Kapitel 43: Ein Damm bricht

Snape kehrte nach Hogwarts zurück und seine Gedanken überschlugen sich. Er war fast völlig sicher, dass Bellatrix keinen Verdacht geschöpft hatte, dass seine Erklärungen sie zufrieden gestellt hatten. Zunächst. Er war sich absolut sicher, dass sie trotz Allem die Sache nicht auf sich beruhen lassen und weiter nachforschen würde, aber für den Moment schien es kein Problem zu geben. Wenn sie irgendwann mehr Erklärungen wollte oder Zweifel äußerte, dann konnte er sich immer noch damit auseinander setzen.

Als er den Weg vom Tor zum Schloss hinaufging, überwältigte ihn die Erkenntnis, was Bella da von ihm gefordert hatte, die er bis hierher erfolgreich verdrängt hatte.

Er schauderte und merkte, dass er sich wie betäubt fühlte. Er konnte es kaum fassen, obwohl ein Teil seines Verstandes ihn schon seit einiger Zeit vor so einer Entwicklung gewarnt hatte. Zu viele Dinge waren geschehen, die unmöglich der Aufmerksamkeit des dunklen Lords und seiner vielen Augen und Ohren entgangen sein konnten.

Als er sich klar machte, in welcher Gefahr Carol nun schwebte, wurde ihn fast übel. Erst jetzt begriff er, wie viel ihm diese Freundschaft bedeutete und nach diesem Moment der Schwäche riss er sich zusammen und schwor sich selber, nicht zuzulassen, dass ihr irgendetwas geschah, wenn er auch nur den Hauch einer Chance hatte, das zu verhindern.

Er überlegte, bei wem er dezente Erkundigungen einziehen konnte, was genau der dunkle Lord über Carol wusste und was er vorhatte, wenn er ihrer habhaft geworden war.

Lucius und Narcissa fielen wohl weg, ihre Verbindung zu Bella war zu eng, so dass eine Nachfrage seinerseits sofort Verdacht erregen würde.

Er beschloss, sich bei nächster Gelegenheit mit einigen Todessern des inneren Kreises unauffällig zu unterhalten.

Eine Unterhaltung nach seinen Wünschen zu manipulieren und sein Gegenüber im Gefühl zu lassen, die Unterhaltung eigentlich selber zu kontrollieren, war eine seiner Spezialitäten, die ihm schon eine Menge Informationen eingebracht hatte.

Zorn kochte in ihm hoch, als er daran dachte, wie sehr sich sein Leben in den letzten Wochen verändert hatte und dass nun alles drohte wieder zerstört zu werden, was sich gerade erst zaghaft in eine positivere Richtung entwickelt hatte. Sicher, seine Tätigkeit als Spion für den Orden war immer schwieriger und gefährlicher geworden und das, was ihm durch Delports Falle widerfahren war, war fast unerträglich gewesen. Aber dennoch hatten die Dinge sich verändert und etwas wie Wärme und ein wenig Zuversicht waren in sein Leben getreten. Eine wage Hoffnung auf Frieden irgendwann.

Doch nun war all das gefährdeter denn je und er spürte, wie eine eisige Härte sein Herz erfasste. Wie hatte er nur glauben können, es bestünde die Möglichkeit für Frieden oder gar Freundschaft für ihn, ohne dass es ein schreckliches Ende nehmen musste?

Er lachte trocken und tonlos auf, dann biss er die Zähne zusammen und widmete sich wieder den Überlegungen, wie er die Situation lösen und Carol schützen könnte. Er versuchte, den immer noch in ihm brodelnden Zorn zu bändigen, um klarer denken zu können. Tief in Gedanken versunken ging er weiter über das Schulgelände, ohne zu merken, wohin er ging.

Ron und Hermine sahen Harry seufzend an.

„Ich weiß nicht, ob wir es jemals so gut hinbekommen können, dass wir die anderen anleiten können", sagte Hermine ungewohnt zaghaft.

Harry grinste sie aufmunternd an und wandte sich dann an seinen Freund, der noch mutloser als Hermine wirkte.

„Komm schon, Ron. Deiner war doch schon ganz ordentlich. Ok, er war noch gestaltlos, aber immerhin."

Ron schüttelte den Kopf. „Sowas kann man den anderen nicht beibringen, wenn mans selber nicht beherrscht. Du solltest das wirklich lieber alleine machen, Harry."

Hermine sagte leise: „Der Patronuszauber ist so schrecklich kompliziert, ich weiß wirklich nicht, ob das etwas für die DA ist."

Harry verzog das Gesicht.

„Ich glaube, wir können uns den Luxus, nur passende Zauber zu lernen, nicht mehr leisten. Die Dementoren sind nun mal auf Voldemorts Seite und wir sollten gewappnet sein. Zumindest, so gut es uns möglich ist. Ich kann das nicht alleine schaffen, nicht jeden einzelnen der DA anleiten, das ist einfach zu viel." Er wirkte erschöpft.

„Ja, deshalb trainieren wir ja hier auch zusammen, damit wir Dich dabei unterstützen können", versuchte Hermine nun wieder munterer zu klingen, während Ron betreten zu Boden sah.

Harry lächelte sie zaghaft an und nickte.

„Ok, auch, wenn es schwierig ist, wir üben einfach solange weiter, bis ihr es gut genug könnt, um es den anderen beizubringen", sagte er mit neuer Kraft in der Stimme und knuffte Ron aufmunternd. Dieser hob den Kopf und erwiderte die Blicke seiner Freunde mit einem schiefen Grinsen.

Sie trainierten heimlich für nicht erlaubte Übungen mit der DA. Viele Zauber und Gegenflüche brauchten genaue Anleitungen und aufmerksame Überwachung durch den Lehrer und so hatten die drei Freunde beschlossen, dass Harry zuerst Ron und Hermine das Wichtigste beibrachte und sie dann zu dritt die DA unterrichten wollten.

So konnten sie viel mehr Stoff an die Gruppe weitergeben, auch wenn es sie noch mehr ihrer sowieso schon raren Freizeit kostete. Aber Harry war überzeugt, sie würden all diese Dinge dringend brauchen. Viel mehr, als sie ruhige Stunden im Gemeinschaftsraum brauchen würden. Er begann sogar sein Quidditch-Training ein wenig zu vernachlässigen, so sehr hatte er sich auf die Übungen für die DA-Treffen gestürzt. Heute übten sie nun den Patronus. Eine Aufgabe, die Harry ganz besonders am Herzen lag und er wollte nicht eher ruhen, bis alle seine Freunde sich gegen Dementoren schützen konnten. Sein immer wieder kehrender Alptraum war es, dass sie von Dementoren niedergestreckt und geküsst wurden. Nichts erschien ihm entsetzlicher, als seine Freunde durch diese grausigen Geschöpfe zu verlieren.

Und so trainierte er mit Feuereifer und tatsächlich schien sein fast fanatischer Eifer bei Ron und Hermine Früchte zu tragen. Zwar war Rons Patronus noch immer eine sehr schemenhafte Gestalt, die sich da aus dem silbrigen Nebel aus seinem Zauberstab formte, aber es war doch ein erkennbares Lebewesen.

Und Hermine wurde von Mal zu Mal besser, so dass auch ihre Selbstzweifel mit jedem Versuch mehr schwanden.

Mit einem triumphierenden Lächeln rief sie ein weiteres Mal „EXPECTO PATRONUM!" und ein silbernes, kleines Tier löste sich von der Spitze ihres Zauberstabs und rannte über das Kürbisbeet hinter Hagrids Hütte in den Wald hinein und verschwand.

Strahlend sah Hermine ihre beiden Freunde an. Eine so klare Gestalt war ihr noch nie vorher gelungen.

Ron starrte dem kleinen Wesen staunend nach und Harry wollte gerade zu einem Lob ansetzen, da erklang hinter ihnen eine laute, kalte Stimme.

„POTTER!"

Sie zuckten wie vom Blitz getroffen zusammen. Dann drehten alle drei sich wie synchronisiert herum, um ihren Zaubertranklehrer vor sich stehen zu sehen.

„Hausaufgaben, Potter? Oder habe ich Sie und das Fräulein Neunmalklug etwa bei verbotenen Übungen erwischt?"

Er kräuselte die Lippen und Hermine zog hörbar scharf die Luft ein.

„Nun, Miss Granger, haben Sie etwas zu sagen?"

„Ich… Wir haben… Wir wollten…"

Unter seinem unerbittlichen Blick brach Harry ab.

„Sie habe ich nicht gefragt, Potter, aber anscheinend hat es ihrer kleinen Mitverschwörerin hier die Sprache verschlagen. Ein ebenso seltener, wie erfreulicher Zustand."

„Sir, wir haben nur einige Übungen für den Duellierclub vorbereitet, den Harry leitet. Mit Erlaubnis der Schulleitung." Hermine hatte sich wieder gefasst.

„Und bedauerlicherweise ein ausgesprochen kurzer Zustand, wie ich bemerken muss", fügte Snape mit einem freudlosen Lächeln hinzu. „Nun, wie dem auch sei, Miss Granger, ich bin durchaus über diese Aktivität unterrichtet und glauben Sie nicht, ich hätte das nicht genauestens im Auge behalten. Wie Sie sicherlich wissen, sind ihnen nur im Unterricht bereits behandelte Zauber erlaubt und die letzten drei Versuche eines Patronus waren nicht nur jämmerlich, sondern auch verboten."

Hermine lief rot an und jappste nach Luft, Ron ballte die Fäuste und starrte Snape hasserfüllt an, doch der ignorierte die beiden völlig, während er Harry mit einem eisigen Blick ansah.

„Ich wusste gleich, dass es keine gute Idee war, Sie einen solchen Verteidigungs-Club leiten zu lassen, Potter", sagte er mit kalter Verachtung in der Stimme.

„Ihnen fehlt das Verantwortungsgefühl und der Sinn für die Befolgung von Regeln. Das muss Ihnen wohl im Blut liegen." Sein Gesicht verzog sich angewidert.

„Aber wenigstens von Miss Granger hätte ich erwartet, dass sie Ihnen Einhalt gebieten würde. Nun ja, ich schätze, es gelingt niemandem, einem Potter Einhalt zu gebieten, wenn dieser sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Sie können ja Mr. Lupin zu diesem Thema befragen, Miss Granger, er wird Ihnen sicher gerne aus seinem reichen Erfahrungsschatz berichten."

Wieder holte Hermine zischend Luft, als wolle sie etwas erwidern und wieder wandte sich Snape an Harry, ohne Hermine noch eines Blickes zu würdigen.

„Dieser Vorfall wird ein Nachspiel haben, Potter. Ich werde mit Professor McGonagall darüber reden müssen, ob es angemessen ist, Ihnen weiterhin die Leitung einer Schülerorganisation zu überlassen, wenn sie nicht einmal im Ansatz den Willen zeigen, sich den Schulregeln zu beugen. Ich denke, sie wird mit mir übereinstimmen, dass das Experiment als gescheitert anzusehen ist, dass es unverantwortlich war, Ihnen zu erlauben, Ihre Mitschüler zu unterrichten. Sicherlich wird sie mir auch zustimmen, dass es eine gute Lektion für Sie ist, die ihnen vor Augen führt, dass Ihre Handlungen Konsequenzen haben, denen Sie sich stellen müssen.

Das dürfte das Ende ihres kleinen Clubs sein und sein Scheitern dürfen Sie ganz alleine sich selber zuschreiben. Ein weiterer Punkt auf der langen Liste ihres Versagens, Potter."

Sein Tonfall war bösartig sanft, ein Ausdruck von Häme trat in seine Augen und seine Worte trafen Harry wie ein Peitschenhieb. Die DA war ihm so wichtig geworden, er hatte das Gefühl gehabt, endlich etwas Aktives tun zu können und nicht nur passiv darauf warten zu müssen, dass eine wage Prophezeiung sich erfüllte und ihn vor die schlimmste Wahl seines Lebens stellte.

Er sah Snape fassungslos an, Wut kochte in ihm hoch und während Ron und Hermine entsetzt zwischen ihm und Snape hin und hersahen spannten sich seine Finger um den Zauberstab, den er die ganze Zeit noch in seiner Hand gehalten hatte.

Gerade, als er ihn heben wollte, um Snape mit all seiner aufgestauten Wut und Frustration einen schrecklichen Fluch aufzuhalsen, gerade, als Hermine die Hand ausstrecken wollte, um Harry aufzuhalten, erklang eine leise, sanfte Stimme vom Weg herüber: „Ich scheine in letzter Zeit ein Talent zu entwickeln, in Streitereien zu platzen. Ich hoffe, ich stören nicht allzu sehr?" Carols Stimme klang milde ironisch, bis sie den Ausdruck in Harrys Gesicht sah. Erschrocken schaute sie genauer hin und nun spürte sie auch die unausgesprochene Aggression, die sich zwischen den Anwesenden befand.

Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich an Snape: „Verzeih, wenn ich unterbreche, aber ich habe Dich gesucht, ich brauche dringend Deine Hilfe."

Das stimmte nicht ganz, sie hatte sich zwar vorgenommen, Snape noch genauer zu den Vorkommnissen seiner Schulzeit zu befragen, weil sie mehr über Kasparian und seine Motivation herausfinden wollte, aber dringend war das keineswegs und wirklich Hilfe brauchte sie auch nicht. Trotzdem erschien es ihr plötzlich sehr wichtig, Snape und Harry möglichst weit voneinander entfernt zu bekommen, denn langsam bekamen deren Blicke die Qualität von vergifteten Dolchen.

Snape zögerte kurz, wandte dann Harry wortlos den Rücken zu und sah Carol mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Nicht hier vor den Kindern, bitte", sagte sie leise mit einem sanft drängenden Tonfall.

Er nickte knapp, drehte sich noch einmal zu Harry um und sagte bedrohlich leise: „Wir reden darüber noch, Potter", dann ging er mit ihr auf den Weg zu, der zum Schloss führte.

Schlagartig drängte sich das Gespräch mit Bellatrix wieder in sein Bewusstsein, dass er in den letzten Minuten völlig vergessen hatte. Jedes Gefühl von Triumph, das er gehabt hatte, als es ihm gelungen war, dem Sohn seines alten Widersachers eine empfindliche Schlappe beizubringen verschwand, als wäre es nie da gewesen und machte der eisigen Verzweiflung Platz, die er empfunden hatte, als ihm klar geworden war, was der dunkle Lord von ihm erwartete.

Natürlich würde er Carol nicht an Voldemort übergeben, eher würde er sich selber zu Tode foltern lassen, das stand außer Frage. Aber besser wäre es, eine Lösung zu finden, bei der ein geringerer Schaden entstand.

Er sah Carol an und als sich ihre Blicke trafen, erschrak sie. In seinen Augen sah sie Angst und Schmerz, einen Ausdruck von Hilflosigkeit, der nicht zu diesem Mann passte und der ihr einen Stich versetzte. Was konnte nur geschehen sein, dass er so empfand, fragte sie sich.

Snape kämpfte einen Moment mit seinen Emotionen, dann bekam er sich wieder vollständig unter Kontrolle. Er schob die Gefühle weit nach hinten und beschloss, zunächst die naheliegendste Option auszuschöpfen. Er hatte Bellatrix gesagt, dass er nicht sofort würde handeln können, dass er abwarten musste, bis Carol das Schulgelände für eine Reise verließ. Nun musste er nur dafür sorgen, dass er rechtzeitig erfuhr, wann sie eine Reise plante, damit er dann versuchen konnte, sie davon abzuhalten, oder ihr einzureden, dass sie eine Begleitung mitnehmen sollte.

Es musste im Interesse des dunklen Lords liegen, sie unauffällig zu entführen, ohne Zeugen und ohne verdächtiges Verschwinden anderer Personen. Am besten war es, wenn sie völlig alleine auf eine Reise ging, deren Dauer unklar war. Man würde ihr Verschwinden erst nach längerer Zeit bemerken und selbst dann wäre nicht klar, ob sie sich nicht einfach aus dem Staub gemacht hatte.

Innerlich nickte er zufrieden. Das war ein Plan, den er sowohl Bellatrix gegenüber als auch vor Voldemort selber vertreten konnte und der ihm eine plausible Entschuldigung gab, Carol nicht sofort an den dunklen Lord auszuliefern.

Nun musste er nur noch dafür sorgen, dass sie nicht alleine und auf unbestimmte Zeit verreiste. Aber soweit er sie verstanden hatte, war die Zeit der Reisen und der Suche fürs erste abgeschlossen. Er wurde zuversichtlicher, dass er sie hier in Hogwarts halten konnte, bis eine endgültigere Lösung für ihre Sicherheit gefunden wurde.

Langsam kehrte etwas Ruhe in sein aufgewühltes Inneres ein.

„Würdest Du den bitte wegstecken, Du machst mir ein wenig Angst."

Ihre Worte rissen ihn aus seinen Überlegungen und er sah sie mit einem Blick voller Unverständnis an. Dann folgten seine Augen ihrem Blick und er bemerkte, dass er seinen Zauberstab noch halb erhoben hielt, so fest umschlossen seine Finger den Griff, das die Knöchel weiß leuchteten.

Er senkte den Arm, dann steckte er seinen Zauberstab weg.

„Danke."

Dieses simple Wort machte ihm klar, wie bedrohlich er gewirkt haben musste. Mit grimmiger Genugtuung hoffte er, diese Wirkung auch auf Potter und seine Freunde gehabt zu haben, aber es tat ihm leid, dass Carol sich vor ihm erschrocken hatte.

„Du liebe Güte, was war denn das für eine Szene?", fragte sie, als er wieder entspannter aussah.

„Und komm mir jetzt bitte nicht mit Aussagen über Hausinterna, ich weiß, dass Harry und seine Freunde nicht zu Deinem Haus gehören." Sie lächelte zaghaft.

Snape sah sie einen Moment lang an, als wäre sie aus einer anderen Welt und redete wirr, dann aber dämmerte ihm, was sie meinte und er schüttelte leicht den Kopf.

Er war noch immer wie gefangen in den Gedanken über seine Pläne sie zu schützen und er hätte keine Kraft gehabt, sich gegen ihre Fragen zu wehren, selbst, wenn er es gewollt hätte.

„Potter und seine Freunde haben es wieder einmal nicht nötig gehabt, sich an die Regeln zu halten. Aber die gelten ja auch für jeden anderen, nur nicht für den Auserwählten."

Er schnaubte und das Wort „Auserwählten" klang aus seinem Mund wie etwas schleimiges, ekeliges, das in finstere Ecken kroch.

„Sei nicht so streng mit ihm, Severus."

„Wenn ich nicht streng mit ihm bin, dann ist es niemand. Jeder glaubt, er müsse Potter alles durchgehen lassen, nur, weil eine alberne Prophezeiung ihn angeblich zum Retter der Menschheit machen soll."

„Eine solche Prophezeiung kann eine ziemliche Last auf den Schultern eines so jungen Menschen sein", sagte sie leise und in beschwichtigendem Tonfall.

„Warum nimmst Du ihn in Schutz? Er soll sich einfach nur an die Regeln halten, wie jeder andere auch." Snape klang noch immer zornig und nun funkelten seine dunklen Augen sie wütend an.

„Ach Severus, sei doch etwas nachsichtiger. Junge Menschen in dem Alter sind sowieso ziemlich desorientiert, von aufkeimenden Hormonen gebeutelt und im Begriff, jede bestehende Autorität durch eine Revolution zu stürzen. Man muss da einfach mit Gleichmut darüber hinweg gehen, das verwächst sich wieder.

Eine sehr liebe Freundin von mir, selber Mutter von vier Kindern, die die Pubertät hinter sich gebracht hatten, pflegte zu sagen, in der Pubertät ist das Frontalhirn eine Grossbaustelle mit zum Teil faustgroßen Löchern darin." Sie lachte.

Snape starrte sie fassungslos an und schnaubte abfällig.

„Der Zustand von Potters Hirn interessiert mich nicht im Mindesten. Aber wenn er nicht lernt, sich unter Kontrolle zu halten und die ihm gesetzten Grenzen zu respektieren, dann werden die Menschen, die sich für sein Leben einsetzen großen Risiken ausgesetzt und möglicherweise schweren Schaden erleiden. Aber das sieht dieser egoistische Bengel nicht."

Er holte tief Luft, dann änderte sich sein Tonfall, als er abrupt das Thema wechselte.

„Was wolltest Du von mir wissen und wobei brauchst Du so dringend Hilfe?", sagte er nun in ruhigerem Tonfall.

„Ach, eigentlich wollte ich mich mit Dir über ein paar alte Geschichten unterhalten, nichts Dringendes."

Sie errötete leicht. „Hilfe brauche ich nicht, ich dachte nur, dass es keine schlechte Idee wäre, Dich und Harry ein wenig auf Distanz zu bekommen, ehe bei Euch die Fetzen fliegen." Verlegen sah sie ihn an, aber er verzog keine Miene.

Einen Moment herrschte verlegenes Schweigen, dann fragte er: „Und über was für alte Geschichten wolltest Du Dich unterhalten?"

Sie überlegte einen Moment, dann schüttelte sie lächelnd den Kopf. „Es ist nichts, was jetzt passend wäre. Ich denke, wir sollten mal wieder einen Abend bei einem Glas Wein verbringen und dann frage ich Dich über die Vergangenheit aus."

Er blickte ihr einen Moment lang forschend in die Augen, dann nickte er zustimmend.

„Ich werde dann mal wieder hinein gehen", sagte sie und wollte sich auf das Schloss zu bewegen.

Bevor sie sich abwenden konnte, beugte er sich plötzlich vor, ergriff ihre Hände und hielt sie fest.

Carol sah ihn erstaunt an, sie wusste, wie sehr er körperliche Berührungen scheute und umso mehr verwunderte sie diese plötzliche Geste. Zusammengenommen mit seinem Verhalten im vorangegangenen Gespräch und dem Ausdruck in seinen Augen beunruhigte es sie ungemein. Was war nur geschehen, dass diesen sonst so kontrollierten und kaum aus der Fassung zu bringenden Mann derartig aus der Spur geworfen hatte.

„Ich muss Dich um etwas bitten, aber frage mich nicht warum", unterbrach er mit ruhiger Stimme ihre Grübeleien. Mit erhobenen Augenbrauen nickte sie.

„Bitte. Geh nicht aus der Schule, ohne mir Bescheid zu sagen, unternimm keine Reisen, lass mich immer wissen, was Du planst."

Er machte eine Pause, sah ihr unverwandt in die Augen. „Es ist wichtig. Versprich es mir!"

Sie nickte wieder. „Ich verspreche es."

„Gut." Er schien zufrieden, aber sie sie hatte wieder das Aufflackern von Furcht in seinen Augen gesehen, das sie schon vorher so beunruhigt hatte.

„Ich weiß nicht, was es ist, das Dich so beunruhigt, Severus. Aber glaube mir, ich werde nichts tun, was Euch oder die Schüler hier in Gefahr bringt." Sie klang ernsthaft.

Er kommentierte ihre Worte nicht, sie schien nicht zu sehen, dass es für sie eine Gefahr gab. Ihre Sorge galt den Schülern und ihren Freunden hier und sie war sich offensichtlich nicht bewusst, dass sie selber in großer Gefahr schwebte. Er zögerte einen Moment, ob er sie zumindest theoretisch auf eine mögliche Gefahr hinweisen sollte, beschloss dann aber, es zu lassen.

Er ließ ihre Hände los und sie gingen gemeinsam schweigend zum Schloss.

Vor dem Tor wandte sie sich noch einmal an ihn: „Heute Abend, passt Dir das?"

Er sah sie fragend an.

„Die alten Geschichten. Du weißt schon, die vielen Fragen, die ich an Dich habe", sie lächelte munterer, als sie sich fühlte. Sie war beunruhigt, sehr beunruhigt nach dem, was sie heute von ihm gesehen hatte und sie war fest entschlossen, neben den anderen Fragen auch darüber so viel heraus zu bekommen, wie sie nur konnte. Außerdem sah er wirklich aus, als könne er heute Abend einen Freund gebrauchen.

Er zögerte etwas, als müsse er überlegen, dann nickte er knapp.

„Gut", sagte sie betont locker, als hätte es nichts als einen sonnigen Tag gegeben. „Acht Uhr, ich bringe den Wein mit, einverstanden?"

Wieder nickte er nur stumm und betrat dann ohne ein weiteres Wort die Schule.