Kapitel 23: Unterschiedliche Wahrheiten

Zurück am Grimmauldplatz begaben sich Snape und Lupin ins Krankenzimmer, um dort von Augusta sofort ins Bett gesteckt zu werden. Die eher formalen Proteste wischte sie entschieden beiseite und scheuchte jeden außer den beiden Männern aus dem Krankenzimmer.

Carol saß in der Küche und ließ das Erlebte Revue passieren. Müdigkeit, Trauer und Freude über Lupins Genesung rangen in ihrem Inneren um die Vorherrschaft.

Erst jetzt, als sie zur Ruhe gekommen war, wurde ihr klar, wie viel Angst sie um Remus gehabt hatte und wie sehr sie sein Zustand mitgenommen hatte. Sie horchte tief in sich hinein und ließ sich von ihren Empfindungen mitziehen. In ihrem Innersten fühlte sie, wie ein warmer Sonnenstrahl eine Knospe traf, die langsam ihre Blütenblätter entfaltete.

Sie erhob sich ruhig und ging zum Krankenzimmer. Stille war hier eingekehrt, Augusta hatte sich offensichtlich in ihr Zimmer zurückgezogen und nur noch ein diffuses Licht ging von einem gedämpften Nachtlicht aus. Es warf warme Schatten auf die Gegenstände im Raum und tauchte sie in ein träumerisches Zwielicht.

Sie sah Severus in einem der Betten schlafen, der Rest war leer. Auf Zehenspitzen ging sie zu ihm und sah lange auf sein im Schlaf entspanntes Gesicht. Sie war ihm dankbar für das, was er getan hatte und bewunderte ihn für seine Kraft, mit der er so viel geschafft hatte. Natürlich sah sie, dass er noch immer versuchte, mehr zu schaffen, als gut für ihn war, aber sie bemerkte auch, dass er scheinbar langsam auch Dinge tat, weil er glaubte, dass sie wichtig waren. Aus tiefstem Herzen hoffte sie für ihn, dass er irgendwann nicht mehr von einer alten Schuld getrieben handelte, sondern nur noch durch den Wunsch, das Richtige zu tun und vor sich selber gerade stehen zu können. Mit einem Lächeln wandte sie sich von ihm ab.

Sie sah sich um und fragte sich, wo Remus stecken konnte, dann kam ihr ein Gedanke.

Leise verließ sie den Raum und ging den Korridor entlang, die Treppen hoch bis vor die Tür seines Zimmers. Sie blieb etwas unschlüssig stehen, Zweifel machten sich in ihr breit, ob es nicht besser wäre, alles einfach so zu belassen, wie es war. Sie wusste nicht, wie ihre Rolle in dieser Geschichte enden würde, aber um nichts in der Welt wollte sie, dass Remus leiden musste, wenn ihr etwas zustoßen würde.

Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand neben seiner Tür und rutschte langsam daran herunter, bis sie auf dem Boden hockte. Sie schlang ihre Arme um die Beine und legte ihren Kopf auf die Knie.

Er würde auch so leiden wie ein Hund, wenn Dir etwas zustößt, weißt Du das denn nicht, Kleines?", erklang Jaspers Stimme in ihrem Kopf. „Er liebt Dich und Du weißt das. Glaubst Du, Du könntest ihm irgendetwas ersparen, wenn Du keine Liebe in Deinem Leben zulässt? Wem nützt es, wenn Ihr nicht alles Schöne, was das Leben Euch zu bieten hat mitnehmt und auskostet, solange es Euch vergönnt ist. Du wirfst die Gaben des Lebens und das Glück weg, wenn Du Dich weiter verschließt."

Carol seufzte und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Natürlich hatte er Recht. Sie wusste auch gar nicht so genau, wovor sie sich eigentlich fürchtete, sie wusste nur, dass sie Remus vor allem Schlimmen bewahren wollte, wenn das in ihrer Macht lag. Zwar dämmerte ihr langsam, dass es keinen Sinn haben würde, sich ihren Gefühlen weiterhin zu verschließen, aber sie fürchtete doch, was werden würde, wenn Sorge und Liebe ihren klaren Blick für ihre Aufgabe trüben konnten. Carol strich sich die Haare aus dem Gesicht und atmete tief durch, wie sie es auch drehte und wendete, sie fürchtete, irgendwer würde am Ende schrecklich leiden müssen. Aber wie dem auch sei, es schien keinerlei Besserung der Situation zu bringen, wenn sie sich jetzt schon Gedanken um ungelegte Eier machte. Sie schloss einen Moment die Augen, schüttelte die trüben Gedanken ab und gab sich wieder den Empfindungen hin, die sie ursprünglich hierher vor diese Tür geführt hatten.

Dann erhob sie sich und klopfte an die Tür von Remus' Zimmer.

Der schwarze Schatten erreichte den Grimmauldplatz einige Zeit nach den drei Personen, die aus Hogwarts gekommen waren. Er segelte geschmeidig um den Platz herum, bis er einen Platz gefunden hatte, der ihm ermöglichte ungesehen zu verharren, bis sich etwas im Haus rührte.

Und wie schon zuvor verschmolz er mit seiner Umgebung, nicht sichtbar für das ahnungslose Auge, aber präsent und jederzeit bereit, seine Aufgabe zu vollenden, wegen der er einen weiten Weg gemacht und einen hohen Preis gezahlt hatte.

Mark schlug das alte Buch zu und holte tief Luft. Erschütterung und Unglaube breitete sich auf seinem jungen Gesicht aus, als er widerwillig versuchte, zu verstehen, was er gerade gelesen hatte.

Er überlegte einen Moment, dann klemmte er sich das Buch unter den Arm und verließ den Dachboden. Im Salon legte er das Buch auf einen Tisch, setzte sich in einen alt aussehenden Sessel und betrachtete den Raum.

Über dem Kamin sah ihn eine alte Dame mit strengem Gesichtsausdruck an. Sie trug ein kostbares Brokatgewand und glitzernde Edelsteine schmückten ihren Hals, ihre Ohren, Arme und Finger. Ihre ganze Gestalt strahlte Würde und Gelassenheit aus und Mark kam sich klein vor unter ihrem Blick. Unbewusst fragte er sich, ob seine Fingernägel sauber wären und nach der Expedition auf den staubigen Boden bezweifelte er das stark, so dass er seine Hände hinter dem Rücken versteckt hielt.

Ihr Blick ruhte auf ihm und ihm schien es, als sähe er Wohlwollen in ihren Augen, aber er war sich nicht sicher und ehe er genauer nachsehen konnte, rauschte sie aus dem Bild.

Mark sammelte sich einen Moment und rief dann nach Jingle.

Der alte Hauself kam angelaufen und sah fragend zu dem jungen Mann auf.

„Setz Dich, bitte", sagte er zu dem beflissentlich herumwuselnden Elf, der daraufhin erschreckt innehielt und ihn mit einer Mischung aus Unglauben und Schrecken ansah.

„Bitte, Jingle möchte stehen bleiben, wenn der junge Herr es erlaubt."

Mark sah den alten Elf an, der aussah, als würde er vom leisesten Windhauch umgepustet, dann nickte er. Wenn es dem Wesen stehend besser ging, sollte es ihm recht sein. Er hatte nie verstanden, warum seine Mutter meinte, es wäre pure Zeitverschwendung auf die Empfindungen nicht-menschlicher Geschöpfe Rücksicht zu nehmen, aber andererseits war es ihm nie leicht gefallen, sich gegen sie durchzusetzen und deshalb hatte er sich angepasst. Letztendlich war sie eine wunderbare Mutter gewesen und er hatte sie bis zu ihrem Tode aus tiefstem Herzen geliebt. Natürlich hatte sie ihre Eigenarten, aber wer hatte die nicht. Vieles von dem, was sie sagte oder tat erschien ihm manchmal merkwürdig, doch sie war getrieben von einem tiefen, fast religiösen Verständnis für die Lehren des dunklen Lords und Mark hatte das mit der Muttermilch aufgesogen. Seine Mutter hatte ihm berichtet, wie sein Vater und sie in den Reihen Voldemorts gekämpft hatten, wie sie in der Achtung des dunklen Lords gestiegen waren und wie sein Vater zu einem der führenden Männer bei den Todessen aufgestiegen war. Immer, wenn sie davon erzählte, hatten ihre Augen gestrahlt und sie sah jung und glücklich aus. Mark hatte sie immer wieder nach den Erlebnissen aus der Zeit gefragt, denn er liebte es, seine Mutter so voller Begeisterung zu sehen.

Er hatte seinen Vater, den er kaum kennen gelernt hatte, tief verehrt und wünschte sich nichts mehr auf der Welt, als so zu werden, wie er. Er wünschte sich, so zu werden, damit seine Mutter ihn genauso ansah, wie sie das Bild seines Vaters ansah und die Anerkennung der Todesser erschien ihm sein Leben lang als das erstrebenswerteste Ziel, dass jemand wie er haben konnte.

Er atmete tief durch und zwang seine Gedanken zurück in die Gegenwart. Auf das Buch deutend sagte er zu dem Elf: „Ich habe das Tagebuch meiner Großmutter gefunden und gelesen. Erzähl mir mehr über die Familie meines Vaters, aus der Sicht meiner Großmutter sieht das alles ganz anders aus, als ich es erzählt bekommen habe."

Der Elf sah ihn einen Moment nachdenklich an, dann begann er zu erzählen.

Die Tensborrows waren eine sehr alte Zaubererfamilie, die auf ihre Herkunft und ihre Reinblütigkeit sehr stolz waren. Seit Generationen widmeten sie sich dem Handel und dem Ausbau ihrer Geschäfte und knüpften dadurch Kontakte in alle Herren Länder. Sie handelten mit Kräutern, Pflanzen und später auch mit magischen Zutaten. Irgendwann im Laufe ihrer Familiengeschichte wurden sie die bedeutendsten Lieferanten für Zauberstabkernzutaten und ihr Sortiment an teilweise sehr exotischen Handelswaren war weithin bekannt.

Sie waren weltoffen und ihre vielfältigen Kontakte in andere Länder und Kulturen hatte ihnen einen tiefen Einblick in politische und wirtschaftliche Zusammenhänge ermöglicht. Und so war diese Familie immer weitgehend unpolitisch geblieben, im Wissen, dass das politische Umfeld sich rasch ändern konnte, wertvolle Handelspartner jedoch eine Konstante waren, die stabil blieb auch im Wandel der Zeiten und Systeme.

Die Traditionen der Kaufleute wurden in der Familie Tensborrow weitergegeben von einer Generation zur anderen und so wurde auch Mark erzogen.

Sein Vater, Joseph knüpfte an alte Handelsbeziehungen an und verstand es auch, durch Charme und Klugheit neue Verbindungen aufzubauen und so führten ihn seine Wege auch nach Spanien.

Von dort kehrte er nach einer der vielen Reisen eines Tages unerwartet mit einer jungen Ehefrau zurück. Schön war sie und temperamentvoll, aber sie war ohne die Weltoffenheit der Familie und ihr fehlte jede Liebenswürdigkeit.

Natürlich liebte Joseph sie von Herzen und wollte nicht sehen, wie anders sie und ihre Ansichten über die Welt waren.

Ihre Schönheit blendete die meisten Menschen, aber Mrs. Victoria Tensborrow, Josephs Mutter, erkannte, wie gefährlich das war, wonach ihre Schwiegertochter strebte. Macht und Ansehen suchte sie und es reichte ihr nicht das Ansehen der Familie, denn Kaufleute waren in ihren Augen keine mächtigen Menschen.

Und da entdeckte sie die Organisation der Todesser und erkannte schnell, dass sie dort ihren Machthunger stillen konnte.

Die Tensborrows sahen ihre Aktivität mit Sorge, besonders, da sie sich auch immer mehr in die Weltanschauung dieser Leute vertiefte und sie mehr und mehr für sich annahm.

Joseph allerdings wollte das nicht sehen, sein Verstand war geblendet von den Empfindungen seines Herzens und so konnte er nicht sehen, was mit seiner Frau geschah. Er betete sie an, aber er verfolgte auch die Interessen der Familie mit der ihm anerzogenen Gewissenhaftigkeit.

Also ging er weiter auf Reisen, um Handelspartner zu treffen, neue Märkte zu erkunden und neue Produkte in Augenschein zu nehmen. Seine junge Frau blieb derweil zuhause und suchte die Anerkennung, die sie in der Familie und deren gesellschaftlichem Umgang nicht zu finden glaubte in Voldemorts Gefolgschaft.

Selbst die Schwangerschaft und Geburt ihres Sohnes konnten sie nicht davon ablenken, sie wurde nur noch fanatischer und so versprach sie dem dunklen Lord ihren Sohn, wenn er alt genug wäre, ihm zu dienen.

Die Familie reagierte mit Entsetzen und selbst Joseph erkannte nun, was er die letzten Jahre ignoriert hatte. Er versuchte, die Frau, die er noch immer liebte aus dieser unseligen Gesellschaft herauszulösen, doch er erreichte sie nicht mehr. Fanatismus hatte sie blind gemacht für alles andere um sie herum.

Als Voldemort dann seine Schreckensherrschaft begonnen hatte und sich immer mehr gegen den Widerstand des Ministeriums und einzelner Gruppen durchsetzte, versuchte die Familie Tensborrow weiterhin ihre Neutralität zu wahren, wie es sich in ihren Augen für anständige Kaufleute gehörte.

Doch die deutliche Zugehörigkeit von Josephs Frau zu den Todessern hatte die ganze Familie in den Ruf gebracht, zumindest Sympathisanten des dunklen Lords zu sein. Die Familie setzte die ganze Wucht ihres über Jahrzehnte erworbenen guten Rufes und Ansehens ein, um sich davon zu befreien, doch vergeblich, man misstraute ihnen und ordnete sie den Todessern zu.

Als Esmeralda eines Tages wieder ausging, um sich mit einigen hochrangigen Todessern zu treffen, folge Joseph ihr in den verzweifelten Versuch, sie von diesem Weg abzubringen und seine geliebte Frau zurück zu bekommen.

Das Treffen war eine Falle, Auroren erwarteten die Gefolgsleute des dunklen Lords und im Verlauf des nun folgenden Kampfes warf sich Joseph in einen tödlichen Fluch, der seine Frau treffen sollte. Er starb in ihren Armen und sie gebar die Legende ihres liebenden Mannes und treuen Todessers, der im Kampf für den dunklen Lord hinterrücks von Auroren ermordet worden war.

Zurück im Haus der Familie, erzählte sie ihre Geschichte und trotz Allem versuchte Victoria, sie im Haus zu behalten, damit sie wenigstens ihren Enkel in ihrer Nähe wusste. Doch Esmeralda wollte davon nichts wissen und packte ihre Sachen, um mit ihrem Sohn zurück in ihre Heimat zu reisen. Die alte Dame, die ohnehin schon unter verschiedenen Krankheiten litt verstarb kurz darauf und das Haus in London blieb unter der Aufsicht von Jingles verlassen zurück.

Als der alte Hauself die Geschichte beendet hatte, schwieg Mark eine lange Zeit, erschüttert von dem, was er gehört hatte. Vieles davon hatte er schon in dem Tagebuch seiner Großmutter angedeutet gefunden, aber das ganze Ausmaß der Lüge, mit der er gelebt hatte, traf ihn erst jetzt mit der Wucht eines stürzenden Riesen.

Er schrie den Hauselfen an, seine Stimme überschlug sich vor Zorn, Kummer und Hilflosigkeit. Das kleine Wesen duckte sich unter der geballten Wut, die sich hier entlud, aber dann sprach eine ruhige Stimme: „Er sagt die Wahrheit, Junge. Jedes Wort ist wahr und auch wenn man Dir etwas anderes beigebracht hat, Du musst lernen, die Wahrheit zu akzeptieren."

Die alte Dame war in das Bild zurückgekehrt und sah mit freundlichem und geduldigem Blick auf ihren Enkel herab.

„Nun ist es an Dir, zu zeigen, ob in Dir ein wahrer Tensborrow steckt."

Er sah zu dem Bild auf und sie lächelte ihn aufmunternd an. Dann setzte sie sich in ihren Sessel und schloss die Augen.

Remus Lupin saß in seinem Zimmer vor dem Kamin und sah in die Flammen. Er war aus dem Krankenzimmer geflohen, als Augusta noch einmal nach ihren Patienten gesehen hatte und Snape scheinbar problemlos tief eingeschlafen war. Remus neidete ihm ein wenig den tiefen Schlaf, andererseits hatte er auch die tiefe Erschöpfung und den deutlich erkennbaren Schmerz bei Severus gesehen, was er ihm keines Falls neidete. Er war sich nicht ganz sicher, wer von ihnen beiden derjenige mit dem härteren Abend war, aber scheinbar hatten Severus' Unternehmungen ihn zumindest müde genug gemacht, um schnell einzuschlafen.

Andererseits hatte er nicht wirklich das Bedürfnis, wieder das Bewusstsein zu verlieren und sei es nur für ein paar Stunden des Schlafes.

Er wollte alleine sein und alleine hieß, nicht in einem Raum mit einen anderen, selbst wenn der schlief. Also war er aus dem Krankenzimmer geschlichen und hatte sich in sein Wohnzimmer verzogen. Wie schon in der heulenden Hütte empfand er die Atmosphäre des vertrauten Mobiliars als tröstlich und er lehnte sich bequem auf seinem Sofa zurück.

Die Flammen im Kamin knisterten leise und wohlige Wärme machte sich im Raum breit. Das weiche Licht des Feuers tauchte den Raum in eine friedliche und sanfte Stimmung, in der die Zeit wie Sirup zu tropfen schien und jeder Moment einer Ewigkeit nahe kam.

Langsam begann Remus sich zu entspannen und der Horror der Stunden in der heulenden Hütte fiel langsam von ihm ab. Er legt die Füße hoch und sein Kopf sank auf die Lehne, als es leise an der Tür klopfte.

Träge und gefangen in der Entspannung des Raumes murmelte er: „Herein."

Als er das leise Knarren der Tür hörte, drehte er den Kopf in die Richtung.

Sein Herz machte einen Satz, als er Carol im Türrahmen stehen sah und er glaubte, das plötzliche Hämmern seines Herzens müsse bis zur Tür hörbar sein.

Carol hatte die Tür geöffnet und blickte nun in Remus' Wohnzimmer. Er saß auf dem Sofa, die Beine hochgelegt und den Kopf zu ihr gedreht. Langsam ging sie auf ihn zu und musterte ihn aufmerksam. Er war blass und sah ausgezehrt aus, aber ein Funken glühte in seinen Augen, den sie unschwer identifizieren konnte.

„Störe ich Dich?"

„Nein.. ich… äähh… nein." Er stockte, schwieg dann und sah sie nur noch an.

Carol ging ein paar Schritte in den Raum und schloss die Tür hinter sich, dann blieb sie stehen und sah ihn wortlos an.

Remus erhob sich, ging auf sie zu und blieb erst wenige Zentimeter vor ihr stehen. Sie stand einfach da und sah in seine Augen und er glaubte in diesem Blick zu versinken.

Und wie schon einmal hob sie ihre Hände an sein Gesicht. Ohne den Blick von ihm zu lösen strichen ihre Finger voll unausgesprochener Zärtlichkeit über sein Gesicht, zeichneten die Konturen nach und streiften sanft seine Lippen. Dann fuhren ihre Finger in seine Haare und verschränkten sich in seinem Nacken.

Ein leichtes Zaudern überkam ihn, aber er rief sich die Wärme ins Gedächtnis, in die die zärtlichen Hände auf seinem Gesicht ihn gehüllt hatten. Wie in Zeitlupe hob er die Arme und zog Carol an sich. Sie legte den Kopf zurück und hörte nicht auf, ihn anzusehen, während sie sich in seiner Umarmung an ihn schmiegte. Langsam näherte ihr Gesicht sich seinem und sie drehte den Kopf, bis ihre Lippen nur noch einen Millimeter von seinem Ohr entfernt waren. Er spürte ihren warmen Atem über seine Haut streichen und vernahm ihre Stimme fast unhörbar: „Ich hatte schreckliche Angst um Dich, Remus. Du bist die Sonne für mich, ohne Dich muss ich im Dunkeln erfrieren."

Ohne ein Wort zu sagen drückte Remus sie an sich, unfähig seinen Gefühlen anders Ausdruck zu verleihen und als sie ihr Gesicht wieder ihm zuwandte, küsste er sie lange und mit der ganzen aufgestauten Liebe, die er in sich fühlte und die so sehr danach drängte endlich ans Licht zu gelangen.

Sein Herz raste und er meinte, es müsse zerspringen, als ihm ihre Erwiderung des Kusses klar machte, dass ihre Worte kein Traum gewesen waren.

Nach einem schier endlos scheinenden Kuss löste er sich vorsichtig von Carol und sah sie an, als wäre sie eine Erscheinung. Sie lächelte ihn an, auch ihr fehlten plötzlich die Worte, ihm zu sagen, was sie fühlte.

Sie sanken auf das Sofa und atmeten die Stille des Raumes ein. Als wäre die Zeit um sie herum zum Stillstand gekommen, als wären sie zum Zentrum des Universums geworden und drehten sich in einem langsamen Walzer durch Raum und Zeit.

Ihre Hände begannen sich gegenseitig zu streicheln und ihre Körper zu erkunden, während sie nicht aufhören konnten, sich zu küssen und nach Ewigkeiten der Zärtlichkeit hob Lupin sie hoch und trug sie in sein Schlafzimmer.

„Wir müssen nur aufpassen, dass wir Dich ins Krankenzimmer zurückbekommen, bevor Augusta merkt, dass Du weg warst", sagte Carol in einem verschwörerischen Tonfall, als er sie auf seinem Bett absetzte.

Remus grinste etwas verlegen, zwinkerte ihr dann aber zu und sie ließen sich wieder von den Wellen ihrer Leidenschaft davon spülen.

Mark Tensborrow hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Er hatte nur wenige Stunden geschlafen und selbst die waren voller verwirrender und erschreckender Träume gewesen. Seine Mutter war durch seine Träume gegeistert und eine gesichtslose Gestalt, von der er fest annahm, dass es sein Vater war. Seine Mutter hatte ihn zu einem See gezerrt und war hineingesprungen, bevor sein Vater sie erreichen und daran hindern konnte. Sie hatte ihn mit sich gerissen und sie waren rasend schnell tiefer und tiefer gesunken. Und gerade als er geglaubt hatte, gemeinsam mit ihr ertrinken zu müssen, hatte eine schmuckbehangene alte Dame sie zur Seite geschoben. Die alte Frau hatte ihn gütig und aufmunternd angesehen, den Mund geöffnet und lächelnd gesagt: „Nun beweise, dass Du ein wahrer Tensborrow bist". Dann hatte sie ihn angestoßen und wie von einem unsichtbaren Motor getrieben raste er nach oben auf die Wasseroberfläche zu. Doch trotz der atemberaubenden Geschwindigkeit schien das Licht oben immer weiter entfernt zu sein und er merkte, dass er es nicht schaffen würde, mit dem Rest seines Atems die Oberfläche zu erreichen.

Gerade als ihm die Sinne zu schwinden begannen, spürte er eine kräftige Hand, die ihn mit einem Ruck aus dem See zog und sah seinen Vater, der ihn gerettet hatte. Er beugte sich wieder über das Wasser, streckte den Arm hinein, um seine Mutter zu erreichen und auch aus dem Wasser zu ziehen, doch der See wurde trübe und er konnte nichts mehr erkennen. Als er sich wieder seinem Vater zuwandte, sah er in das strenge Gesicht Severus Snapes, der ihn aus seinen unergründlichen fast schwarzen Augen eindringlich musterte.

Gerade, als Mark ihn fragen wollte, ob er ihm helfen könne, etwas Klarheit in sein Leben zu bekommen, erwachte er schweißgebadet und schrecklich verwirrt.

Er stand auf, duschte und verließ das Haus seiner Familie, um in den noch schlafenden Strassen Londons einen klaren Kopf zu bekommen.

Lange wanderte er durch die Gegend, ohne zu bemerken, wohin er eigentlich ging. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er konnte einfach nicht glauben, dass alles, was seine Mutter ihm beigebracht hatte so falsch gewesen sein sollte. Ihr ganzes Leben, ihre Lebensart und ihre Überzeugungen wurden in Frage gestellt und Mark fühlte, dass ihn das überforderte. Er brauchte Hilfe, wie er nie zuvor in seinem Leben Hilfe gebraucht hatte.

Sein Traum fiel ihm wieder ein und das Gesicht seines Mentors. Aber Snape war die falsche Person für seine Zweifel und Befürchtungen, überlegte Mark. Severus Snape war der aufrechteste Mann, den er jemals getroffen hatte und ein treuer und standhafter Gefolgsmann Voldemorts. So sehr er Snape bewunderte, er würde ohne Zweifel in der Achtung seines Mentors ins Bodenlose fallen, wenn er an der Geschichte seiner Familie und an den Zielen der Todesser Zweifel äußerte. Ihm lag zuviel an diesem Mann, den sein Traum ja nicht ohne Grund an die Stelle seine Vaters gesetzt hatte. Zwar wusste er über Severus Snape ebenso wenig wie über seinen Vater, aber das konnte ihn nicht davon abhalten, ihm genauso viele Gute Eigenschaften zuzuordnen. Ihn mit seinen Gedanken zu behelligen kam gar nicht in Frage, für Severus Snape würde er weiterhin den treuen und eifrigen Schüler der Todesser spielen, damit dieser ihn weiterhin förderte.

Aber was sollte er nun tun? Er konnte sich einfach nicht vorstellen, an wen er sich sonst noch wenden konnte. Eigentlich fiel ihm nur ein einziger Mann ein, den er in seiner kurzen Zeit bisher bei den Todessern erlebt hatte, der nicht immer das Wohlgefallen des dunklen Lords erregt hatte, wie man Mark hinter vorgehaltener Hand berichtet hatte.

Lucius Malfoy schien vielleicht eher jemand zu sein, an den man sich mit seinen Zweifeln und Überlegungen wenden konnte.

Mark bekam langsam Kopfschmerzen vom Grübeln und merkte, dass ihm der Magen knurrte. Er beschloss, nach Hause zurück zu gehen und erstmal etwas zu essen, um dann ein paar Eulen abzuschicken. Irgendwo musste es doch Rat und Hilfe geben, denn er war nicht der Mensch, der gerne aufgeben wollte.

Am Morgen saß Carol schon früh in der Küche und trank mit einem unbeschreiblich glücklichen Gesichtsausdruck einen Becher Kaffee, den Winky wie jeden Morgen zubereitet hatte, als sich die Tür öffnete und Augusta mit strenger Miene die Küche betrat.

Sie nahm sich betont gleichmütig Kaffee, Croissants und Marmelade, während sie Carol unverhohlen musterte.

„Ich habe durchaus zur Kenntnis genommen, dass Mr. Lupin sich nicht durchgehend in seinem Krankenbett aufgehalten hat, auch wenn er heute ganz früh das Bad aufgesucht hat, um mir aus dem Weg zu gehen", sagte sie, während sie scheinbar völlig konzentriert Marmelade gleichmäßig auf dem Croissant verteilte.

Carols Lächeln wuchs in die Breite und obwohl sie sich bemühte einen angemessen ernsthaften Gesichtsausdruck zu bewahren, schaffte sie es nicht, so auszusehen, als würde sie diese Tatsache besonders beunruhigen.

„Nun ja", fuhr Augusta mit einem Zwinkern fort, das ihre strenge Miene Lügen strafte, „sein Zustand war nicht kritisch und ich wollte ihn ja nur überwachen. Ich bin sicher, wo auch immer er gewesen ist, es wird ihm gut getan haben."

Sie ignorierte, dass Carol errötete und deutete auf den inzwischen gut gefüllten Frühstücksteller: „Ich werde jetzt meinem verbliebenen Patienten das Frühstück bringen, bevor auch er möglicherweise noch auf Abwege gerät. Richten Sie Mr. Lupin aus, dass ich ihn nach dem Frühstück im Krankenzimmer zu einer abschließenden Untersuchung und Verabreichung verschiedener Tränke erwarte."

Ohne eine Antwort abzuwarten rauschte sie aus dem Zimmer, aber Carol konnte sehen, dass sich ein Schmunzeln auf ihr Gesicht gestohlen hatte und wusste, die Heilerin war nicht ernstlich böse auf sie.

Kurze Zeit nach Augusta betrat Remus die Küche. Er beugte sich über Carol, küsste sie zärtlich und sagte lächelnd: „Mmmmh… Du schmeckst nach Kirschen."

Carol lachte und schob ihm einen fertigen Marmeladentoast zu.

„Augusta weiß, dass Du die Nacht nicht im Krankenzimmer warst", sagte sie und reichte ihm Tee.

„Oh."

Remus verdrückte den Toast und machte sich über Eier und Schinken her, die Winky gerade auf den Tisch gestellt hatte. Die kleine Elfe sah ihn erstaunt an, wuselte dann aber schnell davon, um mehr zu holen.

Der Vormittag verlief ohne Aufregungen und Remus bekam von Augusta bescheinigt, sich in allerbester Verfassung zu befinden, was Carol mit einem schelmischen Lachen kommentierte und der Bemerkung, dass sie diese Diagnose auch hätte stellen können.

Gegen Mittag trafen Kingsley und Mundungus ein. Seit Winky am Grimmauldplatz arbeitete und die festen Bewohner des Hauses mit regelmäßigen Mahlzeiten versorgte, kam besonders Mundungus häufiger vorbei.

Die Weasleys waren wieder im Fuchsbau und Snape ließ sich weiterhin nicht außerhalb des Krankenzimmers sehen. Er studierte alte Folianten und Schriften, um mehr Informationen über den Janus-Tank zu finden. Da nur eine einzige Blüte zur Verfügung stand, durfte es keine Fehler geben. Und Snape war nicht der Mensch, der so etwas anfangen würde, wenn er nicht absolut sicher war, dass es hundertprozentig erfolgreich sein würde.

Am Nachmittag saßen wieder mehrere Ordensmitglieder zusammen und redeten über die verschiedenen Informationen und Nachrichten.

Moody war entsetzt über die Neuigkeiten über Askaban und die Dementoren. Auch die Flucht von Spangle und den kürzlich erst inhaftierten Todessern sorgte für Besorgnis. Es war klar, dass dem Ministerium die Kontrolle über die Situation mehr und mehr zu entgleiten drohte und nichts konnte schlimmer sein, als Todesser, die ganz genau wussten, dass sie Oberwasser bekamen.

Carol hörte sich alles an und teilte die Sorge der Ordensmitglieder.

Jaspers Tod lastete noch immer schwer auf ihr und die Trauer wetteiferte mit dem neu entstanden Glücksgefühl, das Remus in ihr ausgelöst hatte. Tief in ihrer Seele fühlte sie, wie Jasper sie umarmte, ihr die Tränen über seinen Tod abwischte und ihr leise Worte zuflüsterte, wie froh es ihn machte, sie so sehr geliebt zu sehen.

Sie lächelte bei dem Gedanken.

Nach einigen Unterhaltungen erklärte Carol, sie wolle unbedingt in nächster Zeit zu Jaspers alter Hütte, um zu sehen, was er sonst noch so hinterlassen habe. Remus wollte sie begleiten, doch sie winkte lächelnd ab. Das war etwas, das sie alleine machen wollte.

Also beschloss Remus, die Zeit zu nutzen, und ein paar Dinge zu erledigen, um die Dumbledore ihn gebeten hatte.

Jeder ging seiner Wege und es wurde wieder still in der Küche, wo bald nur noch Winkys trippelnde Schritte zu hören waren.