Kapitel 35: Geschichtsstunde

Hagrid hatte Wort gehalten und Carol bei Sonnenaufgang zum Schloss gebracht, allerdings hatte er sie nicht geweckt, sondern bis zu ihrem Gästezimmer getragen und sie dort ins Bett unter die Obhut von Winky gelegt, die schon voller Sorge gewesen war.

Carol erwachte in ihrem Bett und sah sich verwundert um, aber die Hauselfe erzählte ihr sofort, wie sie hergekommen war, bereitete ihr ein Frühstück und reichte ihr dann eine Nachricht vom Schulleiter, der sich nach ihrem Befinden erkundigte und wissen wollte, ob sie alles habe, was sie benötigte.

Nach dem Frühstück ging sie in die Bibliothek und suchte weiter nach Informationen. In einer Pause schrieb sie einen Antwortbrief an Dumbledore und nahm sich vor, ihn nachher Winky zu geben, damit diese ihn weiterleitete. Sie war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie das Mittagessen völlig vergaß und erst am frühen Nachmittag mit leicht knurrendem Magen feststellte, wie spät es eigentlich war. Sie beschloss, noch einer Spur in einem Buch weiter zu folgen und es dann für heute dabei zu belassen. Ein frühes Dinner, ein heißes Bad und ein Roman wären wahrscheinlich genau das, was ein entspannter Abend sein könnte.

Als sie die Arbeit für heute beendete, packte sie den Brief an Dumbledore, ermahnte sich, nicht zu vergessen, ihn Winky zu geben und verließ die Bibliothek.

Auf dem Weg zurück zu ihrem Zimmer lief sie dem Schulleiter allerdings über den Weg und er winkte sie lächelnd zu sich heran.

„Ich wollte gerade nach Ihnen sehen", sagte er mit einem freundlichen Lächeln. „Hagrid berichtete mir, sie haben schon ihre alten Bekannten getroffen, denen wir hier hoffentlich ein sicheres Zuhause bieten können."

Carol nickte und erzählte von dem Aufbau des Dorfes bei den Zentauren und nachdem Dumbledore sie ein Stück den Korridor hinunter begleitet hatte, schlug er vor, ein frühes Dinner in seinen Räumen einzunehmen.

Dankend nahm Carol die Einladung an und wie auf Bestellung gab ihr Magen ein sonores Knurren von sich. Sie errötete, doch der alte Zauberer schmunzelte und meinte nur sehr trocken: „Ein schnelles Dinner, würde ich vorschlagen."

Carol lachte und stimmte zu.

Sie erreichten das Büro des Schulleiters, in dem sie vor einer ihr endlos lange erscheinenden Zeit von der Zaubererwelt das erste Mal erfahren hatte.

Dumbledore wies die Hauselfen an und in kürzester Zeit hatten sie ein wunderbares Essen vor sich stehen. Sie aßen mit Genuss und tranken danach noch Tee. Carol lehnte sich gesättigt und entspannt in ihrem Stuhl zurück und sah en Schulleiter aufmerksam an.

„Was bedrückt Sie?", fragte sie leise, auch wenn ihre eigenen Gedanken bei Remus waren und sie vermutete, dass Dumbledore ihn mit in die Liste seiner Sorgen einreihte.

„Er sah sie über den Rand seiner Halbmondbrille einen Moment lang überrascht an, dann lächelte er warm.

„Ich vergaß Ihre Gabe, verzeihen Sie."

Carol schwieg, sah ihn weiter an.

Er seufzte. „Ja, auch ich mache mir Sorgen um Remus", sagte er leise. „Wir hätten schon letzte Woche eine Nachricht von ihm bekommen müssen. Ein paar Tage Toleranz müssen bei geheimen Missionen immer sein, aber inzwischen gibt es begründeten Anlass zur Sorge."

Er nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen und Carol bemerkte, dass er müde aussah.

Ihr Herz hatte sich bei seinen Worten in einen eisigen Klumpen aus Furcht verwandelt, aber sie bemühte sich ruhig zu klingen. Dennoch zitterte ihre Stimme.

„Wo ist er und was tut er?"

Dumbledore setzte sich die Brille wieder auf die Nase, strich sich bedächtig über seinen Bart, dann sagte er leise: „Ja, ich denke, Sie haben ein Recht darauf, es zu erfahren. Wer, wenn nicht Sie?

Ich habe ihn nach Amerika geschickt, er soll dort ein Buch besorgen."

„Was ist das Problem bei der Sache? Warum ist es so schwierig und warum müssen wir uns solche Sorgen machen?" Carol fühlte, wie die Fragen aus ihr heraus drängten.

„Das ist eine lange Geschichte."

„Ich habe Zeit."

„Nun gut…"

Dumbledore schenkte ihnen beiden noch einmal Tee ein, dann lehnte er sich zurück und begann zu erzählen.

„Es gibt ein uraltes Buch, von dem berichtet wird, dass Merlin persönlich seine selbst erfundenen Zauber darin notiert hat. Er war einer der erfindungsreichsten Köpfe unserer Geschichte und viele Zauber gehen auf sein Wissen und Können zurück. Besonders seine Zauber gegen untote Kreaturen sind es, die mich interessieren, denn sie sind nirgendwo sonst niedergeschrieben, einzig Gerüchten und Geschichten zufolge gibt es ein ganzes Kapitel über dieses Thema.

Diese Zauber sind eminent wichtig, denn gegen die untoten Kreaturen sind keine direkten Zauber bekannt. Man kann ihnen durch indirekte Abwehr beikommen oder sie so sehr schwächen, dass sie aufgeben, aber im Grunde haben wir ihnen nichts entgegen zu setzen."

Er holte tief Luft und nahm einen großen Schluck Tee.

Carol schauderte bei dem Gedanken an untote Kreaturen, sie waren etwas, das ihrem Glauben und ihrem Wissen um die Natur so sehr entgegengesetzt waren, dass sie sich kaum vorstellen konnte, einem solchen Wesen gegenüber zu stehen.

„Es gibt mehrere alte Bücher, Berichte und sogar eine Ballade, in der von Merlins Einsatz gegen Untote berichtet wird und in einem der Bücher wird auch detailliert beschrieben, welche Bewegungen für einen Zauber verwendet wurden, nur die Worte sind nicht aufgeschrieben. Aber man kann Aufzeichnungen finden, in denen von einem Buch berichtet wird, welches Merlin hegte wie einen Schatz und von dem er sagte, es enthalte all sein Wissen, wenn dieses eines fernen Tages zusammen mit seinem Kopf diese Welt verlassen müsse.

Und so glauben wir, dass die Zaubersprüche, die wir suchen in diesem Buch sein müssen."

Wieder machte er eine Pause, dann fuhr er fort.

„Glauben Sie, dass diese Zauber so wichtig werden?"

„Voldemort hat schon in seinem letzten Kampf Untote eingesetzt, er besitzt die Macht, sie zu beschwören und unter seinen Befehl zu stellen. Einmal in Bewegung gesetzt, ist es schwer, sie zu stoppen. Es ist möglich, kostet aber viel Aufwand und damals hat es auch viele Zauberer und Hexen das Leben gekostet. Es wäre viel einfacher, wenn man die Zauber kennen würde, die ihnen die Energie wieder entziehen können."

Carol schwieg. Die Vorstellung, Tote zu Zombies zu machen war grauenvoll. Es gab diese Dinge auch in anderen Religionen und sie waren verachtenswert, wo immer sie praktiziert wurden.

„Nun, nach den Erfahrungen des letzten Males und dem Erfolg, den Voldemort damit hatte, müssen wir davon ausgehen, dass er auch dieses Mal die Toten nicht ruhen lassen wird", fuhr Dumbledore nach einer Pause fort.

„An dieser Stelle kommt Remus ins Spiel. Er soll das Buch finden und ich fürchte, nur er kann es beschaffen, denn dort, wo wir es vermuten, ist man auf normale Zauberer und Hexen nicht sehr gut zu sprechen."

Carol sah ihn erstaunt an. „Aber was kann er dann…", sie brach ab, als der alte Zauberer die Hand hob.

„Von hier an ist es nun ein lange Geschichte, meine Liebe. Also, wenn Sie Interesse haben, werde ich sie Ihnen gerne erzählen. Ansonsten kann ich Ihnen auch eine Kurzfassung anbieten, die zwar das Ganze nicht verständlich macht, aber vielleicht einfacher zu verkraften ist."

Carol schüttelte energisch den Kopf: „Ich möchte die ganze Geschichte hören. Nur das Verstehen bring Wissen und nur Wissen wird eines Tages der Schlüssel zu höheren Verstehen sein", zitierte sie ihre Mentorin leise.

Dumbledore sah sie interessiert an bei diesem Satz, nickte dann und sagte: „Ganz wie Sie wünschen, meine Liebe."

Dann schenkte er ihnen beiden noch einmal nach und begann mit der Geschichte.

Er erklärte, Remus müsse in die Nähe von Salem reisen, in die Berge von Massachusetts, um genau zu sein. Dort befände sich vermutlich eine Gruppe von Hexen und Zauberern, die vor mehreren hundert Jahren Europa verlassen hätten, um in den Kolonien ein neues Leben zu beginnen.

„Sie haben sich völlig von der Zivilisation abgeschnitten und müssen inzwischen nach den spärlichen Berichten, die es über sie gibt, vollkommen verwildert, paranoid und durch generationenlange Inzucht schwer geschädigt sein.

Es heißt, ihre Ahnen hätten einst das Buch Merlins mitgenommen, als sie ihre Heimat hinter sich ließen.

Sie verließen Europa, um der Hexenverfolgung des dunklen Zeitalters zu entkommen und siedelten sich in Neu-England an, in der Hoffnung, hier einen neuen Anfang machen zu können. Aber sie kamen vom Regen in die Traufe und um der neuerlichen Verfolgung durch die legendären Hexenprozesse von Salem zu entkommen, flohen sie in die Berge, wo sie sich vollständig von allen Menschen abschotteten.

Ich habe vor einigen Jahren aus Interesse an ihrer Geschichte und mit der Frage nach dem Buch schon einmal jemanden geschickt, sie zu finden, aber er kam nicht wieder zurück und niemand hat jemals wieder etwas von ihm gehört. Dieser Vorfall hat mich darin bestärkt, dass sie noch leben und verstörter sind, als ich befürchtet hatte, denn mein Kurier hätte sich sicherlich gemeldet, wenn er sie einfach nicht gefunden hätte."

Dumbledore schwieg und Carol konnte fühlen, wie schwer es ihm fiel, über dieses Desaster zu reden.

Plötzlich fiel ihr etwas ein, das sie in einem Geschichtsbuch über Hexen und Zauberer gelesen hatte. Hermine hatte sie mit einem Stapel informativer Bücher eingedeckt und ihr versichert, sie selber, als Muggelstämmige hätte mit diesen Büchern recht schnell gelernt, was es mit der Zauberwelt auf sich habe und was wichtig zu wissen wäre.

Carol erinnerte sich vage, etwas über die Hexenverfolgung der Kirche gelesen zu haben, dann plötzlich fiel es ihr wieder ein. Gerade, als Dumbledore weiterreden wollte, unterbrach sie ihn mit ihrer Frage.

„Aber wieso sind sie überhaupt geflohen? Ich habe in einem der Bücher gelesen, dass die Hexenverfolgung der Kirche für die meisten Hexen und Zauberer keine ernstzunehmende Bedrohung war, dass sie sich mit wirksamen Gegenzaubern vor körperlichen Schäden schützen konnten." Sie sah Dumbledore fragend an, aber seine Miene verdüsterte sich plötzlich.

„Es ist traurige Schönmalerei, was da in den Geschichtsbüchern steht, aber die Verantwortlichen möchten nicht gerne, dass die wirklichen Geschehnisse dargestellt werden. Es ist angenehmer, das zu glauben, was in den Büchern steht, denn damit kann man sich bequem zurücklehnen und sagen, es wäre ja kein wirklicher Schaden entstanden.

Aber das stimmt nicht und diese Zauberer und Hexen, die damals Europa verließen, wussten das.

Natürlich konnten Hexen und Zauberer sich den Folgen der Folterungen und Hinrichtungen entziehen, aber es waren ja auch nur in den allerseltensten Fällen Zauberer und Hexen, die da angeklagt waren. Es waren fast immer Muggel und die litten grausam unter den Praktiken der heiligen Inquisition.

Wir können nicht die Augen verschließen davor, dass es oftmals die unbedachte Anwendung von Zauberei war, die auffiel und dann wurde der Verdacht schnell auf unliebsame oder fremdartige Menschen gelenkt, so dass die Hexen unbehelligt bleiben und dafür Muggel an ihrer Stelle verurteilt wurden.

Die Zauberergesellschaft schwieg und sah sich das Ganze distanziert an, man war der Meinung, es ginge sie nichts an und außerdem wären es ja nur Muggel, die betroffen seien.

Aber nicht alle Zauberer und Hexen sahen das so. Es gab einige wenige, deren Gewissen sie quälte, die sahen, dass die Muggel litten für etwas, das sie selber waren. Das Gefühl, mit schuldig zu sein, weil manche Zauber doch nicht so gut vor den Muggeln versteckt waren und diese daraus entstandenen mysteriösen Vorkommnisse sofort vermeintlichen Hexen angelastet wurden, war für sie unerträglich.

Sie empfanden tiefes Mitgefühl mit den Opfern der Inquisition und bemühten sich so viele Muggel wie möglich zu retten und zu schützen. Es wurden Vergessenszauber auf die Ankläger gewirkt, Zauber machten Schäden rückgängig und verfolgte Muggel wurden aus dem Wirkungsbereich der Inquisitoren gebracht.

Aber das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was auch immer sie taten, es war nicht genug, für jeden, den sie retteten wurden zehn oder mehr getötet. Sie mussten erkennen, dass eine groß angelegte Vernichtung im Gange war und die Anklage der Hexerei schon längst zu einem politischen Mittel geworden war.

Sie wurden immer verzweifelter und konnten nicht glauben, dass es den anderen Zauberern so egal war. Aber so sehr sie auch versuchten, die anderen davon zu überzeugen, dass es Unrecht war, niemand in der Zauberergesellschaft war bereit, ihnen Unterstützung zukommen zu lassen und magische Mittel einzusetzen, um das grauenhafte Gemetzel unter den Muggeln aufzuhalten.

Dazu kam, dass, wenn sie doch in seltenen Fällen der Hexerei angeklagt wurden, sie zwar keinen körperlichen Schaden nahmen, aber jedes Mal auf dem Scheiterhaufen ihren Tod vortäuschen mussten und dann wo anders mit einer neuen Identität wieder neu anfangen mussten. Das war schwierig und mühsam, weil sie weit reisen mussten, damit sie ohne Gefahr ihre Familien wieder vereinen konnten an einem neuen Ort.

Auch die wenigen Zauberer mit Gewissen und Mitgefühl unterwarfen sich oft der Verurteilung, um Muggel davor zu bewahren, wenn wieder einmal eine Anklage anstand und so wechselten auch sie oft ihre Identität und reisten fort von den Orten ihrer Hinrichtungen.

So fanden sie schließlich heraus, dass es überall in Europa Leute wie sie gab und nahmen Kontakt auf.

Diese Gruppen zogen sich mehr und mehr von den anderen Zauberern zurück und fanden Wege, sich zu Treffen und gemeinsam zu agieren.

Sie taten das über viele Jahrzehnte, bildeten ein Netzwerk von Hilfe und Information.

Aber nichts konnte mehr die Wunden in ihren Herzen heilen, die sie hier in ihrer Heimat erlitten hatten, niemand konnte mehr ungeschehen machen, was sie von der Ignoranz und Mitleidlosigkeit ihrer Mitmenschen gesehen hatten und so nutzten sie die Gelegenheit, als die Siedler in die jungen Kolonien Nordamerikas aufbrachen.

Sie schafften es, zwei große Schiffe zu füllen und machten sich auf den Weg in ein neues Leben. Nichts hielt sie mehr hier, sie waren froh, Europa und die Geschichte der Zauberergesellschaft hier hinter sich lassen zu können."

Wieder machte Dumbledore eine Pause und Carol nutzte die Zeit, um das Gehörte zu verarbeiten. Sie fühlte mit diesen Menschen, deren Herzen voller Mitgefühl gewesen war, die aber ohnmächtig hatten mit ansehen müssen, wie andere an ihrer Stelle grausam leiden mussten.

Der Blick des Schulleiters war auf ein Bild gerichtet, das eine zerklüftete Berglandschaft darstellte und es schien mit seinen Gedanken sehr weit weg zu sein. Plötzlich zuckte er zusammen, als hätte ein Gedanke ihn wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt und er sah Carol mit traurigem Blick an.

„Sie glaubten daran, eine andere Gesellschaft aufbauen zu können, von Mitgefühl und Verstehen geprägt und schworen sich, niemals wieder zuzulassen, dass Muggel für Hexerei angeklagt wurden und Schaden erlitten.

Alles schien sich prächtig zu entwickeln, sie hielten ihre Fähigkeiten vor den Muggeln geheim und lebten in deren unmittelbarer Umgebung.

Die Inquisition schien unendlich weit entfernt und man hörte nie wieder etwas von Hexenprozessen, Folterungen oder Hinrichtungen.

Dann aber, als könne die Welt keinen Frieden vertragen, passierte das Unvorstellbare. Am Ende der neunziger Jahre des 17. Jahrhunderts gab es in Salem Vorwürfe gegen einige Personen wegen Hexerei und plötzlich war die ganze vergessen geglaubte Hysterie wieder da. Es gab Anklagen, Verhöre und grauenvolle Hinrichtungen.

Voller Verzweiflung und nun völlig ohne Hoffnung, je einen besseren oder friedlicheren Platz zum Leben zu finden, zogen sie sich zu einem Leben in Höhlen in den Bergen zurück, resigniert und müde gaben sie die Errungenschaften ihres Lebens auf, schworen sich nie wieder in Kontakt mit anderen Menschen zu treten und verwilderten im Laufe der folgenden Generationen.

Seither gibt es nur noch sehr bruchstückhafte Berichte über sie, man sagt, sie selber nannten sich „die Verstoßenen". Selten findet man Erzählungen über sie und manchmal tauchen Menschen auf, von denen man sagt, sie stammten aus den Bergen und seien dem Dorf entflohen, weil sie zu gesund waren, um unter den Verstoßenen zu leben."

Das nun folgende Schweigen war überschattet von den Gedanken, die Carol bestürmten, aber auch ein merkwürdiger Verdacht beschlich sie.

„Sie glauben, die Verstoßenen haben noch immer das Buch von Merlin in ihrem Besitz?"

„Ich denke schon. Egal, wie sehr sie sich von der Zivilisation entfernt haben, sie werden einen solch alten Besitz nicht weggeworfen haben, das Buch enthält mächtige Magie und auch, wenn sie verwildert sind, sie sind immer noch Zauberer und Hexen und spüren, wenn ein Gegenstand so stark magisch ist. Zumindest hoffe ich das."

„Und nun soll Remus das Buch von ihnen beschaffen?"

„Ja, ich hoffe… er… nun ja… er ist…" Dumbledore schwieg und sah wieder zu den Bildern an der Wand, als wolle er Carols forschenden Blick ausweichen.

Carol schwieg eine Weile und überlegte, dann sagte sie ruhiger als sie sich fühlte: „Er passt auf das Profil, das diese Menschen anspricht, nicht wahr? Er ist als Werwolf selber verfolgt, wird verabscheut und ausgegrenzt. So wird er die verbliebenen Schutzinstinkte bei ihnen auslösen. Sie werden ihm vertrauen, weil sie ihn auf eine Art als einen der Ihren ansehen, oder? Oder zumindest als jemandem, dem sie zu allen Zeiten geholfen hätten."

„Ich weiß, das klingt zynisch, aber…", er beendet den Satz nicht, aber Carol konnte tiefen Schmerz in seinen Augen sehen. Niemandem tat es mehr weh, als ihm, seinen früheren Schützling einer solchen Gefahr auszusetzen.

„Anscheinend ist es meine Bestimmung, jene, die mir vertrauen schrecklichen Gefahren auszusetzen", seufzte er kummervoll. „Aber diese Zeiten lassen niemandem von uns eine Wahl und so bleibt mir nur zu hoffen, dass sie zumindest das nötige Rüstzeug von mir bekommen haben, um ihre Aufgaben mit minimalem Schaden zu überstehen."

Carol dachte an Snape und an das, was mit ihm passiert war, aber sie schwieg.

Langsam begann sie zu begreifen, was bisher passiert war. Er war so abgemagert und abgerissen gewesen, weil er sich zur Vorbereitung auf diese Mission tagelang in Wäldern herumgetrieben hatte, um glaubwürdig als verfolgter, verstoßener Werwolf zu sein.

Er musste sicher auch einen großen Teil der Reise alleine und zu Fuß durch unwirtliche Gegenden zurücklegen, damit er wirklich so abgezehrt, verletzt und verfolgt wirkte.

Dumbledore bestätigte diese Vermutung, als sie danach fragte.

„Zwar könnte man diesen Zustand auch mit Zaubern simulieren, aber schließlich sind die Verstoßenen auch Zauberer und bei aller Verwilderung durchaus noch in der Lage, so etwas zu erkennen. Außerdem verfügen sie über die Instinkte wilder Tiere, die instinktiv erkennen können, wenn sie getäuscht werden sollen. Sie riechen und fühlen Angst, Verletzung, Schmerz und würden sehr schnell merken, wenn die körperlichen Symptome zwar da sind, der Mensch aber nicht verletzt und ängstlich ist. Natürlich sind das alles nur Vermutungen und ich weiß ja nicht einmal, ob Remus sie überhaupt finden kann, ob sie überhaupt noch existieren, aber die unregelmäßig auftauchenden Informationen lassen mich hoffen und glauben, dass ich mit meinen Vermutungen richtig liege."

Carol nickte bei diesen Ausführungen, aber tief in ihrem Inneren wurden ihre Sorgen um Remus immer stärker und sie wünschte sich nur noch, ihn einigermaßen heil zurück zu bekommen.

Aber bei aller Sorge und Sehnsucht, jetzt war es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten und vernünftig vorzugehen.

„Was können wir tun?"

„Nichts. Das ist ja das Schreckliche an dieser Situation, wir können nur warten und hoffen, dass er alles gut übersteht und sich bald meldet."

Carol seufzte. Dann sagte sie leise: „Dann wollen wir das Beste hoffen."

Sie wollte noch mehr sagen, aber die Worte klebten an diesem dicken Kloß, der ihre Kehle verstopfte und an dem sie nicht vorbei kamen.

Dumbledore schien zu spüren, was in ihr vorging, er legte sanft eine Hand auf ihre Schulter und ließ ihr die Zeit, sich zu fangen.

Nach einigen Augenblicken straffte sie sich, sah ihn mit einem zaghaften Lächeln an und bedankte sich. Er erwiderte ihr Lächeln, nun wissend, dass es richtig gewesen war, ihr das alles zu erzählen.

Schweigend tranken sie ihren Tee, aber es war spürbar, wie beide ihre Gedanken reinigten von Mutlosigkeit und Verzweiflung und langsam wieder Zuversicht fanden.

Schließlich stand Carol auf und verabschiedete sich. Dumbledore nahm ihre Hand, hielt sie einen Moment und sagte dann: „Es wird sich alles zum Guten wenden, meine Liebe. Wir müssen nur fest daran glauben und dann danach handeln."

Er lächelte wissend, als sie erwiderte: „Ja, das müssen wir wohl."

Als sie zurück in ihr Gästezimmer kam, wartete dort eine Einladung von Hermine, Harry und Ron zum Tee am nächsten Nachmittag im Gryffindor Gemeinschaftsraum. Sie schrieben, sie hätten gehört, dass Carol in Hogwarts sein und wollten sie gerne persönlich hier begrüßen. Außerdem wollten sie ihr ein paar Freunde vorstellen und ihr von ihren Aktivitäten berichten.

Alles in Allem klang die Einladung sehr nett und obwohl Carols Kopf schwirrte, dachte sie, dass es eine nette Ablenkung sein könnte, mit den Freunden zu plaudern.

Allerdings erschien ihr der Gemeinschaftsraum doch etwas sehr öffentlich, und so schrieb sie zurück, sie würde sich gerne mit ihnen treffen, schlüge aber ihr eigenes Quartier vor. Selbstverständlich könnten sie ihre Freunde mitbringen. Sie freue sich darauf, Freunde von ihnen kennen zu lernen.

Die Nacht war voller schrecklicher Träume für Carol. Auch das neu gewonnene Wissen über Remus' Mission half nicht gegen die Angst um ihn. Sie erwachte mehrmals schweißnass und schließlich, noch bevor der Morgen graute, gab sie es auf, nahm ein langes Bad und setzte sich an ein Fenster, um zuzusehen, wie es zögerlich dämmerte.