Kapitel 33: Unterschiedliche Gruppen

Carol betrat das Wäldchen und näherte sich den Lichtern. Sie hörte Stimmen und es roch nach Feuer und Wärme. Ein dröhnendes Lachen erklärte ihr ohne Worte, wieso Hagrid nicht in seiner Hütte gewesen war, dann tauchte auch schon eine Gruppe auf, die um ein Feuer saßen und etwas tranken. Die Zentauren aus Irland waren offensichtlich mit Hagrid hier angekommen und richteten sich gerade häuslich in dem Waldstück ein. Sie konnte Umrisse von halbfertigen Hütten sehen und noch mehr Zentauren, die um ein gerodetes Stück Land herum verteilt in Grüppchen standen. Lächelnd trat sie näher, sie war froh, zu sehen, dass es ihnen trotz der erlittenen Verluste nicht schlecht ging. Hagrid und mehrere Zentauren begrüßten sie, als sie sich bemerkbar machte und sie wurde herzlich in die Runde aufgenommen. Immerhin hatten sie zusammen einen schrecklichen Kampf erlebt und sie hatte gemeinsam mit ihnen ihre Toten beweint, da wollten sie Carol auch an der Freude über das neue Zuhause teilhaben lassen.

Und wirklich, es war tröstlich und tat gut, hier willkommen zu sein und so setzte sie sich zu ihnen. Sie aß noch etwas mit ihnen und trank mit ihnen aus ihren Krügen und als die Feuer fast herunter gebrannt waren, holten sie Instrumente hervor, die wie kleine Harfen aussahen und spielten traurige Melodien über die verlorene Heimat.

Irgendwann bot man ihr an, hier zu schlafen und erst jetzt bemerkte sie sie bleierne Müdigkeit, die sie erfasst hatte. Sie nahm das Angebot dankend an und Hagrid versprach, sie morgens früh, bevor der Schülerandrang durch das Schloss tobte zurück zu bringen.

Den Kopf voller melancholischer Melodien sank sie sofort in einen tiefen und traumlosen Schlaf, den ersten ruhigen Schlaf ohne Angst und Kummer seit Tagen.

„Wo ist er?"

„Ich habe nichts, ich weiß überhaupt nicht, wovon Du sprichst!"

„WO IST ER, verdammt. Sag es mir, Du kannst ihn nicht versteckt halten."

Remus erwachte von den Stimmen, die er von außerhalb der Höhle hören konnte. Es war eine ihm unbekannte Männerstimme und sie klang zornig. Die andere Stimme war Deirdre, sie klang so unbeteiligt wie fast immer, obwohl sie die Stimme erhoben hatte.

Deirdre.

Er schauderte, wenn er daran dachte, wie sehr er begonnen hatte, sich nach ihr, ihrer Kerze, dem Wasser, der undefinierbaren Pampe und sogar ihren bohrenden Fragen zu sehnen. Er war mehrmals wach geworden, aber sie war nicht mehr aufgetaucht. Zunehmender Hunger und Schmerz ließen ihn ahnen, dass Tage vergangen sein mussten. Er fror erbärmlich, das Stroh, auf dem er lag war feucht und stank. Er versuchte sich herunter zu rollen, weil es ihn so sehr anekelte, aber ihm fehlte die Kraft. Er fragte sich, wie viel Zeit zwischen seinem letzten Erwachen und jetzt vergangen war. Er erinnerte sich daran, dass er jede wache Minute damit verbracht hatte, sich mit sich selber und seiner Tat auseinander zu setzen, dass der den Tod herbei gewünscht hatte. Dass er sich wieder und wieder angeklagt und verurteilt hatte, sich sein schmerzendes Herz am liebsten aus der Brust gerissen hätte, dass er Kummer, Wut und Verzweiflung herausgeschrieen hatte, aber niemals war mehr als ein Echo von den Wänden zurück gekommen.

Wieder und wieder, stundenlang, bis zur völligen Erschöpfung, bis er leer war, bis selbst der kleinste Funken Gefühl aus ihm verschwunden war und nur noch die nagenden Gedanken blieben.

„Deirdre, das ist kein Spiel. Du kannst ihn nicht verstecken. Sag mir wo er ist, dann können wir ihn vielleicht diesmal retten."

„Er gehört mir und ich will ihn behalten." Ihre Stimme klang merkwürdig weinerlich, wie die eines greinenden Kindes.

„Er gehört niemandem, Kind. Er ist ein Mensch und wir müssen uns um ihn kümmern. Sag mir doch bitte, wo Du ihn versteckt hältst." Der Mann klang nicht mehr zornig, seine Stimme war sanft geworden, er versuchte mit Ruhe Einfluss zu nehmen.

Als er eine Weile keine hörbare Antwort bekam, wurde seine Stimme wieder etwas bestimmter:

„Ich kann die Männer auch alle Höhlen durchsuchen lassen, aber das würde Tage dauern. Sag mir in welcher Höhle Du ihn versteckt hältst, Deirdre. Bitte. Wenn er stirbt, kann ich Dich nicht mehr hier behalten."

Ein Schluchzen war zu hören und Deirdres Stimme klang nun völlig verzweifelt: „Aber er gehört mir, ich will ihn behalten. Er braucht mich und ich sorge für ihn. Ich will ihn nicht hergeben."

„Deirdre…"

Eine Weile Stille, dann näherten sich Schritte. Sie trat an sein Lager und hinter ihr tauchte ein Mann auf. Er hielt eine Fackel in der Hand und leuchtete damit zu Remus, der sofort die Augen zusammenkniff, so sehr schmerzte das plötzlich helle Licht in seinen Augen.

„Merlin sei Dank, Sie leben!"

Der Mann wechselte die Fackel in die linke Hand und zog mit der rechten einen Zauberstab hervor. Er murmelte ein paar Worte und Remus fühlte, wie der Schmerz in seinem Brustkorb verschwand. Ein weiterer Schlenker des Zauberstabs und ein Schwebezauber hob ihn sanft vom Boden.

„Wir bringen Sie erstmal ins Dorf, dort wird Ihnen geholfen. Dann sehen wir weiter."

Ins Dorf… Wie ein Blitz traf Remus die Erkenntnis, woher sein Opfer gekommen sein konnte. Vorher hatte er Zweifel gehabt, dass außer Deirdre noch jemand im Wald gewesen war, aber durch die Nähe dieses Dorfes ergab alles einen schrecklichen Sinn.

Die Stimme des Mannes klang autoritätsgewohnt und ohne eine weitere Erklärung wandte er sich an die junge Frau: „Deirdre, Du kommst mit uns. Wir reden später."

„Ja, Vater." Jeder Widerstand war aus ihrer Stimme verschwunden, sie klang völlig teilnahmslos.

Als sie die Höhle verließen und ins helle Tageslicht traten, sah Remus die junge Frau zum ersten Mal nicht nur als Schemen. Er erschrak, denn ihr Gesicht war fürchterlich entstellt, die gesamte rechte Gesichtshälfte war eine tief vernarbte Fläche, voller Krater und knotigen Wülsten und das Auge war trübe und blind.

Rückblickend fiel ihm auf, dass sie ihm nie das Gesicht von vorne zu gewand hatte, noch hatte sie ihm je die rechte Seite zu gedreht. Nun verstand er, warum.

Der Treffpunkt war gut gewählt, in der kleinen Nebenstrasse wimmelte es vor leer stehenden Wohnhäusern und man konnte sich unauffällig sammeln, um dann gemeinsam loszugehen. Mark traf rechtzeitig genug ein, um seine Gefährten nach und nach eintreffen zu sehen.

Willow, Drake, Mansfield und Jordan waren mit ihm eingeteilt, die heutige Observierung eines hochrangigen Ministeriumsangestellten zu übernehmen. Sie sprachen sich kurz ab, dann begaben sie sich in das vorbereitete Versteck, von dem aus sie sowohl den Haupteingang des Hauses, als auch den alten Dienstboteneingang sehen konnten.

Es war schnell klar, dass nur wenig passieren würde, und so langweilten sich die jungen Männer rasch. Sie verstanden nicht, warum sie zu viert diesen Auftrag erledigen sollten, aber niemand von ihnen hatte sich getraut, nachzufragen, denn keine geringere als Bellatrix Lestrange selber hatte sie instruiert und losgeschickt. Da sie normalerweise Jeffrey Deakins unterstanden und als seine Gruppe auch agierten, waren sie sogar ein wenig beunruhigt gewesen, als sie ihn nicht zu Gesicht bekommen hatten. Und als dann Mrs. Lestrange an seiner Stelle aufgetaucht war, war diese leichte Beunruhigung in echte Besorgnis umgeschlagen.

Sie waren nach Hause geschickt worden mit dem Auftrag, sich heute Abend zu treffen und die Observierung zu übernehmen. Keiner von ihnen verstand, warum sie alle vier kommen sollten, zwei von ihnen hätten den Auftrag mit Leichtigkeit erledigen können.

„Als ich vorhin kurz zuhause war, meinte mein Cousin Alfred, es ginge das Gerücht, Deakins sei ein Verräter, ein Spion für Dumbledore und seine Leute."

„Vielleicht haben sie ihn erwischt und aus dem Weg geräumt und deshalb ist er vorhin nicht erschienen."

„Verdammt", Mansfield sah sich hektisch um. „Dann macht es Sinn, dass man uns alle zusammen hier eingesetzt hat. Wir sind Deakins' Gruppe. Wenn Deakins ein Verräter und Spion ist, dann sind wir auch potentielle Verräter und Spione, also ist es nur logisch, uns gemeinsam loszuschicken, dann hat man uns in der Falle und genau auf dem Präsentierteller, um uns auch gleich mit aus dem Weg zu räumen."

Willow sah ihn entgeistert an, widersprach dann aber heftig. „Das hätte Mrs. Lestrange auch vorhin in Westfall-Manor machen können. Ohne viel Aufhebens und durcheinander. Oder glaubt ihr ernsthaft, wir hätte uns gegen sie zur Wehr setzen können?"

Westfall-Manor war das Anwesen der Familie Westfall, deren unbedingte Loyalität zum dunklen Lord sie bewogen hatte, ihr Haus für die jungen Todesser zur Ausbildung und zum gefahrlosen Einberufen der einzelnen Gruppen zur Verfügung zu stellen. So vermied man, dass junge Todesser, die sich noch nicht bewährt und ihre Treue noch nicht bewiesen hatten das Hauptquartier zu sehen bekamen.

Mark nickte, Willows Gedanke war viel logischer. Auch er glaubte, dass Bellatrix Lestrange vier junge Männer mit einem Schlenker ihres Zauberstabs außer Gefecht setzen konnte. Oder gar Schlimmeres. Ihr Ruf war legendär, aber niemand wünschte sich wirklich, diesen Ruf einmal hautnah zu spüren zu bekommen.

„Deakins ein Verräter?", Drake klang ungläubig. „Er ist ein so glühender Anhänger der dunklen Künste, er verehrt den dunklen Lord zutiefst. Das soll alles gespielt sein?" Er schüttelte zweifelnd den Kopf.

Mark schauderte bei dem Gedanken, dass seine eigene Loyalität dem dunklen Lord gegenüber auf mehr als wackligen Beinen stand und er dieser Truppe lieber heute als morgen den Rücken kehren würde. Aber er musste sich in Geduld üben, wie Snape ihn lehrte.

Einen Moment lang überlegte er, wie es wohl war, als Spion zu arbeiten und ob er vielleicht auf diese Weise etwas Gutes tun könnte. Aber er verwarf den Gedanken schnell wieder, das war zu gefährlich und er war auch gar nicht in der Position, etwas auszuspionieren. Und an wen hätte er sich schon mit den Informationen wenden sollen? Snape konnte er auf keinen Fall weiter behelligen, der ging ja schon genug Risiko damit ein, ihn und seine wirren Gedanken und Zweifel vor dem dunklen Lord zu schützen. Mehr, als sein Leben zu schützen konnte Mark nicht erwarten, selbst das brachte seinen Mentor sicher schon in arge Gewissenskonflikte. Und was konnte er sonst tun? Anonyme Eulen an Dumbledore schicken, vor dem sie hier alle offensichtlich als Gegner einen Heidenrespekt hatten? Na, der würde sich schön bedanken. Mark seufzte, dann riss Jordan ihn aus seinen Gedanken: „Was ist los, Tensborrow. Schiss?"

Ehe Mark etwas erwidern konnte, mischte sich Mansfield wieder ein.

„Spion oder nicht, Deakins ist verschwunden und das beunruhigt mich. Es gehen merkwürdige Dinge vor sich und ich wüsste gerne, was das alles bedeutet.

Auf unserem Anwesen stirbt der Boden und keiner weiß, was das für ein Fluch oder Gift ist, dass das verursacht."

„Der Boden stirbt? Was meinst Du denn damit? Das ist doch Altweiber-Gewäsch."

„Kein Gewäsch. Es hat ganz klein angefangen, aber es breitet sich aus. Das Gras verdorrt, Pflanzen sterben ab, nichts Neues kann dort wachsen, alles wird grau und geht ein. Mein Cousin meinte, es läge an einer der Leichen aus der Familienkrypta, weil die nur ein paar hundert Meter entfernt ist und einer der Toten müsste wohl vergiftet worden sein.

Aber was sollte das für ein Gift sein, das Jahre später eine solche Wirkung entfaltet, denn der letzte, der dort bestattet wurde ist mein Großonkel Calvin gewesen und das war vor fünfzehn Jahren.

Außerdem ist die Krypta dicht abgeschlossen, da kann nichts entweichen und der Punkt, wo es angefangen hat ist von der Grabstätte entfernt.

Wie dem auch sei, es breitet sich aus, alles stirbt und niemand weiß, wie man es aufhalten kann. Mein Vater sagt, wenn es so weiter geht, dann müssen wir das Anwesen in zwei Jahren verlassen."

Willow starrte ihn wortlos an.

Dann sagte Drake: „Ich glaube, es ist eine Verschwörung im Gange, um die reinblütigen Familien zu schädigen, ihnen ihre Besitz zu nehmen, sie auseinander zu reißen und was weiß ich noch alles.

Je eher wir dem ein Ende machen und das ganze verfluchte schlammblütige Pack mitsamt den dreckigen Blutsverrätern ausrotten, desto schneller wird es uns wieder besser gehen."

Die anderen nickten zustimmend, aber Mark beschlich ein nagendes Gefühl der Beklommenheit.