Kapitel 32: Einsam und verloren

Das Gästequartier, das man Carol und Winky zugewiesen hatte bot ihr jeden Komfort, den sie sich vorstellen konnte. Winky sorgte dafür, dass magische Hindernisse kein Problem waren und so schien dieser Ort geradezu himmlisch in Carols Augen. Schon als sie die Bibliothek das erste Mal betrat war ihr klar, dass dies ein ganz besonderer Moment war. Sie hatte vieles kennen gelernt in den letzten Jahren, auch verborgene Horte des Wissens, aber das hier war etwas ganz besonderes, denn ihr war klar, dass man als Muggel diese Räume eigentlich niemals zu sehen bekommen konnte.

Madame Pince war freundlich und hilfsbereit, Dumbledore hatte ihr erklärt, wonach Carol ungefähr suchte und außerdem waren der gestrengen Bibliothekarin Menschen, die in Büchern nach Wissen suchten von Grund auf sympathisch.

Aber trotz allem Entgegenkommen durfte sie keine Bücher aus der Bibliothek in ihr Zimmer nehmen, so dass sie viel Zeit zwischen den Regalen verbrachte. Madame Pince brachte ihr immer wieder neue Bücher an den Tisch oder verwies sie auf bestimmte Regale, in denen es Bücher zu den gesuchten Themen gab, aber nirgends war etwas Konkretes nachzulesen.

Carol sah von den vergilbten Seiten des Folianten auf, den sie gerade studierte und fröstelte. Es war kalt geworden, die Monate waren verflogen und nun war es fast Winter. Sie zog sich die Wollstola, die sie von Sarah zu ihrem letzten Geburtstag bekommen hatte fester um die Schultern, aber ihr wurde einfach nicht wärmer.

Schließlich nahm sie sie Bücher, die sie im Moment auf dem Schoß liegen hatte und beschloss, sich doch wieder in den beheizten Lesesaal zu setzen, auch wenn sie dann öfter durch die Räume laufen musste, um Bücher zu holen und weg zu bringen.

Sie betrat den hellen und freundlichen Lesesaal der Bibliothek und setzte sich an einen Tisch nahe der Tür zu den hinteren Räumen, aus denen sie gerade gekommen war.

Als sie sich gerade wieder in einen Text vertiefen wollte, riss ein Poltern sie aus ihren Gedanken. Sie sah auf und entdeckte am anderen Ende des Raumes einen Stapel Bücher, der vom Tisch gefallen war. Komischerweise waren auch Bücher auf einem der Stühle gestapelt, die noch etwas schwankten. Mit einem Stirnrunzeln näherte sie sich dem Tisch, denn eigenartigerweise war kein Leser zu den Büchern zu sehen.

Als sie nahe genug an den Tisch herangetreten war, entdeckte sie einen kleinen Mann, der sich mit einer Hand die Stirn rieb und mit der anderen Bücher unter leisem Brummeln wieder auf den Stuhl stapelte. Als sie ihn dort stehen sah, war ihr klar, warum die Bücher auf dem Stuhl lagen und nicht auf dem Tisch. Sie schmunzelte, riss sich dann aber zusammen und sagte mit interessiert-besorgtem Gesichtsausdruck: „Kann ich ihnen behilflich sein?"

Der kleine Mann zuckte zusammen, sah sie erstaunt an, dann überzog ein freundlicher Ausdruck sein Gesicht, dessen Stirn mittlerweile schon eine stattliche Beule zierte.

„Oh, Sie müssen Ms. Featherton sein. Der Direktor hat den Lehrkörper schon über Ihren Aufenthalt hier informiert und uns um größtmögliche Unterstützung Ihrer Anliegen gebeten. Ich wollte Sie ohnehin in den nächsten Tagen ansprechen, ob mein beschiedenes Wissen für Sie vielleicht von Nutzen sein kann."

Er unterbrach sich, streckte ihr die Hand hin und stellte sich vor.

„Verzeihen Sie, ich rede und rede, das muss von dem Sturz kommen, ich bin ganz durchgeschüttelt. Vergeben Sie mir meine Unhöflichkeit, Filius Flitwick ist mein Name, ich hoffe nur, ich habe Sie jetzt nicht völlig verschreckt."

Carol musste Lächeln, als sie die dargebotene Hand schüttelte. Der kleine Professor war erfrischend unverkrampft in seiner Art und sie wusste sofort, sie würde ihn mögen.

Gemeinsam stapelten sie die Bücher wieder auf Stuhl und Tisch und als Flitwick wieder auf seinem Bücherstapel thronte, zog sich Carol einen Stuhl heran und setzte sich zu ihm an den Tisch.

Eine Weile überlegte sie, ob die Frage vielleicht unhöflich oder unangemessen sein, aber schließlich siegte ihre Neugier.

„Verzeihen Sie meine Neugier, aber warum zaubern Sie sich keinen Hochstuhl?"

„Einen Hochstuhl?", sein fragender Gesichtsausdruck machte ihr schnell klar, dass er keine Ahnung hatte, was sie da vorgeschlagen hatte.

Sie beschrieb den Stuhl, vorsichtig darauf bedacht, nicht zu erwähnen, dass er eigentlich für sehr kleine Kinder gedacht war, denn sie befürchtete, das könne seine Gefühle verletzen. Aber diese Furcht war unbegründet, denn Flitwick hörte ihr voller Interesse zu und sagte schließlich mit deutlichem Staunen in der Stimme: „Ich habe ja schon einiges über den Pragmatismus der Muggel gehört, das ist wirklich eine faszinierende Idee."

Er machte allerdings keinerlei Anstalten, die Idee auch in die Tat umzusetzen, so dass Carol nicht mehr weiter darauf einging.

Sie unterhielten sich mehrere Stunden angeregt über Hogwarts, den Unterricht an der Schule, die Häuser und den Alltag.

Schließlich verabschiedete sich Carol, um zum Essen zurück in ihr Zimmer zu gehen. Flitwick drückte sein Bedauern darüber aus, dass sie nicht mit den Lehrern gemeinsam essen konnte, aber er sah ein, dass es ratsam war, sie nicht allzu exponiert hinzustellen.

Trotzdem lud er sie ein, ihn gerne zu besuchen, oder sich in der Bibliothek mit ihm zu treffen. Sie solle einfach einen Hauselfen beauftragen, ihm bescheid zu sagen, dann stünde er ihr gerne mit Rat und Wissen zur Verfügung.

Carol dankte ihm für das Angebot und er verließ mit einem freundlichen Winken den Raum. Sie freute sich über seine Gesellschaft, aber er hatte ihr bei ihren Nachforschungen nicht weiterhelfen können. Sie versuchte herauszufinden, was es in der Zaubererwelt für Verbindungen zu den Kräften der Natur gab und vor Allem, was es für Magie war, mit deren Hilfe Voldemort sich in eine derartige Kreatur hatte verwandeln können, die er jetzt darstellte.

Sie war sicher, sie würde mehr Informationen darüber benötigen, um sicher zu sein, was sie mit dem Stein und ihren Kräften würde ausrichten können um Harry zu unterstützen. Es war klar, dass es ein sehr gezielter Einsatz der Kraft des Lebens sein musste und da durfte man nichts vermasseln, denn mehr als eine Chance würden sie nicht bekommen. Carol stand auf dem Standpunkt, dass man lieber etwas mehr wissen sollte, um auch mit unvorhergesehenen Situationen umgehen zu können. Also war sie noch lange nicht zufrieden mit dem was sie bisher herausgefunden hatte.

Mit einem Seufzer packte sie die Bücher, die noch vor ihr lagen zu einem ordentlichen Stapel zusammen und verließ die Bibliothek durch eine Seitentür, die Madame Pince ihr gezeigt hatte und die in ein wenig benutztes Treppenhaus führte. Zwar würde es sich nicht vermeiden lassen, dass sie ab und zu Schülern über den Weg lief, aber es musste auch nicht sein, dass sie mitten zwischen den Horden der Schüler herumlief.

Sie erreichte ihr Zimmer mit nur einem kleinen Umweg, nachdem sie bei einer Statue falsch abgebogen war, die offensichtlich mal die eine und mal die andere Hand an die Augen gehoben hatte und so als Merker für Wegsuchende denkbar ungeeignet war.

Winky hatte bereits ein leichtes Abendessen vorbereitet und als Carol fertig gegessen hatte, räumte sie noch den Tisch ab und machte sich auf den Weg in die Küche, um Dobby zu besuchen. Sie hatte Carol von ihrer Zeit in Hogwarts erzählt, an die sie sich allerdings nur recht nebelhaft erinnerte. Nur Dobby war ihr in lebhafter Erinnerung und sie bezeichnete ihn als einen Freund. Natürlich hatte Carol sofort zugestimmt, als Winky erwähnt hatte, sie würde ihn gerne besuchen. Es war Winky weiterhin nicht beizubringen, dass sie ihre eigenen Entscheidungen fällen durfte und so war Carol immer schnell bereit, ihre Wünsche zu erfüllen und das als „Erlaubnis" zu tarnen.

Schließlich war Carol alleine im Zimmer und begann wieder darüber nachzugrübeln, was es sein konnte, das einen Menschen wie Voldemort dazu brachte, das Leben derartig zu pervertieren. War es der Wunsch nach Unsterblichkeit? Und hatte er nie begriffen, dass er sein Ziel verfehlte? Dass es keine Unsterblichkeit gab, dass auf ihn nur Leere und Tod wartete, wenn er sich dem gesunden Zyklus von Leben und Sterben zu entziehen versuchte?

Über diese Dinge hatte sie schon oft nachgedacht, seit sie auf die Zauberwelt und die Menschen hier gestoßen war und sie spürte wieder die Last, die sich wie ein schweres, dunkles Tuch auf ihre Schultern zu senken schien. Manchmal hatte sie das Gefühl, unter der Verantwortung einknicken zu müssen und sie wünschte nichts mehr auf der Welt als ein ganz normales Leben ohne diese schreckliche Furcht davor, das Falsche zu tun, oder das Richtige zur falschen Zeit.

Sie fühlte, wie die Furcht davor, zu versagen mit eisigen Händen nach ihr griff und sie wünschte sich nichts mehr, als die wärmende Nähe eines Menschen der ihr vertraute und ihr Mut zusprechen oder sie einfach nur in den Armen halten und sie stützen konnte. Wie viel würde sie darum geben, hier nicht alleine sein zu müssen, aber trotz all der Freunde und Helfer hier empfand sie in diesem Moment Einsamkeit und Hilflosigkeit. Sie fühlte sich klein, verloren und machtlos der Dunkelheit gegenüber, die sie alle bedrohte.

Wieder dachte sie an Remus und die Sorge um ihn verdrängte ihre düsteren Gedanken um sich selber. Sein Wohl war plötzlich viel wichtiger und sie wünschte sich die Gewissheit, dass es ihm gut ginge und er in Sicherheit war. Dann würde sie es auch besser ertragen können, ihn nicht in ihrer Nähe zu haben. In den letzten Nächten hatte sie unruhig geschlafen und schlimme Träume gehabt, in denen es Remus nicht gut ging, in denen er in schrecklicher Gefahr war und sie stand ohnmächtig dabei. Ohne dass sie es gemerkt hatte, liefen ihr Tränen über das Gesicht und nun war sie froh, alleine in ihrem Zimmer zu sein. Sie ließ einen Moment lang ihren Gefühlen freien Lauf und weinte sich einen Teil der Furcht von der Seele, dann aber nahm sie sich wieder zusammen und beschloss, etwas frische Luft zu schnappen, um die düsteren Gedanken aus ihrem Kopf und die Angst und Verlassenheit aus ihrem Herzen zu vertreiben.

Ein langer Spaziergang auf dem Gelände der Schule wäre jetzt genau die richtige Medizin. Zwar hatte man ihr gesagt, das wäre gefährlich, aber sie war nur bis zu einem gewissen Grad willens, sich an die Leine legen zu lassen und so verließ sie das Schloss und wanderte einen breiten Weg entlang.

Sie zog ihren Schal eng um ihren Hals und kuschelte sich in die dicke Jacke, während sie langsam am Quidditchfeld entlang ging.

Unbewusst steuerte sie auf Hagrids Hütte zu. Er war schon seit einigen Tagen wieder da und hatte sie gleich am Tag ihrer Ankunft in der Schule besucht.

Wider Erwarten antwortete auf ihr Klopfen niemand, nicht einmal Fang bellte, so dass sie sich abwandte und am Waldrand entlang zum anderen Ende des Schulgeländes wanderte.

Ganz am Ende des Weges roch sie Rauch und bemerkte Lichter von Feuern und Fackeln in dem Wäldchen, das an der Grenze der Ländereien lag. Neugierig ging sie näher.

Obwohl es fast völlig dunkel war und er nur in Lumpen gehüllt auf Stroh lag, fror Lupin nicht. Er hatte schon festgestellt, dass kein Lüftchen hier wehte und der glatte, steinerne Boden ließ ihn zu dem Schluss kommen, in einer natürlichen Höhle zu liegen. Nach wie vor konnte er sich kaum bewegen und auch der Nebel, der seine Gedanken einzuhüllen schien und das Denken träge machte war nicht weniger geworden. Er wusste, dass er jedes Zeitgefühl verloren hatte und nichts in seiner Umgebung lieferte ihm Anhaltspunkte. Trotzdem ihm vage bewusst war, dass all diese Tatsachen ihn beunruhigen müssten, schien nichts davon eine Bedeutung zu haben und eine lähmende Gleichgültigkeit hielt seinen Verstand in den Fängen.

Zeit schien unwichtig zu sein, immer wieder einmal unterbrach ein Besuch dieser merkwürdigen Frau – Deirdre, erinnerte er sich an den Namen – die Lethargie seines Daseins und nur mit einem leichten Gefühl der Unsicherheit bemerkte er, dass er trotz des Essens und Trinkens, das sie ihm brachte immer schwächer wurde.

Einzig die Gedanken an den Mord, er war unfähig die Tat anders zu bezeichnen, waren klar und fraßen sich wie Säure in sein Herz. Er ließ sich das, was er erinnerte immer wieder durch den Kopf gehen, aber die Dinge, die er gefühlt hatte und das, was Deirdre ihm erzählt hatte ließen keinen anderen Schluss zu, als dass der Werwolf in ihm einen Menschen getötet hatte.

Er versuchte immer wieder Auswege zu finden, Entschuldigungen und Gedankenspiele, die ein anderes Ergebnis hervorbrachten, aber es wollte ihm nicht gelingen. Langsam stellte er sich der grausamen Gewissheit, dem unerträglichen Schmerz den diese Gedanken bei ihm auslösten und es gab mehr als einen Moment, in dem er sich nichts mehr wünschte als zu sterben.

Eine leise Stimme in ihm versuchte ihm etwas anderes zu sagen, aber sie drang nicht durch seine Verzweiflung und so verlor er mehr und mehr die Erinnerung an das, was gut gewesen war in seinem Leben.

„Wach auf, Du musst essen."

Er schreckte hoch. Wieder klang ihre Stimme ruhig und sachlich. Sanfte Hände strichen über sein Gesicht, wischten ihm mit einem feuchten Tuch getrocknete Tränen und den Schweiß der Alpträume ab. Dann wurde sein Kopf vorsichtig gestützt und er bekam zu trinken.

Als er sich einigermaßen wach fühlte und seine Augen offen halten konnte, bemerkte er ein leicht flackerndes Licht in einer Ecke der Höhle. Es war hinter der Frau, so dass er ihr Gesicht wie immer nicht genau erkennen konnte, aber er sah, dass sie lächelte.

Sanft führte sie einen Löffel mit einer breiigen Substanz an seinen Mund. Er schluckte und erinnerte sich, dass er dieses Zeug schon mehrmals bekommen hatte. Es schmeckte nach nichts, nur ein wenig muffig, aber nicht unangenehm.

Nach einigen Löffeln hatte er genug, noch immer kämpfte er oft mit Übelkeit und so wandte er den Kopf ab, als sie den Löffel wieder zu seinem Mund führte.

„Satt?"

Er nickte statt einer Antwort.

Wieder bekam er etwas zu trinken, dann ließ sie seinen Kopf wieder auf die Unterlage sinken.

Sie schwieg eine Weile, was ihm nicht unangenehm war, dann aber begann sie doch wieder eine Unterhaltung mit ihm.

„Wie fühlst Du Dich?"

„Nicht anders, als beim letzten Mal, als Du gefragt hast", er seufzte resigniert, denn sie wich Fragen nach Datum oder Tageszeit immer aus.

Er sah die Silhouette ihres Kopfes nicken, dann griff sie nach seiner Hand, nahm sie zwischen ihre warmen Hände und begann sanft über seinen Handrücken zu streichen.

„Wie fühlt es sich an, wenn Du Dich verwandelst?"

Er wollte nicht darüber sprechen, aber sie war gut zu ihm und das einzige, was er ihr geben konnte, waren seine Gedanken, war das Gespräch, das sie immer wieder suchte, also beschreib er das Gefühl, den Schmerz und die Ohnmacht dabei, so gut er konnte. Vage meinte er sich zu erinnern, dass es einmal eine Verwandlung gegeben hatte, die anders gewesen war, ihm war, als könne er sanfte Hände an seinem Gesicht spüren, aber der Gedanke wich von ihm, als er versuchte, sich genauer zu erinnern.

Sie hörte ihm zu, streichelte dabei weiter seine Hand.

„Wusstest Du, dass Du irgendwann einen Menschen töten würdest?"

„Ich habe gehofft, es würde nie passieren."

„Aber ist das nicht die Bestimmung eines Werwolfes? Zu Töten. Zu Zerreißen. Zu verletzen. Andere seiner Art zu schaffen."

Da war es wieder, das Interesse am Tod, das ihre Stimme jedes Mal interessiert und aufmerksam klingen ließ, ganz im Gegensatz zu ihrem sonst fast gleichgültigen Tonfall. Sie schien niemals wirklich Interesse an ich oder seinem Befinden zu haben, einzig der Werwolf und seine Gefühle weckten ihre Aufmerksamkeit. Er ließ ihre Frage unbeantwortet, er war müde und wollte nicht immer wieder versuchen, sich zu erinnern, wie es war zu töten.

Seltsamerweise akzeptierte sie sein Schweigen, bot ihm noch einen Schluck Wasser an und griff dann wieder nach seiner Hand, um sie weiter sanft zu streicheln. Fast mechanisch, wie auch ihre immer wiederkehrenden Fragen etwas mechanisches hatten.

„Hattest Du nie das Gefühl, die Welt vor Dir schützen zu müssen?"

„Doch. Aber die Gesellschaft versucht das per Gesetz schon selber." Er verzog das Gesicht bei der Erinnerung an die vergeblichen Versuche einen Job zu finden in den letzten Jahren.

„Du bist müde, ich verstehe das. Du willst nicht mehr. Es ist alles so erdrückend", ihre Stimme war nun sanft geworden, liebevoll, als spräche sie zu einem hungrigen, frierenden Kind.

Sie beugte sich über ihn, küsste zärtlich seine Stirn, dann sprach sie leise weiter:

„Wann bist Du gebissen worden?"

„Als Kind."

„Kannst Du Dich daran erinnern?"

„Ja."

„Was hast Du gefühlt, als Du gemerkt hast, dass Deine Eltern jetzt Angst vor Dir haben? Dass sie Dich anders behandeln?"

Er schwieg, es tat weh, daran zu denken.

„Wie hat sich der kleine Remus gefühlt, als er merkte, dass Mummy und Daddy sich schämen für das Tier, das sie nun zuhause haben?" Ihre Stimme klang seltsam hohl und schrill und er spürte, dass das sanfte Streicheln ihrer Finger einem Kratzen mit den Fingernägeln gewichen war.

Er schwieg, hoffte, dass sie aufhören würde, hatte aber nicht die Kraft, sich zu wehren.

„Was hat er gefühlt, der Kleine?"

Scham. Er sprach es nicht aus, es war das Gefühl, das ihn seitdem verfolgte, aber es war zu intim, er wollte es nicht mit ihr teilen. Auch wenn er glaubte, jedes Recht auf irgendetwas verwirkt zu haben, so war es doch das letzte, was ihm ganz alleine blieb. Scham.

Ruckartig erhob sie sich, ließ seine Hand los und verließ die Höhle, die flackernde Kerze vergaß sie.

Er betrachtete die tiefen Kratzer auf seinem Handrücken und presste die Hand dann gedankenverloren gegen seinen Mund. Er verstand nicht, was sie von ihm wollte, warum sie immer wieder diese Fragen stellte. Was sie dabei empfand, ihn zu quälen. Der Geschmack des Blutes von seinem Handrücken riss ihn aus seinen Gedanken und warf ihn zurück in die grausame Wirklichkeit, der er sich jede Minute seines Wachseins stellen musste.

Er versank in Verzweiflung, bis er schließlich mit dem Verlöschen der Kerze einschlief.