Kapitel 48: Wolfsgeschichten

Der nächste Morgen kam und Remus fühlte schon beim Aufwachen die Unruhe, die ihn immer am Tag vor der Vollmondnacht erfasste.

Beim Frühstück erwähnte er die vergangene Nacht mit keinem Wort. Er wusste, wenn sie es wollte und es für sie der richtige Zeitpunkt war, würde sie ihm anvertrauen, warum sie geweint hatte.

Er goss sich Tee ein und überlegte gerade, wie er Carol fragen konnte, was genau sie denn nun vorhätte, als sie lächelnd von ihrem Tee aufsah und ihn ansprach, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

„Nimm bitte heute Deinen Wolfsbanntrank nicht."

Er starrte sie ungläubig an.

„Ich muss ihn nehmen, Du weißt doch, was sonst passiert." Er runzelte die Stirn.

Sie verzog keine Miene. „Ja, das weiß ich."

„Nein, das meine ich nicht. Ich meine, wenn ich wirklich zum Werwolf werde."

Er stutzte, als er ihr Gesicht sah und seine Miene wandelte sich zu Unglauben.

„Du willst doch nicht etwa…"

Sie schwieg, lächelte aber weiter.

„Ich dachte, Du kannst das nur, wenn ich sehr verzweifelt bin, oder keinen Mut mehr habe?"

„Ich habe mich weiter entwickelt, Remus. Aber Du hast Recht, normalerweise kann ich es nur unter solchen extremen Umständen.

Jetzt und hier habe ich allerdings Unterstützung, deshalb bin ich sicher, dass es auch willentlich klappt."

Er sah sie fragend an. „Unterstützung? Wer?" Er brach ab, als er merkte, dass sie es erklären wollte.

„Ich habe Dir doch von dem alten Baum nahe Hagrids Hütte erzählt, den ich vor einiger Zeit entdeckt habe."

Er nickte und hörte jetzt aufmerksam zu.

„Dieser Baum ist ein Zentrum großer Energie, es ist, als wäre dort die Mutter selbst anwesend. Diese Kraft will ich nutzen und mit ihrer Hilfe möchte ich Deine Verwandlung leiten."

„Aber was versprichst Du Dir davon, ich könnte doch den Trank nehmen und es wäre auch alles gut." Er sah sie zweifelnd an.

Sie zögerte einen Moment, dann begann sie wieder zu sprechen.

„Ich glaube, dass es unter dieser besonderen Konstellation möglich ist, dass Du und der Wolf gemeinsam die Nacht erleben, dass ihr nebeneinander exstieren könnt für ein paar Stunden.

Durch die Kraft und unter dem Schutz der Mutter könnt ihr Euch den Körper teilen und an den Empfindungen des anderen teilhaben."

Er starrte sie fassungslos an.

„Aber ich will gar nichts mit ihm teilen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Trank, der es mir ermöglicht, den Wolf zu verdrängen und den Wolfskörper mit meinem Verstand zu kontrollieren."

„Remus, Du hast mir gesagt, Du wolltest den Wolf als einen Teil von Dir annehmen, ihn nicht mehr wie eine Krankheit ignorieren. Was ist aus diesem Wunsch geworden?"

Er schwieg und sie konnte die widersprüchlichen Gefühle in seinem Gesicht sehen.

Es dauerte lange, bis er wieder sprach.

„Du willst dort mit mir zusammen hingehen? Und dann dort bleiben, während ich… ja, was tue ich währenddessen?"

„Wie wäre es, wenn Du durch den Wald streifst und fühlst, was der Wolf fühlt, wenn er das Gefühl von Freiheit und Stärke hat? Du kannst auch in der unmittelbaren Umgebung des Baumes die Kraft der Mutter spüren und ihre Zuneigung zu Wese wie Dir. Ein normaler Mensch kann das nicht, deshalb darfst Du den trank nicht nehmen. Nur die Gegenwart des Wolfes kann Dir das ermöglichen. Deshalb muss ich mitgehen und Deine Verwandlung begleiten, damit es so anfängt, wie damals im Keller, ruhig und friedlich. Nur dass diesmal der Wolf nicht die Oberhand übernimmt, sondern Dein Verstand auch da bleibt."

„Du willst die ganze Nacht da draußen mit mir verbringen?"

Sie nickte lächelnd.

Sein Blick wurde zweifelnd. „Es ist bitterkalt, Carol, Du wirst Dir da draußen den Tod holen. Ich habe ein Fell, da ist es kein Problem, aber Du wirst entsetzlich frieren."

„Ach Unsinn. Ich werde mich warm anziehen und außerdem werde ich nahe an dem alten Baum bleiben. Die Kraft, die in ihm steckt wird mich wärmen, die Mutter wird mich nicht erfrieren lassen, da kannst Du unbesorgt sein. Ich vertraue ihr und das kannst Du auch, sie wird mich schützen, glaube mir."

Er schüttelte den Kopf.

„Und was, wenn es nicht klappt? Ich kann die Bestie nicht beherrschen, Carol. Ich habe Angst, was passieren kann." Er stöhnte gequält auf.

„Du musst vertrauen, Remus. Der Wolf ist keine Bestie, er ist ein Tier. Ein gefährliches Tier, aber er ist keine willenlose Tötungsmaschine."

Sie lächelte ihm aufmunternd zu, ergriff seine Hände.

„Vertrau mir und der Mutter, bitte."

Er erwiderte ihr Lächeln zaghaft. „Ich will es versuchen."

Sie führte seine Hände an ihre Lippen und küsste sie zärtlich. Ein Schauder lief über seinen Rücken und die Anspannung, die sich seit ihrem Vorschlag über ihn gelegt hatte, wich wie von Zauberhand. Merlin, sie hatte wirklich eine Macht, die er kaum beschreiben konnte.

Er musterte sie und merkte, dass sie seltsam gestärkt wirkte. Als gäbe es keine Gefahren, als wäre alles machbar, wenn man es nur wirklich wollte.

„Du siehst gut aus.", sagte er lächelnd. „Also, ich meine, Du siehst immer gut aus, aber jetzt siehst Du aus, als könntest Du Berge versetzen." Er verstummte, war sich nicht sicher, ob er ausdrücken konnte, was er meinte.

Ihr Lächeln wuchs in die Breite. „Das bist Du Remus. Du vervollständigst mich, Deine Kraft verstärkt meine um ein Vielfaches. Deine Stärke und Deine Liebe lassen mich wachsen."

Er war, wie so oft, sprachlos, aber Carol konnte in seinen Augen sehen, was er fühlte.

Ehe es ihm unangenehm wurde, sagte sie: „Ok, wenn es Dich beruhigt, gehe ich heute Nachmittag noch einmal zu dem alten Baum und sehe, ob wirklich alles so ist, wie ich es mir gedacht habe."

Er nickte zufrieden. „Aber ich komme mit, damit Dir keiner auf dem Weg auflauern kann."

Sie lachte, war aber einverstanden.

Der Tag schritt voran und die Unruhe in Remus wurde nicht stärker. Zusätzlich zu seiner normalen Unruhe am Vollmondtag kam noch die Unsicherheit, was Carols Plan betraf.

Er wollte ihr glauben, wollte ihr vertrauen, doch selbst, wenn alles so lief, wie sie es sich vorstellte, wollte er wirklich den Wolf erleben, sich den Körper mit den Empfindungen und Instinkten des Wolfes teilen?

Und was, wenn der Blutdurst des Wolfes stärker war, als er?

Carol glaubte nicht daran, aber er wurde weiter von Zweifeln gequält. Was konnte es schlimmeres geben, als sie zu verletzen oder gar zu töten.

Er drohte an seiner Furcht zu ersticken, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. Sie hatte doch davon gesprochen, dass sie bei dem Baum bleiben wollte und dass die Mutter sie schützen würde. Er verstand zwar nicht viel von dieser Naturmagie und ihrer Mutter, aber er hatte mehrmals gesehen, zu was sie imstande war. Sie würde mit dieser Kraft sicher auch den Wolf abwehren können, wenn ihr das schon einmal mit einer Gruppe Todesser gelungen war.

Zuversicht durchströmte ihn und plötzlich fragte er sich, wie er überhaupt hatte zweifeln können. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit breitete sich an einem Vollmondtag Ruhe in ihm aus.

Am Nachmittag gingen Carol und Remus wie verabredet noch einmal zu dem alten Baum, damit Carol sich ein weiteres Mal davon überzeugen konnte, dass es alles so war, wie sie es brauchte. Sie tat es gerne, weil sie gespürt hatte, wie unsicher Remus ihrem Plan gegenüber stand. Er vertraute ihr, aber seine Furcht vor dem, was er anrichten könnte war so unglaublich stark, das wusste sie. Trotzdem hatte er erstaunlich zuversichtlich und ruhig gewirkt, was sie mit Freude erfüllte.

Sie waren auf dem Rückweg zum Schloss und Remus verabschiedete sich nahe der Gewächshäuser von ihr, weil er noch etwas erledigen wollte. Carol ging alleine weiter auf das Schloss zu.

Tief in Gedanken versunken ließ sie das Empfundene noch einmal Revue passieren. Sie war sicher, ihr Plan würde funktionieren.

Ein Rauschen über ihr ließ sie aufsehen und weit oben entdeckte sie einen Vogel. In dem Moment, als der Vogel die Flügel anlegte und wie ein Stein – nein, wie eine Kokosnuss, korrigierte sie sich in Gedanken lächelnd – auf den Boden zustürzte, erkannte sie, dass es Coco war.

Im letzten Moment breitete die Eule ihre riesigen Schwingen aus und landete mit einem sanften Bogen auf Carols Arm, den sie geistesgegenwärtig ausgestreckt hatte.

Trotz der dicken, gefütterten Jacke konnte sie die Klauen des Vogels an ihrem Arm fühlen und sie nahm sich vor, auf solche Aktionen im Sommer besser zu verzichten.

Die Eule übergab ihr eine Notiz und Carol versprach ihre Kekse, sobald sie wieder in ihrem Zimmer wäre.

Zufrieden schwebte Coco davon und Carol las die Nachricht.

Es war ein Brief von Tonks, in dem die junge Frau von den Freunden im Orden, ihrer Arbeit und den beunruhigenden Vorgängen der letzten Zeit überall in Britannien berichtete.

Carol freute sich, von ihr zu hören und auch wenn viele der Neuigkeiten erschreckend und beunruhigend waren, so wollte sie sie dennoch hören. Sie mochte es nicht, in Watte gepackt und in einen Elfenbeinturm gesperrt zu werden. Zwar las sie manchmal den Tagespropheten, den viele Lehrer und Schüler abonniert hatten und von dem einzelne Exemplare immer überall herumlagen, aber sie wusste auch, dass nicht alles was in der Zeitung stand wahr war und nicht alles, was wahr war, seinen Weg in die Zeitung fand. Auch wieder ein Punkt, in dem sich Zaubererwelt und Muggelwelt gar nicht so sehr unterschieden, hatte sie schmunzelnd bemerkt, als es ihr zum ersten Mal aufgefallen war.

Und trotzdem sie hier in der Abgeschiedenheit der Schule nur wenig mitbekam von dem, was überall passierte, hatte sie noch immer ihr gutes Gespür und das sagte ihr, dass sich das Unheil verdichtete und näherte.

Doch heute waren erst einmal andere Dinge wichtig, dachte sie und machte sich auf den Weg zurück in ihr Zimmer.

Der Abend kam näher und nun wurde Remus doch wieder nervöser. Schließlich, zwei Stunden, bevor der Vollmond aufgehen sollte, machten sie sich auf den Weg. Ungesehen passierten sie Hagrids Hütte und betraten den verbotenen Wald. Der Mond war noch nicht aufgegangen, so war es sehr dunkel und als der Pfad kaum noch zu erkennen war und sie definitiv außer Sichtweite des Schlosses waren, erleuchtete Remus ihnen den Weg mit seinem Zauberstab.

Endlich erreichten sie den alten Baum und Remus sah Carol mit gerunzelter Stirn an. Er sah nichts Außergewöhnliches an diesem Baum und sofort schlichen sich die alten Zweifel wieder in seinen Kopf.

Carol sah, was in ihm vorging und schmunzelte. „Ein bisschen mehr Vertrauen wäre durchaus angebracht", sagte sie mit zärtlichem Spott in der Stimme.

Dann streckte sie die Hände aus und berührte den Baumstamm mit den Handflächen. Sofort erschien ein warmes, goldenes Licht, das ihre Hände umschloss. Remus starrte darauf, als sähe er eine Erscheinung.

Sie löste ihre Hände von dem Stamm und drehte sich zu ihm um. Langsam legte sie ihre Handflächen an seine Wangen und sagte leise: „Fühle sie, fühle ihre Stärke und ihre Macht."

Er schloss die Augen und fühlte ungeheure Wärme von ihren Händen ausgehen, es war, als hülle ihn irgendeine Kraft ein. Als wäre er in warme Zuneigung gehüllt, als würde er getragen von einer Kraft, die ihn liebte und schützte.

Nach einigen Sekunden löste Carol ihre Hände wieder von seinem Gesicht. Remus war nicht in der Lage, zu sagen, was er empfunden hatte, aber etwas in ihm sagte ihm, dass Carol es auch so wusste.

„Glaubst Du nun, dass es funktionieren kann?", fragte sie ihn und er nickte stumm. Es war die reine Wahrheit, er war noch niemals von etwas so überzeugt gewesen wie jetzt.

Sie setzten sich an den Fuß des Baumes und warteten, ihre Hände fest ineinander verschränkt, als wollten sie sich niemals mehr loslassen.

Als sie der Aufgang des Mondes näherte, entkleidete Remus sich und legte seine Kleider ordentlich neben den Baum. Carol lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm und als sie die Hände wie schon damals in der Nacht im Keller an sein Gesicht legte, umhüllte das warme Licht ihren ganzen Körper, ihre Hände und Remus' Gesicht.

Er spürte, wie die Verwandlung begann, doch wie damals im Keller war sie vollkommen schmerzlos und ohne die sonst selbst mit dem Wolfsbanntrank übliche Qual. Dann, als der Moment kam, in dem normalerweise entweder der Instinkt des Tieres oder der Verstand des Mannes die Kontrolle über den Körper übernahmen, geschah das Unglaubliche.

Carol beobachtete die Verwandlung mit dem gleiche Interesse, wie beim ersten Mal und als der Kopf, den sie ich den Händen hielt vollständig einem Wolf gehörte, strich sie wie damals einmal sanft über die Schnauze.

Der Wolf sah sie ruhig an, dann drehte er sich zu dem Baum hin. Er lehnte seinen großen Kopf an den Baumstamm und verharrte einen Moment so. Ein leises Jaulen kam aus seiner Kehle, dann richtete er sich wieder auf.

Carol sah, wie ein Zittern durch den starken Körper lief, der Wolf hob den Kopf und hielt die Schnauze in die Luft, als wittere er etwas. Mit einem letzte Blick zu ihr rannte der Wolf mit kraftvollen Sätzen in den Wald hinein.

Remus fühlte voller Staunen, dass sich neben seinem Verstand etwas Neues ausbreitete. Er fühlte, wie seine Sinne sich auf unglaubliche Weise schärften und ein Gefühl von Kraft und Freiheit erfüllte ihn. Er spürte die Instinkte des Wolfes, aber sie versuchten nicht, seinen Verstand zu verdrängen. Sie waren einfach da und er witterte die kalte Waldluft, die erfüllt war von Gerüchen, die er nie zuvor erfahren hatte. Ein leichter Luftzug bewegte sein Fell und er spürte, wie angenehm sich diese Berührung anfühlte.

Er legte seinen Kopf an den Baumstamm und wie vorhin, als Carol ihn berührt hatte wurde er erfüllt von Wärme und Zuneigung. Er hörte ein merkwürdiges Geräusch und es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass es aus seiner Schnauze gekommen war. Die Empfindungen des Wolfes ähnelten den seinen verblüffend, als sie die Energie des Baumes spürten.

Doch jetzt spürte er etwas Neues. Kraft durchfuhr diesen ungewohnten Körper, der Drang zu laufen, ein unbändiges Gefühl von Freiheit. Er drehte sich noch einmal um und sah Carol an. Sie wirkte glücklich, als sie da stand und ihn beobachtete. Mit einem inneren Freudenschrei gab er sich dem Drang zu rennen hin und ließ sich von dem Wolf führen.

Carol sah ihm nach, lächelnd setzte sie sich an den Fuß des Baumes und lehnte sich an den mächtigen Stamm. Augenblicklich hüllte das Licht sie wieder ein und wärmte sie. Sie entspannte sic und genoss diesen vielleicht letzten Augenblick des Friedens.

Als der Morgen dämmerte, tauchte der Wolf wieder aus dem Unterholz auf. Er ging langsam auf sie zu, ließ sich neben ihr nieder und legten seinen Kopf auf ihrem Schoss ab. Sie strich sanft über seinen Kopf, während er sich zurück verwandelte in den Mann, den sie so sehr liebte.

Er zog sich an und in schweigendem Einvernehmen nahmen sie sich an der hand und machten sich auf dem Weg zurück.

Remus war nicht in der Lage, über das zu sprechen, was er empfunden hatte, aber das erwartete Carol auch gar nicht. Sie wusste nur zu gut, was die Erfahrung der Kraft des Lebens in einem Menschen auslösen konnte.