Kapitel 55: Bruder

Voller Verzweiflung versuchte Remus gegen die magischen Fesseln anzukämpfen, aber keines Menschen Kraft konnten dafür reichen. Lucius Malfoy kannte seine Flüche und er schlampte nicht.

Wieder sah er zu Carol hinüber und ihre Qual schien ihm das Herz zu zerreißen und dennoch konnte er fühlen, dass er den Kampf gegen Lähmzauber und Fesseln nicht gewinnen konnte.

Es würde übermenschliche Kräfte erfordern, sich gegen diesen Fluch zu behaupten und die hatte er nicht. Normalerweise jedenfalls nicht.

Ein Gedanke tauchte in seinem verzweifelt nach einer Lösung suchenden Verstand auf. Auch wenn er die Kraft nicht besaß, seine Fesseln zu zerreißen, er kannte jemanden, der dazu sicher in der Lage war.

Eine tiefe Ruhe überkam ihn, als er tief in sein Innerstes lauschte, den Teil von ihm suchte, den er so lange so sehr verabscheut hatte. Den er aber auch in den letzten Wochen so viel besser kennen gelernt hatte und der nun vielleicht seine einzige Chance war.

Er fand den Geist des Wolfes tief in sich vergraben und in Ketten gelegt. Als der Wolf ihn bemerkte, knurrte er voller Wildheit und Wut, bäumte sich in seinen Fesseln auf und fletschte drohend die Zähne. Aber Remus näherte sich ihm langsam und ohne Furcht, nach dem letzten Vollmond wusste er, dass noch etwas anderes in diesem Teil von ihm steckte, etwas, das nicht töten wollte, sondern nur nach Freiheit strebte.

Und wirklich, je näher er der vermeintlichen Bestie kam, ohne Furcht und Abscheu zu zeigen, desto ruhiger wurde der Wolf.

Schließlich standen sie sich gegenüber und Remus ließ den Wolf fühlen, was er fühlte, ließ ihn wissen, was er wusste, welche Gefahr drohte und welche Angst er um Carol hatte.

Der Wolf bewegte sich nicht, schien nicht zu reagieren, bis Remus ihm alles gezeigt hatte. Dann knurrte er leise und es klang wie eine Zustimmung.

Remus wartete, was passieren würde, doch nichts geschah, Es gab keine Änderung, sein Körper war noch immer gefesselt und die Szenerie um ihn herum hatte sich nicht geändert.

Noch einmal wandte er sich dem Wolf zu, sah ihn fragend an. Das Wesen erwiderte seinen Blick ruhig, dann knurrte er noch einmal und sein Blick änderte sich. Remus begriff plötzlich, was der Wolf sagen wollte: „Du musst loslassen. Solange Du mich hältst, kann ich nichts tun, nicht ohne den Mond."

Da endlich ließ Remus los, ließ die Kontrolle über sich und seine Emotionen fallen und mit einem triumphierenden Geheul erhob sich der Wolf.

Remus fühlte, wie unbändige Kraft durch seinen Körper schoss und mit einer einzigen, ruckartigen Bewegung zerriss er die magischen Fesseln.

Ein weiterer Triumphschrei kam aus seiner Kehle und ihn durchströmte das Gefühl rennen zu wollen, rennen, reißen, heulen. Der Geruch von Blut drang in seine Nase und er fühlte unbändigen Hunger.

Mit all seiner Kraft kämpfte er das Gefühl nieder, atmete tief und langsam, bis er merkte, dass sein eigener Verstand wieder die vollständige Kontrolle über seinen Körper hatte.

Er wusste, dass er ein schreckliches Risiko eingegangen war, aber gleichzeitig wusste er auch, dass dies der einzige Weg gewesen war.

Schlagartig wurde ihm klar, dass er das hier nicht gekonnt hätte, wenn er nicht durch Deirdre erfahren hätte, dass er die Taten des Wolfes überleben konnte, dass er nicht hier wäre, wenn er nicht begriffen hätte, dass man manche Dinge für sich selber annehmen musste, um mit ihnen Frieden schließen zu können. Plötzlich fügten sich viele Teile zu einem ganzen Bild zusammen und Remus drehte sich lächelnd zu dem Wolf um, der nun eingerollt und ohne Ketten tief in seiner Seele ruhte: „Danke… Bruder."

Er sah zu Carol herüber, die am Boden lag. Ihr war anzusehen, wie sehr sie litt und dieser Anblick schmerzte Remus mehr als alles, was er jemals gesehen hatte.

Ohne lange nachzudenken hob er seinen Zauberstab und schleuderte den Entwaffnungszauber auf Malfoy, der durch die Wucht des Zaubers in die Luft gehoben und einige Meter weit nach hinten geschleudert wurde. Er blieb einen Moment lang benommen liegen, dann rappelte er sich auf, sah voll ungläubigen Erstaunens auf Remus und schauderte dann, als würde er noch einen Rest von Wildheit in dessen Augen sehen.

Ron und Hermine entwaffneten und fesselten den Todesser, der gerade von einer blonden Aurorin außer Gefecht gesetzt worden war. Sie nickte ihnen freundlich zu und als sie sah, dass die beiden gründlich und sorgfältig vorgingen, wandte sie ab, um einem Kollegen zur Seite zu eilen.

Hermine prüfte abschließend noch einmal den Sitz der Fesseln, dann drehte sie dem noch Bewusstlosen den Rücken zu um zu sehen, was Ron tat.

Dieser blickte sich suchend um und nach einem Moment des Zögerns begriff Hermine, wonach er Ausschau hielt.

„Wo ist Harry?"

„Keine Ahnung, eben war er noch hier, direkt neben uns."

Beide sahen sich weiter um, konnten jedoch von Harry keine Spur entdecken. Gerade, als sie loslaufen wollten, um ihn zu suchen, hörten sie vertraute Stimmen hinter sich.

Dean, Alicia, Hannah und Ernie, die jeweils zusammen kämpften und als eingeteiltes Vierer-Team agierten, setzten sich mit einem hochgewachsenen Todesser auseinander, der gegen die Vier immer mehr an Boden verlor.

Gerade, als sie mit ihm fertig waren, stießen auch Luna und Neville dazu, die eben eine junge Todesserin außer Gefecht gesetzt hatten.

Sie alle wirkten zerrauft und außer Atem, aber keiner schien ernsthaft verletzt zu sein.

„Bei Merlin, wo kommen die bloß alle her?"

„Ich hab nie geahnt, dass Du-weißt-schon-wer" so viele Anhänger hat."

„War gut, dass Harry uns hergeschickt hat, es sind viel mehr Todesser, als Ordenleute, Ministeriumszauberer und Auroren hier."

„Übrigens, wo ist eigentlich Harry?" Dean brachte Ron und Hermine wieder auf ihre ursprüngliche Suche zurück.

Sie erklärten schnell, dass Harry noch vor ein paar Minuten neben ihnen gewesen war, dann aber verschwunden sei.

Sofort erklärten sich alle bereit, bei der Suche zu helfen, aber mit einem entsetzten Blick zum Himmel sagte Hermine: „Nein. Ihr müsst schnell zum Schulgebäude zurück."

Sie deutete auf die düsteren Gestalten, die sich hoch in der Luft dem Schloss näherten.

„Dementoren!", jappste Alicia entsetzt.

„Genau", Hermine nickte voller Grauen. „Jeder von Euch beherrscht den Patronuszauber. Ihr müsst die jüngeren Schüler beschützen, sie sind leichte Beute für die Dementoren und ich schätze, das wittern diese widerlichen Biester auch."

Die anderen Jugendlichen sahen sich kurz an, dann nickten sie und liefen zurück zum Schloss.

Hermine packte Ron am Ärmel, der noch immer voller Entsetzen in den Himmel starrte.

„Komm! Es wird Zeit, dass wir Harry finden. Merlin weiß, in was er sich gerade hineinreitet."

Als Lucius Malfoy merkte, dass Lupin sich offensichtlich nicht mehr für seinen Verbleib interessierte, sondern schnellstens zu seiner Freundin eilte und sich neben ihr niederkniete, drehte er sich um und machte sich davon.

Es würde andere Gegner geben und er würde eine Gelegenheit finden, seine Rechnung mit der Frau zu begleichen, da war er ganz sicher.

Carol rappelte sich auf, sah Remus dankbar an und versuchte vorsichtig ein paar Schritte zu gehen. Sie taumelte und Remus erkannte, dass sie starke Schmerzen haben musste. Er griff nach ihrem Arm und wollte sie stützen. Sie lächelte ihn warm an und in ihren Augen las er Dankbarkeit und Liebe. Wieder schien es ihm das Herz zu zerreißen, als er daran dachte, dass er nie wieder in diese Augen sehen würde und er schluckte schwer.

Während sie sich langsam wieder fing und zu Kräften kam, bemerkte Remus nun, dass drei Todesser auf sie zu gelaufen kamen und er hob seinen Zauberstab.

„Schnell. In das Gebüsch da, Carol. Ich halte sie auf."

Er schob sie mit einer bestimmenden Geste auf ein paar Büsche zu, die noch leicht vor sich hin kokelten, aber trotzdem einen ausreichenden Schutz vor unerwünschten Blicken boten.

Sie humpelte hinter das Gebüsch und duckte sich.

Von hier aus sah, sie, wie Remus sich gegen das Trio zur Wehr setze. Er war sehr geschickt, aber sie waren einfach zu sehr in der Überzahl.

Am Rand des Waldes tobte noch immer der erbitterte Kampf der Zentauren gegen die Riesen.

Hagrid hatte sich mittlerweile aus seiner Erstarrung gelöst und war auf den Waldrand zugegangen, um die Zentauren bei ihrem Kampf gegen die Riesen zu unterstützen. Fang lief ihm um die Beine und erstaunlicherweise war nun auch sein Halbbruder bei ihm.

Der Kampf tobte unerbittlich und manchmal sah es aus, als könnten die Pfeile der Zentauren den Riesen wirklich schaden, was Flüche von Zauberern nicht vermochten.

Dann aber sah es wieder so aus, als würde die Riesen mit ihren Waffen und den Steinen, die sie einfach auf ihre Gegner warfen, die Oberhand behalten.

Hagrid wandte sich gegen die vordersten Riesen und versuchte, mit lauten Worten in ihrer Sprache und ausladenden Gesten ihre Aufmerksamkeit zu erringen.

Doch die Riesen tobten, nichts und niemand konnte sie aufhalten, sie waren offensichtlich in ihrem Element und Hagrids Versuche wirkten mehr als nur kläglich.

Schließlich gab er es auf und folgte seinem Halbbruder, der sich bereits in das Kampfgetümmel gestürzt hatte und mit eine etwas abseits stehenden Riesen in eine Art Ringkampf verwickelt war.

Hagrid versuchte einen der Riesen, die sich auf das Werfen von gigantischen Steinbrocken verlegt hatten, das Wurfgeschoss zu entwinden und geriet mitten in die Gruppe hinein, als sein Gegner einige Schritte zurück wich. Die Masse seiner Artgenossen schien ihn zu verschlucken und jetzt hätte ein fremder Beobachter erkennen können, wie klein Hagrid gegen diese Giganten war.

Plötzlich öffneten sich die Tore des Schlosses und Albus Dumbledore trat heraus. Er sah sich um und verschaffte sich einen Überblick über die Kampfsituation.

Mit einem Blick erfasste er die Lage und ging gemessenen Schrittes auf den Kampf am Waldrand zu.

Er hob seinen Zauberstab, als er in Rufweite war und leuchtend violette Fäden kamen aus der Spitze, die auf die Riesen zu schossen und in deren Köpfen zu verschwinden schienen.

Als schließlich keine Strahlen mehr aus der Spitze kamen, senkte der Schulleiter seinen Zauberstab und blieb in abwartender Haltung stehen.

Es war nicht erkennbar, was für einen Zauber Dumbledore angewandt hatte, doch die Auswirkungen waren um so deutlicher zu sehen. Furcht, ja Panik machte sich auf den Gesichtern der Riesen breit, als würden sie plötzlich etwas Fürchterliches vor sich sehen und sie rannten in heller Aufregung fort. Sie achteten nicht mehr darauf, ob gekämpft wurde, ob sie Flüchen in den Weg liefen, oder ob sonst etwas um sie herum geschah. Sie flohen kopflos und nichts und niemand war in der Lage, sie aufzuhalten, bis sie das Gelände verlassen hatten.

Und erst, als die das Kampffeld verlassen hatten, konnte man das ganze Ausmaß ihrer Zerstörung erkennen. Tote und verletzte Zentauren lagen am Boden, Einhörner bewegten sich langsam zwischen den Körpern und senkten immer wieder ihre Köpfe, um mit ihrem Horn blutende Wunden zu versorgen.

Dort, wo die Riesen gestanden hatten, lag Hagrid. Fang saß neben dem Körper seines Herrchens, jaulte herzzerreißend und leckte immer wieder über das bärtige Gesicht.

Kasparian sah, wie Professor McGonagall voller Energie gegen zwei Todesser kämpfte. Sie setzte Flüche und Abwehrzauber geschickt ein und schaffte es, beide Gegner sowohl abzuwehren, als auch zu schädigen. Was sie allerdings nicht sah, war Lucius Malfoy, der sich ihr mit gezücktem Zauberstab von hinten näherte und etwas sagte. Voller Entsetzen erkannte Kasparian, dass seine Kollegin mit einem gezielten Fluch in den Rücken aus dem Weg geräumt war. Dann wandte sich Malfoy einer kleinen Gruppe von Zauberern zu, die zwei schwer verbrannte Verletzte in Richtung Schloss schweben ließen. Er hob seinen Zauberstab und deutet in Richtung der kleinen Gruppe.

Kasparian atmete zischend ein, dann sprang er mit einem Satz auf Malfoy zu. Er hob seinen Zauberstab und rief: „Ein weiteres Mal willst Du unfair gewinnen, Malfoy, aber ich werde es nicht zulassen, dass Du auf diese Weise den Sieg davon trägst. Ein für alle Mal!"

Er wartete, bis Malfoy sich erstaunt zu ihm umgedreht hatte, den Zauberstab erhob und gerade seinen alten Schulkameraden verfluchen wollte.

Eine Kaskade roter Blitze schoss aus Kasparians Stab und warf Malfoy mehrere Meter rückwärts, wo er leblos liegen blieb.

Kasparian ging zu dem toten Körper, betrachtete ihn einen Moment und murmelte dann mit einem Kopfschütteln: „Du warst schon immer eine Schande für unser Haus, Lucius. Nun hat Dich Deine Unfähigkeit fair zu kämpfen umgebracht und ich fürchte ich werde Dir keine Träne nachweinen."

Ohne einen weiteren Blick wandte er sich ab, um zu sehen, wo er helfen konnte.