Kapitel 24: An verschiedene Türen wird geklopft
Mark Tensborrow klopfte an die beeindruckende Tür von Malfoy Manor. Dunkles Holz mit wertvollen Einlegearbeiten und messingfarbenen Beschlägen zierten den Eingang des imposanten Gebäudes. Ihm war etwas mulmig zumute, denn er kannte die Familie eigentlich kaum. Dazu kam, dass seine Mutter immer voller Bewunderung von den Malfoys gesprochen hatte und ihn das nicht so sehr in seinem Vorhaben bestärkte, ein offenes Ohr für seine Zweifel und Bedenken zu finden. Trotzdem hatte er keine andere Lösung gesehen. Immerhin waren die Informationen seiner Mutter veraltet und er selber hatte mehrere Male mitbekommen, dass Malfoy scheinbar nicht mehr so hoch in der Achtung des dunklen Lords stand.
Dann war er auch noch nach Askaban gebracht worden, ohne dass der dunkle Lord darüber im Mindesten besorgt zu sein schien. Mark erschien das als eine gute Basis, denn wer würde nach all dem nicht zumindest Verständnis für Zweifel haben. Zwar war seine Eule, in der er um ein Gespräch mit Lucius bat nicht beantwortet worden, aber seine Verzweiflung ließ keinen weiteren Aufschub zu. In seinem Haus konnte er sich seit dem gestrigen Abend kaum mehr aufhalten, denn er hatte das Gefühl, der prüfende Blick seiner Großmutter würde ihn aus jedem Gemälde des Hauses verfolgen. Und nach dem Traum in der Nacht und seiner endlosen Wanderung in den Morgenstunden schwirrte ihm der Kopf und ließ kaum noch einen klaren Gedanken zu.
Er hatte einfach nur noch den Wunsch, das verzweifelte Sehnen, diese Last zu teilen, sie nicht mehr alleine tragen zu müssen. Es fühlte sich an, als würde ein unsichtbarer Eisenstempel ihn zerquetschen und je mehr er darüber nachdachte, desto schlimmer wurde das Gefühl.
„Was wollen Sie?"
Eine melodische weibliche Stimme schreckte Mark aus seinen Gedanken und er sah auf die Tür, die inzwischen geöffnet worden war. Eine schöne, blonde Frau stand vor ihm. Ihre Haltung war aristokratisch, ihre Züge edel und ihre Haut wirkte wie Alabaster. Mark, der den größten Teil seines Lebens in Spanien verbracht hatte stockte der Atem. Zwar gab es dort atemberaubend schöne Frauen, wie auch seine Mutter eine gewesen war, aber das war ein völlig anderer Typ Frau als diese kühle, unnahbare Schönheit. Er konnte seine Augen nicht von ihrem Gesicht abwenden, als ihre Stimme wieder erklang, diesmal mit einem ungeduldigen Unterton und ihn aus seinen Träumereien riss.
„Wer sind Sie und was wollen Sie hier?"
Er holt tief Luft, lief leicht rosa an, als er merkte, dass sein Starren sehr offensichtlich gewesen war und erwiderte mit leicht zitternder Stimme: „Mein Name ist Mark Tensborrow und ich würde gerne Mr. Malfoy in einer dringenden Angelegenheit sprechen."
Die Frau hob die Augenbrauen.
„Mein Mann ist nicht einfach so zu sprechen, junger Mann."
„Ich habe eine Eule geschickt und es ist wirklich ausgesprochen dringend. Es handelt sich um eine Angelegenheit von… nun ja… von…" er stockte, straffte sich dann und fuhr fort: „es betrifft den dunklen Lord und einige seiner Leute."
Narcissa war bei seinen Worten leicht zusammen gezuckt, hatte aber innerhalb von Sekunden ihre Fassung wieder erlangt und sagte nun kalt: „Mein Mann ist in wichtigen Angelegenheiten unterwegs und ich weiß nicht, wann ich ihn zurück erwarten kann."
Sie musterte den jungen Mann vor ihrer Tür, der dort stand und aussah, als koste es ihn alle Kraft, hier zu sein und ihre Gedanken schweiften kurz zu ihrem eigenen Sohn. Ein wenig sanfter fuhr sie fort: „Ich fürchte, sie werden sich jemanden anderes suchen müssen, der ihnen in ihrer dringenden Angelegenheit weiterhilft, Mr. Tensborrow."
Damit schloss sie die Tür und Mark stand wie vom Donner gerührt davor. Er hatte sich viele Möglichkeiten ausgemalt, wie das Gespräch würde laufen können, aber dass es überhaupt kein Gespräch gab, damit hatte er nicht gerechnet.
Langsam machte sich wieder die Verzweiflung in ihm breit und er musterte die geschlossene Tür einen Moment lang mit der Überlegung, noch einmal zu klopfen und die Frau anzuflehen, ihn zu Lucius Malfoy zu lassen.
Doch er verwarf den Gedanken wieder, sein Stolz würde ihm das nicht erlauben und außerdem musste er nun eben sehen, wie er alleine weiterkam. Deprimiert mache er sich auf dem Heimweg, seine Gedanken schweiften immer wieder zu der Familie seines Vaters und zu der Geschichte dieser Familie, die doch auch seine war.
Langsam bewegte sich Lupin auf den Pavillon zu, in dem er die zwei Leute erwartete, die laut einem Brief von Hagrid mit wichtigen Informationen zu ihm wollten. Hagrid hatte sich nur sehr schwammig ausgedrückt, aber in seinem Brief waren Zeitpunkt und Ort sehr klar. Jetzt sollte er sich hier im Park an diesem Pavillon mit zwei Personen treffen, die von Olympe über Hagrid zu einem Ordensmitglied geschickt werden sollten.
Lupin war vorsichtig, denn er erinnerte sich lebhaft an die Falle, in die Snape getappt war. Andererseits war das hier natürlich ein anderer Fall, den Hagrid war vertrauenswürdig, was man von Snapes Kontakten in Voldemorts Reihen nun wirklich nicht behaupten konnte.
Trotzdem hatte er ein ungutes Gefühl und bewegte sich vorsichtig und langsam auf den Pavillon zu.
Er lag verlassen da im sanften Licht der Nachmittagssonne und Remus begann zu überlegen, ob die Information an Hagrid falsch gewesen war, oder ob Hagrid selber ein Fehler unterlaufen sein konnte. Geduldig wartete er, doch als auch eine Stunde nach Ablauf der abgegebenen Zeit niemand auftauchte machte er sich klar, dass hier etwas gründlich schief gelaufen sein musste.
Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und apparierte nach Hogsmead.
Ein Schaudern lief ihm über den Rücken, als er daran dachte, wie er das letzte Mal hierher gekommen war.
Unbemerkt und ohne einen Laut folgte der schwarze Schatten Lupin. Er war schon im Park immer in Sichtweise gewesen und nun hier mit einer geringen Verzögerung aufgetaucht, um ihm auf die Ländereien des Schlosses zu folgen. Er würde sich nicht abschütteln lassen, er glitt lautlos um sein Ziel herum, immer bereit mit den Schatten der Umgebung zu verschmelzen, aber ebenso bereit, blitzschnell zuzuschlagen, um endlich seine Aufgabe zu erfüllen, wenn die Zeit gekommen und die Umstände passend waren.
Lupin bewegte sich über das Schlossgelände und sah sich genauer um.
Still lag es da, der Nachmittagsunterricht schien noch voll im Gange zu sein, denn es waren draußen keine Kinder zu sehen. Ihm kamen ein paar sentimentale Gedanken, als er an sein Jahr als Lehrer zurück dachte, dann verscheuchte er diese Gedanken und konzentrierte sich auf das Kommende.
Er blickte über den See, der merkwürdig still und unbelebt wirkte. Hastig vertrieb er einen aufkommenden Gedanken an Jasper und die Szene mit dem alten Meermann. Er runzelte die Stirn und überlegte, ob es an dieser fröhlichen Erinnerung lag, dass der See so eigenartig unbelebt wirkte. Langsam machte er sich auf den Weg zu Hagrids Hütte, doch die lag verlassen da und kein Rauch stieg aus dem Kamin auf, wie es sonst immer der Fall war.
Er beschleunigte seine Schritte, doch als er die Tür erreichte, sah er, dass sein Eindruck ihn nicht getäuscht hatte. Ein Zettel war mit einem Nagel an der Holztür befestigt, auf dem in großer, krakeliger Schrift stand:
Lieber Harry,
wenn Du Fang fütterst, dann denk bitte daran, dass er zur Zeit keine Leber verträgt. Beim letzten Mal musste ich die ganze Hütte ausräuchern wegen der Folgen, also bitte vergiss das nicht.
Falls Du, Ron und Hermine noch Zeit haben, wäre es nett, wenn ihr noch nach Grawp sehen könntet, damit er nicht einsam wird und noch auf dumme Gedanken kommt.
Tja, ich melde mich wieder, wenn ich aus Irland wieder da bin.
Hagrid
Irland.
Lupin überlegte einen Moment, was Hagrid nach Irland verschlagen haben könnte, dann aber überlegte er sich, dass er am ehesten im Schloss Antworten finden würde. Er betrat das Gebäude durch einen Nebeneingang und ging über einige nur wenigen Menschen bekannte Abkürzungen zu dem Korridor in dem Minerva McGonagalls Büro lag. Wieder einmal stellte sich die Zeit als Herumtreiber als ausgesprochen nützlich heraus dachte er mit einem Schmunzeln, als er daran denken musste, wie seine Freunde und er durch diese Gänge und Winkel des Schlosses gestreift waren, immer auf der Suche nach einem neuen Abenteuer oder mit einem neuen Plan für fürchterlichen Unsinn. Ein breites Grinsen eroberte sein Gesicht und ließ ihn für einen Moment jung und verwegen aussehen, dann rief er sich zur Ordnung und hob den Arm, um an die Bürotür der Gryffindor-Hauslehrerin zu klopfen.
Er wurde sofort eingelassen und Minerva hatte sich sehr schnell wieder im Griff, nachdem ihr Gesicht eine Sekunde lang Erstaunen gezeigt hatte.
Er berichtete ihr von dem geplatzten Treffen und von dem Zettel an Hagrids Hütte.
Sie hörte ihm genau zu und stimmte ihm zu, dass entweder Hagrid einen Fehler gemacht hatte, oder selber das Opfer einer Intrige geworden war.
Merkwürdig erschien, dass sie nichts von diesem Treffen wusste. Dumbledore konnte man nicht fragen, denn er war zurzeit nicht im Schloss, sondern wieder einmal in allergeheimster Mission unterwegs.
Minerva wusste allerdings, wo Hagrid war und warum er nach Irland gereist war.
Es gab dort eine große Gruppe Zentauren, die scheinbar schreckliche Schwierigkeiten mit der Bevölkerung hatten und durch einen Angriff von Todessern schrecklich Verluste erlitten hatten. Da sie dort keinerlei Hilfe von der magischen Bevölkerung zu erwarten hatten, ließen sie in einer Nachricht an Firenze durchblicken, sie wären nicht abgeneigt, sich dem Kampf gegen die Todesser anzuschließen, wenn man ihnen einen friedlichen Platz zum Leben bieten könne.
Firenze, der in jener Herde einen Cousin hatte, von dem auch die Nachricht stammte, war damit sofort zu Dumbledore geeilt, welcher meinte, auf den Ländereien von Hogwarts gäbe es nun wirklich genug Platz, um die Unterbringung der Herde zu sichern. Daraufhin wollte Firenze sofort aufbrechen, doch Dumbledore legte ihm ans Herz, Hagrid mitzunehmen, für alle Fälle.
Hagrid war natürlich sofort einverstanden und so waren sie vor ein paar Tagen abgereist, schloss Minerva ihren Bericht.
Gemeinsam mit Remus überlegten sie, was nun zu tun sein und kamen zu dem Schluss, Remus solle Hagrid hinterher reisen, da die Geschichte mit dem angeblichen Treffen keinen Aufschub zuließ, immerhin konnte es auch sein, dass Hagrid Gefahr drohte.
Lupin lieh sich eine der Schuleulen, schickte eine Nachricht mit der genauen Ortsangabe, wo er Hagrid suchen wollte an den Orden und verließ das Schulgelände um zu apparieren.
Carol stand vor Jaspers Hütte und blickte sich um. Friedlich war dieser Ort und erfüllt von der Magie des Wassers. Auch wenn die Hütte mitten im Wald lag, die Quelle, die in der Nähe entsprang und wegen der Tonks überhaupt auf Jasper gestoßen war, beeinflusste das Land und Carol wusste, dass das noch immer die Spuren Jaspers waren, die hier wirkten.
Sie schloss die Augen. Es kam ihr vor, als wäre es Jahre her gewesen, dass Tonks mit verbundenem Knöchel zerrupft und zerzaust und mit glühenden Wangen von dem unheimlichen Fremden berichtet hatte. So viel war seither geschehen und so wenig Zeit war gewesen, um Atem zu holen.
Carol ließ sich ins Gras sinken und versuchte sich zu entspannen. Sie musste Kraft sammeln, denn es lag so vieles vor ihnen, was so schwer zu bewältigen sein würde. Sie seufzte und begann eine Meditationsübung, die ihre Mentorin ihr vor langer Zeit beigebracht hatte. Langsam verschwammen die Gedanken und eine ruhige Kraft stieg aus dem Boden auf, die sie einhüllte und langsam von ihr absorbiert wurde.
Nach einer Weile erhob sie sich und betrat die Hütte. Einen Moment lang mussten sich ihre Augen an das Zwielicht gewöhnen, dann sah sie sich um.
Der Raum war gemütlich eingerichtet und auf diversen Regalen lagen und standen die unterschiedlichsten Folianten, Dosen, Gläser und sonstige Dinge, von denen Carol nicht mal erahnte, was sie sein könnten.
In der Ecke auf einer Stange erkannte sie Coco, Jaspers hellbraune Eule. Sie musste lachen, als sie sich daran erinnerte, wie sie Coco das erste Mal gesehen hatte. Die Eule war wie ein Stein vom Himmel gestürzt und hatte den Sturzflug erst direkt vor Jasper abgebremst, um dann auf seiner Schulter zu landen. Er hatte schallend über ihren Gesichtsausdruck gelacht und ihr erklärt: „Deshalb heißt sie Coconut, weil sie wie eine Kokosnuss von der Palme fällt."
Carol schmunzelte noch über die Erinnerung an diese Begegnung, damals hatte sie Jasper für etwas skurril gehalten, eine Eule als Haustier zu halten, ohne eine Ahnung, was für eine Bedeutung das wirklich hatte.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke und sie runzelte die Stirn. Vor ein paar Tagen noch hatte Jasper ihr erzählt, Coco wäre bei seiner Mutter geblieben und er wolle sich hier in England nach einer Eule umsehen, die ihm während seines Aufenthalts hier die Post bringen sollte.
Aber was tat Coco dann hier?
Langsam ging sie auf die Eule zu, die sie erkannte und freundlich schuhute. Sie streckte Carol ein Bein entgegen, an dem ein Brief befestigt war. Carol sah erstaunt darauf, dann nahm sie vorsichtig den Brief ab. Auf dem Pergament stand deutlich ihr Name und sie runzelte ein weiteres Mal die Stirn. Coco wandte sich wieder dem Wasser und der Schale mit den Eulenkeksen zu und beachtete sie nicht weiter.
Carol starrte auf ihren Namenszug auf dem Papier, dessen Schrift ihr vage bekannt vorkam. Nach einem weiteren Moment des Grübelns wurde ihr plötzlich klar, woher sie die Schrift kannte. Es waren die präzisen Striche, die sie immer so an Jaspers Mutter bewundert hatte. Die alte Frau hatte viele ihrer Rezepte und Rituale aufgeschrieben und Carol hatte es geliebt, ihr dabei zuzusehen. Es kam ihr immer vor wie Kunst, wenn diese Frau schrieb, zumal sie darauf bestanden hatte, altmodisch mit Feder und Tinte zu schreiben. Kummer erfüllte ihr Herz, als sie daran dachte, was es für seine Mutter bedeuten musste, dass Jasper sich für sie alle geopfert hatte. Sie steckte den Brief ungelesen in ihre Tasche und machte sich daran, die verschiedenen Bücher und Behältnisse aus Jaspers Nachlass zu untersuchen. Vieles von dem, was sie fand, verstand sie nicht, steckte es aber trotzdem in einen großen Beutel, weil sie sich dachte, es würde im Orden sicherlich jemanden geben, der mehr damit anzufangen wusste. Nach einer langen Zeit, sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren, war sie fertig mit der ersten Sichtung und Sortierung. Sie verließ die Hütte und ließ sich wieder im Gras davor nieder. Zu schön und zu friedlich war es hier, um nicht noch einen Augenblick zu verweilen.
Schließlich machte sie sich auf den Weg zurück zum Grimmauldplatz, wo Kingsley sie schon erwartete.
Er erzählte ihr von der Eule mit Lupins Erlebnissen und sie erklärte sofort entschlossen: „Ich werde nach Irland reisen und ihn unterstützen."
Es war ziemlich offensichtlich, dass sie sich nicht würde aufhalten lassen und so wurde beschlossen, dass Kingsley sie begleiten sollte.
Carol brachte noch den größten Teil der Dinge aus Jaspers Hütte in ihr Zimmer, packte eine Tasche zusammen und ging dann etwas befangen in Remus Zimmer, um auch für ihn etwas zusammen zu packen. Zwar hatte er ihr gesagt, sie könne sich hier jederzeit wie zu Hause fühlen, aber ganz wohl war ihr nicht bei der Sache. Schnell erledigte sie das Packen und ging noch einmal in das Krankenzimmer, in dem Snape wie so oft an seinem Tisch saß und über Tiegeln, Phiolen und Kräutern brütete. Er sah auf, als er sie sich dem Tisch nähern sah und musterte sie.
„Du gehst?"
„Ich muss nach Irland, Remus ist dort irgendetwas auf der Spur."
Er nickte stumm.
Gerade als sie sich umdrehen wollte sagte er leise: „Pass auf Dich auf, bitte. Und…"
Sie drehte sich um, lächelte ihn an und sagte: „Klar. Du weißt, ich bin eine Meisterin des Aufpassens."
Ein Blitzen schien seine Augen zu erhellen, dann sagte er wieder so ruhig wie zuvor: „Und nimm davon ein paar mit." Er griff in ein Regal und reichte ihr einige kleine Phiolen mit trübrotem Inhalt.
„Heiltränke. Wer weiß in was Hagrid da hinein geraten ist." Er verzog das Gesicht und seine Oberlippe kräuselte sich verächtlich.
Carol dankte ihm, stopfte die Phiolen in ihre Reisetasche und beugte sich vor, um ihn zu umarmen.
Er wich ihr aus und knurrte: „Jetzt werd nicht sentimental. Du gehst Remus suchen, der sich wieder einmal in eine Situation gebracht hat, in der er gesucht werden muss, nichts weiter. Wir sehen uns spätestens in ein paar Tagen."
Carol lächelte und verließ den Raum.
Kingsley erklärte ihr, er habe einen öffentlich zugänglichen Kamin in einem Pub nahe dem angegebenen Ort ausfindig gemacht, den sie für ihre Reise benutzen könnten. Sie gingen in die Küche, wo Winky mit einem enormen Paket auf sie wartete. Erstaunt sahen sie die kleine Elfe an.
„Bitte sehr, Miss Carol, hier sind Brote und Obst und viel rohes Gemüse und Kuchen." Sie jappste nach Luft und fuhr fort. „Es ist nur, weil ich erfahren habe, dass Miss Carol und Mister Lupin ein paar Tage außer Haus sein werden und man nie sicher sein kann, was man unterwegs bekommt." Wieder schnappte sie nach Luft und fügte dann sehr leise hinzu: „Und wo doch Mr. Lupin jetzt so gerne isst."
Carol lachte und bedankte sich überschwänglich bei der Elfe, die hochzufrieden die Küche verließ.
Immer noch lachend drehte sich Carol zu Kingsley um, der frech grinsend am Kamin lehnte. „Soso, Mr. Lupin isst doch in letzter Zeit so gerne…" Er prustete los und konnte sich gerade noch rechtzeitig ducken, als Carol eine der Reisetaschen nach ihm warf.
Gemeinsam reisten sie nach Shanballin, wo sie in einer äußerst schäbigen Gaststube aus dem Kamin traten. Hinter der Theke stand eine schmuddelige Hexe, die sie mürrisch musterte.
„Den Kamin benutzen kost' ne Runde", sagte sie, grinste breit und offenbarte damit eine beeindruckende Anzahl von Zahnlücken.
Carol und Kingsley sahen sich im Schankraum um, doch der war völlig verlassen. Die Hexe grinste weiter breit und schenkte drei ausgesprochen schmierig aussehende Gläser voll mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit.
„Muggelwhiskey", erklärte sie ungefragt und stürzte den Inhalt ihres Glases ohne weitere Umschweife herunter.
Kingsley sah zu Carol, die zuckte mit den Schultern.
„Wir suchen…", setzte sie an, wurde aber unterbrochen durch eine herrische Geste in Richtung der Gläser.
Sie tranken und während ihr Begleiter etwas erschrocken das Gesicht verzog, stellte Carol fest, dass es sich um einen ganz hervorragenden irischen Malt handelte. Sie betete nur im Stillen, dass der hohe Alkoholanteil in dem Getränk allem, was das schmierige Glas zuvor bevölkert hatte nachhaltig den Garaus gemacht hatte.
Nachdem sie ihre Gläser geleert hatten, fragte Carol, ob in der Gegend ein großer Mann aufgefallen sei, den Zentauren verschwieg sie wohlweislich. Die Hexe schüttelte den Kopf, aber auf die Frage nach einem Mann mit der Beschreibung Lupins nickte sie.
„Aber ne Auskunft kost' ne Runde", erklärte sie mit nachdrücklichem Nicken.
Das Ritual wiederholte sich und Carol fürchtete, dass dieser Ausflug in einer Katastrophe enden würde. Dann allerdings erklärte die Wirtin, dass der Mann nach dem Weg zu der Ruine der alten Kapelle gefragt hatte. Sie hatte ihm den Weg zum üblichen Preis erklärt.
Carol fragte nach einer Unterkunft, doch die Alte erwiderte nur, sie hätte keine Zimmer.
„Das lohnt sich nich'. Hier kommt eh keiner her. Und wenn, dann willer nich bleiben. Wozu auch, hier gibt's ja nix."
Sie schenkte Carol ein weiteres zahnlückenreiches Grinsen und ein völlig unverständliches, verschwörerisches Augenzwinkern.
Carol lächelte zurück und wandte sich dann an ihren Begleiter: „Ich danke Dir, dass Du mich hergebracht hast. Ich schätze, ich finde Remus jetzt alleine", sagte sie.
„Bist Du sicher? Ich denke, ich kann noch ein paar Stunden fortbleiben, wenn Du mich brauchst."
„Danke, ich komme zurecht. Das hier ist Muggelgebiet und da bin ich zuhause, vergiss das nicht", sagte sie mit einem freundlichen Lächeln.
Shacklebolt nickte, dann drückte er ihr fest die Hand und sagte zum Abschied: „Pass auf Dich auf, ok? Und auf Remus. Oder lass ihn auf Dich… ach was… passt auf Euch gegenseitig auf. Und meldet Euch, sobald ihr etwas herausgefunden habt."
Er deutete auf zwei zerzaust aussehende Eulen, die auf einem Brett hinter dem Tresen hockten und fast wie ausgestopft aussahen.
„Eulen benutzen kost'…"
Carol und Kingsley sagten einstimmig: „ne Runde", und lachten gemeinsam mit der Wirtin.
„Kluge Leute seid ihr, solche Gäste sind mir die Liebsten, wenn man nich dauernd immer alles erklären muss."
Sie begann die benutzen Gläser mit einem Lappen auszuwischen, der vieles erklärte, was Carol über die Bewohner der Gläser schon vermutet hatte.
Kingsley bezahlte die Rechnung, winkte noch einmal warf Flohpulver in den Kamin, durch den er direkt darauf verschwand.
Carol verließ das Pub und machte sich auf den Weg zu der beschriebenen Ruine. Die zahnlose Hexe hatte ihr den Weg genau erklärt und im Licht des späten Nachmittags hatte sie keinerlei Schwierigkeiten der Wegbeschreibung zu folgen. Allerdings fühlte sie sich wie ein Packesel mit den zwei Reisetaschen und dem gigantischen Dinner-Paket von Winky. Sie überlegte kurz, eine Rast einzulegen und einen Teil des Pakets aufzuessen, um die Schlepperei erträglicher zu machen, entschied sich dann aber dagegen.
Nach einer weiteren halben Stunde Fußmarsch, der sie leider immer weiter bergauf führte, erkannte sie die beschriebene Ruine. Sie ging darauf zu und entdeckte Lupin, der auf einer halb zusammengebrochenen Mauer saß und ins Tal hinunter starrte.
Sie rief ihn und kletterte dann in die Ruine. Er sah auf, und als er sie erkannte, kam er mit schnellen Schritten auf sie zu. Er zog sie in seine Arme, drückte sie fest an sich und küsste sie liebevoll. Dann erst fragte er: „Was machst Du denn hier?"
„Ich bin der Zimmerservice", sagte sie schmunzelnd und deutete auf die Taschen und das Paket, „obwohl das hier streng genommen nicht als Zimmer durchgehen kann", sie machte eine weit ausholende Bewegung mit den Armen, die die Ruine einschloss.
Lupin lachte und zog sie zu sich auf die Mauer. Er erklärte ihr, dass Hagrid und Firenze hier irgendwo sein müssten und dass er es für eine kluge Idee gehalten hätte, von hier oben das Tal zu beobachten. Schließlich sei Hagrid niemand, den man so leicht übersehen könne.
Carol ließ ihre Beine baumeln und packte Teile des Pakets aus. Beide fingen an, von den reichhaltigen Speisen zu essen und Lupin öffnete noch zwei Flaschen Butterbier.
„Butterbier? Ich habe die ganze Zeit FLASCHEN durch die Gegend geschleppt? Ich bringe Winky um! Nein, ich verkaufe sie in die Mongolei!"
Lupin wäre vor Lachen fast von der Mauer gefallen und fand, es sei sicherer, Carol in die Arme zu nehmen und mit rohen Möhren- und Selleriestreifen zu füttern, ehe sie noch auf andere Ideen kam.
Sie verbrachten die Zeit bis zur Dämmerung in der Ruine und schließlich meinte Lupin, es wäre wohl müßig, weiter hier zu warten, sie würden besser am nächsten Morgen wieder kommen.
„Im Nachbarort gibt es ein Muggelgasthaus", meinte er nachdenklich. „Ich denke, wenn ich mich nach Deiner Anleitung verhalte, dürften wir dort nicht allzu sehr auffallen."
Carol nickte zustimmend und packte die Reste des Dinner-Picknicks zusammen.
„Ja", sagte Lupin, während er seinen Umhang gegen ein abgewetztes Tweedjackett tauschte, „wenn ich jetzt noch genau tue, was Du mir sagst, dann sollte ich einen ganz passablen Muggel abgeben, oder?"
Carol musterte ihn und hob dann mit gespielter Strenge den rechten Zeigefinger in die Höhe: „DAS, mein Lieber, das ist das Beste an dem ganzen Plan. Dass Du tun musst, was ich Dir sage."
Sie lachte frech und wich gerade noch einer Tüte mit Kartoffelstreifen aus, die um Haaresbreite an ihrem Ohr vorbei flog. Lupin setzte ein Grinsen auf, das jedem Rumtreiber in seinen besten Tagen zur Ehre gereicht hätte und sagte mit gekonnt süffisanter Stimme: „Passen Sie nur auf, dass Ihnen nicht genau das eines Tages zum Verhängnis wird, meine Dame."
Beide mussten so sehr lachen, dass sie es fast nicht geschafft hätten mit ihrem Gepäck aus der Ruine zu klettern.
Als sie sich schließlich wieder einigermaßen im Griff hatten, machten sie sich auf den Weg ins Dorf.
