Kapitel 26: Schuld und Erklärungen

„Kann man denn irgendetwas tun, Sir? Habe ich überhaupt eine Wahl?"

„Nun, Ihre Wahlmöglichkeiten sind beschränkt, da will ich Ihnen nichts vormachen, Mr. Tensborrow. Sie haben den Schritt zum dunklen Lord gemacht und nun können Sie keinen Schritt zurück machen. Zumindest nicht, wenn Sie überleben wollen. Es gibt keinen Ausstieg, das sollte Ihnen klar sein."

Mark Tensborrow sah Snape unsicher an, er wusste nicht, was er von diesen Worten halten sollte.

„Sie könnten allerdings einen Schritt weiter gehen", fuhr Snape fort.

Tensborrow sah ihn verwirrt an: „Wie meinen Sie das, Sir? Einen Schritt weiter?"

„Täuschung, Mr. Tensborrow. Täuschung."

Snape machte eine bedeutungsschwere Pause und fuhr dann mit dem Blick fest in Marks Augen geheftet fort. „Es darf keinerlei Zweifel an Ihrer Loyalität dem Lord gegenüber geben, ebenso wenig wie an ihrer unverrückbaren Überzeugung seine Ideale und Ziele betreffend."

Der junge Mann sah ihn mit deutlicher Irritation im Gesichtsausdruck an.

„Niemand darf herausfinden, was Sie wirklich denken und fühlen, Sie müssen lernen, sich in den Kreisen der Todesser als unauffälliger, aber loyaler Anhänger des dunklen Lords zu bewegen.

Es dürfte nicht sehr schwierig sein, da Sie hier niemand kennt und beurteilen könnte, woher Ihre sicherlich manchmal durchscheinende Verunsicherung rühren mag. Ich denke, damit kommen Sie erst einmal eine Weile durch. Über alles weitere müssen wir uns dann Gedanken machen."

Er musterte den Jüngeren mit einem durchdringenden Blick.

„Können Sie das?"

„Ich werde es müssen, nicht wahr?"

„Ja. Ich denke, Sie haben die größtmögliche Motivation."

Mark schwieg eine Weile, dann fragte er leise: „Warum? Ich meine, meine Motivation ist klar, aber Ihre…", er verstummte und senkte den Kopf unter Snapes brennendem Blick.

Snape schweig eine Weile, dann sagte er mit ruhiger, fast freundlicher Stimme: „Sie sind jung und haben Potenzial. Ich halte es für Verschwendung von Leben und Können, Sie zu töten oder bis zur Gefügigkeit zu verstümmeln. Mit Erfahrung und Wissen werden Sie irgendwann den richtigen Weg erkennen. Allerdings sieht der dunkle Lord das nicht so wie ich. Deshalb darf kein Wort dieser Unterhaltung nach außen dringen. Es darf keine weiteren Gespräche dieser Art mit irgendwem anderes geben."

Tensborrow nickte und hielt den Kopf gesenkt.

„Ich vermute, Sie sind nicht besonders ausgebildet in Okklumentik?"

Der Jüngere schüttelte verwundert den Kopf und sah Snape an.

„Nun, ich denke, dann ist es nur von Vorteil, dass Sie sich noch nicht im inneren Kreis der Gefolgsleute Voldemorts befinden. In den Kreisen, in denen Sie sich zurzeit bewegen, wird das auch nicht von Nöten sein.

Allerdings sollten Sie sich darauf vorbereiten, es baldmöglichst zu lernen."

Mark nestelte an dem Schutzbezug seiner Armlehne herum und sagte nichts.

„Sie müssen sich nicht durch große Reden hervortun, verhalten Sie sich weitgehend unauffällig, widersprechen Sie nicht, wenn Sie bei Treffen mit Todessern sind und halten Sie sich im Hintergrund, soweit es geht. Aber übertreiben Sie auch damit nicht, damit niemand auf die Idee kommt, Sie wären ein Feigling oder Drückeberger und Sie für besondere Aufgaben vorschlägt, um Sie zu testen oder Ihnen eins Auszuwischen.

Sie werden lernen, auf dem Drahtseil zu balancieren und Sie werden lernen, das mit einem unbewegten Gesicht zu tun, haben Sie mich verstanden?"

Er musterte Mark, der zögerlich nickte und weiterhin niedergeschlagen und mutlos wirkte.

„Wir werden weiterhin propagieren, dass ich Ihr Mentor bin, der Ihnen den Wiedereinstieg in die britische Zauberergesellschaft erleichtern möchte. Damit ist dafür gesorgt, dass Sie mich jederzeit sprechen können, ohne dass es Verdacht erregt.

Ich werde in den Reihen Voldemorts allerdings nicht als Ihr Lehrer auftreten, sonst besteht zu leicht die Gefahr, dass er Sie persönlich sehen will und das sollten wir in nächster Zeit vermeiden."

Wieder nickte Mark wortlos.

Snape erhob sich: „Ich werde jetzt gehen. Wir haben die Möglichkeiten eines formellen Lunchs ausreichend strapaziert."

Er ging auf die Tür zu und Mark folgte ihm noch immer wortlos.

Als er in der Halle auf die Eingangstür zuging, hörte er hinter sich eine leise Stimme.

„Sir?

„Ja?"

„Habe ich eine Chance?"

„Es gibt immer eine Chance, wenn man etwas wirklich will."

Er legte die Hand auf den Türknauf.

„Sir?"

Snape seufzte lautlos. „Ja?"

„Warum helfen Sie mir?"

Schweigen.

„Sir?"

„Sie erinnern mich an jemanden, den ich einst kannte", sagte Snape mit fast tonloser Stimme.

Er öffnete die Eingangstür, drehte sich noch einmal um und sagte laut und für jeden möglichen Beobachter auf der Strasse deutlich hörbar: „Vielen Dank für den hervorragenden Lunch, Mr. Tensborrow. Ich hoffe, wir werden bald Gelegenheit haben, das zu wiederholen."

Er drehte sich der Strasse zu und ging, ohne sich noch einmal umzusehen.

Sie zogen sich in die Hütte zurück in der Hagrid und Firenze die letzte Zeit verbracht hatten, wenn sie nicht bei der Herde gewesen waren.

Erstaunlicherweise hatte Lupin keinerlei Verbrennungen erlitten. Außer rot leuchtenden Würgemalen an seinem Hals, einer langen Strieme quer über dem Gesicht und diversen Schürfungen, hatte er keine Sichtbaren Verletzungen und erholte sich auch sichtlich schnell. Scheinbar war das Feuer der brennenden Peitsche kein wirkliches Feuer gewesen, sondern nur ein optischer Effekt. Allerdings einer, der wahrlich dazu angetan war, Grauen unter den Opfern zu verbreiten. Außerdem fügte es für den Moment der Berührung mit der Haut grässliche Schmerzen zu. Aber wenigstens hinterließ es scheinbar keine bleibenden Schäden, wenn man den Einsatz dieses Zaubers erstmal überlebt hatte.

Carol war noch etwas unter Schock, weil sie fast hatte mit ansehen müssen, wie Lupin getötet wurde. Er seinerseits konnte nicht fassen, wie knapp Carol dem Tode entronnen war und machte sich die schlimmsten Vorwürfe, nicht bei ihr geblieben zu sein. Sie lagen sich in den Armen und trösteten sich gegenseitig. Hagrid, der eine solche rührende Szene kaum vertragen konnte wischte sich auch Tränen aus den Augen.

Als sich alle wieder einigermaßen beruhigt hatten, fragte Firenze was das denn für ein merkwürdiger Schatten gewesen sei. Hagrid und Remus sahen fragend in die Runde und Carol zog nachdenklich die Stirn kraus.

„Er hat mich an etwas erinnert", murmelte sie, fast wie zu sich selbst. „Wie ein riesiger Vogel.. wie… OH HEILIGE MUTTER !"

Sie sprang auf. „Ich muss sofort zum Gasthaus, da habe ich etwas, das beweisen könnte, dass ich Recht habe."

Mit einem Satz war sie an der Tür und ehe irgendjemand noch etwas sagen konnte stand sie draußen. Lupin folgte ihr vor die Tür und apparierte mit ihr in die Nähe des Gasthauses, wo sie auf direktem Weg in ihr Zimmer lief.

Sie wühlte kurz in ihren Sachen und zog dann mit triumphierendem Gesichtsausdruck eine Jacke hervor. Aus der Tasche zog sie ein leicht angeknittertes Pergament.

Zurück in der Hütte setzte Sie sich und öffnete den Brief, den sie völlig vergessen hatte.

Sie las schweigend die Zeilen, die Jaspers Mutter in ihrer wunderschönen Handschrift niedergeschrieben hatte. Ein paar mal runzelte sie die Stirn, dann lächelte sie, obwohl man in ihren Augen Tränen schimmern sehen konnte.

Am Ende faltete sie das Pergament wieder sorgfältig und sah hoch.

„Der Schatten war ein Albatros", sagte sie leise. „Er war Jaspers…" sie stockte, ihr Blick schweifte in die Ferne und ihre Gedanken schienen weit, weit weg zu sein. Remus ergriff wie instinktiv ihre Hand und strich sanft mit den Fingern darüber, als wolle er sie sowohl trösten und stärken, als auch ihr eine Verbindung zu ihm und der Realität bieten. Und auch wenn durch kein Anzeichen erkennbar war, dass sie die zärtliche Geste bemerkte, so konnte er doch fühlen, dass sie ihn wahrnahm und seine Wärme begrüßte.

„Er war Jaspers Begleiter", fuhr sie fort und ihre Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. „Er war sein Freund und Vertrauter bei allen seinen langen Reisen über das Wasser. Bei jedem Ausflug, bei jeder Reise, wenn immer Jasper sich auf das Meer begab, war der Albatros bei ihm.

Jasper hat ihm niemals einen Namen gegeben, er sagte, er hätte niemals etwas gefunden, was diesem Vogel gerecht geworden wäre. Seiner Schönheit und Eleganz, seinem gelassenen Gleiten, das immer etwas Zeitloses an sich hatte. Es gab einfach keinen Namen für dieses Wesen. Sie waren Gefährten und es war immer etwas besonderes, Jasper mit dem Albatros zu sehen."

Hagrid schien über das Gehörte zu sinnieren und sagte schließlich: „Ja, der war schon ein ganz feiner Kerl, das passt zu ihm." Kummervoll nickte er mit seinem riesigen Kopf und schnaufte vernehmlich.

Carol schwieg einen Moment, dann hob sie den Brief in ihrer Hand.

„Jaspers Mutter schrieb mir, dass sie, als sie vom Tod ihres Sohnes erfuhr, ein uraltes Ritual durchgeführt hat. Jasper hatte sie über sein Tun hier und die Bedrohung, der wir uns gegenüber sehen informiert und als sie erfuhr, dass er sich geopfert hatte, beschloss sie, sein Werk fortzuführen.

Sie bat den Albatros, der mit ihr um Jasper trauerte um seine Hilfe und sein Einverständnis und dann übergab sie den Vogel dem Meer, damit sein Geist über jene wachen konnte, für deren Schutz und Aufgabe Jasper sein Leben gegeben hatte."

Carol stockte und sah zu Remus.

„Ich habe einen Schatten bemerkt, als Du in der heulenden Hütte warst, aber ich war nicht aufmerksam genug, um genauer darüber nachzudenken."

Sie schüttelte den Kopf.

„Er muss die ganze Zeit da gewesen sein, immer bereit, einzugreifen, wenn es notwendig wird."

Langsam, aber unaufhaltsam sickerten Tränen aus ihren Augen und fast unhörbar klang ihre Stimme: „Wie viel Liebe und Schönheit sind gegeben worden, um uns zu beschützen und uns zu ermöglichen, weiter zu leben und unsere Aufgaben zu erfüllen."

Remus nahm sie in die Arme und wiegte sie sanft, während er versuchte das Zittern zu unterdrücken, das ihn erfasst hatte, als ihm aufs Neue klar geworden war, wie knapp sie alle dem Tode entronnen waren.

Firenze schüttelte nachdenklich den Kopf über das Gehörte, er verstand die Bindung zur Natur, die Carol und Jasper hatten und er versuchte zu verstehen, was für starke Mächte in den letzten Wochen aktiviert geworden waren.

Nach einer Weile, als sie alle ruhiger geworden waren, fragte Lupin Hagrid nach dem Brief mit der Verabredung im Park in London, den er erhalten hatte. Er erzählte, dass das Treffen geplatzt war und dass er sich deshalb auf die Suche nach Hagrid gemacht hatte.

Dieser runzelte die Stirn und überlegt angestrengt. Nach einer Weile fiel es ihm wieder ein, es war so geplant gewesen, dass zwei Personen aus Bauxbaton zum Orden gebracht werden sollten. Allerdings hatte Olympe kurz darauf eine Nachricht geschickt, dass die beiden nicht würden kommen können, da sie untergetaucht waren. Sie sollten nun auf anderen Wegen aus Europa fortgebracht werden. Hagrid wollte Lupin noch eine Eule mit der Planänderung schicken, dann kam die Sache mit den Zentauren dazwischen und in der Eile der Abreise war Fang auch noch krank geworden und dann hatte er es schlicht und einfach vergessen.

Der Riese lief knallrot an, als er begriff, was er angerichtet hatte. Carol und Remus beruhigten ihn und nach einer Weile nahm sein Gesicht wieder eine normale Farbe an, obwohl er noch immer sorgenvoll den Kopf schüttelte.

Und so saßen sie noch lange in der halb verfallenen Hütte, unterhielten sich und schwiegen gemeinsam, bis Carol und Remus sich auf den Weg in ihr Gasthaus machten.

Snape erreichte den Grimmauldplatz noch immer in sich gekehrt und voller verwirrter Gedanken. Er hatte bei Mark Tensborrow mit Vielem gerechnet, aber nicht damit. An seinem Arbeitstisch ließ er sich das Gespräch in allen Details noch einmal durch den Kopf gehen und kam schließlich immer wieder zu dem gleichen Ergebnis. Er musste sehr vorsichtig sein. So sehr er den jungen Mann auch beobachtet hatte, eine Falle war nicht ausgeschlossen und so musste er auf der Hut bleiben. Er musste vermeiden, zu direkt zu sein und mit keiner Silbe durchscheinen lassen, für wen er wirklich arbeitete. Andererseits durfte er Tensborrow auch nicht sich selbst überlassen. Sonst würde der junge Mann entweder sterben oder bis zur Unterwerfung gefoltert werden. Oder er verließ den Weg des Zweifels und schloss sich doch mit vollem Herzen Voldemort an.

Snape wusste nicht, welche dieser Möglichkeiten die schrecklichste war, aber ihm wurde klar, dass es nur einen Menschen gab, mit dem er selber darüber reden konnte.

Er sammelte sich und schrieb eine Eule an Dumbledore.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und kündigte Dumbledores Kommen für den Abend an. Es gab einiges zu besprechen und so hatte der Schulleiter ein persönliches Treffen vorgeschlagen.

Pünktlich zur verabredeten Zeit erschien er im Kamin der Küche, wo Winky ihn mit Tee und einer Zitronencremetorte erwartete. Schmunzelnd nahm er am Tisch platz und dankte der kleinen Elfe.

Snape setzte sich zu ihm und nahm sich Tee. Er rührte ihn unnötigerweise um und starrte in die Tasse, als könne er dort lesen, was er wissen wollte.

In seiner Eule hatte er dem Schulleiter grob geschildert, was im Hause der Tensborrows geschehen war und wie er den jungen Mann sah. Doch er brauchte Dumbledore, um sich darüber klar zu werden, wie es weiter gehen sollte. Nur der weise Zauberer würde ihn unterstützen und leiten können bei der schwierigen Aufgabe, Mark Tensborrow zu schützen und auf einen richtigen Weg zu bringen.

Er sah über den Rand seiner Tasse auf und blickte in Dumbledores Augen, die ihn nachdenklich musterten.

Dumbledore stellte seine Tasse zur Seite und ließ sich dann von Snape detailgenau berichten, was es mit den Tensborrows auf sich hatte und welchen Problemen der junge Mark sich nun gegenüber sah. Nachdem Snape seinen Bericht beendet hatte fragte Dumbledore freundlich: „Und? Wie fühlt es sich an, jetzt auf der anderen Seite des Gesprächs zu sitzen?" Er lächelte verschmitzt und Snape nickte nachdenklich.

„Das ist eine treffende Beschreibung der Situation. Ich kann es nicht genau sagen, aber es ist eine höchst bemerkenswerte Erfahrung, einmal beide Seiten einer Medaille zu erleben."

Er machte eine Pause und fuhr dann fort: „Ich werde Mark gegenüber weiterhin den besorgten Mentor geben, der nur verhindern will, dass dem Jungen Schaden entsteht. Jede Erwähnung meiner wahren Gesinnung oder Phoenixordens werde ich bis auf weiteres peinlich vermeiden, solange, bis wir sicher sein können, dass Tensborrow sich für eine Seite entschieden hat. Es wird sicherlich hilfreich sein, dass ich in seiner Nähe bin und er offen mit mir reden kann, aber ich möchte nichts überstürzen."

Dumbledore nickte ernsthaft: „Das wird sicher die beste Vorgehensweise sein, Severus. Ich vertraue Deinem Urteilsvermögen und denke, Du wirst das hervorragend lösen. Ich werde immer zu Deiner Verfügung stehen, wenn Du Rat oder Unterstützung brauchst."

Snape nickte und Dumbledore konnte in seinen Augen die ungeheure Erleichterung sehen, die dieses Gespräch ausgelöst hatte.

Er lächelte innerlich darüber, dass Snape diesen Weg eingeschlagen hatte und hoffte, dieser Weg würde ihn irgendwann zu dem Frieden führen, den Dumbledore sich für ihn erhoffte.

Nach einer Weile des Teetrinkens, während der der Schulleiter zwei große Stücke des Kuchens verspeiste, erkundigte er sich nach dem Gesundheitszustand seines Zaubertränkelehrers.

„Es wäre gut, wenn Du bald wieder unterrichten könntest. Penelope Thunderbluff muss bald wieder zu ihrer eigentlichen Stelle zurück, das St. Mungos kann sie nicht mehr länger entbehren."

Penelope Thunderbluff war die Leiterin der Abteilung für Heiltränke und magische Arzneien des St. Mungos. Sie hatte diese Stelle seit vielen Jahren inne und war eine ganz herausragende Tränkemeisterin, deren Talent und bisweilen auch Kreativität so manch ein Patient sein Leben verdankte. Sie hatte die Vertretung für Snape nur übernommen aus alter Freundschaft zu Albus, den sie seit ihrer gemeinsamen Schulzeit kannte und für den sie eine starke Zuneigung hegte.

Nun aber waren im St. Mungos immer mehr Patienten und ihr Können wurde dort dringend gebraucht. Zwar war ihr Stellvertreter auch sehr begabt, aber sie fühlte eine tiefe Verantwortung für die Kranken und wollte nicht mehr länger vom Krankenhaus fernbleiben.

In einem Gespräch mit Dumbledore hatte sie die Situation erklärt und darum gebeten so bald wie möglich abgelöst zu werden.

Snape bestätigte, dass er sich durchaus in der Lage fühle, wieder zu unterrichten und kündigte an, in den nächsten Tagen nach Hogwarts zurück zu kehren.

Zufrieden verließ Dumbledore den Grimmauldplatz und begab sich zurück in die Schule, wo schon bald wieder alles seinen gewohnten Lauf nehmen sollte.

Carol und Remus lagen in ihrem Bett im Gasthaus und sprachen leise über das Geschehene.

Wie schon zuvor in der Hütte begann Remus unvermittelt zu Zittern, als er daran dachte, dass der Todesser Carol getötet hätte, wäre Hagrid nicht glücklicherweise dazwischen gekommen. Hier, alleine mit ihr gelang es ihm nun nicht mehr, sich zu kontrollieren und das Zittern wurde immer heftiger.

Carol nahm ihn fest in die Arme, aber auch sie hatte sich noch nicht von dem erholt, was sie dort gesehen hatte. Vollständig gelähmt mit ansehen zu müssen, wie er fast getötet wurde, das war mehr, als sie verkraften konnte.

Leise drang seine Stimme an ihr Ohr: „Ich hätte bei Dir bleiben müssen. Ich habe geschworen, Dich zu beschützen, und kaum gibt es eine Situation wie diese, schon versage ich." Seine Stimme erstarb und er wandte den Kopf ab.

Sie hielt ihn weiter in den Armen, unfähig etwas zu sagen. Sie wusste genau, dass es keine Worte gab, die seinen Schmerz lindern konnten, dass nur er alleine erkennen konnte, dass „wäre", „hätte" und „wenn" nicht zählten. Er musste lernen, dass es immer nur das „ist" war, das zählte, und dass seine Selbstzerfleischungen niemandem halfen, am wenigsten ihm oder ihr.

Sanft strich sie ihm über den Rücken. Die Vorstellung, die glühende Peitsche hätte ihn getötet, verursachte ihr Übelkeit und sie ermahnte sich, nicht selber in düstere Gedanken zu verfallen, was hätte sein können.

Das war die Macht, die das Böse hatte, es konnte einem alles Gute aus der Seele ziehen und einen Menschen voller Verzweiflung und von Angst erschüttert zurücklassen, obwohl er glimpflich davon gekommen war. Ganz ohne etwas wirklich Geschehenes konnte es zerstören und vernichten, was gut war. Nur durch die Angst, die es verbreitete und durch die Lähmung, die diese Angst auslöste.

„Ich bin hier, nicht wahr?"

Er reagierte nicht, aber sie spürte, dass er sich weiter die Schuld daran gab, dass sie beinahe umgekommen wäre.

„Remus?"

„Hm?"

„Ich bin hier, oder? Ich bin nicht dort am Wald gestorben."

„Ja, aber das war nicht mein Verdienst. Ich war nicht da, als Du Hilfe brauchtest."

„Nein, aber ich bin trotzdem hier."

Er schwieg.

Dann plötzlich, als wäre eine Tür geöffnet worden, brach es aus ihm heraus:

„Ich habe versagt, Carol. Ich sollte Dich schützen und ich war nicht da. Ich bin es nicht wert, diese Aufgabe zu haben. Jasper hätte mich sterben lassen sollen bei dem Artefakt, es wäre soviel besser gewesen, wenn er heute hier gewesen wäre. Ich bin es nicht wert, dass er für mein Leben gestorben ist, ich bin nicht einmal wert, dass dieser wunderbare Vogel geopfert wurde."

Verzweiflung und Selbsthass verzerrten sein Gesicht und Carol fühlte fast körperlich den Schmerz, der ihn innerlich zerriss.

„Er wäre nicht hier gewesen", sagte sie sehr leise. „Er wäre niemals in Irland gewesen, die Zentauren wäre von den Todessern getötet worden und Hagrid und Firenze wahrscheinlich mit ihnen. Dass wir alle Leben verdanken wir nur dem Umstand, dass wir alle zusammen hier waren und zur richtigen Zeit an dem Wald dort aufgetaucht sind. Nicht alles, was passiert ist Dein Fehler, Remus. Und Du kannst Dir nicht an Allem die Schuld geben."

Sie schwieg und spürte, wie er sich etwas entspannte.

„Aber ich war trotzdem nicht zur Stelle, als dieser Kerl Dich töten wollte."

„Nein, das warst Du nicht. Aber ich lebe. Und Dein Moment wird kommen. Ich vertraue Dir, also tu Du es bitte auch."

Es dauerte lange, bis er sich entspannte und irgendwann schliefen sie ein.

Die nächsten Tage verliefen ohne weitere Störungen. Die Zentaurenherde hatte herbe Verluste erlitten und eine der tragenden Stuten war getötet worden. Die Geburt des anderen Fohlens stand unmittelbar bevor und sobald es reisefähig sein würde, wollte die Herde aufbrechen, um nach auf die Ländereien von Hogwarts umzuziehen.

Hagrid und Firenze verbrachten viel Zeit mit der Herde, um ihnen bei den Vorbereitungen zu helfen. Seit dem schrecklichen Kampf war das Verhältnis deutlich besser geworden, die Zentauren hatten erstaunt bemerkt, dass die Menschen und der Halbriese bereit gewesen waren, ihr Leben einzusetzen, um ihnen zu helfen. Das hatten sie nicht erwartet und so war ihr Verhalten den Menschen und Hagrid gegenüber deutlich weniger abweisend und misstrauisch geworden.

Sie beklagten ihre Verluste, bestatteten ihre Toten und versorgten ihre Verletzten, während sie innerlich Abschied nahmen von Irland und von der Zeit des Friedens, die ihre Herde hier für viele Generationen erlebt hatte.