Kapitel 27: Erinnerungen und neue Aufgaben
Während Hagrid und Firenze sich mit der Herde und ihrer Zukunft beschäftigten, verbrachten Carol und Remus ihre Zeit gemeinsam in dem Gasthof und in der nahen Umgebung.
Sie versuchten das Erlebte zu verarbeiten und ihre Wunden verheilen zu lassen, die körperlichen wie auch die seelischen. Keiner vermochte zu sagen, welche davon die tieferen und schmerzhafteren waren, aber sie erkannten rasch, dass sie sich gegenseitig die wichtigste Medizin waren.
Carol hatte zwar schon einen Kampf mit Todessern erlebt und von anderen Ordensmitgliedern Schilderungen gehört, aber sie war trotzdem zutiefst geschockt über die gnadenlose Brutalität und die Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber die diese Leute so offensichtlich an den Tag legten. Auch wenn sie bei Snape bereits einmal hautnah gespürt hatte, welche Auswirkungen die unverzeihlichen Flüche haben konnten, war sie trotzdem noch immer in einer Art Schockzustand.
Remus kümmerte sich liebevoll um sie, seine Erfahrungen im Orden und in früheren Kämpfen halfen ihm, zu verstehen, was in ihr vorging. Sein liebevolles und fürsorgliches Wesen tat ein Übriges und so ging es Carol schrittweise wieder besser.
Als endlich alle Vorbereitungen für den Umzug der Herde abgeschlossen waren und Hagrid nun auch bereit war einzusehen, dass der gesichtete dreiköpfige Hund in der Umgebung weitaus mehr mit der jahrhundertealten Tradition des Schnapsbrennens als mit einem wirklichen Geschöpf zu tun hatte, traten sie die gut durchgeplante, aber trotzdem gefährliche und riskante Reise an.
Carol und Lupin brachen ihre Zelte in Shanballin ab, als die Herde schon auf dem Weg nach Hogwarts war und erreichten den Grimmauldplatz ohne irgendwelche besonderen Ereignisse.
Snape war bereits abgereist, um seine Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen und so war das Haus bis auf Winky und Augusta verlassen.
Carol empfand die Stille im Haus als merkwürdig, denn sie kannte es immer nur belebter. Trotzdem war die Atmosphäre nicht unangenehm und Carol setzte sich als erstes in die Küche, um einen Tee zu trinken und über die neue Situation nachzudenken. Zu Winkys großer Freude waren beide wohlbehalten zurückgekehrt und die kleine Elfe berichtet Carol mit hoher, leicht zitternder Stimme, dass sie sich schreckliche Sorgen gemacht hätte und an konnte zwischen den Zeilen heraus lesen, dass sie sich fast schon wie die Hauselfe dieser merkwürdigen Gruppe von Menschen fühlte.
Carol musste lächeln, als sie daran dachte, was für ein kleines, unglückliches Geschöpf Winky gewesen war, als sie sie zum ersten Mal gesehen hatte und die Erkenntnis, wie unendlich wichtig es für ein denkendes und fühlendes Lebewesen sein konnte, das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden und wichtig zu sein löste tiefe Dankbarkeit in ihr aus, selber eine Aufgabe zu haben, der sie sich so sehr verpflichtet fühlte.
Sie unterdrückte den Impuls, die kleine Elfe zu umarmen, denn sie ahnte, dass das dann doch noch etwas zu viel des Guten für Winky wäre. Als hätte sie es geahnt, schnappte sich Winky noch ein paar Lappen, die auf einer Anrichte lagen und verließ mit schnellen Schritten die Küche.
Carol blieb zurück, hielt die Tasse mit dem dampfenden Getränk in ihren Händen und ließ ihren Blick durch diesen Raum schweifen, der schon fast so etwas wie ein Zuhause für sie geworden war. Viel mehr als ihr Zimmer im oberen Stockwerk symbolisierte die Küche für sie all die drastischen Veränderungen, die ihr Leben in den letzten Monaten erfahren hatte. So viel war geschehen, so viele Menschen hatte sie kennen gelernt, lieben gelernt und verstehen gelernt. So viel hatte sie erfahren und so sehr war sie Teil dieser Welt geworden, von deren Existenz sie vor einiger Zeit noch nicht einmal etwas geahnt hatte. Und doch war ihr vom ersten Augenblick klar gewesen, dass diese Welt mit ihrer Geschichte und ihren Menschen ein wichtiger Teil ihrer Reise war. Wenn nicht sogar der wichtigste Teil. Vielleicht sogar der letzte Teil.
Nichts war mehr, wie sie es gekannt hatte und doch schien es alles unglaublich richtig zu sein. Ihre Gedanken wanderten zu Remus und sie fühlte tiefe Dankbarkeit, dass er ein Teil ihres Lebens geworden war, dass er da war, wo vorher in ihrer Seele nur ein leerer Ort gewesen war. Was immer auch vor ihnen liegen würde, das war etwas, das niemand ihnen mehr nehmen könnte und sie war fest entschlossen, ihrer beider Leben noch viele dieser kostbaren Momente und Gefühle hinzuzufügen,
Schluckweise nippte sie an ihrem Tee, als Augusta die Küche betrat. Die Heilerin blickte sich in dem Raum um, lächelte Carol warm an und wandte sich dann der großen Kanne zu, die dampfend auf dem Herd stand.
Wenige Augenblicke später saß sie mit einer Tasse vor sich neben Carol am Tisch und sah sie mit einem leicht fragenden Gesichtsausdruck an. Carol versuchte das zu ignorieren, sie wollte jetzt nicht über das Erlebte sprechen. Eigentlich wollte sie nur hier sitzen, sich in Sicherheit fühlen und darauf warten, dass Remus sich zu ihr setzte und ihr versicherte, er würde sie für immer in seinen Armen halten.
Aber Augusta ließ sich nicht ignorieren. Sie pustete vorsichtig in ihre Tasse, dann sagte sie ohne Carol dabei anzusehen: „Ich würde sie und Mr. Lupin gerne zeitnah untersuchen. Sie haben Verletzungen erlitten und ich möchte mich versichern, dass es keine Folgeschäden geben wird." Sie schwieg, aber ihr Geicht wurde sorgenvoll.
„Besonders Mr. Lupin möchte ich genauer untersuchen, der Fluch, dem er ausgesetzt war ist nicht sehr bekannt und ich möchte unbedingt Einzelheiten seiner Wirkungsweise herausfinden, sowie die spezielle Wirkung, die er auf Mr. Lupin hatte. Wer weiß, wozu solches Wissen noch einmal gut ist."
Sie seufzte vernehmlich: „Es ist schrecklich, in was für Zeiten wir leben, dass man sich um so etwas Gedanken machen muss, aber da es nun einmal so ist, sollten wir versuchen, das Beste daraus zu machen und wenigstens unser Wissen erweitern, um möglichst viel Heilung, Trost und Linderung spenden zu können."
Sie nahm energisch einen Schluck aus ihrer Tasse und gab ein zischendes Geräusch von sich, als sie merkte, dass der Tee noch immer zu heiß für einen so großen Schluck war.
Remus brachte das Gepäck in sein Zimmer und las dann einen Brief, der von Dumbledore an ihn geschickt worden war. Der alte Zauberer hatte von seinem Aufenthalt in Irland gewusst und war auch nach dem Kampf natürlich sofort über die Vorgänge informiert worden und so schloss Lupin aus der Tatsache, dass der Brief hier auf ihn gewartet hatte, dass es sich um keine eilige Angelegenheit handelte.
Zu seinem Erstaunen las er, dass der Schulleiter ihm und Carol nur hatte Zeit geben wollen, nun aber bat, baldmöglichst auf eine dringende und sehr geheime Mission aufzubrechen. So geheim, dass er die Details nur in einem persönlichen Gespräch erläutern wollte und auch darum bat, niemandem davon zu erzählen.
Remus zögerte bei der Formulierung „niemandem", ob Albus wohl auch Carol mit einbezog, aber bei näherer Überlegung gab es eigentlich keinerlei Zweideutigkeit in dem Wort, so dass er beschloss zunächst mit dem Schulleiter zu reden und dann erst Carol von dem Brief und der Mission zu erzählen. Dann würde er auch genauer wissen, wie viel davon er weiter erzählen konnte, ohne die Mission zu gefährden oder gar Carol in die Gefahr der Mitwisserschaft zu bringen.
Nachdenklich verstaute er den Brief in seiner Tasche und griff nach einer Schale mit grauem Pulver, die auf dem Sims seines Kamins stand. Eine Sekunde später erschien sein Kopf im Kamin des Schulleiters, der ihn mit einem herzlichen Lächeln begrüßte.
Er bat Remus am nächsten Morgen in sein Büro zu kommen, da er die Details der Mission nicht über das Flohnetzwerk besprechen wolle. Remus sagte zu und so trennten sie ihre Verbindung wieder.
Zutiefst beunruhigt über das geheimniskrämerische Verhalten Dumbledores packte er seine Sachen in die Schränke und Truhen und ging dann gedankenverloren in seinem Zimmer auf und ab. Sein Blick fiel wie schon so of in den letzten Wochen auf das kleine braune Blatt, das er in der gläsernen Schale noch immer aufbewahrt hatte und ein Gefühl der Wärme vertrieb die Sorgen, die sich in ihm ausgebreitet hatten.
Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie Carols Reaktion gewesen war, als sie das Blatt entdeckte.
Wie schon Jasper hatte sie darauf gezeigt und gefragt, was das sei. Einen Moment lang hatte er erwogen, zu lügen und irgendeinen Unsinn zu erzählen, dann aber hatte er sich entschieden, ihr die Wahrheit zu sagen. Er kam sich schrecklich sentimental und kitschig dabei vor, aber ihre Reaktion war völlig anders, als er erwartet hatte. Sie war rot angelaufen und hatte einige Minuten nicht gewusst, was sie dazu sagen sollte, dann hatte sie etwas von „geehrt sein" und „so viel Aufhebens gar nicht wert" gestottert und erst, als er sie einfach in die Arme genommen hatte und sie sich von dem Blatt abwandten, hatte sie sich wieder gefasst.
Lächelnd wandte er sich der Tür zu, vertrieb die Gedanken um die Mission und die Zukunft aus seinem Geist und wanderte in Richtung Küche.
Halb erwartete er Snape auf dem Korridor zu begegnen, als ihm einfiel, dass dieser ja wieder in Hogwarts war. Er fühlte sich halb erleichtert, denn Snapes Sarkasmus, seine schneidenden Kommentare und die eisigen Blicke waren nicht wirklich etwas, das man vermisste. Andererseits hatte sich so etwas wie Frieden zwischen ihnen beiden gebildet. Freunde würden sie wohl nie werden, aber ein gewisses Maß an Akzeptanz und Respekt vor den Fähigkeiten des jeweils anderen war schon bedeutend mehr, als es jemals zuvor gegeben hatte. Remus empfand diesen Zustand als angenehm, er hatte zwar nie wirkliche Sympathie für Snape empfunden, aber der lodernde Hass, der ihm zeitweilig von dem alten Feind aus Jugendtagen entgegengeschlagen war, war etwas gewesen, mit dem er nie zufrieden gewesen war.
Er hörte Augustas resolute Stimme aus der Küche klingen, als er sich der Tür näherte. Das hätte er sich eigentlich denken können, dass nach der Schilderung des Angriffs, die per Flohnetzwerk an einem der darauf folgenden Tage an einige Ordensmitglieder im Hauptquartier erfolgt war, die Heilerin in Sorge war, ob es auch jedem gut ginge. Es war ein wenig lästig, wie sehr sie jeden bemutterte, andererseits lag ihrem Verhalten ehrlich empfundene Sorge zugrunde, etwas, das er kannte und verstand.
Er betrat die Küche und wurde von einem liebevollen Lächeln Carols begrüßt. Augusta nickte ihm zu und musterte ihn ein wenig kritisch. Er versuchte ihren diagnostischen Blick zu ignorieren, erwiderte das Nicken und nahm sich eine Tasse Tee.
Er kramte in einem der Hängeschränke neben dem Herd und zog mit einem zufriedenen Brummen die Dose mit den Schokoladenkeksen hervor.
Bewaffnet mit diesen Utensilien setzte er sich zu den zwei Frauen an den Tisch und reichte die Dosen herum. Alle tranken schweigend ihren Tee und knabberten Kekse, wahrend sie ihre Gedanken schweifen ließen.
Nach einer Weile begann Augusta von ihrer Zeit in der ländlichen Praxis zu erzählen und sowohl die teils recht skurrilen Erlebnissen als auch ihre lebhafte Art zu erzählen rissen ihre Zuhörer schnell aus ihren Gedanken und nach einer Weile lachten sie gemeinsam über die Geschichten.
Im Lauf des Abends machten sie sich ein paar Sandwiches und schafften es mit einiger Mühe sogar, Winky davon zu überzeuge, dass sie außer Tee und belegten Broten heute nichts mehr brauchen würden.
Schließlich erhob sich Augusta und ging in ihr Zimmer, nicht ohne eine Ermahnung, sich morgen früh zu einer Untersuchung bei ihr einzufinden an Carol und Remus zu richten. Sie nickten folgsam und fügten sich, denn es hatte sich erwiesen, dass es nutzlos war, sich Augustas resolutem Wesen entgegenzustellen.
Als sie alleine waren, erzählte Remus, dass er sich am nächsten Morgen mit Dumbledore treffen wolle und Carol nickte verständnisvoll.
„Es ist viel passiert und ich habe mich schon gewundert, dass Er nicht hierher gekommen ist, um sich von uns persönlich berichten zu lassen, was geschehen ist", sagte sie nachdenklich. „Aber er ist sicher sehr beschäftigt im Moment und kann wohl die Schule nicht alleine lassen. Ich wundere mich sowieso, wie er das alles schafft. Der Orden, die Schule, der Umgang mit dem Ministerium und dann noch die Sorge um Harry. Und bei allem bleibt er ein so ausgeglichener und freundlicher Mensch. Es ist wirklich sehr erstaunlich."
Remus nickte wage und fühlte sich unbehaglich dabei, ihr den wahren Grund zu verschweigen.
„Lass uns schlafen gehen", sagte er, um die Situation zu lockern und erhob sich.
Carol schnappte sich das Geschirr vom Tisch und trug es zur Spüle. Dann gingen sie die Treppe hinauf in das obere Stockwerk.
Als sie den oberen Treppenabsatz erreicht hatten, zog Remus sie sanft in Richtung seines Zimmers und Carol leistete keinen Widerstand. Sie schmunzelte, als sie ihre Tasche neben der Tür stehen sah. Ohne weitere Umwege bewegten sie sich zielstrebig auf das Bett zu und sanken müde auf die Matratze. Die Müdigkeit war schnell wieder verflogen, als sie sich zärtlich umarmten und voller Leidenschaft küssten.
Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück gingen sie ins Krankenzimmer um sich untersuchen zu lassen. Augusta nahm sich zuerst Remus vor, damit dieser direkt nach der Untersuchung nach Hogwarts begeben konnte. Sie war gründlich und sehr gewissenhaft, stellte aber keinerlei Veränderung in Remus' Zustand fest, so dass sie ihn nach einer Weile mit einem zufriedenen Nicken entließ.
„Ich kann keinerlei negative Nachwirkung feststellen", sagte sie. „Allerdings möchte ich diese Untersuchungen noch ein bis zweimal wiederholen, nur um ganz sicher zu gehen."
Sie runzelte die Stirn und notierte sich ein paar Bemerkungen auf ein Pergament, bevor sie sich noch einmal an ihn wandte. „Bitte versuchen Sie genau zu beobachten, ob bei der nächsten Verwandlung etwas verändert ist. Sie haben doch Ihren Wolfsbanntrank bereit?" Remus nickte unter ihrem strengen Blick: „Ich werde den Trank heute von Severus bekommen und ich werde auch genauestens seine Wirkung und die Verwandlung beobachten, wenn Sie so viel Wert auf diese Informationen legen", erwiderte er trocken.
„Man weiß nie, was für Nebenwirkungen so wenig bekannte Flüche haben können, besonders bei Ihrem besonderen Zustand", sagte sie ruhig und man konnte genau hören, dass sie keinerlei Vorbehalte gegen Werwölfe hatte, sondern lediglich um Remus' Wohlergehen besorgt war.
Er spürte das und bedauerte seine etwas unfreundliche Antwort, aber Augusta nickte ihm nur lächelnd zu, als hätte sie nichts anderes erwartet als seine Unterstützung bei ihren Fragen.
Remus verabschiedete sich von Carol und machte sich auf den Weg zur Schule, während Carol einer wesentlich kürzeren, aber nicht minder gründlichen Untersuchung unterzogen wurde.
Gegen Mittag kam Remus zurück und als Winky das Essen zubereitet hatte, erschien wie auf Bestellung auch Mundungus Fletcher.
Er ließ sich genüsslich ihre Abenteuer in allen Einzelheiten erzählen, während er eine Riesenportion von Winkys Rinderbraten einverleibte.
Staunend hörte er sich den Bericht vom Kampf an und warf ab und zu anerkennende Bemerkungen ein.
Kurze Zeit nach dem Essen murmelte er etwas von einem dringenden geschäftlichen Termin und verschwand so unvermittelt, wie er aufgetaucht war.
Carol schlug vor, ein wenig raus zu gehen und so verließen sie das Haus und wanderten durch die Strassen. Sie erreichten einen kleinen Park, der am Rand des Viertels gelegen war und fast immer verlassen war. Langsam schlenderte sie unter den hundert Jahre alten Bäumen entlang, schweigend und ohne Hast.
Vor mehreren liebevoll angelegten und gepflegten Beeten setzten sie sich auf eine Bank und Carol sah Remus ein wenig fragend an. Sie spürte, dass es etwas gab, das ihm auf der Seele lag, wollte aber nicht drängen.
Nach einer Weile griff Remus nach ihrer Hand und erzählte ihr von dem Gespräch mit Dumbledore.
Dieser hatte außer dem Bericht von dem Angriff in Irland noch mehrere Meldungen über deutlich vermehrte Todesseraktivitäten aus den unterschiedlichsten Teilen des Landes erhalten und es war deutlich ersichtlich, dass Bewegung in den Krieg gekommen war. Die Todesser traten erheblich frecher auf, sie agierten weniger aus dem Verborgenen.
Dumbledore hatte diese Entwicklung mit wachsender Sorge verfolgt und beschlossen die Aktivitäten de Ordens nun auch vorsichtig auszuweiten.
Dazu gehörte auch weitläufige Informationssammlung und Infiltration. Er hatte Remus gebeten, auf eine geheime Mission zu gehen, Informationen zu sammeln und Verbündete zu finden.
Remus durfte Carol nur erzählen, dass er fortgehen würde, nicht aber wohin, wie lange oder warum.
Er würde nicht durchgehend fort sein, aber immer wieder für mehrere Tage, so dass sie sich zwischendurch sehen konnten. Allerdings musste er absolutes Stillschweigen bewahren.
Carol beschlich ein beklommenes Gefühl, als sie das hörte. Sie verstand den Sinn der Geheimhaltung, aber es ängstigte sie, Remus mit solch gefährlichen Aufgaben betraut zu sehen.
Sie sah ihn an, versuchte das eisige Gefühl in ihren Eingeweiden zu verdrängen und ihm Zuversicht zu vermitteln.
Sie wollte bei ihm sein, ihn begleiten, aber sie verstand auch, dass das nicht möglich war. Tief in ihr wehrte sich etwas gegen die Vorstellung, ihn gehen lassen zu müssen.
Sie versuchte diese Gefühle zu verdrängen und mutig und zuversichtlich für ihn zu wirken. Obwohl das eisige Gefühl ihre Innereien zu zerreißen drohte, lächelte sie verständnisvoll und sagte betont lässig: „Ich schätze, Dumbledore wird wissen, was er tut und Du bist wahrscheinlich der Richtige für den Job, was immer das auch sein mag."
Er sah sie an und schwieg, Carol hatte das Gefühl, er könnte tief in ihre Seele sehen und konnte dort den Klumpen aus Angst und Sorge erkennen, der ihre Stimme so merkwürdig hohl hatte klingen lassen.
Sie zwang sich zu einem neuen Versuch eines Lächelns und merkte, dass es langsam besser gelang. Trotzdem blieb der bohrende Blick, der ihr zeigte, dass sie Remus nicht überzeugen konnte.
Er nahm ihr Gesicht in seine Hände ohne den Blick von ihren Augen zu lösen und sagte leise: „Versuch es nicht, Liebes. Ich habe mir mein ganzes Leben lang Gedanken und Sorgen um andere gemacht, ich erkenne Kummer und Angst, egal wie gut Du versuchst, sie zu verstecken."
Carol seufzte und ohne ein weiteres Wort umarmte sie ihn, klammerte sich an ihn, als wolle sie ihn nie mehr loslassen. Remus erwiderte die Umarmung und auch er konnte das Gefühl von Verlust in sich aufsteigen fühlen, als er sie so eng in seinen Armen fühlen konnte.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich voneinander lösten, aber beide fühlten sich besser. Es war, als hätten sie sich gegenseitig die Last erleichtert und Zuversicht gespendet.
Carols Lächeln wirkte zum ersten Mal wieder aufrichtig und warm und nicht mehr wie eine Maske.
„Hast Du Deinen Wolfsbanntrank?"
„Severus hat mir welchen mitgegeben, als ich in Hogwarts war", erwiderte er, froh, sich im sicheren Fahrwasser pragmatischer Überlegungen zu finden.
„Wirst Du uns informieren, wann Du das erste Mal wieder nach Hause kommst?", Carol sah seinen fragenden Blick und fuhr fort: „Ich wollte in den nächsten Tagen sowieso ein paar Wälder und alte Kultstätten besuchen, von denen ich etwas lernen möchte."
Remus sah sie weiter fragend an, sagte jedoch nichts.
„Du erinnerst Dich, dass ich Hogwarts nur zufällig entdeckt habe, nicht wahr?", sie schmunzelte bei dem Gedanken daran.
„Naja, so sehr glaube ich gar nicht mehr, dass das Zufall war, zuviel ist seither passiert, was eigentlich so folgerichtig ist, dass es wohl genau richtig war, die Schule zu dem Zeitpunkt zu bemerkten." Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht.
„Aber ich schweife ab. Jedenfalls war ich eigentlich auf dem Weg nach Schottland, um zwei alte druidische Kultstätten zu finden, an denen ganz besondere Energieströme zusammen laufen, wie mir meine Mentorin erzählt hat. Dort potenzieren sich Kräfte der Erde und des Windes zu etwas, das sie nicht näher benennen konnte, von dem sie aber meinte, die Erforschung würde mich weiter bringen und meine Entwicklung voran treiben.
Allerdings bin ich ja nun in eine völlig andere Geschichte gestolpert, von der sie gar nichts ahnen konnte."
Carol schwieg einen Moment, als würfe die Erinnerung an ihre Lehrerin sie aus der Bahn.
Nach einigen Sekunden hatte sie sich wieder gefasst. Der fragende und etwas besorgte Blick, den Remus ihr zugeworfen hatte, hatte sie nicht bemerkt, zu sehr schien die Erinnerung sie gefangen genommen zu haben.
Sie atmete tief ein.
„Jedenfalls habe ich die Reise unterbrochen, glaube aber jetzt, da sich die Ereignisse zuspitzen, dass es nützlich sein könnte, mehr zu wissen und zu erfahren. Sicherlich kann ich nützlicher sein, wenn meine Entwicklung weiter fortgeschritten ist und ich noch mehr über die Kräfte erfahre, die ich nutze."
Sie machte eine weitere Pause und Remus legte seinen Arm um ihre Schulter. Sie lehnte sich an ihn und sprach leise, als spräche sie mit sich selber.
„Ich vermisse Sarah. Wir hätten so viel mehr Zeit des Lernens gebraucht, so viel mehr Zeit des Verstehens."
Sie verstummte.
Nach einer Zeit des Schweigens fragte Remus vorsichtig: „Du vermisst sie, nicht wahr?"
„Ja", sie seufzte und ihre Augen wurden trübe.
„Erzähl mir von ihr", Remus zog sie dicht an sich und strich sanft über ihre Haare.
Langsam, fast stockend begann Carol zu erzählen.
„Sie war meine Vorgängerin. Meine Lehrerin und Mentorin. Ich traf sie vor langer Zeit in einem Buchladen. Ich suchte ein bestimmtes Buch, das ich unbedingt für eine Arbeit brauchte, als sie mich ansprach, ob ich etwas Zeit hätte. Ich war oft zuvor in diesem Buchladen gewesen, weil er zwar klein, aber sehr gut sortiert war. Sarah gehörte der Laden und ich kannte sie seit langem vom Sehen und weil sie mich manchmal beraten hatte. Sie war ein ruhige und freundliche Frau, sie schien von einer Aura des Wissens und der Güte umgeben zu sein."
Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel: „Dumbledore hätte sie sehr gemocht, sie war ihm in gewisser Weise ähnlich.
Wie gesagt, eines Tages war ich wieder einmal im Laden und sie sprach mich unvermittelt an. Ob ich etwas Zeit hätte, sie wolle mir gerne etwas zeigen. Ich hatte nichts anderes vor und so stimmte ich zu. Sie brachte mich in ihre Wohnung über dem Laden und begann mir von den Kräften der Natur zu erzählen. Ich war mehr und mehr fasziniert und sie brachte mit im Laufe der nächsten Monate mehr und mehr bei. Irgendwann erklärte sie mir, dass ich diejenige sei, die ihre Nachfolge antreten sollte und dass sie mir alles beibringen müsse, was sie auch wisse. Sie fand einen jungen Mann, der den Laden für sie leitete und wir gingen gemeinsam auf Reisen. Sie zeigte mir heilige Stätten und Orte voller Kraft. Ich lernte von der Magie der Natur und wie Naturvölker und Nachfahren der Druiden sie nutzten.
All das war eine völlig neue Welt für mich, ich hatte vorher nur studiert, um irgendwann eine Praxis als Kinderpsychologin aufzumachen und dort ein friedliches Leben zu führen in dem ich gestörten und verletzten Kindern helfen konnte. Ich hatte nie viel vom Leben gewollt, meine Träume waren bescheiden und die Welt, die sich mir nun eröffnete war überwältigend."
Remus hörte ihr gebannt zu, es war das erste Mal, dass sie so offen über ihr Leben sprach und er merkte, dass es etwas Besonderes, etwas Intimes war, dass sie ihn daran teilhaben ließ.
„Wir reisten viele Monate gemeinsam, aber irgendwann sagte mir Sarah, ich müsse nun weiterziehen und selber neue Ziele finden. Ich solle an Orte reisen, die sie mir nannte, aber auch selber Wege dorthin finden und Erfahrungen sammeln. Sie erklärte mir, Orte starker natürlicher Kraft würden Wege finden, mich zu sich zu rufen, wenn ich die Richtige wäre. Aber sie selber war schon lange davon überzeugt, dass ich die Frau war, die ihre Stelle einnehmen würde."
Carol hielt einen Moment inne und sah auf das wunderschöne Beet vor ihnen. Eine Feldmaus kam eben zwischen den Blättern einiger kleiner Sträucher hervor und starrte sie mit ihren winzigen, schwarzen Knopfaugen an. Ihre Schnurrbarthaare zitterten leicht, als das winzige Näschen zuckte. Die Maus sah Carol scheinbar direkt an, drehte sich dann behände um und verschwand wieder in dem Beet. Remus musste lächeln, als er die Szene sah, sie wirkte zugleich skurril und vertraut.
„Sarah verließ mich also und ging zurück in ihren Laden und ich reiste weiter um die Welt. Ich besuchte viele Orte, lernte Menschen kennen und lebte zeitweilig mit ihnen. Jasper und seine Familie waren einige von diesen Menschen.
Ich kehrte irgendwann zu Sarah zurück und lebte noch eine Weile bei ihr über der Buchhandlung, mit meinen früheren Lebensplänen hatte ich endgültig abgeschlossen und so richtete ich mich vollständig auf meine neue Rolle in der Welt ein. Sarah und viele der anderen Menschen, die ich getroffen hatte haben mich und mein Leben verändert, sie haben es bereichert und erneuert.
Gerade Sarah war ein Mensch, der mich verändert hat, mir neue Impulse gegeben hat und deren Liebe und Güte mich mehr geprägt haben, als mein ganzes vorheriges Leben zusammen. Sie war etwas ganz besonderes und das wurde mir in jenen letzten Monaten in der kleinen Wohnung über dem Buchladen klar, in denen ich jeden Morgen aus dem Fenster meines winzigen Zimmers auf eine schmuddelige Gasse mit schäbigen Häusern und kleinen, verschrobenen Läden blickte und doch fühlte, dass ich nie reicher und glücklicher gewesen war in meinem Leben."
Wieder verstummte Carol einen Moment, dann fuhr sie fort:
„Sarah schloss meine Ausbildung ab und dann verließ ich die Wohnung ein weiteres Mal, nun aber endgültig.
Ich begann meine eigene Reise, in deren Verlauf ich auf Euch und Eure Welt stieß."
Sie beendete ihre Erzählung und sah gedankenverloren auf das Beet.
Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, doch irgendwann brach Remus es und fragte sanft: „Wo ist Sarah jetzt?"
Lange bekam er keine Reaktion und als er schon glaubte, sie würde ihm nicht antworten, erklang ihre Stimme merkwürdig rau und fast mechanisch klingend: „Sie starb."
Remus drehte den Kopf und sah Carol erstaunt an. Er erschrak, als er ihr Gesicht zum allerersten Mal erstarrt zu einer harten Maske sah. Er schluckte voller Mitgefühl und schloss seine Arme um sie. Ihm war klar, dass er nicht mehr weiter fragen würde, dass er das Thema nie wieder von sich aus ansprechen würde und er hoffte aus tiefstem Herzen, dass sie diesen Schmerz eines Tages überwinden würde. Ihm wurde jäh klar, dass sie mit ihrer Mentorin und Jasper zwei Menschen verloren haben musste, die ihr unendlich viel bedeutet hatten und enorm wichtige Stürzen für ihre Aufgabe gewesen waren. Er konnte ermessen, wie einsam und verloren sie sich fühlen musste, wie unglaublich groß die Last sein musste, die sie auf ihrem Rücken liegen hatte.
Er hielt den Atem an, als ihm das Gespräch einfiel, in dem sie ihm gesagt hatte, es wäre seine Stärke die gebraucht wurde. Hatte sie das alles hier vorhergesehen?
Er musterte ihr Gesicht, das sich langsam wieder zu entspannen schien und dachte an das Gespräch und an seine Reaktion. Er schwor sich, er würde stark sein. Niemals zuvor hatte er das Gefühl gehabt, so sehr gebraucht zu werden und er wollte auf keinen Fall versagen.
Stumm streichelte er ihr Gesicht und küsste sie sanft, dann zog er ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihren Nacken.
Carol ließ es geschehen und merkte schnell, wie gut ihr diese zärtliche Behandlung tat. Sie hörte seinen Herzschlag und fühlte seine Atmung, die sie langsam beruhigten und ein Gefühl tiefer Geborgenheit in ihr auslösten. Sie wünschte sich, ihn wissen lasse zu können, wie gut er ihr tat, wie wichtig er für sie war und wie sehr er ein Teil ihres Herzens geworden war.
Langsam merkten sie, wie es dämmerte und in der zunehmenden Dunkelheit wanderten sie schweigend und voller Frieden zurück zum Grimmauldplatz.
Das Haus war still und sie machten sich rasch in der Küche ein paar Brote und zogen sich mit einem leichten Mahl und etwas Butterbier in Remus' Zimmer zurück.
In dieser Nacht liebten sie sich mit einem neu gewonnenen Gefühl tiefer Verbundenheit und Vertrautheit, als wären sie sich noch näher gekommen, was sie beide vorher nicht für möglich gehalten hatten.
