Kapitel 54: Entscheidungen und Positionen
Mark sah sich um. Seine Gruppe war dicht bei ihm und sah sich gerade um, wo sie in die Kämpfe eingreifen konnten.
Eine Gruppe Schüler kam über die Wiese vor dem Schloss gelaufen. Sie mussten ungefähr Drittklässler sein und trugen eine bunte Mischung aus Schals in den Farben der Häuser Hufflepuff, Ravenclaw und Gryffindor.
Drake deutete auf sie und auch Mansfield machte ihnen Zeichen, sich die Jungendlichen vorzunehmen.
„Das sind Kinder", rief Mark verzweifelt, „Kinder! Wie können wir gegen Kinder kämpfen?"
„Das sind Feinde", erwiderte Willow kalt und in diesem Moment erkannte Mark, auf was er sich eingelassen hatte. Entsetzt starrte er die jungen Männer an, die er für seine Freunde und Kameraden gehalten hatte und versuchte wenigstens bei einem von ihnen so etwas wie Vernunft und Anstand in den Augen zu entdecken. Doch da war nichts. Nichts außer der Freude, endlich an Kämpfen teilnehmen zu können, sich beweisen zu können, egal um welchen Preis.
Mark schüttelte das Entsetzen über die Vorstellung von dem, was jetzt folgen würde energisch ab, hob seinen Zauberstab und setzte Willow außer Gefecht. Dann richteten sich die Zauberstäbe der anderen Gruppenmitglieder auf ihn und er wusste, er hatte verloren.
Es war ihm egal, in diesem Moment zählte nur noch, dass er sich entschieden hatte und alles, was er sich jetzt noch wünschte, war ein Ende dieser Farce.
Snape sah, wie die Gruppe um Mark sich umdrehte und nach einem Moment des Zögerns, als sie erkannten, dass ihr Kamerad sich gegen sie gewendet hatte, hoben sie mit von Zorn verzerrten Gesichtern ihre Zauberstäbe. Mit einem Blick erfasste Snape die Situation und erkannte, in welcher Gefahr sich sein Schützling befand. Er stürzte mit einem unverständlichen Ausruf auf ihn zu, Salven von roten Blitzen schossen aus der Spitze seines Zauberstabs und schickten die jungen Männer zu Boden. Aber trotz dieser enormen Leistung konnte er nicht verhindern, dass mehrere Flüche Mark trafen und ihn einige Meter weit nach hinten schleuderten, wo er mit weit aufgerissenen, starren Augen und seltsam verrenkten Gliedmassen liegen blieb.
Die gesamte Gruppe um Mark lag am Boden, sorgfältig außer Gefecht gesetzt von Snape, der sich gerade zu Mark umdrehen wollte, um zu sehen, was mit ihm geschehen war. Doch ehe er sich auf den Jungen zu bewegen konnte, ließ eine Stimme ihn innehalten.
„Verräter!"
Er drehte sich um und sah einen untersetzten Todesser, den er nur vom Sehen kannte und der nun mit seinem Zauberstab unmissverständlich auf ihn zeigte.
„Verräter!"
Das Wort hallte in seinen Ohren, als er sich in einem schnellen Entschluss umdrehte und aus der Sichtweite der Szene verschwand.
Seine Tarnung war nun endgültig aufgeflogen und er konnte es sich nicht leisten, von seinen ehemaligen Todesserkameraden als Verräter umgebracht zu werden. Es gab jetzt wichtigeres zu tun und so sah er sich suchend um. Er hoffte im Stillen, dass er sich später um Mark kümmern konnte, falls der Junge die Attacke überhaupt überlebt hatte. Aber jetzt würde es niemandem nützen, wenn er selber getötet würde, während er sich über Mark beugte.
Deckung suchend wandte er sich ab.
Remus sah den großen Todesser, aus dessen Zauberstab die brennende Peitsche schoss, mit der er in Irland so schmerzhaft Bekanntschaft gemacht hatte und voller Entsetzen erkannte er, dass er sich Carol näherte. Sie bemerkte ihn nicht, stand gebannt da und versuchte Harry in dem Getümmel zu finden.
Die brennende Peitsche traf sie von hinten, und sie stürzte schreiend zu Boden.
Aus dem Schatten des Waldrandes löste sich eine Gestalt und gerade als Remus loslaufen wollte, um Carol zur Hilfe zu eilen, traf ihn der Lähmfluch Malfoys in den Rücken.
Der blonde Mann ging neben dem bewegungsunfähigen Remus in die Knie, brachte sein Gesicht ganz nahe an dessen Ohr und raunte mit unvorstellbarer Kälte in der Stimme: „Keine Sorge, er wird sie nicht töten, dafür werde ich sorgen. Ich habe noch eine Rechnung mit ihr offen und ich werde nicht erlauben, dass man mich um meinen Spaß bringt." Er machte eine kurze Pause, dann schnaubte er trocken. „Wenn ich es recht bedenke, vielleicht wäre es doch leichter für, wenn ich ihn sie hätte töten liesse?"
Ein kaltes, hartes Lachen ertönte, dann fuhr Malfoy mit honigsüßer Stimme fort:
„Aber ich will nicht grausam sein, Du darfst natürlich zusehen, wie ich meine Rache bekomme. Dann musst Du wenigstens nicht den Rest Deines erbärmlichen Lebens in der Ungewissheit verbringen, wie genau sie starb."
Er erhob sich, sprach einen weiteren Fluch auf Remus, der magische Fesseln um seine Arme, Beine und den ganzen Körper schlang und drehte sich ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen um.
Langsam, als hätte er alle Zeit der Welt schlenderte er auf den hoch gewachsenen Todesser und Carol zu, die sich unter der brennenden Peitsche wand. Man konnte sehen, dass sie unter entsetzlichen Schmerzen litt, und es war nicht erkennbar, wie lange sie das würde durchhalten können.
Malfoy näherte sich, flüsterte dem Mann ein paar Worte ins Ohr, worauf hin dieser ihn kurz ansah, mit den Schultern zuckte und sich dann von Carol entfernte. Sie blieb liegen, auch jetzt, wo das glühende Band fort war, schien ihr die Kraft zu fehlen, aufzustehen.
Malfoy ging auf sie zu, hockte sich neben sie und brachte sein Gesicht dicht an ihres. Er flüsterte ihr etwas zu, worauf sie hektisch versuchte, von ihm weg zu kriechen.
Doch sie kam nur wenige Zentimeter weit, als er aufstand, seinen Zauberstab auf sie richtete und einen Fluch sprach. Sie krümmte sich und ihr Mund öffnete sich, als würde sie schreien.
Remus konnte alles genau sehen, er konnte nichts hören, dafür war die Szene zu weit entfernt und das Schlachtgetümmel um ihn herum zu laut, aber das, was er sah, reichte ihm völlig, um zu begreifen, was dort passierte.
Entsetzen und Panik rollten wie eine Welle über ihn hinweg und es kostete ihn alle Kraft, sie niederzukämpfen. Er versuchte, sich gegen die Lähmung zu stemmen, die seinen Körper gefangen hielt, doch er hatte keine Chance.
Mit riesigen Schritten rannte Everett Spangle auf das kämpfende Paar Bellatrix Lestrange und Arthur Weasley zu. Er konnte erkennen, dass der Mann fast besiegt war, dass Bellatrix nur noch wenige Zauber brauchen würde, bis sie seine Abwehr so weit geschwächt hatte, dass sie ihn töten konnte.
Er beschleunigte seine Schritte und als er in Reichweite der Kämpfenden war, zog er ohne zu Zögern seinen Zauberstab und richtete ihn auf den Rücken der Frau. Er tötete sie mit einem heiseren Aufschrei: „Er gehört mir, er ist MEIN EIGENTUM!!"
Dann, bevor Arthur auch nur realisieren konnte, was geschehen war, lief er auf den Waldrand zu und duckte sich.
Er beobachtete den rothaarigen Mann noch einen Moment und murmelte leise vor sich hin: „Du gehörst mir, mein Freund und niemand wird Dich mir wegnehmen. Ich habe noch Großes mit Dir vor, aber das verschieben wir auf später, dazu brauchen wir Ruhe und Zeit."
Ein grausames Lächeln verunstaltete sein Gesicht, als er sich abwandte und den Schauplatz verließ.
Nicholas Kasparian war nicht mit seinen Lehrerkollegen auf das Schlachtfeld geeilt. Er blieb am Eingang des Tores stehen, unentschlossen, ob er sich den Kämpfen anschließen sollte, oder ob es nicht besser war, sich zu entfernen.
Beobachtend stand er in eine Nische der Mauer gelehnt, ungesehen von den Kämpfenden.
Gerade, als er sich abwenden wollte, um das Gelände zu verlassen, entdeckte er dunkle Schatten am Himmel, die sich zielstrebig auf das Schloss zu bewegten.
Er schauderte, waren die Drachen nicht schon schlimm genug gewesen? Mussten diese grässlichen Geschöpfe sich nun auch noch in den Kampf einmischen?
Er drückte sich tiefer in seine Nische, und wartete ab.
Ein paar Meter entfernt sah er wie einige seiner früheren Hauskameraden sich auf das Schloss zu bewegten, scheinbar auf der Suche nach Gegnern. Ehe er sich weiter zurückziehen konnte, hatten sie ihn schon entdeckt und liefen auf ihn zu.
„Hey Kasparian."
Er erwiderte nichts, machte sich aber bereit, sich gegen sie zu wehren.
„Was stehst Du hier herum? Zeig endlich Deine aufrechte Gesinnung als echter Slytherin und kämpfe mit uns."
„Mit Euch? Für Euren Lord? Gegen einen Haufen Kinder, alte Lehrer und eine Handvoll Auroren? Haltet ihr das für ehrenhaft?"
Einer seiner früheren Klassenkameraden schnaubte anfällig. „Ehrenhaft? Wir kämpfen für den Sieg des dunklen Lords, Kasparian. Das ist Ehre genug. Er wird herrschen und wir mit ihm. Macht ist mehr als Ehre, das solltest Du inzwischen gelernt haben."
„Sollte ich?" Nicholas Kasparians Gesicht verzog sich zu einer Grimasse aus Abscheu. „Warum sollte ich das lernen wollen? Macht ohne Ehre ist wertlos und wird immer zum Untergang führen, denn niemand wird auf lange Sicht einem ehrlosen Führer folgen wollen. Macht und die Verbreitung von Angst kann nur kurzfristige Gefolgschaft hervorbringen, versteht ihr das denn nicht?"
„Immer noch der alte Spinner und Redenhalter", schnaubte einer der Männer verächtlich.
„Kommt, wir werden ihn nicht überzeugen können. Damals nicht und heute nicht. Er wird es beizeiten bereuen."
Sie wandten sich ab, doch ihr Anführer drehte sich noch einmal zu dem Lehrer um. „Wage es nicht, Dich gegen uns zu stellen, Kasparian. Wir verschonen Dich jetzt, weil Du einmal einer von uns warst, aber das ist alles, was Du an Gnade erwarten darfst. Behalte Deine Neutralität, wenn sie Dir so wichtig ist, aber wende Dich niemals gegen uns."
Er deutete drohend mit seinem Zauberstab auf Kasparian, dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und folgte seinen Kameraden.
Schweigend blickte Nicholas ihnen nach, sie waren niemals enge Freunde gewesen, aber trotzdem hatte die Zugehörigkeit zum gleichen Haus für sieben Jahre sie miteinander verbunden.
Er hatte sich beim ersten Aufstieg Voldemorts erfolgreich aus Allem heraushalten können, aber damals war er auch nicht in der Nähe eines solchen Getümmels gewesen wie heute.
Damals war seine Neutralität alleine schon eine Aussage gewesen, hatte es gereicht, sein Talent und seine Fähigkeiten dem dunklen Lord vorzuenthalten, um eine eigene Art von Position einzunehmen.
Aber nun war das anders.
Er blickte sich um, sah kleine Gruppen von jüngeren Schülern, die sich in der Nähe der Schlossmauern zusammenkauerten. Etwas weiter entfernt erkannte er einige Sechstklässler, die versuchten zwei Todesser von ein paar Kindern fernzuhalten.
Professor Sprout näherte sich den in Bedrängnis geratenden Schülern und setzte ihre Zauber gegen die Todesser ein, doch Kasparian erfasste mit einem Blick, dass sie wenig Erfahrung und kaum eine Chance hatte. Er staunte über ihren Mut und ihre Entschlossenheit und fasste einen Entschluss.
Das hier war eindeutig nicht der Ort, um sich neutral zu verhalten.
Seinen Zauberstab zückend lief er auf sie zu und stellte sich an ihre Seite. Sie sah ihn eine Sekunde erstaunt an, dann nickte sie ihm dankbar zu und gemeinsam schafften sie es, die Todesser außer Gefecht zu setzen und Professor Sprout machte sich sofort daran, die Schüler zu Schloss zurück zu bringen.
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