Kapitel 30: Fremde Stimmen

„Heute Abend schon?"

Carol war ein wenig überrumpelt. Sie seufzte leise und hoffte, dass Kendra, welche ein paar Blätter und Bücher sortierte das nicht bemerkte. Die letzten Tage waren lang und anstrengend gewesen und sie schlief zunehmend schlechter, je näher die heutige Nacht gerückt war.

Vollmond.

Eigentlich nichts, worum sie sich Sorgen machte, aber nun waren ihre Gedanken bei Remus, der irgendwo im Geheimen diesen Vollmond erleben würde. Versteckt und unauffällig – und entspannt durch den Wolfsbanntrank, so hoffte sie aus tiefstem Herzen. Und trotzdem sie sich immer wieder klar machte, dass er schon lange gelernt hatte mit seinem Problem zu leben und all die Jahre wunderbar zurecht gekommen war, ohne dass eine sentimentale Frau sich übertriebene Sorgen machte, wurde das ungute Gefühl in ihrem Bauch nicht weniger.

Sie schalt sich unprofessionell und versuchte ihre Gedanken wieder auf den kommenden Abend zu lenken.

Plötzlich durchfuhr ein Gedanke sie wie ein Blitz.

Vollmond.

„Kendra, hat der heutige Mond etwas mit dem Treffen zu tun?"

„Natürlich. Also erstmal will der Rat Dich natürlich nur kennen lernen, aber je nachdem, wie das Treffen verläuft, wirst Du im späteren Verlauf des Abend mit dabei sein, oder…", sie schwieg.

„Oder?"

„Ich weiß nicht. Oder halt nicht dabei sein, schätze ich." Kendra sah ein wenig unbehaglich aus.

Carol ließ sich den Gedanken durch den Kopf gehen und gähnte dann herzhaft. Kendra sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Du wirst doch jetzt nicht schlapp machen, oder?"

„Nein, ich bin nur etwas müde. Ich schlafe schlecht in letzter Zeit und eigentlich hatte ich gehofft, heute früh ins Bett zu gehen und etwas Schlaf nachzuholen."

Kendra machte eine wegwischende Geste: „Dann solltest Du Dich besser jetzt noch etwas hinlegen, im besten Fall wird es eine sehr lange Nacht für uns alle."

Sie deutete auf das breite Ledersofa in der Ecke und zog mehrere dicke Kissen und eine kuschelige Patchworkdecke aus einer Holztruhe, die daneben stand.

„Machs Dir am Besten hier gemütlich, wenn Du ins Bett gehst, kriege ich Dich wohlmöglich nicht wach", sie lachte. „Ich wecke Dich dann rechtzeitig, also mach Dir keine Sorgen."

Carol griff nach den Kissen und der Decke. Sie war sicher, bei all den Neuigkeiten, die ihr durch den Kopf gingen würde sie kein Auge zumachen können, aber trotz allem konnte etwas Entspannung sicher nicht schaden und so legte sie sich auf das Sofa und kuschelte sich in die Kissen. Es dauerte kaum einige Sekunden, dann war sie tief und fest eingeschlafen.

Es kam ihr vor, als wären nur Minuten vergangen, als sie ein sanftes Schütteln an der Schulter und der Geruch frischer Kräuter aus dem Schlaf holten.

Kendra stand mit einer Tasse dampfendem Kräutertee vor dem Sofa und lächelte: „Liebe Güte, Du schläfst wie ein Bär im Winter."

Lachend richtete Carol sich auf und griff nach der Tasse.

„Es ist immer gut, tief und fest schlafen zu können, wer weiß, wann man wieder ausruhen kann", erwiderte sie zwischen zwei Schlucken Tee.

Als sie die Tasse geleert hatte, erhob sie sich, duschte und zog sich an. Kendras Vorbild folgend zog sie einen warmen Pullover unter einer wattierten Jacke an, denn nach deren Aussage könnte es kalt und windig werden.

Sie machten sich mit der einsetzenden Dämmerung auf den Weg und zu Carols Erstaunen steuerten sie einen Pub in einem der Randbezirke von Aberdeen an.

Das „Löwe und Ratte" war typisch für die Gegend, warm, gemütlich, ein wenig schäbig und voller Männer, die leise murmelnd Bier und Whiskey tranken. Ab und zu erklang lautes Gelächter, aber der Raum schien völlig gegen die Welt da draußen abgeschirmt zu sein. Nur manchmal zogen die Scheinwerfer vorbei fahrender Autos huschende Lichtstreifen über die den Fenstern gegenüberliegende Wand.

In der Ecke stand eine Musicbox, die aussah, als hätte sie schon die neuesten Songs der Beatles gespielt, aber sie lief nicht und sah auch bei ehrlicher Betrachtung nicht so aus, als hätte sie in den letzten 15 Jahren auch nur einen einzigen Ton von sich gegeben.

Kendra ging auf den Tresen zu, hinter dem ein hagerer Mann mit tiefen Geheimratsecken in seinem roten Schopf Flaschen in einen Kühlschrank räumte.

„Guten Abend. Ist der Wettclub schon zusammengetreten?", fragte sie höflich.

Der Wirt sah auf, blinzelte und nickte dann.

„Sind schon alle da, Miss. Gehen Sie einfach durch."

Er nickte mit dem Kopf in Richtung einer Tür, die neben dem Tresen in der hinteren Wand zu sehen war.

Kendra bedankte sich höflich und öffnete die Tür. Carol folgte ihr und sie fanden sich in einem Gang wieder, der düster war. Wände und Decke waren in einem dunklen Holz getäfelt und ein alter, dunkler Teppich lag auf dem Boden. Wandlampen erhellten ihn spärlich, aber man konnte eine weitere Tür sehen, die rechts aus dem Gang heraus führte und unter der ein Lichtstreifen hindurchschimmerte. Kendra wollte gerade darauf zugehen, als Carol sie am Ärmel festhielt.

„Wettclub?", fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Es gibt keine bessere Tarnung, als eine Gruppe von Leuten, die Sportwetten abhalten, glaub mir. Niemand stellt Fragen, wenn ein Wettclub sch regelmäßig trifft." Sie lächelte, dann drehte sie sich wieder zu der Tür und Carol folgte ihr ein weiteres Mal.

Der Raum, den die beiden betraten war ebenso dunkel getäfelt, wie der Gang und auch hier lag ein dunkler Teppich in einer schwer definierbaren Farbe irgendwo zwischen grün und braun auf dem Boden. Ein runder Tisch stand in der Mitte und um den Tisch herum saßen sechs Männer und zwei Frauen, die alle die Köpfe erwartungsvoll in Richtung der Tür gedreht hatten und die beiden Frauen musterten.

Carol hielt sich abwartend hinter Kendra, als einer der Männer aufstand. Er war sehr groß und kräftig und auf seinem runden Gesicht lag ein freundliches Lächeln. Er hatte sehr kurzes, aber lockiges Haar, dessen dunkles Braun von grauen Strähnen durchzogen war. Eine Menge kleiner Fältchen umrahmten seine Augen und sein Mund schien den freundlichen Ausdruck gewohnt zu sein. Er wirkte jung, auch wenn die Fältchen und das ergrauende Haar etwas anderes sagten, es war das lebendige Glitzern seiner Augen, das sein wahres Alter verbarg.

Carol fühlte sich sofort wohl unter seinem freundlichen, aber forschenden Blick, und auch die anderen Personen in diesem Raum strahlten Freundlichkeit, Wärme, aber auch Wissen und eine Art latente Macht aus.

Carol hatte plötzlich das Gefühl, als wäre Sarah hier im Raum. Die Menschen hier waren ihrer Mentorin so unglaublich ähnlich in dem, was sie wie eine Aura umgab.

Der große Mann ging auf Kendra zu und streckte seine Hände nach ihr aus: „Kendra. Du hast sie mitgebracht, wie wunderbar. Wir alle sind schon sehr gespannt."

Sie ging auf ihn zu, ergriff seine Hände und einen Moment lang standen sie unbeweglich voreinander wie Statuen, die unmerklich miteinander kommunizierten. Carol schaute erstaunt auf die beiden, es erschien ihr eine Sekunde lang, als würde die Luft zwischen den beiden flirren.

Sie bewegten sich und der Bann war gebrochen, der Mann wandte sich Carol zu und stellte sich vor: „Jeremiah McForstead. Ich stehe dem Rat der Druiden vor." Er lächelte. „Ich nehme an, Sie sind Carol Featherton."

Carol nickte und streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff sie und erwartungsgemäß fühlte sie einen kurzen, kräftigen Händedruck. Was sie nicht erwartet hatte, war ein leichtes Kribbeln, das von der Haut seiner Hände auszugehen schien. Sie war verwundert über die Kraft, die von diesem Mann ausging. Er deutete auf zwei freie Plätze am Tisch und sie folgte Kendra, um sich zu setzen.

Die anderen am Tisch wurden von McForstead vorgestellt und langsam entspann sich ein Gespräch, das, wie Carol schmunzelnd bemerkte auffällig entspannt und unaufdringlich forschend war. Sie bewunderte McForsteads Kunst, das Gespräch und die vielen Fragen so zu leiten, dass es zwar de facto fast ein Verhör war, sich aber anfühlte, wie ein Gespräch unter Freunden, die sich viel zu erzählen haben.

Sie erzählte dem Rat alles, was sie wusste über die Natur der Bedrohung, die es zu bekämpfen galt, über sich und ihre Reise, über die Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens dafür kämpften, das Böse im Schach zu halten, über den Tod der Menschen, die für die Sache schon ihr Leben gelassen hatten. Sie erzählte alles, nur verschwieg sie dabei komplett die Welt der Zauberer und Hexen. Zwar berichtete sie von ihnen, erwähnte jedoch deren besondere Kräfte nicht.

Sie erklärte alles, soweit sie es wusste über Voldemort, seine Ziele und seine Gefolgsleute, nannte ihn einen mächtigen Mann, der sich dunkler Kräfte bediente. Die Tatsache, dass er ein Zauberer war, erwähnte sie mit keinem Wort.

Es kostete sie einige Mühe, die ganzen Umstände so zu schildern, dass die Zaubererwelt unerwähnt blieb, aber sie hatte durch die Zeit mit Kendra schon Übung darin.

Der Rat hörte ihr aufmerksam zu, unterbrach sie selten mit Fragen und wirkte verständnisvoll und nachdenklich. Die beiden älteren Frauen schüttelten mehrmals den Kopf, während ihrer Geschichte und zwei der Männer murmelten an verschiedenen Stellen unverständliche Worte.

Einzig McForstead sah sie fast unbewegt an, während sie sprach. Er war eine derjenigen, die Zwischenfragen stellten und mehrmals war sie auf sein sanftes Nachbohren hin versucht, ihnen von der wahren Natur des dunklen Lords, vom Orden, den Zauberern und Hexen und ihrem Kampf um die Welt zu erzählen.

Aber sie ließ es nach, denn es stand nur den Zauberern selber zu, ihre Welt zu enthüllen und auch die Druiden lebten in der Kunst des Verbergens und entschieden selber, wem sie ihre Kultur zeigten und wem nicht.

So schwieg sie über diese Dinge, wenngleich ihr in der angenehmen Gesellschaft dieser wundervollen Menschen zunehmend unbehaglicher wurde, die Wahrheit zu verfälschen.

Es war ein langes Gespräch und sie bemühte sich, trotzdem sie die Tatsachen verbiegen musste die Dringlichkeit der Situation zu schildern. Je weiter sie fort fuhr, desto ernster wurden ihre Zuhörer und desto genauer wurden auch die Nachfragen.

Als sie schließlich endete und der Rat auch keine Fragen mehr hatte, breitete sich Stille um den Tisch herum aus. Das Schweigen lag wie eine zähe Masse über der Runde und man konnte den Gesichtern ansehen, dass Carols Geschichte die richtige Wirkung erzielt hatte.

Nach einer ganzen Weile erhob sich McForstead, legte Carol eine Hand auf den Arm und sagte mit leiser, mitfühlender Stimme: „Das ist eine schwere Last, die Sie da tragen, Ms. Featherton." Sein sonst so freundliches Gesicht war voller Kummer und Mitgefühl. Carol schwieg, es gab nichts mehr, das sie noch zu sagen hatte.

„Wir werden beraten, was wir tun können, aber zuerst möchte ich noch etwas versuchen, wenn sie erlauben." Er streckte seine Hände nach ihr aus und Carol stand auf, um sich ihm entgegen zu beugen. „Alles, was nötig ist", erwiderte sie schlicht.

Er nickte leicht, hob dann seine Hände nahe an ihr Gesicht, berührte es jedoch nicht. Einen Augenblick lang geschah nichts, dann zogen feine flimmernd goldene Lichtfäden von ihrem Gesicht auf seine Hände zu. Das Ganze dauerte nur eine Sekunde, dann war es vorbei, aber die Menschen im Zimmer hatten den Atem angehalten. Jetzt gaben einige von ihnen leise Geräusche des Erstaunens von sich, McForstead allerdings nickte nur leicht und murmelte: „Das habe ich mir gedacht."

Carol und Kendra wurden gebeten, in der Gaststube zu warten, während sich die Druiden beraten wollten und sie verließen den Raum.

In der Gaststube fragte Kendra erstaunt, was das gewesen sei, doch Carol konnte ihr nicht mehr sagen, als dass sie bei McForstead etwas gespürt hatte, das sie an die Kräfte der Erde erinnerte.

Sie tranken ein Bier und warteten an einem der Tische in der Ecke darauf, dass die Beratung ein Ergebnis brachte, das man ihnen das hoffentlich bald mitteilen würde.

Sie schwiegen, Kendra hatte die ganze Geschichte von Carol und ihrer Reise noch nicht so in einem Stück gehört und dachte darüber nach. Carol selber fühlte sich müde und irgendwie leer, als hätte das Erzählen der Geschichte etwas aus ihr entfernt, das sie sehr lange Zeit in sich behütet hatte.

Sie fühlte dazu noch ein unbestimmtes Bedauern, dass sie wichtige Informationen verschwiegen hatte, obwohl diese vielleicht wichtig sein konnten. Aber sie stand zu ihrer Entscheidung, die Zauberwelt geheim zu halten, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob das nicht gerade der Vertrauensbeweis war, den die Druiden benötigten, um ihr zu helfen. Es war eine gemeine Zwickmühle, in der sie sich da fühlte.

Die Zeit verging, während sie schweigend tranken, als schließlich McForstead zusammen mit einer der beiden Frauen – Eleanor Wise, erinnerte sich Carol – in der Gaststube erschien. Beide lächelten, als Kendra und Carol sich erhoben. Der Rat hatte beschlossen, Carols Geschichte zu glauben und ihr jede Unterstützung zukommen zu lassen, die ihnen möglich war. Dazu gehörte auch der Erdenstein, wie sie mit Erstaunen erfuhr, als die ganze Gruppe wieder in dem Raum hinter der Gaststube beisammen saß.

Allerdings musste der Stein in einem Ritual aufgeladen werden, damit er die Fähigkeit erhielt, die Kräfte des Lebens zu bündeln, erklärte man ihr und deshalb würde man das heutige Treffen dazu nutzen.

Sie zogen sich ihre warmen Jacken wieder an und alle zusammen verließen das Pub.

Auf dem Parkplatz hinter dem Pub standen mehrere Wagen und ein Kleinbus, auf die sich die Gruppe verteilte. Carol und ihre Begleiterin wurden in den Kleinbus gesetzt und sie fuhren schweigend eine Weile, bis die Lichter Aberdeens völlig hinter ihnen verschwunden waren. Sie fuhren noch weiter und auch die Landstrassen waren nun nicht mehr beleuchtet, so dass nur der fahle Vollmond die Gegend erhellte. Nach einiger Zeit erreichten sie einen Parkplatz, auf den der Kleinbus einbog und am hinteren Ende einparkte. Sie stiegen aus, aber von den anderen beiden Wagen war noch nichts zu sehen. Carol sah sich auf dem Parkplatz um und entdeckte Schilder, die einen Wanderweg, eine Klippe und einen Aussichtspunkt auswiesen. Offensichtlich war das hier ein Ort, von dem aus viele Touristen ihre Wanderungen begannen.

Sie lehnte sich an einen der Pfähle, die den Parkplatz umgaben und starrte auf den Mond. Wieder schweiften ihre Gedanken zu Remus und ein kalter Klumpen schien sich in ihrem Bauch auszubreiten. Sie dachte daran, was er wohl erlebte und ob es ihm gut ging. Sie wünschte, sie könnte bei ihm sein, aber was immer das für eine Mission war, auf die Dumbledore ihn da geschickt hatte, es war wichtig und durfte nicht unterbrochen werden. So wie auch ihre Aufgabe hier wichtig war, rief sie sich zur Ordnung.

„Ist er nicht wunderschön?", hörte sie McForsteads Stimme, der unbemerkt neben sie getreten war und ihrem Blick zum Mond bemerkt hatte.

„Nicht für jeden", erwiderte sie leise und bemerkte erstaunt, dass sie Tränen in den Augen hatte.

Er schwieg eine Weile, dann sagte er ebenso leise: „Er ist voller Macht, egal, ob man ihn liebt oder hasst, aber es ist klüger, ihn einfach hinzunehmen. Keine Macht der Welt vermag es, sich gegen ihn aufzulehnen."

Er sah Carol einen Moment forschend an, dann erklangen Motoren, die rasch näher kamen und die zwei fehlenden Wagen bogen auf den Parkplatz.

Carol beobachtete die Druiden beim Aussteigen und schmunzelte, als ihr klar wurde, was sie dort sah. Menschen, die sich uralter Mächte bedienten, die eine alte und verloren geglaubte Kultur aufrecht erhielten bedienten sich so moderner Mittel, dass es irgendwie albern wirkte. Zu diesen Leuten hätten Besen weitaus besser gepasst, als Kleinbusse. Sie lächelte und McForstead, der auch diesmal ihren Blick bemerkt hatte schmunzelte auch. „Ja, wir sind ein komischer Haufen, nicht wahr?"

Er ging langsam auf die Gruppe zu, wo sich Kendra angeregt mit zwei Männern unterhielt.

Dann drehte er sich noch einmal zu Carol um: „Es birgt immer eine gewisse Komik, wenn man verschiedene Welten zu vereinen versucht, wenn man mit je einem Bein in verschiedenen Kulturen steht, aber wir haben uns daran gewöhnt und es fällt uns fast nicht mehr auf."

Sie traten zu den anderen, die schon warteten.

Kendra wandte sich an Carol und wedelte mit den Autoschlüsseln des Kleinbusses. „Ich warte hier auf Euch. Was nun passieren wir, geht nur die Druiden etwas an." Sie lächelte freundlich und umarmte Carol kurz. „Ich hoffe, was immer geschieht, wird Dir helfen, Deine Aufgabe zu erfüllen. Wir sehen uns dann nachher."

Carol dankte ihr und folgte dann der Gruppe der Druiden, die sich langsam auf den Waldweg zu bewegten.

Sie wanderten noch fast eine Stunde auf Waldwegen, schweigend und in Gedanken versunken. Wieder und wieder schimmerte der Vollmond durch das Blätterdach und langsam kam Wind auf. Die Luft roch salzig und Carol hatte das Gefühl die Luftfeuchtigkeit würde steigen. Sie genoss die kühle, salzige Luft auf der Haut, wunderte sich aber ein wenig, woher der Wind kam. Als hätte sie bemerkt, dass Carol das Gesicht schnuppernd in den Wind hielt, sagte eine der Frauen, die sich als Laura Jefferson vorgestellt hatte: „Der Ort, zu dem wir gehen liegt nahe einer Klippe zum Meer, daher kommt der Wind."

Carol lächelte sie an und nickte stumm und sog die frische Luft tief in ihre Lungen. Laura lief neben ihr her und auch ihr war anzumerken, wie angenehm sie es fand, dass es ein wenig wehte.

Schließlich erreichte die kleine Gruppe den Rand des Waldes, der auf eine Wiese mündete. Glitzernd lag das taufeuchte Gras im silbernen Mondlicht und der leichte Wind trieb Wolkenfetzen über den nächtlichen Himmel. Zwischen den zerfaserten Wolken konnte man Millionen von Sternen funkeln sehen und zum ersten Mal an diesem Abend wirkte der Mond nicht bedrohlich, sondern friedlich auf Carol.

Die Druiden gingen zielstrebig auf eine bestimmte Stelle der Wiese zu, wo ein merkwürdiger, flacher, fast kreisförmiger Stein im Boden zu sehen war. Carol versucht zu erkennen, was das für Riefen und Mulden in dem riesigen Stein waren, aber es war nicht hell genug.

Laura bemerkte ihr Interesse und trat wieder neben sie.

„Es ist ein uraltes Relikt unserer Kultur", sagte sie leise. „Hier wurden schon vor Jahrhunderten die Rituale der Erdenkraft durchgeführt und der Ort hat seine Macht nie verloren. Zwar trampeln heutzutage manchmal Touristen über die Wiese, aber solange es interessantere Orte gibt, wie Stonehenge zum Beispiel, solange haben wir hier noch ein wenig Ruhe."

Carol entdeckte eine kleine Metalltafel, die auf einen Holzpfeiler wenige Zentimeter über dem Boden angebracht war, und die wahrscheinlich einige Daten den Stein und die Kelten betreffend für Touristen bereithielt. Es war zu dunkel, um genauer zu erkennen, was dort stand und sie glaubte auch nicht wirklich daran, dass es ihr wichtige Erkenntnisse bringen konnte, die Tafel zu lesen.

Jeremiah McForstead trat zu ihr und erklärte ihr, dass sie nun beginnen wollten, den Erdenstein aufzuladen und bat sie, sich etwas Abseits aufzuhalten. Carol nickte und trat von dem in dem Boden eingelassenen Stein zurück und ging einige Meter in Richtung Waldrand.

Als sie eine offensichtlich ausreichende Distanz zwischen sich und die Gruppe gebracht hatte, bewegten die Druiden sich langsam und fast wie einer Choreographie folgend in einen Kreis um den Stein herum.

Was nun folgte, konnte Carol nicht genau erkennen, denn der Kreis der Personen versperrte ihr die Sicht auf das, was im Inneren des Kreises vorging. Nur ab und zu drangen leise Wortfetzen an ihr Ohr, aber der Sinn blieb ihr verschlossen und sie vermutete, dass es sich um eine ihr unbekannte Sprache handelte.

Nach einer Weile frischte der Wind noch einmal heftig auf und trug mehr Feuchtigkeit mit sich. Salzige Tropfen wurden in Carols Gesicht gespritzt und sie erinnerte sich daran, dass sie sich nahe einer Klippe befanden. Offensichtlich war es Gischt, die vom Wind hierher getrieben wurde. Das Rauschen des Windes in den Blättern hinter ihr nahm zu, aber die glaubte darunter auch das Schlagen von Wellen gegen Felsen zu hören.

Als sie sich wieder auf den Kreis der Druiden konzentrierte, war plötzlich etwas anders geworden, die Menschen hatte die Arme gehoben und in ihrer Mitte schwebte etwas, das wie ein faustgroßer Klumpen aussah.

Carol schnappte nach Luft.

Sollte das der so genannte Erdenstein sein, nach dem sie gesucht hatte?

Der Stein begann sich zu drehen und aus dem Boden unter ihm stieg eine dünne Säule goldenen Lichtes auf. Die Säule erreichte den Stein, stoppte und wurde dann breiter, um ihn vollständig einzuhüllen. Es sah jetzt aus, als schwebe der Stein in der Lichtsäule.

Wie aus heiterem Himmel kamen aus dem Kreis leuchtend grüne Strahlen, die von allen Seiten auf den Stein eindrangen. Das goldene Leuchten verblasste und auch die Lichtsäule verschwand.

Der Stein drehte sich unter dem Trommelfeuer der grünen Strahlen schneller und schneller und ganz langsam verblasste das grün des Lichts und wich einem matten goldenen Leuchten. Mehr und mehr wandelte sich das grüne Licht in goldenes Licht und als keine grünen Lichtstrahlen mehr zu sehen waren endete auch langsam das rasende Rotieren des Steins.

Er schwebte nun unbeweglich in dem Kreis aus Menschen direkt über der Mitte des steinernen Fundaments, das sie umgaben. Wie eine Aura umgab ihn das goldene Licht, aber dann schien er es aufzusaugen, bis es vollständig von dem Stein absorbiert worden war.

Ohne jedes Leuchten, ohne jede Bewegung, schwebte er nun dort, als hätte es nie irgendwelche Lichtstrahlen gegeben.

Und gerade, als Carol glaubte, nun würde nichts mehr geschehen, loderte eine rote Flamme um den Stein herum auf. Es war nur der Bruchteil eines Augenblicks und nach einem Blinzeln war die Flamme verschwunden. Carol glaubte fast, sie hätte sich das nur eingebildet, aber nun streckte eine der Personen aus dem Kreis die Hand aus und griff nach dem Stein.

Der Kreis löste sich auf und die Druiden kamen langsam zu ihr herüber.

McForstead trat auf sie zu und reichte ihr einen kleinen Samtbeutel in dem sich der Stein befand, so, wie es sich anfühlte. Er lächelte, sah aber müde aus. Es war anscheinend eine anstrengende Sache gewesen, die sie dort getan hatten. Carol nickte ihm dankbar zu und nahm den Beutel mit dem Stein an sich.

„Nehmen Sie ihn und tun Sie damit, was immer getan werden muss, um das Übel zu besiegen und der Prophezeiung genüge zu tun", sagte er.

Sie nickte und dachte daran, was es für Harry bedeuten konnte, die Prophezeiung zu erfüllen, ohne Mörder oder Opfer zu werden. Niemand sollte mit so etwas auf den Schultern herumlaufen, dachte sie und seufzte leise. Wie gerne hätte sie ihr Wissen mit diesen klugen und guten Menschen geteilt und sich ihren Rat geholt, aber sie war fest entschlossen, das jene entscheiden zu lassen, die das Recht dazu hatten. Aber sie nahm sich fest vor, Dumbledore von Jeremiah McForstead und der bestehenden Kultur der Druiden zu erzählen. Dann mochte der alte Zauberer entscheiden, ob diese beiden verborgenen Welten mehr verband, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Jeremiah hörte ihr Seufzen und sagte leise, so dass nur sie es hören konnte:

„Ich weiß, Du verbirgst noch vieles vor uns. Du kennst die ganze Wahrheit und Du hast Gründe, sie uns nicht mitzuteilen. Aber Du musst Dich deshalb nicht schlecht fühlen, wir wissen, was wir wissen müssen und das war ausreichend, Dir und Deiner Aufgabe zu vertrauen. Geh in die Welt, die sich vor uns verbirgt zurück und trage Sorge, das Übel aufzuhalten, bevor es mehr als seine eigene Welt bedroht."

Erstaunt sah sie ihn an und fragte sich, wie viel er wusste, aber er schenkte ihr nur ein unergründliches Lächeln und sie machten sich alle zusammen auf den Weg zurück zum Parkplatz.

Laura, die den Kleinbus fuhr brachte Carol und Kendra noch zu Kendras Wohnung in Aberdeen zurück, dann verabschiedeten sie sich alle voneinander und versprachen sich, voneinander hören zu lassen.

Zurück in der Wohnung kochte Kendra noch einen Tee, denn inzwischen waren sie bis auf die Knochen durchgefroren, dann schlüpften sie in ihre Betten und trotz all der Aufregung der Nacht fiel Carol binnen Sekunden in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Remus Lupin erwachte und fühlte sich zerschlagen. Er kam sich vor, als wäre ein Trupp Riesen über ihn hinweg getrampelt, er fror und etwas wie getrockneter Matsch schien sein Gesicht zu verleben. Vage erinnerte er sich daran, dass Vollmond gewesen war und er durch den Wald gerannt war. Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn, weil seiner Erinnerungen normalerweise klar waren, aber jetzt fühlte sein Gedächtnis sich an, wie in Watte gepackt.

Er sah sich um und wollte sich aufsetzen, doch Schwäche und ein heftiger Anfall von Schwindel hinderten ihn daran. Er kniff die Augen zusammen, um klarer zu sehen, doch eine Art Nebel und fast undurchdringliche Finsternis schränkten seine Sicht ein.

Er hob seine Hände dicht vor das Gesicht und auch sie waren schmutzverkrustet, so, wie sich auch sein Gesicht anfühlte. Es dauerte einen Moment, dann begriff er, dass er nicht nur dreckig war, sondern auch nackt. Er hatte keine Erinnerung daran, wo er die letzten Stunden verbracht hatte, noch wusste er, wo genau er jetzt war. Es war fast völlig dunkel und roch modrig. Das letzte, woran er sich erinnerte war der Moment, als er seine Kleider unter einigen Büschen im Wald versteckt hatte, um auf die Verwandlung zu warten. Er konnte keinen Wolfsbanntrank nehmen, das hätte seine Mission gefährdet, deshalb hatte er sich tief in den Wald begeben, wo er keinem Menschen begegnen würde. Was dann geschehen war und wie er an diesen Ort gekommen war, blieb ihm unklar, und je mehr er versuchte, sich darauf zu konzentrieren, desto mehr schien ein wichtiger Gedanke zu verschwimmen und entzog sich ihm.

Er versuchte sich erst einmal auf seinen Körper zu konzentrieren, scheinbar war das einfacher, denn die Gedanken gehorchten ihm nicht so recht. Während er in sich hinein horchte, fühlte er einen dumpfen Schmerz in Brustkorb und Rücken. Vorsichtig versuchte er den Oberkörper zu drehen und ein sengender Schmerz durchfuhr ihn. Irgendetwas schien verletzt zu sein und wieder fragte er sich, was in der Nacht nur vorgefallen sein könnte.

Langsam tastete er um sich herum, um herauszufinden, was das hier für ein Ort war. Vielleicht würde er sich dann erinnern, wie er hergekommen war. Der Boden unter ihm fühlte sich fest und uneben an. Er lag scheinbar auf etwas, das den harten Boden ein wenig abpolsterte. Dass er auf dem Boden lag, davon ging er aus, denn so weit er auch tastete, er konnte keine Kante fühlen. Auf seinem Körper lag eine Art Decke, die sich anfühlte, als wäre sie aus Fell. Sie war weich und warm, allerdings roch sie muffig und nach etwas Unangenehmen, über das er im Moment lieber nicht genauer nachdenken wollte.

Wieder hob er seine Hände dicht vor die Augen, um genauer anzusehen, in was für einem Dreck er sich aufgehalten hatte.

Das Gefühl der Beunruhigung verdichtete sich, als er unklar erkennen konnte, dass der Schmutz eine dunkle, rostbraune Farbe hatte.

Wie ein Schlag in den Magen fühlte sich der Gedanke an, der ihn aus den Tiefen seines Denkens überfiel. Sein Herz schlug wie rasend und ein Anflug von Panik ergriff ihn, als er sich vorsichtig über die Lippen leckte, wo er die verkrustete Substanz fühlen konnte.

Der metallische Geschmack, der sich in seinem Mund ausbreitete löste eine Welle von Ekel in ihm aus. Er drehte sich zur Seite und erbrach sich schwallartig, den stechenden Schmerz in seinem Oberkörper nahm er nicht mehr wahr. Der Geschmack von Blut war unverkennbar gewesen und immer, wenn er glaubte, er könne sich nicht mehr weiter übergeben, schüttelte ihn eine neue Welle der Übelkeit, bis nur noch ein trockenes Würgen übrig blieb.

Er konnte den Gedanken nicht fassen, dass er über und über mit angetrocknetem Blut bedeckt war, dass der widerliche Geschmack des Blutes seinen Mund ausfüllte und was das am Morgen nach Vollmond bedeuten musste. Tränen strömten über sein Gesicht, als er sich noch immer gegen die Erkenntnis wehrte, dass der Wolf in ihm nun doch das bekommen hatte, was er schon immer wollte. Eine Mischung aus Schluchzen und Würgen schüttelte ihn erneut, aber er hatte keine Kraft mehr sich aufzurichten und wenn er ehrlich war, wollte er das auch gar nicht mehr.

Plötzlich erschien es ihm als eine passende Ironie des Lebens, wenn er hier an erbrochenem Blut ersticken würde. Denn damit würde wenigstens sein Opfer gerächt werden und sogar noch sozusagen durch dessen eigene Hand.

Während er noch diesen Gedanken nachhing, spürte er plötzlich, wie etwas Feuchtes über seine Stirn wischte.

Er versuchte die Augen zu öffnen, aber nach den vielen Tränen, die sich mit dem getrockneten Blut vermischt hatten, waren sie zu verklebt, denn er bekam die Lider nicht auseinander.

Eine sanfte Stimme sagte leise: „Weine nicht, es wird alles gut. Es kann Dir nichts geschehen, Du bist in Sicherheit." Und eine weiche Hand strich ihm zärtlich über die Stirn, schob eine Haarsträhne aus seinem Gesicht.

Wieder wurde mit dem feuchten Tuch langsam und sanft über sein Gesicht gewischt und die Stimme begann leise eine ruhige, melancholische Melodie zu summen.

Langsam drifteten Remus' Gedanken ab und er verlor sich in der Melodie, die so schön, so verlockend, so tröstlich war, dass sie alle schrecklichen Gedanken aus seinem Denken vertrieb.

Nach einer langen Weile verstummte sie und die Stimme sagte sanft: „Trink das, es wird Dir helfen."

Eine Flüssigkeit benetzte seine Lippen und er wollte fragen, was das sei, doch sie unterbrach ihn: „Schhhh… es ist alles gut. Trink. Du musst gesund werden."

Langsam tropfte mehr von der Flüssigkeit in seinen Mund und der Geschmack nach frischen Heidelbeeren verdrängte den Übelkeit erregenden Metallgeschmack des Blutes. Er schluckte und langsam schwanden seine Sinne, als er in einen tiefen, traumlosen Schlaf sank.