Ihr Lieben,

und weiter geht es mit meiner kleinen Sirius-Saga. Ich danke allen, die das erste Kapitel so herzlich in Empfang genommen haben; das hat mich enorm angespornt, mich immer wieder an den schwierigen Stoff heran zu wagen.

(Und natürlich liebsten Dank an alle, die unser aller Lieblingsanimagus bei seinen Bildungsbestrebungen so nett unterstützt haben.)

Tauchen wir diesmal ein wenig in die Vorgeschichte ein, beantworten wir ein paar Fragen und werfen viele neue auf…

Viel Spaß kann ich Euch diesmal nicht wünschen, aber haltet durch. Alles wird gut. Irgendwann.

Disclaimer: Siehe Kapitel Eins.

Soundtrack: W.A. Mozart, Requiem, und daraus das Lacrimosa.

Eine Runde Taschentücher für alle, und los geht es.

Zwei: Der Vorhang fällt

Es ist still in Nummer zwölf, still und dunkel, und Emilia sinkt in Stille und Dunkelheit wie in ein Grab.

Sie weiß nicht, wann sie zuletzt gesprochen hat, oder ob sie es jemals wieder können wird. Sie weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, die mit Warten gefüllt ist wie mit dickem, zähem Teer. Der Kaffee in der Tasse, es ist die mit dem Sprung, ist längst kalt. Das Feuer im Herd ist verloschen. Emilia weiß nicht, ob sich überhaupt noch etwas bewegt, oder ob die Welt aufgehört hat, sich zu drehen.

Es gibt einen einzigen Anker im Nichts: kühle, weiße Finger, die auf ihren liegen. Jemand, der die Stille mit ihr teilt und das Schweigen, versunken in eigenen Gedanken, aber immerhin eine tröstliche Präsenz, an die sie sich klammern kann, um nicht vor Sorge den Verstand zu verlieren.

Es ist nicht die erste riskante Unternehmung, nicht das erste besorgte Herzklopfen, aber diesmal ist alles anders. Emilia, die keinerlei esoterische Neigungen hat, spürt diesmal, dass etwas nicht stimmt. Zu viel Panik, zu viel Aufgeregtheit im Aufbruch, eine unklare Geschichte von Harry und Träumen und Türen im Ministerium, hinter denen Sirius gefoltert wird.

„Ich gehe" hat Sirius gesagt, die Augen in Flammen, und in seinem Gesicht hat man lesen können, dass er es nicht nur für Harry tut, sondern auch für James und Lilly, deren Tod er sich nie wird verzeihen können. „Jetzt. Ich lasse mir keine Vorschriften mehr machen. Schickt Verstärkung, wenn ihr welche auftreiben könnt. Ich gehe jetzt."

Und Remus hat ihn angesehen und genickt und „Ja" gesagt, und „Ich weiß", und ist mitgegangen. Es haben sich auf die Schnelle noch Tonks auftreiben lassen und Moody und Kingsley, und dann sind sie aufgebrochen, um sich einer unbekannten Übermacht an Todessern zu stellen. Emilia ist zurück geblieben in dem Grab, das Nummer Zwölf ist, und hat geweint vor Verzweiflung und Erleichterung, als Severus endlich von Hogwarts kam.

Das Baby in ihrem Bauch ist etwa so groß wie ihre Hand und kann schon am Daumen lutschen.

Dann ist plötzlich Bewegung im Haus. Schritte, und unterdrückte Stimmen. Severus steht von seinem Stuhl auf und ist mit raschem Schritt an der Küchentür.

„Hier" kommt Kingsleys dunkler Bass von der Treppe. „Vorsicht. Bringt ihn hier rein."

Severus öffnet die Tür und sieht hinaus auf die Treppe. Emilia steht auf, ihre Füße sind taub, sie sieht ihre Hände zittern, aber sie hat kein Gespür in ihnen. Sie starrt auf die Tür, wo Severus ein zerrupftes Häuflein Ordensleute in die Küche lässt. Ihr Auge sucht die vertraute schmale Gestalt in der fadenscheinigen Strickjacke, und da ist er, zwischen Kingsley und Moody, fast verdeckt von Severus' umfangreichen Roben, kaum mehr als ein silbrigbrauner Schimmer, und Emilia stößt Luft aus und stürzt auf ihn zu und merkt gar nicht, dass sie mit dem Ärmel ihrer Robe die gesprungene Tasse vom Tisch wischt.

„Was ist passiert?" fragt Severus. „Ich habe euch Dumbledore hinterher geschickt. Kam er rechtzeitig?"

„Nein" sagt Tonks, die sich als letztes durch die Tür geschoben hat, Blutspuren im Gesicht und in den mausbraunen, zipfeligen Haaren, und bricht in Tränen aus.

„Potter?" sagt Severus.

„In Sicherheit" sagt Kingsley.

„Die Prophezeiung?" fragt Severus.

„Verloren, für beide Seiten" sagt Kingsley müde. „Jetzt beweg dich, Severus. Wir brauchen einen Stuhl."

Einstweilen starrt Emilia Remus ins Gesicht.

„Was ist mit ihm?" fragt sie, aber es will keine Stimme kommen, nur ein schwaches Flüstern, das keiner hört. Remus wirkt äußerlich unverletzt, aber sein Gesicht ist weiß, sein Blick geht ins Leere.

Seine Augen sind Abgründe.

Sie schieben ihm einen Stuhl hin und setzen ihn darauf, drücken ihn an den Schultern hinunter wie eine leblose Puppe.

„Remus" sagt Emilia, und er sieht sie an, aber sein Blick geht durch sie hindurch.

„Sagt mir, was passiert ist" sagt Emilia und zwingt die Worte über ihre Lippen. „Sirius? Was ist mit ihm? Hat er einen Zauber abbekommen, oder was?

…Sirius?"

Der Name fällt in die Stille wie Rosen auf einen Sarg.

oooOOOooo

Poppy Pomfrey diagnostiziert einen Schockzustand. Sie hüllen Remus in eine Decke und kochen ihm Tee, um ihn warm zu halten. Er hat begonnen, am ganzen Leib zu zittern. Sein Gesicht zeigt keine Regung. Er hält die Tasse fest, die man ihm gibt, aber seine Hände zittern so sehr, dass ihm die heiße Flüssigkeit über die Finger schwappt. Er scheint es nicht zu bemerken, und so nimmt man ihm die Tasse wieder ab und gibt ihm den Tee in kleinen Schlucken zu trinken. Er hat seit seiner Ankunft kein Wort gesprochen.

Die anderen bewegen sich durch die Küche wie Marionetten. Tonks weint haltlos an Kingsleys Brust. Emilia hat sich einen Stuhl neben Remus gezogen und versucht, mit Berührungen die Starre zu durchbrechen, die ihn umgibt, doch er reagiert auf sie ebenso wenig wie auf den heißen Tee an seinen Fingern. Moody steht und starrt durch das kleine, blinde Fenster hinaus in den Hinterhof, ein geschlagener Krieger. Der Tränkemeister steht und lässt seinen dunklen Blick durch den Raum gehen.

Stückweise fügen sich die Informationen zu einem Bild.

Es ist Sommer, und der strahlende Winterstern ist vom Himmel gestoßen worden.

Irgendwann steht Remus von seinem Stuhl auf. Die anderen halten inne. Alle Blicke gehen ihm zu.

Er macht ein paar Schritte um den Tisch, kniet sich dann hin und beginnt, die Scherben der blau gepunkteten Tasse einzusammeln. Er macht es gründlich, erst die großen, dann die kleinen, die er mit der Wölbung in die großen schmiegt, dann die ganz kleinen. Dann die winzigen, die kaum mehr sind als gesprungene Stückchen der Glasur. Die Küche schweigt. Selbst das alte Gemäuer scheint auf ihn zu achten, wie er seine Arbeit vollendet und sich dann aufrichtet, die Hände voller Scherben. Er sieht niemanden an, als er hinüber zur Spüle geht und die Scherben in den Abfalleimer wirft. Er streicht sich die Hände an der Hose ab, schiebt sich mit einem grausigen, leeren Lächeln an Tonks und Kingsley vorbei, die die Tür blockieren, und verlässt die Küche. Sein leichter Schritt wird vom Haus geschluckt.

Man wird ihn suchen, später, und keine Spur von ihm finden, nur eine dicke Schicht von Abwehrzaubern auf der Tür zu Sirius' Schlafzimmer.

oooOOOooo

Später, während der stillen, dunklen Nachtstunden, sammelt Emilia die Scherben der blau gepunkteten Tasse aus dem Abfall, breitet sie auf dem Tisch aus und beginnt, mit Zauberstab und Sekundenkleber, die Tasse wieder zusammen zu setzen.

Severus sieht zu. Er sagt kein Wort.

oooOOOooo

Es ist schwierig, zu begreifen, dass Sirius tot sein soll. Zu lange ist er viel zu lebendig gewesen in diesem Haus. Sein Leben hat Spuren hinterlassen, die der Tod nicht getilgt hat: seine Kaffeetasse in der Spüle, die Tüte Hundekekse in der Vorratskammer, die zerknitterte Motorradzeitschrift auf der Eckbank. Kleidungsstücke, die er nicht aufgeräumt hat, feuchte, zerknüllte Handtücher im Badezimmer, die er nach dem Duschen achtlos auf den Boden hat fallen lassen. Der Aschenbecher auf dem Fensterbrett im Innenhof.

Und anderes: der seltsame dunkle Rand, der erhalten geblieben ist, als Sirius auf Tonks' Wunsch hin endlich den Trollbein-Schirmständer aus der Halle entfernt hat. Der verschmorte Fleck auf dem Pflaster im Innenhof, wo sie ihn benutzt haben, um Kampfzauber zu üben. Der Stuhl in der Küche, dessen viertes Bein kein Gewicht mehr trägt, seit Sirius einmal beim Kippeln damit nach hinten umgeschlagen ist. Er hat ihn trotzdem stehen lassen, in der Hoffnung, einmal Zeuge zu werden, wie Severus damit zu Boden geht, aber die einzige, die den Stuhl regelmäßig und gedankenverloren erwischt hat, ist Tonks gewesen.

Emilia hat ein bisschen auf der Eckbank geschlafen, eine Stunde vielleicht oder zwei, zwischen ihren wiederkehrenden Patrouillengängen hinauf zu der versiegelten Tür, hinter der sich nichts rührt, und ist aus dunklen, quälenden Träumen in eine trostlose Wirklichkeit zurück gekehrt. Es ist früher Morgen, ein Dienstag, wie sie sich mühsam erinnert, und Severus ist immer noch bei ihr in der Küche. Er sieht angegriffen aus, aber nur, wenn man ihn gut kennt.

„Wir haben einige Angelegenheiten zu ordnen" sagt Severus, sobald Emilia die Augen aufgeschlagen hat. Emilia nickt und kommt mühsam zum Sitzen.

„Ich gehe nach Hogwarts und veranlasse eine Unterrichtsvertretung für Sie" sagt Severus. „Sie gehen heute in die Wolfsschule. Verfahren Sie dort mit den Schülern, wie es Ihnen beliebt, aber kümmern Sie sich in irgendeiner Form."

„Ja" sagt Emilia.

Severus erhebt sich und bewegt sich mit raschelnden Roben zur Tür.

„Kontaktieren Sie mich in Hogwarts, wann immer Sie es für erforderlich halten" sagt er.

„Ja" sagt Emilia. „Danke."

Severus nickt und ist schon halb auf der Treppe, als er sich noch einmal zu ihr umwendet. Seine Roben verschmelzen mit den Schatten des Hauses.

„Mein Beileid" sagt er, „zum Verlust Ihres Ehemannes."

„Aber" sagt Emilia, und dann fallen ihr die leeren Abgrundaugen ein, und sie sagt nichts mehr.

oooOOOooo

Es ist schwierig, zu begreifen, dass Remus noch am Leben sein soll.

Sie findet ihn am offenen Küchenfenster, als sie mittags nach Nummer Zwölf zurückkehrt. Er trägt einen schwarzen Pullover, der ihm zu groß ist, weil es Sirius' ist. Die Ärmel sind zu lang und fallen ihm über die blassen, knochigen Finger. In der einen Hand hat er eine Kaffeetasse, in der das dicke, schwarze Zeug schwappt, das Sirius sich immer angerührt hat. In der anderen hat er eine Zigarette. Er inhaliert und bläst den Rauch hinaus auf den Innenhof.

(„Besser, ich stelle das Rauchen in geschlossenen Räumen ein, was?" hat Sirius gesagt. „Klein-Moony soll sich seine Drogen selbst aussuchen, wenn er alt genug ist.")

„Remus?" sagt sie mit einer Stimme, die ihr selbst fremd ist. Er wirft ihr über die Schulter einen Blick zu, sein Gesicht ist weiß und eingefallen wie das eines Toten, dann geht sein Blick wieder hinaus in den Innenhof.

„Ich war in der Wolfsschule" sagt Emilia, sie zwingt sich, die Totenstille zu durchbrechen, obwohl sie sich fühlt wie ein Grabräuber. „Ich habe deinen Schülern Aufgaben gegeben, die sie bearbeiten sollen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten am Freitag wieder kommen. Falls du… falls du nicht kannst, am Freitag, gehe ich hin. Ich kann mich in Hogwarts vertreten lassen. Ich könnte… die Aufgaben mit ihnen durchsprechen, am Freitag, und ihnen welche für die nächste Woche geben… falls du das möchtest…"

Ihre Stimme lässt sich von der Stille erdrücken. Von dem Mann am Fenster kommt ohnehin keine Reaktion. Er trinkt einen Schluck von dem schwarzen Kaffee und schaut hinaus auf den Innenhof. Emilia tritt neben ihn.

Draußen auf dem Hof steht die Lady, ihre Chromteile glitzern in der Mittagssonne, als hätte man ihr kleine Sterne aufgesetzt. Emilia schlägt die Hand vor den Mund. Der Klumpen in ihrem Hals löst sich plötzlich und lässt die Tränen fließen, alle, die sich seit gestern abend angesammelt haben. Sie legt die Hand auf ihren Bauch und schluchzt, und Remus raucht, trinkt Kaffee und betrachtet mit fernem Blick die Lady.

oooOOOooo

Remus ist nicht der einzige, der in Nummer Zwölf verstummt ist. Auch das Portrait von Mrs. Black in der Halle ist still und beinahe reglos, seit der Stern verloschen ist, man könnte sie für ein Muggel-Gemälde halten, wären da nicht die Augen, die dem Betrachter folgen und seinen Blick erwidern, und manchmal ein flüchtiges Zittern der schmalen Hände, die auf der dunklen Robe gefaltet sind.

Jetzt, da ihre Wutausbrüche sie nicht mehr in die Flucht schlagen, hält Emilia auf dem Weg durch die Halle immer wieder inne, um das Gemälde zu betrachten.

Sie ist eine schöne Frau gewesen, Mrs. Black. Das Gemälde zeigt sie in ihren Fünfzigern. Ihre Schönheit hat sie ihrem Sohn vererbt: die blassen, aristokratischen Züge, das dichte schwarze Haar, das sie zu einem strengen Dutt hoch gesteckt trägt. Die von schweren Lidern und dichten Wimpern überschatteten Augen, grau die ihren, blau die seinen, aber dennoch viel zu ähnlich.

Emilia denkt, dass sie ihren Sohn sehr geliebt haben muss, um ihn so hassen zu können.

oooOOOooo

„Sollte es nicht eine Trauerfeier geben?" fragt Molly, deren Augen rot und geschwollen sind, obwohl es nie den Anschein hatte, dass sie Sirius sonderlich leiden mochte. „Wir haben keine… keinen… Sarg, aber vielleicht sollten wir versuchen, uns zu verabschieden. Es würde uns vielleicht leichter fallen, danach."

„Ich will nicht, dass mir jemals wieder irgend etwas leicht fällt" sagt Tonks, und Molly seufzt und nimmt Tonks in die Arme, und der Schmerz schüttelt Tonks, dass sie kaum mehr stehen kann.

„Würde ihm das gut tun?" fragt Arthur Emilia. „Was meinst du?"

„Ich weiß es nicht" sagt Emilia, die noch darauf wartet, dass die Trauer in ihr beginnt, aber im Augenblick ist da nichts als Gefühllosigkeit, und tief darunter eine dumpfe Angst. „Ich habe ihn nicht viel gesehen… seither. Er schließt sich immer nur in Sirius' Schlafzimmer ein. Und wenn er raus kommt, spricht er nicht. Ist euch das aufgefallen? Er spricht nicht."

„Oh" sagt Arthur und sieht sehr besorgt aus. „Nicht einmal mit dir?"

„Nein" sagt Emilia.

„Versuchen wir es mit einer Trauerfeier" sagt Arthur. „Vielleicht hilft es."

oooOOOooo

Der Orden versammelt sich vollständig, nur Severus fehlt, und alles andere wäre auch erstaunlich gewesen. Dumbledore ist da, und er hat Harry mitgebracht, der blass und trotzig und mit verschwollenen Augen an der Tür stehen bleibt, ein Jugendlicher, gefangen in einer Protesthaltung, die ihm nicht hilft. Es gibt Blumen im Versammlungsraum, und die Illusion eines sternklaren Nachthimmels über den geschwärzten Balken der Zimmerdecke, das Winterdreieck ist dort zu sehen, Orion, der Kleine und der Große Hund, und in der Mitte Sirius, der schon astronomisch immer der hellste gewesen ist. Emilia hat ein Foto aufgetrieben: es zeigt ihn am Morgen nach der legendären Weihnachtsparty, er hängt in der Küche über seiner Kaffeetasse, ein schiefes Weihnachtsmützchen auf dem Kopf, aber er rafft sich auf für das Foto, wirft sich die Quaste des Weihnachtsmützchens über die Schulter und grinst sein ansteckendes Grinsen. Emilia erinnert sich, dass Remus das Foto gemacht hat, „damit du dich an diesen Kater erinnerst, bevor du wieder zu viel trinkst", und er hat gesagt: „Wenn ich mich an den Kater erinnere, dann erinnere ich mich auch an die tolle Party." Das Foto ist vielleicht nicht würdevoll genug für eine Trauerfeier, aber Emilia denkt, dass es genug traurige Gesichter geben wird in diesem Raum, und dass es Sirius sicher gefallen hätte, der einzige zu sein, der auf seiner Trauerfeier grinst und schäkert.

Und dann ist der Orden doch nicht ganz vollständig. Emilia, die einen sechsten Sinn für die Wanderungen ihres Wolfes durch das Haus entwickelt hat, sieht ihn auf der Treppe und folgt ihm hinunter in die Halle.

„Remus" sagt sie, und er dreht sich zu ihr, mit der milden Höflichkeit von einem, der überrascht ist, sie hier zu sehen.

„Wohin willst du?" fragt sie, es sind zwei oder drei Schritte zwischen ihnen und sie wagt sich nicht näher.

Er nickt ihr zu und lächelt ein bisschen.

„Sie sind alle oben, im Versammlungsraum" sagt Emilia. „Wir warten auf dich. Die Trauerfeier, weißt du noch?"

Er nickt wieder, mit fernem Erstaunen, als wüsste er mit dieser Information nichts anzufangen. Er wendet sich ab, nimmt die Hundeleine vom Garderobenhaken und hängt sie sich über die Schulter, wie er es ungezählte Male getan hat, während Padfoot ungeduldig zwischen ihm und der Haustür hin und her gesprungen ist, nur dass es keinen Padfoot mehr gibt, der freudig kläfft und wedelt und Remus antreibt, und auch keinen mehr, der eine unwillige Hundegrimasse zieht, wenn Remus ihm die Leine im Halsband einhakt, später im Park, wo Hunde an der Leine zu führen sind. Und so nimmt Remus die Leine und öffnet die Haustür und geht mit keinem Hund Gassi, während oben die festlich gekleidete Ordensgemeinschaft auf den Beginn der Feier wartet, und Emilia steht in der Halle unter dem rätselhaften Blick der stummen Mrs. Black und weiß nicht, wie sie es ertragen soll.

Sie ist dankbar, als sie Moodys holzbeinigen Schritt auf der Treppe hört, und dann tritt der alte Kämpe hinter sie und legt ihr die Hand auf die Schulter, und sie lässt sich von ihm mitnehmen nach oben.

„Was ist mit Remus?" fragt Minerva besorgt, und Emilia schüttelt den Kopf, es wollen keine Worte über ihre Lippen, sie fragt sich, ob Stummheit ansteckend sein kann.

„Er kommt nicht" sagt Moody. „Lasst uns anfangen."

Minerva ist erstaunt, aber sie fragt nicht, sondern begibt sich nach vorne auf ihren Platz neben Dumbledore.

Dann beginnt die Trauerfeier, Dumbledore spricht, und Emilia kann kaum den Blick von dem leeren Stuhl an ihrer rechten Seite nehmen. Dann wird Musik gespielt, Pink Floyd und Queen, Stücke, die Sirius geliebt hat. Tonks schluchzt und beißt in ein Taschentuch, und Dumbledore nimmt seine Brille ab und putzt sie viel zu gründlich an seinem Robenärmel. Moody sitzt auf Emilias linker Seite, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, starrt auf seine Schuhspitze und sieht aus wie einer, der sich die Schuld an allem gibt. Emilia sieht sich nach Harry um, er sitzt zwischen Molly und Kingsley und kaut auf seiner Unterlippe. Sein Blick geht ins Nichts. Emilia denkt, dass jemand sich um den Jungen kümmern muss, wenn nötig gegen seinen Willen, und dass es Remus sein sollte, der diese Aufgabe übernimmt, aber dann wiederum gibt es Remus ja nicht mehr, er hat sich aufgelöst in diesem undefinierten Raum, der sich hinter dem Vorhang erstreckt, und Emilia fragt sich, ob er jemals von dort zurück kommen wird.

Und dann bewegt sich ein Schatten zu ihrer Rechten, und jemand nimmt den leeren Platz ein.

„Was für ein ungemein würdeloses Foto" murmelt Severus an ihrem Ohr. „Wie passend."

„Ja" flüstert Emilia, „nicht wahr?" und nimmt von irgendwoher ein schwaches Lächeln, und der harte, kantige Stein in ihrer Brust wird kleiner.

Severus legt die Hand unter ihr Kinn, dreht ihr Gesicht zu sich und betrachtet sie wie eine Trankzutat von zweifelhafter Qualität. Analytisch, nicht besonders freundlich.

„Diese Veranstaltung verfehlt bei Ihnen ganz offensichtlich die beabsichtigte Wirkung" sagt er. „Sie fühlen sich nicht getröstet."

„Nein" sagt Emilia. „Ich habe mehr als einen Kummer. Ich sortiere noch."

Severus nickt und nimmt die Hand von ihrem Gesicht.

„Was machen Sie hier?" fragt Emilia flüsternd.

„Ich bekunde ein gewisses Maß an Anteilnahme" sagt Severus. „Ich nehme an, es war ein Versehen, dass mir keine Einladung zugestellt wurde."

„Es tut mir leid" flüstert Emilia. „Ich hatte so viel zu tun in den letzten Tagen. Und es war alles so… furchtbar."

„Es ist nicht an Ihnen, sich zu entschuldigen" sagt Severus. „Und jetzt konzentrieren Sie sich bitte, und führen Sie sich so viel Trost zu wie möglich."

Emilia nickt und lächelt unter Tränen und kann ihm nicht sagen, dass seine kühlen Finger auf ihren Händen sie mehr trösten als alles, was Dumbledore in seiner Weisheit zu sagen wüsste.

Später, in der Halle, auf dem Weg in die Küche, sieht Emilia, dass die Hundeleine wieder an ihrem Haken hängt, und die Strickjacke ordentlich daneben. Und plötzlich geht es nicht mehr.

„Severus" sagt sie, und er, der die Halle schon durchquert hat, um zum Apparitionspunkt zu gelangen, dreht sich um und sieht sie an, sieht sie an, nicht durch sie hindurch, sieht sie, keinen Toten, nickt und streckt die Hand aus.

Sie lässt sich von ihm nach Hogwarts bringen, hinunter in seine stillen, kühlen Kellergemächer. Auf einen Wink seines Zauberstabes hin erstrahlt das indirekte, goldene Licht, das den Raum so angenehm macht, obwohl er keine Fenster hat. Er bringt sie zum Sofa und bedeutet ihr, sich zu setzen, dann nimmt er die flauschige, sahnefarbene Decke von der Sofalehne und breitet sie ihr über die Knie. Die Wärme wäscht über ihren grabeskalten Körper und schmilzt den kantigen Stein in ihrer Brust. Emilia atmet tief und zitternd und arbeitet hart an ihrer Beherrschung.

Für eine Weile liegt Severus' Blick auf ihr, dunkel und forschend, dann wendet er sich in den Raum.

Lacrimosa" sagt er, leise und präzise, und deutet mit dem Zauberstab.

Musik erklingt, Streicher, die sich anhören wie kleine, ziellos herum irrende Seelen, und dann ein Chor, der sie aufnimmt in einen Melodiebogen, der zu schön ist, um noch erträglich zu sein.

„Lacrimosa" sagt Severus, und die Musik schließt sich weich um seine Stimme. „Die Tränenreiche."

Emilia weint, sie kann es nicht mehr verhindern und will es auch gar nicht mehr, sie weint vor Anspannung und Erschöpfung, und weil Sirius es nicht verdient hat mit seiner gequälten Kinderseele, ein solches Ende, wo er doch nichts versucht hat als heil zu sein oder es zu werden, und sie weint, weil die gleiche Schwärze, die ihn verschlungen hat, nun auch Remus verschlingt, nur kommt sie bei ihm von innen.

Severus sitzt neben ihr, er berührt sie nicht, reicht ihr nur neue Taschentücher hinüber, wann immer sie eines braucht. Sein Gesicht ist unbewegt, und Emilia klammert sich an die sahnefarbene Decke und an seinen ruhigen, kühlen Blick, um nicht auf ein Meer aus Verzweiflung abgetrieben zu werden, aber seine Augen sind ihre Küstenlinie und geben ihr Richtung.

Bis zum Sanctus hat sie alle Tränen aus sich heraus geweint und einen kleinen Haufen verbrauchter Taschentücher auf dem Boden produziert. Ihr Atem geht stoßweise, in langen, zittrigen Zügen, und ihre Wangen sind heiß, aber ihre Brust fühlt sich leichter an, und sie legt die Hände auf ihren Bauch, der sich als kleine, deutlich spürbare Halbkugel unter ihrer Robe abzeichnet, und spürt eine wilde, verzweifelte, unverbrüchliche Liebe zu dem kleinen Wolfskind, das so hilflos und zart ist und das sie schützen wird, nötigenfalls auch vor der uferlosen Trauer seines Vaters.

„Tee?" sagt Severus.

„Ja" sagt Emilia zittrig. „Gerne."

Sie zieht die Schuhe aus und schlägt die Beine unter, während Severus Wasser zum Kochen bringt und mit einem Messlöffel Kräuter aus verschiedenen dunklen Glasgefäßen entnimmt. Er arbeitet mit der gleichen Präzision, die er einem komplizierten Veritaserum widmen würde, mit scharfem Blick und gezirkelten Gesten, und seine kühle Professionalität nimmt Emilia die Hitze aus den Wangen. Schweigend sieht sie zu, wie er die Kräuter im Mörser zerstößt, sie umfüllt und mit dem kochenden Wasser übergießt, einen langstieligen, silbrigen Löffel aussucht und rührt, etwa eine Minute lang, bevor er den Tee durch ein Sieb in eine Kanne gießt. Ein intensiver, zitroniger Geruch durchströmt den Raum.

„Orangenschale, Pfefferminze, Melisse, Arnika" sagt Severus, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Keine Kontraindikation bei Schwangerschaft."

„Wie aufmerksam von Ihnen, daran zu denken" sagt Emilia und ringt sich ein Lächeln ab.

„Unübersehbar, so wie Sie ihren Bauch umklammern" sagt Severus, und Emilia schaut an sich hinunter und entspannt sich ein wenig.

„Honig oder Zucker?" fragt Severus.

„Honig" sagt Emilia. „Bitte viel."

Severus entnimmt einen großen Löffel von dickflüssigem, goldenem Honig aus einem Tongefäß und lässt ihn in eine Tasse tropfen, die er dann mit dem Tee füllt. Er rührt sorgfältig und bringt dann die Tasse zum Sofa.

„Danke" sagt Emilia und nimmt die Tasse entgegen. Die goldbraune Flüssigkeit dampft und zittert ein wenig in der hauchzarten chinesischen Tasse.

Severus bleibt vor ihr stehen und sieht auf sie hinunter, die schönen, blassen Hände in den Ärmeln seiner Robe versteckt, als sei er der Meinung, er hätte sie während seiner kleinen Teezeremonie genug zur Schau gestellt.

„Achten Sie auf sich" sagt er. „Sie tragen eine Verantwortung."

„Ich weiß" sagt Emilia. „Aber wie soll ich das machen? Stecke ich nicht mit drin?"

„Tun Sie das?" sagt Severus. „Helfen Sie irgend jemandem, wenn Sie sich selbst in diesen Sumpf begeben, den Ihr Ehemann derzeit als Aufenthaltsort bevorzugt?"

„Nein" sagt Emilia leise. „Aber…"

„Schützen Sie sich" sagt Severus. „Wenn er dort wieder herausfinden soll, braucht er jemanden, der ihm den Weg zeigt, nicht jemanden, der sich mit ihm zusammen verläuft."

„Es ist unfair" sagt Emilia. „Unfair und sinnlos. Dass er tot ist. Und dass ich keine Kraft habe, um ihn zu trauern, weil ich mich so sehr um Remus sorgen muss."

„Es ist, wie es ist" sagt Severus. „Mit dem Schicksal zu hadern kostet nur Kraft, die Sie, wie Sie selbst bemerken, nicht erübrigen können."

„Tut es Ihnen kein bisschen leid?" fragt Emilia. „Haben Sie ihn so sehr gehasst?"

„Meine Gefühle tun nichts zur Sache" sagt Severus. „Trinken Sie Ihren Tee, bevor er kalt ist."

Emilia nimmt einen Schluck. Der schmale goldene Ehering an ihrer rechten Hand klingt leise an dem zarten Porzellan. Sie trägt ihn seit gerade drei Monaten. Der Gedanke schmeckt bitter. Sie sieht zu Severus, der sich mit raschelnden Roben hinüber zum Teetisch bewegt hat und eine zweite Tasse Tee einschenkt. Er schließt die Finger darum, die im goldenen Licht beinahe selbst aussehen, als seien sie aus Porzellan, führt die Tasse zu den Lippen und bläst gedankenverloren darüber. Die dunkeln Chöre des Agnus Dei umspülen seine asketische Gestalt.

„Ich bedaure den Vorfall" sagt er, und die Musik webt sich sachte um seine Stimme. „Ich bedaure, dass er so achtlos mit den Gefühlen umgegangen ist, die man ihm entgegen gebracht hat. Er hätte besser auf sich achten müssen."

„Sagen Sie nicht, er wäre selbst schuld" sagt Emilia.

„Ich sage, dass nicht jeder einen solchen Grad an… Liebe… erfährt" sagt Severus, und das Wort geht über seine Zunge wie ein fremder, rätselhafter Begriff. „Und ich wünschte, ich könnte mit Sicherheit sagen, er hätte es zu schätzen gewusst."

„Das hat er" sagt Emilia.

„Vielleicht" sagt Severus.

Sie schweigen und trinken Tee, während um sie herum das Communio sich entfaltet, und Emilias Schullatein genügt, um dem Text zu folgen, und dann kann sie sich doch einen Augenblick nehmen, um sich zu verabschieden, einen, der nur ihr und Sirius gehört, und obwohl sie kein gläubiger Mensch ist, wünscht sie ihm genau das: Requiem aeterna et lux perpetua, ewige Ruhe und ewiges Licht.

oooOOOooo

Es sieht aus, als habe der Orden Sonderschichten für Nummer Zwölf in den Dienstplan aufgenommen, denn wann immer Emilia dort ist, trifft sie mindestens auf ein anderes Ordensmitglied: Molly, die in der Küche Eintopf rührt, Moody, der die Sicherheitsvorkehrungen des Hauses überprüft, Kingsley, der in der Hausbibliothek etwas nachschlägt, und oft auch Tonks, die ihr unscheinbares, mausiges Äußeres seit dem Vorfall nicht mehr geändert hat. Emilia fragt sich, ob sie, zum ersten Mal, seit sie Tonks kennt, in ihr eigentliches Gesicht blickt.

Und da ist Remus, der durch das Haus geht wie ein Geist.

„Spricht er immer noch nicht?" fragt Molly, und Emilia schüttelt den Kopf. Molly seufzt.

„Er spricht nicht, er isst nicht" sagt sie. „Das ist gar nicht gut."

„Es sind erst ein paar Tage" sagt Emilia. „Er fängt sich schon wieder", obwohl sie nicht weiß, ob sie ihren eigenen Worten glauben darf.

Ihren Unterricht in Hogwarts lässt sie bis zum Ende der Woche vertreten, allein schon um sich am Freitag um die Wolfsschüler kümmern zu können. Sie fragt sich, wie viel Unterrichtsausfall angemessen ist, wann dieser Punkt kommt, an dem „das Leben weiter geht", wie es heißt. Eine Woche? Zwei? Wie lange darf man trauern?

Sie ist erleichtert, zu bemerken, dass auch andere sich mit dieser technischen Seite des Todes befassen.

„Wir müssen fest stellen, wem das Haus gehört" sagt Moody. „Gibt es ein Testament? Falls nicht, gehört es nach der Erbfolge Bellatrix, und dann sollten wir schleunigst einpacken, bevor sie hier auftaucht."

„Das Haus ist mit einem Fidelius gesichert" sagt Kingsley. „Neben vielen anderen Sicherungszaubern. Selbst wenn sie den alten Kasten haben wollte, könnte sie ihn nicht finden."

„Da bin ich mir nicht sicher" sagt Moody. „Es ist sehr dunkle Magie in diesem alten Kasten, und wir wissen nicht, wem seine Loyalität gehört."

Emilia schlingt die Arme um sich und kann einen Blick über die Schulter nicht vermeiden. Moody lächelt müde.

„Keine Angst, Mädchen" sagt er. „Es wird dich schon nicht fressen."

„Fragen wir Remus nach einem Testament" sagt Kingsley. „Falls es eines gibt, sollte er es wissen, oder nicht?"

„Ich glaube nicht, dass Sirius der Typ ist, der ein Testament macht" sagt Emilia. „War. Der Typ war." Die Vergangenheitsform schmerzt, aber irgendwann muss sie sich daran gewöhnen.

„Finden wir es heraus" sagt Moody. „Es ist eine Sicherheitslücke."

Emilia findet Remus in der Bibliothek, aber er liest nicht. Er sitzt in einem der tiefen Fenster und schaut durch die angelaufenen Scheiben hinaus. Emilia überläuft ein kalter Schauer. Sirius ist oft so am Fenster gesessen, im erfolglosen Versuch, mit Blicken sein Gefängnis zu brechen, und jetzt sieht auch Remus aus wie ein Gefangener.

„He" sagt sie und lächelt dünn. „Wie geht es dir?"

Er sieht sie an, für einen flüchtigen Augenblick, sein Gesicht ist leer, dann geht sein Blick wieder hinaus auf die Straße, wo Autos durch Pfützen rauschen. Seine dünnen Finger spielen mit dem Saum des schwarzen Pullovers, der an ihm hängt wie die Kutte eines Totengräbers.

Sie fasst ihn an der Schulter, und er zuckt zusammen und streicht ihre Hand von seinem Körper, wie man sich Schnee vom Mantel streicht.

„Remus" sagt sie. „Ich bin's. Weißt du noch? Ich bin nicht tot."

Remus zieht die Knie an den Körper und schlingt die Arme darum. Emilia geht weg.

Eine konzentrierte Suchaktion führt schließlich fast überraschend zum Ergebnis.

„Hier ist es" sagt Tonks, die Tränen in den Augen hat, als sie einen mehrfach schief gefalteten Zettel aus der Klappe unter der Eckbank holt, wo er ein dunkles Dasein zwischen Motorradheften und alten Ausgaben des Playwizard gefristet hat. „Testament" steht in Sirius' kühner Schrift quer über dem Zettel, der bei näherer Betrachtung einige Fettflecken aufweist.

„Nicht gerade notariell" sagt Kingsley und beäugt den Zettel.

„Egal" sagt Moody. „Eine deutliche Willenserklärung genügt. Tonks? Möchtest du vorlesen?"

„Okay" sagt Tonks mit piepsiger Stimme, räuspert sich und faltet das Pergament auf.

„Testament" liest sie, dann versagt ihr die Stimme und sie räuspert sich erneut. Ihre Hand geht zur Seite, und Molly ist zur Stelle und ergreift sie.

„Okay" sagt Tonks. „Also. Testament. Wer das liest, ist doof."

„Tonks!" sagt Kingsley mit tadelndem Bass.

„Steht hier" sagt Tonks, die unter Tränen lacht. „Glücklicherweise geht's noch weiter. Soll ich?"

„Bitte" sagt Moody kopfschüttelnd.

„Neuer Versuch" liest Tonks vor. „Keine Scherze mehr. Es geht schließlich darum, ein paar siri-öse Angelegenheiten zu regeln.

Wenn ihr, werte Nachwelt, dies lest, bin ich entweder tot oder ihr seid zu neugierig. Im ersteren Fall, und falls meine Todesursache irgendwie unklar sein sollte, befragt mal Mundungus Fletcher, was in dem Zeug drin gewesen ist, das er mir verkauft hat."

Sie hält inne und wischt sich mit dem Ärmel über die Augen. „Armer Si" sagt sie mit kleinem Lächeln. „Ich glaube nicht, dass wir seinen Tod Dung in die Schuhe schieben können, oder?"

„Lies weiter" sagt Moody.

„Zum Geschäftlichen" liest Tonks. „Heute nachmittag, in einer besinnlichen Sekunde, ist mir aufgegangen, dass meine herzallerliebste Cousine Bellatrix mich beerben würde, wenn ich jetzt ins Gras beiße. Man würde nicht glauben, wie besinnlich man werden kann, wenn in fünfhundert Fuß Höhe der Levitatis holpert. Jedenfalls, und weil das keinesfalls so bleiben kann, verfüge ich hiermit Kraft des von mir geklauten Kugelschreibers:

Bella, meine Süße, DU BIST ENTERBT.

Doppelt unterstrichen" fügt Tonks hinzu.

„Gut" sagt Moody hörbar erleichtert. „Das ist eindeutig genug."

„Weiter" sagt Kingsley.

„Ich verfüge wie folgt" liest Tonks. „Das Haus und alles, was drin ist, geht an Remus Lupin aka Moony. Es ist eine alte, hässliche Hütte, aber wenigstens wirst Du, Moony, nie mehr Ärger mit Vermietern haben. Mein Vermögen bei Gringott's geht an Harry Potter, solltet Ihr es jemals auftauen können, was mir recht wäre, denn mir wäre schon auch posthum durchaus an meiner Rehabilitation gelegen. Grins nicht, Moony, ich musste das Wort nicht nachschlagen. Die Lady, Tusch, Trommelwirbel, geht an meinen liebsten und ältesten Feind, Severus Snivellus Snape. Nein, Sniv, dies ist kein Scherz. Du kannst wirklich jede Hilfe gebrauchen, um ein bisschen cooler zu werden. Emilia Liguster benenne ich zur offiziellen Erbin meiner Plattensammlung, weil sie die einzige unter euch Freaks ist, die einen vernünftigen Musikgeschmack hat. Lass es rocken, Baby. Der süßen Nymphadora Tonks vermache ich den Inhalt meiner unteren Nachttisch-Schublade, mit breitem Grinsen und keinem Kommentar.

Alle, die ich jetzt vergessen habe, sollen es nicht persönlich nehmen. Die haben hier gleich Sperrstunde, und ich muss auch wirklich weiter, ich hab draußen die Lady im Halteverbot stehen. Das Wichtigste wäre ja dann auch geregelt, und denkt immer dran: Better not look down, if you want to keep on flying…

Nach drei Rotwein noch fast nüchtern und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte et cetera bla bla,

Sirius Black

Calais, zwölfter Dezember Zweitausendzwei."

Tonks lässt den Zettel sinken.

„Was hat er in Frankreich gemacht?" fragt sie.

„Sich verflogen?" bietet Molly an, die lacht und sich mit dem Ärmel die Augen abtupft. „Kam bei ihm schon mal öfter vor."

„Über den Ärmelkanal?" fragt Kingsley kopfschüttelnd.

„So was kann passieren, wenn man den Kopf in den Wolken hat" sagt Emilia.

„Entschuldigt mich" sagt Tonks. „Ich geh' in der unteren Schublade nachsehen."

Emilia setzt sich, während Tonks die Küche verlässt, und kämpft mit einem Schwall von Schwangerschaftsübelkeit.

„Kreacher wird der Schlag treffen, wenn er bemerkt, dass er ausgerechnet an den Werwolf gebunden ist" sagt Kingsley.

„Nichts dagegen" sagt Moody. „Geschähe ihm recht, und wir wären ihn los."

„Wo ist er eigentlich?" fragt Emilia.

„In Hogwarts, in der Küche" sagt Kingsley. „Dumbledore hat ihn dorthin mitgenommen. Er meint, dort könnte er nichts anrichten."

„Außer das Essen für vierhundert Leute vergiften" sagt Emilia düster.

„Keine Sorge" sagt Kingsley. „Dazu hat er keine Veranlassung, und die anderen Elfen haben ihn gut im Griff."

„Hoffen wir es" sagt Emilia. „Nicht, dass Dumbledore sich nicht kürzlich schon mal gravierend getäuscht hätte."

„Was willst du damit sagen?" fragt Kingsley stirnrunzelnd.

„Nichts" sagt Emilia. „Entschuldigt mich für einen Augenblick. Mir ist schlecht."

Auf dem Weg vom Badezimmer zurück in die Küche wirft sie einen Blick in die Bibliothek, doch Remus' Platz am Fenster ist leer.

oooOOOooo

Einmal in Gang gebracht, nimmt die technische Abwicklung von Sirius' Tod ihren Lauf.

Oder sollte es zumindest.

Am zehnten Tag danach bringt Molly, fast schüchtern, ein paar Kisten nach Nummer Zwölf.

„Was meint ihr?" fragt sie und lächelt fast entschuldigend. „Vielleicht sollten wir mal… ein paar Sachen zusammenräumen. Es ist nur ein Vorschlag, oder ist es noch zu früh? Ich denke nur, dass es für alle Beteiligten unnötig schwierig ist, so inmitten all seiner Hinterlassenschaften zu leben."

Mit alle Beteiligten, das ist Emilia klar, ist Remus gemeint, der immer noch Sirius' schwarzen Pullover trägt, seine Zigaretten raucht und niemanden in Sirius' ehemaliges Schlafzimmer lässt.

„Ich weiß nicht" sagt sie. „Das ganze Haus ist seine Hinterlassenschaft, oder nicht? Macht es einen Unterschied, wenn wir ein paar Kleidungsstücke in Kisten packen?"

„Das ist es, was man tut, wenn jemand gestorben ist" sagt Molly. „Man packt seine Sachen in Kisten und gibt sie weg… oder stellt sie auf den Speicher. Manchmal tut es gut, wenn man sich einfach an die gewöhnlichen Dinge hält."

„Okay" sagt Emilia. „Versuchen wir's. Aber wir geben sie nicht weg. Laut Testament gehören sie Remus. Er soll darüber entscheiden. Das heißt, falls er jemals wieder spricht."

„Immer noch nicht?"

„Nein. Und er sieht auch nicht aus, als würde er essen."

„Das ist beängstigend" sagt Molly, und Emilia sagt „Ja" und streichelt das Baby in ihrem Bauch.

Sie kommen nicht weit mit den Kisten. Die Küche erbringt nicht mehr als die Zeitschriften aus der Eckbank, ein mit Motorenöl verschmiertes weißes Hemd, das achtlos hinter die Kissen auf der Eckbank gestopft worden ist, und die Tüte Hundekekse, die Emilia sorgfältig mit Klebstreifen verschließt, um sie für welchen anderen Hund auch immer frisch zu halten.

Im Wohnzimmer, das Sirius gelegentlich benutzt hat, weil es nach Süden liegt und vergleichsweise hell und warm ist, werden sie von Remus gestoppt. Er kommt in den Raum, sein Schritt ist kaum hörbar, ein Schatten aus den Schatten, und nimmt Molly eine Tasse mit verklebten Kaffeeresten aus den Händen.

„Wir räumen ein bisschen auf" sagt Molly mit bemüht normaler Stimme.

Remus sieht Molly an und stellt die Tasse zurück auf den Tisch, genau dorthin, wo sie einen dunklen, klebrigen Kaffeering auf dem polierten Holz hinterlassen hat. Dann geht er und schaut in die Kiste, holt das zerfledderte Taschenbuch heraus, das Emilia gerade vom Sofa genommen hat, und legt es genau dort wieder hin, an der Stelle aufgeschlagen, an der es sich von selbst öffnet, und über Kopf auf den bedruckten Seiten, obwohl Emilia weiß, wie sehr Remus es hasst, wenn man Bücher „auf das Gesicht legt", wie er es nennt. Als nächstes kommt der ölverschmierte Lappen zurück auf den Tisch, in dem Schraubenschlüssel klimpern, und zuletzt ein Paar ordentlich (und sicher nicht von Sirius) zusammen gerollte Wollsocken in die Sofaecke. Der Teil von Emilia, der nicht entsetzt ist, wundert sich, wie Remus sich die Position all dieser Gegenstände scheinbar fotografisch eingeprägt hat. Zum Schluss nimmt er die Zeitschriften, das Hemd und die Hundekekse aus der Kiste und wendet sich zum Gehen.

Molly ist blass, sie hat die Fingerspitzen an den Mund gelegt und schüttelt ratlos den Kopf.

„Remus" sagt Emilia laut, und immerhin bleibt er unter der Tür stehen.

„Er ist tot" sagt Emilia und verspürt plötzliche, ziellose Wut, die sie in Brand setzt, als hätte man die Motorradzeitschriften einem Inflammatus ausgesetzt. „Ob du es glauben willst oder nicht. Er kommt nicht zurück."

Er steht unter der Tür und dreht ihr den schmalen Rücken zu, und mit ein paar Schritten ist sie bei ihm, packt ihn an den Schultern und dreht ihn zu sich. Er lässt es geschehen, ohne sich zu wehren.

„Du bist nicht der einzige, dem er fehlt" sagt Emilia. „Du hast kein verdammtes Monopol auf Schmerz! Wir versuchen alle, damit umzugehen. Es ist schwer, aber wir versuchen es zumindest!"

Remus sieht sie an, mit diesem Blick, der von weit her kommt. Sie versucht, zu erkennen, ob er geweint hat, aber seine Augen lassen höchstens zu wenig Schlaf vermuten. Seine Schultern unter Sirius' weichem schwarzem Pullover sind spitz und knochig.

„Wach auf" sagt sie. „Komm zu dir. Oder noch besser, komm zu mir."

Remus nickt und zieht die Schultern hoch, etwas wie ein hilfloses Lächeln geht über seine Mundwinkel, dann rückt er die Motorradzeitschriften in seinem Arm zurecht, wendet sich ab und verschwindet in den Schatten der Treppe, als sei er nie da gewesen.

„Oh, Merlin" sagt Emilia. „Ich hasse ihn. Ich hasse ihn!"

„Das hat er nicht verdient" sagt Molly leise. „Es war klar, dass es ihn von uns allen am härtesten trifft."

„Nicht Remus" sagt Emilia. „Sirius. Ich hasse ihn! Warum musste er uns das antun? Kann man nicht mal in Ruhe schwanger sein? Konnte er nicht aufpassen? Ich meine, wer ist schon so dämlich und lässt sich von einer ungewaschenen Gardine umbringen? Was ist das überhaupt für eine Scheiß-Einrichtung? Was lassen die das Ding da einfach herum stehen, wenn es doch so gefährlich ist? Kann man das nicht vernünftig absperren?"

„Ich weiß nicht" sagt Molly und zeigt zum ersten Mal Anzeichen von Müdigkeit.

„Es wäre so lächerlich" sagt Emilia, „wenn es nicht so unglaublich tragisch wäre."

„Er ist gestorben, wie er gelebt hat" sagt Molly. „Niemand hat uns so oft zum Lachen gebracht wie der, den wir zwölf Jahre irrtümlich für einen Mörder hielten."

„Mir ist nicht so irrsinnig zum Lachen" sagt Emilia.

„Er hat uns allen unseren Irrtum verziehen" sagt Molly. „Er hat nie mehr ein Wort darüber verloren. Er hatte ein wirklich großes Herz. Du solltest ihn nicht hassen."

„Tu ich nicht" sagt Emilia. „Nicht wirklich."

„Das ist gut" sagt Molly.

„Ich vermisse ihn" sagt Emilia und weiß gar nicht, wen sie meint, aber es ist auch nicht von Bedeutung, denn Molly hat ohnehin verstanden.

„Ich auch" sagt sie, „beide", und schiebt die leere Kiste in einen dunklen Winkel hinter das Sofa.

oooOOOooo

Dann kommt der Mond, beinahe unbemerkt. Es hat geregnet in den letzten Tagen, und so ist es nicht aufgefallen, wie voll und schwer er geworden ist, aber natürlich haben ein paar Regenwolken oder ein ausgelöschter Stern seinen Lauf nicht bremsen können, und unaufhaltsam wie er ist, wird er heute abend einen Wolf gebären.

Die Erkenntnis trifft Emilia wie ein Schlag vor die Stirn, als sie vor ihren Unterrichtsräumen Severus begegnet, der aus seiner privaten Tränkeküche kommt, das vertraute, für geraume Zeit ausgemusterte Kupfergefäß im Arm.

„Vollmond" sagt Emilia. „Oh, Mist, Mist, Mist."

„Wie schön, dass wenigstens einer von uns die kalendarischen Fixpunkte im Auge behält" sagt Severus. „Begleiten Sie mich nach Nummer Zwölf, wenn ich bitten darf."

„Natürlich" sagt Emilia, deren Gedanken sich überschlagen. Der Wolfsbann sollte das Schlimmste verhindern, aber sie hat morgen Unterricht ab der ersten Stunde und vielleicht nicht genügend Zeit, um Remus in Empfang zu nehmen, wenn er aus dem Wolf kommt. Sie wird Tonks fragen, oder Molly. Jemand muss doch da sein, und sie kann sich nicht unentwegt vertreten lassen.

Sie hat das Problem noch nicht gelöst, als sie hinter Severus aus dem Kamin in Nr. 12 klettert. Nummer Zwölf ist still und verlassen, als würde nichts leben zwischen diesen Mauern. Unter dem stummen Blick von Mrs. Black durchquert Emilia hinter Severus die Halle und steigt die Stufen zur Küche hinunter, und tatsächlich ist hier so etwas wie Leben: Licht, zumindest, und eine geöffnete Klappe im Fußboden, von der eine steile Treppe hinunter in den ehemaligen Weinkeller führt. Ein Stablicht bewegt sich dort unten, und Emilia spürt das unangenehme Kribbeln von Sicherungszaubern.

„Remus?" sagt sie durch die Öffnung, und das gedimmte, gelbe Stablicht beschreibt einen Bogen. Remus' Gesicht taucht aus der Dunkelheit, von unten geisterhaft angestrahlt, die goldenen Augen reflektieren das Licht.

„Hallo" sagt Emilia und zwingt sich ein Lächeln auf die Lippen. „Was machst du da? Wir haben Wolfsbann dabei."

Remus sieht überrascht aus. Mit eckigen Bewegungen klettert er die steile Leitertreppe hinauf und mustert Severus, der mit verschränkten Armen zwischen Tisch und Spüle steht, einen Ausdruck von gelangweilter Herablassung im Gesicht.

„Du erlaubst, dass ich meinen Pflichten wieder nachkomme" sagt er und zeigt mit dem Kinn auf die kupferne Flasche, die er auf den Tisch gestellt hat, „nachdem Black nun nicht mehr in der Lage ist, die seinen wahr zu nehmen."

Remus betrachtet die Flasche, als sähe er sie zum ersten Mal, mit etwas wie distanziertem Interesse.

„Er hat Sie gar nicht darum gebeten" sagt Emilia erstaunt.

„Korrekt" sagt Severus. „Ich war so frei, ohne expliziten Auftrag zu agieren."

„Wie nett von Ihnen" sagt Emilia. „Danke schön."

Severus macht ein angewidertes Gesicht. „Er kann sich selbst bedanken, sobald er sich dazu entschließt, dieses lächerliche Schweigegelübde zu brechen" sagt er. „Und nun ist es Zeit für die erste Dosis."

Er holt einen kupfernen Messlöffel aus der Tasche seiner Roben und ein Glas aus dem Schrank und misst sorgfältig von dem dunklen, klumpigen Zeug ab.

„Drei Schöpflöffel" sagt er und hält Remus das Glas entgegen. „Stündlich. Bis zum Beginn der Verwandlung."

Remus betrachtet das Glas.

„Augenscheinnahme allein wird nicht genügen" sagt Severus. „Du weißt, es ist mir gelungen, den Einnahmezeitraum weiter zu verkürzen, aber trinken musst du es immer noch."

Remus nimmt das Glas und lächelt dünn. Ein scharfer, unangenehmer Geruch entsteigt dem Glas und verbreitet sich in der Küche.

„Komm schon" sagt Emilia. „Das, was stinkt, ist das, was hilft."

Remus sieht zwischen Emilia und Severus hin und her, dann setzt er das Glas an die Lippen und stürzt den Inhalt hinunter. Emilia nimmt ihm das Glas ab, als er sich vor Ekel krümmt und die Hand vor den Mund presst. Die Regung ist die menschlichste, die Emilia seit Sirius' Tod an ihm gesehen hat.

„Gut" sagt Severus und legt den kupfernen Löffel auf den Tisch. „Ich nehme an, du kommst zurecht. Erlaube dann bitte, dass wir uns entfernen."

„Wir entfernen uns?" sagt Emilia erstaunt. „Aber wir sind doch gerade erst gekommen."

„Quartalskonferenz" sagt Severus und überstreicht Emilia mit einem Blick voller gequälter Arroganz. „Dreizehn Uhr. Und erinnern Sie mich bitte daran, dass ich gelegentlich diesen Fluch breche, der mich als persönlichen Sekretär an Ihre Person zu binden scheint."

„Erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen eine Socke schenke" sagt Emilia mit müdem Lächeln.

„Soll ich Sie entschuldigen?" sagt Severus. „Erneut, wie ich hinzufügen möchte?"

„Nein" sagt Emilia schnell, der bewusst ist, dass ihr Fehlen bei der letzten Lehrerkonferenz unangenehm genug aufgefallen ist, um nicht sofort wiederholt zu werden. „Kommst du zurecht?" fragt sie Remus, der nickt und mit verlorenem Lächeln seine Finger in den weichen schwarzen Falten von Sirius' Pullover birgt.

Der Teil von Emilia, der das schweigende Leid nicht mehr erträgt, ist dankbar, mit Severus nach Hogwarts zurück flooen zu dürfen, wo lebendige Routine herrscht und die normalen Höhen und Tiefen des Alltags stattfinden und es Menschen gibt, die nicht einmal wissen, wer Sirius Black gewesen ist. Das Leben geht weiter in Hogwarts, wäscht ihr den bitteren Geschmack von der Zunge und glättet die rauen Stellen, die sich auf ihrer Seele gebildet haben.

Tonks hat versprochen, da zu sein, wenn Remus aus dem Wolf kommt, und so ist Emilia beruhigt genug, um die Erschöpfung wahr zu nehmen, die sich in ihrem Körper ausbreitet, als würde er mit Blei ausgegossen. Neben allem anderen kostet die Schwangerschaft Kraft, und so zieht sie sich zurück, kaum dass die Konferenz beendet ist, nimmt ein langes Bad und unterdrückt ihr schlechtes Gewissen. Sie hat auf das Kind zu achten, und sie ist ohnehin nicht sicher, ob Remus ihre Anwesenheit bemerken würde in seinem paralysierten Zustand.

Man wird ihm helfen müssen. Eine magimentale Therapie, ein Psychotherapeut, irgend etwas. Sie wird darüber nachdenken, wenn der Mond vorbei ist.

Sie schläft, tief und erschöpft, und der Mond gießt sein goldenes Licht durch ihr Fenster.

Er steht noch am Himmel, der schon rosa ist von den ersten Sonnenstrahlen, als sie durch ein zartes Zupfen am Ärmel geweckt wird.

„Professor Lupin?" sagt eine helle Stimme, und Emilia blinzelt in ein kleines Gesicht mit riesigen Augen und nervös zitternden Fledermausohren. „Bupu möchte wirklich nicht stören, ausgesprochen leid tut es Bupu zu stören, aber da ist Nymphadora Tonks gewesen im Feuer, und sie hat gesagt, schnell, schnell, Professor Lupin benachrichtigen, sie soll nach Nummer Zwölf kommen, so schnell wie möglich."

Emilia sitzt schon kerzengerade im Bett.

„Was ist passiert?" sagt sie und schlägt die Decke zurück.

„Bupu weiß nicht" sagt die kleine Elfe geknickt. „Etwas mit Mister Lupin, aber Miss Tonks hat nichts weiter gesagt."

„Danke, Bupu" sagt Emilia automatisch. „Ich bin unterwegs."

„Bupu weiß nicht, Nummer Zwölf wo oder was" sagt die Elfe hilflos. „Hätte Bupu besser fragen sollen?"

„Nein, nein" sagt Emilia, die sich ihre Robe kurzerhand über das Nachthemd zieht. „Alles in Ordnung. Ich weiß Bescheid."

Natürlich ist nichts in Ordnung. Tonks empfängt Emilia mit weißem, angsterfülltem Gesicht unter mausbraunen Ponyfransen und geleitet sie in die Küche, wo die Bodenklappe zum Keller offen steht. Emilia wirft einen Blick nach unten.

Eine dünne, reglose Gestalt liegt dort auf dem Steinboden. Blut blüht wie dunkle Rosen auf der weißen Haut.

„Ich habe Poppy schon verständigt" sagt Tonks, ihre Stimme ist flach. „Ich habe mich nicht getraut, ihn zu bewegen. Er hat eine schlimme Verletzung am Kopf, und… überall…"

„Lebt er?" sagt Emilia und spürt, wie sich in ihr wieder das taube Gefühl ausbreitet, beängstigend und wohltuend zugleich wie eine Narkose.

„Ja" sagt Tonks und atmet zitternd. „Noch ein bisschen."

Dann ist Poppy da mit ihrem Erste-Hilfe-Kasten und Notfallzaubern, und sie braucht eine Menge davon. Die Innenseiten von Remus' Armen sind roh und bluten. Seine Brust lässt vermuten, er hätte versucht, sich bei lebendigem Leib das Herz heraus zu reißen. Seine Hände sehen nicht mehr aus wie Hände. Über seine Stirn läuft Blut und klebt ihm das wellige Haar an den Kopf. Sein Gesicht ist friedlich, als würde er schlafen.

Poppy sagt nicht viel, aber sie ist deutlich.

„St. Mungo's" sagt sie. „Schnell."

Während Poppy Remus zum Transport vorbereitet, betrachtet Emilia das kupferne Gefäß, das noch auf dem Tisch steht. Der Messlöffel liegt genau da, wo Severus ihn abgelegt hat. Emilia hebt das Gefäß, das schwer ist, und hört den Inhalt leise gegen die kupfernen Wände schwappen.

Eine Dosis war nicht genug, um den Wolf zu bannen, und mehr hat er davon nicht genommen.

oooOOOooo

Der bewusstlose, übel zugerichtete Werwolf, der an diesem Morgen nach dem Mond auf Station Nr. 5 eingeliefert wird, hält ein Heilerteam über zwei Stunden beschäftigt, bis er wieder aussieht wie ein Mensch.

„Wir haben eine Schädelfraktur geheilt" zählt der Assistenzheiler auf, der Emilia schließlich vom Gang in ein Büro holt. „Sie war begleitet von einer großflächigen stumpfen Verletzung der Haut – als hätte er sich den Kopf an der Wand eingerannt, oder etwas ähnliches. Außerdem haben wir die Bisswunden an den Arminnenseiten geflickt und drei Sanguicompensatio gewirkt. Blutersatz-Zauber. Er hat schätzungsweise einen Liter Blut verloren. Wir haben vier gebrochene Mittelfußknochen gerichtet und zwei verschobene Rückenwirbel wieder an ihren Platz befördert. Die Wirbel waren allerdings vermutlich eher eine Nebenwirkung der Transformation. Er ist in einem Alter, in dem der Stress der Wandlungen sich allmählich bemerkbar macht. Körperlich, meine ich."

„Ja" sagt Emilia, die nicht weiß, was sie sonst sagen soll.

„Wir haben eine Unmenge kleinerer Kratz- und Bisswunden versorgt" sagt der Assistenzheiler und blättert in seinen Unterlagen. „So weit alles unproblematisch. Keine bleibenden Schäden, bis auf die Hand."

Er sieht von seinem Pergament auf. Er ist jung und sieht ein wenig überarbeitet aus.

„Die linke" sagt er. „Ich hoffe, Ihr Mann ist Rechtshänder?"

„Ja" sagt Emilia und verschränkt die Arme vor ihrem kleinen Babybauch.

„Wir mussten ihm drei Finger amputieren" sagt der Assistenzarzt mit echtem Bedauern in der Stimme. „Sie waren so übel zugerichtet, dass wir sie nicht retten konnten. Blutgefäße, Knochen, Sehnen, alles zerstört. Doktor Oldman versuchte, erhaltend zu operieren, das heißt, die Finger funktionslos, aber wenigstens optisch zu retten, aber es gab da eine Infektion, die sich schon in Richtung der restlichen Hand ausgebreitet hatte", er demonstriert den Verlauf an seiner eigenen Hand, „und er wollte schließlich das Risiko nicht eingehen."

Emilia nickt und schluckt.

„Glück im Unglück ist, dass der Daumen erhalten geblieben ist" sagt der Assistenzarzt. „Er hat ja keinen, in der Wolfsform. Die Funktion des Zeigefingers konnten wir erhalten. Es muss seine Lebensqualität nicht wesentlich beeinträchtigen, sobald er sich einmal daran gewöhnt hat."

„Okay" sagt Emilia tonlos und versucht, sich vorzustellen, wie es ist, von einer zweifingrigen Hand berührt zu werden.

„Ich will mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten mischen" sagt der Assistenzarzt nach einer kleinen Pause, „aber Sie sollten Sorge dafür tragen, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt. Es war eine knappe Sache. Er hätte sich genauso gut umbringen können. Der Blutverlust, zusammen mit der enormen physischen Belastung der Rückverwandlung… Er hatte Glück, das muss man ganz klar sagen."

„Ja" sagt Emilia. „Es wird sich nicht wiederholen. Dafür sorge ich."

„Gut" sagt der Assistenzarzt. „Wir werden ihn noch ein paar Tage hier behalten, vor allem zur Beobachtung der Schädelverletzung. Ich denke, Ende der Woche werden wir ihn entlassen können."

„Werden Sie Meldung machen?" fragt Emilia.

„Sie meinen, eine Meldung über aggressives Verhalten eines registrierten Werwolfes?" sagt der Assistenzarzt.

„Ja" sagt Emilia.

„Nein" sagt der Assistenzarzt. „Der Befund zeigt ganz klar, dass keine Fremdeinwirkung vorliegt. Rangordnungskämpfe oder ähnliches kann ich ausschließen."

„Oh" sagt Emilia. „Gut. Ich dachte, die Regelung sei strenger."

„Sie ist strenger" sagt der Assistenzarzt. „Aber man muss den Spielraum nutzen, der einem bleibt."

Über den schweren Schreibtisch hinweg sehen sie sich an. Der Assistenzarzt lächelt ein wenig schüchtern.

„Danke" sagt Emilia.

„Keine Ursache" sagt der Assistenzarzt. „Wollen Sie jetzt zu Ihrem Mann?"

„Ja" sagt Emilia. „Unbedingt."

„Grüßen Sie ihn gelegentlich von Marilyn Reaven" sagt der Assistenzarzt, während er Emilia zur Tür bringt. „Meine kleine Schwester. Sie hatte Verteidigung bei ihm, während ihres Abschlussjahres in Hogwarts. Sie ist immer noch ein riesiger Professor-Lupin-Fan."

„Ich werd's ausrichten" verspricht Emilia.

Remus ist benommen von den Schlafzaubern, aber bei Bewusstsein, als sie sich auf seine Bettkante setzt. Ein sauber gewickelter, blütenweißer Verband umschließt seine Stirn. Sein Gesicht darunter hat kaum mehr Farbe. Seine beiden Hände, dick verbunden, liegen reglos auf der glatten weißen Bettdecke.

„Hallo" sagt Emilia mit einer Stimme, die merkwürdig künstlich klingt. Remus dreht den Kopf und sieht sie an, ein kleines Lächeln geht über seine Lippen. Seine Augen sind golden und dunkel gemasert wie Bernstein.

„He" sagt er heiser. „Emilia."

„Wie geht es dir?" fragt sie und möchte am liebsten in Tränen ausbrechen vor Erleichterung, weil er wieder spricht, sie weiß nicht, ob es der Wolf war, der ihm die Sprache zurück gegeben hat, aber wenn, so schwört sie sich stumm, wird sie ihm das schönste, größte Steak besorgen, das man sich als Wolf nur wünschen kann.

„Nicht besonders" sagt er leise und bewegt seinen Kopf auf dem Kissen ihr entgegen. Wie von selbst gehen ihre Hände an seine Wangen, die von kurzem, dichtem Bart bedeckt sind, denn das Rasieren hat er wie so vieles andere aufgegeben in letzter Zeit. Und da sind seine sanft geschwungenen Lippen, die zu küssen sie so vermisst hat, und so zögert sie nicht lange, sondern bringt sich zart in Erinnerung.

Sein Lächeln gewinnt an Wärme, als sie ihre Lippen von seinen löst, um ihn zu betrachten.

„Was ist mit deinen Augen?" fragt sie.

„Ich weiß nicht" sagt er. „Ich sehe schlecht. Es ist furchtbar hell hier drin."

„Es sind noch die Wolfsaugen" sagt Emilia.

„Ja" sagt er. „Ich weiß nicht, warum sie nicht vergangen sind, in der Zwischenzeit."

„Vielleicht tun sie's noch" sagt Emilia und kann plötzlich auch wieder lächeln. „Ansonsten besorge ich dir eine Sonnenbrille."

„Es ist nicht nur das Licht" sagt er. „Ich bin rot-grün-farbenblind. Und furchtbar kurzsichtig. Dafür sehe ich jede kleinste Bewegung, und sei es nur eine Fliege an der Wand. Es ist in höchstem Maße irritierend."

„Kurzsichtigkeit ist kein so schreckliches Schicksal, weißt du" sagt sie, und das Lächeln gerät ihr etwas mühsam, als sie auf seine dick verbundenen Hände hinunter sieht. Er hebt die Hände von der Bettdecke, führt sie vor sein Gesicht und betrachtet sie mit dem angestrengten Blick eines Kurzsichtigen, der seine Brille nicht hat. Emilia fragt sich, ob er es schon weiß.

„Hast du Schmerzen?" sagt sie vorsichtig.

„Ja" sagt er. „Im Rücken. Und mein Kopf schwimmt. Aber vor allem hier, in den Händen."

„Der Wolf" sagt Emilia, „hat dir… sich… hat dir… ein paar Finger… abgebissen. Krallen. Finger. Oh, Merlin."

„Aber ich spüre sie doch" sagt Remus und wirkt wenig schockiert, vielmehr erstaunt. „Hier. Links, vor allem. Sie tun höllisch weh."

„Sie sind aber nicht mehr da" sagt Emilia und spürt ihre Nachmittagsübelkeit in sich aufsteigen, oder vielleicht ist es auch die Vorstellung abgebissener Finger, die ihr Übelkeit verursacht. „Daumen und Zeigefinger sind noch da" sagt sie und bemüht sich um einen neutralen Tonfall. „Die anderen sind… weg."

„Erstaunlich" sagt Remus. „Dass man etwas, das weg ist, so deutlich spüren kann."

„Warum hast du es getan?" fragt Emilia. „Du hättest es nicht tun müssen. Du hattest den Wolfsbann."

„Ich dachte, es wäre ein guter Weg, wieder etwas zu spüren" sagt Remus. „Irgendetwas zu spüren."

„Du hättest dich beinahe umgebracht" sagt Emilia.

„Ich war ohnehin tot" sagt er.

„Und jetzt?" sagt sie.

„Jetzt nicht mehr" sagt er.

„Gut" sagt sie und lächelt unter Tränen.

„Nicht weinen" sagt er und legt seine dick verbundene Hand auf ihre. „Jetzt bin ich ja hier. Wir werden alle wieder hier sein. Wir holen Sirius zurück, und alles wird gut."

„Was" sagt Emilia, und das Lächeln gefriert auf ihren Wangen.

„Sag jetzt nichts über meinen Kopf, und dass er vielleicht Schaden genommen hat" sagt Remus. „Sirius lebt. Ich weiß es."

„So, wie du weißt, dass deine drei Finger noch da sind" sagt Emilia heiser.

„Anders" sagt Remus. „Der Wolf weiß es."

„Remus" sagt Emilia. „Sirius ist tot."

„Nein" sagt Remus. „Er ist irgendwo da draußen. Wir können ihn spüren. Der Wolf und ich. Als wäre er an einer langen Leine. So lang, dass wir ihn nicht sehen können, aber er ist trotzdem da."

„Okay" sagt Emilia langsam. „Wenn dir das hilft. Aber machen wir es der Reihe nach, ja? Zuerst solltest du wieder gesund werden. Dann können wir uns mit diesem… dieser… Idee… befassen."

„Klingt, als hätten wir einen Plan" sagt er, und sie schaudert ein wenig unter seinem warmen goldenen Blick, aber sie will sich darauf einlassen, was auch immer er planen will, wenn es ihm hilft. Sie will alles tun, was nötig ist, um Sirius zu den Lebenden zurück zu holen, wenn sie damit verhindert, dass Remus zu den Toten geht.

Auch wenn das mit Sicherheit der irrsinnigste Plan ist, den sie je gefasst hat.