Kapitel 39: Leviten lesen
Carol erreichte ihr Zimmer ohne, dass ihr wirklich bewusst war, wie sie dorthin gekommen war. Sie fühlte sich seltsam unwirklich, ihr Körper fühlte sich wie taub an und sie war unfähig auch nur einen einzigen Gedanken zu verfolgen.
Noch immer wollte ein kleiner Teil in ihr nicht glauben, dass Remus wirklich fort gegangen war, weil er sie nicht mehr sehen wollte, aber mehr und mehr setzte sich die Erkenntnis durch, dass es wahr sein musste. Und wenn sie ehrlich zu sich war, dann war das auch typisch für ihn, sich so zu verhalten.
Langsam klärten sich ihre Gedanken wieder etwas und sie fühlte sich nicht mehr so betäubt, aber dafür begann der Schmerz sich seinen Weg in ihr Herz zu erkämpfen.
Sie ging im Zimmer auf und ab, als könne Bewegung Linderung bringen, aber das war nicht der Fall. Sie wusste, dass sie ihn gewähren lassen musste, dass er das Recht hatte, sie fort zu schicken, wenn er sie nicht mehr sehen wollte. Aber alles in ihr wehrte sich dagegen, den Mann, den sie so sehr liebte gehen zu lassen.
Wieder begann die nagende kleine Stimme in ihrem Kopf ihr zu sagen, dass es besser wäre, dass sie ihren Weg alleine gehen, ihre Aufgabe alleine erfüllen müsse. Dass es gut und richtig war, wenn er sie verließ.
Sie bekam das Gefühl zu ersticken in den Räumen und sehnte sich ein weiteres Mal nach frischer Luft. Aber die Vorstellung, von irgendwem gestört zu werden, egal, wie gut gemeint die Gesellschaft wäre, ließ sie den Gedanken an einen Spaziergang verwerfen. Sie seufzte und setzte sich. So sehr sie auch versuchte, sich zusammen zu reißen, es wurde nur noch schlimmer und ihre Sehnsucht nach Wind und dem Geruch von Erde wurde immer drängender.
Sie brauchte Hilfe. Magische Hilfe, das wurde ihr nun klar. Aber wen sollte sie bitten? Severus? Der würde ihr ungefragt seine Meinung über ihren Zustand und auch über Remus mitteilen, da war sie sicher. So sehr sie seine Freundschaft schätzte, aber sie brauchte jetzt niemanden, der sich um sie sorgte. Dumbledore? Er war immer sehr beschäftigt und musste wichtige Dinge erledigen. Sicher war er in das Studium des Buchs von Merlin vertieft und sie wollte ihn nicht mit so einer Lappalie stören. Kasparian kam gar nicht in Frage, auch, wenn sie sicher war, er würde ihr liebend gerne helfen, aber seine Ritterlichkeit würde ihr jetzt wohl den letzten Nerv rauben.
Schließlich fasste sie einen Entschluss, ging zum Schreibpult in der Ecke des Raumes und schrieb mit einem Bleistift, den man ihr netterweise hingelegt hatte eine Notiz auf ein Stück Pergament. Sie faltete es und rief leise: „Winky?"
Mit einem Plopp erschien die kleine Elfe vor ihr und sah sie besorgt und fragend an.
Carol bat sie, die Notiz zu Professor Flitwick zu bringen und Winky huschte sofort mit dem Pergament in der Hand davon.
Es wurde Mittagszeit, als sie endlich mit der Antwort zurückkehrte. Der Professor hatte Unterricht gehalten und erst jetzt Zeit für eine Antwort gefunden. Carol hatte die Zeit überbrückt, indem sie versucht hatte, ihre Aufzeichnungen der letzten Zeit zu sortieren. Gebracht hatte das nichts, sie waren noch immer genauso ungeordnet wie ihre Gedanken und Gefühle, aber sie hatte mit den vielen Notizzetteln ihre Hände beschäftigt.
Schnell öffnete sie dien Brief und las:
Liebe Miss Featherton,
Ich bin außerordentlich erfreut, Ihnen mit meinen bescheidenen Fähigkeiten behilflich sein zu können.
Alles ist nach Ihren Wünschen vorbereitet und Sie können es jederzeit nutzen. Ich hoffe, das Arrangement entspricht Ihren Vorstellungen und erfüllt seinen Zweck in Ihrem Sinn.
Wenn ich noch weiter helfen kann, dann zögern Sie bitte nicht, sich an mich zu wenden.
Mit herzlichen Grüßen
Filius Flitwick
Auf einem zweiten Blatt waren detaillierte Anweisungen, die sie genau durchlas.
Carol sah von dem Pergament auf und seufzte erleichtert. Sie legte es sorgfältig zur Seite, griff sich Jacke, Schal und Handschuhe und wollte gerade den Raum verlassen, als Winky ihr in den Weg trat.
„Miss Carol hat noch nichts gegessen, Winky ist sehr in Sorge." Betrübt sah Winky zu ihr hoch und zog dann ein kleines Paket hervor, das sie Carol reichte.
„Winky hat etwas Obst und Cracker eingepackt. Auch wenn Miss Carol nichts Richtiges essen möchte, kann sie vielleicht ein wenig davon mögen?" Hoffnungsvoll sah das kleine Wesen zu Carol auf, die plötzlich merkte, dass ihr Verhalten anderen Menschen Sorge bereitete und schuldbewusst das Paket entgegen nahm.
„Danke Winky, das wird mir bestimmt gut tun. Ich verspreche, heute Abend etwas Warmes zu essen."
Die Hauselfe wirkte ein wenig beruhigt und trippelte nickend davon, während Carol das Lunch-Paket in die Tasche steckte und das Gebäude verließ.
Everett Spangle erreichte das Haus, das der Gruppe, der er zugeteilt worden war als Treffpunkt diente ohne Zwischenfälle.
Er sah sich die Gruppe an und musterte besonders den Mann, der ihnen als Anführer vorgestellt worden war. Nott war wohl sein Name, Spangle fand ihn nicht besonders interessant, daher hörte er nur mit einem halben Ohr zu. Seine Flucht war kompliziert gewesen, aber sie hatte seine Improvisationsgabe gefordert und er war hochzufrieden mit seiner Leistung.
Nun war er wieder bei den Todessern, deren Ziele ihm eigentlich völlig egal waren, solange sie ihm die sichere Umgebung für seine Kunstwerke boten. Natürlich durfte niemand seine wahren Gefühle erahnen, am allerwenigsten der dunkle Lord, aber er hatte die Erfahrung gemacht, dass, je mehr er an seine Kunst dachte, desto mehr schien der Lord zufrieden zu sein, wenn er ihn so eindringlich musterte, dass jedem anderen übel geworden wäre. Nicht so Everett Spangle, dachte er zufrieden, einen Everett Spangle verunsichert man nicht mit bohrenden Blicken. Er unterdrückte ein vergnügtes Lachen und machte ein angemessen interessiertes Gesicht. Nott hatte inzwischen etwas von Plänen berichtet, aber Spangle war zu sehr in seine eigenen Pläne vertieft, als dass er sich solchen Nebensächlichkeiten hingegeben hätte. Er wusste, wenn es an die Ausführung der Pläne des Lords ging, würde er seinen Teil beisteuern und einen weitaus größeren Teil der Beute für sich abzweigen. Niemand in der Organisation, am allerwenigsten der dunkle Lord selber interessierte sich dafür, ob ein paar Muggel mehr oder weniger bei den Aktionen verschwanden.
Kurz umspielte ein böses Lächeln seine Lippen, dann wandte er sich wieder mit gespieltem Interesse Notts Ausführungen zu und plante innerlich weiter sein nächstes Kunstwerk, das alles bisher da gewesene in den Schatten stellen sollte. Immerhin gab es da noch einige Personen, die er fest eingeplant hatte, die sich seiner Behandlung aber entzogen hatten, was er natürlich nicht vergessen hatte. Sie waren sein Eigentum und er würde sie sich nehmen, wenn die Zeit gekommen war.
Remus traf im Haus am Grimmauldplatz ein und wurde am Kamin sofort von Augusta Jacobsen in Empfang genommen. Sein Zustand entlockte ihr ein strenges Stirnrunzeln, dann bugsierte sie ihn ohne weitere Kommentare in das Krankenzimmer und steckte ihn in eines der Betten. Sie untersuchte ihn mit der ihr eigenen Gründlichkeit, nickte ein paar mal, als betätige sich das, was sie von der Hogwarts-Krankenschwester erfahren hatte und machte sich auch sofort an die Behandlung.
Die Hand wurde in einen Umschlag aus Murtlap-Essenz gewickelt, er musste mehrere übel schmeckende Tränke zu sich nehmen und diverse Zauber wurden auf ihn gesprochen. Nach zwei Stunden nickte Augusta zufrieden und erklärte, er brauche nun Ruhe. Bettruhe, betonte sie, nur für den Fall, er hätte da irgendetwas missverstehen wollen. Allerdings sah Remus nicht besonders unternehmungslustig aus.
Sie reichte ihm noch einen Trank, der angenehm nach Lakritz roch und erklärte, der würde Schlaf fördernd wirken. Sie erklärte ihm außerdem, dass er laut der Aussage von Poppy nicht nur körperlich verletzt sei, sondern auch psychisch traumatisiert, was leider den Einsatz von Tränken, die Träume unterdrücken würden verböte.
Remus hörte ihr mit abwesender Miene zu, als wäre es ihm sowieso egal, ob er träumte oder nicht, aber Augusta konnte sich nicht vorstellen, dass das sein konnte. Poppys Bericht von seinen Alpträumen war so erschreckend gewesen, dass sie sicher war, er würde im Schlaf Fürchterliches durchleben. Trotzdem war es wichtig, diese Träume nicht zu unterdrücken, denn dann könnten die Konsequenzen noch weit schlimmer sein.
Sie reichte ihm den Trank, den er ohne Widerrede schluckte, deckte ihn noch fürsorglich zu, schloss die Fensterläden mit einem Schwung ihres Zauberstabs und löschte das Licht.
Und obwohl es noch Vormittag war, schlief er sofort ein.
Sein Schlaf war unruhig und voller wirrer Träume und er wurde zweimal von Augusta geweckt, die ihn schreiend und schweißnass im Bett sitzend vorfand. Beim zweiten Mal hatte er seine Decke mit bloßen Händen zerrissen und die Finger in den zerfetzten Stoff verkrallt.
Sie beruhigte ihn, half ihm, sich frisch zu machen, gab ihm eine neue Decke, reichte ihm etwas Suppe zu trinken und ließ ihn wieder schlafen. Diesmal war sein Schlaf noch immer deutlich unruhig, aber er endet nicht mehr so dramatisch.
Als Remus erwachte, waren erstaunlicherweise nur ein paar Stunden vergangen und es war früher Nachmittag. Scheinbar hatte Augusta sich mit der Wirkdauer des Trankes vertan, wunderte er sich, denn sie hatte von mindestens zwölf Stunden gesprochen. Vielleicht wirkte der Trank aber auch nicht korrekt und wenn er darüber nachdachte, war es ihm eigentlich auch egal.
Er hörte Augusta leise im Nebenraum werkeln und hoffte im Stillen, sie würde nicht bemerkt haben, dass er wach war. Wieder, wie jede wache Minute, seit er die Kolonie nahe Salem verlassen hatte schweiften seine Gedanken zu Carol.
Wieder sah er sie, wie sie zusammengekauert auf dem Boden der Küche hockte und nicht mehr aufhören konnte um Jasper zu weinen. Wie er sie in die Arme genommen hatte und sie gehalten hatte, bis das Weinen aufhörte.
Er sah ihr Gesicht, in der Sekunde bevor er sich verwandelte im Keller dieses Hauses, den Blick voller Vertrauen und Gelassenheit auf seine Augen gerichtet.
Er sah sie, als sie in seinem Zimmer auf ihn zukam, nachdem er die Wirkung der Trevia-Blüte überstanden hatte.
Er hörte Jasper von ihr reden, als wäre sie das Wertvollste, das er kennen würde.
Jede dieser Erinnerungen löste ein stärkeres Zusammenkrampfen seiner Innereien aus und er hatte das Gefühl es würde ihn zerreißen.
Mehr und mehr Erinnerungen stürmten auf ihn ein und ein gequältes Stöhnen kam über seine Lippen
In seinem Kopf wechselten Bilder in rascher Folge und er presste die Hände an die Schläfen, um sich davon zu befreien. Er musste sich davon befreien, das durfte nicht sein, er hatte es gerade geschafft, sich davon zu lösen. Unter großer Mühe verdrängte er sie aus seinen Gedanken und versuchte, sich auf die Probleme zu konzentrieren, auf das, was mit ihm geschehen war und was es aus ihm gemacht hatte und machen würde..
Nach einiger Zeit holte ihn die Erschöpfung wieder ein und er sank erneut in einen unruhigen Schlaf.
Wind wehte in sein Gesicht, als er auf die grüne Ebene hinab sah. Die Ruine um ihn herum war verlassen und er erkannte, dass er in Irland war, auf der Suche nach Hagrid. Einen Momentlang genoss er das Gefühl, dann fiel ihm ein, dass Carol herkommen wollte und er suchte die Umgebung mit den Augen nach einem Anzeichen von ihr ab.
Wie mit einem Schlag umgab ihn Dunkelheit und er erkannte, dass die Ruine von hohen Bäumen umgeben war, deren Blätterdach so dicht war dass kein Sonnenlicht sie mehr durchdrang.
Ihre Stämme standen so dicht beieinander, dass kein Mensch hätte zu ihm herein kommen können und es war ihm auch unmöglich irgendetwas zu erkennen, was außerhalb dieses Gefängnisses passierte.
Verzweifelt versuchte er, eine Lücke zu finden, um zu entkommen, aber je verzweifelter er suchte, desto dichter waren die Stämme nebeneinander.
Er fühlte, dass ihm das Atmen schwer fiel, als würden die dichten Bäume nicht nur die Sonne, sondern auch die Luft aussperren. Er keuchte und rang nach Luft und gerade, als er dachte, er müsse ersticken, sah er sie neben sich. Er wusste nicht, wie Carol zwischen den Stämmen hindurch zu ihm gekommen war, aber er sah, dass sie ihn liebevoll anlächelte und spürte, dass frische Luft in seine Lungen strömte.
Zögernd streckte er die Hand nach ihr aus, aber gerade, als er sie fast berührte kam leichter Wind auf und ihre Gestalt wurde geisterhaft und verwehte.
Das Gesicht nass von Tränen, die ihm unbemerkt über die Wangen liefen, erwachte Remus.
Er war sicher, diese Träume würden nie aufhören und der letzte machte ihm klar, dass er Carol endgültig von sich gestoßen hatte, dass sie fort war. Er hatte so sehr gehofft, dass alles gut werden könnte, dass er lieben und geliebt werden könnte, aber nun wusste er, alles war verloren. Was er bei Deirdre erlebt hatte, was er gefühlt und gedacht hatte, es hatte alles wieder zurück gebracht, von dem er längst geglaubt hatte, er hätte es verarbeitet.
Er war sich sicher Carol wusste nur nicht, was es bedeutete, dass er ein Werwolf war, wenn sie erlebt hätte, was er erlebt hatte, dann würde sie ihn nicht lieben können. Niemand konnte das.
Und doch wünschte er sie sich mit jeder Faser zurück, wollte sich in ihre tröstende Umarmung fallen lassen, wollte, dass sie sein Gesicht in ihre Hände nahm und ihm den Schrecken der Verwandlung nahm.
Er schalt sich für den Gedanken. Das war es doch, was er gewollt hatte, dass sie nicht mehr mit ihm und seinen Sorgen belastet war, dass er keine Gefahr mehr für sie war und sie in Ruhe ihre Aufgabe erfüllen konnte, ohne sich noch zusätzlich Sorgen um ihn zu machen. Sie brauchte alle ihre Kraft für das, was vor ihnen lag und er wollte keine Last sein.
Er würde weiterhin in ihrer Nähe sein, auf sie aufpassen, wie er es Jasper versprochen hatte und da sein, wenn ihr Gefahr drohte, das nahm er sich fest vor. Aber er würde das als Freund tun, aus der Ferne, ohne dass sie damit belastet wurde.
Zwar wusste er nicht, wie er es aushalten würde, aber er würde es versuchen, er würde sein Bestes geben, das schwor er sich.
Ein leises Rascheln ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Augusta stand vor ihm, zwei kleine Phiolen in der einen Hand und eine Schale mit Verbandmaterial in der anderen.
„Es wird Zeit, ihre Verbände zu wechseln", sie musterte ihn kritisch.
Remus bemühte sich, munter auszusehen, was ihm aber kläglich misslang. Die Heilerin musterte ihn, setzte sich dann an sein Bett und begann seine Hand aus dem Verband zu wickeln. Sie betrachtete die nun nicht mehr rot entzündet aussehenden Kratzer und nickte zufrieden. Vorsichtig träufelte sie ein paar Tropfen einer klaren Flüssigkeit auf den Handrücken und beobachtete, wie sie vollständig in der Haut verschwanden.
Dann musterte sie aufmerksam sein Gesicht, während Remus versuchte, ihrem bohrenden Blick auszuweichen.
Ruhig fragte sie ihn: „Soll ich nach Carol schicken lassen?"
„Nein!" Seine Antwort war viel zu schnell und viel zu laut gekommen, als dass sie seine Emotionen hätte verbergen können.
„Ist ja schon gut. Ich dachte nur, weil Sie im Schlaf mehrmals nach ihr gerufen haben."
Remus errötete leicht, sagte aber nichts mehr.
Augusta sah ihn weiter prüfend an. Dann holte sie tief Luft, als hätte sie einen Entschluss gefasst.
„Sie sind nicht der erste Werwolf, mit dem ich zu tun habe, Remus. Glauben Sie mir, ich erkenne die Zeichen von Verzweiflung, wenn ich sie sehe. Sie müssen endlich zulassen, dass man sie liebt, sonst werden Sie zerbrechen."
Er starrte sie an, dieser Satz war entwaffnend gewesen, hatte ihn völlig verblüfft. Als hätte sie in seine Seele gesehen und die Essenz seines Schmerzes herausgelöst, um sie zu analysieren. Er schluckte, versuchte sich zu fassen, dann, völlig spontan beschloss er, ihr zu vertrauen.
„Sie ist der einzige Mensch, bei dem ich keine Angst haben muss, sie zu verletzen, wenn ich mich verwandele und doch raubt ihr das so viel von ihrer Lebenskraft, dass ich es nicht verantworten kann, dass das passiert."
„Aber Ihre Liebe ist es, die ihr erst diese Kraft gibt, begreifen Sie das denn nicht, Remus?"
Er starrte sie ungläubig an.
„Herrgottnochmal, was ist bloß mit Ihnen los, dass man Ihnen aber auch alles erklären muss", polterte sie los. Ärger war auf ihrem Gesicht zu sehen, aber auch Mitgefühl, denn sie begriff, wie tief seine Unsicherheit sitzen musste.
„Verzeihen Sie", er senkte den Kopf und sah geknickt aus. „Ich bin es einfach nicht gewöhnt, dass etwas Gutes an mir liegen könnte, dass ich die Quelle von etwas so Wunderbarem sein könnte."
Er schwieg, schien nach Innen zu sehen, dann sprach er leise, wie zu einem Zuhörer weit aus der Vergangenheit: „Ich bin so lange nur Quelle für Leid und Kummer gewesen, ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass man mich wirklich lieben kann oder meine Liebe annehmen kann. Ich meine, ich erlebe es, aber tief in mir drinnen warte ich jeden Moment darauf, dass es mir genommen wird, dass es zusammenbricht, wie ein Kartenhaus."
„Lieben Sie sie?"
„Ich bin eine Gefahr, auch wenn man noch soviel Verständnis und Liberalität hat, es bleibt eine Tatsache, dass ich mich einmal im Monat in eine Bestie verwandele. Ich muss die Menschen, die ich… mag vor mir schützen."
„Lieben Sie sie?", Augusta ließ nicht locker, ihr Blick fixierte Remus mit der Unerbittlichkeit, die nur eine Heilerin zuwege bringt und in diesem Moment erkannte Remus, dass er erst aus diesem Gespräch herauskommen würde, wenn sie mit ihm fertig war.
Er schwieg eine Weile.
„Ja", es war kaum zu hören, so leise.
„Oh, wunderbar", Augustas Stimme klang künstlich munter und eine Spur Zynismus war zu hören. Sie klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
„Dann machen Sie weiter so. Brechen Sie ihr das Herz. Das ist es doch, was Liebende miteinander machen, oder schätze ich das falsch ein?"
Er starrte die resolute Heilerin fassungslos an.
„Gehen Sie hin, verletzen sie sie und reden Sie sich dann noch edelmütig ein, das wäre ja alles nur zu ihrem Besten und Sie wüsste ja besser, was für die arme Frau gut ist. Sie sind der tapfere Held, der seine große Liebe für deren Sicherheit opfert. Wunderbar. Aber dass die Frau, die Sie lieben daran zerbrechen könnte, dass das für sie die schlimmeres Alternative sein könnte, als mit einem Werwolf zu leben, daran denken Sie nicht." Sie fuhr unerbittlich fort, obwohl sie sah, dass Remus bei ihren Worten noch blasser geworden war. Irgendwann mussten manche Sachen einfach einmal ganz direkt ausgesprochen werden, davon war sie fest überzeugt.
„Sie verwandeln sich einmal im Monat in einen Werwolf. Na und? Den ganzen restlichen Monat sind Sie ein liebenswerter, freundlicher und mitfühlender Mensch. Ich kenne Leute, die sind nicht einmal einen Tag im Jahr so ein guter Mensch, wie Sie.
Sie fürchten das Risiko, dass jemand von ihnen verletzt werden könnte? Merlin ja, das fürchte ich jedes Mal, wenn ich eine schwierige und komplizierte Behandlung durchführe. Jedes Mal, wenn jemand einen Zauberstab hebt, kann jemand verletzt werden. Jedes Mal, wenn ein Quidditchspieler auf seinen Besen steigt, kann es ein Unglück geben.
Das Leben ist voller Gefahren und Risiken und kaum welche sind so wunderbar kalkulierbar und beherrschbar wie Ihres. Kaum jemand kann sich einfach zur rechten Zeit irgendwo einsperren und warten, dass es vorbei ist. Natürlich ist das Dasein als Werwolf eine Gefahr für die Mitmenschen, aber solange Sie verantwortungsvoll damit umgehen und aufpassen, ist es etwas, womit ein Freund oder ein Sie Liebender sehr gut leben kann.
Also hören Sie verdammt noch mal auf, das Ganze zum wichtigsten Element ihres Lebens aufzubauschen und damit alle zu verletzen, denen Sie wichtig sind."
Sie holte tief Luft, war aber noch nicht fertig mit ihm, sie hatte sich gerade erst in Rage geredet.
„Ich bin mir sicher, die meisten Ihrer Freunde würden Ihnen das gleiche sagen, wenn sie nicht fürchten würden, Sie damit zu verletzen. Aber momentan verletzen Sie sich selber so sehr, dass ich es nicht mit meinem Eid als Heilerin vereinbaren kann, sie damit in Ruhe zu lassen.
Wachen Sie endlich auf und begreifen Sie, dass es niemandem nützt, wenn Sie sich gegen alles Gute im Leben wehren und vergraben."
In ihren Augen blitzte es und er begriff, dass sie Recht hatte.
Er wurde wieder sehr schweigsam und in den nächsten Tagen wirkte er in sich gekehrt. Nach zwei Tagen im Krankenzimmer erlaubte Augusta ihm, sich in seinem Zimmer weiter zu erholen, vorausgesetzt, er kam zweimal am Tag zur Untersuchung zu ihr und nahm drei Mahlzeiten in der Küche ein. Ein einziger Verstoß gegen diese Auflagen würde ihn geradewegs zurück in das Krankenbett befördern, hatte sie ihm ernst angedroht.
Uns so verbrachte er seine Zeit in gewohnter Umgebung und versuchte, sich mit seinen neuen Erkenntnissen auseinander zu setzen.
Nach gründlicher Überlegung war ihm klar geworden, dass Augusta völlig ins Schwarze getroffen hatte. Auch wenn es alles so plausibel klang, was sie gesagt hatte, er konnte es einfach nicht glauben, dass er für Carol so wertvoll sein konnte.
Aber alle seine Überlegungen waren müßig, er war sich sicher, dass er seine Chance sowieso verspielt hatte. So schrecklich, wie er Carol verletzt hatte, würde er es nie mehr wagen können, ihr unter die Augen zu treten. Er war sich ganz sicher, sie würde nie wieder ein Wort mit ihm reden und sie hatte ganz recht damit, er hatte sich schrecklich benommen und könnte es ihr gar nicht verübeln, wenn sie ihm niemals verzeihen würde.
So versank er mehr und mehr in schwermütige Grübeleien und die Tage vergingen. Körperlich gesundete er zu Augustas voller Zufriedenheit und wurde auch wieder kräftiger, dank der Tränke und aufbauenden Mahlzeiten. Nur sein seelischer Zustand machte ihr Sorgen, aber sie drängte ihn nicht, er musste alleine herausfinden, was er wirklich wollte.
