Achtes Kapitel
… in dem ein Festumhang eine gewichtige Rolle spielt
Das ganze letzte Schuljahr hindurch wechselte das Verhalten von Severus und Eugenia wie das Wetter.
Sie waren sehr vertraut miteinander, ihr Umgang war fast liebevoll zu nennen, zumindest für ihre Verhältnisse. Jeder andere hätte ihr Verhältnis als unterkühlt und merkwürdig bezeichnet, aber für diese beiden Menschen war es das Beste, was sie je empfunden hatten.
Und trotzdem stritten sie sich immer wieder. Die Gründe waren nichtig, aber es war immer wieder die Angst, verletzt zu werden, die der Motor für ihre Streitigkeiten war. Lieber bissen sie selber zuerst zu, als dass sie sich beißen lassen wollten.
Das, und der ewig nagende Zweifel an sich selber. Das Gefühl, dass es nicht wahr sein konnte, dass der andere sie mochte. Dass eigentlich niemand sie mögen konnte.
Über Allem stand jedoch das Abschlussjahr und es erforderte viel Arbeit, wenn man einen guten Abschluss haben wollte. Und das wollten sie.
Neben den Prüfungen stand allerdings noch ein anderes Ereignis im Raum, das die Schüler mit Nervosität und Vorfreude erfüllte.
Der Abschlussball.
Jeder war aufgeregt und neben den vielen Lernstunden verbrachten die Schüler viel Zeit damit, sich auf den Ball vorzubereiten, sich über ihre Kleidung den Kopf zu zerbrechen und ihren Mut zu sammeln, einen Partner oder ein Partnerin anzusprechen.
Eugenia und Severus ignorierten dieses Thema komplett und taten so, als gäbe es keinen Ball.
Sie hatten sich einmal spöttelnd darüber geäußert, dass alle Schüler nun wohl komplett den Verstand verlieren würden und schienen sich einig, dass sie selber sich niemals zu einem derartig albernen Verhalten würden hinreißen lassen. Danach erwähnten sie den Ball nie wieder.
Es war wie eine unausgesprochene Absprache zwischen ihnen, dass dieses Thema tabu war.
Aber in ihrem Inneren war es keineswegs tabu. Beide dachten sie unablässig darüber nach, ob sie wohl zu dem Ball gehen würden, was sie tragen würden und verwarfen diese Gedanken rasend schnell wieder, wenn sie sich dabei ertappten, wie sie den anderen mit einem kribbeligen Gefühl im Magen ansahen.
Und trotz ihrer ausgesprochenen Ablehnung den Vorbereitungen gegenüber waren sie selbst keineswegs untätig gewesen. Eugenia hatte sich – nur für alle Fälle, man wusste ja nie, was kommt – in den Ferien ein Kleid von ihrer Tante nähen lassen, das diese ihr voller Begeisterung angepasst hatte, wobei sie unablässig von ihrem eigenen Schulball erzählte. Das hatte Eugenia schon bereuen lassen, sie überhaupt um ein Kleid gebeten zu haben, aber da war es schon zu spät und ihre Tante zauberte ein zugegebenermaßen wunderschönes Kleid für sie.
Snape hatte den Sommer über in einem Laden gearbeitet, der Zaubertrankzutaten für den
Verkauf präparierte.
Er hatte alle nur denkbaren Dinge zerkleinert, zermahlen, aufgekocht, in Stücke gehackt, er hatte Flüssigkeiten hergestellt, gemischt, gekocht und stundenlang verrührt, in die die Zutaten bis zur Verwendung eingelegt wurden.
Es war harte eine und teilweise Ekel erregende Arbeit, aber er hatte viel gelernt und eine hübsche Summe verdient. Gerade, weil diese Arbeit so unangenehm war, wurde sie sehr gut bezahlt, da sich kaum jemand fand, der sie tun wollte. Das Problem war, dass man fast nichts dabei mir Magie tun durfte, weil das einen Einfluss auf die Wirksamkeit der Komponenten gehabt hätte. Es war schmutzige Handarbeit, aber Severus war froh, dass er das Geld bekam und dabei noch eine Menge lernte.
Zusammen mit dem Geld, das seine Mutter ihm gegeben hatte und seinen Ersparnissen aus dem Job ging er eines Nachmittags kurz vor dem Beginn des letzten Schuljahres zu Madame Malkins, um sich einen Festumhang für den Abschlussball zu kaufen.
Er war sich immer sicher gewesen, dass er nicht zu diesem Ball gehen wollte, aber jetzt war er unsicher geworden. Vielleicht würde er ja Eugenia fragen. Und wenn sie ja sagte, was er irgendwie nicht glauben konnte, dann wollte er nicht mit einem seiner der normalen Umhänge dort auftauchen, auch wenn sie sowieso alle schwarz waren. Aber die Vorstellung, dass Potter, Black und ihre Freunde ihn dann wieder zur Zielscheibe ihres Spottes machen würden, ließ Übelkeit in ihm aufsteigen. Nein, da wollte er ihnen lieber in punkto Kleidung in nichts nachstehen.
Das Schuljahr nahm seinen Lauf, aber Severus kam der Lösung des Ballproblems keinen Schritt weiter.
Immer wieder wollte er Eugenia fragen, ob sie mit ihm auf dem Ball gehen wolle, aber immer wieder verließ ihn der Mut. Er war schon fast bereit, aufzugeben, als er sich dann noch eines Nachmittags, als sie gemeinsam über das Schulgelände spazierten, ein Herz fasste und leise fragte.
Eugenia blieb wie vom Blitz getroffen stehen, starrte ihn einen Moment lang an, lief dann tiefrot an und nickte.
Severus merkte, dass auch seine Wangen glühen mussten und murmelte verlegen: „Gut, dann wäre da ja geklärt. Wollen wir heute Nachmittag den Stoff für Geschichte wiederholen?"
Dankbar für die Ablenkung von dem Thema stimmte Eugenia zu, aber ihre Gedanken kreisten nun nur noch darum, dass sie mit Severus zum Ball gehen würde und wie es wohl werden würde.
In den folgenden Tagen verbrachte Eugenia viel Zeit außerhalb des Hauses und versuchte hartnäckig die Spur von Narcissa und Draco Malfoy aufzunehmen.
Es war merkwürdig, dass sie beide völlig unauffindbar sein sollten, und mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit machte sich Eugenia daran, dieses Rätsel zu lösen.
Nachdem die mehr oder minder offiziellen Quellen versagt hatten, begann sie nun alte, halbseidene Verbindungen wieder aufzufrischen, uralte Gefallen einzufordern und Leute aufzuspüren, die nicht einmal selber wussten, dass sie sie mal gekannt hatten.
Sie hatte immer leichte Verletzungen, wenn sie zurückkam, aber sie schaffte es, diese vor Severus zu verbergen und sie in ihrem Zimmer zu versorgen.
Der Umgang der Beiden miteinander war von Stille geprägt, sie sprachen kaum ein Wort.
Es war, als hätten sie unausgesprochen Frieden geschlossen, doch dieser Frieden war von einer Distanz bestimmt, die sie nie zuvor für einander empfunden hatten. Egal, wie leidenschaftlich sie sich gehasst oder geliebt hatten, sie waren sich immer nahe gewesen dabei. Das hier war anders und beide fühlten sich nicht wohl dabei.
An einem Abend kam Eugenia spät zurück nach Spinners End. Sie hatte eine lange, blutende Wunde an ihrer linken Schulter und dem Arm und schaffte es nicht, ungesehen in ihr Zimmer zu kommen.
Severus hielt sie auf der Treppe auf und fragte, was geschehen sei.
Sie schüttelte den Kopf. „Lass mich das hier erst einmal versorgen, dann können wir reden.
Ich habe eine Spur gefunden und das hier ist nur ein kleiner Preis dafür."
Sie setzte ihren Weg nach oben fort und Severus ging ins Wohnzimmer, um dort auf sie zu warten.
Als er schon dachte, sie würde nicht mehr herunter kommen, hörte er das Knarren der kaputten Treppenstufe und kurz darauf betrat sie den Raum.
Sie hatte sich frisch gemacht und umgezogen, sah aber trotzdem noch schlimm aus.
Erst jetzt bemerkte er, dass sie mehrere Blutergüsse am Hals und im Gesicht hatte.
Sie setzte sich zu ihm und begann sofort zu berichten.
„Ich habe in einigen etwas zwielichtigeren Pubs und Etablissements herumgefragt, und habe schließlich eine alte Bettelhexe gefunden, die bereit war, mir zu berichten, dass sie einen jungen Mann, auf den Dracos Beschreibung passte, vor wenigen Tagen in der Nocturngasse gesehen hatte."
Sie rieb sich die Stirn.
„Das Problem ist, dass es einigen Leuten nicht zu gefallen scheint, wenn man sich nach den Malfoys erkundigt. Ich wüsste zu gerne, warum das so ist."
„Hast Du daher diese Verletzungen?"
„Oh nein. Die haben ihre Ursache eher darin, dass es einigen Leuten nicht zu gefallen scheint, dass ich noch immer lebe und in der Lage bin, überhaupt Fragen zu stellen."
Sie lachte, aber es klang künstlich und resigniert.
Severus zögerte, rang mit sich, sie weiter zu fragen, dann jedoch gab er seiner Neugier und Besorgnis nach.
„Was sind das für Leute, die Dich lieber tot sehen wollen, und warum?"
„Überbleibsel aus meinem wunderbaren Leben", in ihrer Stimme klang unverhohlener Sarkasmus mit. „Oder glaubst Du, ich bin für eine Art sentimentales Klassentreffen plötzlich vor Deiner Tür aufgetaucht?"
Er hob eine Augenbraue.
Ihre Stimme war nun leise und klang müde. „Glaubst Du, etwas anderes als Ausweglosigkeit hätte mich an Deine Tür klopfen lassen, Severus?"
Er wusste nicht, was er glaubte, aber in den letzten Tagen hatte er angefangen zu denken, dass es eine Art Magie war, die sie immer wieder zusammen führte.
Fast sanft sagte er: „Ich weiß es nicht, Genia. Aber wie kam es dazu, dass die Verzweiflung Dich an meine Tür geführt hat? Was ist geschehen, seit unser Sohn gestorben ist?"
Eugenia seufzte. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, einmal über ihr Leben zu sprechen. Jenes Leben, das ihr nach dem Tod ihres Kindes nicht mehr als Leben erschienen war. Und wem sollte sie davon erzählen, wenn nicht Severus, dem einzigen Menschen, dem sie jemals vertraut hatte.
Und so begann sie zu erzählen.
Zuerst war sie ziellos umhergewandert, hatte sich mal hier, mal dort einquartiert. Sie hatte jede nur denkbare Arbeit übernommen und obwohl sie wie ihre Mutter eine Ausbildung zur Heilerin absolviert hatte und diesen Beruf auch bis zum Tode des Kindes ausgeübt hatte, war sie nicht in der Lage, sich zu einer regelmäßigen Tätigkeit durchzuringen.
So lernte sie viele Menschen kennen und das Milieu, in dem sie sich aufhielt wurde zunehmend zwielichtiger.
Sie erwarb sich in bestimmten Kreisen einen Ruf als Heilerin, die keine Fragen stellte und schnell und effizient Wunden behandelte, über deren Ursache sie nichts wissen wollte.
Mehr und mehr wurde sie selber Teil des kriminellen Milieus, in dem sie tätig war und irgendwann war es nicht mehr möglich, sie von dem Klientel, das sie behandelte zu trennen.
Sie versteckte sich vor dem Ministerium, hielt sich nur noch im Untergrund auf und verlor langsam, aber stetig ihre Identität.
Trotz Allem weigerte sie sich standhaft, sich direkt an gewaltsamen Aktivitäten zu beteiligen, was sie in den nun zunehmend gewaltsameren Zeiten in echte Schwierigkeiten brachte.
So stand sie dann eines Tages vor Snapes Tür, weil sie zu den Leuten „nein" gesagt hatte, die nach dem Motto agierten „Bist Du nicht für uns, dann bist Du unser Feind" und die unerbittlich gegen ihre Feinde vorgingen.
Severus war erschüttert, als er ihre Geschichte hörte und plötzlich erschien ihm sein bisheriges Leben fast angenehm. Zumindest war er niemals so alleine gewesen, wie sie es scheinbar seit Jahren nur noch kannte.
Eugenia bemerkte seinen Blick und ihre Miene wurde hart.
„Kein Mitleid, Severus. Ich habe meinen Weg selber gewählt und ich weiß, dass ich diesen Weg nicht mehr lange überleben werde."
Er schwieg eine Weile, dann sagte er mit einer plötzlichen Erkenntnis: „Aber dann ist es für Dich genauso gefährlich, Nachforschungen zu betreiben, wie für mich. Warum hast Du das nicht gesagt?"
„Ich war es leid, einem sinnlosen Tod entgegen zu blicken, Sevus." Ihre Stimme klang so unendlich müde, dass es ihm fast wehtat, das zu hören.
Still legte er seine Hand auf ihren Arm und sie ließ ihn gewähren.
