, sie waren nicht durchblutet und steif von der langen Zeit, in der er verschnürt und unbeweglich gelegen hatte. Aber das durfte ihn nun nicht aufhalten, er musste Molly befreien und zusehen, dass sie hier weg kamen.

Als er seine Frau erreichte, sah sie ihn aus trüben Augen verwirrt an. Merlin sei Dank, wenigstens schien sie wach zu werden oder zumindest auf dem Weg dahin. Erleichterung machte sich in ihm breit, als er sich weiter auf sie zu bewegte. Mit jedem Stück, dass er ihr näher kam, wurde ihr Blick klarer und als er sie erreichte, meinte er Erkennen zu sehen.

Kribbelnd und schmerzhaft kam das Leben zurück in seine Beine und Arthur spürte, dass Zuversicht ihn durchströmte. Er lächelte Molly zu, die zaghaft das Gesicht verzog. Endlich hatte er sie erreicht und befreite sie von ihren Fesseln. Er sah neben ihr eine kleine Phiole mit einer rötlichen Flüssigkeit liegen und begriff, dass sein Stoß den Gegner genau im richtigen Augenblick getroffen hatte, so dass er Molly die Tropfen nicht mehr verabreicht hatte.

Langsam unter seinen wachsamen und besorgten Blicken erholte sich seine Frau ein wenig, so dass sie jetzt aufrecht sitzen konnte. Plötzlich sah er Schrecken in ihren Augen, drehte sich um, um zu sehen, was sie erschreckt hatte und sah, dass der Fremde sich bewegte und benommen versuchte, sich aufzurichten.

Arthur erhob sich, winkelte seinen rechten Arm an und schmetterte ihn in das verblüfft dreinschauende Gesicht Everett Spangles, der sofort wieder zusammensackte. Ein hässliches Knacken verriet Arthur, dass es um Spangles Nasenbein nicht allzu gut bestellt war und ein seltsames Gefühl der Befriedigung machte sich in ihm breit. Er hätte niemals gedacht, dass derartig rohe Gewalt ein solches Gefühl der Befreiung auslösen könnte.

„ARTHUR!"

Die Stimme seiner Frau riss ihn aus seinen Gedanken. Er drehte sich zu ihr um, sie sah ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Bewunderung an.

„Arthur, Du hast den Mann geschlagen." Molly klang ungläubig, ihre Stimme zitterte leicht. Sie schien erstaunlich schnell die Orientierung wieder gefunden zu haben. „Seit wann kannst Du so was?"

„Äh.. Molly, ich habe, äähh… ein wenig trainiert."

„Trainiert? Wo? Wann und mit wem?"

„ Och, nur so ein wenig, immer zwischendurch. Alastor und ähm… Mundungus haben mir ein paar Tricks beigebracht", er brach ab, als Molly ihn entsetzt ansah.

„Du hast mit Mundungus trainiert und er hat Dir seine Tricks beigebracht?" sagte sie mit angewidertem Gesichtsausdruck.

„Äh, ja. Deshalb dachte ich, es ist besser, Du fährst erstmal nichts davon, ich weiß ja, dass Du Mundungus nicht so recht über den Weg traust."

Er hob den Arm, als er sah, dass sie etwas dazu sagen wollte. „Jetzt hat sich ja gezeigt, dass das gar nicht so unklug war" sagte er mit einem Anflug eines Lächelns, küsste seine Frau sanft „und nun lass uns erstmal von hier verschwinden, ehe unser Entführer wieder wach wird."

Molly runzelte die Stirn, sagte dann aber nichts mehr, immerhin hatte ihr Mann eben entschieden heldenhaft auf sie gewirkt und sie war sehr stolz auf ihn.

Entschlossen beugte Arthur sich über Spangle und zog dessen Zauberstab aus seinem Umhang. Er reichte ihn Molly und griff selber nach der Phiole mit der rötlichen Flüssigkeit, die immer noch auf dem Boden lag. Nach einem kurzen Blick darauf fällte er eine Entscheidung und tropfte dem noch außer Gefecht gesetzten Mann eine ordentliche Portion auf die Lippen. Ein leises Seufzen war zu hören, dann nur noch tiefe und gleichmäßige Atemzüge. Arthur überlegte kurz, ihn mitzunehmen, denn der Orden hatte ihm bestimmt einige Fragen zu stellen, dachte dann aber daran, wie wackelig Molly noch auf den Beinen war und beschloss, später ein paar Ordensmitglieder herzuschicken, um den Entführer zu holen.

Er griff nach Mollys Arm und half ihr auf die Beine.

Molly schwang den Zauberstab und Spangle schwebte langsam auf sie zu. „Wir sollten ihn mitnehmen, die Auroren werden sich sehr für ihn und seine Geschichte interessieren."

Arthur hob nur die Augenbrauen und nickte dann.

Sie verließen den Raum und betraten eine Art Vorraum, an dessen gegenüberliegender Wand sich eine Tür befand. Arthur machte Molly ein Zeichen, hier zu warten, nahm ihr den Zauberstab ab und öffnete vorsichtig die Tür.

Sie führte direkt ins Freie und Arthur winkte Molly heran, als er sah, dass sich in näherer Umgebung nichts außer Büschen und einem Kiesweg befand.

Sie verließen das Gebäude und versuchten sich zu orientieren. Das Haus, aus dem sie getreten waren machte den Eindruck, eine Art Gästehaus eines großen Anwesens zu sein. In einiger Entfernung, halb hinter einem Wäldchen verborgen zeigten sich Teile eines großen Gebäudes, das wie das Haupthaus wirkte. Türme in sehr eigenwilliger Anordnung und kunstvoll verzierte Dachfirste waren aus der Entfernung auszumachen.

„Malfoy Manor" entfuhr es Molly mit einem Keuchen.

„Woher weißt Du das?" fragte Arthur mit einem erstaunten Seitenblick auf seine Frau.

„Vor einem Jahr gab es in der Hexenwoche eine Serie über die größten und schönsten Anwesen und Herrenhäuser der ältesten und angesehensten Magierfamilien Englands. Natürlich war eine Ausgabe Malfoy Manor gewidmet und die Anordnung der Türmchen da drüben ist ganz eindeutig."

Sie machte eine kleine Pause. „Damals war ich sehr beeindruckt und ein wenig neidisch", fuhr sie leise fort und klang beschämt.

Arthur sah sie liebevoll an, umarmte sie kurz und schob sie dann sanft aber bestimmt in Richtung einer Baumgruppe.

Er packte den noch immer bewusstlosen Spangle und gemeinsam disapparierten sie.

Carol öffnete die Augen und erblickte als erstes Severus Snapes Gesicht, der schweigend an ihrem Bett saß und sie ansah. Als er sah, dass sie erwacht war und ihn ansah hob er eine Augenbraue und fragte leise: „Wie geht es Dir?" Besorgnis schwang in seinem Tonfall mit.

Carol legte ihre Hand auf seine, die noch immer auf ihrer Bettdecke lag und sagte mit hörbarem Schmerz in der Stimme: „Ich fühle mich zerbrochen."

Irritiert sah er sie an.

„Zerbrochen?"

„Ja. So wie eine Vase, die herunter gefallen ist."

Sie atmete tief ein, dann versuchte sie zu lächeln. „Danke, dass Du hier bist."

Bevor er etwas erwidern konnte hatte sie die Augen wieder geschlossen und ihr Atmen wurde ruhig und tief.

Gerade in dem Moment, als der Anflug eines Lächelns sich auf sein Gesicht schleichen wollte, gab es einen Aufruhr in der Halle und Augusta rauschte an ihm vorbei um nachzusehen, was los sei.

Die Weasleys erschienen mit Spangle, der etwas schief neben ihnen schwebte in der Halle und Arthur stürzte sofort in die Küche, um Kingsley zu informieren. Spangle musste unverzüglich aus der Obhut des Ordens verschwinden, bevor irgendetwas durchsickern konnte. Shacklebolt versprach, ihn sofort abzuholen und gemeinsam mit Tonks eine Tarngeschichte zu erfinden, wie die beiden Auroren ihn gefunden und überwältigt hätten. Da Spangle zu den meistgesuchten Verbrechern der Magierwelt gehörten, würde niemand viele Fragen stellen, sondern alle nur froh sein, dass er unverzüglich nach Askaban gebracht werden würde.

Augusta nahm sich sofort fürsorglich der geschwächten Weasleys an und versorgte sie im Krankenzimmer mit Stärkungstränken und Heilung für ihre diversen Schrammen und Blessuren.

Sie beschlossen ein paar Tage am Grimmauldplatz zu bleiben, bis wieder einigermaßen Ruhe einkehren konnte.