Dreizehntes Kapitel

… in dem ein Blick hinter die Fassade geworfen wird

Der Morgen dämmerte sehr langsam, als Eugenia das Haus in Spinners End verließ. Sie dachte an den schlafenden Severus, den sie dort im Bett zurückgelassen hatte und wieder überfielen sie Zweifel, ob das, was sie tat richtig war.

Sie wanderte den ganzen Tag lang ziellos durch die Stadt. Die letzte Nacht, ihre Gefühle, Severus, all das ging ihr wieder und wieder durch den Kopf wie in einer unendlichen Schleife.

Und dagegen kämpften die Gefühle, die sie beim Erwachen gehabt hatte, die namenlose Angst, jetzt alles zu verderben, fort gestoßen zu werden für das, was sie war.

Sie hatten sich seit ihrer Schulzeit nicht mehr gesehen und dann war da dieses zufällige Treffen in der Winkelgasse gewesen, das zu dieser wundervollen, aber auch so beängstigenden Erfahrung geführt hatte. Eugenia erschauderte bei der Erinnerung an die vergangene Nacht, und wieder sah sie Severus dunkle Augen vor sich, als er sie so voller Hingabe ansah.

Und trotzdem, etwas in ihr sagte ihr, dass das nur die Euphorie einer Nacht gewesen war, dass niemand sie für längere Zeit lieben würde. Nicht einmal jemand wie Severus, der selber von niemandem geliebt wurde. Von niemandem außer von ihr. Schmerzhaft machte sich das Gefühl in ihrem Inneren breit, dass sie seit dem vergangenen Abend jedes Mal fühlte, wenn sie an ihn dachte.

Hoffnung. Furcht. Hoffnung. Ihre Gefühle wollten sie schier zerreißen.

Irgendwann am Ende dieses Tages, nachdem sie seit Stunden schon in einem kleinen Park auf einer Kinderschaukel gesessen hatte, begriff sie, dass die Angst sie nicht beherrschen durfte. Dass es nur einen Menschen auf der Welt gab, dem sie vertrauen wollte und das war Severus.

Langsam war die Erkenntnis in ihren Verstand gesickert, dass es keinen Grund gab, Angst zu haben. Severus würde sie nicht verletzen, nicht jetzt, nicht nachdem sie beide sich dem anderen so sehr geöffnet hatten.

Sie erhob sich und ging langsam wieder zu seinem Haus zurück. Freude erfüllte sie und ein kleiner Hoffnungsschimmer begann in ihrem Herzen zu keimen, dass es für sie beide vielleicht doch eine Zukunft, ein besseres Leben geben konnte.

Sie klopfte an seine Tür und es dauerte nur einen Moment, bis er ihr öffnete.

Er ließ sie wortlos herein, aber ein einziger Blick in seine Augen zeigte ihr, dass alles verloren war.

Sie versuchte ihm zu erklären, warum sie an dem Morgen fort gegangen war, was sie gedacht und gefühlt hatte. Sie wünschte sich so sehr, er würde verstehen und könnte ihr vielleicht verzeihen, aber sie fand die Worte nicht, mit denen sie ihr Innerstes hätte beschreiben können. Zu ungeübt war sie darin, sich auszudrücken und Severus machte auch keinerlei Anstalten, es ihr leichter zu machen.

Eugenia wollte ihm sagen, warum sie gegangen war, welche Zweifel sie plagten, aber wenn immer sie in sein Gesicht sah, seine dunklen Augen ihrem Blick auswichen, dann verließ sie der Mut.

Er selber fühlte sich leer und unfähig, auf Eugenia zuzugehen. Als sie am Abend wieder vor seiner Tür gestanden hatte, fühlte er eine Art wilde Hoffnung in sich aufwallen, dass sie einen Grund gehabt haben könnte, dass es nicht an ihm gelegen hatte, dass sie ihn verlassen hatte.

Eine leise Stimme in seinem Kopf versuchte sich durchzusetzen mit der Meinung, dass er vielleicht doch liebenswert sein könnte und dass es Eugenia war, die ihn lieben konnte.

Immer wieder wollte er sich ihr zuwenden, ihr sagen, dass er die gemeinsame Nacht genossen habe und er nichts mehr wünschte, als dass sie bei ihm bleiben würde.

Aber er brachte es nicht fertig, die eisige Kälte abzuschütteln, die ihn immer wieder packte, wenn er daran dachte, wie sie ihn verlassen hatte.

Es war vertrackt, aber er war nicht in der Lage, ihr diesen Moment, als er ihre leere Bettseite bemerkt hatte, zu verzeihen. Immer wieder fühlte er den Schmerz, den die Erkenntnis, dass sie fort war, ausgelöst hatte.

So vergingen mehrere Tage, in denen beide immer wieder scheinbar reden wollten, aber jedes Mal scheiterten. Entweder, weil sie nicht die richtigen Worte für einen Anfang fanden, oder weil der andere ihnen mit kalter Ablehnung begegnete.

Wie auch immer sie es versuchten, sie kamen nie zu einem klärenden Gespräch, in dem sie dem anderen erklären konnten, dass es ihre eigenen Ängste waren, die das Dilemma ausgelöst hatten.

Sie wollten einander sagen, dass es nicht die Schuld des anderen war, dass sie wussten, die Ursachen lagen tief in ihren eigenen Herzen verborgen, aber kein Wort kam über ihre Lippen.

Sie sprachen wenig in diesen Tagen, aber wenn, dann waren es belanglose Dinge.

Als wollten sie eine Art surrealistischen Alltag erschaffen, in dem es das Verlassen niemals gegen hatte und sie so etwas wie ein Paar waren.

Es war ein trügerischer Frieden, der nur wenige Tage hielt, dann stritten sie sich immer häufiger. Ihr Umgang miteinander war kühler geworden und es war deutlich, dass etwas zerbrochen war.

Und trotzdem sehnten sie sich beide nach der Nähe, der Wärme und der Zuneigung, die sie nur ein einziges Mal in ihren Leben erfahren hatten und die tiefe Spuren in ihren Seelen hinterlassen hatte.

Sie wussten nicht, wie sie dieses Gefühl wieder herstellen sollten und so taten sie das Einzige, was ihnen bisher sonst ein Gefühl von Nähe verschafft hatte. Sie stritten sich, verletzten sich und überwanden so die schweigende Distanz, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte.

Nur diesmal war es anders als in ihren Kinder- und Jugendtagen. Diesmal lag eine tiefe Verletzbarkeit zugrunde, die sie vorher nicht gekannt hatten. Diesmal waren sie von Zweifeln an sich selbst, an dem Anderen und an ihren Gefühlen füreinander geplagt und das war der fatale Unterschied.

Es waren nichtige Anlässe und man konnte fast den Eindruck gewinnen, als würden hier Schlachten auf Nebenschauplätzen ausgetragen. Aber die beiden merkten es nicht und die Streitereien, Seitenhiebe und sarkastischen Anmerkungen wurden zunehmend grausamer.

Dort, wo sie früher immer gemerkt hatten, wann es genug war, wann sie aufhören mussten, um irreparable Schäden zu vermeiden, dort überschritten sie nun Grenzen. Jede Zurückhaltung war verschwunden und es schien nur noch um den finalen Sieg über den Anderen zu gehen.

Eines Abends stritten sie sich wieder, Severus warf ihr Kälte vor und nannte sie unsensibel.

Und da tat Eugenia das Unvorstellbare. Voller Wut und hilfloser Verletztheit schrie sie ihm ins Gesicht, was sie damals im fünften Schuljahr gesehen hatte und wie sie diese Szene all die Jahre um seinetwillen tief in ihrem Herzen vergraben hatte. Dass sie damals wochenlang gegrübelt hatte, wie sie sich ihm wieder nähern konnte, ohne ihn wissen zu lassen, dass sie Zeugin seiner schlimmsten Demütigung geworden war. Dass sie nächtelang nicht schlafen konnte, aus Sorge um ihn und aus Angst, ihn nie wieder als Freund zu haben. Und nun wagte er es, sie unsensibel zu nennen.

Severus wurde bleich. Noch bleicher, als man es sich bei ihm vorstellen konnte.

Schweigend packte er sie und warf sie aus seinem Haus.

Sie kam nie wieder, bis zu jenem Tag, als sie unvermutet vor seiner Tür stand und ihn um Unterkunft bat.

Die innige Umarmung dauerte lange an, aber ihr folgte keine weitere Intimität. Sie näherten sich einander langsam, aber es war für beide schwierig, das, was in der Vergangenheit gewesen war, zu überwinden, so sehr sie es sich auch wünschten.

Und da war auch immer noch diese alte Angst vor Nähe, die Furcht vor Verletzungen, die das Vertrauen so sehr erschwerte.

Eugenia ging ihrer Spur in der Nocturngasse nach und fand heraus, dass Draco versucht hatte, bei zwielichtigen Geschäftspartnern seines Vaters in der Nocturngasse unter zu kommen. Das Problem bei diesen Leuten war, dass sie nur dem dienten, der am Meisten zahlte und so war es für Eugenia möglich, zu erfahren, dass Draco von einem Reagenzienhändler, der hohe Schulden hatte, verraten worden war.

Das letzte, was sie herausfand, war, dass der Junge gesehen wurde, als mehrere dunkel gekleidete Gestalten ihn beim Hinterausgang des Ladens packten und entführten. Doch auch dieser Vorfall lag schon einige Tage zurück. Seit dem hatte niemand etwas gehört oder gesehen und weder Geld noch Drohungen, Versprechen oder gute Worte vermochten ihre Informanten dazu zu bringen, mehr zu erzählen. Auch über Narcissa Malfoy wusste niemand irgendetwas zu berichten, ihre Spur hatte sich schon länger verloren.

Schließlich drohte man ihr Unaussprechliches an, wenn sie nicht aufhörte zu fragen und nachdem man diesen Drohungen mit einigen blauen Flecken und einem gebrochenen Arm Nachdruck verliehen hatte, gab sie schließlich auf.

Sie kam zurück in Snapes Haus und schlich sich ein weiteres Mal ins obere Stockwerk. Dass er in einer Nische hinter der Treppe stand und sie beobachtete, bemerkte sie nicht.

Er konnte sich kaum beherrschen, dort versteckt stehen zu bleiben und ihr nicht sofort zu Hilfe zu eilen, als er sah, wie sie gebeugt und mit schmerzverzerrtem Gesicht die Treppen hoch schlich.

Aber er kannte sie gut genug, um schweigend zuzusehen. Als sie oben im Bad verschwunden war, verließ er seine Nische und ging in die Küche. Wenn er ihr sonst schon nicht helfen konnte, dann wollte er zumindest ein wenig für ihr leibliches Wohl sorgen.

Er bereitete eine kräftige Suppe, Brot und Obst vor und musste lächeln, als er daran dachte, dass er seine Lebensmittelbestellungen unter dem Namen Prince tätigte, was offenbar keinerlei Verdacht in der Zaubererwelt erregte.

Wie gleichgültig doch seine Mitmenschen waren, obwohl er ein gesuchter Mann für beide Seiten war, schien niemand sich die Mühe zu machen, genauer nachzuforschen.

Er schüttelte diese Gedanken ab und widmete sich wieder der Essenszubereitung.

Ein leichter Schauder schüttelte ihn, als er daran dachte, was Eugenia wohl wieder passiert sein könnte. Sie war so dickköpfig, das wusste er, und würde sich um nichts in der Welt von den Nachforschungen abhalten lassen. Trotzdem war er zutiefst beunruhigt über das, was ihr bei der Suche nach Informationen passierte.

Er konnte nicht glauben, dass es nur daran lag, dass sie in bestimmten Kreisen nicht sehr beliebt war. Sicher lag der Grund für die Verletzungen auch darin, dass es nicht sehr gesund war, sich nach dem Verbleib eines Mitglieds der Familie Malfoy zu erkundigen.

Severus nahm sich vor, sie nicht mehr gehen zu lassen, denn wenn der dunkle Lord herausfand, dass sie Draco suchte, dann war sie in höchster Gefahr. Sie war keiner von seinen Todessern und so würde er sie bedenkenlos auf die Liste seiner Feinde setzen und ihren Tod oder Schlimmeres anordnen.

Entsetzen überkam ihn bei dieser Vorstellung und er merkte, wie nahe sie ihm schon wieder war. Wann hatte sie den Weg zurück in sein Herz gefunden? Wann war der Panzer aus Eis von seinen Gefühlen abgefallen und hatte all das wieder freigelegt, was er so lange Zeit so sorgsam versteckt und beschützt hatte?

Er setzte sich an den gedeckten Tisch und stützte sein Kinn in die Hände. Die Spitzen seiner zusammengelegten Zeigefinger berührten seine Nase und er verharrte in dieser vertrauten Stellung. Wenn er ganz ehrlich zu sich selber war, dann hatte er immer gewusst, dass es nur Eugenia sein könnte, die seinen Schutzwall aus Zynismus und beißender Arroganz nieder zu reißen in der Lage war.

Sie löste noch immer die gleichen Gefühle in ihm aus, jetzt, da sie einen Umgang gefunden hatten, der weitgehend frei von schweren Verletzungen war. Diese Gefühle, die er so sehr fürchtete, die sich aber auch so wunderbar und richtig anfühlten.

Er blickte auf, als Eugenia schließlich die Küche betrat. Ihr Anblick rührte ihn auf eine unbestimmte Art und die Zuneigung, die er in ihren Augen sah, erfüllte ihn mit Wärme.