Kapitel 37: Die Schatten der Vergangenheit

Severus Snape betrat hinter Carol ihr Gästequartier. Er sah sich um, musterte die Einrichtung und das leichte Durcheinander, das herrschte. Winky versuchte zwar immer, ein gewisses Maß an Ordnung zu erreichen, aber Carol bestand darauf, ihr persönliches Durcheinander zu behalten. Sie hatten sich auf ein für beide akzeptables Maß geeinigt, das allerdings für einen Außenstehenden nicht wirklich aufgeräumt wirkte.

Severus zog die Augenbrauen hoch und kräuselte leicht die Lippen, als sie auf die Sitzecke zeigte und sagte: „Nimm doch Platz."

Er ging auf den Tisch zu, stellte mit einer vorsichtigen Bewegung die kleine Phiole ab und meinte nachdrücklich: „Du solltest das hier nehmen, versprich es mir."

Es sah sie eindringlich mit seinen dunklen Augen an.

„Versprich es mir", wiederholte er, als sie weiterhin schwieg.

Sie nickte und als sie seinen zweifelnden Blick sah, fügte sie hinzu: „Ich verspreche es. Ehrlich."

Lächelnd deutete sie noch einmal auf die Sitzecke.

Dann ging sie zu einem Schrank, holte eine Flasche Rotwein und Gläser heraus und stellte sie vor ihn auf den Tisch.

„Bitte, öffne sie."

Er sah sie einen Moment an, dann zog er seinen Zauberstab und öffnete die Flasche mit einer langsamen, eleganten Bewegung. Wie schon einmal schwebte der Korken sanft neben der Flasche auf den Tisch. Carol lächelte versonnen und sagte leise: „Ich liebe es, wenn ihr so was macht."

Er griff nach der Flasche, goss etwas in beide Gläser und nahm ein Glas, das er ihr reichte. Das andere hielt er in der Hand und sah wortlos hinein.

Sie schwiegen eine ganze Zeit und tranken den schweren Wein in kleinen Schlucken, schließlich brach Severus das Schweigen und fragte: „Du bist besorgt wegen Lupin, nicht wahr?"

Carol nickte stumm, etwas schnürte ihre Kehle zu, seit sie hier saß und die Gegenwart des Freundes als tröstlich aber auch schwer an ihrer Selbstbeherrschung nagend empfand.

Er schien zu merken, wie schwer es ihr fiel, eine ruhige Fassade zu bewahren und einen Moment lang schien es, als würde er etwas sagen wollen. Dann aber streckte er die Hand aus und legte sie auf ihre Schulter. Die Geste wirkte ein wenig ungelenk, aber sie erreichte ihr Ziel. Carol entspannte sich und nach einigen ruhigen und tiefen Atemzügen hatte sie sich wieder im Griff.

„Geht es wieder?"

Als sie nickte, zog er seine Hand zurück und sie konnte fühlen, wie nahe diese Geste für ihn an der Überforderung gewesen war. Sie empfand tiefe Dankbarkeit für seine Freundschaft, die offensichtlich etwas ganz besonderes war, etwas das er nicht leicht hergab.

Sie tranken ihre Wein und jeder hing seinen Gedanken nach, doch nach einer Weile erklang wieder Snapes tiefe, ruhige Stimme.

„Da ist noch etwas, außer Lupin, oder?"

Sie schwieg weiter, versuchte sehr konzentriert zu wirken, aber sein Blick schien sie aufzuspießen und schließlich gab sie nach.

„Ja. Ich…" Sie stockte, suchte nach Worten, die diese tief sitzende Angst ausdrücken konnte, die stärker und stärker wurde, je weiter die Zeit fortschritt und je näher die Konfrontation rücken musste.

Er sagte nichts, starrte sie auch nicht mehr an, ließ ihr einfach Zeit.

Es dauerte lange, dann schien es fast aus ihr herauszuplatzen.

„Ich habe solche Angst einen schrecklichen Fehler zu machen, der Menschen das Leben kosten kann."

„Wir alle machen schreckliche Fehler", erwiderte er und sie konnte entfernt etwas wie Schmerz in seiner Stimme hören.

Er schwieg lange, dann fuhr er mit heiserer Stimme fort: „Ich weiß wovon ich spreche, also glaube bitte nicht, dass ich nur schulmeistern will."

Sie wagte es kaum die Frage zu stellen, aber seine vorherige Bemerkung ließ sie glauben, dass er ihr vertrauen würde, dass er sie als Freund sah.

„Hattest Du auch so schreckliche Angst davor, bevor Du Deinen Fehler gemacht hast?"

Wieder schwieg er so lange, dass sie glaubte, zu weit gegangen zu sein und er habe sich zurückgezogen in seinen alten Panzer aus Perfektion und Unnahbarkeit.

Da hörte sie seine Stimme, seltsam ruhig und fast gelöst: „Nein, ich war zu dumm, um Angst zu haben. Ich war von Hass, Enttäuschung und dem Gefühl betrogen worden zu sein so zerfressen, dass es meinen Verstand vernebelt hatte. Ich brannte vor dem Gefühl Rache nehmen zu wollen, für Angst war kein Platz. Und ich bezweifle, dass ich Angst zugelassen hätte, gerade weil sie ja ein Indiz für Zweifel und Vernunft gewesen wäre."

Seine dunklen Augen glühten, niemals hatte sie solche starken Emotionen in ihnen aufflackern sehen. Dann schwieg er wieder und sie ließ das Gehörte sacken.

„Was hast Du getan?"

„Ich habe mich Voldemorts Leuten angeschlossen."

Sie zog hörbar die Luft ein, drehte sich und sah ihn ungläubig an.

„Du hast was?"

„Ich wurde ein Todesser."

Er mied ihren Blick, zwar klang seine Stimme ruhig, aber sie sah wieder die typische Bewegung in seinem Kiefergelenk. Ihr stockte der Atem bei der Vorstellung und sie musste an die Begegnungen mit Todessern denken, die sie erlebt hatte. Sie hatte gewusst, dass er für den Orden als Spion tätig war, aber sie hatte sich nie genauer darum Gedanken gemacht, wie er in diese Position gekommen war.

„Was war so schrecklich, dass Du geglaubt hast, nur dort könntest Du finden, was Du suchst?"

Er stockte.

„Du bringst es auf den Punkt", sagte er leise. „Ich glaubte damals dort etwas zu finden, das ich suchte. Macht, die Macht, die es mir erlaubt, jemand zu sein, den niemals wieder ein Mensch mit Füssen zu treten wagt. Im Grunde wollte ich niemandem etwas tun, ich wollte nur nicht mehr, dass andere meinten, ich wäre schwach genug, ihnen als Fußabtreter zu dienen."

„Und? Hat es funktioniert?"

„Im Grunde ja, aber ich musste lernen, dass Macht ihren Preis hat und dass ich die Position, die ich anstrebte nicht bekommen würde, ohne einen Preis zu zahlen. Einen Preis, der mir deutlich zu hoch war."

Sie sagte nichts, wartete darauf, dass er fort fuhr.

„Trotzdem, es war berauschend, diese Macht. Jemand zu sein, den alle anderen fürchten. Jemand zu sein, der sich ungestraft außerhalb der moralischen Zwänge der Gesellschaft bewegen kann.

Angst zu verbreiten kann eine Droge sein. Es war ein faszinierende Form der Freiheit, nur dem dunklen Lord und seinen Ansichten Rechenschaft schuldig zu sein."

Wieder versank er in düsteres Schweigen, aber Carol konnte spüren, wie sehr ihn die Gedanken daran aufwühlten. Das alles war für ihn nicht vorbei, es würde niemals wirklich vorbei sein.

Nach einer langen Pause fragte sie sehr leise: „Was hat Dich zurück gebracht?"

„Ich war ein getreuer Todesser, bis ich die Prophezeiung mitgehört hatte", er sah sie fragend an. „Du weißt von der Prophezeiung?"

Als sie stumm nickte fuhr er fort: „Ich verriet den Teil, den ich gehört hatte an den dunklen Lord. Dann erfuhr ich von seinen Plänen, die Potters zu ermorden und mit ihnen ihren kleinen Sohn, um zu verhindern, dass dieser je so groß genug werden konnte, um ihn zu stürzen.

Dabei wurde mir klar, dass der dunkle Lord niemals aufhören würde, dass er nach den Muggeln und Muggelgeborenen auch unliebsame Reinblüter töten lassen und auf lange Sicht die ganze Zaubererwelt zerstören würde, bis nur noch er und ein paar Getreue da wären, die zum Aussterben verdammt wären."

Er machte eine Pause, schien sich zu sammeln und starrte auf einen Punkt an der Wand, hinter der er scheinbar Schattengestalten sehen konnte. „Es ist eine Sache, sich gegen Blutsverräter und Schlammblüter zu stellen, und die Vorherrschaft der reinblütigen Familien zu beanspruchen, aber eine völlig andere Sache, aus Machtgier und blind gewordenem Hass alles zu zerstören, für das man gekämpft hat.

Die Vorstellung, die gesamte Kultur der Zauberergesellschaft dem Untergang zu weihen erschütterte mich zutiefst und ich erkannte, dass ich selber den Schlüssel dafür geliefert hatte."

Er pausierte und sie konnte sehen und fühlen, wie unendlich schwer es für ihn war, über diese Dinge zu sprechen, wie tief er sie in sich vergraben hatte.

Seine Stimme war noch immer ruhig, aber man hörte ein leises Zittern darin, das ausdrückte, welche ungeheure Selbstbeherrschung diesen Mann im Moment aufrecht hielt.

Nach einer Weile blickte er auf, sah ihr direkt in die Augen und gestand dann sehr leise: „Bei unserem ersten Gespräch, als Du über die Reinblütigkeit und den Untergang unserer Rasse geredet hast, da wusste ich, dass Du recht hast. Und nicht nur, dass Du recht hattest, sondern vielmehr, dass niemand mehr als ich wusste, welches Urteil ich über meine Art gefällt hatte, als ich die Prophezeiung verriet. Aber ich hätte das natürlich niemals zugegeben." Seine Stimme brach und er wandte den Kopf ab.

Diesmal war es Carol, die die Hand ausstreckte und sie stumm auf seinen Arm legte. Sehr leise sagte sie: „Wir haben wohl jeder unseren ganz eigenen tiefen Riss in unserer Seele."

Er blickte kurz auf, als er die tiefe Traurigkeit in ihrer Stimme hörte, ging aber nicht weiter darauf ein. Nach einer Weile entspannte er sich wieder und lehnte sich zurück. Er trank einen großen Schluck von dem Wein, dann erklang seine Stimme, ruhig und gefasst: „Was für ein Fehler ist es, den Du befürchtest? Vielleicht kannst Du durch Analysen versuchen, mögliche Gefahrenquellen auszuschließen. Ich bin ein guter Analytiker, vielleicht kann ich helfen."

Sie sah ihn traurig an. „Ich weiß es nicht. Und gerade das ist das Beängstigende daran, ich weiß nicht, was das für ein Fehler sein könnte, ich weiß nur, dass er verheerende Folgen haben kann, dass ich jemanden grausam verletzen könnte. Und dennoch schaffe ich es nicht mehr, dem, was geschieht Einhalt zu gebieten."

Sie machte eine Pause, seufzte und atmete tief ein.

Snape sah sie intensiv an, er wartete eine Weile, dann sagte er langsam: „Dann wird Dir nichts anderes übrig bleiben, als abzuwarten und zu versuchen, die Konsequenzen so wenig schädlich wie möglich werden zu lassen."

Sie sah ihn an und ließ seine Worte wirken. Wahrscheinlich hatte er sogar Recht und sie hatte kaum eine Wahl.

Sie unterhielten sich noch eine Weile, versuchten die schmerzhafte Intensität des Gespräches abklingen zu lassen und schließlich verabschiedete sich Snape. Er deutete noch einmal auf die Phiole, die auf dem Tisch stand und Carol nickte müde.

Als er zur Tür ging, sah sie, dass er sich nach dem Gespräch wieder gut gefangen hatte, seine Haltung war aufrecht, sein Gang fest und seine Schulter so gerade, wie immer. Sie war froh das zu sehen, denn er war ein Mensch, der niemals seinen Stolz verlieren durfte und so gut es sicher gewesen war, dass sie das Gespräch geführt hatten, sie hätte nicht gewollt, dass er in dem Zustand hinausgegangen wäre.

Lächelnd sah sie ihm nach, als er die Tür hinter sich schloss.

Zwar glaubte sie, keine Hilfe zum Einschlafen mehr zu benötigen, aber sein Versprechen, der Trank würde einen traumlosen Schlaf bringen war angesichts der schrecklichen Alpträume der letzten Tage sehr verlockend.

Als sie schließlich ins Bett ging, leerte sie die Phiole und fiel tatsächlich unverzüglich in einen tiefen Schlaf.

Er war in einem schrecklichen Zustand, als Remus Lupin vor Hogwarts auftauchte. Seine Kräfte reichten gerade noch, sich über das Gelände zum Schloss zu schleppen und Dumbledores Büro zu erreichen. Zwar hatten Nathaniel, zwei andere Zauberer und auch Deirdre sich redlich bemüht, ihn aufzupäppeln und seine Verletzungen zu versorgen, aber ihre Mittel waren beschränkt und es gab seit einem Jahr, seit dem Tod ihres letzten Heilers, niemanden mehr, der diese Kunst beherrschte. Und obwohl seine Kraft eigentlich noch bei weitem nicht ausreichte, kam Remus mit Nathaniel überein, dass er sich auf den Weg nach England machen sollte, bevor er es wohlmöglich gar nicht mehr schaffte.

Nathaniel hatte sich, nachdem er von Dumbledore, der Bedrohung durch den dunklen Lord und die Möglichkeit, dass Inferi in den Kampf geführt wurden, erfahren hatte, sofort bereit erklärt, das Buch heraus zu geben. Er meinte, es solle wenigstens noch einen sinnvollen Grund gehabt haben, was hier geschehen war und tiefer Kummer klang aus seiner Stimme, als er sich von Remus verabschiedete. Sie hatten kurz überlegt, ob sie es riskieren könnten, Dumbledore eine Nachricht zu senden, damit der Hilfe schicken konnte, doch einerseits lehnte Nathaniel es ab, den Standort des Dorfes preiszugeben und andererseits schien es auch zu riskant.

Und so hatte sich Remus alleine auf den Weg zurück gemacht. Wieder versuchte er Kontakt zu Menschen zu meiden, doch diesmal war es unendlich viel beschwerlicher für ihn, denn jetzt spielte er nicht mehr nur den hilfebedürftigen Mann.

Schließlich erreichte er völlig verausgabt das Büro des Direktors.

Dumbledore, obwohl es schon tiefe Nacht war, las noch in einigen Büchern und schrieb Briefe.

Er ließ Remus sofort in einem Sessel Platz nehmen und bat ihn um die Kurzfassung seiner Erlebnisse.

„Sehr kurz bitte, Remus. Ich sehe, dass Du in keinem guten Zustand bist, Du hättest vernünftig sein müssen und gleich in den Krankenflügel gehen sollen. Ich wäre durchaus noch in der Lage gewesen, dorthin zu kommen." Er lächelte seinen früheren Schüler an, aber in seinen Augen schimmerte Sorge, als er im Licht der Kerzen sah, wie schrecklich Remus aussah.

Es war nicht nur diese Ausgezehrtheit und die schlecht verheilten Verletzungen, die ihm Sorgen bereiteten, sondern vielmehr die müden Augen. Ihnen fehlte der lebendige Funke, sie wirkten leer und stumpf.

Dumbledore erkannte, das das nichts war, das man leicht kurieren konnte und ihm wurde klar, dass bei dieser Mission weit mehr vorgefallen sein musste, als nur das, was die körperlichen Schäden verursacht hatte. Kummervoll betrachtete er Remus, der zusammengesunken auf dem Sessel saß und ihm leise berichtete. Als er kurz das anriss, was mit Deirdre geschehen war, holte der Schulleiter zischend Luft.

„Wir werden darüber ein anderes Mal reden, Remus. Nun musst Du zu Poppy, sie wartet auf Dich, seit Du dieses Büro betreten hast und es ist sicherlich schon alles vorbereitet, um es Dir so angenehm wie möglich zu machen."

Remus nickte kraftlos. „Es wird nicht nötig sein, darüber noch viel zu reden", sagte er leise. „Ich bin gewohnt, mein Problem alleine auszuhalten, aber vielen Dank trotzdem."

Dumbledore runzelte die Stirn, dann sagte er in einem ernsten, ein wenig strengen Tonfall: „Es ist nicht richtig, alles alleine auszumachen, Remus. Du solltest von allen Menschen am Besten wissen, wie wichtig es ist, Freunde zu haben, denen man alles anvertrauen kann.

Du musst darüber reden und was immer es ist, das dich auffrisst, es muss aufhören.

Du kannst später mit mir sprechen. Oder mit Carol, wenn Dir das lieber ist."

Remus ruckte in seinem Sessel hoch.

„Nicht mit Carol! Ich will nicht, dass sie irgendetwas davon erfährt. Sie hat genug Sorgen, auf ihre Schultern liegt schon so viel, ich werde nichts tun, um diese Last noch zu vergrößern."

Trotz seiner Erschöpfung klang er entschlossen und sein Blick war hart, als er dem Schulleiter in die Augen sah. Dumbledore hob die Augenbrauen, ließ sich jedoch keine weitere Reaktion anmerken.

„Wie Du willst, Remus", sagte er sanft. „Du gehst jetzt erst einmal in den Krankenflügel und dann sprechen wir darüber, wenn es Dir wieder besser geht."

Remus nickte, dann erhob er sich und ging auf die Tür zu. Gerade, als er nach der Türklinke greifen wollte, taumelte er, dann brach er stumm auf dem Boden zusammen.

Dumbledore beschwor eine Trage und brachte den bewusstlosen Remus darauf schwebend in den Krankenflügel, wo Madame Pomfrey sich sogleich an die Arbeit machte.

Zuerst schuf sie eine magische Abschirmung, die um das Krankenbett herum einen Raum schuf, der vom restlichen Krankensaal abgetrennt war. Derartig isoliert und mit der nötigen Ruhe versorgt, begann sie sich um Remus zu kümmern, der schon nach einigen Minuten wieder erwachte.

Teilnahmslos ließ er sie ihre Arbeit tun. Die Krankenschwester verabreichte ihm verschiedene Tränke, versorgte seine Wunden mit Salben und Heilzaubern und sprach Stärkungszauber auf ihn aus. Sie arbeitete konzentriert und nach einer Weile lehnte sie sich zurück.

„Das ist alles, was ich im Moment tun kann, Remus. Sie müssen schlafen und sich ausruhen. In den nächsten Tagen werden wir noch einige Folgebehandlungen durchführen müssen. Solange haben Sie klare Bettruhe."

Er nickte nur kraftlos und drehte den Kopf von ihr weg zur Wand.

Mit sorgenvollem Blick zog sie die Bettdecke glatt und ließ dann mit einem Wink ihres Zauberstabs einen hellgelben Vorhang um sein Bett herum erscheinen.

Remus hörte, wie Dumbledore und die Krankenschwester sich leise unterhaltend das Zimmer verließen und er spürte, wie die Erschöpfung zusammen mit Poppys Tränken seine Gedanken zerfasern ließen und ihn in die Dunkelheit des Schlafes sogen.

Langsam breitete sich Kälte ihn ihm aus, Schmerzen machten das Atmen schwer und ein merkwürdiger Geruch erfüllte seine Nase.

Wie hat sich der kleine Remus gefühlt, als er merkte, dass Mummy und Daddy sich schämen für das Tier, das sie nun zuhause haben?"

Er spürte den kühlen Luftzug der Höhle, Krallen zerrissen seine Hand, aber er erkanntem dass es richtig so war. Er musste zerrissen werden für das, was er getan hatte.

Was hast Du gefühlt, als Du gemerkt hast, dass Deine Eltern jetzt Angst vor Dir haben? Dass sie Dich anders behandeln?"

Er spürte Tränen, die ihm über das Gesicht liefen. Es sollte aufhören, alles sollte aufhören.

Was hat er gefühlt, der Kleine?"

Wieder durchflutete ihn das Gefühl der Scham, das er seit seiner Kindheit mit sich herumtrug, er fühlte den Zwang, dieses Intimste aller Geheimnisse mitzuteilen. Er presste seine Hände auf seinen Mund, um es nicht preiszugeben, doch seine Hände schmolzen und wurden flüssig.

Verzweifelt versuchte er zu schweigen.

Wie war es? Wie war das töten?"

Die Luft schien plötzlich eiskalt und schneidend zu sein und er hatte Mühe zu atmen.

Und wie ist es nun? Wie fühlte es sich an, ein Mörder zu sein? Wie fühlt es sich an, jemanden getötet zu haben, mit den eigenen Klauen und Zähnen?"

Er konnte nicht mehr atmen, seine flüssigen Hände tropften auf sein Gesicht und verstopften ihm Nase und Mund. Wenn er wenigstens schreien könnte…

Wenn er doch nur schreien könnte…

Mit einem durchdringenden Schrei fuhr Remus hoch und saß schweißnass in seinem Krankenbett.

Madame Pomfrey kam angerannt, die Haare zerzaust und ein fliederfarbenes Nachthemd umwehte sie. Sie riss den Vorhang zu Seite und fand ihren Patienten mit abwesendem Blick, kaltschweißig und keuchend im Bett sitzend vor.

Beruhigend auf ihn einredend drückte sie ihn in die Kissen zurück. Sie war sich nicht ganz im Klaren darüber, ob er sie hörte, aber es schien zu helfen, denn seine Atmung beruhigte sich und auch sein rasend trommelndes Herz wurde wieder langsamer.

Wieder sprach sie einen Zauber auf ihn und sah zu, wie er einschlief. Diesmal ging sie nicht fort, sondern holte sich einen bequemen Sessel und ein Decke heran, um in der Nähe des Bettes zu bleiben.

Diese Vorsichtsmassnahme erwies sich als gut, denn er schien diesen Traum, aus dem er jedes Mal schreiend aufwachte noch mehrmals in dieser Nacht zu durchleben.