Kapitel 40: Ein erster Schritt
Der Platz nahe den Gewächshäusern, neben den großen Kompostierungskästen war Carols Ziel, sie schaffte es, den kurzen Weg durch die Gänge der Schule und draußen ohne gesehen zu werden hinter sich zu bringen. Seit heute waren hier drei der riesigen Holzkästen zu sehen, in denen die Überreste der Pflanzen aus den Gewächshäusern und den umliegenden Beeten und Grünanlagen vor sich hin moderten. Es roch angenehm und das Gefühl, nahe neu entstehender Erde zu sein, erfüllte Carol mit Frieden und Ruhe.
Beim letzten Mal, als sie hier gewesen war, waren nur zwei Kästen da gewesen und wie es im Brief beschrieben war, trat sie auf den ganz rechts zu, bis sie ihn fast berührte. Sie streckte die Hand aus und plötzlich schien die Luft zu wabern und sie fuhr mit der Hand durch eine Art komprimierten Nebel. Mutig trat sie hindurch und nach einem kurzen Gefühl von klammer Kälte befand sie sich hinter der magischen Abschirmung.
Dort stand eine Holzbank mit freundlich geblümtem Sitzkissen. Sie lächelte und dankte Professor Flitwick im Geiste, bevor sie sich erleichtert auf die Bank setzte. Endlich Ruhe, umgeben von der Natur und unsichtbar für alle neugierigen Augen, so hatte sie es sich gewünscht.
Lange saß sie hier und dachte nach. Versuchte Ordnung in ihre Gedanken und Gefühle zu bekommen und das schreckliche Gefühl von Verlust zu verdrängen, das eine kalte Leere in ihrem Inneren hervorrief.
Sie beschloss, es zu riskieren über das Schlossgelände zu gehen, um noch einmal bei dem Baum Kraft zu schöpfen, denn sie hatte das Gefühl, sie war wie ausgepumpt.
Vorsichtig lief sie auf den Waldrand zu und schaffte es eine Gruppe schwatzende Schüler aus dem Weg zu gehen. Ansonsten sah sie niemanden, wofür sie dankbar war.
Sie passierte gerade Hagrids Hütte, als der sie mit dröhnender Stimme ansprach. Carol seufzte, drehte sich dann aber zu ihm um. Er freute sich offensichtlich sie zu sehen und seine Begeisterung war ansteckend.
„Willst die Einhörner sehn? Hat noch nich geschneit, aber ich hab die Futterstellen schon vorbereitet und wir könn ma sehn, ob se sich da schon rumtreiben."
Das hatte Carol eigentlich nicht vorgehabt, aber es klang sehr verlockend, und so willigte sie ohne zu zögern ein.
Sie marschierten schweigend durch den Wald, Hagrid, der normalerweise von den Tieren und Wesen des Waldes erzählte blieb diesmal erstaunlicherweise stumm und Carol war das nur recht.
Nach einem ziemlichen Fußmarsch über schmale Wege, teilweise nur Trampelpfade erreichten sie eine Lichtung, an deren Rand hölzerne Tröge standen. Sie waren leer, sahen aber ordentlich geputzt aus und Carol vermutete, dass das die vorbereitete Futterstelle war.
Hagrid deutete auf einen umgestürzten Baumstamm und sie folgte ihm dorthin, wo sie sich schweigend setzten. Einige Zeit passierte nichts, dann griff Hagrid plötzlich nach ihrem Arm und deutete auf den gegenüber liegenden Waldrand. Dort standen zwei leuchtend helle Tiere, die man für Pferde hätte halten können, wäre da nicht dieses seltsame Horn auf ihrer Stirn gewesen.
Carol bewegte sich nicht, wagte kaum zu atmen.
Wie aus einer anderen Welt standen die beiden Tiere da und nahmen Witterung auf. Sie schimmerten silbern und eine Aura aus Schönheit und Sanftmut schien sie zu umgeben. Carol hielt unwillkürlich den Atem an, als sie sie betrachtete. Sie konnte das Leben in ihnen spüren, es war so stark, wie kaum in einem Wesen, das sie je zuvor gesehen hatte.
Eines der wunderschönen Tiere hob seinen Kopf und sah Carol direkt in die Augen. Es ging langsam auf sie zu und blieb wenige Schritte vor ihr stehen. Fast unwillkürlich streckte sie die Hand aus und berührte den Kopf des Wesens. Es schnaubte leise, hielt aber still und sah ihr weiter direkt in die Augen. Die Zeit schien still zu stehen, während es scheinbar bis auf den Grund ihrer Seele sah. Kummer und jede Last schien sich von ihrer Seele zu heben und nichts als die pure Freude zu leben blieb in ihr zurück. Dann senkte es den Kopf, löste ich von ihr und ging so ein paar Schritte zurück.
Hagrid hatte die ganze Szene beobachtet, nun wandte er sich an Carol und sagte sanft: „Verstehn was von Kummer, die Einhörner, soviel steht mal fest. Musst nix sagen, wenn Du nich mit mir reden willst, aber ich bin ja auch nich blind, ich seh schon, wenn wem das Herz schwer is."
Carol schluckte. Ihr war nicht klar gewesen, wie offensichtlich es war dass sie litt.
Sie sah Hagrid an und in seinen Augen konnte sie Verständnis und Mitgefühl sehen. Er sorgte sich um sie und sie begriff, dass er vielleicht der Richtige war, um über das zu reden, was sie bewegte. Und so erzählte sie leise und stockend von dem, was Remus gesagt hatte und wie er klammheimlich aus ihrem Leben verschwunden war. Wie sehr sie ihn vermisste und brauchte und wie weh es tat, dass er es ihr nicht einmal persönlich gesagt hatte, sondern einfach fort gegangen war.
„Ich versteh nich viel von solchen Sachen, aber ich kenn Remus. Er is eins von Dumbledores Kindern, so wie ich. Dumbledore hat uns ne Chance gegeben, als das sonst keiner gemacht hätte. Er hat was Gutes in uns gesehen und das is so geblieben. Wir wärn beide nich, was wir heute sind ohne die Chance. Remus is n guter Kerl, auch wenner manchmal etwas verdreht ist."
Carol sah den Wildhüter erstaunt an. „Verdreht" war nicht wirklich ein Wort, mit dem sie Remus charakterisiert hätte, aber eigentlich traf es ziemlich genau zu. Unwillkürlich musste sie lächeln.
„Musst nich auf ihn hörn, wenner wieder mal seine „Ich bin ein Monster und muss für alle Ewigkeit alleine bleiben"-Anwandlungen hat. Dann stößt er alle wech, die ihm mögen und nur wenige kommen wieder. Früher warns seine Freunde und nun bist Du's. Du darfst nich auf ihn hörn, versprich mir das. Lass Dich bloß nich von ihm ins Boxhorn jagen, er kann ganz fiese sein, wenner meint, dasser jemanden beschützen muss."
Hagrid schnaubte, was die friedlich grasenden Einhörner aufschrecken ließ.
Während der nächsten Tage versuchte Carol über die Worte von Hagrid nachzudenken und gleichzeitig niemandem über den Weg zu laufen. Ganz ließ sich das natürlich nicht verhindern, denn manche Leute suchten nach ihr. Auch Remus, sein Verhalten und seine Motivationen ließen sich nicht aus ihrem Kopf verdrängen und es war offensichtlich, dass sie schwer zu kämpfen hatte.
Sie verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer, in ihrer geheimen Ecke, wie sie die Bank bei den Gewächshäusern für sich nannte und auf langen Spaziergängen während der Zeit der Unterrichtsstunden, wenn das Gelände praktisch ausgestorben war.
Trotzdem begegneten ihr ab und zu Schüler und Lehrer, aber die meisten ließen sie in Ruhe. Sie beobachtete das Treiben aus der Ferne und war froh, dass sie hier sein konnte, wo der Wald und die Natur ihr so nahe waren.
Ihre Forschungen in der Bibliothek hatte sie erst einmal zurück gestellt, ihr fehlte die Konzentration und Ruhe, die sie brauchte, denn zu viel schwirrte ihr im Kopf herum. Sie hatte oft genug erlebt, dass es keinen Nutzen hatte, zu viele Dinge auf einmal bewältigen zu wollen und so wollte sie erst einmal Klarheit über sich und Remus gewinnen, bevor sie sich wieder den schwierigen Studien der Magie und Geschichte widmen konnte.
Eines Nachmittags, als sie in ihrem Zimmer saß und aus dem Fenster sah, klopfte es leise und eine kleine, ihr unbekannte Hauselfe betrat den Raum. Sie verneigte sich, und überreichte Carol ein versiegeltes Pergament.
Carol nahm es entgegen und sah ihren Namen in feiner, gestochen scharfer Schrift auf dem gefalteten Pergament. Langsam entfaltete sie das Papier und las:
Werte Miss Featherton,
Mir ist aufgefallen, dass Sie sich in den letzten Tagen sehr von jeder Gesellschaft zurückgezogen haben. Natürlich ist mir klar, dass Sie Ihre Gründe dafür haben werden, aber ich möchte Ihnen trotzdem Trost und Rat anbieten, falls sie es wünschen.
Bitte vergessen Sie nicht, dass ich mich meinen Familientraditionen verpflichtet fühle, wenn es darum geht, für eine charmante Dame da zu sein. Ihr Wohlergehen liegt mir sehr am Herzen, das müssen Sie mir glauben und es bekümmert mich zutiefst, zu bemerken, dass offenbar der Kummer, der Sie schon bei unserem letzten Treffen belastet hat, nicht weniger geworden ist.
Vielleicht erlauben Sie mir ja doch, Sie ein wenig aufzumuntern?
Selbstverständlich respektiere ich es, wenn Sie lieber auf Gesellschaft verzichten, aber sollten Sie ihre Meinung ändern, so zögern Sie bitte nicht, sich an mich zu wenden.
Mit den allerbesten Wünschen verbleibe ich respektvoll Ihr
Nicholas Kasparian
Carol sah mit einem Lächeln von dem Brief auf und bemerkte, dass die kleine Elfe noch immer nahe der Tür stand und nervös ihre Hände knetete.
Freundlich sprach sie das kleine Wesen an: „Wie heißt Du?"
„Rispy, Miss. Rispy wartet nur, falls Miss eine Antwort schreiben möchte und es eilig hat, sie zuzustellen. Professor Kasparian hat Rispy angewiesen, zu warten."
„Danke, Rispy, aber ich möchte im Moment nicht antworten."
Die Hauselfe nickte und wandte sich zur Tür, dort zögerte sie und blieb herumdrucksend stehen.
Carol sah sie an, lächelte freundlich und fragte dann sanft: „Kann ich noch etwas für Dich tun?"
Rispy begann wieder ihre Hände zu kneten, dann sagte sie so leise, dass es kaum hörbar war: „Wird Miss für immer im Schloss bleiben?"
„Nein, ich bin nur zu Gast hier, warum fragst Du?"
„Wenn Miss wieder abreist, wird sie Winky mitnehmen?"
Carol hob fragend eine Augenbraue. „Sicher, Winky wird mit mir kommen, ist das von Bedeutung?"
Da sprudelte es aus der Hauselfe hervor: „Oh gut. Seit Winky hier ist, sieht Dobby nur noch nach Winky und hat kein Auge mehr für Rispy, Miss. Aber wenn Winky wieder abreist, dann kann Rispy wieder hoffen." Sie lief in einem merkwürdigen Orangeton an und verstummte. Carol schmunzelte und erklärte ihr, dass Winky sicherlich bei ihr bleiben würde und sie sich keine Sorgen machen solle, was Dobby betraf. Offensichtlich erleichtert huschte die Elfe davon ließ eine nachdenkliche Carol zurück.
Nach einer Woche hielt sie es nicht mehr in Hogwarts aus. Sie war bereit, Remus' Zurückweisung zu akzeptieren, sie würde sogar respektieren, wenn er für immer aus ihrem Leben verschwinden wollte, aber nicht so. Es war sein gutes Recht, sie aus seinem Leben zu verscheuchen, aber sie hatte zumindest das Recht darauf, das von ihm persönlich zu erfahren. Und so reiste sie noch am selben Abend mit Hilfe von Professor Flitwick durch den Kamin seines Büros zum Grimmauldplatz.
Dort erfuhr sie von Augusta, dass sein Zustand sich inzwischen so weit stabilisiert hatte, dass er wieder in seinen Räumen im ersten Stock wohnen durfte.
Sie ging in die Küche und setzte sich einen Moment an den Tisch, um sich zu sammeln. Fast verließ sie der Mut, doch dann riss sie sich zusammen und raffte alle verbliebene Entschlossenheit zusammen, um sich dem Gespräch zu stellen. Schließlich ging sie noch kurz an den Herd, bereitete etwas vor und trug dann ein Tablett mir zwei dampfenden Bechern nach oben.
Sie klopfte an seine Tür, so, wie sie es vor einer Ewigkeit schon einmal getan hatte, aber diesmal wartete sie keine Einladung ab, sondern öffnete die Tür sofort.
Mit einem Blick erfasste sie den ganzen Raum und sah Remus, der müde und krank wirkend auf dem Sofa saß. Leise schloss sie die Tür hinter sich und trat ein paar Schritte auf ihn zu.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie ihn ansah und schon sein Anblick ließ ihr Herz schneller schlagen. Betont ruhig begann sie zu sprechen, als sie merkte, dass er kein Wort würde sagen können.
„Guten Abend, Remus."
Sie machte eine Pause, dann fuhr sie fort: „Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir reden, findest Du nicht? Wir sind erwachsene Menschen, wir können nicht einfach so tun, als hätte es nie etwas zwischen uns gegeben. Zumindest sollten wir versuchen ehrlich miteinander umzugehen."
Er starrte sie an, als wäre sie eine Erscheinung.
„Vergiss bitte nicht, dass ich – auf Deine eigene Einladung übrigens – auch in diesen Räumen wohne. Und wenn Du mich loswerden willst, wirst Du mich mit Deinen eigenen Händen hinauswerfen müssen." Sie klang entschlossen, aber er brachte es nicht fertig, irgendetwas zu sagen, er starrte sie nur weiter an.
Sie hob das Tablett, auf dem die dampfenden Becher standen.
„Heiße Schokolade, ich dachte, das wäre jetzt genau das Richtige. Und nach einer alten Muggeltradition ist ein guter Schuss Whisky drin." Sie grinste, stellte das Tablett auf den Tisch und als er ihren Gesichtsausdruck sah schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: „Du hättest einen guten Rumtreiber abgegeben." Er grinste auch, dann wurde er plötzlich wieder ernst.
„Ich habe Dich verletzt mit meinem Verhalten, es tut mir so furchtbar leid, Carol."
Er schwieg einen Moment und sie konnte seinen inneren Kampf in seinem Gesicht ablesen. Schweigend setzte sie sich zu ihm.
„Ich habe nie wirklich gelernt, zu glauben, dass jemand mich lieben könnte, dass ein Leben voller Liebe und Vertrauen für mich möglich wäre. Auch bei Dir habe ich tief in meinem Innersten immer gedacht, es ist nur ein Traum. Ein Traum von einem Leben, dass mir nicht bestimmt ist und das deshalb irgendwann abrupt und schmerzvoll enden muss."
Er schwieg wieder.
„Ich habe das nicht einmal selber begriffen, Augusta hat mich recht drastisch darauf gestoßen, was für ein Idiot ich war. Aber selbst, als ich es verstanden hatte, wusste ich nicht, wie ich einen Weg zu Dir finden sollte, ich hatte Dir so wehgetan und konnte es nicht wagen, Dir wieder unter die Augen zu treten."
Er sah zu Boden.
Carol streckte vorsichtig die Hand nach ihm aus, berührte sanft seine Schulter. Als er die Berührung spürte, sah er sie an und was er in ihren Augen sah, ließ ihn zum ersten Mal seit seiner Abreise nach Amerika wieder Hoffnung schöpfen.
„Versteh doch, Carol, ich habe solche Angst um Dich. Es ist so schon schwer genug, für Leute wie mich, aber es kann jederzeit schlimmer werden. Es könnte erlaubt werden, Jagd auf uns zu machen, man könnte uns verbieten zu zaubern. Es kann niemals sicher für Dich sein mit mir. Die Zeiten werden immer schlimmer und ich könnte nicht ertragen, wenn Du darunter leidest, was ich bin."
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich leide unter dem, was man Dir antut, Remus. Das tue ich, ob Du bei mir bist, oder nicht, alleine wenn ich an Dich denke. Du bist es, der das lindern kann. Deine Güte und Freundlichkeit erinnern mich an das, was gut ist und wertvoll im Leben. Jeder Blick von Dir erfüllt mich mit Wärme, wie ein Sonnenstrahl. Du bestrafst mich, wenn Du fort gehst von mir."
Er sah wieder zu Boden, schien einen Punkt vor seinen Fußspitzen zu fixieren, als gäbe es dort etwas unglaublich Wichtiges zu sehen. Seine Stimme klang belegt, als er leise weiter sprach.
„Ich will Dich nicht bestrafen, nichts will ich weniger, als Dir weh zu tun, aber versteh doch, es ist möglich, dass ich eines Tages tatsächlich einen Menschen verletze oder gar töte. Dann wird man mich bestrafen und das mit Recht. Aber auch Du wirst im Kreuzfeuer stehen, weil Du Dich auf meine Seite gestellt hast und weil Du Dich für mich entschieden hast, musst Du dann leiden. Das kann und werde ich nicht zulassen."
Er verstummte, hob jedoch verwundert den Kopf, als er ein leises Lachen von ihr hörte.
„Das ist wohl immer der Fall, wenn man sich für eine Seite entscheidet, auf die man sich stellen will, nicht wahr? Hast Du darüber schon einmal nachgedacht, Remus? Egal, auf welche Seite man sich stellt, es wird immer Menschen geben, die einem dafür ans Leder wollen.
Wie wäre es, wenn Du es einfach mir überlässt, zu entscheiden, auf an wessen Seite ich stehen möchte?"
Remus legte die Stirn in Falten, erwiderte jedoch nichts. Auf eine Weise hatte sie Recht, aber andererseits wusste sie nicht, was es wirklich bedeutete, was er war. Ihm war das ein weiteres Mal im Leben in aller Härte bewusst gemacht worden.
Nach einer Pause fuhr er mit leiser Stimme fort und Carol konnte hören, wie schwer es ihm fiel, über das, was er sagen wollte zu reden.
„Gut, ich schätze, Du hast das Recht, Dir die Seite auszusuchen, auf die Du Dich schlagen willst, aber Du solltest auch wissen, was Dich dort erwartet.
Ich habe schon einmal beinahe jemanden getötet, Du kannst Dir nicht vorstellen, was das bedeutet, was es aus Dir macht, wenn Du so etwas erlebst."
Zuerst langsam, stockend und häufig nach Worten suchend erzählte er ihr von dem entsetzlichen Erlebnis seiner Schulzeit, als Sirius es für eine lustige Idee gehalten hatte, Severus bei Vollmond hinter ihm her in die heulende Hütte zu schicken. Es dauerte lange, bis er diese Geschichte erzählt hatte, zu quälend war die Erinnerung daran noch heute und sie konnte fühlen, wie unendlich schwer dieses Erlebnis auf seiner Seele lastete.
Als er endete, breitete sich einige Zeit Stille aus. Schließlich durchbrach sie die Stille.
„Du hättest Severus beinahe getötet?"
„Ich weiß, dass ihr Freunde seid, gerade deshalb muss das für Dich doch umso schrecklicher sein. Gerade deshalb kannst Du Dich nicht dafür entscheiden, an meiner Seite zu bleiben."
Er schüttelte mutlos den Kopf."
„Ach Remus, wenn ich für jedes „beinahe wäre etwas Schreckliches passiert" einen Penny bekommen würde, dann wäre ich reich." Sie lächelte, aber er sah tiefe Traurigkeit in ihren Augen.
„Glaube mir, auch ich weiß, was es heißt, Schuld mit sich herum zu tragen, aber man muss das irgendwann als einen Teil von sich selber akzeptieren und weitergehen. Du darfst es nicht ewig als einen Klotz an Deinem Bein hinter Dir herziehen, sonst bist Du irgendwann unfähig, Deinen Weg weiter zu gehen. Es war ja nicht einmal Dein Fehler und doch trägst Du die ganze Schuld mit Dir herum.
Wie Du es auch drehst und wendest, Du wirst nie mehr eine Chance erhalten das, was geschehen ist ungeschehen zu machen. Du kannst nur das beeinflussen, was vor Dir liegt und dort Dein Wissen und Können einzusetzen, um die Dinge besser zu machen, als sie sind. Aber das kannst Du nicht, wenn Dein Blick verschleiert ist durch die Vergangenheit. Deine Verantwortung gilt der Zukunft, die Vergangenheit darf Dir dabei nur als Lehrbuch dienen."
Er sah sie an, als sie schwieg, dann griff er nach ihrer Hand und hielt sie zwischen seinen beiden Händen. In seinen Augen war neuer Mut zu sehen, als er ihr in die dunklen Augen sah und mit viel kräftigerer Stimme sagte: „Gut, dann sollst Du alles erfahren, auch, was ich zuletzt erlebt habe und was mich bewogen hat, Dich fort zu schicken."
Er erzählte ihr in groben Zügen von der Mission, dann erzählte er von Deirdre und der Höhle. Er ließ nichts aus, ließ sie mitfühlen, was er gefühlt hatte, seine Verzweiflung und Angst und das grauenhafte Gefühl nur noch sterben zu wollen. Sie konnte spüren, dass es ihn auslaugte, darüber zu reden, aber sie unterbrach ihn nicht, bis er zu Ende erzählt hatte.
„Du musst erleichtert gewesen sein, als Du erfahren hast, dass es kein Menschenblut war, dass Du niemanden verletzt hattest", sagte sie, als er von Nathaniel und seiner Rettung berichtete.
„Nein. Als ich das erfuhr, war es eigentlich schon vorbei. Natürlich war ich erleichtert, dass niemand zu Schaden gekommen war, aber für mich und mein Empfinden war das ohne Belang.
Es war geschehen. In meinem Geist und in meinem Herzen war es real gewesen und ich habe es so durchlebt, als wäre es wirklich passiert.
Ich war alleine damit, unfähig, mich der Konfrontation zu entziehen, ich musste mich jede Minute damit beschäftigen. Es war real, die Verzweiflung, der Schmerz, die Erkenntnis ein Monster zu sein. Ich wollte sterben, Sühne tun, für meine Tat bezahlen. Aber ich konnte nicht, ich konnte nur lernen, damit zu leben. Und langsam, in winzigen Schritten habe ich gefühlt, dass ich es kann. Dass ich leben kann, trotz meiner Tat. Dass das Leben stärker ist.
Ich habe erlebt, dass man es überleben kann.
So schmerzvoll es war, es hat dadurch ein wenig seines Schreckens verloren, denn es ist am Schlimmsten, etwas nicht zu kennen und es zu fürchten. Wenn man es kennen gelernt hat, dann ist es immer noch schlimm, aber wenigstens nicht mehr unbekannt.
Und wen ich ehrlich bin, ich hätte es nicht geglaubt.
Es macht keinen Unterschied, dass ich nicht wirklich jemanden getötet habe. Natürlich hilft es mir jetzt, im Nachhinein noch besser damit umgehen zu können, aber letztendlich hat es den Prozess des Verarbeitens nicht beeinflusst.
Als ich erfahren habe, dass es eine Täuschung war, dass ich niemanden verletzt oder getötet hatte, war es schon geschehen, ich hatte den ganzen Schmerz durchlebt. Das Wissen um meine Unschuld konnte die Zeit nicht mehr zurückdrehen, konnte das Gefühlte nicht auslöschen. Ich werde niemals vergessen können, was ich gefühlt habe, als ich glaubte, ich wäre ein Mörder. Diese Erinnerung wird für immer auf meiner Seele haften bleiben.
Es ist ein Teil von mir geworden, etwas, von dem ich geglaubt hatte, er könne niemals ein Teil von mir werden.
Vor diesem Teil wollte ich Dich schützen. Ich dachte, solange ich die vergangene Erfahrung verdrängte und so tat, als wäre das kein Teil von mir, sondern etwas Fremdes, wie ein Geschwür, könne ich versuchen normal zu leben. Wie ein Kranker, der seine Krankheit ablehnt und soweit er kann ignoriert. Niemals mit jemandem darüber reden, niemals zugeben, dass da etwas ist, das mich zerfrisst.
Dann, als das Erlebte bei Deirdre mich zwang, es als einen Teil von mir anzunehmen, da wurde mir klar, dass mich das für alle Zeiten von anderen Menschen trennen müsse. Dass ich für alle Zeiten alleine bleiben musste, weil der Mörder, das Monster endgültig ein Teil von mir geworden war. Ich habe nicht begriffen, dass ein Teil von mir nicht bedeuten musste Alles von mir. Es war wie ein Wahn, in dem ich mehr und mehr glaubte, dieser Teil von mir würde den Rest meiner Person auch vereinnahmen, als würde er mich verschmutzen und für alle Zeiten zeichnen. Wie ein Farbtropfen, den man in ein Glas Wasser tropfen lässt.
Und wie in einem Strudel hat mich dieser Gedanke mehr und mehr beherrscht. Bis Augusta mich mit einer ziemlichen Predigt da herausgeholt hat."
Er lächelte ein wenig gequält und Carol, die Augusta gut einschätzen konnte, zog die Augenbrauen hoch bei der Vorstellung.
Nun wieder mit leiser Stimme fuhr Remus fort: „Doch die Erkenntnis nutze mir wenig, ich dachte doch, ich hätte Dich verloren. Du könntest mir mein scheußliches Verhalten niemals verzeihen, deshalb hatte ich Angst, Dir unter die Augen zu treten.
Es war ein grausames Gefühl, ich hatte endlich etwas gelernt, aber es würde mir nichts mehr nützen, weil ich Dich verloren hatte."
Er sah sie an und sie sah Tränen in seinen Augen schimmern. Sanft nahm sie ihn in die Arme und hielt ihn fest. Sie spürte, dass er leicht zitterte und strich zärtlich über sein Haar und seinen Rücken. Er schlang seine Arme um sie und zog sie fest an sich. So schwiegen sie eine lange Zeit und Carol ließ das Gehörte auf sich wirten. Wärme und Dankbarkeit durchströmten sie, als sie ihn so nahe bei sich spürte und begriff, dass er wieder zu ihrem Leben gehören würde.
Nach einer ganzen Weile löste er sich vorsichtig aus ihren Armen. Er sah ihr fest in die Augen und sagte: „Carol ich verspreche Dir, ich werde das nie wieder tun."
Sie lächelte ihn liebevoll an und nickte.
„Aber ich muss Dich bitten, mir noch etwas Zeit alleine zugeben. Es gibt ein paar Dinge, die muss ich verstehen und ich muss das alleine tun. Erst dann kann ich es Dir erklären und mit Dir darüber sprechen, aber aus irgendeinem Grund weiß ich, dass es wichtig ist, diese Dinge für mich alleine herauszufinden. Ich möchte nicht, dass Du Dir Sorgen machst, aber würdest Du mich noch einige Zeit hier lassen und wieder nach Hogwarts gehen?" Er sah sie fragend und bittend an.
Wieder nickte Carol und lächelte.
„Sicher. Ich weiß selber, dass man manche Dinge nur in sich selber finden kann und dass man sie alleine finden muss. Und ich habe in Hogwarts noch einiges zu erledigen."
Dann plötzlich wuchs ihr Lächeln in die Breite und sie strahlte ihn an.
„Aber nicht heute Nacht. Diese Nacht gehört uns beiden und keine Sorgen oder Probleme sollen sie uns vermiesen. Um all das kümmern wir uns morgen."
Sie kuschelte sich zärtlich an ihn und begann sanft sein Gesicht zu streicheln. Er beugte sich über sie, seine Lippen fuhren langsam und genüsslich über ihren Hals zu ihrem Ohr. Sie gab ein leises Knurren von sich, bei dessen Klang Remus zurück zuckte.
Er sah in ihr Gesicht, doch anstellte von Hohn oder Abscheu, was er unerklärlicherweise erwartet hatte, sah er nur ein liebevolles Schmunzeln, das aus der Tiefe ihrer Seele zu kommen schien. Ihre Augen funkelten und bei aller Leidenschaft schien sie nicht fähig, diesen Teil von Ihr, der immer irgendeinen Unfug dachte, zu kontrollieren.
Wieder überwältigte ihn die Erkenntnis, wie unglaublich glücklich er war und mit einem genauso unbremsbaren Grinsen sagte er leise: „Und was für einen fabelhaften Rumtreiber Du abgegeben hättest."
Dann zog er sie wieder an sich und küsste jeden Gedanken, jeden Schalk und jedes Wort weg, bis sie sich in einem Strom aus Leidenschaft und Zärtlichkeit treiben ließen.
