Sechstes Kapitel
…in dem vom Tod die Rede ist
So fragil ihre Freundschaft nun auch war, sie beide betrachteten sie als das Wertvollste, was sie hatten und bemühten sich, vorsichtig mit ihr und miteinander umzugehen.
Schließlich war das fünfte Schuljahr zu Ende und sie verabschiedeten sich für die Ferien voneinander.
Kurz bevor sie ihr Abteil im Hogwarts-Express in London verließen, fasste Eugenia all ihren Mut zusammen, beugte sich vor und gab Severus einen flüchtigen Kuss. Dann drehte sie sich um und lief aus dem Zug, bevor er irgendwie reagieren konnte.
Diese Berührung war nur ein wenig mehr, als ein Windhauch, aber sie veränderte alles.
Der winzige Kuss war nur eine Kleinigkeit, aber er war eine Aussage, die Severus eine Menge nachzudenken in die Ferien mit gab.
Für Eugenia war diese Aussage das Ergebnis ihrer tiefsten Gefühlserforschungen und es war der größte Aufwand an Mut, den sie jemals gebraucht hatte, um etwas zu tun.
Als sie sich zum Schuljahresbeginn wieder sahen, erwähnten sie den Kuss mit keinem Wort, sie wiederholten ihn auch nicht, aber trotzdem sahen sie sich anders an. Ein neuer Abschnitt hatte begonnen.
Es war ihr sechstes Schuljahr und sie hatten ihre UTZ-Klassen zu absolvieren. Jede Menge Arbeit wartete auf sie, aber beide waren zuversichtlich, die Herausforderung gemeinsam zu meistern.
Eugenia hatte es mit Severus Hilfe geschafft, die UTZ-Klasse für Zaubertränke zu erreichen. Mit unglaublicher Geduld hatte er ihr immer wieder die Wirkweisen der verschiedenen Ingredienzien erklärt, die Magie, die in einen Trank mit einfloss und mit ihr die exakte Vorbereitung der Zutaten geübt.
Wieder und wieder hatte er ihr die Eigenarten der einzelnen Stoffe erklärt und sie abgefragt über Wechselwirkungen und mögliche Probleme bei der Zubereitung.
Im Gegenzug hatte sie ihm alles beigebracht, was sie beim Zaubern beherrschte, und das war nicht eben wenig.
Nicholas hatte ihr viel beigebracht und auch wenn sie bei Weitem nicht über seine Begabung verfügte, so hatte sie wenigstens alles an Technik gelernt, was sie nur lernen konnte.
Und so kam Severus im sechsten Jahr hinter ihr Geheimnis, was sie zu einer so hervorragenden Hexe machte.
Sie hatte von Nicholas gelernt, dass man, wenn man Wert auf Fairplay legte und sich weder den Überraschungseffekt, noch Hinterlist zu Nutze machte, es alles auf Schnelligkeit und Präzision ankam. Der Zauberstab durfte nicht zucken oder zittern, die Gedanken durften nicht eine Sekunde abschweifen, der Blick durfte sich nicht einen Lidschlag lang vom Ziel lösen.
Man durfte sich keinerlei Ablenkung erlauben und musste mit voller Konzentration dabei sein.
Er hatte sie gelehrt, ihre Atmung zu kontrollieren und durch bestimmte Techniken ihren Körper in Ruhe zu versetzen.
Er hatte ihr beigebracht, ihre Gedanken zu fokussieren und jede geistige Ablenkung zu ignorieren. Sie hatte lernen müssen, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten und im Augenblick des Kampfes kühl und überlegt zu bleiben.
Es war nicht einfach, das zu lernen, besonders die Kontrolle von Gefühlen und Gedanken, aber Severus war ein gelehriger Schüler. Seine fortwährenden Auseinandersetzungen mit der Gruppe um Potter und Black, aber auch andere Zwischenfälle ließen es ihm klug erscheinen, seine Techniken beim Zaubern zu verbessern.
Eugenia versuchte auch, ihm das Fairplay bei Duellen und anderen Kämpfen nahe zu bringen, aber das war nichts, was Severus wirklich interessierte.
Er argumentierte, seine Feinde würden sich ja auch nicht daran halten. Eugenia ließ das nicht gelten und hielt ihm entgegen, dann müsse er eben noch besser werden, um sie trotzdem zu besiegen, aber sie stieß auf taube Ohren.
Nachdem, was sie wusste, das er schon erlebt hatte, konnte sie ihm das aber auch nicht allzu sehr verübeln.
Sie verbrachten so viel Zeit miteinander, dass es mittlerweile der ganzen Schule aufgefallen war, aber es kümmerte sie nicht mehr.
Noch immer waren sie scheu, was Berührungen betraf, aber sie hatten tatsächlich aus ihren Fehlern gelernt und so saßen sie manchmal händchenhaltend am See oder in sehr seltenen Fällen besonderer Nähe legte Severus ihr einen Arm um die Schulter.
An einem solchen Abend entstanden ihre Kosenamen und sie waren beide zutiefst erstaunt, was so ein simples Wort für eine tiefe Wirkung haben konnte.
Ohne es je ausgesprochen zu haben, galt ab diesem Moment eine stille Abmachung. Niemals würde es verletzende Worte in Verbindung mit diesen Kosenamen geben. Niemals.
Es war wie ein Schwur, nur dass sie beide ihn niemals aussprachen und doch hielten sie sich ihr Leben lang daran.
Am nächsten Tag erschien Eugenia am späten Nachmittag wieder in Spinners End. Severus war mittlerweile sicher gewesen, sie nie wieder zu sehen, doch er ließ sich sein Erstaunen nicht anmerken.
Müde sah sie aus und erschöpft, stellte er fest und er wunderte sich, dass nun doch wieder ein Gefühl der Sorge überwog.
Schweigend ließ er sie in der Küche Platz nehmen und wartete, bis sie sich aus seinen kümmerlichen Vorräten ein Sandwich und Tee bereitet hatte.
Sie aß hungrig und noch immer fiel kein Wort zwischen ihnen.
Schließlich wischte sich Eugenia den Mund ab, lehnte sich zurück und holte tief Luft.
Severus nahm sich ebenfalls eine Tasse Tee. „Wo warst Du?"
„Es ist nicht leicht", erwiderte sie.
„Wäre es leicht, würde ich Deine Hilfe nicht benötigen." Seine Stimme war kalt, jetzt, wo er sah, dass sie unversehrt war und jede Sorge unbegründet gewesen war, überwog wieder die Wut auf sie.
Sie winkte müde ab. „Schon gut."
Leise berichtete sie, wie sie alte Bekannte ihrer Familie im Ministerium und bei den Zeitungen kontaktiert hatte und vorsichtig versucht hatte herauszufinden, was man über den Verbleib der Familie Malfoy wusste, ahnte oder auch nur gerüchteweise verbreitete.
Das Ergebnis war niederschmetternd. Außer der Tatsache, dass Lucius noch in Askaban saß, war keine irgendwie relevante Information aufgetaucht.
So sehr sich Eugenia auch bemühte, ihren Teil der Abmachung gewissenhaft zu erledigen, allen ihren Bemühungen zum Trotz war keine Spur von Draco Malfoy oder seiner Mutter zu finden.
Es war dunkel geworden und Severus hatte das Feuer im Kamin entzündet.
Sie saßen in dem altmodischen Wohnzimmer und das Feuer tauchte ihre Gesichter in merkwürdige Schatten. Flackernde Flammen warfen Lichtreflexe, die ihrer beider Züge weicher erscheinen ließen. Milde schien von diesem Bild auszugehen, aber der Schein konnte trügen, das wussten sie beide sehr genau.
Severus verließ den Raum, um ihr einen Stärkungstrank zu holen und als er das Wohnzimmer wieder betrat, war sie in ihrem Sessel eingeschlafen.
Er betrachtete ihr friedliches Gesicht und plötzlich empfand er wieder dieses warme Gefühl, ein längst vergessenes Sehnen. Langsam streckte er die Hand aus und berührte ihr Gesicht, strich mit einer fast zärtlichen Geste über ihre Wange.
Eugenia schreckte hoch, wich mit einem Ausdruck von Panik zurück und erst, als sie erkannte, wo sie war und wer ihr gegenüber stand, beruhigte sich ihr rasender Herzschlag wieder.
„Du warst früher nie so schreckhaft."
„Früher…", sie sah ihn traurig an. „Früher war in einem anderen Leben."
„Was ist passiert?"
Sie schwieg.
Nach einiger Zeit fragte Severus sie leise: „Was ist mit dem Kind…", er zögerte, schien die Worte kaum aussprechen zu können. „ … mit meinem Sohn passiert?"
Eugenia seufzte und wieder trat dieser Ausdruck tiefen Schmerzes in ihre Augen, als sie ihm leise von seinem Sohn erzählte.
Kurz nach seiner Geburt bekam er Fieber, ein Fieber, gegen das die Heiler im St. Mungos nichts tun konnten, weil es viel zu schnell stieg. Das winzige Wesen schien zu verbrennen und kein Heilzauber vermochte dem Einhalt zu gebieten. Er starb, bevor die Heiler auch nur herausgefunden hatten, was die Ursache des Fiebers war.
In diesen zwei Tagen am Krankenbett ihres Sohnes hatte Eugenia die schlohweiße Strähne in ihrem Haar bekommen.
Sie verließ das Krankenhaus, trug ihr Kind zu Grabe und versank in einer Welt aus Kummer und Schmerz.
Er hörte ihr schweigend zu und wieder erfasste ihn ein ungeheures Gefühl von Verlust. Es musste schrecklich für sie gewesen sein und sie hatte es alles alleine getragen. Sie hätten zusammen sein sollen, fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, aber er wischte ihn ebenso schnell fort, wie er gekommen war.
„Wann ist das alles geschehen?", fragte er weiter, um den schmerzhaften Moment zu durchbrechen.
„Vor fast genau zehn Jahren", sagte sie müde, als hätte die Erzählung die Last wieder auf ihr Herz gelegt.
Er starrte sie an. Zehn Jahre. Sein Sohn wäre jetzt zehn Jahre alt und wäre bald soweit nach Hogwarts zu gehen. Er rief sich in Erinnerung, dass das das Hogwarts, an das er gedacht hatte, nicht mehr gab. Und nach allem, was geschehen war, wäre sein Sohn wohl auch nicht willkommen.
Er riss sich aus den Gedanken um das Kind, das es nicht gab und wandte sich wieder an Eugenia.
„Was ist danach geschehen? Was hast Du in den letzten zehn Jahren gemacht und wovor bist Du jetzt auf der Flucht?"
Sie gab ein schnaubendes Lachen von sich.
„Quid pro quo, Severus. Ich habe Dir von unserem Kind erzählt, nun erzähl Du mir, warum Du den alten Mann getötet hast."
Er schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht, Genia. Selbst, wenn ich es wollte, ich könnte es nicht."
Sie schwieg einen Moment, dann nickte sie.
„Nun gut, dann erzähl mir, warum Du den Malfoy-Jungen suchst. Und rede nichts von einem Schwur. Wäre ich es, die einen Schwur als Grund angegeben hätte, dann wäre es etwas anderes, aber Du hast noch nie viel auf diese Dinge gegeben, Severus. Du würdest jeden Schwur brechen, wenn er Dir lästig wird."
Sehr leise erwiderte Snape: „Ja, Du hast Recht, früher hätte ich einen Schwur gebrochen. Aber früher war ein anderes Leben."
Er schwieg und Eugenia konnte sehen, dass er die Wahrheit sagte. Nun wirkte auch er müde und sie sagte: „Verschieben wir das auf morgen, wir sind beide müde und etwas Schlaf täte uns gut."
Ohne seine Antwort abzuwarten ging sie zur Tür.
Kurz bevor sie sie erreichte, ließ seine Stimme sie innehalten.
„Wie hieß er?"
„Was?"
„Unser Sohn."
„Tobias." In der plötzlichen Stille, die diesem Wort folgte machte sich eisige Kälte breit.
„Nach seinem Großvater", fügte sie mit beißendem Spott in der Stimme hinzu.
Severus wurde blass.
„Du machst vor nichts halt, nicht wahr?"
„Es gab damals keinen Grund für mich, vor irgendetwas halt zu machen, hast Du das vergessen, Severus?" Ihre Stimme war hart und gefühllos.
Damit verließ sie den Raum und ging nach oben in ihr Gästezimmer.
Severus blieb zurück. Ja, sie hatte Recht. Damals hatte es keinen Grund für sie gegeben, vor irgendetwas Halt zu machen.
