Siebtes Kapitel
… in dem ein merkwürdiger Vergleich gezogen wird
Eugenia Kasparian trug schon immer eine schwere Last mit sich herum. Sie hatte niemals das Gefühl gehabt, es ihrem Vater recht machen zu können, aber sie hatte auch niemals herausgefunden, woran das lag.
Es hatte sich alles noch verschlimmert, als ihre Mutter vor einigen Jahren gestorben war, und nun war er einfach fort.
Sie hatte kurz vor dem Ende des Schuljahres einen Brief erhalten, in dem er ihr mitteilte, er werde für einige Jahre auf eine Expedition nach Neuguinea gehen, um ein Buch über alte Riten zu schreiben.
Es wäre alles arrangiert, dass sie die Ferien bei Nicholas' Familie verbringen könne und nach ihrem siebten Schuljahr wäre sie ja ohnehin volljährig und könne auf eigenen Beinen stehen.
Es war ein Schock.
Severus versuchte ihr beizustehen, aber diese Mitteilung hatte den alten Kokon aus Unnahbarkeit und Ablehnung um sie herum wieder auferstehen lassen.
Sie zerknüllte den Brief und meinte nur kühl, es wäre ja wenigstens alles arrangiert, so dass sie keine Mühe damit hätte.
Die Zeit, die sie bei der Familie ihres Cousins verbrachte war nicht schlecht, im Gegenteil, eigentlich hatte sie noch nie so schöne und fröhliche Ferien gehabt.
Und sie erfuhr im Haus ihres Onkels teils direkt durch Fragen, teils indirekt durch aufmerksames Zuhören und Beobachten, was der Grund für das Verhalten ihres Vaters ihr gegenüber war.
Ihr Vater war der jüngere Bruder von Nicholas' Vater. Er fühlte sich immer weniger wert als der größere Bruder, der gut aussah, begabt war und schon als sehr kleines Kind über jede Menge Charme verfügte. Eugenias Vater war schon sehr früh ein verstocktes Kind und er wollte immer seinen Bruder in irgendetwas übertrumpfen.
Das Konkurrenzdenken wurde immer schlimmer und endete nie, nicht einmal, als die Brüder erwachsen waren und das Elternhaus verließen.
Sie heirateten beide fast zur gleichen Zeit trotz ihres Altersunterschiedes, aber Nicholas wurde als erster geboren.
Ein ebenso charmantes und begabtes Kind wie sein Vater, wie sich in den ersten Lebensjahren herausstellte und an Eugenias Vater nagte wieder der alte Neid.
Es dauerte sechs Jahre, bis auch seine Frau ein Kind gebar. Anstelle des vom Vater so sehnlich erhofften Sohnes war es Eugenia, die das Licht der Welt erblickte.
Es war eine komplizierte Geburt gewesen und nun konnte seine Frau keine weiteren Kinder mehr bekommen.
Ihr Vater ließ sich äußerlich nichts anmerken, allerdings waren seine Ansprüche an die Leistungen seiner Tochter unerfüllbar hoch. Sie kämpfte und bemühte sich, seine Anforderungen zu erfüllen, war aber immer zum scheitern verurteilt. Nichts auf der Welt hätte sie sich mehr gewünscht, als ein Lob aus dem Mund ihres Vaters, ein Zeichen von Anerkennung oder gar Zuneigung. Aber der Vater blieb hart und unnahbar und Eugenia sah es als ihr persönliches Versagen an. Wenn sie besser wäre, dann würde er sie doch auch lieben, nicht wahr?
Ihre Mutter war liebevoll und zärtlich, aber das ersetzte Eugenia nicht das, was sie sich im Leben am Meisten wünschte.
Während ihres ersten Jahres in Hogwarts starb ihre Mutter durch eine Explosion an ihrem Arbeitsplatz und Eugenia erfuhr von da an zuhause nur noch das kalte Gefühl nicht erfüllter Erwartungen, das ihr Vater ihr entgegenbrachte.
Als sie am Ende der Ferien zurück nach Hogwarts kam, hatte sie viel gelernt. Sie war verändert, aber das fiel nur Severus auf. Er beobachtete sie genau und kam schließlich zu dem Schluss, dass die Veränderung keine Bedrohung für ihn und für ihre Beziehung war. Obwohl er es gerne gewusst hätte, fragte er sie nicht, was während der Ferien passiert war und sie erwähnte es nicht von sich aus. So gingen sie nach einer Weile zum Alltag über und widmeten sich ganz den Vorbereitungen auf die finalen Prüfungen und ihren privaten Aktivitäten.
Am Tag nach dem Gespräch über den Namen des Kindes herrschte Schweigen zwischen den Beiden. Es war, als fürchteten sie sich vor dem, was sie sich noch sagen konnten und so schwiegen sie lieber.
Als sie in der Küche aneinander vorbei gingen, stieß Eugenia aus Versehen gegen Severus' Arm und er konnte einen leisen Schmerzensschrei nicht unterdrücken.
Erschrocken sah sie ihn an, aber er versuchte eine unbeteiligte Miene aufzusetzen.
„Entschuldigung", sagte sie irritiert und musterte sein Gesicht. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.
Langsam streckte sie die Hand aus und berührte seinen Arm. Er zuckte zurück und Eugenia runzelte die Stirn.
„Was hast Du da?", fragte sie vorsichtig.
„Nichts."
„Severus, „nichts" sieht anders aus, glaub mir. Ich erkenne eine Verletzung, wenn ich den Verletzten sehe."
Er wollte sich von ihr wegdrehen.
„Lass mich das ansehen… bitte." Ihre Stimme klang plötzlich sanft.
„Es ist nichts, ich komme schon zurecht."
„Sevus, ich kann so etwas. Weißt Du noch? Ich war immer gut in diesen Sachen."
Er seufzte.
„Nun komm schon, stell Dich nicht so an. Setzt Dich da hin und zeig mir Deinen Arm."
Sie zeigte auf die Stühle, die um den Tisch herum standen.
Er rührte sich noch immer nicht.
„Bitte. Wenn ich schon meinen Teil unserer Abmachung nicht erfüllen kann, weil ich keine Spuren finde, dann lass mich wenigstens auf andere Weise nützlich sein."
Severus seufzte noch einmal, dann setzte er sich und krempelte vorsichtig seinen Ärmel hoch.
Das untere Ende einer tiefen Wunde wurde sichtbar, aber der Ärmel ließ sich nicht weiter hochschieben.
Eugenia schnaubte.
„So wird das nichts. Zieh Dein Hemd aus."
Severus starrte sie an, rührte sich aber nicht.
„Nun mach schon." Sie zückte ihren Zauberstab. „Oder willst Du, dass ich den Ärmel so entferne?"
Widerwillig zog Severus sein Hemd aus und legte seinen Arm auf die Tischplatte.
Eugenia bemerkte die zahlreichen Narben auf seinem Brustkorb, sagte jedoch nichts dazu. Wie auch immer sein Leben in den letzten Jahren verlaufen war, in Punkto Schmerz schien es ihrem in Nichts nachzustehen, dachte sie. Dann sah sie sich die Wunde genauer an.
Sie war verkrustet und notdürftig mit Salben versorgt worden, soviel konnte sie sehen, aber was auch immer an Versorgung da gewesen war, und sie vermutete, dass Severus das in Eigenregie übernommen hatte, es war bei Weitem nicht ausreichend.
Seufzend inspizierte sie die Verletzung genauer, ignorierte seine leisen Schmerzenslaute, als sie Salbenreste und Krusten entfernte, bis sie die Wunde ausreichend gereinigt hatte.
„Das sieht merkwürdig aus. Wie bist Du dazu gekommen?"
„Ein Hippogreif."
„Ein Hippogreif? Ich dachte, Du wärest klug genug, diese Tiere zu meiden."
„Ich hatte nicht wirklich eine Wahl. Die Situation war… vertrackt."
„Aha. Wo hast Du Verbandmaterial und Salben?"
Er erklärte es ihr und sie verschwand, um kurz darauf mit den benötigten Materialien zurück zu kommen. Sorgsam behandelte sie die Wunde, trug eine Tinktur auf, sprach einen Heilzauber und legte dann einen Verband an. Sie tat all das so konzentriert und routiniert, dass Severus den Eindruck bekam, dass sie so etwas in den letzten Jahren dauernd gemacht haben musste.
Ihre Finger fühlten sich sanft und warm auf seiner Haut an und obwohl ihm die Wunde nicht unerhebliche Schmerzen bereitete, spürte er doch, wie angenehm sich ihre Berührungen anfühlten. Und auch wenn es schon so lange zurück lag, ungefragt drängten sich Erinnerungen an ihre Berührungen in sein Bewusstsein. Es schob sie von sich, empfand aber doch ein leichtes Bedauern dabei, dann sah er ihr wieder bei der Versorgung der Wunde zu.
Schließlich war sie zufrieden.
„Ich werde regelmäßig nach der Wunde sehen und ich erwarte, dass Du mich das ohne Widerrede tun lässt." Sie klang bestimmt, aber doch besorgt und er nickte stumm.
Nach einer Weile sagte sie: „Willst Du mir erzählen, wie es dazu kam, dass Dich ein Hippogreif angegriffen hat?"
„Du gibst nicht auf, nicht wahr Genia?", sein Gesichtsausdruck war leicht amüsiert.
„Hey, Du schuldest mir noch die Geschichte, warum Du die Malfoy-Brut suchst, Sevus."
„Nenn ihn nicht so. Er ist kein schlechter Kerl."
„Jeder Malfoy ist schlecht, das solltest Du wissen, Severus."
„Draco kann noch eine Chance haben, er hat noch keinen irreversiblen Fehler gemacht."
„Merlin, was sind das für Töne von Dir?"
Er seufzte. Eigentlich wusste er selber nicht, wieso er Draco in Schutz nahm.
Eugenia musterte ihn interessiert.
„Du denkst doch nicht, dass, wenn Du jetzt einen Jungen auf irgendeine Weise rettest, Du damit irgendetwas wieder gut machst an einem anderen Jungen, oder?"
Sie hatte die Augebrauen spöttisch gehoben, aber ihre Stimme klang weich. Severus wusste nicht, was er dazu sagen sollte, aber er würde sich um keinen Preis der Welt auf dieses Gespräch mit ihr einlassen.
„Red' keinen Unsinn." Seine Stimme klang härter, als er es beabsichtigt hatte und irgendwie hohl.
Eugenia hörte nicht auf, ihn zu mustern.
„Severus, ich habe den Verdacht, Du siehst in dem Malfoy-Jungen etwas, das ist nicht ist, das er nicht sein kann."
Er versuchte sie zu ignorieren, aber sie fuhr unerbittlich fort. „Du kannst diesen Verlust niemals durch irgendetwas ausgleichen, glaube mir das. Also fang gar nicht erst an, Dir eine Illusion aufzubauen, noch kannst Du Dich dagegen wehren."
Sie legte ihre Hand auf die seine, die noch immer auf dem Tisch lag. „Mach nicht die gleichen Fehler, die ich gemacht habe, Sevus. Es kann die Seele töten."
„Ich habe keine Ahnung, was Du meinst, aber Du kannst Dir Dein Seelengerede sparen. Meine Seele ist vor langer Zeit gestorben." Er entzog ihr seine Hand, stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Eugenia starrte auf ihre Hand, unter der seine eben noch gelegen hatte und murmelte fast unhörbar: „Das glaube ich nicht, Sevus. Ich habe tote Seelen in den Augen von Menschen gesehen und Deine ist davon weit entfernt."
Dann legte sie sich die Handfläche an ihre Wange und schloss die Augen.
