Kapitel 28: Trennungen und Drohungen
Remus verließ den Grimmauldplatz wenige Tage nach dem Gespräch und Carol machte sich endlich daran, viele Dinge aufzuholen, die sie fast vergessen hatte durch die sich überschlagenden Ereignisse der letzten Wochen. Sie konnte noch immer nur schwer glauben, wie sehr sich ihr Leben geändert hatte. Zweimal war sie mit völlig neuen Welten, Kulturen und Geschichten konfrontiert worden.
Allerdings war die erste Konfrontation sanfter gewesen. Geführt von der Hand einer verstehenden Mentorin, die so etwas in ihrer Jugend selber erlebt hatte, war es rückblickend leicht gewesen, sich auf das ganze neue Wissen einzulassen. Andererseits war es ein wesentlich kleinerer Schock gewesen, als sie von der Welt der Zauberer und Hexen erfahren hatte. Immerhin hatte sie einmal gelernt, dass es Kulte und Magie gab, die sich vor den Augen der normalen Welt verbargen und die trotz allem mächtig agierten, ohne Aufsehen zu erregen oder sich überdeutlich bemerkbar zu machen. Natürlich gab es immer Menschen, die etwas bemerkten, aber in aller Regel waren das Suchende, deren Sinne geschärft und deren Herzen geöffnet waren. Diese Menschen wussten dann in Maßen mit dem, was sie herausfanden umzugehen.
Die Entdeckung, dass es noch eine geheime Welt gab, die unbemerkt neben der Alltagswelt der Menschen her existierte hatte Carol nicht mehr sehr schockieren können, sie jedoch zu der verwunderten Überlegung bewegt, wie viele verborgene Kulturen es wohl noch geben mochte.
Carol Gedanken schweiften zu dem, was sie in den letzten Jahren von Sarah und anderen klugen und weisen Menschen gelernt hatte über die Kräfte der Natur, ihr Gleichgewicht und die alles balancierende Harmonie.
Sie war besorgter, als sie es irgendjemandem gegenüber zugegeben hatte. Sieg oder Niederlage Voldemorts hatte Auswirkungen, die sich keineswegs nur auf die Zaubererwelt beschränkten. Zu tief waren die Eingriffe, die er jetzt schon in die natürlichen Verläufe vorgenommen hatte, zu sehr war das Gleichgewicht schon gestört worden. Sein Sieg würde tiefe Wunden in die verschiedenen Welten schlagen, die sich zwar voreinander versteckten, aber doch zutiefst verbunden waren.
Es hatte schon seine Richtigkeit, dass sie im Laufe ihrer Reise auf die Zauberer gestoßen war, das hatte sie nun verstanden und um so wichtiger erschien es ihr, sich bestens zu rüsten für das, was bevorstand.
Wissen war es, was sie brauchte und Kraft.
Der erste Schritt war wieder einmal Wissen und so suchte sie verschiedene Bibliotheken in London auf. Bibliotheken, die teilweise öffentlich waren und in denen das gesuchte Wissen ganz offensichtlich zu finden war, wenn man nur wusste, wonach man suchen musste. Carol lächelte immer wieder, wenn sie daran dachte, wie viel ihr selber auch früher entgangen war. Zeichen und Informationen, die quasi vor ihren Augen lagen, die sie aber nicht zu sehen verstand.
Eine andere Wissensquelle waren geheime Bibliotheken, zu denen nur sehr wenige Menschen Zugang hatten. Sie hatte durch Sarah Kontakt zu jenen erhalten, die das Wissen sammelten und bewahrten und diese Hüter der Weisheit standen ihr nun zur Verfügung.
Nicht zuletzt dachte sie auch an ihren ersten Tag in Hogwarts, als sie von Dumbledore erfahren hatte, dass auch in der dortigen Bibliothek ein enormer Schatz an Wissen und Informationen lag. Viele Gespräche mit Hermine in den Ferien hatten ihr zusätzlich einen Eindruck vermittelt, wie beeindruckend die Schulbibliothek sein musste und sie war fest entschlossen, auch dort ihre Forschungen zu betreiben, falls man ihr den Zugang erlaubte. Aber sie war sicher, Dumbledore würde ihr die Bitte um Wissen nicht abschlagen.
Tag um Tag verbrachte Carol in den unterschiedlichsten Bibliotheken Londons und mehr und mehr erkannte sie, dass ihr Wissen um die Kraft des Lebens nur beschränkt war, dass sie nur einen Bruchteil dessen erfahren hatte, was es zu wissen gab. Sie las von Techniken die Lebensenergie in Lebewesen zu bündeln, zu kanalisieren und zur Heilung und sogar zur Rettung des Lebens einzusetzen.
Immer wieder stieß sie auf Quellen, die von Stätten der Macht berichteten, an denen sich Energien bündelten und nutzbar wurden.
Mehr und mehr verdichtete sich ihr Wunsch, zu verschiedenen Orten in Schottland aber auch auf dem europäischen Kontinent zu reisen und mehr zu lernen, bevor es zur entscheidenden Konfrontation kam.
Sie führte lange Gespräche mit Augusta. Immer wieder war ihr aufgefallen, dass es die Heiler waren, die ganz unbewusst die Verbindungen zwischen den verschiedenen Welten bildeten. Ihr Wissen überschritt Grenzen, die sie im Grunde gar nicht bemerkten. Als sie von den Kräften der Natur und der Lebensenergie erfahren hatte, waren ihr auf den Reisen immer wieder Menschen begegnet, die ohne es direkt zu benennen die Kräfte nutzten und lenkten. Sowohl die Naturheilkunde als auch die traditionelle chinesische Medizin überschritten die Beschränkungen ihrer eigenen Welt mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit.
Sarah hatte ihr erklärt, dass die Menschen früher, vor tausenden von Jahren der Natur und ihrer Kraft noch viel näher gewesen waren und viele der heute noch üblichen Heilmethoden der so genannten alternativen Medizin gingen auf diese Zeiten und dieses Wissen zurück.
Auch Augusta wusste viele Dinge, deren tiefere Bedeutung ihr nie klar gewesen war und in langen Gesprächen schlüsselten die beiden Frauen so manche verschüttete und verborgene Information aus dem Wissen der Heilerin auf.
Die Zeit verging wie im Fluge und eines Nachmittags traf Remus unerwartet ein.
Carols Herz machte einen Satz, als sie seine vertraute Stimme im Flur hörte. Wie ein Blitz stürzte sie die Treppe herunter und flog in seine Arme. Schon in der Umarmung fühlte sie, dass er abgemagert war und seinen Hals zierte eine hässliche, frischrot leuchtende Narbe. Carol strich sanft mit dem Finger darüber und sah ihn fragend an. Wortlos schüttelte er kaum merklich den Kopf.
„Was immer passiert ist, lass das von Augusta ansehen, Remus", Carols Stimme klang besorgt und sie versuchte auch nicht mehr das zu verbergen.
„Nein, später. Ich bin nur sehr kurz da. Es hat sich ganz kurzfristig die Gelegenheit ergeben, hierher zu kommen und ich wollte Dich sehen." Sie konnte seine Worte kaum hören, so leise sprach er direkt an ihrem Ohr. Noch fester zog er sie an sich heran.
„Ich konnte keine Nachricht schicken, dass ich komme, aber ich habe so sehr gehofft, Dich anzutreffen", er küsste sie voller aufgestauter Sehnsucht, bis ein kräftiges Hüsteln sie beide zusammenzucken ließ.
„Ich erkenne den therapeutischen Wert einen Kusses unter Liebenden durchaus an, aber vor die Therapie hat Merlin die Diagnose gesetzt", erklang Augustas Stimme mit einem so freundlichen Schmunzeln im Tonfall, dass niemand diese Ermahnung ernsthaft als streng empfunden hätte.
Carol begleitete Remus ins Krankenzimmer und hörte zu, wie er Augusta erklärte, sie dürfe keine sichtbare Besserung seines Zustandes verursachen, denn niemand dürfe auf die Idee kommen, er wäre bei einem Heiler gewesen. Sie nickte verstehend und reichte ihm ein paar kleine Fläschchen und Phiolen mit der Aufforderung, das zu trinken. Es wären Stärkungsmittel und Aufbautränke, nichts, das eine offensichtliche Wirkung hervorrufen würde aber alles zusammen würde dazu beitragen, ihn zu unterstützen bei was immer er auch durchzustehen habe.
Ihre Miene war besorgt und sie klang sehr missbilligend, als sie ihm die Wirkung der Tränke erklärte.
„Ich werde ein Wörtchen mit Dumbledore reden", schnaubte sie abschließend. „Der alte Kauz soll nur nicht glauben, ich flicke seine Leute zusammen ohne ihm die Meinung über eine derartig unverantwortliche Vorgehensweise zu sagen. Ich bin doch kein Flickschuster", knurrte sie und Carol dachte ein weiteres Mal, mit ihr wäre nicht gut Kirschen essen, wenn man sie gegen sich hätte.
Nachdem sie ihrer Meinung ausreichend Ausdruck verliehen hatte wedelte sie Carol und Remus mit einer mürrischen Armbewegung aus dem Krankenzimmer: „Nun geht schon, ehe ich nicht mehr an mich halten kann und diesen Mann in einen vernünftigen Zustand versetze."
Carol und Remus grinsten und verließen fluchtartig das Krankenzimmer und gingen in die Küche.
„Ich habe nur sehr wenig Zeit, Carol, ich wünschte ich könnte länger bleiben, aber mein derzeitiger Auftrag wird nicht mehr all zu lange dauern, hoffe ich. Dann kann ich wieder für einige Zeit hier sein."
Carol setzte sich zu ihm an den Tisch, der sich plötzlich in rasender Geschwindigkeit mit den verschiedensten Speisen zu füllen begann. Beide grinsten, als Winky kurz darauf aus der Vorratskammer in die Küche tippelte und geschäftig am Herd herumwuselte.
„Winky hat gesehen, dass Mr. Lupin gar nicht gut aussieht", sie schüttelte ihren Kopf, dass die Ohren klatschend hin und herschlackerten. Ihre riesigen Augen musterten ihn einen Moment, dann senkte sie den Blick.
„Winky hat schnell etwas zu Essen für Mr. Lupin zubereitet, es ist gar nicht gut, dass Mr. Lupin nichts zu essen bekommt, wo er jetzt ist. Gar nicht gut. Nein. Winky würde das nie so weit kommen lassen."
Die kleine Elfe murmelte weiter vor sich hin, während sich Remus tatsächlich wie ausgehungert über die Teller und Schüsseln hermachte.
Nach dem sein gröbster Hunger gestillt war, blickte er auf und sah Carol an, die gedankenverloren an einem Cracker knabberte.
„Du bist noch schöner geworden, seit ich Dich das letzte Mal gesehen habe", sagte er mit leichtem Staunen in der Stimme. „Was ist los, das Dich so aufblühen lässt?", er ergriff ihre Hand und streichelte sie sanft.
Carol sah ihn lächelnd an: „Ich lerne. Ich lese und lerne mehr und mehr über die verschiedensten Dinge, die ich bisher mehr geahnt als gewusst habe."
Sie strahlte, ohne es selber zu merken und Remus lächelte, als er sie so sah. Er hatte sich erhofft, hier einen Moment der Ruhe und des Kraft Schöpfens zu finden und sein Wunsch hatte sich mehr als erfüllt.
Nach kurzer Zeit allerdings musste er wieder aufbrechen. Gesättigt und an Leib und Seele gestärkt verließ er das Haus wieder, versprach aber, sich nach Möglichkeit bald zu melden.
Carol seufzte. Auch wenn sie etwas erschrocken war über seinen Zustand, so war sie doch froh, ihn gesehen zu haben und hoffte, die gemeinsamen Bemühungen von Augusta, Winky und ihr selbst würde ihm helfen, die nächste Zeit besser zu überstehen.
Es wurde Abend und sie saß mit einem Stapel Bücher in der Küche, trank ein Glas Kürbissaft und vertiefte sich in ihre Studien.
Anfangs hatte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, aber schnell gemerkt, dass sie sich dort nicht so wohl fühlte, wie in der Küche. Hier bestand immer die Möglichkeit, dass ein Ordensmitglied auf einen Plausch und eine Mahlzeit herein schaute und sie freute sich jedes Mal über den Besuch. Ihr eigenes Zimmer nutze sie fast nur zum Schlafen oder wenn sie ungestört sein wollte, was jedoch selten vorkam.
Sie lächelte bei dem Gedanken, dass Remus sie vorhin darauf angesprochen hatte, ob sie nicht zwei Zimmer gemeinsam nutzen wollten. Er war ein wenig errötet und seine Stimme hatte leicht gezittert, als er sie hoffnungsvoll aber etwas unsicher angesehen hatte. Sie hatte ihn geküsst und gesagt, sie würde darüber nachdenken.
Morgen wollte sie mit Winky beraten, welche Zimmer dafür am Besten in Frage kämen und sie freute sich darauf, ihn bei seinem nächsten Auftauchen damit überraschen zu können.
Gedankenverloren starrte sie auf eine Buchseite, ohne ein einziges Wort zu lesen, als ein leises Klopfen sie aus ihren Gedanken riss.
Snape stand in der Tür, die Fingerknöchel noch am Türrahmen. In der anderen Hand hielt er eine Flasche Rotwein.
Sie lächelte ihn an: „Severus, schön Dich zu sehen. Komm herein."
Sie schob die Bücher und Notizzettel zur Seite und stand auf. Aus einer Hängevitrine über der Spüle holte sie zwei Weingläser und betrachtete sie. Es war schweres, altes Kristall und in die Kelche war ein wundervoll verschnörkeltes „B" eingeschliffen.
„Oh jeh, das Familienkristall der Familie Black." Sie grinste und stellte die Gläser auf den Tisch. Snape hob schweigend eine Augenbraue und stellte die Flasche daneben.
„Molly hat sie vor einiger Zeit aus irgendeinem Salon geholt und in die Küchenschränke gestellt", ergänzte sie.
Snape verzog keine Miene, zückte seinen Zauberstab und richtete ihn mit einer eleganten Geste auf die Flasche, aus der sich augenblicklich der Korken löste und sanft auf den Tisch neben die Flasche schwebte.
Er schenkte ihnen beiden ein und sie setzten sich an den Tisch.
„Man kann also zaubern, ohne etwas zu sagen?", Carol hatte gesehen, wie die Flasche geöffnet hatte und war leicht erstaunt.
„Ja, es erfordert Übung, aber man kann es."
„Aha", sie nahm einen Schluck Wein, nickte anerkennend und sah Snape nachdenklich an.
„Man kann den Spruch also denken und er funktioniert wie gesprochen?"
„Ja."
„Und ohne den Zauberstab?"
„Ja, auch das geht, aber es ist die hohe Kunst der Zauberei. Nur sehr wenige, besonders begabte und geschulte Zauberer beherrschen das stablose Zaubern."
Carol nahm einen weiteren Schluck.
„Dumbledore?"
„Ja, unter anderem."
Sie saßen schweigend am Tisch und tranken schluckweise den Wein. Das Schweigen war entspannt und ohne unangenehme Belastung. Es war eines der Dinge, die diese beiden so ungleichen Menschen verband, ihre Fähigkeit in freundlicher Übereinstimmung miteinander zu schweigen.
Als die Gläser leer waren, schenkte Snape nach, sah eine Weile in die blutrote Flüssigkeit seines Glases und sagte dann, ohne Carol anzusehen: „Er war heute hier." Es war eine Feststellung, keine Frage und Carol staunte, wie schnell solche Nachrichten sich verbreiteten.
Sie nickte und wollte etwas sagen, doch er fuhr unbeirrt fort, als hätte er ihre Geste nicht bemerkt: „Das war unklug, aber typisch", Snape verzog das Gesicht. „Er hätte verfolgt werden können, seine Tarnung hätte auffliegen können und das alles für einen Moment des…", er zögerte und seine Stimme wurde eine Nuance tiefer, als er fort fuhr: „… Wohlbefindens."
Carol war weder sein Zögern, noch seine Stimmlage entgangen.
„Man neigt zu törichtem Handeln, wenn man liebt, Severus."
„Man sollte niemals seinen Verstand aufgeben, sofern man denn welchen hat", er klang beherrscht zornig. „Wenn man seinen Verstand nicht jederzeit einsetzt und sich situationsgerecht verhält, bringt man andere in Gefahr und wohlmöglich Schlimmeres." Er holte tief Luft und nahm einen Schluck Wein.
„Lupin ist auf einer wichtigen und gefährlichen Mission und er sollte verdammt noch mal aufhören alles zu riskieren, nur weil er ein sentimentales Schoßhündchen ist, das seine Hormone nicht unter Kontrolle hat." Er schnaubte wütend.
Carol sah ihn an und hob langsam die Augenbrauen.
„Kontrolle ist etwas Wichtiges, nicht wahr, Severus?", sagte sie mit leicht süffisantem Tonfall.
Snape zuckte zusammen, als er ihre Worte hörte und atmete noch einmal ruhig durch.
„Verzeih, es war nicht Dein Fehler und ich hätte mich beherrschen sollen."
Snape lehnte sich wieder etwas entspannter zurück. „Ich weiß, dass er inzwischen gelernt hat, auf sich aufzupassen und er macht im allgemeinen seine Sache auch gut, deshalb sind solche Ausrutscher um so ärgerlicher", Snapes Worte wirkten widerwillig und seine Stimme war leicht gepresst, aber Carol konnte fühlen, dass er es ehrlich meinte. Es fiel ihm nicht leicht, den aufkeimenden Respekt seinem alten Feind gegenüber für sich zu akzeptieren und manchmal fiel er in sein altes Verhalten zurück, das auf eine eigene Art und Weise auch so viel einfacher gewesen war.
Carol legte ihre Hand auf seinen Unterarm. Sie spürte wie seine Muskeln sich anspannten und rechnete fast damit, dass er seinen Arm weg zog, aber nach ein paar Sekunden entspannte er sich wieder und ließ die Berührung zu.
„Du hast recht, es war dumm", sagte sie leise und versonnen. „Aber auf eine Art war es auch gut und richtig."
Sie sah Snape einen langen Augenblick an und er erwiderte ihren Blick ohne zu Blinzeln.
„Du verstehst es, nicht wahr Severus?"
Er schwieg lange und sagte schließlich ruhig: „Ich weiß, was bedingungslose Loyalität bedeutet."
Carol beließ es dabei.
Nach einer Weile fragte sie: „Wie läuft es mit Deinem jungen Protege?"
„Oh ganz gut. Ich versuche unauffällig seine Ansichten zu lenken und ihm zu vermitteln, was richtig ist. Sehr vorsichtig, ohne ihn dabei zu gefährden, so hoffe ich zumindest. Er denkt weiter, ich bin ein loyaler Gefolgsmann des dunklen Lords, der sich einfach nur die Freiheit herausnimmt, eigene Gedanken zu haben und diese Tatsache vor seinem Meister verbirgt. Diesem Verhalten möchte er nacheifern. Von mehr weiß er nicht."
Carol nickte.
„Ich werde schon bald anfangen, ihn in Okklumentik zu unterrichten."
„Ich bin sicher, Du findest den richtigen Weg zu ihm, aber pass auf, dass Du nicht in Gefahr gerätst, Severus."
Snape nickte und sie verbrachten noch einige Zeit mit ihren eigenen Gedanken, bevor Snape sich wieder verabschiedete und nach Hogwarts zurückkehrte.
Carol ging schlafen und nahm sich vor, am nächsten Tag noch einmal zu Jasper Hütte zu gehen, um dort etwas an dem zweifach geweihten Wasser auszuprobieren.
Am nächsten Morgen schrieb Carol gleich nach dem Frühstück einen langen Brief an Dumbledore, in dem sie ihm ihre Pläne für die nächste Zeit mitteilte und ihn auch gleich um Erlaubnis bat, später noch die Hogwartsbibliothek zu besuchen. Als sie mit dem Brief fertig war, stand sie etwas unschlüssig mit dem Kuvert in der Hand herum und hatte keine Ahnung, was sie nun tun sollte. Sie ging zu dem Eulenzimmer unter das Dach des Hauses und sah die wunderschönen Vögel eine Weile nachdenklich an.
„Ich denke nicht, dass ihr einen Brief von mir nach Hogwarts bringt, wenn ich keine Hexe bin, oder?"
Eine der Eulen sah sie an, drehte den Kopf und schuhuhte leise, die anderen schienen keine Notiz von ihr zu nehmen.
Langsam wandte sie sich ab und ging ins Krankenzimmer, um Augusta um Hilfe zu bitten.
Die Heilerin war erfreut, helfen zu können und innerhalb kürzester Zeit war eine Eule nach Hogwarts unterwegs.
Als das erledigt war, verließ Carol das Haus. Sie stromerte noch ein wenig in London herum, bevor sie sich auf den Weg zu Jaspers Hütte machte.
Dort angekommen sah sie zuerst in der Hütte nach, ob Coco noch oder wieder da war, aber es gab keine Spur von der Eule, so dass Carol davon ausging, sie wäre heimgekehrt.
Leises Bedauernd machte sich in ihr breit, irgendwie war Coco eine Verbindung zu Jasper gewesen und sie hätte die Eule gerne behalten.
Sie schüttelte die sentimentalen Gedanken ab und schmunzelte bei dem Gedanken, dass Jasper sie dafür ausgelacht hätte und so ging sie vor die Hütte in Richtung des Baches, der das zweifach gesegnete Wasser enthielt. Sie wollte eine Probe nehmen, die sie mit nach Schottland zu den Stätten der Macht mitnehmen wollte, um dort herauszufinden, welche Wirkungen diese zwei unterschiedlichen Kräfte aufeinander hatten.
Als sie das Wasser erreicht hatte, füllte sie vorsichtig mehrere Phiolen damit und verstaute sie in ihrem Rucksack. Sie sah sinnierend auf den kleinen Bach und nahm das Gefühl des Friedens und der Kraft in sich auf, die von diesem Ort ausgingen.
Mit den Fläschchen im Gepäck brach sie nach einer Weile der Ruhe wieder auf. Ihr nächstes Ziel war das Hogwartsgelände, wo sie bei ihrem letzten Besuch in der Nähe von Hagrids Hütte einen besonderen Baum entdeckt hatte.
Seine Energie war es, die sie brauchte, bevor sie nach Schottland reisen konnte. Denn nur, wenn sie die Kraft des Baumes in sich barg, würde sie in der Lage sein, die alten Kultstätten zu erkennen. So zumindest hatte es in den Büchern geheißen, die sie dazu studiert hatte. Die Kraft des Baumes war ein Thema, das im Zusammenhang mit den Kultstätten immer wieder auftauchte und sie war sich sicher, dass der Baum im verbotenen Wald genau das war, was sie brauchte.
Sie erreichte die Tore und betrat das Schulgelände. Ruhig lag es da, anscheinend war Unterricht und sie wollte auch nicht stören. Später wollte sie für einen längeren Aufenthalt herkommen, um die Bibliothek zu besuchen und mit den verschiedenen Professoren über einige Themen der Magie zu reden. Sie ahnte, dass viele von ihnen Dinge wussten, von denen sie nicht ahnten, dass sie weitreichender waren. Aber heute wollte sie nur einen kurzen Besuch abstatten und schnell und unerkannt wieder verschwinden, um baldmöglichst nach Schottland abreisen zu können. Raschen Schrittes ging sie auf Hagrids Hütte zu, die noch immer verlassen da lag. Der Zettel, von dem Remus gesprochen hatte hing nicht mehr an der Tür, also hatten Harry und seine Freunde ihn wohl gefunden und die Aufträge übernommen. Carol schmunzelte bei dem Gedanken daran.
Sie ging folgte wieder dem Pfad in den Wald hinein, genau erinnerte sie sich noch an Hagrids Wegbeschreibung zu den Zentauren und so fand den alten Baum auf Anhieb wieder.
Er war uralt, seine Rinde voller tiefer Risse und Scharten und riesige Wurzeln rankten sich über den Boden um ihn herum, bevor sie im Boden verschwanden. Er schien so alt zu sein wie die Zeit und er machte den Eindruck, nichts könne ihm etwas anhaben.
Carol empfand es als etwas Natürliches, einen solchen Baum hier in der Nähe der Schule zu finden, es war, als verbände er die Kulturen, denn seine Macht war sicher auch den Zauberern nicht verborgen geblieben.
Sie berührte die uralte Rinde mit den Händen und wie schon beim ersten Mal erschien ein leichtes goldenes Leuchten dort, wo sie ihn berührte. Sie atmete tief ein und aus und spürte die Kraft langsam in ihren Körper fließen. Nach einigen Augenblicken lehnte sie sich vor und legte ihre Stirn gegen den Baum. Obwohl das Leuchten nun auch ihr Gesicht erfasste, war es nicht warm, sondern fühlte sich seltsam kühl und frisch an, als würde eine leichte Brise über ihr Gesicht wehen. Sie genoss den Moment und als das goldene Leuchten langsam nachließ, löste sie sich von dem Baum und setzte sich neben ihn auf den Waldboden. Obwohl sie die Kraft des Baumes in sich aufgenommen hatte, fühlte sie sich seltsam schwach, als müsse ihr Körper erst lernen, mit dieser neuen Energie umzugehen. Sie atmete tief und sog den erdigen Geruch des Waldes ein, einen Geruch, den sie über alles liebte und von dem sie niemals im Leben genug bekommen konnte.
Als wäre ein paar Wolken zur Seite geschoben worden, brachen plötzlich helle Sonnenstrahlen durch das Blätterdach und sie schloss die Augen. Einen Moment lang glaubte sie, das hier müsse das Paradies sein, die Kraft der Erde, der Geruch des Waldes und die Wärme der Sonne. Sie wünschte sich, dieser Moment möge nie vergehen.
„Sieh mal einer an, wen haben wir denn hier?" Eine kalte Stimme ließ sie aufschrecken und sie öffnete die Augen. Vor ihr stand ein Mann, in seiner ausgestreckten Hand einen Zauberstab haltend, den er unmissverständlich auf Carol gerichtet hier. Sie blinzelte, um ihn im Gegenlicht besser erkennen zu können, doch er war ihr unbekannt, wie sie das beim Klang seiner Stimme schon vermutet hatte. Sie drehte sich, um ihn sehen zu können und schließlich wurde sie nicht mehr direkt von der Sonne geblendet, so dass sie erkennen konnte, was für ein Mann dort vor ihr stand.
Er stand aufrecht, mit einer Art lässiger Arroganz, die für sich genommen schon beeindruckend sein konnte. Dazu kam ein blasses Gesicht mit ebenmäßigen Zügen und Augen wie kalter Stahl. Lange hellblonde Haare waren aus dem Gesicht zurückgekämmt und fielen überschulterlang auf den Rücken des Mannes.
Er hätte schön sein können, wenn nicht Härte und Grausamkeit seinen Blick und das Gesicht geprägt hätten, aber so war er nur auf eine schreckliche Art faszinierend.
Carol versuchte sich zu sammeln und ihre aufkeimende Furcht zu unterdrücken. Ihre Situation war nicht gut, sie erinnerte sich, dass sie hier im Wald weit abgeschnitten war von allen anderen Menschen, die ihr würden helfen können und dass Harry und Hermine ihr erzählt hatten, dass es schon mehrfach Besuche von weniger freundlichen Personen auf dem Schulgelände gegeben hatte.
Damals hatte sie dem noch keine Bedeutung beigemessen, aber schlagartig wurde ihr klar, dass die Schule zwar sicherer war als andere Orte, aber nicht so geschützt wie der Grimmauldplatz war. Von einem Moment auf den anderen begriff sie, wie naiv es gewesen war, alleine hier her zu kommen.
Sie nahm allen ihren Mut zusammen und sah dem Mann in die Augen: „Wer sind sie?", sie schaffte es nicht, ein leichtes Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen.
Der Mann deutete eine spöttische Verbeugung an: „Lucius Malfoy, zu Ihren Diensten Madame."
Er verzog sein Gesicht zu einem freudlosen Lächeln, dann schoss er mit einer geschmeidigen Bewegung vor und packte ihr Kinn mit seiner freien Hand. Sie konnte spüren, wie die Spitze seines Zauberstabs sich in die Seite ihres Halses bohrte und keuchte auf vor Schreck und Furcht.
Er umklammerte ihr Kinn mit festem Griff und zwang so ihr Gesicht in seine Richtung. Dann beugte er sich vor und als er nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt war, zischte er mit drohendem Unterton: „Hast Du Angst?"
Er lachte kalt: „Es ist erstaunlich, wie klug Tiere sein können, auch wenn Angst ja eher eine instinktive Reaktion ist, so gibt es auch Muggel, die dumm genug sind, keine Furcht zu haben. Erfreulicherweise scheinst Du nicht zu ihnen zu gehören."
Carol bewegte sich nicht und wagte kaum zu atmen. Ihre Gedanken rasten und sie versuchte einen Ausweg aus ihrer Situation zu finden, aber ihr fiel nichts ein, was sie hätte tun können, bevor er einen Fluch auf sie aussprechen könnte.
„Du wirst noch viel mehr Angst kennen lernen, wenn ich Dich Deiner Bestimmung zuführe", er lachte wieder kalt. „Der dunkle Lord weiß zwar noch nichts über Deine Existenz, aber Du wirst ein vortreffliches Geschenk abgeben."
Wieder erklang ein hässliches Schnauben.
„Man hat mir berichtet, dass hier eine Fremde hier wie selbstverständlich über das Gelände geht, die scheinbar etwas Spezielles sucht. Da normalerweise keine Fremden alleine hier herumstrolchen, dachte ich mir, die Information könnte etwas zutage bringen, das mit nützt. Und siehe da, was ich gefunden habe."
Er warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend.
„Dass ich dabei etwas so interessantes finden würde, hätte ich allerdings nicht gedacht."
„Sie müssen sich irren, ich bin niemand. Ich bin hier nur auf einer Wanderung, Sie müssen mich mit jemandem verwechseln." Zaghaft versuchte sie sich aus der Situation herauszureden.
Wieder erklang das kalte Lachen.
„Netter Versuch, aber ich habe Dich vor einiger Zeit zusammen mit Dumbledore und Hagrid in der Schule gesehen, also erzähl mir nicht, Du wärst eine unbeteiligte Fremde. Ich weiß nicht, welche Rolle Du spielst und wieso Du zweimal in der Schule aufgetaucht bist und zumindest beim ersten Mal ein willkommener Gast warst, aber ich bin sicher, der dunkle Lord wird jedes Detail mit Freude aus Dir herausholen."
Carol erkannte, dass sie in der Falle saß. Mit einer schnellen Bewegung schob sie ihre Hände zwischen seine Arme und schlug sie nach außen weg, dann versuchte sie, ihm mit einer Hand das Gesicht zu zerkratzen und ihn mit der anderen Hand fort zu stoßen.
Seine freie Hand holte aus und ohrfeigte sie mit ungeheuerer Wucht, die sie zu Boden geschleudert hätte, wenn er sie nicht sofort nach ihr gegriffen hätte und sie an sich herangezogen hätte.
Er packte ihre Haare und zerrte ihren Kopf zu sich heran.
„Du willst Spielchen spielen? Schön, das kannst Du haben." Wieder lachte er spöttisch.
