Zwölftes Kapitel
… in dem die Vergangenheit die Gegenwart erklärt
Am nächsten Mittag verließ Genia wieder das Haus, um der Spur Dracos weiter nachzugehen. Sie war sicher, dass das, was sie in der Nocturngasse erfahren hatte, ein wertvolles Indiz sein könnte. Severus war nicht begeistert, aber er hatte verstanden, dass es keinen Sinn haben würde, sie aufzuhalten.
Als der Nachmittag zum Abend wurde, suchte Severus eine besondere Flasche Wein heraus. Das Gespräch vom Abend vorher und die Erinnerungen, die es wachgerufen hatte, hatten ihn in eine eigenartige Stimmung versetzt. Es war, als wäre all das, was die Gegenwart kennzeichnete, all der Schrecken der ihn in der letzten Zeit heimgesucht hatte, in Watte gepackt. Als hätte es an Relevanz verloren und würde ersetzt durch die unausgesprochenen Worte der Vergangenheit. Plötzlich schienen alle Fragen von früher wieder wichtig, die er so lange so tief in sich vergraben hatte.
Und was auch immer es bedeutete, er wollte diese neue Chance nicht wieder verstreichen lassen. Er hatte in seinem Leben so vieles verstreichen lassen und die Chance, etwas noch einmal anzufangen kam nicht allzu oft.
Er öffnete die Flasche und schenkte sich ein Glas ein. Langsam ließ er sich in seinen Sessel sinken, zum ersten Mal nach langer Zeit entspannt. Eugenias Worte hatten etwas in ihm berührt, von dem er gedacht hatte, es wäre vor unendlich langer Zeit abgestorben.
So lange hatte er nichts empfunden, außer der schier unerträglichen Last seiner verfluchten Vergangenheit. All die Ausbrüche, seine Wut, sein Hass, all das hatte nur die Oberfläche berührt, aber tief in seinem Inneren war es immer still geblieben.
Es war sein Stolz gewesen, der ihn vor so langer Zeit getrieben hatte, all die Dinge zu tun, die dazu führten, dass er nun ein verdammtes Leben führte.
Er sah in das Glas, beobachtete die Lichtreflexe in dem tiefen Rot des Weins.
Langsam ließ er die Flüssigkeit im Glas kreisen und sah den kleinen Strudel, der sich fast hypnotisch bewegte.
Die Zeit schien sich mit der Bewegung des Weins im Glas zu verlangsamen und er genoss es, die Selbstkontrolle, die ihn sonst so fest in ihren Klauen hielt, fallen zu lassen.
Freiheit.
Ein Moment köstlicher Freiheit, in dem es nur ihn gab. Ihn und die träge kreisende Flüssigkeit, die ihn an die Farbe von Blut erinnerte.
Eigentlich war das, was Eugenia für ihn war, etwas, das er kaum kannte, nach dem er sich aber mehr als alles Andere auf der Welt sehnte.
Sie war der erste und auch der einzige Mensch gewesen, der ihn um seiner selbst wollte. Sie wollte ihn als Menschen, nicht sein Können, nicht seine Fähigkeiten, nicht seinen Intellekt. Er war sich durchaus bewusst, dass man ihn überall, wo man ihm nicht mit offener Abneigung begegnete, nur duldete, weil man etwas von ihm brauchte. Dass man die Person Severus Snape in Kauf nahm, weil man seine Fähigkeiten benötigt.
Er wurde gebraucht, aber niemand wollte sich mit ihm abgeben, außer vielleicht Dumbledore. Aber auch der hatte immer auf sein Können gebaut und Severus war sich nicht sicher, ob er genauso in Dumbledores Ansehen gestanden hätte, wäre er nicht so ein begnadeter Tränkemeister, oder hätte er nicht so bereitwillig sein Leben bei seiner Spionagetätigkeit eingesetzt.
Oft hatte er sich gefragt, wie viel ihm der alte Zauberer noch aufbürden wollte und ob dieser jemals die Last ermessen konnte, die er seinem Schützling auf die Schultern legte.
Es hatte Momente gegeben, da hatte Severus geglaubt, er würde einknicken, könne keinen Schritt weiter gehen.
Er jetzt wurde ihm klar, dass ihm in all dieser Zeit jemand gefehlt hatte, der einfach nur um seiner selbst willen bei ihm war, mit dem er diese Last hätte teilen können.
Eugenia hätte so ein Mensch sein können, das begriff er jetzt.
Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken und als er Schritte hörte, die die Treppe hinaufgingen, spürte er eine tiefe Erleichterung, die ihn selber wunderte. Er war sich nicht im Klaren darüber gewesen, wie sehr er sich um sie sorgte.
Es dauerte nicht lange, dann trat sie zu ihm ins Wohnzimmer. Er reichte ihr ein Glas mit Wein und wartete, bis sie sich gesetzt hatte.
Wie in einer unbeabsichtigten Kopie seiner Haltung ließ sie die tiefrote Flüssigkeit langsam im Glas kreisen, bevor sie einen Schluck trank.
Sie seufzte und lehnte sich zurück. Dann blickte sie von ihrem Glas auf und sah ihn an. Ihre Blicke trafen sich und sie merkte, dass er sie beobachtet hatte. Noch immer schwiegen sie, dann jedoch fragte er leise: „Gibt es etwas Neues?"
„Ich werde morgen jemanden treffen, der vielleicht weiß, wer das war, der mit Malfoy zusammen in der Nocturngasse war. Es sieht so aus, als wäre er dort verabredet gewesen, aber niemand weiß, mit wem er sich getroffen hat."
Snape nickte langsam.
Wieder schwiegen sie, aber Eugenia bekam das Gefühl, als wäre da etwas Unsichtbares, das zwischen ihnen schwebte. Wie eine unausgesprochene Frage.
Und als habe er ihre Gedanken gelesen, erklang seine Stimme leise, aber deutlich: „Warum bist Du hier, Genia?"
Sie hob eine Augenbraue und sah ihn an. „Das weißt Du. Ich brauchte eine Unterkunft und da fiel mir dieses Haus ein."
Severus verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
„Mach mir nichts vor, bitte. Jemand wie Du findet immer irgendwo Unterschlupf. Es ist absolut unglaubwürdig, wenn Du behauptest, es hätte keine andere Möglichkeit für Dich gegeben, als mich und dieses Haus."
Eugenia senkte den Blick und schien überaus interessiert ihren Wein zu beobachten. Der Vorwurf, ihn über ihre Motive zu belügen kam unerwartet und sie versuchte, schnell eine passende Ausrede zu finden.
Doch als sie den Kopf wieder hob, sah sie in seine dunklen Augen, die tief in ihre Innerstes zu blicken schienen.
Sie besann sich, holte tief Luft und sagte ruhig: „Du hast Recht, Sevus. Zwar musste ich tatsächlich untertauchen, aber es hätte sicherlich noch andere Verbindungen aus meiner Vergangenheit gegeben, die mir hätte weiterhelfen können."
„Du siehst mich aufs Äußerste gespannt, was Deine wahren Motive sind." Er hatte eine Augenbraue gehoben und leiser Spott klang aus seinen Worten.
„Wenn es Dir nichts ausmacht, würde ich lieber nicht darüber sprechen." Sie senkte wieder den Kopf.
„Es macht mir etwas aus." Seine Stimme war nun kalt und hart. „Immerhin bist Du hierher gekommen, hast mich belogen und ich habe Dich trotzdem aufgenommen. Ich denke, ich habe jetzt ein Recht, zu erfahren, was Dich wirklich bewogen hat, an meine Tür zu klopfen."
Wieder wollte sein Blick sie durchbohren, aber Eugenia hielt den Kopf gesenkt.
Als wisse er, dass er seinen Standpunkt klar gemacht hatte und weitere Worte unnötig waren, schwieg Severus.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Eugenia schließlich sprach. Sie setzte sich auf, machte ihren Rücken gerade und hob den Kopf.
„Ja, Du hast Recht, vielleicht solltest Du wissen, was mich hierher getrieben hat. Was mich all die Jahre am Leben erhalten und schließlich vor Deine Tür gebracht hat."
Er regte sich nicht, legte abwartend den Kopf ein wenig schräg und beobachtete sie, während er ihren Worten lauschte. Nur ein dezentes Stirnrunzeln ließ vermuten, dass eben diese Worte mehr als nur ein leichtes Interesse bei ihm geweckt hatten.
„Es war Hass und der unstillbare Drang nach Rache, die mich solange genährt haben. Du kannst den Schmerz nicht ermessen, den ich beim Tod unseres Kindes gefühlt habe und dafür wollte ich Rache. Du hast mich so sehr verletzt und dann habe ich dieses Kind alleine zur Welt gebracht. Vielleicht könnte es noch leben, wenn sein Vater da gewesen wäre.
All die Jahre habe ich meinen Hass auf Dich genährt und mich von dem Gedanken an Rache leiten lassen."
Ihre Augen wurden glasig, die durchscheinende Blässe ihrer Haut vertiefte sich noch mehr, so dass er einen Augenblick lang dachte, sie sähe aus wie tot.
Snape betrachtete sie ruhig und nickte langsam, als habe er sich genau das schon gedacht.
Dann sagte sie mit seltsam blecherner Stimme: „Ich habe Dich so sehr gehasst. So sehr. Es war das Gefühl, das mich am Leben gehalten hat. Und irgendwo ganz tief in meinem Inneren habe ich Dich so sehr geliebt, dass es schmerzte."
Wieder nickte Severus, dann fragte er mit einem seltsamen Anklang von Triumph in der Stimme: „Und? Hast Du nun gefunden, was Du hier gesucht hast?"
Ihre Stimme war nun müde. „Vielleicht ja. Vielleicht auch nicht. Es kommt darauf an, welchen Teil meiner Seele Du fragst."
Er beugte sich vor, berührte sanft mit den Fingerspitzen ihren Arm. „Von welchem Teil möchtest Du denn, dass er hier bleibt?"
Sie sah ihn mit nun wieder klaren Augen, in denen Tränen glänzten an. „Ich habe all die Jahre den Hass auf Dich geschürt, wollte nur noch Dir den gleichen Schmerz zufügen, den der Tod meines Babys mir zugefügt hat. Alles was ich mir vom Leben noch erhofft hatte, war Rache. Grausame Rache, die mich für das entschädigen sollte, was ich erlitten hatte.
All die Jahre… Nur, um nun zu merken, dass ich Dich nicht hassen kann, so sehr ich es auch wollte."
Wieder drehte sie den Kopf weg, als fiele es ihr schwer, ihm in die Augen zu sehen.
„Sieh mich an, Genia."
Sie schüttelte den Kopf.
„Warum siehst Du immer noch weg. Was verbirgst Du noch?"
Wieder schüttelte sie den Kopf und mit fast unhörbarer Stimme sagte sie: „Es fällt mir schwer, Dich anzusehen. Er hatte Deine Augen, Sevus."
Hätte sie ihn angesehen, so hätte sie erkennen können, wie erschüttert er war, wie sehr ihn das, was sie gesagt hatte aus dem Gleichgewicht brachte.
Er räusperte sich, als wolle er etwas sagen, schwieg dann aber doch.
Eugenia hob bei dem Geräusch den Kopf und sah zu ihm herüber. Nun war er es, dessen Blick fest auf das Weinglas in seiner Hand geheftet war.
Langsam erhob sie sich, stellte ihr Glas auf den Tisch und ging neben seinem Sessel in die Hocke. Sie griff nach seiner freien Hand und legte sie zwischen ihre Hände.
„Ich wünschte, wir könnten die Zeit zurück drehen", sagte sie leise und ihre Stimme zitterte. „Ich wünschte, wir könnten noch einmal an dem See sitzen, an dem Tag, als Du das erste Mal meine Hand halten wolltest."
Er sah auf ihre Hände, die seine umschlossen.
„Ich würde es diesmal nicht vermasseln, Sevus, das schwöre ich." Nun war ihre Stimme fester, aber voller Trauer über das, was sie verloren hatten.
Er starrte sie an und plötzlich spürte er eine nie gekannte Sehnsucht nach etwas, von dem er nicht einmal wusste, dass er es vermisste, in ihm aufsteigen. Schmerzhaft breitete sich ein Gefühl in seiner Brust aus und er schloss die Augen.
Nach einer Weile spürte er, wie sich Arme um ihn schlangen und Genia ihn an sich zog. Er versteifte sich, überwand dann aber seine Scheu vor so viel Nähe und ließ sich in ihre Umarmung fallen. Nach einer kleinen Ewigkeit legte dann auch er seine Arme um ihren Körper und hielt sie fest.
