Neuntes Kapitel

… in dem ein Raum seinem Namen nicht gerecht werden kann

Der letzte Abend des Schuljahres war der Termin des Abschlussballs, am nächsten Tag würden die Schüler des siebten Schuljahres der Schule für immer den Rücken kehren, es sei denn, sie kamen eines Tages als Lehrer wieder.

Und so kam der Tag des Abschlussballs und auch wenn sie beide die Tage davor damit zugebracht hatten, sich Entschuldigungen und Ausreden einfallen zu lassen, um eine kurzfristige Absage zu begründen, so freuten sie sich doch tief in ihrem Innersten sehr darauf. Nur die Angst, das es zu einem peinlichen Vorfall kommen könnte, dass der jeweils andere enttäuscht sein könnte, diese nagende Angst, die sie schon ihr ganzes Leben begleitete, verdarb die Vorfreude ein wenig und ließ sie sich mit Beklemmung mischen.

Eugenia hatte es besonders schwer mit den Vorbereitungen. Sie hatte keine Freundin, die ihr beim Styling und besonders bei der Frisur hätte helfen können und so arbeitete sie alleine verbissen mit ihrem Zauberstab und ungefähr einer Million Haarklemmen und Spangen, um die von ihr so heiß ersehnte Hochsteckfrisur zuwege zu bringen.

Sie hatte nicht viel Erfahrung mit modischem Schnickschnack und normalerweise entlockten ihr solche Bemühungen nur beißenden Spott, aber heute wollte sie um alles in der Welt einmal auch so perfekt aussehen, wie es jedes Mädchen an einem solchen Abend wollte.

Schließlich hatte sie es geschafft und als sie im Gemeinschaftsraum Severus sah, der auf sie wartete, machte ihr Herz einen riesigen Hopser.

Sie hatten verabredet, solange zu warten, bis alle anderen schon gegangen waren, denn selbst in ihrem eigenen Haus würde ihnen ein wenig Spott zuteil werden, fürchteten sie.

Und da stand er nun an den Kamin gelehnt und sie fand, er sah umwerfend gut aus, in seinem seidenen Festumhang. Schwarz, wie immer, aber glänzend und elegant.

Auch wenn sein Gesichtsausdruck gewohnt mürrisch war und seine Haltung nicht so aufrecht war, wie es seiner Kleidung entsprochen hätte, so fand sie doch, dass es keinen Menschen gab, an dessen Seite sie heute lieber gewesen wäre.

Severus sah auf, als Eugenia aus dem Mädchenschlafsaal in den Gemeinschaftsraum trat und er hielt unwillkürlich den Atem an. Noch niemals hatte er jemanden so Schönes gesehen und er konnte kaum glauben, dass sie wirklich mit ihm zum Ball gehen würde.

Zwar war ihr Haar etwas wuschelig hochgesteckt und sie ging nicht so, als wäre sie es gewöhnt, auf hohen Absätzen zu balancieren, aber das waren Dinge, die ihn nicht störten, sie war einfach wunderschön und genau das, was er sich erträumt hatte.

Und so gingen sie den langen Weg aus den Kerkern hinauf in die Halle, die in einen großartigen Ballsaal verwandelt worden war.

Hunderte von Kerzen schwebten unter der Decke, die Wände waren festlich geschmückt und auf dem Podium, wo sonst der Lehrertisch stand, hatte sich eine Kapelle aufgebaut, zu deren Klänge sich schon die ersten Paare auf der Tanzfläche bewegten.

An der Seite war eine Bar aufgebaut, an der Punsch und andere Getränke ausgeschenkt wurde.

Severus und Eugenia suchten sich einen Platz am Rand, abseits der Menge und sahen sich das Treiben an.

Severus hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch, er erwartete geradezu, dass die Gang um Potter Ärger machen würde. Zwar tuschelten sie auffällig, als Eugenia und Severus im Saal auftauchten, doch gerade, als Potter sich in Position stellte, einen raschen Blick in seine Umgebung warf, ob ihm auch genügend Aufmerksamkeit zuteil wurde und offensichtlich einen Spruch loslassen wollte, traf ihn der Ellenbogen Lupins schmerzhaft in den Rippen.

James zuckte zusammen und bemerkte, dass sein Freund ihn mit einem derartig drohend grimmigen Blick ansah, dass ihm die Worte im Halse stecken blieben.

Er warf Severus noch einen spöttischen Blick zu und wandte sich dann ab.

Für den Rest des Abends waren die schrecklichen Gryffindors dann mehr als beschäftigt. Potter wirbelte die immer röter werdende Lily Evans hingebungsvoll über die Tanzfläche, Black hatte alle Hände voll zu tun, seinem Ruf als Frauenheld gerecht zu werden, Pettigrew tanzte mit einem blassen Mädchen aus Hufflepuff und Lupin stand meistens an der Bar herum und beobachtete seine Freunde. Das Mädchen, das er zum Ball eingeladen hatte, eine hübsche, aber schüchterne Sechstklässlerin aus seinem Haus, lag mit einer akuten Magen-Darm-Verstimmung im Krankenflügel.

Lupin tat Eugenia fast leid. Sie hätte dieses Balldesaster weit eher Potter oder Black gegönnt.

Dann aber wandte sie sich zufrieden von ihnen ab und Severus zu. Sie lächelte ihn an und bat ihn, ihr noch etwas Punsch zu holen.

Severus dankte allen bekannten und unbekannten Göttern, dass Eugenia noch keine Anstalten gemacht hatte, ihn zum Tanzen zu bitten. Er würde ihr bis in alle Ewigkeit Punsch holen, wenn ihn das vor diesem Grauen bewahrte. Als er mit dem Punsch zu ihr zurückging, fiel ihm ein weiteres Mal auf, wie wunderschön sie war und er spürte ein fast angenehmes Kribbeln in seinem Bauch.

Eugenia betrachtete ein wenig versonnen die tanzenden Paare und bedauerte einen Moment lang, dass sie und Severus nicht tanzten. Irgendwie verspürte sie so sehr den Wunsch, sich an ihn schmiegen zu können, wie das die tanzenden Paare taten. Aber natürlich würde sie nie im Leben auf eine derartig absurde Idee kommen, Severus zu bitten, mit ihr zu tanzen. Ganz davon abgesehen, dass sie selber noch nie getanzt hatte und keine Ahnung hatte, wie man das machte. Aber sie musste zugeben, es sah gut aus.

Sie seufzte leise.

Wieder standen sie schweigend nebeneinander und genossen ihre gegenseitige Nähe. Nach einer Weile spürte Severus erstaunt, wie sich Eugenias kleine Hand verstohlen in seine schob und mit einem wohligen Schauer, der ihm den Rücken hinunter lief, schloss er seine Hand fest um ihre.

So verging die Zeit, bis Eugenia ihn schließlich aus dem Saal zog.

„Komm mit, ich will Dir etwas zeigen."

Er folgte ihr, neugierig, was sie wohl vorhatte.

Sie führte ihn aus dem Schloss heraus zu der riesigen Remise, in der die Schulkutschen das ganze Jahr über standen. Aus den Kutschen hörte man Geräusche von anderen Schülern, beide verdrehten sarkastisch die Augen, als sie die anderen Schüler hörten.

Genia zog ihn weiter in einen Raum hinter der Remise, in dem Ersatzteile und Reinigungsmaterialien lagerten. Aus einem der hinteren, verstaubten Schränke holte sie eine Flasche Elfenwein hervor. Grinsend hielt sie ihm die Flasche hin.

„Mit freundlichen Grüssen von Großonkel Barton." Sie lachte.

Als sie Severus' fragenden Blick sah, lachte sie noch mehr. „Die habe ich bei meinem Besuch im Sommer aus dem Weinkeller mitgehen lassen."

Nun grinste auch Severus.

Eugenia sah sich prüfend um. „Alles andere als gemütlich hier", stellte sie fest.

Nach einem Moment des Nachdenkens, zog sie ihn plötzlich wieder an der Hand und sie verließen die Remise.

„Ich hab eine Idee", sagte sie mit einem verschwörerischen Zwinkern.

Severus, der inzwischen reichlich verwirrt, aber doch auch neugierig war, ließ sich von ihr in den siebten Stock des Schlosses führen. Vor dem Wandteppich mit Barnabas dem Bekloppten blieb sie stehen. Sie sah ihn an.

„Weißt Du, wo wir sind?"

Severus runzelte die Stirn, schüttelte dann aber den Kopf.

„Hier ist der Raum der Wünsche. Nicholas hat ihm mir gezeigt, bevor er die Schule verlassen hat. Er meinte, vielleicht würde ich ihn mal brauchen."

Sie ging dreimal vor der leeren Wand auf und ab und wie von Zauberhand erschien eine Tür. Severus sah staunend von ihr zur Tür und wieder zurück. Gemeinsam betraten sie den Raum, in dem ein gemütliches Kaminfeuer prasselte. Vor einem breiten Sofa stand ein kleiner Tisch, auf dem sich zwei kristallene Gläser befanden.

Sie sahen sich um, setzten sich dann auf das Sofa und während Severus die Flasche öffnete, erklärte Eugenia ihm, was es mit dem Raum der Wünsche auf sich hat. Schließlich waren die Gläser gefüllt und sie tranken den süffigen Wein. Sie redeten über dies und das und tranken mehr Wein.

Irgendwann nahm Eugenia ihren ganzen Mut zusammen, beugte sich vor und küsste Severus.

Er erwiderte den Kuss erst zögernd, dann forscher. Sie küssten sich unerfahren und ungeschickt, aber doch voller aufflammender Leidenschaft und der schwere Wein tat ein Übriges. Vorsichtig begannen ihre Hände den Körper des anderen zu erforschen und trotzdem auch dies alle Anzeichen von Ungeschicklichkeit trug, schien es die beiden nicht zu stören.

Schließlich jedoch verhakte sich Severus Ärmel in den vielen seitlichen Häkchen des Kleides und der feine Stoff riss mit einem lauten, unangenehmen Geräusch.

Severus zuckte zusammen und beide erstarrten. Um die peinliche Situation zu überspielen, zog Severus Eugenia in eine ebenso überraschende, wie heftige Umarmung.

Eine ihrer Haarspangen bohrte sich schmerzhaft in sein Auge und er schrie auf.

„Oh Merlin, das tut mir leid", stammelte Eugenia entsetzt, als sie sein Auge sah. Sie versuchte hastig die Haarspangen aus ihrer Frisur zu entfernen, richtete dabei aber ein noch größeres Durcheinander an, als diese sich ineinander verkeilten. Verzweifelt suchte sie nach ihrem Zauberstab, um zuerst sein Auge zu versorgen und dann das schmerzhafte Chaos auf ihrem Kopf zu beseitigen.

Als Severus schließlich wieder klar sehen konnte und Eugenias Haare zwar unordentlich, aber spangenfrei auf ihre Schultern fielen, war jede Romantik verschwunden.

Der Wein wirkte noch schwer in ihren Köpfen und beide wollten nicht aufgeben, was sie all ihren Mut gekostet hatte.

Sie begannen wieder, sich zu küssen und zu streicheln, aber jetzt fehlte die tastende Neugier, die verliebte Unschuld in dem, was sie taten. Es war, als hätte sie eine grimmige Pflicht zu erfüllen, als wollten sie einfach nicht zugeben, es vermasselt zu haben.

Was dann folgte war ein Desaster aus Ungeduld, fehlender Erfahrung und mangelndem Vertrauen. Was sie taten war beherrscht von zunehmender Frustration, gefolgt von Wut und dem hilflosen Wunsch, Macht über den anderen zu erlangen. Und doch war es das höchste an Intimität, das die beiden in ihrem gesamten bisherigen Leben erlebt hatten und sie wollten um jeden Preis das Beste daraus machen.

Aber wie es unter diesen Umständen zu erwarten war, gelang nichts und sie fühlten sich beide schlecht und unfähig.

Schließlich gaben sie es frustriert auf, bei dem anderen noch irgendetwas anderes als Wut und ein Gefühl des Versagens wecken zu wollen.

Severus stieß sie grob von sich.

„Lass mich in Ruhe. Wenn es das ist, was man allgemein als Liebe bezeichnet, dann verzichte ich dankend", knurrte er und warf Eugenia einen wütenden Blick zu.

„Du bist doch gar nicht fähig, zu lieben, oder zuzulassen, dass jemand Dich liebt, Snape", sie spie ihn die Worte geradezu entgegen.

„Wer sagt das, Kasparian? Du? Die Frau, bei der man nie weiß, ob niemand sie liebt, weil sie es nicht will, oder weil es an ihr einfach nichts zu lieben gibt?"

Eine Sekunde lang schien die Zeit still zu stehen, dann hob sie die Hand und versetzte ihm einen knallenden Schlag ins Gesicht.

Er zuckte kaum mit der Miene, obwohl der Ring, den sie trug, eine blutende Schramme auf seiner Wange hinterlassen hatte.

„Gut gemacht, Kasparian", höhnte er während ein dünner Blutfaden über sein Gesicht lief. „Gewalt scheint die einzige Leidenschaft zu sein, die man in Dir wecken kann und das ist mir gelungen. Pass nur auf, dass Du nicht noch mehr von Dir preis gibst, ich könnte es benutzen."

Eugenias Gesicht wurde bei seinen Worten zu einer steinernen Maske. Sie spürte einen noch nie gefühlten Schmerz in ihrem Inneren, aber sie kämpfte ihn nieder, obwohl sie eigentlich nur noch in einer Ecke zusammensinken und weinen wollte, bis es alles endete.

Ihren Gefühlen zu Trotz hob sie den Blick und sah Severus kalt an.

„Das Problem mit Dir ist, Snape, dass niemand, nicht einmal Potter, Dich hasst. Dafür bist Du allen einfach nur zu gleichgültig. Niemanden kümmert es, ob Du glücklich bist, niemanden kümmert es, ob Du leidest. Niemanden kümmert es, ob Du überhaupt existierst."

Und gerade noch rechtzeitig, bevor ihr die Tränen in die Augen schossen, drehte sie sich um und verließ den Raum.

Severus sank auf die Knie und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Noch niemals in seinem Leben hatte jemand etwas so Grauenvolles zu ihm gesagt.