Fünftes Kapitel
… in dem eine simple Berührung so vieles verändert
Trotz Eugenias List war es eine schwierige Zeit für Severus und sie. Es dauerte lange, bis sie wieder den vertrauten Umgang miteinander hatten. Zu tief saß das, was die Szene in Severus angerichtet hatte.
Der bis dahin immer so völlig beherrschte und kontrollierte Junge hatte sich emotional völlig verausgabt und es fiel ihm schwer, die brodelnden Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Es war, als wäre eine Schleuse geöffnet worden und er hatte es schwer, damit zurecht zu kommen. Er arbeitete hart daran, sich diese Veränderung nach außen nicht anmerken zu lassen, aber immer, wenn er den Gryffindors begegnete, brodelte Zorn und ein Gefühl der Hilflosigkeit und Demütigung in ihm hoch.
Eugenia bemühte sich, das alles zu ignorieren, aber auch sie erlebte mehr und mehr Anfeindungen und ihre ablehnende und bissige Art, damit umzugehen machte es nicht leichter. Nur wusste sie nicht, was sie sonst hätte tun sollen.
Es kam eine Zeit, in der sie etwas vermisste, von dem sie niemals geglaubt hatte, dass sie so etwas brauchen würde. Eine beste Freundin.
Sie beobachtete die anderen Mädchen, die oft in Gruppen zusammen waren und tuschelten, kicherten und manchmal heulten.
Bisher war sie diesen Mädchen immer nur mit Verachtung begegnet, aber manchmal sah sie auch zwei zusammenstehen oder sitzen, die sich ganz offensichtlich gegenseitig ihr Herz ausschütteten und sich trösteten. Und wenn sie das sah, dann zog sich etwas in ihrem Inneren schmerzhaft zusammen.
Abends in ihrem Bett dachte sie oft darüber nach, aber es war nun mal, wie es war und sie kehrte zu ihrer alten Strategie zurück. Was Du nicht haben kannst, verachte aus tiefstem Herzen. Denn wenn Du Dir selber vormachst, dass Du es gar nicht willst, dann tut es nicht so weh, es nicht zu haben.
Und doch fehlte ihr jemand, mit dem sie reden konnte. Severus kam nicht in Frage, denn um ihn ging es ja. Sie hatte das Gefühl, sie habe etwas Falsches gegessen, wenn er in ihrer Nähe war, wenn sie alleine waren. Es war so schrecklich verwirrend und es zerstörte das angenehme, freundliche Gefühl, das sie sonst immer in seiner Gegenwart gehabt hatte. Sie wollte es zurück haben, dieses Gefühl kühler Nähe. Sie wollte keine Komplikationen, sie hasste Komplikationen, die immer nur alles kaputt machten, was sie sich mühevoll aufbaute.
Wut stieg in ihr auf. Wut auf Severus, Wut auf sich selber, Wut auf die Welt, die sie nicht in Ruhe ließ.
Ihr Leben war ein zerbrechliches Gebilde und das wusste sie und sie hasste alles, was Unsicherheit mit sich brachte.
Abends lag sie im Bett und wünschte sich nichts mehr auf der Welt, als jemanden, mit dem sie über das, was Severus in ihr auslöste, reden konnte.
Severus fühlt in Eugenias Nähe eine immer stärkere Anziehung, ein kribbeliges Gefühl, wenn sie ihn ansah. Eigentlich, das musste er sich eingestehen, hatte er das schon immer gefühlt, aber er hatte dieses Gefühl auch immer tief in sein Innerstes verdrängt, wenn es aufgetaucht war.
Nun aber, nachdem er immer wieder von hoch kochenden Gefühlen heimgesucht wurde, ließ sich auch dieses Gefühl nicht mehr so leicht fort schieben.
Und irgendwie fühlte es sich auch gut an, gestand er sich ängstlich ein.
Er kämpfte noch immer mit den Folgen seiner tiefsten Demütigung. Früher war es ihm fast mühelos gelungen, alle Gefühle zu beherrschen und immer kalt und unbeteiligt zu erscheinen, aber das hatte sich seither geändert. Er war fast dauernd mit seinen inneren Kämpfen beschäftigt und er hasste es, wenn er die Kontrolle verlor.
Nur die Stunden mit Eugenia machten es ihm leichter, in ihrer Nähe schien irgendwie alles einfacher und erträglicher zu sein.
Eines Nachmittags saßen sie am See und sprachen über eine Arbeit in „Geschichte der Zauberei". Eugenia lachte über eine Bemerkung, die Severus gemacht hatte und als er dieses seltene Ereignis in ihrem Gesicht sah, wogte ein Gefühl von Wärme, Kribbeln und Schwindel in ihm hoch.
Ohne nachzudenken griff er nach ihrer Hand und hielt sie einen Moment in seiner.
Eugenia erstarrte, aber Severus schien das nicht zu bemerken. Langsam hob er ihre Hand an sein Gesicht und legte sie sich an seine Wange. Er schloss die Augen. Es fühlte sich so gut an, so wunderschön.
Mit einem Ruck entriss Eugenia ihm ihre Hand.
„Was soll das denn? Spinnst Du, oder was?", schnauzte sie ihn an.
Severus öffnete die Augen, sah sie einen Moment lang verstört an, dann sprang er auf und lief ohne ein weiteres Wort davon. Wie ein Messer bohrten ihre Worte in sein Innerstes und verletzten ihn zutiefst.
Was hatte er auch erwartet? Wieso sollte ein Mädchen ihn mögen, ihm erlauben, ihre Hand zu nehmen.
Er hätte sich ohrfeigen können, dass er sich so von seinen Gefühlen hatte treiben lassen. Was für ein Idiot war er nur.
Eugenia blieb am See sitzen und war von sich selber überrascht. Warum hatte sie ihn derartig angefahren?
Sie schämte sich, nichts wollte sie mehr auf der Welt, als dass Severus ihr Freund war. Aber wieso konnte sie dann nicht zulassen, dass er ihre Hand ergriff. Warum hatte sie nur so unüberlegt und spontan losgekeift?
Sie fühlte, dass sie begann, sich selber zu hassen. Was für ein Mensch war sie nur, dass sie es nicht ertragen konnte, dass der einzige Mensch, der ihr etwas bedeutete, sie berührte.
Kein Wunder, dass niemand sie mögen konnte. Auch Severus würde sie von jetzt ab von sich stoßen, nachdem sie ihn so behandelt hatte.
Was für eine Idiotin war sie nur.
Wieder einmal gingen sie einander aus dem Weg, doch beide litten entsetzlich darunter. Sie fühlten sich beide wertlos und schuldig und fanden keinen Weg, diese Gefühle zu überwinden.
Eines Nachmittags stand Severus in einem der Korridore der Kerker auf dem Weg in den Gemeinschaftsraum. Er betrachtete die Inschrift auf einem Schild, den eine der unzähligen Rüstungen in der Hand hielt. Hier handelte es sich offenbar um eine sehr alte Inschrift und Severus versuchte mit zusammengekniffenen Augen sie zu entziffern.
Eugenia sah ihn dort stehen und sofort empfand sie ein unbeschreibliches Gefühl von Sehnsucht.
Sie betrachtete ihn einen Moment lang, dann nahm sie all ihren Mut zusammen, trat auf ihn zu und stellte sich neben ihn.
Severus schien sie nicht zu bemerken, oder er tat so, als bemerke er sie nicht.
Am liebsten wäre Eugenia davon gelaufen, aber sie wollte sich nicht von ihrer Angst unter kriegen lassen und so griff sie wie nebenbei nach seiner Hand und hielt sie fest.
Severus drehte sich zu ihr um, starrte sie einen Moment lang entgeistert an, dann zog er seine Hand weg.
Mit einem höhnischen Grinsen und kalter Stimme fragte er: „Was denn, ist Miss Prinzesschen jetzt in der Stimmung, um Händchen zu halten? Schaff Dir ein Haustier an, das kannst Du dann streicheln, wenn Dir danach ist und es kommt auch garantiert angerannt, wenn Du pfeifst. Da ist es dann auch egal, ob es das gerade möchte oder nicht, da zählen dann nur Deine Wünsche."
Er drehte sich mit einer schwungvollen Bewegung um und rauschte davon. Eugenia stand da wie vom Basilisken versteinert und erst, als er um eine Ecke gebogen war, brach sie in Tränen aus.
Es dauerte einige Zeit, bis Eugenia begriff, dass diese Szene nötig gewesen war, damit sie quitt waren. Es hatte so wehgetan, als er sie „Prinzesschen" genannt hatte. Aber es hatte ihm wohl auch sehr wehgetan, was sie am See gesagt hatte.
Schließlich beschloss sie, die vertrackte Situation aufzulösen und eine neue Chance zu suchen.
Sie suchte Severus und wie schon einmal stellte sie sich ihm in dem Weg, als weit und breit keine anderen Schüler zu sehen waren.
„Können wir das Ganze vergessen?"
Er schwieg, sah auf den Boden vor ihren Füssen.
„Bitte." Ihre Stimme zitterte, obwohl sie sich so sehr bemühte, sicher aufzutreten.
Langsam hob er den Kopf, sah ihr in die Augen. „Mmmhh… ok." Er brummelte noch irgendetwas und ging dann davon, aber Eugenia wusste, es würde alles wieder besser werden. Sie wollte vor Erleichterung irgendjemanden umarmen, aber es gab niemanden in ihrem Leben, den sie umarmen konnte.
Ihr Verhältnis normalisierte sich wieder, aber dennoch war etwas anders geworden. Sie hatten eine Grenze geschaffen, die keiner von ihnen sich traute zu überschreiten, denn sie beide fürchteten nun nichts mehr auf der Welt, als einander zu verlieren.
Am nächsten Abend erschien Eugenia nicht in Spinners End und Severus fing an, sich Gedanken zu machen.
Was, wenn sie den Leuten, vor denen sie offensichtlich davon lief in die Hände gefallen war?
Was, wenn die durch ihre Nachforschungen über Dracos Verbleib Todessern in die Falle getappt war?
Er rief sich zur Ordnung.
Vielleicht war sie auch nur wieder fortgelaufen. Wie sie es immer tat, wenn die Dinge kompliziert wurden.
Er versuchte die Sorge um sie aus seinem Kopf zu vertreiben und sie durch die altvertraute Wut zu ersetzen. Und wie schon so oft, gelang es vortrefflich.
