Kapitel 45: Vorbereitungen

Severus Snape erschien pünktlich nach den ersten Unterrichtsstunden zur vereinbarten Zeit in Minerva McGonagall Büro.

Sie erwartete ihn schon, bot ihm Tee und Ingwerkekse an, die er höflich aber bestimmt ablehnte.

Unter Umgehung weiterer Höflichkeitsfloskeln kam er direkt zur Sache und schilderte sein Aneinandergeraten mit Harry.

Die Hauslehrerin hörte ihm konzentriert und ohne ihn zu unterbrechen zu und als er geendet hatte, runzelte sie die Stirn, trank einen Schluck Tee und fragte dann: „Und was erwarten Sie jetzt, das ich tue?"

„Als Hauslehrerin von Potter ist es natürlich Ihre Aufgabe, ihm die Auflösung seines Clubs mitzuteilen", erwiderte er kalt.

„Das ist nicht Ihr Ernst."

„Das ist durchaus mein Ernst. Die Regeln für die Erlaubnis waren sehr klar definiert und Potter hat es wieder einmal nicht für nötig befunden, sich an Regeln zu halten. Ich werde nicht mit ansehen, wie er ein weiteres Mal damit durchkommt. Es wird Zeit, ihn zu lehren, dass er nicht außerhalb des Gesetzes steht." Snape hatte die Augenbrauen zusammengezogen und die Falte zwischen seinen Augen war tief und drohend. Seine Lippen bildeten einen dünnen Strich und er war deutlich sichtbar, dass er nicht einen Schritt von seinem Standpunkt abweichen würde.

McGonagall seufzte leise, dann richtete sie sich auf.

„Das ist Haarspalterei und das wissen Sie. Es handelte sich um den Patronus und nicht um einen Strangulationszauber. Der Patronuszauber ist nicht gefährlich, aber überaus nützlich und es kann nur, auch wenn er noch nicht im Unterricht gelehrt wurde, sehr hilfreich sein, wenn die Jungendlichen ihn beherrschen. Vergessen Sie nicht, es sind gefährliche Zeiten, die Dementoren stehen nicht mehr unter der Kontrolle des Ministeriums und haben sich höchstwahrscheinlich Du-weißt-schon-wem angeschlossen. Der Lehrplan konnte vom Ministerium noch nicht den geänderten Umständen eines drohenden Krieges angepasst werden, da das Ministerium zurzeit noch völlig ungeordnet ist.

Ich gehe aber davon aus, dass das Ministerium sicherlich der Meinung wäre, dass die Lehrpläne für die Schüler der höheren Klassen aufgrund der gegebenen Umstände modifiziert werden müssten, um ihnen die Möglichkeit zu geben, angemessene Verteidigungszauber zu lernen."

Snape schnaubte. „Sie können nicht eine mögliche Änderung des Lehrplans durch das Ministerium als Grundlage für Ihre Argumentation annehmen, nur, um Potter wieder einmal ein Schlupfloch zu bieten. Das ist absurd und zutiefst unvernünftig."

McGonagalls Stimme war eisig und ihre Nasenflügel bebten vor Zorn, als sie erwiderte: „Sie sind es, der hier unvernünftig reagiert, Severus. Bei allen Regeln muss es doch in dieser schrecklichen Situation hier der gesunde Menschenverstand sein, der unsere Entscheidungen leitet. Ich kann nicht zulassen, dass Sie sich von ihren persönlichen Vorbehalten leiten lassen, wenn es um die angemessene Einschätzung der Situation geht."

Sie blickte nicht minder streng und entschlossen, als er es tat, man konnte die Luft zwischen ihnen fast knistern hören und es war klar, keiner der Beiden würde nachgeben.

Schließlich packte McGonagall einen Stapel Pergamente, die vor ihr auf dem Schreibtisch lagen, richtete sie mit einer energischen Bewegung aus und erhob sich.

„Nun, Professor Snape, ich denke nicht, dass wir so zu einer Einigung kommen, Sie haben formal Recht, aber ich bin durchaus Willens in diesem Fall ein Auge zuzudrücken…", sie hob abwehrend die Hand, als Snape protestieren wollte. „Ich bin mir durchaus bewusst, dass es Ihnen so vorkommt, als würden damit wieder einmal Potter Vorteile zugespielt, die ihm nicht zustehen, aber seien Sie versichert, in diesem Fall würde ich bei jedem Schüler so entscheiden, wenn es meiner Entscheidung obläge."

Sie sah ihm direkt in die Augen. „Wie dem auch sei, in diesem Fall wird es wohl das Beste sein, die Entscheidung dem Schulleiter zu überlassen.

Sie werden mich jetzt entschuldigen, ich habe zu unterrichten."

Er würgte seine hoch kochende Wut herunter, nickte knapp und folgte ihr aus dem Büro heraus auf den Gang, wo sie mit einem kurzen Nicken von ihm verabschiedete.

Carol stand in ihrem Zimmer an dem Fenster, von dem aus, sie, wenn sie sich ein wenig schräg hinstellte, den Weg sehen konnte, der vom Tor zum Schloss führte.

Sie starrte minutenlang auf die verlassenen Schlossgründe und ihr wurde erst jetzt bewusst, wie sehr sie Remus herbei sehnte. Lächelnd rief sie sich zur Ordnung, es war albern, sich hier wie ein verliebter Teenager zu fühlen und doch genoss sie das Gefühl ein wenig.

Schließlich sah sie eine Bewegung und machte kurz darauf eine Gestalt aus, die langsam den Weg zum Schloss hoch ging. Zuerst konnte sie ihn kaum erkennen, aber mit jedem Schritt, mit dem er sich näherte, wurde der Eindruck deutlicher.

Er hatte sich verändert, auch, wenn sein Äußeres noch immer genauso war, wie das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte. Aber seine Haltung, sein Gang waren anders. Er schritt kräftig aus, kein Zögern war zu bemerken. Seine Haltung war fast ungewohnt aufrecht, er wirkte wie ein Mann, der genau wusste, was sein Ziel war und der entschlossen war, es zu erreichen.

Groß sah er aus, er hielt sich gerade und schritt selbstbewusst auf das Schloss zu und Carols Herz schien zu tanzen, als sie ihn so sah.

Sie wirbelte herum, griff sich eine Jacke, die über dem Stuhl hing und lief hinaus auf den Gang in Richtung auf das Eingangsportal zu. Inzwischen kannte sie den Teil des Schlosses, in dem sie sich meistens bewegte recht gut und so machte sie sich keine Sorgen, dass sie sich verlaufen könnte.

Als sie die Eingangshalle erreichte, betrat er gerade das Schloss und sie gingen aufeinander zu. Als sie nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, erfasste sie plötzlich ein Zaudern. Was, wenn er es sich wieder anders überlegt hatte? Was, wenn er festgestellt hatte, dass er ohne sie besser dran war?

Sie spürte Unsicherheit in sich aufsteigen, aber dann, als sie in seine Augen sah, verflog jeder Gedanke daran und sie lief auf ihn zu und in seine Arme.

Er drückte sie an sich, so fest, dass ihr einen Moment lang die Luft wegblieb, dann hielt er sie auf Armlänge von sich entfernt und sah ihr ins Gesicht.

„Du bist wunderschön, es raubt mir jedes Mal den Atem", sagte er leise.

„Mir rauben Deine Umarmungen jedes Mal den Atem", erwiderte sie nach Luft schnappend.

Er lachte, dann sah er sich in der Halle um.

„Lass uns in Dein Zimmer gehen, bevor hier alles voller Schüler ist."

Sie gingen durch die Gänge zurück in den Gästeflügel und Carol zeigte ihm ihre Räume. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie groß die Zimmer waren, die man ihr zugewiesen hatte und dass sie locker für zwei reichen würden. Sie lächelte. Das Schloss war so riesig, wahrscheinlich gab es gar keine kleinen Zimmer.

Remus ließ den Koffer, den er neben sich her hatte schweben lassen langsam zu Boden sinken und sah sich um.

„Schön hast Du es hier." Er ging zu einem der Sessel und setzte sich. Carol folgte ihm und ließ sich auf der Sessellehne nieder. Sie schlang die Arme um ihn und hielt ihn schweigend fest, als müsse sie sich noch einmal davon überzeugen, dass er wirklich hier war.

„Wieso bist Du eigentlich hergekommen?" fragte sie nach einer Weile. „Ich hätte doch genauso gut ins Black-Haus reisen können."

„Das war Dumbledores Idee", erklärte er ihr. „Ich war genauso überrascht, wie Du, als er mir vorschlug, wenn ich soweit wäre, würde er sich freuen, mich als Gast der Schule begrüßen zu können. Ich habe natürlich auch gefragt wieso, aber Du kennst ihn ja inzwischen auch ein wenig. Er schmunzelte nur und murmelte etwas von den richtigen Personen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und wenn Albus Dumbledore geheimnisvoll sein möchte, dann bringt keine Macht der Welt ihn dazu, sich klar auszudrücken." Remus lachte.

„Und dann fügte er noch hinzu, es wäre doch Sünde, wenn man Dir völlig umsonst so große Räumlichkeiten zugewiesen hätte. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er das sagte, ich schwöre Dir, er hat bei dem, was er dabei dachte, glatte vierzig Jahre verloren."

Carol stimmte in das Lachen ein. „Und ich habe mich schon gewundert, was ich mit einem derartig großen Gästezimmer anfangen soll, dachte mir dann aber, in diesem großen Schloss gibt's wohl keine kleineren Zimmer."

Sie setzte ein gespielt ernstes Gesicht auf. „Sagtest Du nicht einmal, dass Albus Dumbledore der größte Zauberer seiner Zeit sei?"

Remus nickte und sah sie fragend an.

„Nun…", fuhr sie fort und der gespielte Ernst wich einem fröhlichen Lächeln, „… wenn der größte Zauberer unserer Zeit beschließt, dass es richtig und wichtig ist, dass wir zur gleichen Zeit im gleichen Zimmer sind…", das Lächeln wich einem breiten, frechen Grinsen und ihr Blick streifte zu der Tür, die in den Schlafraum führte, „…wer sind wir dann, uns diesem weisen Ratsschluss zu widersetzen?"

Auch auf Remus' Gesicht machte sich ein Grinsen breit, das seinen besten Zeiten als Rumtreiber alle Ehre machen konnte. Milde Empörung klang in seiner Stimme, als er auf das Spiel einging:

„Natürlich hast Du Recht, Liebste. Es wäre absolut unverzeihlich, sich den Plänen des Schulleiters entgegen zu stellen."

Sie brachen in schallendes Gelächter aus, das erst durch einen langen Kuss unterbrochen wurde.

Die Zeit verging wie im Fluge, sie redeten über dieses und jenes und während Winky ihnen ein leichtes Mittagessen bereitete, erzählte Carol, was sie in der letzten Zeit in Hogwarts erlebt, gelernt und gehört hatte.

Es war ein entspanntes Beisammensein und sie beide genossen es sichtlich.

Es war Abend geworden und als sie schließlich in dem breiten Bett lagen, das Carol all die Nächte so schmerzhaft leer vorgekommen war, kamen sie schließlich zu dem Thema, das sie unbewusst die ganze Zeit vermieden hatten.

Ohne zu wissen warum, hatte Carol sich gefürchtet, es anzusprechen, aber nun wollte sie nicht mehr, dass etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen stehen blieb.

„Hast Du das erreicht, was Du nur alleine schaffen wolltest, Remus?", fragte sie leise, während sie sich eng an ihn schmiegte und die Wärme seines Körpers genoss.

Remus schwieg eine lange Weile und sie glaubte schon, er wolle nicht antworten.

Dann erklärte er leise, was in ihm vorgegangen war.

„Als wir uns das letzte Mal sahen, hatte ich begriffen, dass der Teil von mir, der von mörderischen Instinkten geleitet wird, der ein Mörder werden könnte, nicht länger von mir ignoriert werden kann.

Dass ich den Wolf nicht länger wie einen Teil behandeln kann, der eigentlich nicht zu mir gehört, dessen Existenz so etwas wie eine illegale Besetzung meines Körpers ist.

Es war unglaublich schmerzhaft hinzunehmen, dass der Wolf genauso ein Teil von mir ist, wie der Mensch. Aber schließlich habe ich es akzeptiert.

Der Preis dafür war hoch, ich fühlte mich grauenhaft und nicht mehr wert ein Teil der menschlichen Gesellschaft zu sein, zu deren Verderben ich immerhin beitragen konnte."

Er verstummte und Carol griff nach seiner Hand, die sie wortlos in der ihren festhielt. Als müsse er einen Moment die Erinnerung abschütteln, holte Remus tief Luft und fuhr dann fort.

„Dann jedoch, als ich glaubte auf dem Tiefpunkt zu sein, entwickelten sich meine Gedanken und Gefühle anders weiter, als ich es erwartet hätte. Es war, als wäre ich ein externer Beobachter und mein Verstand und meine Seele stritten ihren eigenen Kampf aus.

Am Ende begriff ich, dass der Teil von mir, der ein potentieller Mörder ist, nun endgültig ein Teil von mir geworden ist, mich das aber nicht als Ganzes verändert. Ich verstand, dass ich als Mensch aus vielen verschiedenen Teilen bestehe und nicht jeder dieser Teile gut sein muss.

Und dass man nicht die Teile von sich, die schlecht sind oder die man nicht mag, einfach ausklammern, dass man sie nicht herausschneiden kann. Dass man ein verletzter und verstümmelter Mensch wird, wenn man es versucht.

Ich begriff, dass ich nur dafür sorgen kann, dass das, was gut ist an mir, die Oberhand behält, dass meine richtigen und wertvollen Taten den Gesamteindruck von mir prägen."

Wieder schwieg er einen Moment, dann fuhr er mit kräftigerer Stimme fort: „Ich habe genau das früher schon getan, mein ganzes Leben lang. Ich habe versucht gut zu sein und gerecht, aber ich habe dabei immer den Wolf ausgeklammert, ich habe versucht, ohne ihn ein Mensch zu sein, seine Existenz tief in meiner Seele in Fesseln gelegt und versucht, ihm alles, was schwach und schlecht ist an mir zur Last zu legen."

Nach einer langen Pause, in der Carol sanft seine Hand hielt und streichelte, sagte sie leise: „Du bist ein sehr kluger Mann, Remus Lupin."

Er errötete, was sie zu seiner Freude im Dämmerlicht des Kaminfeuers nicht sehen konnte. Und ehe sie möglicherweise noch mehr Dinge sagen konnte, die ihn verlegen machten, beschloss er die Initiative zu ergreifen und sie abzulenken. Er beugte sich über sie, küsste sie zärtlich und begann seine Hände über ihren Körper auf Wanderschaft zu schicken.

Die Art, wie sie sich bewegte, seine Küsse erwiderte und ihrerseits ihn zu streicheln und zu liebkosen begann, zeigte ihm dass er den richtigen Moment erwischt hatte, von verbaler auf nonverbale Verständigung umzusteigen.

Zwei Stunden später lagen sie auf zufriedene Weise erschöpft und ausgelaugt in den zerwühlten Kissen. Carol fühlte sich träge und glücklich und schmiegte sich seufzend an Remus' Körper.

Er strich zärtlich über ihre Haare spielte gedankenverloren mit einer Locke, dann sagte er fast beiläufig: „In zwei Tagen ist Vollmond."

„Hmmm.."

„Ich dachte mir, ich nehme den Wolfsbanntrank und streife dann durch den Wald."

Er schwieg eine Weile, dann, als hätte es eine stumme Frage gegeben, fuhr er fort: „Jasper sprach davon, wie sehr er mich um dieses Gefühl von Freiheit beneiden würde, dass ich als Wolf haben müsse. Da habe ich mir zum ersten Mal überhaupt Gedanken darum gemacht, was der Wolf empfinden könnte."

Wieder schwieg er und Carol strich sanft mit den Fingern über seinen Arm, während sie ihm zuhörte.

„Jasper wusste nicht, dass es nur den Wolf oder mich geben kann, ich werde niemals wissen, wie der Wolf sich fühlt, wenn er durch den Wald streift und wenn ich meinen Trank nehme, dann bin ich es, dessen Verstand den verwandelten Körper beherrscht, nicht der Wolf. Wir können niemals gleichzeitig da sein und fühlen, was der andere fühlt."

Seine Stimme klang ruhig und fast bedauernd, so hatte Carol ihn noch nie über seine Krankheit reden hören. Sonst hatte seine Stimme immer voller Abscheu gelungen, wenn er von dem Wolf sprach und langsam wurde ihr klar, wie tief greifend die Veränderungen waren, die die Erkenntnisse der letzten Wochen bei ihm ausgelöst hatten. Ihr Finger kreiste langsam um das hervorstehende Knöchelchen an seinem Ellenbogen, als sie leise, mit fast abwesender Stimme sagte: „Ich habe da eine andere Idee. Gib mir einen Tag Zeit, ich muss das noch genauer durchdenken."

Sie schwieg, ihr Finger wanderte zärtlich über seinen Bizeps zu seiner Schulter und strich von dort über seinen Nacken.

Er brummte leise. „Gibst Du mir wenigstens eine Andeutung, was Du vorhast?"

„Ich kann Dir eine Andeutung geben, was ich jetzt mit Dir vorhabe, über den Vollmond reden wir ein anderes Mal."

Sie beugte sich vor und küsste ihn ehe er noch etwas sagen konnte und es dauerte nur wenige Sekunden, bis er gar nichts mehr sagen wollte.

Am nächsten Morgen erwachten Carol und Remus und stürzten sich mit einem Bärenhunger auf das von Winky vorbereitete Frühstück.

Die kleine Elfe strahlte, während sie pausenlos neue Speisen heranschleppte und sowohl Carol als auch Remus hatten fast mehr Spaß daran, sie zu beobachten, als an dem Frühstück selber.

Nach dem Frühstück erklärte Remus, er müsse noch einige Dinge erledigen und etwas mit jemandem besprechen. Er tat sehr geheimnisvoll und seine Rechnung ging auf. Carol platzte fast vor Neugier und löcherte ihn mit Fragen, was das sei und mit wem er etwas zu besprechen hätte.

Er lächelte hintergründig, ließ sich aber nicht erweichen und so musste sie ihn unverrichteter Dinge ziehen lassen.

Als er das Zimmer verlassen hatte, räumte sie ein wenig in ihren Papieren herum, merkte aber schnell, dass sie sich nicht konzentrieren konnte und so beschloss sie, ihren Plan noch genauer zu durchdenken und einige Vorbereitungen zu treffen.

Gerade, als sie den Raum verlassen wollte, um in den Wald zu gehen, fiel ihr ein, dass sie vielleicht einen Zettel hinterlassen sollte, falls Remus vor ihr wieder hier sein würde.

Sie setzte sich an den Tisch, nahm ein Pergament und einen Bleistift zur Hand und überlegte, wie sie ihre Abwesenheit so geheimnisvoll formulieren konnte, dass er mindestens ebenso neugierig wurde, wie sie es war. Ein breites Lächeln erfüllte ihr Gesicht, als sie daran dachte, dass Rache ein wohlschmeckendes Gericht war. Sie setzte den Stift an und begann zu schreiben.

Carol sah hoch, als ein leises Klopfen von einem der Fenster erklang. Sie runzelte die Stirn, immerhin war sie hier ein erhebliches Stück über dem Boden, und es stand auch kein Baum nahe genug, dass seine Äste gegen das Fenster schlagen würde, wer konnte also gegen das Fenster klopfen?

Stirnrunzelnd ging sie zu dem Fenster und sah ihre Eule auf dem Brett sitzen und energisch mit dem Schnabel gegen die Scheibe picken. Offenbar war sie eine zügigere Reaktion gewöhnt, denn sie warf Carol einen strengen Blick zu.

Als Carol das Fenster geöffnet hatte, hopste sie herein und streckte ihr ein Bein entgegen, an dem eine Pergamentrolle gefestigt war. Vorsichtig löste sie das Papier und sah auf den Absender.

Augusta hatte geantwortet und Carol war gespannt, was sie zu erzählen hatte, wie das Leben am Grimmauldplatz in letzter Zeit verlaufen war. Das Haus dort war ihr in der Zeit ihrer Anwesenheit dort zu einem Zuhause geworden und seine Räume steckten voller Erinnerungen an schöne und schlimmer Erlebnisse, auch wenn ihre Zeit dort nur einige Monate gedauert hatte und sie hoffte, dorthin zurück kehren zu können, um noch weitere Zeit dort zu verbringen.

Coco saß vor ihr und schuhute auffordernd. Fragend sah Carol sie an, dann erinnerte sie sich und griff nach der Dose mit den Keksen, aus der sie einen nahm und ihn an Coco verfütterte.

Sie betrachtete die Eule liebevoll und begann sanft ihr Gefieder zu kraulen. Das Tier gab wohlige Geräusche von sich und schloss die Augen.

Auch Carol schloss nun die Augen und das Geräusch des rauschenden Meeres stieg tief aus ihrer Erinnerung auf.

Sie merkte, dass Coco viel mehr für sie war, als nur eine Eule, die Post brachte. Sie war ein Stück Erinnerung an Menschen, die ihr viel bedeuteten und die noch heute mit ihren Gedanken bei ihr waren und sie durch ihre Kraft und ihren Glauben unterstützten. Coco war die Verbindung zu einer Zeit ihres Lebens, die so gänzlich anders gewesen war, als das, was sie jetzt erlebte. Und sie begriff, dass sie jetzt nicht die sein könnte, die sie war, wenn es diese Zeit und die Menschen darin damals nicht gegeben hätte.

Ein leichtes Zwicken an ihrer Hand brachte sie in die Gegenwart zurück und sie sah, dass Coco nun wohl auf eine Antwort wartete, oder in die Eulerei geschickt werden wollte.

Carol gab ihr noch einen weiteren Keks und sagte ihr dann, dass sie sie nicht mehr benötigte, worauf Coco durch das noch offene Fenster davonflog und mit einem eleganten Bogen einen der hohen Türme des Schlosses ansteuerte.

Jetzt erst merkte Carol, wie eisig kalt es am offenen Fenster war und schauderte. Sie schloss das Fenster und sah noch einen Moment hinaus. Der Himmel war noch immer grau und wolkenverhangen, aber bisher war kein Schnee gefallen. Seit Tagen sah es nach Schnee aus, aber die Natur erweckte den Eindruck, als warte sie auf irgendetwas, um die Welt endlich in das weiche Weiß des Winters zu hüllen.

Carol zog sich dick an und verließ nun endlich ihr Gästezimmer.