Zweites Kapitel
… in dem ein Kind auftaucht und wieder verschwindet
Severus sah Eugenia im ersten Schuljahr sehr oft, sie hatten gemeinsam Unterricht und hielten sich oft im Gemeinschaftsraum auf. Wie er ging sie nur widerwillig und unter Gruppenzwang zu den Quidditch-Spielen, sie machte sich einfach nichts aus der kollektiven Begeisterung.
Einmal sah er sie, wie sie sich mit einem rothaarigen Gryffindor-Mädchen stritt. Sie hatten gemeinsamen Unterricht in Kräuterkunde und nach der Stunde waren die beiden Mädchen in einen Streit verfallen. Die anderen Schüler waren längst aus dem Gewächshaus gestürmt und Severus war wie meistens ein wenig hinter der Masse geblieben. So sah er nun, dass Eugenia wutentbrannt ihren Zauberstab zog. Doch statt sofort einen Fluch auf die Andere abzufeuern, wartete sie zu Severus' Erstaunen, bis das rothaarige Mädchen auch ihren Zauberstab aus dem Umhang genestelt hatte und auf sie richtete. Dann aber feuerte Eugenia mit blitzartiger Geschwindigkeit einen Fluch auf die Gryffindor ab, der deren Haare erst grün werden und dann noch zähen grünen Schleim aus ihnen tropfen ließ.
Severus musste grinsen, aber dann sah er, wie Eugenia ohne Hast ihren Zauberstab wegsteckte und sich umdrehte. Sie ließ die heulende Gryffindor einfach stehen, ohne die Gelegenheit zu Hohn und Spott zu nutzen.
Er verdrückte sich schnell, bevor sie ihn bemerken konnte, aber ihr merkwürdiges Verhalten ließ ihn nicht los und er grübelte noch lange darüber nach, was es bedeutete.
Viel später erfuhr er, wer der ältere Junge gewesen war, der sie als seine Cousine angekündigt hatte.
Nicholas Kasparian. Der wohl begabteste Zauberer, der Hogwarts seit vielen Jahrzehnten besucht hatte, hieß es.
Sein überragendes Talent in allen Fächern, die mit Zauberei zu tun hatten, hatte Slytherin den Hauspokal gesichert, seit er an der Schule war, und so war er der Held seines Hauses.
In diesem und dem nächsten Jahr sah er oft, wie Nicholas mit Eugenia Duelle übte. Er schien es sehr ernst zu nehmen, seiner Cousine alles beizubringen, was er konnte.
Erstaunlicherweise war er auch für sein ausgeprägtes Fairplay bekannt. Er ließ niemals zu, dass in seiner Gegenwart unfair gekämpft wurde, was ihm allerlei Unmut bei seinen Kameraden einbrachte.
Er war souverän genug, darüber hinweg zu sehen und seine konstanten Erfolge im Unterricht und der damit verbundene Punktgewinn sicherten ihm seine unangreifbare Position.
Jetzt erst begriff Snape, was er im ersten Jahr am Gewächshaus gesehen hatte. Eugenia hatte sich nur an die Duellregeln gehalten, die ihr Cousin ihr beigebracht hatte. Außerdem hatte sie wohl auch keinerlei Interesse daran, einen anderen zu verspotten, wenn der bereits besiegt war.
Ein merkwürdiges Mädchen, das ihm immer wieder Rätsel aufgab.
Severus schluckte. Sein Kind? Sie hatte ein Kind und er sollte der Vater sein?
Nur langsam sickerte das soeben Gehörte in seinen Verstand und er begriff die volle Tragweite dessen, was sie ihm da gesagt hatte.
Er sah sie an, während die eisige Hand in seinen Eingeweiden wühlte. In ihren Augen sah er, dass sie die Wahrheit sagte, dass es nicht nur eine Finte war, um ihn aus der Fassung zu bringen.
Langsam erreichte die Erkenntnis auch sein Herz, er wusste nicht, was er fühlte, nur dass ein vages Gefühl von Wärme das Eis aus seinem Inneren vertrieb.
„Wo…"
Seine Stimme schien nicht ihm zu gehören, es war nur ein Krächzen, das er hervorbrachte.
Er räusperte sich. „Wie alt ist es? Wo ist es jetzt? Warum hast Du nie…"
Er wusste nicht, welche Fragen er zuerst stellen sollte, aber sie brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
„Dein Sohn hat nur drei Tage gelebt, Severus", erwiderte sie kalt. „Wer weiß, vielleicht war das besser, als herauszufinden, wer seine Eltern waren."
Er starrte sie einen Moment lang fassungslos an, dann wurde seine Miene wieder hart.
„Wahrscheinlich hast Du Recht, Eugenia. Du eignest Dich wohl nur als Mutter eines toten Kindes."
Eugenia zuckte zusammen. Warum hatte sie ihm das so grausam gesagt? Sie hatte doch gesehen, dass es ihn verletzen würde. Aber irgendwie war es genau das gewesen, was sie wollte.
Wortlos erhob sie sich und verließ den Raum.
Snape blieb sitzen. Nach dem kurzen heftigen Schmerz, der ihren Worten gefolgt war, hatte sich Leere in ihm ausgebreitet. Er fühlte nichts und das war ihm gar nicht so unwillkommen.
Andererseits sah er auch wieder den Schmerz in ihren Augen, als sie von dem Kind erzählt hatte und er sah sie zusammenzucken, als er ihr gerade eben Kontra gegeben hatte.
Es war fast automatisch gewesen, dass er sie so verletzt hatte, wie sie ihn.
Er schüttelte den Kopf. Würden sie denn niemals damit aufhören können?
Langsam erhob er sich, um zu sehen, wohin sie gegangen war.
Eugenia rauschte aus dem Wohnzimmer und stand im Flur. Etwas unsicher sah sie sich um. Ein guter Abgang war etwas feines, aber danach sollte man zumindest wissen, wohin man ging.
Sie drehte sich herum und setzte sich schließlich auf die unterste Stufe der Holztreppe, die scheinbar ins obere Stockwerk führte.
Innerlich fluchend biss sie sich auf die Unterlippe. Warum hatte sie nicht ihre Klappe halten können. Warum konnte sie ihn nicht in Frieden lassen. Mühsam würgte sie den Impuls einfach loszuweinen herunter. Sie würde sich jetzt hier nicht gehen lassen, nicht, wenn die Gefahr bestand, dass er sie so sah.
Gerade rechtzeitig, bemerkte sie, denn die Tür des Wohnzimmers öffnete sich und Snape trat heraus. Er sah sie auf der Treppe sitzen und blickte eine Weile zu ihr herüber, als müsse er eine Entscheidung fällen.
Dann trat er auf sie zu, setzte sich stumm neben sie und starrte auf dem Boden vor seinen Füssen. Wenn er doch nur wüsste, wie man es anstellte, sich zu entschuldigen.
Noch während er grübelte, hörte er sie leise sagen: „Frieden für heute?"
Er sah auf und drehte den Kopf zu ihr. Eine bissige Bemerkung kam ihm fast automatisch in den Sinn, aber er verschluckte sie noch rechtzeitig. Dann nickte er.
„Genug blutende Wunden für einen Abend, Genia."
Sie zuckte bei der Nennung dieses Kosenamens, den sie so viele Jahre nicht mehr gehört hatte, leicht zusammen.
Und wie jedes Mal, wenn er ihn aussprach, lief ihr ein Schauder über den Rücken, so weich und samtig klang seine Stimme bei diesem einen Wort. Sie spürte, dass es ihm ernst damit war das Friedensangebot anzunehmen, denn sonst hätte er das nicht gesagt.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren erschien ein echtes Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Ich bin müde", sagte sie schlicht und er erhob sich.
„Komm."
Er führte sie die Treppe nach oben bedeutete ihr mit einer Hand einer bestimmten Stufe auszuweichen und zeigte ihr ein Zimmer im oberen Stock. Aus einem Schrank nahm er Bettzeug und gab es ihr. Dann zeigte er ihr noch, wo das Bad war und brachte sie wieder zurück in das Gästezimmer.
„Gute Nacht, Eugenia."
„Gute Nacht. Und….."
Sie drehte sich weg von ihm, aber er hörte, wie sie fast unhörbar „Danke" murmelte.
Dann schloss sich die Tür und er stand auf dem Korridor.
Er starrte auf die Tür, hinter der sie verschwunden war und wollte ihr noch etwas sagen. Es gab so vieles, das ungesagt geblieben war. Langsam hob er die Hand und streckte sie wie mit einer bittenden Geste nach der Tür aus, ließ sie dann doch wieder sinken.
Schließlich straffte er sich und ging wieder hinunter, um noch seine Wunde zu versorgen und dann auch ins Bett zu gehen.
