Kapitel 47: Überraschungen
Nachdem alle Platz genommen hatten, berichtete Snape auf Dumbledores Aufforderung von seinem Auftrag.
Stille trat ein, als er endete und jeder schien das Gehörte erst einmal verdauen zu müssen. Es dauerte aber nicht lange, dann begannen die drei Männer zu beratschlagen, was man zu Carols Schutz unternehmen könne. Snape sprach zurückhaltend, ohne einen der anderen anzusehen, während Remus die verschiedensten Ideen aufbrachte und sie von Dumbledore kommentieren ließ.
Es war, als säße sie nicht bei ihnen, so vertieft waren sie in ihre Vorschläge, die immer wieder durch die logischen Einwände Snapes und seiner Kenntnisse der Todesserorganisation unterbrochen wurden.
„Natürlich könnten wir sie im Hauptquartier unterbringen und behaupten, ich hätte sie außer Landes geschafft, ohne Dein Wissen, Severus. Das sollte Dich bei Lord Voldemort entschuldigen, wenngleich es natürlich trotzdem sein könnte, dass sein Zorn Dich trifft." Dumbledore sah Snape voller Sorge an.
Snape nickte schweigend. Ihm war klar, was der Zorn des dunklen Lords bedeutete und was es für ihn hieß, wenn dieser Zorn ihn traf. Er wusste das schon seit sehr langer Zeit und lebte mit diesem Wissen wie unter einem Damokles-Schwert.
Carol blickte von einem zum anderen und langsam verlor sie ihre Geduld.
„Würden die Herren bitte aufhören, so über mich zu sprechen, als wäre ich nicht anwesend oder debil?", warf sie in ziemlich spitzem Tonfall ein. Alle Köpfe drehten sich ruckartig zu ihr um.
„Und falls das im Eifer des Gefechts vergessen wurde, ich bin durchaus in der Lage, auf mich aufzupassen und wehrlos bin ich auch nicht."
Sie drehte sich zu Remus um und funkelte ihn an. „Vielleicht erinnerst Du Dich daran, dass mir Kräfte zur Verfügung stehen, die mich sehr gut schützen können."
Ihre Augen blitzten vor Zorn, aber dann sah sie die Verblüffung in Snapes und Remus' Augen und fing sich wieder. Die beiden sahen betreten zu Boden, während Dumbledore sie mit leicht hochgezogenen Augen ernst ansah.
Leiser und ein wenig verlegen entschuldigte sie sich für ihren Ausbruch.
„Es tut mir leid, mein Temperament ist wohl ein wenig mit mir durchgegangen", seufzte sie.
„Ich glaube, Du verstehst nicht, was für eine Gefahr das ist, in der Du Dich befindest", erwiderte Remus mit tiefer Sorge in der Stimme.
„Ich verstehe es sehr gut, Remus, besser vielleicht, als ihr glaubt."
Ihr Blick wanderte zum Schulleiter, der sie noch immer schweigend beobachtete.
„Ich bin nicht mehr so unwissend und naiv, wie ich es war, als ich Ihre Welt betreten habe. Die Zeit, die ich hatte habe ich genutzt, um zu lernen und zu verstehen und ich glaube, ich kann mittlerweile recht gut einschätzen, was mir droht."
Sie lächelte traurig.
„Ich werde nicht fliehen, mich nicht verstecken, wenn ich das wollte, könnte ich die Zaubererwelt einfach wieder verlassen und ein abgeschiedenes Muggelleben führen. Das will ich nicht und das werde ich nicht. Ich habe mich entschieden, hier zu sein und meinen Teil dazu beizutragen, das abzuwenden, was das Leben bedroht. Ich habe Harry versprochen, da zu sein, wenn er meine Unterstützung bei der Erfüllung seiner Aufgabe braucht.
Ich werde nicht klein bei geben, nur, weil ich in Gefahr bin. Jeder ist in Gefahr. Immer. Wenn wir alle immer aufgeben, fliehen und uns verstecken würden, dann wäre diese Welt kein lebenswerter Ort."
Ihre Stimme war fester und bestimmter geworden mit jedem Wort, das sie sagte und die drei Männer sahen sie nun voller Staunen an.
Dann wandte sie sich an Snape, sie sprach ihn direkt an und als er aufsah und ihr Blick sich kreuzte, sagte sie ruhig und ernst: „Ich verspreche, so gut es geht, auf mich aufzupassen, aber ich kann nicht garantieren, dass ich immer hier auf dem Schulgelände bleiben werde. Es gibt Dinge, die ich erledigen muss, Fragen, die ich stellen und beantwortet bekommen muss."
Sie holte tief Luft, dann sah sie Snape weiter direkt in die Augen.
„Wenn es soweit kommt, dass Du keine Ausrede mehr finden kannst, dass Du es nicht mehr abwenden kannst, dann wirst Du mich zu ihm bringen und mich ausliefern, wie es Dein Auftrag ist."
Remus sprang auf, Snape starrte sie entsetzt an und Dumbledore schüttelte den Kopf.
Es waren nicht allein ihre Worte, die diese Reaktion hervorriefen, sonder auch die Schärfe, mit der der sie ausgesprochen wurden, die von einem unwiderruflichen Entschluss zeugte.
„Nein…"
„Du kannst nicht…"
„Du weißt nicht…"
„Ich werde auf keinen Fall…"
Snape und Remus sprachen durcheinander, aber es war klar, dass ihre Meinung identisch war. Doch Carol schwieg einfach, bis wieder Stille eintrat und Snape langsam sagte: „Ich werde Dich auf keinen Fall ausliefern. Darüber gibt es keine Diskussion."
„Du kannst und Du wirst."
„Du weißt nicht, was Dich erwartet, Voldemort kennt keine Gnade, kein Mitgefühl, er wird Dich langsam und grausam töten." Remus war außer sich bei dem Gedanken.
„Nicht, solange ich habe, was er will. Er wird mir nichts tun, denn ich habe die Kraft des Lebens, die er sucht. Er weiß nicht, dass sie es ist, die ihn vernichten kann, er muss glauben, sie würde ihm Unsterblichkeit verleihen. Und wenn er glaubt, dass nur ich ihm den Zugang dazu geben kann, wird er mir nichts tun. Ich kann ihn durch meine Fähigkeiten davon Überzeugen und einen Verdacht muss er jetzt schon haben, dass ich etwas habe, das für ihn wertvoll ist, sonst hättest Du nicht den Auftrag bekommen, mich zu ihm zu bringen, Severus.
Und spätestens nach dem Zwischenfall mit Lucius Malfoy muss er wissen, dass meine Kräfte anders sind, als die der Zauberer, die er kennt. Er ist nicht dumm, also wird er wissen, dass ich ihm tot nichts nutze."
Snape sah sie noch immer voller Entsetzen an. „Aber er könnte Dich foltern, Dich mit einem Imperius-Fluch belegen oder durch einen Trank dazu bringen, ihm zu geben, was er will."
„Das wird er nicht müssen, ich kann ihm vorspielen, ich würde ihm geben, wonach er sucht, nur müsste er mich dann zu einem Ort der Macht begleiten. Ich kann ihn dort mit der Kraft solange schwächen, dass ich fliehen kann.
Leider kann ich ihn nicht damit vernichten, das kann nur der, dessen Aufgabe das ist."
Wieder lächelte sie traurig.
„Aber ich kann ihn glauben machen, ich schlage mich auf seine Seite", fuhr sie fort. „Ich kann ihn glauben machen, er beherrscht mich und die Situation."
Dumbledore sagte ruhig: „Toms Schwäche ist, dass er glaubt, alles habe einen Preis, und wenn er den Preis einer Sache oder Person kennt, dann könne keine Macht der Welt ihn davon abhalten, diese Sache oder Person zu bekommen. Er hat nie begriffen, dass es Dinge gibt, die keinen Preis haben, die jenseits solcher Berechenbarkeit sind. Er hat nie begriffen, dass es Menschen gibt, die der Versuchung von Macht und Ruhm widerstehen, weil sie an etwas glauben. Dass es Menschen gibt, die nicht seinem Druck und ihrer Furcht nachgeben, egal womit er diesen Druck ausübt. Selbst als er es bei Lily Potter mit eigenen Augen erlebt hat, hat er nicht begriffen, was das bedeutet.
Wahrscheinlich würde er wirklich glauben, dass Angst oder das Streben nach eigener Macht Carol dazu verleitet, ihm die Quelle ihrer Macht zu geben."
Snape schüttelte den Kopf. „Das Risiko ist viel zu groß. Ich werde Dich auf keinen Fall ausliefern, lieber riskiere ich, dass der dunkle Lord mich bestraft."
„Die Natur meines Wesens lässt es nicht zu, dass ein anderes Leben vernichtet wird, um meines zu schützen, Severus. Ich weiß nicht, was dann geschehen würde, aber ich weiß, dass ich es einfach nicht zulassen kann."
„Ich könnte es vielleicht überleben."
„Besser als ich?" Sie sah ihn forschend an. „Du weißt, dass ich ein paar Reserven habe, auf die Du keinen Zugriff hast, Severus. Ich habe bessere Überlebenschancen, als es auf den ersten Blick scheint."
Remus sah sie noch immer fassungslos an. „Das kann alles nicht Dein Ernst sein, oder?" Seine Stimme klang verzweifelt, als versuche er aus einem Alptraum aufzuwachen.
Carol beugte sich vor, griff nach seiner Hand und drückte sie sanft.
„Das alles hier sind doch nur Überlegungen, was die Optionen im schlimmsten möglichen Fall sind. Ich bin sicher, ihr habt solche Gespräche im Orden schon oft geführt. Ihr alle kennt die Risiken eurer Arbeit für den Widerstand und ihr seid alle einverstanden gewesen, diese Risiken zu tragen. Ich möchte nicht mehr und nicht weniger, als dieses Recht auch für mich in Anspruch zu nehmen.
Worüber wir hier reden, ist nur eine von vielen Möglichkeiten und es ist keineswegs gesagt, dass es dazu kommen wird.
Wir werden tun, was wir können, um diese Möglichkeit zu verhindern und ich verspreche, gut aufzupassen."
Dumbledore hörte ihren Worten aufmerksam zu, dann nickte er.
„Ich habe Ms Featherton in den Orden aufgenommen und sie hat das Recht, für sich Entscheidungen zu treffen und zu definieren, welche Risiken ihr unsere Sache wert ist. Was sie sagt klingt durchaus vernünftig und wir sollten Sorge tragen, dass der besprochene Fall nicht eintritt."
Er sah zu Snape, der finster vor sich hin starrte.
„Severus, ich werde einige vertrauenswürdige Eltern bitten, Eulen zu schicken, in denen sie verstärkte Sicherheitsvorkehrungen für die Schule fordern. Der Tagesprophet hat in der letzten Woche wieder über Überfälle von Todessern überall im Land berichtet, so dass die Besorgnis der Eltern absolut plausibel erscheinen wird.
Wir werden diese Informationen so in der Schule lancieren, dass besonders die Schüler, deren Eltern für ihre Nähe zu Lord Voldemort bekannt sind, die Neuigkeiten über verschärfte Sicherheitsvorkehrungen in Hogwarts mitbekommen. So wird die Information, dass die Sicherheit in der Schule aufgrund des Drängens von Eltern und nicht aus anderen Gründen verstärkt wurde, auf jeden Fall den inneren Kreis der Todesser erreichen.
Das dürfte Dir ausreichend Rückendeckung für die Ausrede geben, dass Du Ms Featherton nicht hier direkt unter meinen Augen entführen kannst, ohne dass der Verdacht entsteht, von Dir wäre etwas über Deinen Auftrag durchgesickert."
Snape sah den Schulleiter einen Moment zweifelnd an, dann nickte er.
Auch Remus wirkte durch Carols Worte und den Plan des Schulleiters erleichtert. Es hatte alles zuerst so dramatisch geklungen, aber sie hatte ja Recht. Jeder von ihnen ging das Risiko ein, gefangen zu werden und sie alle machten sich Gedanken darüber, was dann geschehen würde.
Schließlich sah Dumbledore auf seine Uhr und verkündete: „Es ist Zeit für das Mittagessen. Ich bitte darum, allzeit über neue Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten zu werden, damit wir schnell reagieren können, falls sich etwas verändert. Aber zurzeit sieht es so aus, als wäre noch alles ruhig und ich hoffe, dass das noch einige Zeit so bleibt.
Ich wünsche einen guten Appetit."
Mit diesen Worten geleitete er seine Besucher aus seinem Büro.
Snape verschwand, ohne noch ein Wort mit Carol oder Remus zu wechseln, während die beiden sich auf dem Weg in ihr Zimmer machten. Sie gingen schweigend durch die Gänge und als sie um eine weitere Ecke bogen seufzte Remus.
„Eigentlich hatte ich für heute Nachmittag eine Überraschung für Dich vorbereitet, aber ich schätze, nach diesem ernsten Gespräch ist Dir wohl kaum nach so etwas zumute sein, oder?"
Abrupt blieb Carol stehen. „Natürlich ist mir nach einer Überraschung zumute, was ist es denn?"
Auch Remus blieb stehen und sah sie an.
„Carol, das ist eine ernste Angelegenheit. Du bist in großer Gefahr, verstehst Du das denn nicht?"
Carol erwiderte seinen Blick und auch ihr Geicht wurde ernst.
„Doch, das verstehe ich sehr gut. Ja, ich bin in Gefahr. Und ja, ich habe Angst. Aber ich will das nicht mein Leben beherrschen lassen. Ich werde vorsichtiger sein und ich weiß, dass ihr alle mich beschützt und meine eigenen Fähigkeiten kenne ich inzwischen auch viel besser und kann sie deutlich gezielter einsetzen als noch am Anfang meiner Reise.
Aber ich werde nicht zulassen, dass meine Furcht mein Leben bestimmt. Vielleicht werde ich sterben, vielleicht wird jeder von uns sterben, aber letztendlich werden wir das sowieso. Es ist nicht wichtig, wann mein Leben endet, wichtig ist nur, wie ich es bis zu dem Moment gelebt habe, Remus."
Sie legte die Arme um ihn und zog ihn zu sich heran. Remus erwiderte ihre Umarmung liebevoll und nickte dann.
„Wahrscheinlich hast Du Recht, ich mache mir nur so schreckliche Sorgen, dass Dir etwas zustoßen könnte, jetzt, wo ich Dich endlich gefunden habe und Du ein Teil meines Lebens bist. Ich will Dich nicht verlieren, Carol."
Er zog sie noch fester an sich und schien sie nie mehr loslassen zu wollen.
Nach einem Moment entwand sich Carol seinen Armen und Schalk blitzte wieder in ihren Augen auf. „So, genug abgelenkt, mein Lieber. Du entkommst mir nicht, also heraus mit der Sprache, was für eine Überraschung ist das?" Sie lachte ihn fröhlich an.
Auch Remus musste lachen. „Hey, wenn ich Dir das jetzt schon verrate, dann ist es doch keine Überraschung mehr, oder?"
Sie boxte mit einer Faust gegen seinen Oberarm. „Nun werd hier mal nicht logisch", murrte sie und verzog den Mund zu einem gespielten Schmollen.
Remus küsste sie und zog sie weiter den Gang entlang zu ihrem Zimmer.
Ein köstlicher Lunch erwartete sie schon, aber Carol schob nach wenigen Bissen ihren Teller von sich.
„Fertig." Sie strahlte Remus an. „Jetzt? Überraschung?"
Remus brach in Lachen aus und verliebte sich aufs Neue in ihre strahlenden Augen.
Er nahm sich eine Hühnerkeule, ein kleines Brötchen und mehrere runde Frikadellen.
„Na gut, ich esse das hier auf dem Weg. Zieh Dir etwas Warmes, Windfestes an und komm mit." Sein Grinsen überzog das ganze Gesicht, als er einen dicken Umhang überwarf, herzhaft in eine der Frikadellen biss und sich der Tür zuwandte.
Carol, die gelogen hatte, als sie sagte, sie wäre satt, schnappte sich auch noch ein paar handliche Lebensmittel vom Tisch und folgte ihm kauend.
Sie verließen das Schloss, Remus nahm sie an der Hand und führte sie über verschlungene Wege durch das Schulgelände. Sie umrundeten das Quidditch-Stadion und ein Stückchen dahinter, noch im Schatten der hohen Zuschauertribünen stand eine Hütte.
Eine Frau stand davor, rieb sich die Hände und blies ihren warmen Atem in die Fäuste, um sich gegen die beißende Kälte zu wehren.
Sie gingen auf die Frau zu und Carol erkannte die Lehrerin, die sie bei Harrys Quidditch-Training schon einmal gesehen hatte, konnte sich aber nicht erinnern, ihren Namen schon einmal gehört zu haben.
Remus stellte sie einander vor und Madame Hooch kam gleich zur Sache.
„Ich habe alles nach Ihrem Wunsch vorbereitet, Professor Lupin."
Er lächelte. „Ich bin keine Professor mehr an dieser Schule", sagte er mit einem Hauch Wehmut in der Stimme.
„Das sollten Sie aber sein", erwiderte sie mit hörbarem Respekt und schien sich darüber auf keine Diskussion einlassen zu wollen.
Er schmunzelte und erwiderte nichts und nach wenigen Sekunden drehte die Fluglehrerin sich um, verschwand kurz in der Hütte und kam mit einem Besen in der Hand wieder heraus.
„Bitte sehr. Ein Tandembesen für besondere Übungen. Bitte achten sie darauf, ihn mir unbeschädigt wieder zu geben, es gibt nicht allzu viele von der Sorte und die Schule besitzt nur diesen einen. Viel Spaß damit."
Ohne weiteres Federlesens drückte sie Remus den sehr groß und etwas unförmig wirkenden Besen in die Hand und stapfte davon in Richtung Schloss.
Carol sah Remus fragend an und er lächelte breit.
„Ich dachte mir, Du solltest etwas kennen lernen, das sehr typisch für meine Welt ist und das furchtbar viel Spaß macht."
Er nahm wieder ihre Hand. „Wir sollten noch ein Stückchen weiter weg gehen, aber hier hinter dem Quidditchfeld sind wir eigentlich sehr gut geschützt vor neugierigen Blicken. Und außerdem ist Unterricht, da sollten keine Schüler draußen herumlaufen."
Er zog sie noch ein wenig weiter fort von der Schule und blieb schließlich auf einer Wiese stehen.
Hier blieb er stehen, hielt den Besen zwischen sie und lächelte sie an. Sie konnte ein wenig Verlegenheit in seinen Augen erkennen und fragte sich, woran er wohl gerade dachte.
„Ich bin nie ein besonders guter Flieger gewesen, ich war weder ein großer Sportler wie James, noch ein solch mutiger Draufgänger wie Sirius, aber ich glaube, das wird Dir Spaß machen."
Er schaute Carol erwartungsvoll an und bemerkt die leichte Panik in ihrem Blick.
Mit sanfter Stimme fragte er: „Hast Du Angst?"
Sie nickte stumm.
Er lächelte aufmunternd und sagte: „Nun, wenn Du nicht möchtest, dann lassen wir es, aber vielleicht solltest Du es versuchen. Ich verspreche, ich werde sehr vorsichtig sein."
Noch immer stumm und ein wenig starr nickte sie, aber er konnte in ihren Augen sehen, dass sie nicht überzeugt war.
Zärtlich nahm er ihr Gesicht in seine Hände und suchte ihren Blick.
„Vertraust Du mir?"
Sie nickte.
„Gut, dann lass mich einfach machen."
Vorsichtig dirigierte er sie auf den hinteren Teil des Besens und schwang sich dann vor sie darauf. Er stieß sich sachte ab und sie schwebten wenige Zentimeter über dem Boden. Carol unterdrückte einen Schrei, kniff panisch die Augen zusammen und schlang ihre Arme um seine Brust. Er fühlte, wie sie sich ruckartig an ihm festklammerte und konnte spüren, dass ihr Körper brettartig verkrampft war. Leise und unendlich sanft fragte er: „Hast Du die Augen geschlossen?"
Sie nickte, merkte dann aber, dass er das ja nicht sehen konnte und sagte mit leicht zitternder Stimme: „Ja."
Er erwiderte einfühlsam: „Gut, wenn Du Dich damit besser fühlst. Aber vielleicht solltest Du es doch wagen, die Augen zu öffnen, denn wenn Du es machst, wenn wir schon etwas höher sind, dann könntest Du Dich erschrecken. So siehst Du Stückchenweise, wie wir langsam höher fliegen und das ist dann kein Schock für Dich."
Er wartete auf eine Antwort und hörte ein leises „Ok.".
Beruhigend sprach er weiter: „Ich werde sehr vorsichtig vorgehen. Vertrau mir, Liebste, ich werde gut auf Dich aufpassen. Es kann Dir nichts passieren."
Sie lehnte sich an ihn und versuchte entspannt zu atmen, während sie die Augen öffnete. Sie wollte ihm vertrauen und es gab niemandem, dem sie ihr Leben eher anvertraut hätte als Remus und so ließ sie ihn machen. Einen Moment lang verstand sie, wieso Harry ihn immer als den besten Lehrer, den sie je hatten bezeichnete, dann verschwand das Gefühl wieder und sie konzentrierte sich darauf, ruhig zu atmen, Remus zu vertrauen und alle ihr bekannten und unbekannten Götter um Schutz anzuflehen.
Sanft bewegte sich der Besen ein Stück vorwärts und nach oben.
Remus war wie versprochen sehr vorsichtig und bewegte den Besen sanft vorwärts und immer nur sehr wenig nach Oben. Langsam entspannte sie sich und je weiter sie sich in die Luft erhoben, desto mehr wuchs ihr Vertrauen in seine Flugkünste. Es ruckelte und schwankte nicht und sie lockerte vorsichtig ihren verkrampften Griff um seinen Körper.
Sie merkte es kaum, wie sie sich mehr und mehr in die Lüfte erhoben hatten und plötzlich bemerkte sie, dass sie über den Baumwipfeln befanden. Ein kurzer Anflug von Panik erfasste sie, aber Remus' beruhigende Gegenwart und sein Können ließen dieses Gefühl schnell wieder vergehen.
Er flog eine Schleife, dann setzte er vorsichtig wieder zur Landung an.
Carol war atemlos und völlig überwältigt von der Erfahrung.
„Wenn Du magst, können wir das mal wieder machen." Er sah sie fragend an.
Sie umarmte ihn und dankte ihm für diese wirklich einzigartige Erfahrung.
„Ja, ich denke, das könnten wir mal wieder machen", sagte sie dann mit leicht zittriger Stimme und war über ihren eigenen Mut erstaunt.
„Mit Dir wachse ich über mich hinaus, Remus." Sie strahlte ihn an und er errötete leicht über diese Worte.
Beide merkten, dass es bitterkalt war und sie beschlossen zum Schloss zurück zu gehen und sich aufzuwärmen.
Als es Nacht wurde und sie in ihrem Bett lagen, gähnte Carol herzhaft, wünschte Remus eine gute Nacht und rollte sich in ihre Decke ein. Remus, der von den Neuigkeiten des Tages ziemlich aufgewühlt war, fühlte sich fast nicht müde. Seine Gedanken begannen sich nun um das Gespräch beim Schulleiter zu drehen und er versuchte, die Situation logisch und vernünftig zu sehen. Still lag er da, atmete ruhig und gab sich Mühe, seine innere Unruhe zu unterdrücken, um Carol nicht zu stören.
Sie fühlte die Erschöpfung ihres Körpers, die bleierne Schwere, die die Aufregungen des Tages verursachte, aber schlafen konnte sie bei aller Müdigkeit nicht.
Auch ihre Gedanken kreisten um das, was sie erfahren hatte und um das, was es für sie und die Menschen, die ihr so wichtig waren bedeutete.
Sie dachte an das, was möglicherweise geschehen konnte und obwohl sie sich so selbstsicher gegeben hatte, erfüllte der Gedanke daran sie mit Furcht. Sie war sich darüber im Klaren, dass Furcht eine natürliche Reaktion war und dass sie diese Furcht überwinden musste, aber im Moment kam sie sich klein und schwach vor.
Eingekuschelt in die dicke, warme Daunendecke lag sie mit offenen Augen da und ihre Gedanken wanderten weiter. So vieles war schon geschehen, so viele Dinge waren unvermeidlich gewesen und ihr war klar, dass noch viele andere Unvermeidbarkeiten auf sie warteten.
Sie dachte an Sarah und an das was geschehen war und wieder überfluteten Furcht und Trauer ihre Gedanken und Gefühle.
Tränen liefen ihr über das Gesicht und sie bemühte sich, stumm zu weinen, kein Geräusch zu machen, um Remus nicht zu stören und vor Allem, um ihn nicht zu beunruhigen.
Doch nach einigen Momenten, in denen ihr Körper von leisen Schluchzern geschüttelt wurde, fühlte sie seine Arme, die sich um sie schlangen und sie an ihn zogen.
Still hielt er sie fest, bis sie eingeschlafen war.
