Kapitel 31: Neue Umgebungen
Carol blieb noch einige Tage bei Kendra, bevor sie sich wieder auf den Weg machte. Sie besuchte noch eine Abtei und zwei private Bibliotheken, in denen sich alte Aufzeichnungen finden sollten. Keine neuen Sensationen erwarteten sie, aber doch Informationen, die das bereits Erfahrene verdichteten und sich wie fehlende Puzzelteilchen in das Wissen fügten.
Schließlich kehrte sie zum Grimmauldplatz zurück, hoffend, dort eine Nachricht von Remus vorzufinden. Doch nichts erwartete sie, außer einer freundliche-besorgten Augusta und einer nervös-besorgten Winky.
Die kleine Elfe wuselte um Carol herum, um ihre Sachen zu waschen, ihr Zimmer in Ordnung zu bringen und das Essen zu bereiten, wich aber sichtlich ungern von Carols Seite.
Schließlich hockte die Frau sich mit einem großen Sitzkissen auf den Boden der Küche und winkte die Elfe zu sich heran.
„Was bedrückt Dich, Winky?", fragte sie und versuchte dabei so wenig erschreckend, wie möglich zu wirken.
Die Hauselfe brach auf der Stelle in Tränen aus und brauchte mehrere Minuten, um sich zumindest soweit zu beruhigen, dass sie wieder sprechen konnte.
„Es ist nur", sie schniefte vernehmlich in das Taschentuch, das Carol ihr gegeben hatte. „Winky dachte, sie hat alles falsch gemacht. Alle sind fort und Winky ist schuld."
Wieder schniefte sie in das Tuch.
„Erst geht Mister Lupin fort und kommt so schlecht aussehend zu Besuch. Dann geht Miss Carol fort und kommt so lange nicht wieder. Und von Mr. Lupin gibt es keine Nachrichten und Winky hätte doch aufpassen müssen und helfen sollen."
Wie auf ein Stichwort rannen wieder Sturzbächen von Tränen aus Winkys tellergroßen Augen und liefen über ihr Gesicht.
Carol wartete geduldig, bis sie wieder etwas ruhiger war, dann fragte sie leise: „Wieso glaubst Du, dass Du hättest helfen müssen, Winky. Ich dachte, Du hilfst nur im Haus."
„Nein, Elfen können ihren Herren überall dienen, das müssen sie sogar. Aber hier ist es so kompliziert. Ich bin hergekommen, um Miss Carol zu helfen, sich zurecht zu finden, aber es gibt hier noch so viele andere und das Haus muss in Ordnung gehalten werden und ich weiß nicht genau, ob ich lieber mit einem der Herren mitgehen soll, oder mich besser um das Haus kümmern soll. Aber wenn nun etwas passiert, dann ist das alles alleine Winkys schuld und man wird mich mit Schimpf und Schande davon jagen und ich bin bis ans Ende meiner Tage Schuld daran."
Wieder brach das kleine Wesen in bittere Tränen aus und langsam erst begriff Carol, was die Hauselfen wirklich in der Zaubererwelt waren.
Wieder einmal hatte ihr ein kleines Detail vor Augen geführt, wie wenig sie eigentlich wusste und sie stellte mit Verwunderung fest, wie heimisch sie sich trotzdem hier fühlte.
Sie strich der kleinen Elfe gedankenverloren über den Kopf und sagte dann mit sanfter Stimme: „Niemand wird Dir die Schuld geben, sollte etwas passieren, Winky. Zumindest niemand von den Leuten, die für Dich wichtig sind. Und ich bin sicher, Mister Lupin geht es auf seiner Mission gut und er wird völlig unbeschadet wieder heimkehren. Sicherlich vermisst er Dein gutes Essen, aber das wird das Einzige sein, was ihn beeinträchtigt."
Sie rang sich ein Lächeln ab und versuchte den eisigen Klumpen in ihrem Magen zu ignorieren, der dort immer auftauchte, wenn sie über Remus' Sicherheit nachdachte. Ihr war unwohl bei dem Gedanken, in was für einer Mission er steckte.
Trotzdem ihrer eigenen Sorgen schienen ihre Worte Wirkung zu zeigen, denn Winky schniefte noch einmal kräftig, stopfte sich dann das Taschentuch in ihre Kittelschürze und erklärte, sie werde sich nun an die Zubereitung des Essens machen.
Carol setzte sich an den großen Küchentisch und mit einem Mal wurde ihr bewusst, wie einsam das Haus jetzt war, wo die meisten Leute unterwegs waren, ihren Berufen nachgingen und ihr Leben lebten.
Sie beschloss, sich nicht den trübsinnigen Gedanken hinzugeben, sondern ihre Recherchen und die Suche nach Wissen weiter voran zu treiben. Es gab noch so vieles, was sie lernen musste und sie wusste nicht, wie viel Zeit noch war, also schrieb sie einen Brief an Dumbledore, in dem sie darum bat, die Bibliothek von Hogwarts nutzen zu dürfen.
Als die Eule unterwegs war, begann sie ein Tagebuch für Remus zu schreiben. Man wusste nie, was noch alles passierte und wo alles endete, aber sie wollte auf jeden Fall, dass er wusste, was sie dachte und fühlte.
Sie merkte kaum, wie die Zeit verging und plötzlich stand Winky mit einem Brief in der Hand vor ihr, der Antwort aus Hogwarts.
Dumbledore lud sie herzlich ein, die Bibliothek so wie alle anderen Einrichtungen der Schule nach Herzenslust zu nutzen und sich auch – deren Einverständnis vorausgesetzt – des enormen Wissensschatz des Lehrkörpers zu bedienen. Und zu allem Überfluss lud er sie ein, während der Zeit ihrer Forschungen in Hogwarts zu wohnen.
Carol starrte den Brief einen Moment lang überwältigt an. Sie begriff plötzlich, was den alten Zauberer so sehr auszeichnete. Er war voller Empathie und wusste genau, wie sie sich am Grimmauldplatz fühlen musste. Also bot er ihr einen Ort voller vertrauter Menschen, einen Ort, wo sie Freunde hatte, voller Trubel und Ablenkung, voller Wissen und Weisheit und voller Wärme.
Sie lächelte und hoffte aus tiefstem Herzen, sie könnte sich für seine warmherzige Güte irgendwann revanchieren.
Sie antwortete, indem sie das Angebot freudig annahm, aß zu Abend und ging dann müde, aber voller Vorfreude zu Bett. Am nächsten Morgen packte sie erneut ihre Sachen, bat Augusta, sie sofort zu informieren, falls Remus auftauchen sollte und reiste dann mit Augustas Hilfe über das Flohnetzwerk nach Hogwarts. Winky begleitete sie, damit sie in dem großen Schloss voller Magie nicht zu hilflos war.
Die kleine Elfe hatte mit nie gesehenem Mut darauf bestanden und Carol, die noch an das Gespräch von Abend dachte, hatte sofort eingewilligt.
Als Remus wieder erwachte, fühlte er sich keineswegs ausgeschlafen oder in irgendeiner Weise erfrischt. Genau genommen fühlte er sich zerschlagener als zuvor und es dauerte nur eine Sekunde, bis die Erinnerung an sein letztes Erwachen ihn wieder wie eine Keule traf.
Wieder durchfuhr seinen Oberkörper ein stechender Schmerz, als er ruckartig versuchte, sich aufzurichten. Er sank zurück auf das Fell, auf dem er lag und versuchte seinen Körper zu entspannen und seinen Geist zu konzentrieren.
Langsam wich der Schmerz und er begann sich systematisch zu untersuchen. Es war noch immer dunkel hier, oder schon wieder? Er hatte das Zeitgefühl völlig verloren und seine Gedanken waren noch immer so undeutlich wie durch Nebel hindurch, dass es ihn zwar milde irritierte und er das Gefühl hatte, es gäbe eine Menge Fragen, aber ihm gleichzeitig nichts wirklich motivierte, diesen offensichtlich sehr anstrengenden Gedanken nachzugehen.
Das Blut und der Dreck waren verschwunden, er war sauber und in Tücher gehüllt. Eigentlich mehr Lumpen, als Tücher, aber dennoch empfand er Dankbarkeit dafür, nicht mehr nackt und mit Blut verkrustet hier zu liegen.
Aber trotz Allem war auch die Erinnerung an die Empfindungen über sich selber und seine Tat wieder da. Langsam klärten sich seine Gedanken und bei den aufkeimenden Erinnerungen wünschte er sich fast den Dämmerzustand von vorher zurück. Er stöhnte spontan, als er sich an den grauenhaften Geschmack in seinem Mund erinnerte.
Ein leises Rascheln verriet ihm, dass er nicht alleine war. Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war und konnte wage eine Silhouette erkennen. Eine Person schien fast unbeweglich neben ihm zu sitzen. Er wartete ab, was geschehen würde.
„Geht es Dir besser?", fragte die Stimme von gestern leise.
Sie klang freundlich und warm, und jetzt erkannte er auch, dass es eine Frauenstimme war. Er öffnete den Mund, um ihr zu antworten, aber nur ein heiseres Krächzen kam über seine Lippen.
„Ich habe Dich gewaschen und Dir frische Tücher gebracht", fuhr sie fort, als hätte sie eigentlich gar keine Antwort von ihm erwartet. Ihre Stimme war immer noch freundlich, aber auch ein wenig abwesend, fast unbeteiligt. Sie beugte sich vor und er spürte wieder ein Tuch, das über sein Gesicht strich.
Etwas kühles berührte seine Lippen und er erkannte, dass es ein Glas war. Ein dünnes Wasserrinnsal floss in seinen Mund und er schluckte gierig. Das Wasser tat ihm gut und er versuchte erneut zu sprechen.
„Wer bist Du?"
„Deirdre. Und Du?"
„Remus Lupin."
Einen Moment lang war Stille im Raum, als würde sie die Information aufnehmen und abwarten, was er als nächstes sagen würde. Er atmete tief ein und stellte die Frage, die ihm auf der Seele brannte: „Was ist geschehen?"
„Ich weiß es nicht, sag Du es mir."
„Das Blut… ich war überall voller Blut…", es fiel ihm schwer, seine Befürchtungen auszusprechen, aber er musste es wissen. „Wessen Blut war das?"
„Das weiß ich nicht", erwiderte sie, „aber Du hast keine offenen Wunden, also kann es nicht Dein Blut sein, nicht wahr?" Ihre Stimme klang weiterhin ruhig, als wäre das nichts, worüber man sich Gedanken machen müsse.
Ihm stockte bei der offensichtlichen Schlussfolgerung der Atem, aber da fuhr sie auch schon fort, als wäre es ein kleiner Smalltalk beim Nachmittagstee, den sie hier hielten: „Wenn es also nicht Dein Blut war und es in einer Vollmondnacht auf Dich geraten ist, dann ist es wohl klar, was das bedeutet, oder?"
Irgendwie klang ihre Stimme, als würde sie lächeln und er wunderte sich, was da zu lächeln gäbe. Ein Gedanke durchfuhr ihn und er fragte erstaunt: „Woher weißt Du, was ich bin?"
„Ich habe Dich beobachtet."
„Du hast gesehen, was ich getan habe?" Wieder stockte der Atem, aber es schien immer noch besser zu sein, Klarheit zu erlangen, als weiterhin voller Zweifel zu bleiben.
„Nein, ich habe nur einen Wolf gesehen, dessen Fell über und über mit Blut bedeckt war, dem Blut aus dem Maul tropfte und der jämmerlich hinkte. Dann sah ich, wie der Wolf sich in einen Mann verwandelte. Ich erkenne einen Werwolf, wenn ich ihn sehe, also wundere Dich nicht. Ich nahm Dich mit und brachte Dich hierher in Sicherheit."
Remus spürte wieder Übelkeit in sich aufsteigen, ihre Beschreibung machte ihm mehr als klar, was er getan hatte. Verzweiflung überrollte ihn, als ihm bewusst wurde, dass sein Albtraum, der ihn seit Kindertagen plagte, nun Wirklichkeit geworden war. Er wusste nicht, wie er damit leben sollte und fragte sich, warum diese Frau ihn nicht getötet hatte, als sie erkannte hatte, was er war.
Es wünschte sich fast, sie würde es jetzt noch tun. Er fühlte, wie Tränen über sein Gesicht rollen, als er an die Schmerzen seines Opfers und den Kummer und die Verzweiflung seiner Familie dachte.
Er spürte wieder ihre warme Hand, die seine Tränen fortwischte und griff nach ihr. Sie entwand sich seinem Griff mit erstaunlicher Vehemenz und er hörte, wie sie von ihm weg rutschte.
Lange schwieg sie und auch er spürte keinen Drang zu reden. Zu sehr hielten Kummer, Verzweiflung und Schmerz ihn gefangen.
„Wie war es?", erklang plötzlich wieder ihre Stimme in die Stille hinein,
„Wie war was?", fragte er verwundert.
„Das Töten. Das Zerreißen. Wie hat es sich angefühlt?" Ihre Stimme klang neugierig und zum ersten Mal nicht gleichgültig.
„Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht erinnern", erwiderte er wahrheitsgemäß und fragte sich, was sie hören wollte.
Sie schwieg wieder.
„Und wie fühlt es sich jetzt an?"
Er schwieg. Was sollte er ihr erzählen? Wie sollte er ihr begreiflich machen, dass sein ganzes Leben zerbrochen war, dass er nie mehr der sein konnte, der er vor diesem Vollmond gewesen war.
Wieder dauerte das Schweigen lange, dann sagte Deirdre leise mit einem Hauch Bedauern in der Stimme: „Nun, vielleicht reden wir ein anderes Mal darüber. Ich werde Dir etwas zu Essen besorgen und dann solltest Du schlafen, Du bist noch sehr schwach."
Er wollte sie noch fragen, was ihm eigentlich fehlte, denn er hatte keine Ahnung, woher die furchtbaren Schmerzen in seinem Rücken und Brustkorb kamen. Andererseits war er willens jeden Schmerz anzunehmen als Buße für das, was er getan hatte, auch wenn er wusste, selbst eine Ewigkeit voller Höllenqualen würde das niemals wieder gut machen können.
Leise scharrende Geräusche, die sich von ihm entfernten verrieten ihm, dass sie fort ging und er war wieder alleine in der Dunkelheit.
Carol und Winky wurden in Hogwarts von Minerva McGonagall in Empfang genommen, die ihr erklärte, dass sie im Gästetrakt des Schlosses untergebracht würde, einem abgelegeneren Flügel, so dass sie nicht permanent mit Schülern und Lehrern zusammenstoßen würde.
Sie fand das eine fabelhafte Idee, denn sie würde schon noch genug mit Schülern und Lehrern zu tun haben, solange sie im Schloss war, da musste sie ihnen nicht auch noch dauernd zwischen den Klassenzimmern und Gemeinschaftsräumen über den Weg laufen.
Das Gästequartier, in dem sie untergebracht wurde, war wunderschön und Carol, obwohl ja schon einmal hier im Schloss untergebracht gewesen, staunte aufs Neue. Ein riesiger Wohnraum mit Kamin, um den eine schwere, lederne Sitzgruppe arrangiert war. Große, bunte Sitzkissen lockerten diese etwas steif wirkenden Möbelstücke auf.
In einer Ecke des Raumes stand ein großer Esstisch mit sechs schweren Stühlen, auf dem einladend eine Platte mit leichten Speisen und ein Krug mit Gläsern standen. Winky musterte sofort den Tisch und nickte dann anerkennend, als die dargebotenen Erfrischungen offenbar ihrer Prüfung hatten standhalten können.
Dies war nur der Wohnraum des Gästequartiers und Minerva zeigte ihnen noch den anschließenden Schlafraum und das Bad.
„Ihre Elfe kann bei den Hauselfen der Schule schlafen, es sei denn, Sie wünschen eine andere Lösung", sagte sie schließlich zu Carol.
Diese wandte sich an Winky und überließ der kleinen Elfe, sich zu entscheiden. Dann drehte sie sich wieder zu der Lehrerin um und lächelte dankbar: „Vielen Dank, Ms. McGonagall, ich werde mich hier bestimmt zurechtfinden."
„Da bin ich ganz sicher, meine Liebe. Und wenn Sie Fragen oder Probleme haben, wenden Sie sich einfach an mich oder einen anderen Lehrer. Jeder hier im Schloss wird ihnen bestimmt gerne helfen." Sie lächelte Carol freundlich an, und fügte dann mit einem leicht miesmutigen Gesichtsausdruck hinzu: „Fast jeder… nehmen Sie sich vor Peeves in Acht. Der Poltergeist wird die Gelegenheit nutzen, jemanden, der seine derben Anschläge, die er „Scherze" zu nennen pflegt, noch nicht kennt, übel mitzuspielen."
Sie überlegte einen Moment, dann sagte sie mit entschlossenem Ausdruck: „Ich werde Severus ansprechen, er soll den blutigen Baron instruieren, Peeves im Zaum zu halten." Sie nickte, offensichtlich zufrieden mit diesem Plan und wollte gerade den Raum verlassen, als sie Carols völlig verwirrten und leicht bestürzten Gesichtsausdruck bemerkte.
„Keine Sorge, meine Liebe. Der blutige Baron ist der Hausgeist des Hauses Slytherin, dem wiederum Professor Snape als Hauslehrer vorsteht. Der blutige Baron gilt als die einzige Seele, die in der Lage ist mit Drohungen, über deren Natur niemand genauer informiert sein möchte, Peeves einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Peeves ist ein Poltergeist hier im Schloss, der eine schlimmere Plage als tausend Gnome ist." Sie seufzte.
„Nun, ich hoffe, ich konnte ihnen die Zusammenhänge verständlich machen?", sagte sie mit einem fragenden Blick zu Carol.
Diese nickte etwas benommen, griff dann in eine ihrer Taschen und zog in Buch hervor, das sie McGonagall zeigte.
„Harry hat mir die Geschichte von Hogwarts geliehen und Hermine meinte, es wäre ein ausgesprochen nützliches Buch."
„Eine sehr kluge Entscheidung. Das kann Ihnen noch recht nützlich sein, während Ihres Aufenthaltes. Sie können die Bibliothek jederzeit aufsuchen, Madame Pince ist informiert und bereit, Ihnen jede erdenkliche Hilfe zukommen zu lassen bei Ihren Nachforschungen."
Sie nickte Carol freundlich zu und als diese auf nochmaliges Nachfragen keinerlei Fragen oder Wünsche mehr hatte, verließ sie Carols Zimmer.
Carol sah ihr noch einen Moment lang nach, dann bemerkte sie, dass Winky sich bereits an das Auspacken ihrer Taschen gemacht hatte. Sie seufzte leise, denn sie gewöhnte sich nur schwer daran, dass die Hauselfe die ganze Arbeit machte.
Dann jedoch nahm sie das Buch, das sie noch in der Hand hielt mit zu dem Sofa und setzte sich, um noch etwas zu lesen, was es über das Schloss zu wissen gab.
Im Stadthaus der Tensborrows saß Mark in einem der Salons und sah aus dem Fenster auf die dunkle Strasse hinaus.
Er versuchte die Konzentrationsübungen durchzuführen, zu denen ihn sein Lehrer und Mentor Snape angehalten hatte. Sie schärften die Kontrolle über die Gedanken und ermöglichten es so, den Geist effizient zu verschließen. Zumindest in der Theorie. Mark verzog das Gesicht, trotz seiner Entschlossenheit fiel es ihm immer noch schwer, sich zu konzentrieren und nur an seine Aufgabe zu denken. Es war viel leichter, etwas Konkretes zu tun, als nur den Geist zu leeren und die Gedanken frei zu machen. Er seufzte und versuchte es erneut.
Wieder schweiften seine Gedanken ab. In den letzten Wochen war viel passiert und er hatte lernen müssen, sein Leben einerseits in den Dienst des dunklen Lords zu stellen, andererseits seine wahren Gefühle zu verbergen.
Er hatte wieder und wieder alte Aufzeichnungen seiner Familie studiert, die lange Geschichte der Familie Tensborrow zurückverfolgt und sich immer wieder genauere Erzählungen des alten Hauselfen angehört. Mehr und mehr war ihm klar geworden, wie wenig er eigentlich in die Reihen des dunklen Lords gehörte und er bereute zutiefst, sich den Todessern angeschlossen zu haben, bevor er die Wahrheit über die Geschichten seiner Mutter herausgefunden hatte.
Seufzend sank er in seinen Sessel zurück, nachdem er unruhig auf und ab gegangen war und barg das Gesicht in seinen Händen.
Noch immer konnte er nicht begreifen, was mit ihr geschehen war, seine Erinnerung an sie war so lebendig und nichts wies darauf hin, dass sie sich alles, was sie erzählt hatte in ihrem Wahn zurecht gesponnen hatte. Er schüttelte den Kopf, sie war so überzeugend gewesen, so zutiefst gläubig und der Sache verbunden, dass ihm niemals auch nur der Hauch eines Zweifels gekommen war.
Und nun saß er hier, vor den Trümmern all dessen, was sein Leben bedeutet hatte und versuchte verzweifelt, die Reste seines Lebens zu retten. Es gab Augenblicke, in denen war er fast soweit, aufzugeben und sich dem Schicksal zu stellen. Aber da war noch seine Großmutter, deren Portraits ihn immer wieder ermunterten und ihm in Aussicht stellten, er könne die verloren geglaubte Tradition des Hauses wieder aufnehmen. Auch andere Bilder von längst verstorbenen Vorfahren begannen ihn mehr und mehr als Familienmitglied anzuerkennen und auf eine Art und Weise erfüllte ihn das mit Stolz.
Aber jede Nacht träumte er von seiner Mutter. Sie war da, wie sie es immer gewesen war, sie liebte ihn und wünschte sich nichts mehr, als dass er würde wie sein Vater. Immer wieder versprach sie ihm alles Glück dieser Erde, wenn er nur dem Beispiel seiner Eltern folgte und es gab kein stärkeres Sehnen in seinem Herzen als danach, seine Mutter möge ihn nur einmal so ansehen, wie sie das Bild seines Vaters ansah.
Und jeden Morgen erwachte er mit dem Gefühl sie zu enttäuschen und sich mehr und mehr von ihrer Liebe und Anerkennung zu entfernen. Und egal, was sonst noch um ihn herum geschah, was er lernte und erfuhr, dieses Gefühl schmerzte mehr als er glaubte ertragen zu können.
Er hob den Kopf und merkte, dass seine Schultern, sein Nacken und sein Kiefer zu schmerzen begannen. Wie immer, wenn er an diese Dinge dachte, verkrampfte er sich und er versuchte sich zu entspannen, um mit den Übungen fortzufahren.
Wie tief auch sein Zwiespalt war, Snape hatte in einem Recht, zuerst einmal war es wichtig, dass er überlebte. Und das konnte er nur, wenn niemand erfuhr, dass es in seinem Herzen, seinem Verstand und seinem Leben noch etwas anderes gab, als das, was seine Mutter ihn gelehrt hatte.
Er atmete mehrmals ruhig ein und aus und lockerte die verkrampften Muskeln.
Wenn er so bei einem Treffen auftrat, dann wäre er geliefert, das war ihm klar.
Seit einiger Zeit war er einer Gruppe von Todessern zugeordnet worden. Sie erschienen bei verschiedenen Treffen, führten Aufträge aus, und erstatteten Bericht. Allerdings erhielten sie ihre Aufträge von einem höherrangigen Todesser, de sie auch Bericht erstatteten. Die Aufträge waren meistens Observierungen und Auskundschaften von Örtlichkeiten.
Mark war froh, dass er erst nur einer untergeordneten Gruppe zugeordnet worden war, so hatte er den dunklen Lord selber erst wenige Male erlebt und dann auch nur aus der Entfernung , denn bei den Versammlungen, bei denen er zugegen war, standen Leute wie Mark ganz weit hinten.
Trotzdem hatte Snape darauf bestanden, ihn zu unterrichten und Mark war froh und dankbar, den einzigen Menschen, dem er sich anvertraut hatte ab und zu in seiner Nähe zu haben.
Nicht, dass dieser als besonders fürsorglich zu bezeichnen wäre, aber es hatte trotzdem etwas tröstliches, von seiner nüchternen und emotionsarmen Art und Weise angeleitet zu werden. Für Mark wurde Snape so etwas wie ein unerschütterlicher Fels, der Gegenpol zu seiner eigenen emotionalen Instabilität, die ihn mehr und mehr beängstigte.
Hätte Snape selber gewusst, was er für Mark bedeutete, so hätte ihn das nicht nur verwundert, sondern auch seine Rolle im Leben des jungen Tensborrow überdenken lassen.
Aber soweit reichte die Beherrschung des Jungen noch, dass er nichts von diesen Gedanken und Gefühlen nach außen dringen ließ.
Und so konzentrierte er sich wieder auf seine Übungen, leerte seine Gedanken und verschloss den
Geist, ganz so, wie sein Lehrer es ihm vorgemacht hatte.
