Kapitel 38: Sorgen und Nöte
Als Carol erwachte, war es noch dunkel. Sie sah sich leicht desorientiert um, entdeckte dann aber gleich die kleine Elfe, die aufgeregt vor ihrem Bett auf und ab hüpfte und quiekte: „Miss Carol, Miss Carol muss aufwachen, Winky hat Neuigkeiten. Dobby hat von Rispy, einer Elfe, die oft im Krankenflügel aufräumt erfahren, dass ein Patient gekommen ist. Dobby ist gleich nachsehen gegangen und sagt, dass Professor Lupin im Krankenflügel liegt. Dobby hat sofort Winky bescheid gesagt, wie er es versprochen hat und nun muss Miss Carol aufwachen. Mr. Remus ist da." Bei den letzten Worten überschlug sich ihre Stimme.
Carol sprang aus dem Bett. Sie starrte Winky an, aber die kleine Hauselfe nickte so eifrig, dass ihre Ohren unkontrolliert um ihren Kopf schlackerten.
Carol holte tief Luft, sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde gleich explodieren, so rasend schnell hämmerte es in ihrer Brust.
Er war im Krankenflügel, er lebte und das war erst einmal das einzige, was zählte.
Sie zog sich rasch an und machte sich auf den Weg, geführt von der aufgeregten Hauselfe, die unaufhörlich plapperte.
Als sie den Krankenflügel erreichten, verschwand Winky und Carol betrat den Raum. Er war leer und sie sah sich stirnrunzelnd um. Keines der Betten war belegt noch schien eine einzige Person hier anwesend zu sein. Sie glaubte fast an einen bösen Scherz, als sie aus einer Ecke leise Stimmen hörte.
„Heil- und Stärkungszauber wirken immer in Abhängigkeit vom Willen des Kranken, Albus. Je stärker der Lebenswille eines Patienten ist, desto fruchtbarer ist der Boden, auf den der Heilzauber fällt." Carol erkannte die Stimme der Krankenschwester, die sich gedämpft mit dem Schulleiter unterhielt.
„Und wie ist die Wirkung bei Remus?", erklang nun die sanfte, freundliche Stimme Dumbledores, aus der man allerdings tiefe Besorgnis heraushören konnte.
„Minimal. Und das macht mir nicht unerhebliche Sorge. Irgendetwas hat ihm allen seinen Mut genommen. Sein Lebenswille scheint erloschen, so etwas Schreckliches habe ich bei ihm noch nie gesehen und ich haben ihn bei Merlin oft genug behandelt."
Carol schauderte, ihre Gedanken überschlugen sich. Was konnte schreckliches geschehen sein, das
Remus in einen so besorgniserregenden Zustand versetzt hatte.
Sie versuchte zu erkennen, woher die Stimmen kamen, dann sah sie eine weiße Trennwand, die über die Hälfte der Raumbreite reichte und einen Teil des Zimmers abschirmte. Sie hob sich kaum von der eigentlichen Wand ab, so dass man sie auf den ersten Blick nicht sah. Carol ging darauf zu, dann räusperte sie sich vernehmlich und sofort kam Madame Pomfrey um die Trennwand herum gerauscht. Ihre blütenreine weiße Robe raschelte wie frisch gestärkt und niemand hätte ihr ansehen können, dass sie eine unruhige Nacht mit einem Patienten hinter sich hatte.
Professor Dumbledore trat hinter ihr hervor und lächelte Carol warm an.
„Es ist gut, dass sie da sind, meine Liebe. Aber wir sollten Sie warnen, nicht wahr Poppy?"
Er sah zu der Krankenschwester und diese nickte.
„Ich kann nicht verhehlen, dass Remus in einem sehr bedenklichen Zustand ist. Ich weiß, Sie erschreckt nicht viel, Sie haben schließlich auch Severus damals nach dem Angriff gesehen, ohne gleich in Ohnmacht zu fallen, aber hier liegt der Fall doch etwas anders."
Sie sah Carol prüfend an, die bei den klaren Worten sichtlich erbleichte.
„Setzen Sie sich, meine Liebe", Dumbledore lies lautlos einen Stuhl heranschweben, der sanft hinter Carol auf dem Boden landete. Sie setzte sich ohne den Blick von Madame Pomfrey zu lösen.
„Nun, er ist erschöpft, verletzt und hat in den letzten Tagen nicht die medizinische Versorgung erhalten, die er benötigt hätte, aber das bekommen wir wieder hin", fuhr sie mit resoluter Stimme fort. „Aber sein Gemütszustand macht mir Sorgen und ehrlich gesagt auch die Alpträume, die ihn zu plagen scheinen. Also sollten sie darauf gefasst sein, dass er in keinem guten Zustand ist."
Sie tätschelte Carols Hand in einer Geste, die trösten sollte, aber ihre Beunruhigung noch vertiefte.
„Darf ich ihn sehen?"
„Natürlich."
Madame Pomfrey und Dumbledore standen auf, und die Krankenschwester zückte ihren Zauberstab. Sie gingen um die Trennwand herum und blieben vor etwas stehen, das wie eine milchige Barriere, wie stabiler Nebel aussah. Mit einem gemurmelten REVELATIO verschwand die Barriere und Madame Pomfrey erklärte Carol, dass sie es während der Nacht für sicherer gehalten hatte, den Patienten vor zufällig auftauchenden Personen abzuschirmen. Jetzt am Tage, wo sie ohnehin dauernd anwesen wäre, entfiele das natürlich. Carol nickte, war mit ihren Gedanken jedoch völlig woanders und trat auf einen gelben Vorhang zu, der scheinbar ein Bett verhüllte. Sie sah Madame Pomfrey fragend an und diese nickte.
Vorsichtig schob Carol den Vorhang zu Seite und sah Remus schlafend vor sich liegen. Sie zuckte bei seinem Anblick zusammen, so blass und ausgezehrt war er.
Neben dem Bett stand ein Stuhl und ohne die anderen weiter zu beachten, setzte sie sich und griff zaghaft nach seiner Hand.
Madame Pomfrey und der Schulleiter sahen sich an und ein sanftes Lächeln umspielte seinen Mund, als er sich nickend von dem Bett entfernte. Auch die Krankenschwester ging in ihr Zimmer, um sich den Vorbereitungen für die späteren Behandlungen des Patienten zu widmen.
Carol sah Remus an, sie wurde von Gefühlen überwältigt. Ihre Erleichterung, dass er lebte war enorm, aber er sah zum Erbarmen schlecht aus. Sanft strich sie über seine Hand und bemerkte die tiefen Kratzer in seinem Handrücken. Schaudernd versuchte sie sich vorzustellen, wie es dazu gekommen war, aber dann verdrängte sie diese Gedanken. Er musste nur gesund werden, dann würde alles andere von alleine wieder gut werden, dachte sie sich. Es gibt nichts, was Liebe nicht heilen kann und davon kann er genug bekommen. Sie lächelte und betrachtete sein Gesicht. Egal wie ausgezehrt es war, egal wie viele Narben dazu gekommen waren, es gab für sie nichts Schöneres als dieses Gesicht. Nur wenn er die Augen geöffnet hatte und sie ansah, dann war es noch schöner. Sie liebte das Funkeln in seinen Augen, wenn er lachte, genauso wie sie es liebte, wenn er nachdenklich war oder wenn er ernsthaft etwas erklärte.
Sie strich sanft durch sein Haar und dachte an ihren Aufenthalt in Irland. Wie glücklich waren sie gewesen und wie unbeschwert. Aber da war auch der Kampf gewesen, der ihr immer wieder vor Augen führte, wie zerbrechlich ihrer aller Leben war und wie leicht das Glück, das sie empfand enden konnte.
Und dabei war dieses Glück ein Geschenk, mit dem sie niemals gerechnet hätte. Eigentlich war sie noch immer nicht sicher, ob das so richtig war, ob es nicht ein Fehler war, jemandem zu erlauben, sie zu lieben. Und doch, er war einfach da und sie konnte sich gegen die Gefühle für ihn nicht wehren, so sehr sie es auch versucht hatte. Es war etwas Magisches an dem, wie Remus ihr Herz erobert hatte. Sie lächelte bei dem Gedanken, ja, magisch war das richtige Wort.
Wenn er sie ansah, verschwanden die nagenden Zweifel, die sie immer noch daran glauben ließen, sie müsse ihren Weg alleine gehen, um andere vor Schmerzen zu schützen. Wenn er sie ansah fühlte sie, dass sie ihn ebenso vor Schmerzen bewahrte, wie er sie vor den Schatten der Dunkelheit beschützte, wenn sie bei ihm war. Es gab kein schöneres Gefühl auf der Welt, als das Glück in den Augen des Menschen den man liebt zu sehen.
Sanft strich sie über seine Hand, über sein Gesicht und vermied dabei die Kratzer und Verletzungen zu berühren. Und schließlich nahm sie seine Hand hoch und legte sie an ihr Gesicht. Sie schloss die Augen für einen Moment und konzentrierte sich auf ihn. Nach einer Weile löste sie seine Hand wieder von ihrem Gesicht und hielt sie sanft ihn ihren Händen, während sie ihn ansah und ohne es bewusst zu merken eine leise, sanfte Melodie summte.
Sie konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als er plötzlich die Augen öffnete. Zuerst schien er desorientiert, doch anscheinend waren diese Räume so vertraut, dass er sie auch nach all den Jahren seiner Abwesenheit von der Schule sofort wieder erkannte. Er blinzelte ein paar Mal, dann blickte er Carol an, die ihn voller Freude anlächelte.
Es dauerte einige Sekunden, dann erkannte er sie, und sein Blick veränderte sich. Sie sah unbeschreiblichen Schmerz in seinen Augen und etwas, das auf sie wirkte wie eine tiefe Wunde, aber bevor sie näheres erspüren konnte, wurden seine Augen hart und er unterbrach den Blickkontakt. Er schloss die Augen und zog mit einem Ruck seine Hand aus ihren Händen.
Dann öffnete er die Augen wieder, starrte aber an die Decke, während er mit brüchiger Stimme schroff sagte: „Ich muss mich ausruhen. Geh."
„Ich äähhh… ich wollte nicht stören…", Carol fand kaum die Worte, sie war zutiefst verwirrt.
Er mied weiter ihren Blick, als er leise sagte: „Nicht schlimm, aber nun geh, bitte."
Er drehte seinen Kopf zur Wand und Carol starrte ihn fassungslos an. Dann stand sie schweigend auf. Sie blieb unschlüssig stehen, streckte die Hand nach ihm aus, zog sie dann jedoch wieder zurück. Sie holte Luft, als wollte sie etwas sagen, schwieg jedoch. So stand sie ein paar Minuten neben seinem Bett, während er wie zu Stein erstarrt dalag und weiterhin den Kopf nicht von der Wand wegdrehte. Dass eine Träne über seine Wange lief, konnte sie nicht sehen und er war froh darüber.
Schließlich holte sie tief Luft und sagte dann mit einer viel zittrigeren Stimme, als ihr das lieb war: „Kein Problem, ich kann das gut verstehen, wenn Du Ruhe brauchst. Das war auch sicher alles sehr anstrengend und man sieht ja, dass Du sehr müde bist und ich kann natürlich verstehen…", sie brach ab, als ihre Stimme versagte.
Dann beugte sie sich vor, berührte mit der Hand kurz seine Schulter und verließ hastig den Krankenflügel.
Ihre Schritte wirkten unsicher und ihre ganze Körperhaltung drückte aus, was sie fühlte. Sie hoffte, niemand würde sie sehen, bevor sie nicht Gelegenheit hatte, sich ein wenig wieder zu sammeln.
Alles in ihr strebte nach draußen, hinaus aus den Gängen, fort von den Steinmauern und so hastete sie in ihr Zimmer, schlang sich einen Schal um den Hals, wickelte sich in eine dicke Jacke und verließ das Schloss durch eine Seitentür.
Kalte Luft schlug ihr entgegen und trieb ihr sofort die Tränen in die Augen.
Sie atmete tief ein und ging ein paar Schritte. Auf diese Seite des Schlosses kam eigentlich fast nie jemand, hier waren nur die Komposthaufen der Gewächshäuser und einige Schuppen mit Geräten.
Dazwischen lag ein umgefallener Findling, auf dem sie gerne saß, wenn sie ihre Gedanken ordnen wollte.
Wieder einmal ließ sie sich darauf nieder und sah in die Ferne. Morgendunst hing über den Ländereien und es versprach ein kalter, aber klarer Tag zu werden. Ein leichter Wind wehte, so dass sie ihre Hände tief in die Taschen ihrer Jacke stopfte. Trotzdem war es nicht unangenehm kalt, eigentlich gerade richtig, wenn man einen klaren Kopf bekommen wollte.
Langsam fasste sie sich wieder. Remus war sicher nur erschöpft gewesen und sie kannte ihn ja, er machte seine schwachen Momente lieber mit sich alleine aus.
Es war nur so schrecklich verstörend gewesen, dass er kein anderes Wort für sie gehabt hatte, als sie fort zu schicken. Und das, was sie in seinen Augen gesehen hatte, bevor er sich weggedreht hatte, war schrecklich gewesen. Sie spürte, wie ihre Eingeweide sich zu verknoten schienen, als sie daran dachte. Der Ausdruck von Schmerz und Verletzung erschien wieder vor ihrem geistigen Auge und sie musste den Impuls unterdrücken, sofort aufzuspringen und zu ihm zu laufen.
Wenn er Ruhe brauchte, dann würde sie das respektieren. Wenn er das, was er erlebt hatte erst einmal alleine für sich ordnen und verarbeiten wollte, dann würde sie auch das akzeptieren.
Später wäre immer noch Zeit genug, darüber zu reden, falls er das wollte.
Sie ermahnte sich, geduldig zu sein und ihm den Freiraum zu lassen, den er scheinbar dringend brauchte, denn sonst hätte er nicht so drastisch reagiert.
Langsam beruhigte sie sich wieder und schaffte es sogar, das Schreckliche, das sie in seinen Augen gesehen hatte zu verdrängen.
Zaghaft meldete sich ein Gedanke in ihrem Verstand, der leise fragte, ob Jasper sich nicht vielleicht doch geirrt hatte, ob es ihr vielleicht wirklich nicht bestimmt war, zu lieben oder geliebt zu werden. Vielleicht war ja doch alles genau richtig und gut so, wenn sie alleine war, wenn sie niemandem das Herz brechen musste. Letztendlich musste sie ihren Weg vielleicht doch alleine gehen und niemand durfte durch sie zu Schaden kommen, das hatte Sarah sie gelehrt.
Vielleicht war Remus' Zurückweisung das Zeichen, das sie aufwecken und auf ihren richtigen Weg zurück bringen sollte?
Sie merkte, dass sie Kopfschmerzen bekam und zwang sich, die Grübeleien zu verschieben.
Ein leises Pfeifen ließ sie aufhorchen. Jemand pfiff eine muntere Melodie und sogar sehr nett, wie sie zugeben musste. Sie sah über die Schulter, um zu sehen, wer es sein konnte, als Nicholas Kasparian gerade um die Ecke bog.
Er sah sie auf dem Stein sitzen, winkte ihr fröhlich zu und ging dann in ihre Richtung. Carol seufzte, Gesellschaft war nun das Letztem was sie sich wünschte, aber vielleicht konnte sie ihn ja höflich abwimmeln.
„Was für ein wunderschöner Morgen und dann noch eine bezaubernde Dame, das muss ein perfekter Tag werden." Kasparian verbeugte sich vor ihr und strahlte sie mit einem offenen, fröhlichen Lächeln an.
„Einen schönen guten Morgen wünsche ich Ihnen auch", erwiderte Carol freundlich, denn weder seinem Überschwang, noch seinem Lächeln konnte man sich entziehen. Trotzdem hätte sie ihn gerne fort gewünscht, aber er schien ihre Ausstrahlung von Unnahbarkeit entweder nicht zu bemerken, oder zu ignorieren, denn er nahm neben ihr Platz.
Er begann in lockerem Plauderton von den Schülern und dem Unterrichtsalltag zu erzählen, als wären sie bei einer Teeparty, aber Carol reagierte recht einsilbig.
Schließlich schwieg er und sah sie prüfend an.
„Ich glaube, meine Unterhaltung ist nicht, was Sie gerade brauchen, habe ich Recht?"
Carol schwieg. Er war wirklich nett und sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen. Sie lächelte ihn an und wollte gerade etwas sagen, da hob er die Hand.
„Sagen Sie nichts, ich weiß, was eine Dame um diese Zeit wirklich braucht."
Er lächelte noch breiter und zwinkerte ihr verschmitzt zu.
„Frühstück, habe ich Recht?"
Carol sah ihn erstaunt an, an Essen hatte sie nun wirklich noch nicht gedacht. Der Gedanken an eine Mahlzeit lockte sie wirklich nicht und sie musste sofort an das ausgezehrte Gesicht von Remus denken. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf.
Er sah sie erstaunt an: „Kein Frühstück? Gibt es ein gute Argument gegen Frühstück?"
Ein verschmitzter Ausdruck trat in seine Augen und die Lachfältchen um sie herum vertieften sich.
„Ich sehe sehr wohl, dass Sie Kummer haben, Miss Featherton, aber Sie müssen auch wissen, dass es seit Generationen die Pflicht eines jeden Kasparian ist, einer bekümmerten Dame Trost zu spenden."
Er sah sie gespielt streng an: „Das war schon immer so und ich werde nicht anfangen, mit alten Familientraditionen zu brechen, nur, weil Sie es wollen."
Carol musste schmunzeln, seine Worte klangen entschlossen, aber sie sah etwas in seinen Augen aufblitzen, das man nur schalkhaft nennen konnte. Als er ihr Schmunzeln bemerkte, lächelte er breit, dann stand er auf, bot ihr seinen Arm an und lud sie ein, ein wenig am See entlang zu gehen.
Unmerklich änderte sich ihre Stimmung, während sie sich unterhielten. Kasparian war ein guter Gesellschafter und sein Humor hatte genau das richtige Maß, sie zum Lächeln zu bringen.
Langsam entspannte sie sich, während er von seiner Zeit als Schüler hier erzählte und nach einer Weile fragte sie neugierig: „In welchem Haus waren Sie eigentlich, wenn man fragen darf?"
„Oh, charmante Damen dürfen immer fragen, wenngleich meine sprühende Intelligenz, mein fabelhaftes Aussehen und mein umwerfender Charme Ihnen eigentlich schon genügend Indizien geliefert haben müssten." Er unter brach sich und lachte herzhaft. Sie musste lächelnd noch eine gute Portion Selbstironie zu seinen angenehmen Eigenschaften hinzu zählen.
„Natürlich war ich ein Slytherin!", er sah sie verwundert an, als sie stehen blieb. Dann sah er ihren Gesichtsausdruck. „Oh, Sie sind ein Opfer der negativen Publicity, die durch gewisse Individuen über das Haus entstanden ist."
Auch er war stehen geblieben und sah sie an, aber sein Lächeln wirkte nun ein wenig verkrampft.
„Nun heutzutage darf man ja kaum noch erwähnen, aus welchem Haus man kommt. Früher war das ein Grund, stolz zu sein, aber die Zeiten ändern sich. Und ich bin voller Hoffnung, dass der Ruf des Hauses Slytherin eines Tages wieder in vollem Glanz erstrahlt."
Er hatte seine Souveränität wieder gewonnen und langsam gingen sie weiter um den See herum, bis Carols Magen schließlich laut verkündete, dass ihr nächstes Ziel Winkys Frühstückstisch sein sollte.
Sie verabschiedete sich von ihm, nachdem sie noch einmal seine Einladung zu einem gemeinsamen Frühstück abgelehnt hatte.
„Nun, dann müssen Sie mir aber versprechen, an einem der kommenden Abende mit mir zum Essen nach Hogsmead zu kommen, sonst werde ich mich mit gebrochenem Herzen in den See stürzen." Theatralisch legte er sein Gesicht in Falten und presste die Hände auf das Herz.
Carol musste wieder lachen und versprach, darüber nachzudenken.
Zufrieden verbeugte Kasparian sich und küsste ihre Hand zum Abschied.
Sie ging wieder in ihr Zimmer zurück, beschwingt von dem angenehmen Gespräch und dem Lachen, aber langsam machte sich ein schlechtes Gewissen in ihr breit. Wie konnte sie sich amüsieren, während es Remus schlecht ging. Sie hatte die Unterhaltung zwar nicht gesucht, aber sie hatte sich auch nicht gewehrt, die düsteren Wolken des Kummers vertreiben zu lassen und einen Moment der Unbeschwertheit zu genießen.
Winky hatte bereits einen Tisch vorbereitet, auf dem alles stand, was Carol normalerweise liebte. Hungrig füllte sie ihren Teller mit Eiern, Speck und Toast und nahm sich einen Becher dampfenden Kaffee. Während sie die ersten Bissen verspeiste, überlegte sie, nach dem Frühstück noch einmal in den Krankenflügel zu gehen, um zu sehen, ob sie nicht doch helfen könne. Aber dann rief sie sich zur Ordnung. Remus hatte sehr deutlich gemacht, was er wollte und sie hatte das zu respektieren.
Plötzlich schmeckte das Essen schal und jedes Hungergefühl war verschwunden. Sie schob den Teller von sich und trank einen Schluck Kaffee. Das bittere Getränk schien wunderbar zu ihrer Stimmung zu passen.
Auch wenn sie sich noch so sehr vornahm, Remus' Wünsche zu respektieren, auch wenn sie wusste, dass es richtig war, warum tat es nur so weh?
Schließlich stellte sie den Becher weg, es hatte keinen Sinn, sich hier darüber Gedanken zu machen. Sie beschloss, doch noch einmal in den Krankenflügel zu gehen, um zu sehen, ob er nicht doch noch einmal mit ihr reden würde. Oder vielleicht würde er ja erlauben, dass sie still an seinem Bett saß und nur seine Hand hielt?
Der Knoten in ihren Eingeweiden löste sich ein wenig bei dem Gedanken und sie fühlte sich gleich etwas belebter.
Als sie den Krankenflügel erreichte, sah sie sich irritiert um. Die magische Abschirmung war nach wie vor verschwunden, aber trotzdem war der Raum leer. Das Bett, in dem Remus gelegen hatte sah völlig unberührt aus. Sie schwankte leicht, als sie sich irritiert umsah, da kann auch schon Madame Pomfrey aus ihren Raum.
„Oh, meine Liebe, keine Sorge, es ist nichts passiert", sprudelte sie sofort heraus, als sie Carols Gesichtsausdruck sah. Dann aber verfinsterte sich ihre Miene und sie ergriff Carols Hand. „Setzen Sie sich, Kindchen, setzen Sie sich, sie sind sehr blass."
Vorsichtig bugsierte sie Carol auf die Kante des Bettes und sah sie ernst an. Dann zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber.
„Ich bin sicher, er ist nur sehr aufgewühlt von der schwierigen Mission, Miss Featherton", sagte die Krankenschwester in beruhigendem Tonfall.
„Wo ist er hin?", Carols Stimme war tonlos.
Man konnte Madame Pomfrey anmerken, wie unangenehm ihr diese Situation war, aber sie hielt sich tapfer.
„Er wollte gehen. Ich konnte ihn nicht aufhalten, es tut mir leid. Aber Sie müssen bedenken, dass er sicher noch Fieber hatte, dass er es nicht so meint." Sie schüttelte kummervoll den Kopf.
„Dass er was nicht so meint?" Carol spürte, wie sich ihr Magen in einen Eisklumpen verwandelte.
„Nun, Kindchen, Sie müssen bedenken, er hat wohl Schlimmes erlebt, Sie dürfen sich das nicht zu Herzen nehmen", sie ergriff Carols Hände, die eiskalt waren. „Er murmelte etwas von fortgehen, weil er Ihnen nicht begegnen wolle."
Carol starrte sie an, sie brachte kein Wort heraus.
Dann fasste sie sich ein wenig und fragte mit wackliger Stimme: „Was heißt das, weil er mir nicht begegnen wolle?"
Ihre Gedanken rasten und sie hoffte, dass das alles ein dummes Missverständnis wäre und Remus gleich herein käme, um sie in die Arme zu nehmen. Doch der nächste Satz der Krankenschwester ließ ihre Seifenblase zerplatzen.
„Er sagte, er möchte sie nicht mehr sehen. Er meinte, das wäre besser so. Für Sie und für ihn. Er müsse mit dem, was war und was sein wird alleine zu Recht kommen."
Sie seufzte vernehmlich und tätschelte Carols Hand.
Carol konnte nicht mehr sprechen, so riesig schien der Klumpen in ihrem Hals.
„Wissen Sie", fuhr Madame Pomfrey mit sanfter Stimme fort, „Ich kenne Remus schon seit er ein Schüler war und ich habe ihn oft behandelt. Sie müssen verstehen, dass das seine Art ist, dass er niemals anders mit Schwierigkeiten umgegangen ist."
Traurig schüttelte sie den Kopf und sagte wie zu sich selbst:" Ich hatte so gehofft, dass sich das nun geändert hätte, aber alte Gewohnheiten legt man wohl doch nie ganz ab."
Sie wandte sich wieder an Carol, die noch immer wie versteinert vor ihr saß: „Es ist sehr schwer für ihn, ich weiß nicht, was er erlebt hat, aber ich habe ihn in all den Jahren nur einmal in einem solchen Zustand erlebt und da war er noch ein Schüler. Sie müssen ihm die Ruhe lassen, die er braucht, vielleicht besinnt er sich ja. Immerhin geht es ihm nicht gut und vielleicht war er gerade etwas verwirrt und durcheinander, Sie dürfen sich das jetzt nicht zu sehr zu Herzen nehmen."
Carol die Krankenschwester mit verschwimmendem Blick an, sie versuchte sich zusammen zu reißen und nicht hier in Tränen auszubrechen.
„Wo ist er?" Sie schaffte es die Worte mit erstickter Stimme aus ihrer zugeschnürten Kehle hervor zu pressen.
Madame Pomfrey sah sie einen Moment lang schweigend an und blickte dann zu Boden.
„Bitte. Wo ist er? Ich verspreche ihn nicht zu belästigen, aber ich muss wissen, ob es ihm gut geht."
Eine Weile schwieg ihr Gegenüber, dann sah sie sie wieder an.
„Er ist am Grimmauldplatz. Ich habe ihn nur gehen lassen, unter der Bedingung, dass er sich in Augustas Hände begibt. Sie hat mir seine sichere Ankunft schon mitgeteilt und dass sie seine Behandlung begonnen hat."
Carol seufzte erleichtert auf. Es ging ihm gut, er wurde versorgt und würde gesund werden. Alles andere war nebensächlich, wenn er nur bekam, was er brauchte.
Sie schaffte es gerade noch, der Krankenschwester zu danken und verließ mit ihrem letzten Hauch von Selbstbeherrschung den Krankenflügel.
