Elftes Kapitel…
… in dem jemand über seinen Schatten springt
Severus und Eugenia sahen sich nach der grauenvollen Nacht im Raum der Wünsche nur noch aus der Ferne, während dieses letzten Tages an der Schule. Er war von hektischem Packen und aufgeregtem Geschnatter erfüllt, aber sie hielten sich von allem fern, packten schweigend ihre Sachen und mieden die Blicke jedes anderen Menschen.
Endlich war dieser letzte Tag ihrer Schulzeit vorüber und ohne sich noch einen letzten Blick zu schenken, trennten sich ihre Wege.
Viele Jahre später trafen sie sich zufällig in der Winkelgasse.
Severus hatte Trankzutaten bestellt und war gerade auf dem Weg zu einem wenig frequentierten Antiquariat in einer Nebengasse, um sich nach einem lange von ihm gesuchten Buch zu erkundigen.
Sie brauchten nicht länger als einen Lidschlag, um einander zu erkennen und trotz Allem, was gewesen war, war da doch wieder diese eigenwillige Anziehung, die sie aufeinander ausübten.
Es war genug Zeit vergangen, genug geschehen, dass sie das, was an jenem letzten Abend in der Schule geschehen war zwar nicht vergeben und noch weniger vergessen hatten, aber es war doch verblasst. Die Gefühle von Verrat, Verachtung und Hass schienen nicht mehr wichtig zu sein, als habe eine Art Patina ihnen die Schärfe genommen und sie unwichtig werden lassen.
Es waren zwei veränderte Menschen, die sich hier trafen und doch waren sie sich so ähnlich, wie eh und je.
Wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, sprachen sie miteinander und als schließlich die Abenddämmerung einsetzte und es kühl wurde, merkten sie, dass es noch so viel zu sagen gab und sie beide sich nicht voneinander trennen mochten. Eugenia zog ihren Umhang fester um sich und überlegte wie sie sich von ihm verabschieden sollte, als sich Severus ein Herz fasste und sie zu sich nach Spinners End einlud.
Sie stutzte kurz, schluckte eine spöttische Bemerkung herunter und nahm die Einladung mit einem ihrer seltenen Lächeln an.
Severus sah sie an und spürte eine vertraute Wärme in seinem Inneren, als er das sah und erst jetzt merkte er, dass er seit dem Ende seiner Schulzeit etwas vermisst hatte. So grausam ihre letztes Zusammensein gewesen war, da war doch noch weit mehr zwischen ihnen, so sehr er auch versucht hatte, das zu verdrängen.
In Spinners End angekommen, machte er ein kleines Abendessen fertig und öffnete eine Flasche Elfenwein.
Eine Weile aßen sie schweigend, dann begannen sie zu reden.
Sie unterhielten sich lange und Eugenia erfuhr, dass Severus das Wissen über Konzentration, mentale Fokussierung und Atemtechnik, das er von ihr gelernt hatte inzwischen umgesetzt hatte, um ein hervorragender Okklumentiker zu werden.
Mit einem leichten Schaudern bemerkte sie, dass er sich, während er darüber sprach, wie nützlich diese Fähigkeit war, gedankenverloren über den linken Unterarm strich. Sie erkannte, dass er ein Todesser geworden war, doch sie fragte nicht, wie es dazu gekommen war.
Zu zerbrechlich war das, was sie hier hatten noch und sie genoss es zu sehr, um es zu gefährden.
Sie reden über viele Dinge, aber ihre aktuelle politische Position ließen sie beide außen vor. Es war, als wollten sie einander signalisieren, dass sie sich akzeptieren, egal, wo der andere stand.
Aber so sehr sie auch versuchten, vorsichtig miteinander umzugehen, irgendwann kam die Sprache auf jene letzte Nacht in Hogwarts.
„Vielleicht hattest Du Recht, vielleicht war es wirklich allen gleichgültig, ob ich existiere. Aber nun ist das anders geworden", sagte Severus ruhig und es klang, als habe er damit abgeschlossen.
„Mir nie." Sie hatte den Blick gesenkt und sprach sehr leise.
Er antwortete nicht.
Plötzlich hob sie den Kopf, sah ihn direkt an und sagte immer noch leise, aber klar und deutlich: „Es war mir nie gleichgültig, Sevus. Du warst mir nie gleichgültig. Von Allem auf der Welt warst Du mir immer das Wertvollste."
Severus sah sie schweigend an, er sagte nichts, konnte nichts sagen, aber sein Blick sprach Bände. Vorsichtig streckte er die Hand aus und berührte ihr Gesicht. Erst jetzt bemerkte er die Tränen, die ihr über die Wangen liefen.
„Ich habe es überlebt, weißt Du? Es ist vergangen. So vieles ist geschehen, so viele Verletzungen. Lass es auf sich beruhen, Genia. Ich habe es überlebt und Du offensichtlich auch."
Sie schwieg, fühlte aber das erste Mal seit jener Nacht, wie sich Frieden in ihrem Inneren ausbreitete. Erst jetzt spürte sie, wie grausam die Leere gewesen war, die sie seither in sich getragen hatte.
„Wie gut, dass wir uns wieder getroffen haben", sagte sie mit einem Lächeln, das ihr gar nicht mehr so schwer fiel wie sonst. „Was ist es nur, das uns so sehr miteinander verbindet?"
Severus sah sie an und wieder erfüllte ihn ihr Lächeln mit dem Gefühl eines unerfüllten Sehnens.
„Magie", erwiderte er und nun umspielte auch seine Lippen ein leichtes Lächeln, als er daran dachte, dass Dumbledore immer von dieser Magie sprach.
Sie kamen sich näher und zu ihrem Erstaunen lachten sie sogar gemeinsam. Es war ein merkwürdiger Laut, ihn lachen zu hören, aber nicht unangenehm.
Severus merkte, dass sie der einzige Mensch war, mit dem er lachen konnte und es fühlte sich gut an.
Schließlich war es Nacht geworden und ihre gelegentlichen Berührungen waren häufiger und intensiver geworden. Sie sprachen nur noch wenig und ließen sich von ihren Gefühlen und ihren Händen leiten.
Zwischen ihnen war nichts von jener verkrampften Unsicherheit mehr, die zu dem letzten Desaster geführt hatte und es schien, als hätte es diesen Abend vor langer Zeit niemals gegeben.
Sie liebten sich und diesmal war es voller Hingabe und Vertrauen. Sie waren zärtlich und liebevoll und ließen sich viel Zeit. Noch nie hatten sie wirkliche Nähe erlebt und es war für beide wie eine Offenbarung, plötzlich zu erkennen, dass man einem anderen Menschen schutzlos so nahe sein konnte, ohne Angst zu empfinden.
Es war wie ein Wunder und Eugenia verstand jetzt zum ersten Mal warum Menschen ein Leben lang zusammen bleiben wollten, warum sie danach strebten, Familien zu gründen und das, was sie empfanden an ihre Kinder weiter zu geben.
Es war das Schönste, das sie beide jemals in ihren Leben erlebt hatten und gleichzeitig war es unbeschreiblich erschreckend für sie. Es erfüllte sie mit unbändigem Glück und tiefer Furcht.
Eugenia erwachte, als es noch stockdunkel war. Nach einem Moment wohliger Trägheit schoss ihr plötzlich die Erinnerung an das Geschehene in den Kopf. Es war so schön gewesen, so liebevoll. Sie seufzte, dann überrollte sie plötzlich eine Welle von Panik. Wie hatte sie nur irgendwen so nahe an sich heran lassen können? Wie hatte sie ihm nur erlauben können, ihre Seele zu sehen?
Was hatte sie sich gedacht? Dass er sie lieben könnte?
Hatte sie denn nicht daran gedacht, dass er, wenn sie länger miteinander zusammen waren, erkennen würde, dass sie keine liebenswerte Person war, dass niemand sie je lieben würde?
Und dann? Dann würde er sie wegstoßen.
Sie schüttelte den Kopf und beschloss, dass es nicht dazu kommen würde.
Lautlos erhob sie sich, zog sich an und wollte gerade das Zimmer verlassen, als sie sich noch einmal umdrehte und ihn ansah. Wie er da so schlafend lag, gab es ihr einen Stich. Eine nie zuvor erlebte Welle von Zärtlichkeit überrollte sie, als sie sein im Schlaf entspanntes Gesicht sah, dann aber schüttelte sie das Gefühl ab und verließ das Haus.
Als Severus erwachte, fühlte er sich auf der Stelle so zufrieden und glücklich, wie eigentlich noch niemals zuvor in seinem Leben. Einen Moment lang gab er sich der wohligen Entspannung hin, dann wandte er sich mit einem der bei ihm so unendlich seltenen Lächeln zur anderen Seite des Bettes.
Er merkte, dass sie leer war, dachte sich aber zuerst nichts dabei, vielleicht war sie im Bad oder in der Küche.
Als sie nach einiger Zeit nicht wieder kam, stand er auf, um nach ihr zu sehen. Er durchsuchte das ganze Haus, bis er begriff, dass sie fort war.
Er spürte, wie sich Kälte in ihm ausbreitete. Was hatte er denn gedacht? Dass sie ihn lieben würde? Dass sie es genossen hatte, mit ihm im Bett zu sein?
Er verzog das Gesicht.
Wahrscheinlich hatte sie ihn abstoßend gefunden, wollte aber nichts sagen und hatte nur darauf gewartet, dass er eingeschlafen war, um zu verschwinden.
Kälte und Leere breiteten sich in ihm aus und er verschloss das, was er noch vor wenigen Minuten empfunden hatte tief in seinem Herzen.
Nie wieder würde er zulassen, dass er so empfand, nie wieder würde er zulassen, dass jemand ihn verlassen konnte.
