Kapitel 29: Pläne und Geheimnisse
Carols Gedanken arbeiteten fieberhaft. Es musste etwas geben, das ihr helfen konnte, irgendetwas, das sie aus dieser Lage befreien würde. Sie durfte sich nicht darauf verlassen, dass jemand sie bemerken würde, sonst fand sie sich wohlmöglich bald hilflos in den Händen Voldemorts wieder. Ein Gedanke schoss ihr in den Kopf. Sie streckte einen Arm aus und berührte die Rinde es alten Baumes, dann schloss sie sie Augen und konzentrierte sich.
Einen Moment lang passierte nichts, dann zischte ein Strahl goldener Energie durch ihren Arm und hüllte Malfoy ein. Ein kurzes Flackern noch, dann verschwand das Leuchten, als wäre nie etwas gewesen. Malfoy zuckte zusammen, als hätte er einen Schlag in die Magengrube erhalten, er klappte nach vorne und ließ sie los.
Ohne eine Sekunde zu zögern, drehte sie sich um und rannte weg.
Sie rannte, ohne nach rechts oder links zu sehen, ohne irgendetwas zu hören. Sie rannte, als wäre der Teufel hinter ihr her.
EXPELLIARMUS
Ohne sich umzudrehen rannte Carol weiter.
STUPOR
Sie kümmerte sich nicht um die Rufe, die wie aus dem Nichts erklangen und lief weiter.
„Bleib stehen!"
Sie rannte.
„Carol, warte!"
Voller Erstaunen merkte sie, dass die Stimme ihr bekannt vorkam und sie verlangsamte ihre Schritte.
Moodys Stimme rief noch einmal hinter ihr her, dann blieb sie stehen und dreht sich um.
Malfoy lag regungslos auf dem Boden, ansonsten war nichts zu sehen.
Misstrauisch musterte Carol sie Szene, als sie plötzlich einen Arm sah, der in ihre Richtung winkte. Moody kam unter seinem Tarnumhang hervor und winkte sie heran.
Mit zitternden Knien ging sie auf ihn zu, ohne ihren Blick von dem scheinbar bewusstlosen Lucius Malfoy abzuwenden. Sie erreichte Moody, ihr Atem ging keuchend und ihr Herz hämmerte rasend schnell.
„Albus hat Deinen Brief erhalten und meinte, es wäre nicht falsch, wenn jemand ein wenig nach Dir sieht, solange Du hier in der Gegend bist."
Sein magisches Auge rollte wild herum und blieb dann in einer Position, in der es Malfoy beobachten konnte, während er mit dem anderen Auge Carol fixierte.
Er kratzte sich die Überreste seiner Nase und sagte: „Ich schätze, er hat wieder einmal den richtigen Riecher gehabt."
Er lachte rau, dann musterte er Carol kritisch.
„Bist Du verletzt?"
Sie atmete langsamer und sagte dann: „Nein, ich denke, ich habe Glück und einen Schutzengel gehabt, der genau zur rechten Zeit erschienen ist." Sie lächelte ihn dankbar an.
„Das war ne knappe Sache, fast wäre ich zu spät gekommen. Ich bin Dir gefolgt, habe aber kurz hinter der Wildhüterhütte Deine Spur verloren im Wald. Und kaum bin ich ein Stückchen weg vom Pfad sind auch schon keine genaueren Spuren mehr zu erkennen. Ich hatte wirklich ein mulmiges Gefühl, immerhin haben die Zentauren klare Anweisungen gegeben, was man hier im Wald darf und was nicht. Und den Pfad verlassen gehört eindeutig in die zweite Kategorie. Ich bin froh, dass ich den Tarnumhang hatte, der mich vor neugierigen Augen geschützt hat. Wer weiß, was das wieder für Verwicklungen gegeben hätte, wenn die Zentauren mich erwischt hätten."
Wieder lachte Moody.
„Bist Du hier fertig?"
Carol nickte.
„Dann lass uns hier verschwinden, bevor dieser Abschaum wach wird und noch herausfindet, wer oder was ihn außer Gefecht gesetzt hat."
Er trat einen Schritt vor und sah auf Malfoy herunter: „Ich würde diesem Dreckskerl am Liebsten geben, was er verdient, aber dann würde Albus mir die Hölle heiß machen. Wir lassen ihn am besten von einem Auror einsammeln, sobald wir hier weg sind. Askaban ist der richtige Ort für Leute wie ihn."
Er hob seinen Zauberstab und fesselte den liegenden Mann mit magischen Bändern, bis er verschnürt wie ein Paket war. Dann packte er Carols Arm und sie gingen mit schnellen Schritten den Weg zurück aus dem Wald. Nahe Hagrids Hütte fragte Moody sie. Ob sie noch etwas zu erledigen habe, ansonsten wolle er wieder unter seinem Umhang verschwinden und ihr folgen, bis sie wieder in Sicherheit wäre.
Carol erklärte, sie sei hier fertig und für Besuche und andere erfreuliche Dinge sein ein andermal Zeit. Moody verschwand wieder unter dem Tarnumhang und Carol machte sich auf den Weg, das Schulgelände unauffällig zu verlassen.
Zurück am Grimmauldplatz ließ Augusta sich Carols Erlebnisse schildern und hatte einige recht undamenhafte Kommentare für Malfoy parat. Carol hatte sich wieder erholt und schmunzelte über die Heilerin, die kein gutes Haar an Lucius ließ.
Sie erholte sich ein paar Tage und brach dann nach Schottland auf.
Am Tag ihrer Abreise erfuhr sie noch von Moody, dass die Auroren, die er gleich nach ihrem Verschwinden in den verbotenen Wald geschickt hatte, Lucius Malfoy nicht mehr vorgefunden hatten. Entweder war es ihm gelungen, sich selber zu befreien, oder er hatte Komplizen gehabt, die er zu Hilfe rufen konnte. Die Information löste in Carol ein eigenartiges Gefühl aus. So sehr sie Lucius Malfoy als unangenehm empfunden hatte (ein Eindruck, der sich durch die Berichte von Moody über Malfoys Aktivitäten und seine Prioritäten noch vertieft hatte), Askaban war nichts, was man irgendeinem Menschen zumuten sollte.
Es blieb ein vages Gefühl der Sorge, was Malfoy nun weiter unternehmen würde, denn Carol war sich sicher, er hatte ihr kein Wort geglaubt, dass sie eine unbeteiligte Fremde sei. Sie gestattete sich einen Moment der Furcht, denn Malfoys Auftreten hatte ihr wieder einmal deutlich gemacht, worum es in diesem Kampf ging und dass einer Seite zumindest jedes Mittel recht war. Ein kurzes Zittern lief durch ihren Körper, als sie daran dachte, dass er durchaus Willens gewesen war, sie der Folter oder noch Schrecklicherem auszuliefern, damit man die gewünschten Informationen aus ihr herausbekam.
Ihre Begegnungen mit Todessergruppen hatte ihr bereits deren Skrupellosigkeit vor Augen geführt, dennoch waren sie immer eine irgendwie anonyme Größe in dem Kampf gewesen, nie war jemand so sehr als eine Person aufgetreten, wie Malfoy, der aufrecht vor ihr gestanden hatte, keine Scheu, sein Gesicht zu zeigen, keine Furcht, seine Absichten zu bekennen. Sie schauderte wieder, denn ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hatte war der gefährlichste Gegner, den sie sich denken konnte.
Schließlich schüttelte sie die Gedanken ab, denn alles Grübeln und Spekulieren würde im Moment nicht helfen, verabschiedete sich von Augusta und Moody und trat ihre Reise nach Schottland an.
Harry, Ron und Hermine saßen im Kürbisbeet hinter Hagrids Hütte, in der Fang satt und zufrieden eingeschlafen war und besprachen die Situation. Hermine warf kleine Steine in Richtung Waldrand und Harry rieb sich gedankenverloren den Arm, der höllisch schmerzte, seit Grawp vor ungefähr einer Stunde bei ihrem Besuch eine junge Tanne nach ihm geworfen hatte. Hagrid hatte ihnen schon früher mal gesagt, dass Grawp manchmal, wenn er sich sehr freute oder aufgeregt war leicht ein wenig zu überzogenen Reaktionen neigte und dass sein Spieltrieb manchmal mit ihm durchginge. Harry fand das war eine typische Hagrid-Untertreibung, aber andererseits wusste er natürlich nicht, ob Tannenwerfen bei Riesen vielleicht eine normale Umgangsform unter Freunden war. Oder vielleicht ein Sport und Grawp wollte sie zu einem Match unter Freunden auffordern. Er grinste trotz seiner Schmerzen. Merlin sei Dank war die Tanne noch relativ klein gewesen und hatte seinen Arm nur gestreift. Trotzdem tat es höllisch weh und schwoll mehr und mehr an.
„Du solltest das wirklich von Madame Pomfrey ansehen lassen", wiederholte Hermine zum bestimmt neunten Mal, seit sie aus dem Wald zurück waren.
„Ach ja? Und was sage ich ihr? Oh, mich hat eine vorbei fliegende Tanne gestreift, die ein Riese geworfen hat, der sich illegal im verbotenen Wald versteckt, aber das war nicht böse gemeint, er wollte nur spielen."
Ron brach in albernes Gekicher ein und Harrys Grinsen wurde breiter. Nur Hermine schaute weiter ernst uns schnalzte tadelnd mit der Zunge.
„Harry, ich meine es ernst. Das sieht fürchterlich aus und Dir geht's auch nur gut, wenn Du Dich nicht bewegst, also ist Dein Arm bestimmt nicht nur geprellt."
Harry und Ron wurden wieder ernst, denn der Tonfall von Hermine drückte echte, tief empfundene Sorge aus.
„Vielleicht hat sie ja Recht, Harry. Du könntest sagen, dass wir zusammen ein paar Flugmanöver fürs Quidditchtraining geübt haben und Du dabei vom Besen gefallen bist."
Harry überlegte einen Moment. „Nein, das geht nicht, niemand fällt punktgenau auf den Oberarm und hat dann eine so einfache Prellung. Madame Pomfrey hat in ihrer Praxis in der Schule schon zu viele Quidditch –Verletzungen gesehen, um das in zwei Sekunden zu durchschauen. Nein, das wird so nichts."
„Du könntest ja bei einem besonders riskanten Manöver gegen einen Baum geknallt sein", überlegte Hermine. „Das glaubt jeder, der Euch kennt."
Harry verzog das Gesicht, als bereite ihm die Vorstellung noch größere Schmerzen, als sein Arm.
„Nicht einmal Erstklässler fliegen gegen einen Baum. Wenn ich das sage, dann weiß es innerhalb von ein paar Stunden ganz Hogwarts und ich werde Draco und seinen Kumpanen nicht noch selber die Munition liefern, um mich auszulachen. Nein, ich werde lieber drei Wochen bei Snape Nachsitzen, als so etwas zu erzählen." Er sah zum Äußersten entschlossen aus.
Hermine schüttelte mit einem Merlin-Lass-Hirn-Regnen-Gesichtsausdruck den Kopf.
„Oh Harry, kannst Du Dein Ego nicht einmal parken und das tun, was vernünftig wäre?"
„Das hat nichts mit Vernunft zu tun, es geht hier um die Ehre eines Suchers, Hermine", er sah sie ernst an und Ron nickte zustimmend.
Hermine seufzte theatralisch und musste sich ein Grinsen verkneifen. Da hatte Harry wohl unbeabsichtigt den Nagel auf den Kopf getroffen, aber sie verkniff sich den Triumph, ihn darauf hinzuweisen. Nach einem Moment sagte sie dann: „Naja, erzähl, was Du willst, aber geh bitte in den Krankenflügel, ok?"
Um weitere Vorträge über Vernunft, Ego und männlichen Habitus zu vermeiden willigte Harry ein.
Sie schwiegen eine Weile und lauschten den Geräuschen, die vom nahen Waldrand herüber klangen.
„Was geht bloß vor", fragte Hermine wie zu sich selber. „Professor Lupin ist verschwunden, Hagrid und Firenze sind nicht mehr an der Schule und Carol soll auch fort sein."
„Professor Lupin ist verschwunden?"
„Ja, er soll krank und verletzt sein. Dobby hat mir das erzählt, als ich ihm beim Aufräumen des Gryffindor-Gemeinschaftsraumes geholfen habe. Er hat vor ein paar Tagen Winky am Grimmauldplatz besucht und sie hat ihm das alles brühwarm berichtet. Die Arme ist in schrecklicher Sorge und Dobby hat schon Angst, dass sie vor lauter Schreck wieder das Trinken anfängt."
„Was hat sie denn genau von Professor Lupin erzählt?"
„Und was ist mit Carol, weiß Winky das auch?"
Hermine hob die Hand, um die Jungen zum Schweigen zu bringen, was diese auch prompt taten.
Sie setzte sich umständlich bequemer hin und schien offensichtlich die Aufmerksamkeit zu genießen.
„Tja, also Dobby sagte, Winky wäre schrecklich besorgt, weil Professor Lupin vor einiger Zeit auf eine geheime Mission gegangen wäre und vor ein paar Tagen kurz zu Besuch war. Winky meinte, er war verletzt, krank und furchtbar abgemagert. Madame Jacobsen soll ihn ein wenig versorgt haben, aber Winky war der Meinung, dass das bei Weitem nicht ausgereicht hätte. Sie ist der festen Überzeugung, dass Professor Lupin in den sicheren Tod aufgebrochen ist."
Ron starrte sie ungläubig an. „Aber das würde Professor Dumbledore nicht erlauben, oder?"
„Er erlaubt auch, dass Professor Snape bei den Todessern spioniert, was ihn jederzeit das Leben kosten könnte", warf Hermine ein. Sie schwiegen einen Moment. „Findet ihr nicht auch, dass Professor Snape auch irgendwie anders ist, seit er den Unterricht wieder aufgenommen hat?"
Harry schnaubte abfällig. „Snape ist der gleiche widerwärtige Mistkerl, der er die letzten Jahre auch war", knurrte er.
Ron verzog das Gesicht und nickte Harry zustimmend zu.
„Nein, ich finde schon, dass er anders ist. Nicht so offensichtlich, aber wenn man genauer hinseht.."
„Niemand will genauer hinsehen", unterbrach Ron sie rüde.
„Was hat Dobby Dir noch erzählt", versuchte Harry sie wieder auf das eigentliche Thema zu bringen.
„Also mehr wusste er über Professor Lupin auch nicht zu erzählen, aber Winky hat noch berichtet, dass Carol auch aufgebrochen ist, nach Schottland oder so." Sie grübelte einen Moment.
„Oh, und sie hat versehentlich mitgehört, als Madame Jacobsen und Carol sich unterhalten haben und anscheinen hatte Lucius Malfoy sie überfallen und Moody hat sie in letzter Sekunde gerettet."
Hermine war anzusehen, dass sie es sichtlich genoss, aufregende Neuigkeiten verbreiten zu können.
„Malfoy hat was?" Harry war aufgesprungen und verzog nun schmerzhaft das Gesicht, weil sein Arm plötzlich wieder wahnsinnig wehtat. Er setzt sich vorsichtig wieder hin und presste zwischen den Zähnen hervor: „Dieser ekelhafte Dreckskerl, ich werde…", er jappste nach Luft.
Ron und Hermine sahen ihn besorgt an, aber ruhiges Sitzen schien seinem Arm gut zu tun und er wirkte langsam wieder entspannter.
„Er wurde geschnappt", sagte Hermine schnell, bevor Harry sich wieder aufregen konnte. „Und nach Askaban gebracht."
Ron überlegte fieberhaft.
„Können wir nicht irgendetwas tun, um zu helfen?", er wirkte ernsthaft besorgt.
Harry schwieg eine Weile, dann hob er den Kopf und sah Hermine an: „Funktionieren die DA-Münzen noch?"
Hermine sah ihn erstaunt an. „Ich denke schon, warum auch nicht? Willst Du die DA wieder ins Leben rufen?" Sie sah zufrieden aus bei dem Gedanken.
„Warum nicht? Der Orden wird jede Hilfe brauchen können, wenn sich die Lage weiter zuspitzt. Ich meine, schaut Euch um, überall bröckelt es, wichtige Leute verschwinden, werden verletzt, sterben vielleicht. Da kann es doch nicht schaden, eine eingespielte Truppe in der Hinterhand zu haben oder?"
Ron sah zweifelnd drein. „Ok, wir haben letztes Jahr zusammen geübt und waren auch alle an dem Kampf im Ministerium beteiligt, aber als „eingespielte Truppe" kann man uns nun auch nicht gerade bezeichnen."
„Das stimmt, aber deshalb will ich ja mit den Leuten trainieren. Letztes Jahr habe ich sie unterrichtet, aber dieses Jahr will ich, dass wir trainieren und uns aufeinander einspielen. Mensch, das kann nicht schwerer sein, als einen Haufen Einzelspieler zu einer erfolgreichen Quidditchmannschaft zu machen."
Hermine sah nun auch zweifelnd drein. „Aber Du hast noch nie einen Haufen Einzelspieler zu einer erfolgreichen Quidditchmannschaft gemacht", warf sie ein.
Harry wischte den Einwand mit einer Handbewegung seines unverletzten Armes weg. Er war in seinem Element und man merkte die Freude, endlich aktiv werden zu können. „Aber ich habe miterlebt, wie so was geht. Traut ihr mir das etwa nicht zu?"
Beide starrten ihn einen Moment an, dann grinsten sie.
„Klar, kein Problem. Du schaffst das locker", sagte Ron und Hermine nickte.
„Allerdings weiß ich nicht, ob überhaupt noch Interesse daran besteht, die DA aufleben zu lassen", unterbrach Hermine nach einem Moment die Stille. „Immerhin sind die meisten mit dem Unterricht von Professor Kasparian sehr zufrieden. Und man muss sagen, er macht das auch wirklich sehr gut." Sie nickte nachdrücklich.
„Eine Menge theoretisches Basiswissen, aber dann auch wieder ganze Stunden voller praktischer Übungen für die verschiedensten Abwehrzauber."
„Die Duellstunde war auch cool", warf Ron ein, der immer noch über das ganze Gesicht strahlte, wenn er daran dachte, wie er Seamus Finnegan mit über 6 Punkten Vorsprung besiegt hatte.
Harry blickte etwas mürrisch drein: „Ja, er ist in Ordnung. Aber so gut, wie Professor Lupin ist er auch wieder nicht."
„Wie dem auch sei", lenkte Hermine ein, ehe wieder diese Diskussion zwischen Ron und Harry ausbrach, „es bleibt unsicher, wie viele von der alten DA überhaupt eine Notwendigkeit sehen, weiter zu üben, wenn ihnen eigentlich der Unterricht reicht."
Harry und Ron sahen sich schweigend an und blickten dann zu Hermine. Diese wickelte sich gedankenverloren eine Locke um den Finger und sagte dann leise, wie zu sich selbst: „Neville und Luna werden bestimmt kommen, sie hatten besonders viel Spaß an den DA-Stunden und sie sind oft alleine, da wird ihnen ein wenig Abwechslung und Zeit mit Freunden gefallen."
Harry sah sie erstaunt an: „Meinst Du? Mir ist irgendwie nie aufgefallen, dass Luna und Neville irgendwie abseits stehen." Er sah fragend zu Ron, der aber auch nur mit den Schultern zuckte.
Hermine lächelte nur wissend und die beiden Jungen beschlossen stillschweigend, dass sie wohl Recht haben müsse. Immerhin irrte sich Hermine in solchen Dingen nur sehr selten.
„Also tja…", Harry überlegte. „Keine sehr große Truppe dann also, aber immerhin haben Neville und Luna gezeigt, dass sie zu Allem entschlossen sind und ohne Furcht für die DA einstehen."
„Eher für Dich, Harry", warf Hermine ein, aber Harry winkte ab. „Wenn es das gleiche Ergebnis hat, ist mir das egal. Aber wir müssen gewappnet sein, jeder einzelne zählt." Er schwieg und dachte an das Foto, das Mad-Eye Moody ihn gezeigt hatte. Es hatte den Orden des Phoenix vor Voldemorts Niederlage gezeigt. Eine Gruppe entschlossener und mutiger Kämpfer, von denen inzwischen nur noch ein kleiner Teil lebte. Seine Gedanken wanderten zu seinen Eltern, zu Sirius und ein schmerzhaftes Ziehen ging durch seinen Brustkorb. Einmal mehr stärkte sich in ihm der Entschluss, für die Seite einzutreten, für die die Menschen, die ihn geliebt hatten gestorben waren.
Und eine Art Nachwuchstruppe für den Phoenixorden zu bilden schien nicht der Schlechteste Ansatz zu sein.
Er nickte Hermine zu: „Gut, ich denke, mit Neville und Luna legen wir einen Grundstock, den wir ja jederzeit erweitern können, wenn uns interessierte Schüler die Tür einrennen." Er grinste schief, nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. Ron nickte eifrig und Hermine erklärte, sie wolle dann so bald wie möglich mit Neville und Luna reden.
Sie sah sich prüfend um und meinte dann: „Ich denke, hier ist auch ein guter Ort, um zu üben. Zumindest, bis Hagrid wieder kommt."
Wieder schwiegen sie eine Zeitlang und hingen ihren Gedanken nach. Schließlich sprach Harry das aus, was ihm seit Hermines Bericht von Winky beschäftigt hatte.
„Was passiert nur, wenn Carol nicht mehr wieder kommt? Wenn ihr etwas zugestoßen ist?"
„Ich weiß es nicht, Harry", sagte Hermine leise und sah ihn nachdenklich an. „Bisher sind wir doch auch davon ausgegangen, dass Du die Prophezeiung ohne fremde Hilfe erfüllen kannst." Sie sah ihn aufmunternd an.
„Ja, aber bisher war die Prophezeiung aber auch nur die Alternative entweder zum Mörder zu werden, oder ermordet zu werden. Durch Carols Kraft des Lebens könnte ich dem entgehen. Aber wenn sie nun nicht wieder kommt…" Er brach ab und sah niedergeschlagen drein.
Hermine suchte krampfhaft irgendetwas, das sie sagen konnte und das ihn trösten könnte. „Ich könnte noch einmal die Bibliothek durchsuchen nach Informationen, vielleicht habe ich etwas übersehen. Und Ron könnte Eulen an Bill und Charlie schicken, vielleicht hat man in fremden Ländern etwas über diese Kräfte gehört."
Harry sah auf und lächelte, während Ron sie zuerst verdutzt ansah und etwas erwidern wollte, dann aber doch mit Hilfe eines gezielten Stoßes in die Rippen und eines strengen Blickes erkannte, was Hermine wollte und zustimmend nickte.
„Wir schaffen das schon, Harry." Hermine versuchte aufmunternd zu klingen und ein warmes Gefühl erfüllte Harry, als er erkannte, was seine Freunde für ihn bedeuteten. Mit seiner schmerzfreien Hand fuhr er sich durch die Haare, dann merkten sie, wie spät es inzwischen war und gingen langsam in Richtung Schloss zurück. Hermine bestand darauf, dass Harry zuerst in den Krankenflügel ging, bevor er irgendetwas anderes tat. Sie einigten sich darauf, zu erzählen, dass Harry irgendwie verunfallt sein musste, sich aber weder selber an den Unfallhergang erinnern konnte, noch in Sichtweite von Ron gewesen wäre. Irgendwie war ihnen klar, das das eine ausgesprochen schwache Erklärung für Harrys Verletzung war, aber sie hofften, Madame Pomfrey würde sich damit zufrieden geben.
Carol verbrachte die nächsten Wochen in Schottland bei verschiedenen Leuten, deren Namen und Adressen sie erfahren hatte, als sie über die alten Stätten recherchiert hatte. Sie besuchte Leute, die viel über alte Kulte wussten und erforschte uralte Schriften in den Klöstern und Abteien vieler Orte.
Langsam verdichteten sich die Hinweise auf ein sehr altes keltisches Relikt, einen Stein, der die Kraft der Erde gehärtet durch Feuer enthalten sollte. Ihm wurde die Macht zugeschrieben, die Kräfte der Erde zu bündeln und aufzunehmen, um sie gezielt einsetzen zu können.
Carol war fasziniert und obwohl sie Remus schrecklich vermisste und das Gefühl hatte, die Nächte ohne ihn wären endlos, einsam und kalt, so vergingen doch die Tage wie im Fluge.
In Aberdeen traf sie Kendra, eine Frau, die die alten keltischen Lehren der Druiden bewahrte und weitergab. Kendra war nicht viel älter als Carol und verstand viel von den Kräften derer sich die keltischen Priester bedient hatten. Ihr Wissen, aber auch ihre Erfahrung halfen Carol eine Menge mehr von dem, was sie gelesen hatte zu verstehen.
Kendra wusste nichts von der Welt der Zauberer und Hexen und Carol vermied es peinlichst, ihr Hinweise darauf zu geben.
Sie verbrachten viel Zeit miteinander und Kendra zeigte ihr eine Menge alter Aufzeichnungen, die im Laufe der Jahrhunderte von den Nachfahren der keltischen Druiden angefertigt worden waren.
Es war ein großes Problem, dass die Druiden vor Jahrhunderten kaum schriftliche oder bildliche Aufzeichnungen verwendet hatten, sondern sich lieber auf die mündliche Überlieferung ihres Wissens verlassen wollten, erklärte sie Carol. Vieles war verfälscht worden, verloren gegangen oder einfach vergessen worden.
Die Druiden hatten nicht damit gerechnet, dass ihr Glaube einer breiten Verfolgung zum Opfer fallen würde, deren Ziel es war, das Wissen und die Kultur der Kelten zu vernichten. Ihr System der Wissensweitergabe basierte auf dem Glauben, es würde immer Priester und weise Menschen geben, die das Wissen bewahren, erweitern und weitergeben und die immer unter dem besonderen Schutz der Gesellschaft stünden.
Am Ende lief alles darauf hinaus, dass die Legende um den Stein in allen Aufzeichnungen und Geschichten der Schlüssel zu sein schien, mit dem sich die Energie der Erde bündeln ließ. Nur durch den Stein sollte es angeblich möglich sein, eine zuverlässige Kanalisierung der Kraft zu erreichen.
Doch so sehr sie auch forschten, sie fanden immer nur vage Andeutungen, Hinweise, die im Sande verliefen und Informationen, die in Sackgassen endeten. Die Verfolger der alten Religionen waren mehr als gründlich gewesen, die viele verstrichene Zeit und die teilweise Schludrigkeit der Leute, die mit den Überresten des Wissens umgingen hatten ein Übriges getan. Zu viele Details waren verloren gegangen, zu viele Lücken zeigten sich in den Aufzeichnungen.
Carols Zuversicht sank, als eine niederschmetternde Erkenntnis sich immer mehr herauskristallisierte: sollte die ganze Suche umsonst gewesen sein und sie nur auf eine Fährte von Mythen und Legenden gelockt haben? Auf die Spur einer uralten, aber inzwischen untergegangenen und vergessenen Religion, die vielleicht einmal den Schlüssel in den Händen gehalten hatte, der aber zusammen mit dem Wissen und der Kultur im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen war.
Und so saß sie an Kendras Schreibtisch, schob einige Bücher und Pergamente zu Seite und merkte, wie sich Resignation in ihr breit machte.
Kendra betrat mit einem breiten Lächeln den Raum, strich ihr glattes haselnussbraunes Haar mit einer lässigen Handbewegung aus dem Gesicht und sagte fröhlich: „Ich habe gute Nachrichten."
Carol sah sie fragend an.
„Ich weiß, wo der Erdenstein ist."
„Der Erdenstein?"
„Der Stein, der die Kraft der Erde durch Feuer gehärtet enthält", sie grinste. „Du weißt schon, das Ding, dessen Spuren Du seit Wochen folgst. Die Druiden nennen ihn Erdenstein." Ihre Augen funkelten.
„Du weißt, wo er ist? Und welche Druiden? Wir haben doch alle durchforstet, was die Druiden an Überlieferungen hinterlassen haben", wie eine Welle aus Energie und Wärme durchströmte Carol neue Hoffnung und verlieh ihr wieder Kraft und Zuversicht.
„Naja, nicht alles. Nicht so wirklich alles, was sie hinterlassen haben." Kendra schien nicht so recht zu wissen, wie sie Carol erklären sollte, was sie ihr bisher verschwiegen hatte.
Sie griff nach der Teekanne, die auf dem Schreibtisch stand, holte sich eine Tasse aus einer der Vitrinen, die zwischen den deckenhohen Regalen an den Wänden ihres Arbeitszimmers hingen und goss sich Tee ein.
Dann setzte sie sich zu Carol an den Schreibtisch, trank einen Schluck Tee und stellte die Tasse ab. Carol beobachtete sie schweigend, aber voller Erwartung. Sie selber wusste, wie schwer es war, manchmal die Dinge, die man lange Zeit verborgen hatte, zu offenbaren und dass man niemanden drängen sollte, also wappnete sie sich mit Geduld und schwieg weiter.
Kendra sortierte ein paar Papiere, stapelte mehrere Bücher neu und begann dann unvermittelt zu sprechen.
„Die Druiden haben den Stein."
Carol hob die Augenbrauen: „Welche Druiden? Es gibt keine Druiden mehr."
Kendra holte tief Luft und begann zu erklären.
Es gab durchaus noch Druiden, es gab noch Menschen die die alte keltische Kultur bewahrten. Und das nicht nur jetzt, sondern seit dem Beginn des Untergangs der Kelten und ihrer Religion.
Nicht nur die christliche Kirche hatte Geheimgesellschaften hervorgebracht, auch und gerade die Religionen, die von eben dieser Kirche ausgerottet werden sollten neigten dazu, sich in den Untergrund zurück zu ziehen und so trotz der offiziellen Todeserklärung durch das Christentum weiter zu existieren.
Und so verschwanden auch die keltischen Druiden von der Bildfläche. Und da sie kaum Wissen in Schrift oder Bild aufgezeichnet hatten, konnte auch nur sehr wenig Material von den gründlichen Verfolgern vernichtet werden. Das eigentliche Wissen um die Kräfte der Natur, um die Heilkunst und die Wissenschaften waren schon in der Hochzeit der Kelten immer nur mündlich weitergegeben worden und diese Tradition erleichterte es den nun im verborgenen Bleibenden ihre Kultur am Leben zu halten.
Durch die Jahrhunderte hindurch gab es immer wieder Menschen, die das Wissen weiter trugen, es bewahrten und nun auch zögerlich anfingen, es aufzuzeichnen. Zwar widersprach das der Tradition der Kelten, doch die Geschichte hatte gezeigt, dass Kulturen fragile Gebilde sind und dass schon zuviel Wissen verloren gegangen war.
Es waren nicht nur wahrhaft Gläubige, die sich der Untergrundreligion anschlossen, auch Abenteurer und Menschen, die das Geheimnisvolle, das Versteckspiel und Verschwörungstheorien liebten kamen dazu. Jeder wurde genau geprüft, man wollte sich keinerlei Fehler erlauben, doch es kam im Laufe der Zeit immer wieder zu Verrat und Mord aus Machtgier. Trotz Allem hatte es die Kultur und Religion der Kelten geschafft, sich über die Zeit hinweg zu erhalten bis heute und gewann wieder mehr und mehr Anhänger.
Natürlich hatte die aufkeimende Esoterikwelle der letzten Jahrzehnte einen guten Anteil an dieser Entwicklung und das immer stärker werdende Interesse an Naturreligionen, das den Jahrtausendwechsel begleitete tat ein Übriges.
Den Druiden war das nicht wichtig, sie merkten nur, dass es immer mehr Menschen gab, die ernsthaftes Interesse an dem Wissen ihrer Vorfahren hatten und langsam begannen sie zu glauben, dass sich die uralten Vorhersagen vom Untergang und der Wiederkehr des alten Glaubens erfüllen sollte.
Carol lauschte all diesen Erklärungen mit immer größer werdendem Staunen.
Schließlich erklärte Kendra ihr, sie habe den Rat der Druiden befragt und dieser sei bereit, Carol zum empfangen und anzuhören, was sie zu sagen habe, wonach sie suche und wozu sie es brauche.
„Den Rat der Druiden? Du meinst, diese Menschen leben hier unter uns und haben eine eigene Kultur im Verborgenen…", sie schwieg.
Kendra nickte. „Ich weiß, es ist etwas schwer zu verdauen, besonders, weil es so unverhofft und alles auf einmal kommt." Sie legte ihre Hand auf Carols Arm und drückte ihn leicht.
„Verzeih mir bitte, ich konnte Dir nichts davon erzählen, solange der Rat mir die Erlaubnis dazu nicht gegeben hatte. Bis zu dem Punkt habe ich versucht, Dir soweit es mir möglich war, Informationen und Hinweise auf die alten Legenden zu geben, damit Du Dich schon mal in das Thema einarbeiten konntest."
„Damit es mich nicht ganz und gar wie aus heiterem Himmel trifft?", Carol lächelte.
„Ja, so ungefähr", Kendra schien sich sichtlich unwohl in ihrer Haut zu fühlen.
„Mach Dir darum keine Sorgen, ich bin schon öfter mit höchst bemerkenswerten Wahrheiten konfrontiert worden, ich denke, ich kann damit umgehen."
Kendra seufzte erleichtert auf. „Das freut mich zu hören. Also nicht, dass Du öfter solche Dinge erfahren hast, das ist natürlich nicht toll, aber dass Du dadurch gelernt hast, mit so etwas umzugehen und… ich meine…", sie lief leicht rosa an und gab auf, ehe sie sich noch mehr verhaspelte.
Carrol lachte fröhlich und gab Kendra etwas Zeit, sich wieder zu fangen.
Schließlich berichtete sie ihr dann noch davon, dass die Druiden nicht nur den Erdenstein besaßen und wie ein Heiligtum bewahrten und schützten, sondern, dass es außerdem noch einen Ort großer Macht gab, der nicht weit von Aberdeen entfernt war und den die Kelten seit Urzeiten für ihre druidischen Rituale nutzten. Dieser Ort war es, an dem der Stein die Kraft der Erde durch ein besonderes Ritual aufnehmen konnte. Nur so würde es möglich sein, den Stein zu nutzen und die Energien freizusetzen.
Kendra erklärte ihr, dass es ein Ort war, der seit Jahrhunderten geheim gehalten wurde. Das war nicht einfach, denn die Umgebung von Aberdeen war voller historisch interessanter Stätten, man sagte den Burgen und Ruinen hier viele mythische Geschichten nach und das Gebiet war sowohl touristisch, als auch künstlerisch ein echtes Highlight.
So wird etwa Slains Castle nachgesagt, den britischen Autor Bram Stoker zu der Geschichte vom Grafen Dracula inspiriert zu haben. Und in den gut erhaltenen Überresten der Burg Dunnottar waren schon verschiedene Filme gedreht worden. Es war also schwierig, in dieser durchaus populären Gegend einen Ort großer Macht geheim zu halten, aber den Druiden war es offensichtlich gelungen.
Carol hatte von all dem bisher nur entfernt etwas gehört und war sehr froh, in Kendra eine so kompetente Führerin zu haben.
Schließlich erklärte Kendra ihr, dass sie bereits alle Vorbereitungen getroffen hätte, um Carol zum Rat der Druiden zu bringen, denn das wäre die einzige Möglichkeit, den Stein zu sehen und den Ort der Rituale zu finden.
„Sie werde sich Deine Geschichte genau anhören, Carol. Das, was ich bisher von Dir gehört habe, Deine Vertrautheit mit den Kräften der Natur und Deine Ausbildung zur Priesterin der Mutter sollten eigentlich reichen, dass sie Dir vertrauen. Aber es ist ihnen wichtig, Dich persönlich kennen zu lernen, deshalb werden wir zu ihrer nächsten Versammlung gehen, wenn es Dir recht ist."
Carol sah sie einen Moment schweigend an, dann nickte sie: „Und wann ist die nächste Versammlung?"
Mit einem Augenzwinkern erwiderte Kendra: „Heute Abend."
