Drittes Kapitel
…in dem eine widerspenstige Wurzel ein Gespräch eröffnet und eine Vereinbarung getroffen wird
In ihrem dritten Jahr in Hogwarts war Nicholas nicht mehr an der Schule und Eugenia war immer öfter alleine.
Es war nicht nur seine Gesellschaft, die ihr nun abging, auch sein permanenter Schutz fehlte ihr jetzt sehr. Sie hatte sich bemüht, immer nach seinen Regeln zu handeln und sich damit einige befremdete bis böse Blicke und Kommentare ihrer Hauskameraden eingehandelt. Einzig Nicholas' Stellung innerhalb des Hauses hatte sie davor bewahrt, dass die Blicke und geflüsterten Kommentare in offene Feindseligkeiten umschlugen.
Nun bemühte sie sich in erster Linie darum unsichtbar zu sein oder zumindest keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen und dazu lernte sie eine wichtige Lektion für ihr Leben: Wenn Du verhindern willst, dass jemand Dich schlägt, dann sorge dafür, dass er nicht in die Lage kommt, das zu tun.
Für sie hieß das, dass sie sich ablehnend jedem gegenüber verhielt, der sich ihr nähern wollte, dass sie sich eine Aura der Unnahbarkeit zulegte und jeden der das zu ignorieren versuchte, mit einem bissigen Kommentar oder einem angedrohten Fluch auf Distanz hielt. Es war nicht unbedingt schön, aber es erfüllte letztendlich seinen Zweck. Sie hatte keine Freunde, aber andererseits kam ihr auch niemand nahe genug, um sie zu verletzen.
So saß sie oft in einer Ecke des Gemeinschaftsraumes und las in ihren Büchern.
Severus ging es ähnlich, er hielt sich oft abseits der Gruppen, die sich inzwischen innerhalb des Hauses gebildet hatten. Es lag ihm nicht, sich einem Anführer unterzuordnen, aber selber anführen wollte er auch nicht. Also blieb nur die Rolle des außenstehenden Beobachters, etwas, das ihm gar nicht so unangenehm war. Er vermisste es nicht, Freunde zu haben, denn im Gegensatz zu den meisten anderen Kindern hatte er das Gefühl nie gekannt.
Einzig Eugenia weckte immer wieder sein Interesse. Sie war ihm so ähnlich und doch so grundlegend anders, als er.
Er respektierte ihre Distanziertheit, fand aber eine merkwürdige Zufriedenheit darin, sie oft heimlich zu beobachten.
Eines Nachmittags saß sie wieder einmal an einem der Arbeitstische an der hinteren Wand des Gemeinschaftsraums und bereitete ihre Zutaten für die nächste Zaubertrankstunde vor.
Aber wie sie es auch anstellte, die verdammten Wurzeln wollten sich nicht ordentlich schneiden lassen, sie zerfaserten immer wieder und die Schnittkanten waren nie schön glatt, wie sie es sein sollten, sondern sahen regelrecht zerfetzt aus.
Sie fluchte leise, als sich bei einem weiteren Versuch, der störrischen Wurzeln Herr zu werden auch noch in den Finger schnitt.
„Du musst sie diagonal schneiden, dann bekommst Du glatte Schnitte hin."
Sie steckte sich den blutenden Finger in den Mund und sah auf.
Severus stand vor ihr und sah interessiert auf das Durcheinander auf dem Arbeitstisch.
Sie wappnete sich für eine spöttische Bemerkung über ihr offensichtliches Versagen auf dem Gebiet, aber er stand nur schweigend da.
Langsam zog sie den Finger aus dem Mund, nuschelte: „Danke" und betrachtete den tiefen Schnitt.
Dann zog sie ihren Zauberstab aus der Tasche, richtete ihn auf ihren Finger und murmelte leise ein Wort. Der Schnitt hörte auf der Stelle auf zu bluten und schloss sich dann langsam von einem Ende zum Anderen.
Severus deutete auf die zerfledderten Wurzelstücke auf dem Tisch und sagte schüchtern: „Wenn Du willst, zeig ich's Dir."
Eugenia nickte und er griff nach dem Messer. Mit schnellen, präzisen Bewegungen schnitt er die Wurzelstücke in kleine Streifen, genau so, wie es das Lehrbuch vorschrieb.
Er drehte sich zu ihr um.
„Du musst das Messer schräg ansetzen, dann schneidest Du mit den Fasern, nicht gegen sie. Wenn Du das beachtest, ist es eigentlich ganz einfach."
„Toll." Sie war wirklich beeindruckt und vergaß völlig, dass sie ihn eigentlich wie jeden anderen wegbeißen müsste. „Echt, ich wünschte, ich könnte da auch."
Severus lief leicht rosa an, dann deutete er auf ihren Finger, wo von dem tiefen Schnitt nur noch eine dünne rote Linie zu sehen war.
„Das ist aber auch nicht schlecht. Woher kannst Du so was?"
„Meine Mum war Heilerin. Sie bestand darauf, dass ich Erste Hilfe Zauber beherrschen müsse. Ich konnte das schon lange, bevor ich zur Schule gekommen bin."
Er nickte stumm, wollte das Gespräch mit ihr gerne fortsetzen, aber er wusste nicht, wie. Es erstaunte ihn, wie wohl er sich in ihrer Nähe fühlte, allerdings fiel ihm noch immer nichts ein, was er sagen konnte und so nickte er noch einmal und murmelte: „Naja, wenn Du noch mal Hilfe bei Zaubertränken brauchst…"
Auch Eugenia wusste nicht so recht, was sie sagen sollte und so erwiderte sie nur: „Ja, danke."
Dann sah sie zu, wie er wieder zu seinem Platz ging, an dem er seine Bücher zur Seite gelegt hatte, als er ihr zur Hilfe gekommen war.
Merkwürdiger Kerl, dachte sie. So anders als die anderen Idioten hier, aber irgendwie auch unheimlich.
Er hatte heftige Probleme mit einer Gruppe von Gryffindor-Jungen, mit denen er sich duellierte, wann immer sie aufeinander trafen.
Sie dachte an Lily Evans und ihren Streit gleich zu Anfang des ersten Schuljahrs. Sie hatte Glück gehabt, dass ihr Fluch und ihre generelle ablehnende Haltung die Gryffindor von da an von ihr ferngehalten hatte. Mit etwas mehr Pech wäre sie genauso eine Zielscheibe geworden, wie Severus es nun für die Jungs war.
Sie seufzte, dann wandte sie sich wieder der Zutatenliste zu.
Es war erstaunlich, wie gut Eugenia geschlafen hatte, obwohl sie eigentlich schon seit Jahren nicht mehr gut schlief. Sie stand auf und fühlte sich besser als seit sehr langer Zeit. Nach einer ausgiebigen Dusche ging sie hinunter in die Küche, wo Snape bereits am Tisch saß.
Er grüßte sie mit einem stummen Nicken und deutete auf eine Teekanne, die auf dem Herd stand. Sie nahm sich eine Tasse Tee und einige Nahrungsmittel, die lieblos auf der Arbeitsfläche neben dem Herd ausgebreitet waren. Mit Tasse und gefülltem Teller setzte sie sich zu ihm an den Tisch und sie aßen schweigend.
Interessiert ließ Eugenia den Blick durch die Küche schweifen und blieb an einer alten Ausgabe des Tagespropheten hängen, die zwischen benutztem Geschirr und ein paar alten Lappen lag. Auf dem Titelblatt prangte ein Bild von Severus, der immer wieder den Kopf wegdrehte und die Überschrift versprach in reißerischen Worten, dass das Ministerium in allerkürzester Zeit spektakuläre Fahndungserfolge erwarte.
Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf die Zeitung.
„Soso, Du bist jetzt der Staatsfeind Nummer 1." Sie lachte ein kaltes Lachen. „Nimm Dich in Acht, Bella wird es Dir nicht verzeihen, dass Du ihr den Rang abgelaufen hast."
Er schnaubte verächtlich.
„Hast also den alten Mann getötet", fuhr sie fort. „Warum?"
Er sah auf. Es hatte echte Neugier aus ihrer Frage geklungen.
„Das ist eine lange Geschichte."
„Ich habe Zeit." Sie nahm sich noch einen Toast und mit einem Wink ihres Zauberstabs war er heiß und knusprig.
„Warum hast Du eigentlich Zeit?"
Sie biss in den Toast, das Kauen schien plötzlich ihre ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen.
Er ließ nicht locker. „Wieso kannst Du nirgendwo hin?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Ist ne lange Geschichte."
„Was ist mit Nicholas? Kann er nicht…"
Sie unterbrach ihn und ihre Worte waren scharf wie Messer. „Ich bin schon lange nicht mehr Nicholas' kleine schützenswerte Cousine. Er legt so viel Wert auf Ehre. Sieh mich an. Sehe ich aus, als hätte ich nur einen Funken Ehre?" Sie lachte schmerzerfüllt und es gab Snape einen Stich, sie so zu sehen. Er wollte seine Hand ausstrecken, um ihren Arm zu berühren, da fuhr sie fort: „Immerhin hatte ich ein uneheliches Kind. Und dazu noch mit einem Halbblüter."
Er zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb.
Es verging ein Moment, dann sah er sie an und mit einem höhnischen Lächeln sagte bösartig leise: „Nun ja, es war noch nie Deine Stärke, Menschen zu halten, die Dir etwas bedeuten, nicht war, Kasparian? Niemand möchte über lange Zeit mit Dir in Verbindung gebracht werden, warum sollte das bei Deiner fabelhaften Reinblüter-Familie anders sein?"
Tränen schossen ihr bei seinen Worten in die Augen, aber sie blinzelte sie fort. Niemals im Leben würde sie sich die Blöße geben, vor ihm zu weinen. Diesen Triumph wollte sie ihm niemals gönnen. Und letztendlich hätte sie sich diesen Satz auch sparen können, das wusste sie. Er hatte nur einen Zweck gehabt und den hatte er erfüllt, er hatte Severus Snape grausam verletzt.
Snape merkte an ihren Augen, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Doch das Gefühl des Sieges wurde sofort abgelöst von einer seltsamen Trauer.
Es wiederholte sich wieder und wieder, wenn immer sie sich näher kamen, schlugen sie einander ins Gesicht.
Als wäre das die einzige Form der Nähe, die sie einander zugestehen konnten, als bräuchten sie das, um bei dem anderen eine emotionale Reaktion hervor zu rufen.
Sie schwiegen lange und ein fremder Beobachter hätte bemerken können, dass es der gleiche grausame Schmerz war, der sich in ihren Augen widerspiegelte.
Lange Zeit sagte keiner von ihnen etwas, aber schließlich brach Snape das Schweigen.
„Hör zu, ich will Dir ein Angebot machen. Ich habe ein Problem, das ich aufgrund meiner derzeitigen Situation kaum alleine bewältigen kann und Du brauchst eine Unterkunft.
Ich biete Dir mein Gästezimmer an und Du hörst Dich im Gegenzug an allen möglichen Orten nach dem Verbleib von Draco Malfoy um."
Er musterte sie, sie hatte bei seinem Vorschlag die Augen zusammengekniffen.
„Also, was ist? Einverstanden?"
„Was hast Du mit einer Malfoy-Brut zu schaffen, Snape?", fragte sie in unerwartet scharfem Tonfall.
Er sah sie aufmerksam an. Offensichtlich war sie ihrem Cousin doch noch immer ähnlicher, als er vermutet hatte und sie es wahrhaben wollte.
Er stieß ein freudloses Lachen aus.
„Das muss Dich momentan nicht kümmern, es ist lediglich der Preis für Kost und Logis."
Sie musterte ihn einen Moment, als erwarte sie, dass die Sache noch irgendeinen Haken habe, dann aber nickte sie. „Einverstanden."
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