Ihr Lieben,
ohne große Vorrede diesmal: ein bisschen was zum Träumen, und ein bisschen was zum Traurigsein, und eine rätselhafte Begegnung.
Soundtrack: Phil Collins, True Colours (ein schönes Remake; Originalversion von Cyndi Lauper); später dann: In the Air Tonight, ebenfalls von Phil Collins.
Disclaimer: Siehe Kapitel Eins.
Nachtrag: Ich glaube, eine Frage ist mir durchgerutscht. Der Name Jerôme ist französisch und spricht sich Scheh-rohm, mit stimmhaftem „Sch" wie in „Genie".
Drei: Leuchte, mein Stern
Sirius hat sich verlaufen. Es ist ein lärmendes, labyrinthisches Gewirr aus Gassen, Menschen und Gerüchen, das ihn umgibt, ein großer, überdachter Platz wie eine der Markthallen, die er auf seiner Flucht durch Nordafrika gesehen hat. Es ist beklemmend eng zwischen den Ständen, wo Safran und Piment ihren Duft gegen den Geruch von glitzernden Fischbergen stemmen, Fliegen rotes, rohes Ochsenfleisch umschwirren und Stoffhändler das Tagesangebot hinaus brüllen.
Es ist eng und heiß, und Sirius ist blind. Dass er die Umgebung trotzdem greifbar vor Augen hat, liegt vielleicht daran, dass er ohne Bilder nicht träumen kann, aber sein geträumtes Gehirn weigert sich, die Bilder in verwertbare Informationen zu übersetzen. Die Gerüche und der beständige Lärm verursachen ihm eine lähmende Übelkeit, und trotzdem tastet er sich voran, schiebt sich an erhitzten, nach Knoblauch und Wasserpfeife und Fremde riechenden Menschen vorbei, auf der Suche nach Moony, der hier irgendwo sein muss.
Sirius ist wütend. Moony weiß, dass er blind ist. Moony hätte ihn nicht einfach verlassen dürfen, hier, an diesem lauten, fremden Ort, dessen Bilder nutzlos auf ihn ein strömen. Moony hätte wissen müssen, dass er sich ohne ihn verlieren würde.
Sirius ist verloren.
Dann kommt er ins Freie und befindet sich zwischen den weiß gekalkten Mauern von Tunis oder Marrakesch. Die Sonne wirft ihr grelles Mittagslicht zwischen den Häuserwänden hin und her. Auf der anderen Seite eines weißen, weiten Platzes gibt es eine Stelle, an der Schatten ist, und Sirius hält darauf zu, in einer dunklen Vorahnung gefangen. Ein Zelt ist dort aufgeschlagen, ein hohes, altmodisches, mit weiten Zeltbahnen und einem silbrig-grünen Wimpel, der von der Zeltspitze flattert. Teppiche sind über den Boden gebreitet, und kühle Schatten fließen darüber, sie entspringen den Roben des Schattenmannes wie Wasser einem Gebirge, aber sie versickern um Sirius herum, ohne ihm Kühlung zu spenden. Der Schattenmann sitzt und trinkt Tee aus grünem afrikanischem Glas, seine Hände sind von einer Grazie, die sich nirgends in seinem Gesicht wieder findet. Zu seinen Füßen liegt der Wolf.
„Moony" sagt Sirius und will sich nähern, und dann sieht der Schattenmann auf, und sein glühender Blick trifft Sirius in die Brust. Eine seltsame Hitzeempfindung breitet sich in seinem Körper aus, während er rückwärts stürzt. Er fällt langsam, wie durch Watte, und dann setzt die Sonne seinen Körper in Brand, und er löst sich im Nichts.
oooOOOooo
Die Panik begleitet ihn über die Schwelle des Schlafes hinein in den trüben Nachmittag. Regen schlägt gegen die Fenster und legt kleine Trommelwirbel unter seinen eigenen, harten, schmerzhaft schnellen Herzschlag. Er atmet stoßweise und presst die Stirn ins Kissen – ich bin hier, es ist gut, ich bin hier – aber von jenseits des Schlafes brennen die Augen des Schattenmannes ihm eine feurige Spur auf die Haut. Jemand stöhnt, er muss es selbst sein, dunkel und qualvoll, und er flieht vor dem Laut, aus dem Bett und taumelnd quer durchs Zimmer, wo eine schiefe, quietschende Tür hinaus auf die baufällige Veranda führt.
Es hat abgekühlt draußen, und das nasse Holz ist rau und rissig unter seinen Füßen. Der Regen fällt über ihn wie eine Decke, und Sirius steht mit erhobenem Gesicht und lässt sich löschen. Die Tropfen sind kalt und schwer auf seiner Haut, er spürt jeden einzelnen Aufprall, sie sickern durch seine Haare auf die Kopfhaut und verbinden sich zu kleinen Bächen, die ihm über Schultern und Oberkörper hinunter laufen und sich einen Weg in seinen Hosenbund suchen. Mit nassen Händen betastet er seine Brust, in der Mitte, wo der Blick des Schattenmannes ihn getroffen hat. Er findet nichts als kühle, unversehrte weiße Haut und dunkle, flaumige Wirbel, vom Regen glatt gespült. Er hält die Hand auf und spürt, wie die Tropfen auf seiner Handfläche einschlagen wie kleine Geschosse, es spritzt sogar ein wenig. Er ist solide genug, um Wasser zu verdrängen. Der Gedanke beruhigt ihn.
Etwas löst ein dumpfes, nagendes Bedürfnis in ihm aus, der Regen auf seiner Haut vielleicht oder seine eigenen Hände oder vielleicht das Gefühl, noch einmal davon gekommen zu sein. Er denkt daran, ins Bett zurück zu gehen und sich selbst zu befriedigen –
- hastig und flach, und möglichst nicht denken, es nicht auskosten und bloß keine Zärtlichkeiten, schnell fertig werden, bevor ein Funke von Wohlbefinden etwas Fürchterliches anlockt –
- aber dann wären es doch nur wieder seine eigenen Hände, die er satt hat, und ein leeres Bett, das ihm Angst macht mit seinen unbeschriebenen weißen Flächen, und so vergräbt er die Hände in den Taschen seiner nassen Jeans und geht durch den vom Regen niedergedrückten Garten nach vorne, zur Küchentür.
Emilia ist da und klappert mit Töpfen.
„He" sagt er, „Lila", und sie dreht sich um und lächelt ihn an.
„Wo kommst du denn her" sagt sie. „Du bist ja ganz nass."
„Es regnet" sagt er.
„Ach was" sagt sie. „Geh jetzt bloß nicht in den Hund. Ich hasse den Geruch."
„Ist gut" sagt er friedfertig und macht nasse Fußspuren auf den kühlen Fliesenboden. Grassamen und Kletten kleben an seinen Hosenbeinen und kitzeln ihn zwischen den Zehen. Er zieht einen nackten Fuß hoch und reibt ihn am anderen Hosenbein.
„Was macht dein Kopfweh?" fragt sie über die Schulter, während sie etwas umrührt, das in einem Topf blubbert und nach Kräutern duftet.
„Kopfweh?" sagt er.
„Das, wegen dem du dich vorhin hingelegt hast" sagt sie.
„Ach so" sagt er. „Besser jetzt. Fast weg eigentlich. Was gibt's zu essen?"
„Noch nichts" sagt sie. „Aber wenn Remus und der Kleine später wieder da sind, mach ich eine Lasagne."
„Hmmm" macht er, beugt sich zu ihr und legt seine Wange an ihre. „Probieren? Bitte, bitte?"
„Deine Haare tropfen" macht sie ihn aufmerksam, taucht aber den Kochlöffel in die verheißungsvolle rote Sauce und hält ihn Sirius vors Gesicht. Er pustet und probiert, es ist zu heiß, wie immer, wenn er aus dem Topf kostet, aber er nimmt den Löffel und leckt ihn rückstandsfrei ab, bevor er ihn zurück gibt. Es ist, als hätte er seit Jahren nichts gegessen.
„Hmmm" sagt er. „Lila. Das ist… mh. Oh. Hmmm."
„Keine Sexgeräusche in meiner Küche" sagt sie. „Das hatten wir schon mal besprochen."
„Ich will mehr davon" sagt er. „Gib mir mehr davon."
„Nichts da" sagt sie. „Du kannst dir ein Brot machen, wenn du nicht warten kannst."
„Warten ist ganz schlecht" sagt er. „Wer weiß, wann ich mal wieder für zweieinhalb Jahre ins Koma falle. Passiert einem ja immer im ungünstigsten Moment, so was."
Er hat sich schon abgewandt, um sich eine Scheibe Brot abzuschneiden, als sie eine Schüssel aus dem Schrank holt, ihm von der Sauce hinein schöpft und ihm die Schüssel hinüber reicht. Ihre Hand zittert kaum merklich, und sie weicht seinem Blick aus.
„He" sagt er erstaunt. „Danke. Ist das ein Erfolgsrezept, die Nummer mit dem Koma?"
„Bring sie nicht zu oft" sagt Emilia und nimmt das Rühren wieder auf. „Ich kann dir ein paar Nudeln dazu kochen, wenn du möchtest."
„Nein danke" sagt er. „Nur keinen Stress. Ich nehm' hier von dem Brot."
Er nimmt sich einen Löffel und beginnt, gegen die Spüle gelehnt, zu essen, und Emilia kümmert sich wieder um ihre Töpfe auf dem Herd, es gibt noch einen zweiten mit einer hellen Sauce, und dann fasst sie hinüber zum Salz und fasst zu tief, und mit einem schallenden Knall geht eine volle Milchflasche auf dem Küchenboden in Scherben.
„Mist!" sagt sie und springt zurück. „Mist, Mist, Mist!"
„Hoppla" sagt Sirius und betrachtet über den Schüsselrand den Milchsee, der sich um seine Zehen herum ausbreitet.
„Zum Teufel" sagt sie. „Das war meine letzte Milch! Jerôme wird eine haben wollen, wenn er heim kommt. Kann man die retten?"
„Was?" sagt Sirius irritiert.
„Retten" sagt Emilia. „Mit einem Zauber. Einem Reparo für die Flasche, und dann noch einem, der die Scherben heraus fischt. Geht das?"
„Natürlich geht das" sagt Sirius. „Warum fragst du?"
Das Gleiten geschieht so sanft, dass er es kaum bemerkt.
„Darf ich dich dann bitten, mir diesen Gefallen zu tun?" fragt Emilia und wischt sich ungeduldig Löckchen aus der Stirn.
„Ja" sagt Sirius erstaunt. „Sobald ich meinen Stab geholt habe. Aber ich verstehe nicht, warum du's nicht selber machst?"
„Witzig" sagt sie. „Sehr, sehr witzig."
„Danke" sagt er, mittlerweile unangenehm berührt, er spürt, dass etwas nicht stimmt. „Es war aber nicht als Witz gedacht."
„Lass bleiben" sagt sie und wendet sich ab. „Ich wisch' es auf."
„Was ist los?" sagt er und stellt mit wütendem Nachdruck seine Schüssel ab. „Was hab' ich falsch gemacht? Ich wollte nichts als dich darauf aufmerksam machen, dass ich meinen Stab nicht bei mir habe, und dass du es in der Zwischenzeit selbst machen kannst! Aber ich geh' auch und hole ihn, wenn dir das lieber ist. Sag einfach, was du willst."
„Sirius" sagt sie und dreht sich zu ihm um, in den Händen einen Putzlumpen, den sie zu einem Klumpen zusammen dreht. „Ich kann nicht zaubern. Ich bin eine Muggel, falls du das vergessen hast."
Knall. Er muss sich fest halten und übersieht die Schüssel, die er gerade neben sich abgestellt hat. Scherben glitzern im Milchsee, der jetzt rote Saucenschlieren hat.
„Was" sagt er.
„Sag bloß, du hast das vergessen" sagt sie und klingt so sanft, dass es sein Inneres zerschneidet.
„Nein" sagt er. „Nein! Ich habe dich zaubern sehen. Du bist eine Hexe!"
„Ich bin keine Hexe, und bin nie eine gewesen" sagt sie.
Er sitzt an einem Tisch, in einem düsteren Raum, eine Küche, die ihm sehr vertraut ist. Der Tisch vor ihm ist alt, er hat Rillen und Flecken.
Sirius hat eine blau glitzernde Packung Hundekekse auf dem Schoß und einen irrsinnigen Kater. Die Kekse sind so hart, dass er beim Draufbeißen schmerzhaft seinen Schädel knacken spürt, aber er ist ganz wild auf die Mischung von Fleisch und süßlichem Innereiengeschmack und kann nicht aufhören, sie zu essen. Er überlegt, ob sie ihm noch besser schmecken würden, wenn er in den Hund ginge.
„Und hör auf, dieses Zeug zu essen!" sagt Emilia, die den Inhalt einiger prall gefüllter Bäckertüten auf Teller verteilt.
„Auch einen?" sagt er, hält ihr die Kekstüte hin und amüsiert sich, so gut er sich in diesem Zustand eben amüsieren kann, über ihren angewiderten Gesichtsausdruck.
„Ich hab' Muffins geholt" sagt sie. „Und Käsebrötchen. Geht eigentlich einer von euch jemals einkaufen?"
„Ich nicht" sagt Sirius kauend. „Ich gehe nirgendwohin. Ich bin ein Gefangener, schon vergessen?"
„Schutzhaft, wohl eher" sagt Emilia und kramt in den Taschen ihrer Robe.
„Eines wie das andere" sagt er, denn es macht tatsächlich keinen Unterschied, wo man ihn nicht raus lässt, und wer ihn fest hält. Die Wände rücken näher. Er nimmt sich einen neuen Keks.
„Coffea arabica, mit Milch und Zucker" sagt Emilia und tippt mit ihrem Zauberstab eine kleine blaue Kapsel an, die sie in ihrer Tasche gefunden hat. Die Kapsel springt zu einer blauen Henkeltasse auf, der ein betörender Kaffeeduft entsteigt.
Genau das richtige, um einen harten Hundekeks aufzuweichen.
„Ich habe dich zaubern sehen" sagt er. „Du hattest einen Kaffeezauber. Eine Transfiguration wahrscheinlich, kombiniert mit einem Miniaturalis, oder etwas in der Art. Du hattest so kleine Dinger, und konntest einen Kaffee mitsamt der Tasse draus machen."
„Sirius" sagt sie, und ihre Stimme schwankt ganz leicht. „Das klingt wirklich spannend, und ich wollte, es wäre so, aber du irrst dich."
„Ich irre mich nicht" sagt er heftig. „Ich weiß es! Ich habe es gesehen!"
„Du weißt, dass du manchmal Sachen durcheinander bringst, seit du Woanders warst" sagt sie seufzend, aber er spürt die Angst hinter ihrer Sorge. „Möchtest du dich nicht noch eine halbe Stunde hinlegen?"
„Nein!" sagt er. „Mir geht es gut. Ich bin kein Spinner!"
„Niemand sagt, dass du ein Spinner bist" sagt sie fast liebevoll, und Sirius möchte schreien und mit blanken Fäusten Möbel zertrümmern, nur damit alle aufhören, sich um ihn herum so leise zu bewegen. Er martert sein Gehirn, um sich zu erinnern, aber es liegt zu viel im Nebel, und dann hat er doch wieder die Hände in den Haaren und zieht daran, hart und ruckhaft, damit der Schmerz ihn auf die Erde zurück holt.
„Hör auf damit, in Merlins Namen" sagt sie und umfasst seine Handgelenke.
„Moony" sagt er und klammert sich an das Stückchen Haut, das von anderer Haut bedeckt wird, eine Berührung, die ihm beweist, dass er wirklich ist und sich nicht auflöst. „Wo ist er? Ich brauche ihn."
„Er ist mit Jerôme beim Kinderarzt" sagt Emilia, die ihm mit sanfter Entschiedenheit die Hände aus den Haaren nimmt. „Sie werden in einer Stunde wieder hier sein, denke ich. Aber er wird dir auch nichts anderes sagen."
„Es fühlt sich aber so echt an" sagt Sirius hilflos. „Das andere. Der Gedanke, dass du eine Hexe bist."
„Ist es denn so wichtig, was ich bin?" sagt sie und streichelt seine Hände. „Ich bin Emilia, und ich bin da, wenn du mich brauchst. Ich weiß schon, dass ihr Stabträger nicht glauben könnt, dass es auch ohne geht."
Er versucht, sich ein Lächeln abzuringen, doch es ist ein plötzliches Schluchzen, das ihm die Mundwinkel nach oben zieht.
Sirius geht in den Hund.
oooOOOooo
Spiegel sind wichtig für Sirius. Er kann sich vor ihnen zurechtrücken, wenn er sich fühlt wie einer, den man verrückt hat. Sein Spiegelbild ist zuverlässig, immer da, immer gleich, kontrollierbar. Er kann sich selber in die Augen sehen und sich vergewissern, dass er wirklich ist, denn Geister erzeugen kein Spiegelbild.
Manchmal ist er so damit beschäftigt, wirklich zu sein, dass er vergisst, wer er ist.
Er ist ein Black. Das hat man ihm gesagt. Er hat viel von seiner Familie vergessen, und so manches ist wohl kaum erinnernswert gewesen, aber es gibt eine Familienähnlichkeit, die sich aus der mütterlichen Linie zieht und überdeutlich in seinem Gesicht geschrieben steht. Es ist ein aristokratisches Gesicht: geschwungene Augenbrauen, wie mit chinesischer Tusche gezogen, darunter Augen von irritierendem Blau und immer ein wenig überschattet von schweren Lidern. Hohe Wangenknochen. Eine Nase wie aus Marmor geschnitten, und Lippen von der unschuldigen Dekadenz einer reifen Pflaume.
Manchmal, an schlechten Tagen, trägt sein Gesicht die Maske eines Sechsundvierzigjährigen.
Er ist schön. Auch das hat man ihm gesagt, und er sieht es selbst: Seine Schönheit ist von einer nachlässigen Intensität, die aus dem Überfluss schöpft, die keine Inszenierung benötigt.
Er inszeniert natürlich trotzdem. Er inszeniert seine Schönheit, sein Leben, sich selbst. Es gibt Tage, an denen er sich selbst spielt, wenn er sich gerade wieder verloren gegangen ist.
Vor dem großen Spiegel in seinem Schlafzimmer versucht er, sich selbst zu finden. Er meint, sich zu erinnern, Roben vorgeführt zu haben, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten: früher, als mit seinem Leben noch alles in Ordnung war, er erinnert sich an kostbare Stoffe, die über seine Schultern fließen, an Lächeln und wohlgefällige Blicke und Posen, die er heute noch abrufen kann. Vielleicht ist es ja ein Stück Wirklichkeit gewesen. Der Gedanke gefällt ihm.
Sirius posiert.
Alte Jeans und ein nicht mehr ganz weißes Hemd, das ihm locker und ziemlich zerknittert über den Hosenbund hängt: das ist Paddy, dem mütterliche Herzen entgegen schmelzen, wenn er mit Jerôme auf dem Spielplatz den Sandkasten umbaggert. Neue Jeans, weißes Hemd, Sakko und Pferdeschwanz im Nacken: der sympathische Muggel, vielleicht erfolgreicher Jungunternehmer. Sakko aus, Lederjacke an: das ist der mit dem Motorrad, born to be wild. Bodenlange Robe aus schwerem, nachtblauem Samt, die einzige, die er noch besitzt, und da ist er, der letzte Erbe des noblen und altehrwürdigen Hauses der Black, der heißeste Heiratskandidat in Zauberlondon, bevor er sein Leben so vollständig gegen die Wand gefahren hat.
Er knöpft die Robe auf und lässt sie von den Schultern rutschen. Sie macht ein leises, wolkiges Geräusch, als sie um seine Füße zu Boden fällt. Er fragt sich, ob dieser Weg ihn irgendwohin bringt. Seine Kleider liegen um ihn herum auf dem Fußboden wie alte, ausgewachsene Hüllen, nur dass ihm keine neue gewachsen ist. Er fragt sich, was von ihm übrig bleibt, wenn er die letzte Hülle abstreift.
Er betrachtet sich nackt im Spiegel, aber er sieht immer nur Hülle. Vielleicht gibt es einfach nicht mehr zu sehen.
Er erinnert sich an Zigaretten in der Innentasche der Lederjacke. Er holt sie raus und zündet sich eine an. Er würde jeden Preis zahlen für einen Joint, aber er hat hier noch keine Bezugsquelle gefunden. Er fragt sich, ob er den Joint wirklich haben will, oder ob das Bedürfnis danach nicht nur Echo einer alten Inszenierung ist: der des Familienrebellen, des weißen Schafes in einer Herde aus schwarzen. Er inhaliert Rauch und hält die Luft an, bis ihm schwindelig wird, dann lässt er ihn ausströmen und beobachtet, wie die Schwaden sich in der trägen Luft zwischen seinem tatsächlichen und seinem gespiegelten Ich auflösen.
Er fragt sich, wie er so sicher sein kann, dass seine Seite des Spiegels die tatsächliche ist.
Er geht und holt sein Halsband. Das Leder ist weich und wärmt seine Haut, und es schmiegt sich um seinen Hals wie eine Liebkosung, als er es umlegt. Er hakt einen Finger in die glatte, schwere Öse und zieht ein wenig. Der Druck, der im Nacken entsteht, beruhigt ihn. Als gäbe es eine Richtung.
Eine Bewegung, die er hinter sich im Spiegel sieht, lenkt seinen Blick. Die angelehnte Tür öffnet sich einen Spalt, jemand klopft von draußen dagegen.
„Ja" sagt Sirius und hat für einen Augenblick ein schlechtes Gewissen wegen der Zigarette.
„Störe ich?" sagt Remus, steckt den Kopf durch die Tür und senkt sogleich peinlich berührt den Blick, als er Sirius in seiner ganzen Pracht da stehen sieht. Sirius grinst um seine Zigarette herum.
„Komm ruhig rein" sagt er und verfolgt, wie auf Remus' Wangen rote Flecken entstehen. Er kommt trotzdem rein, geht mit sorgfältig abgewandtem Blick zur Verandatür und öffnet sie weit. Auf dem Rückweg nimmt er einen zerknitterten Bademantel vom Bett und schüttelt ihn sorgfältig aus, bevor er an Sirius heran tritt und ihm den flauschigen Stoff vor die Brust drückt. Dann greift er hinauf und nimmt Sirius die Zigarette aus dem Mund. Er betrachtet sie, wie sie zwischen den verbliebenen Fingern seiner linken Hand hängt, einem giftigen Insekt ähnlicher als einem verbreiteten Zivilisationsübel, und dann beobachtet Sirius, wie die Zigarette nachgibt und von selbst verlischt.
„Also wirklich" sagt Remus. „Wir haben uns solche Mühe gegeben mit deiner Erziehung. Wir dachten wirklich, du wärst stubenrein."
„Entschuldigung" sagt Sirius, geknickt genug, um Remus einen Gefallen zu tun. „Die ist mir so dazwischen gerutscht."
„Geh in den Garten, wenn du's unbedingt tun musst" sagt Remus. „Am besten wäre allerdings, du würdest endlich damit aufhören. Ich habe nicht diesen enormen Aufwand betrieben, um dich zurück zu holen, nur damit du dich jetzt mit Lungenkrebs umbringst."
„Du weißt, ich rauche nur, um von meinem Hundekeks-Problem runter zu kommen" sagt Sirius.
„Willst du das endlich anziehen?" sagt Remus und klopft mit der Hand voll Bademantel gegen Sirius' Brust. Sirius tut ihm den Gefallen, und Remus entsorgt die Zigarette im Papierkorb und beginnt dann, Sirius' Kleider vom Boden aufzuheben.
„Die teuren Sachen" sagt er kopfschüttelnd. „Und du wirfst sie einfach auf den Boden."
„Darf ich dich was fragen?" sagt Sirius.
„Sicher" sagt Remus.
„Wer bist du?" sagt Sirius.
„Wie bitte?" sagt Remus und richtet sich auf, das weiße Hemd in der Hand. Er klemmt sich eine silbrige Strähne hinters Ohr und betrachtet Sirius, verwirrt und ein bisschen erschrocken.
„Nicht, was du jetzt glaubst" sagt Sirius. „Ich weiß, wer du bist. Aber weißt du, wer du bist?"
„Ich glaube schon" sagt Remus zögernd.
„Weißt du's?" sagt Sirius. „Oder glaubst du nur, dass du's weißt?"
„Wie soll ich das denn auseinander halten?" sagt Remus.
„Ich weiß nicht" sagt Sirius. „Kannst du es nicht? Du bist Jerômes Papa. Du bist Emilias Mann. Du bist Moony. Du bist der Typ, der die Bücher verkauft. Du bist Herr Lupin, der Engländer, für die Leute aus dem Dorf. Du bist schon Lehrer gewesen und Schüler und Student und Untergrundkämpfer. Du bist der Wolf. Aber wer bist du, wenn man das alles abzieht? Wenn du Emilia nie getroffen hättest, wenn es nie einen Krieg gegeben hätte? Wenn du nie gebissen worden wärest?"
Remus streicht das Hemd zwischen den Händen glatt.
„Ich nehme an, dann wäre ich ein anderer" sagt er. „Etwas anderes. Vielleicht wäre ich Vater von Jeannine und Mann von Sophie. Vielleicht wäre ich Historiker, oder Archivar. Wir sind immer die Summe unserer Biographie."
„Du verstehst nicht" sagt Sirius. „Was bliebe, wenn man die Biographie gänzlich abziehen würde? Wer bist du, wenn du nur für dich selbst bist?"
„Ich weiß es nicht" sagt Remus mit müdem Lächeln. „Eine attestierte multiple Persönlichkeit ist da vielleicht nicht der beste Gesprächspartner."
„Den Wolf kann ich nicht fragen" sagt Sirius. „Ich frage dich. Gibt es einen Kern von Remus? Etwas Unveränderliches? Eine Remus-Konstante?"
„Nein" sagt Remus. „Es gibt einen Kern. Etwas, das ich bin, wenn ich nur für mich bin. Aber er ist nicht unveränderlich. Keine Konstante, vielleicht eher ein Paradigma. Ein übertragbares Muster, das sich anpasst und verändert."
„Vielleicht frage ich doch den Wolf" sagt Sirius. „Der erschlägt mich wenigstens nicht mit Fremdworten."
„Ich glaube kaum, dass er zu philosophischen Themen wirklich etwas beitragen kann" sagt Remus, und Sirius wünscht sich, diese schmalen, gezeichneten Remushände würden das, was sie mit seinem Hemd tun, auf seiner Haut tun. „Aber selbst der Wolf ist geprägt von seiner Biographie. Wir alle sind das. Niemand ist eine Insel."
„Ja" sagt Sirius. „Aber es geht um den Kern. Das, was du bist, wenn du nur für dich bist."
„Das ist auch nur eine Facette meiner Persönlichkeit" sagt Remus. „Neben all den anderen. Dem Lehrer, dem Ehemann, dem Vater. Dem Freund. Remus ist die Summe all dieser Faktoren."
„Vielleicht ist das der Unterschied" sagt Sirius. „Bei dir sind es Facetten. Bei mir sind es einfach nur Scherben."
„So lange man Scherben hat, kann man es kleben" sagt Remus.
„Das sagst du immer" sagt Sirius.
„Weil es immer stimmt" sagt Remus.
„Und was, wenn es zu viele Scherben sind?" sagt Sirius.
„Dann dauert es nur länger" sagt Remus. „Es ist einfach eine Frage der Geduld."
„Und was, wenn zu viele Scherben fehlen?" sagt Sirius.
Remus sieht ihn an und weiß nichts mehr zu sagen.
„Ich geh noch mal auf die Piste" sagt Sirius und nimmt Remus das Hemd aus den Händen. „Geh ruhig schon schlafen. Könnte spät werden."
„Wohin willst du?" fragt Remus, und Sirius hat den Eindruck, dass er das Hemd nur widerstrebend loslässt.
„Ich weiß noch nicht" sagt Sirius. „Ist doch auch egal, eigentlich. Nur ein bisschen Spaß haben. Es nützt ja nichts, hier zu sitzen und auf einen Scherbenhaufen zu starren."
„Du bist kein Scherbenhaufen" sagt Remus mit Nachdruck.
„Nein?" sagt Sirius.
„Nein" sagt Remus. „Ich weigere mich…"
„Es geht aber nicht um dich" sagt Sirius, und Remus verstummt.
Aus seiner Garderobe sucht Sirius sich eine Identität für den heutigen Abend und streift sie über, während Remus unter der offenen Verandatür steht und hinaus schaut. Es hat aufgehört zu regnen, der Garten dampft. Sirius sucht Schlüssel, Handy, Geld und Zauberstab zusammen und verstaut alles in den Taschen seiner Lederjacke. Im Spiegel kontrolliert er das Ergebnis seiner Bemühung. Da ist er, der Verführer, der heute bestimmt nicht alleine in die weiße Wüste seines Bettes zurückkehren wird. Er lächelt und wirft sich selbst einen langen, dunkel überschatteten Blick zu. Das Strahlen in seinen Augen fehlt, aber das wird vielleicht in der Nacht nicht auffallen.
Von hinten tritt er an Remus heran und schlingt die Arme um ihn. Remus lässt den Kopf nach hinten an seine Schulter fallen. Er sieht müde aus, und Sirius widersteht der Versuchung, ihm den bitteren Mundwinkel zu küssen, er will ihn nicht aus dem bisschen Gleichgewicht bringen, das er noch hat.
„Sei nicht traurig" sagt er und atmet den Duft der silbrigen Haare, die genauso gut riechen wie die grau gesträhnten zuvor und die haselnussblonden noch viel früher. Es gibt Dinge, an die Sirius sich sehr gut erinnert.
„Ich wünschte, der Mond wäre voll" sagt Remus. „Es ist so viel einfacher, wenn der Mond voll ist."
„Ich weiß" sagt Sirius. „Sei nicht traurig, Moony. Sei nicht traurig."
„Nimmst du die Lady?" fragt Remus.
„Ja" sagt Sirius.
„Flieg vorsichtig" sagt Remus. „Keine Sternschnuppen heute abend, hörst du?"
„Nein" verspricht Sirius. „Keine Sternschnuppen."
oooOOOooo
Sirius hat üblicherweise kein Problem, Anschluss für einen Abend zu finden, und noch weniger, seit er die deutsche Sprache beherrscht. Er hat sie schnell gelernt: abgesehen davon, dass er einen guten Lehrer hatte, ist er auch ein erwiesenes Sprachentalent. An diesem Abend ist er eine Weile südwärts geflogen, bis die Lichter der Großstadt ihn wieder auf den Boden gezogen haben. Es ist nicht London, die atmende, pulsierende Riesin, aber es ist durchwegs besser als das enge Städtchen, in dem Remus drei Tage die Woche Bücher verkauft. Er hat sich von einer breiten Einfallstraße in die Innenstadt bringen lassen, und jetzt sitzt er bei Burger King auf rotem Kunstleder, trinkt Kaffee und feilt an seinem Image.
„London" sagt er. „Vor drei Wochen erst. Ich kenne mich überhaupt nicht aus hier."
„London ist bestimmt toll" sagt die blonde Julia beeindruckt und dreht eine lange Haarsträhne um den Finger. „Dagegen sind wir hier tiefste Provinz, oder?"
„Ländlich" sagt Sirius mit einem Grinsen. „Aber charmant. Und die Deutschen sind alle sehr freundlich."
„Bist du beruflich hier?" fragt die rothaarige Hanna.
„Ja" sagt Sirius und umgibt sich mit hinreißender Bescheidenheit. „Ich bin in der Modebranche."
„Designer?" fragt Hanna.
„Model" sagt Sirius.
„Oh" sagt Julia, „wow", und Hanna nickt und stützt versonnen das Kinn auf die Hand.
„Und wofür modelst du?" fragt Julia.
„Nichts besonderes" sagt Sirius und räuspert sich. „Plakate. Für H&M. Ich hatte schon künstlerisch anspruchsvollere Jobs."
„H&M" haucht Julia.
„Kennst du?" sagt Sirius.
„Natürlich" sagt Julia. „Jeder kennt H&M. Ich dachte, in England wäre das ähnlich."
„Ich lebe sehr zurück gezogen, wenn ich nicht arbeite" sagt Sirius.
„Kaum zu glauben" sagt Hanna, und es ist nicht ganz klar, was sie meint.
„Ich spreche, ehrlich gesagt, nicht gerne darüber" sagt Sirius. „Es ist ein anstrengender und ziemlich oberflächlicher Beruf. Ich würde lieber mehr über euch erfahren."
„Wir studieren" sagt Hanna. „Sozialpädagogik, im achten Semester. Wir sind Kommilitoninnen."
Studentinnen, sagt eine Stimme in Sirius' Kopf, die sich verdächtig nach Moony anhört. Die sind wahrscheinlich in der Summe so alt wie du.
Sirius bringt die Stimme zum Schweigen und schaut durch das Fenster hinaus auf den Parkplatz, wo ein alter Ford Pickup mit röhrendem Auspuff durch eine Pfütze fährt. Es ist nicht wichtig, wie alt die blonde Julia ist. Es ist nicht wichtig, ob es ihn langweilt, wenn sie von ihrer Universität erzählt, ob er das Gefühl hat, dass mehr als nur eine Welt sie von ihm trennt. Wenn er ein Model sein kann, dann kann sie alles sein, was er sucht.
„Ladies?" sagt er und stellt den leeren Kaffeebecher ab. „Wollen wir tanzen gehen?"
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Die Dinge entwickeln sich gut an diesem Abend, er kann nicht klagen. Die Musik ist so laut, dass er sich selbst nicht denken hört. Sie ist nicht ganz nach seinem Geschmack, aber er muss nicht zum ersten Mal fest stellen, dass in den letzten fünfzehn Jahren etwas mit der Musik passiert ist, das er nicht nachvollziehen kann, und eigentlich ist es auch egal. Was zählt ist der Rhythmus, nach dem er seinen Herzschlag richten kann, und die zuckenden Lichter im Halbdunkel, die ihm ein Glitzern in die Augen legen, wo sonst keines ist. Zwei Gläser Absinth, das beste, was man bekommen kann, wenn es keinen Feuerwhiskey gibt, haben ihn locker gemacht und die letzte Fremdheit fort gespült, und Julia sieht beinahe schön aus, wie sie sich vor ihm bewegt und ihn anlächelt. Sie tanzen ein wenig dichter beieinander als unbedingt nötig. Ihre Hände berühren sich gelegentlich und beinahe zufällig, und sie lächelt und schaut ein bisschen schüchtern an ihm vorbei, und irgendwann zwischen dem einen und dem anderen Rhythmus fängt er ihre Hände ein und zieht sie an sich. Sie ist warm und ein wenig verschwitzt unter seinen Händen, und ihre Haare riechen nach Rauch und süßem Parfum. Sie hat hübsche runde Brüste unter einem paillettenbestickten T-Shirt, und er atmet tief, als er sie gegen sich spürt, vielleicht ist sie es, vielleicht diesmal. Er nimmt sie um die Mitte und rollt seine Hüfte gegen sie, vorsichtig, um zu sehen, ob sie diesen Weg mitgeht, und sie sagt etwas, das er nicht versteht, und lacht nervös. Aber sie lässt ihn nicht los, und ihr warmer Körper an seinem ist ihm Aufforderung genug. Ihre Lippen sind glitzernd geschminkt und teilen sich bereitwillig für seine Zunge, ihr Geschmack erinnert ihn an Himbeereis, er weiß nicht, ob es von ihr kommt oder von dem, was sie getrunken hat, aber es ist echt und wirklich und das Gegenteil von Auflösung, ihr Atem, ihre Hände, ihre Brüste, die ihn sich selbst fühlen lassen. Seine Hände gehen über ihren Rücken und finden ein wenig nackte, warme Haut zwischen Hosenbund und T-Shirt, und dann lässt sie ihre Hüften kreisen, und er denkt an Gartenarbeit und Ölwechsel, um nicht hier und sofort hart zu werden. Ihre Finger gehen seinen Hals hinunter und verweilen bei dem Halsband, das abzulegen er nicht über sich gebracht hat, und für einen Augenblick fühlt es sich an wie Fremdgehen, aber dann ruft er sich zur Ordnung: Er ist erklärtermaßen herrenlos und berechtigt, sich Anschluss zu suchen, wo immer ihm beliebt.
„Warum trägst du das?" fragt sie laut an seinem Ohr. „Ist das ein Hundehalsband?"
„Gefällt es dir?" fragt er zurück. „Ich liebe es. Ein Freund hat es in London für mich gekauft."
„Ein Freund" sagt sie und hakt ihren Finger in die Öse.
„Mhm" sagt er an ihrem Ohr. „Damit ich nicht verloren gehe. Ich bin ein Herumtreiber, musst du wissen."
„Kein Zweifel" sagt sie und lacht.
Dann verabschiedet sich Hanna, die ihre einsamen Kreise durch die Diskothek offenbar satt hat. Sie sieht zornig und enttäuscht aus, und Sirius kann sich vorstellen, wie die Freundinnen am nächsten Tag telefonieren und Streit haben werden. Julias Gedanken bewegen sich offenbar in ähnlicher Richtung, und Sirius nimmt sie um die Mitte und organisiert an der überfüllten Bar einen Cocktail, der in einer gekühlten Flasche kommt und nicht wie früher in einem Glas mit Strohhalm. Das Zeug in der Flasche ist rosa und schmeckt wie Limonade, aber Julia scheint es zu mögen, und er mag den Geschmack, wenn er von ihrer Zunge kommt. Er mag Julia überhaupt gerne, und mit jedem Schluck von dem rosa Zeug mag er sie mehr. Er mag auch den Gedanken, dass sie in ihm nichts sieht als die Hülle, die er ihr zeigt, er kann ihr ein Bild von sich malen, sie seiner geliehenen Identität hinzu fügen und sich dadurch noch ein Stück realer machen. Er muss keine Angst haben, dass sie über den Scherbenhaufen stolpert. In ihren Augen ist er perfekt, ein Kosmopolit, gebildet und weit gereist, reich und glamourös. Beinahe ein Star. Beinahe ein Stern. Er liebt es, sich selbst durch ihre Augen zu sehen. Ihre Augen sind ein Spiegel, der zeigt, was er sich wünscht.
Und dann geht es doch noch unter die Hülle, die äußerste zumindest, die er abstreifen kann, ohne etwas anderes zu zeigen als nackte, weiße Haut, und alle Gedanken an Gartenarbeit und Ölwechsel helfen nicht mehr. Die schummrige Ecke zwischen den Toiletten und dem Zigarettenautomaten ist zu einladend, und sie hat ihre Hände auf seinem Rücken und ihre Zunge auf seinem Hals, und dann rutschen ihre Hände tiefer, und er entlässt ein Stöhnen in ihre Haare, weil er so hart ist, dass es weh tut, und er denkt, vielleicht diesmal, vielleicht diesmal. Er küsst sie und verteilt den letzten Rest des Glitzerlippenstiftes auf seinen eigenen Lippen und spürt, wie sie sich an ihn presst, und er möchte ihre Hitze ganz in sich aufnehmen und ihre Jugend und ihre Leidenschaft, damit er sich davon ernähren kann, wenn es wieder kalt wird. Seine Hände gehen unter ihr T-Shirt und finden ihre süßen Brüste, es ist Spitze darüber, die er mit dem Daumen wegschiebt, und das Bedürfnis, sie dort zu küssen, wo sie so spürbar auf seine Finger reagiert, wäscht durch ihn wie eine hitzige Welle.
Er ist irritiert, als sie ihn „Johnny" nennt, für einen Augenblick in einem schlechten Film gelandet, in dem die Liebhaber verwechselt werden, bevor er sich erinnert, dass es der Name ist, den er sich selbst gegeben hat für den heutigen Abend, weil Sirius doch viel zu sehr nach Scherbenhaufen klingt.
„Johnny" sagt sie atemlos und nimmt ihn vorne am Hemd, das über der Brust offen steht. „Warte. Wir können doch nicht hier…"
„Kein Problem" sagt er, und dann ist plötzlich eine Tür offen, die eben noch verschlossen war. Sie ist mit „Personal" beschriftet, und dahinter ist ein schmales Räumchen mit einer Phalanx von Getränkekästen, einem Tisch, ein paar Stühlen und einer Kaffeemaschine. Sie landen an der Wand, und Sirius gibt der Tür mit dem Fuß einen Schubs, während er gleichzeitig Julias T-Shirt nach oben zieht. Seine Erregungskurve hat nur einen kleinen Dämpfer erfahren durch die unauffällige Zauberei, und er glaubt wirklich, dass diesmal, diesmal endlich…
Ihre Haut hat einen sommerlichen Goldton, und seine Finger streichen darüber wie über chinesische Seide. Ihre Brüste sind hell an den Spitzen, und sie vergräbt die Hände in seinen Haaren, als seine Lippen endlich das Begehrte finden und betasten, und er geht mit breiter Zunge darüber und ist glücklich, sie unterdrückt stöhnen zu hören, denn Geister lösen das nicht aus bei einer Frau. Sie hebt das Knie ein wenig an, bringt ihren Oberschenkel gegen seinen und sucht die Berührung dort, wo es so drangvoll eng ist, und er stöhnt und drängt sie gegen die Wand, ihre Hände an seinem Gürtel und seine in ihrem Hosenbund, und diesmal wird er es wirklich schaffen, weil ihre Haut so süß schmeckt und weil er es so dringend will, er muss nur schnell genug sein, muss sich fokussieren, konzentrieren und hier bleiben, darf nicht zulassen, dass er wieder…
…gleitet.
Er ist zu langsam gewesen, diesmal. Er hat nicht widerstehen können, Hände auf seinem Körper zu spüren, und seien es auch nur die eigenen. Das Verlangen nach Körperkontakt bringt ihn um. Kürzlich hat er eine Schlägerei angezettelt, während eines Hofganges, nur um einen anderen zu spüren. Es hat ihm ein verstauchtes Handgelenk eingebracht und eine Woche Dunkelzelle, aber er hat träumen können von Händen auf seinen Schultern, von Armen, die ihn schütteln und vom schweren Gewicht des Gegners, der ihn zu Boden stößt, alles ist besser als die luftleere Isolation, mit der er seine Tage verbringt.
Selbstbefriedigung ist etwas, das er sich selten erlaubt, weil er weiß, dass es sie anzieht. Man muss schnell sein, flach und heimlich, und ohnehin bietet eine Zelle, deren vordere Wand aus Gitterstäben besteht, wenig Raum für Privatsphäre. Er weiß es, und trotzdem hat er sich hinreißen lassen zu unnötiger Zärtlichkeit und zu Bildern, die seine Phantasie ihm schickt, tief aus der Vergangenheit, von geschwungenen Lippen und lächelnden Augen und einem Geruch nach Zimt in welligem Haar, und deshalb ist er nicht schnell genug gewesen, hat sich nicht begnügen wollen mit dem schnellen, flachen Geschäft, hat sich hingegeben und sich nicht mehr im Griff gehabt, und deshalb wird es jetzt kalt und dunkel in seiner Zelle.
Es legt sich wie ein Eispanzer auf seinen Körper und lässt ihn erstarren. Er kann nicht einmal mehr die Augen schließen. Er sieht, wie sie zwischen den Gitterstäben hindurch quellen, lautlos wie schwarzer Rauch, und sich um ihn ballen. Von ferne hört er seine Mitgefangenen, wie sie mit dem blechernen Essgeschirr gegen die Gitterstäbe schlagen, ein makabres Anfeuern, ein sensationslüsterner Lärm, und morgen wird auf dem Hof die Kunde gehen, dass es wieder einen erwischt hat, dass es diesmal Black gewesen ist, den es erwischt hat.
Sie beugen sich über ihn. Er starrt ihnen in die blicklosen Kapuzen, petrifiziert, zu keiner Bewegung fähig, er starrt in den Abgrund, der ihn verschlingen wird, gleich, gleich, und dann spürt er den Sog und schreit.
Er schreit mit doppelter Stimme, und das bringt ihn wieder zurück: er taumelt rückwärts in klirrende Bierkisten, die unsanft seinen Fall bremsen. Julia steht gegen die andere Wand gepresst und erstickt ihre eigenen Schreie hinter der Hand, ihre Augen sind geweitet vor Schreck, mit der anderen Hand presst sie ihr zerknittertes T-Shirt an sich.
„Oh, mein Gott" sagt sie mit heller, hilfloser Stimme. „Was ist los? Was hast du?"
„Nichts" sagt er und muss lachen, weil die Situation so absurd ist, es ist ein hartes, verzweifeltes Lachen, es schüttelt ihn, dass die Bierflaschen klirren. „Nichts, es ist nichts, es ist nichts."
„Du bist ein Verrückter" sagt Julia. „Oh, mein Gott. Ein Verrückter."
„Ja" sagt Sirius. „Du weißt gar nicht, wie recht du hast." Er kann nicht aufstehen, seine Beine wollen ihn nicht tragen, und er lacht, bis ihm die Tränen kommen. Julia nimmt den Blick nicht von ihm, sie sieht aus wie ein Reh, das ins Scheinwerferlicht starrt, während sie sich hastig in ihr T-Shirt arbeitet.
„Keine Angst" sagt er, die Stimme verzerrt vom Lachen, das ihn nicht lassen will. „Ich tu dir nichts. Ich fass dich nicht an. Ich bin nicht so einer."
Sie hat es in ihr T-Shirt geschafft, rafft den vergessenen BH vom Boden auf und flieht aus dem Raum. Durch die geöffnete Tür dringt Zigarettenqualm und das dumpfe Wummern der Bässe, dann fällt sie ins Schloss und verursacht ihm eine scharfe Spitze von Panik, die ihm zumindest das Gelächter abschneidet. Er kann schlecht mit geschlossenen Türen. Er arbeitet daran, so gut es geht.
Er bleibt auf den Bierkästen sitzen und wischt sich mit dem Ärmel über das nasse Gesicht, und dann legt er doch noch Hand an sich selbst, damit es ihn nicht länger umtreibt und weil die Gelegenheit günstig ist: die vertraute Mischung von Angst, Heimlichkeit und Hast, die ihn zuverlässig zum Ziel bringt. Danach wäscht er sich die Hände an dem kleinen Waschbecken neben der Kaffeemaschine, richtet seine Kleidung und gönnt sich eine „Zigarette danach", die besser und lustvoller ist als alles, was davor war. Julias süßes Parfum hängt ihm noch in den Kleidern, und er beschließt, nach Hause zu fahren und zu duschen, und danach endlich in den Hund zu gehen.
Er raucht seine Zigarette zu Ende und lässt den Stummel in einer kaffeefleckigen Tasse. Er kommt ungesehen aus dem Raum und unbehelligt die enge, schlecht beleuchtete Treppe hinauf ins Freie. Es hat zwischenzeitlich geregnet und wieder aufgehört, der Asphalt ist schwarz und glänzt, und er geht durch Pfützen hinüber zu der Lady, die von Zaubern geschützt an der Hauswand auf ihn wartet. Ihre Chromteile glänzen im kalten Licht der Bogenlampen, und sie fühlt sich gut und richtig an, als er sie zwischen die Schenkel nimmt und den Ständer wegtritt. Der Motor springt bereitwillig an und schnurrt, und er schaltet den Scheinwerfer ein und beginnt schon, zu vergessen. Er gibt ein wenig Gas und lässt sie sanft anrollen. Die Nacht ist schwarz in seinen Haaren. Er hat sich gerade für einen kleinen Umweg entschieden, als ihm der alte, verbeulte Ford Pickup auffällt, der mit aktivierter Warnblinkanlage an der Straße steht. Fahrer- und Beifahrertür stehen offen, und jemand hantiert im diffusen Licht der Innenraumbeleuchtung. Er ist ziemlich sicher, dass es der gleiche Ford Pickup ist, den er früher am Abend auf dem Parkplatz von Burger King gesehen hat, nur dass er da noch fuhr, was er offenbar jetzt nicht mehr tut. Er lässt die Lady sanft auf dem Gehsteig ausrollen und wirft einen Blick drauf, man muss kein Mechaniker sein, um zu sehen, was nicht stimmt.
„Heh" sagt er und legt den Kopf schief, um ins Auto sehen zu können. „Alles im Griff, oder brauchen Sie Hilfe?"
Die Person, die im Inneren gewerkelt hat, kommt rückwärts aus der Tür und richtet sich auf, und Sirius gleitet.
Um ihn ist alles weiß, ein weißes Zimmer, glatte, weiße Laken um seinen Körper, und er ist angenehm schläfrig, sein Kopf ist leer und leicht und treibt auf weißem Licht davon, endlich ruhiges Gewässer und keine Stromschnellen mehr. Dann gibt es eine Bewegung am Rande seiner schweren Augenlider, und er strengt sich an und sieht hin.
„Hallo, mein Stern" sagt sie und streicht ihm mit sanfter Hand über die Stirn. Ihre Augen sind grau wie milder Novembernebel. „Wie geht es dir?"
„Gut" sagt er, seine Stimme ist schwer, aber er lächelt und lehnt sich in ihre Berührung. „Ich habe schon auf dich gewartet."
„Ich wurde aufgehalten, im Ministerium" sagt sie und legt ihre Lippen zart auf seine. „Es tut mir leid. Ich wollte viel früher hier sein, aber dann kam Thomas mit dem neuesten Papierkram und wollte mich nicht weg lassen. Sie beschäftigen mittlerweile eine ganze Abteilung mit deinem Fall."
„Zuviel der Ehre" murmelt er und drückt das Gesicht in ihr Haar, in dem ein zarter Duft nach Maiglöckchen hängt.
„Haben sie dir etwas gegeben?" fragt sie und hebt den Kopf, um ihn anzusehen. „Einen Trank?"
„Glaub schon" murmelt er. „Ich hatte ein paar Aussetzer."
„Sie sollen dir nichts geben, wenn du die hast" sagt sie stirnrunzelnd. „Das war doch besprochen. Sie sollen dich therapieren, nicht ruhig stellen."
„Müde" murmelt er.
„Weißt du" sagt sie, „ich denke, wir werden dich bald nach Hause holen."
„Melodie" sagt Sirius und klammert sich an den Lenker der Lady.
Etwas rutscht aus den Händen der jungen Frau und fällt klirrend auf die Straße.
„Kennen wir uns?" fragt sie, ihr Gesicht ist weiß unter den hohen Bogenlampen, und ihre Augen sind dunkel wie Regenwolken. Sie trägt eine alte Männerjacke, die ihr viel zu groß ist, und einen langen roten Rock, und kommt jetzt um das Auto herum auf Sirius zu.
„Ich weiß nicht" sagt er und arbeitet gegen den Spalt, der sich unter seinen Füßen auftun will. „Ich… es tut mir leid. Ich bringe manchmal Sachen durcheinander."
„Sieht ganz danach aus" sagt sie und lächelt ein stilles Lächeln, das Sirius vertrauter ist als sein eigenes. Sie könnte nur ein wenig weiter lächeln, und der Spalt zwischen seinen Füßen würde sich von selbst schließen.
„Wie heißt du?" fragt sie ihn.
„Johnny" sagt er. „Sirius. Ich heiße Sirius. Vergiss Johnny."
„Sirius" sagt sie. Sie steht einen Schritt entfernt, an der Kühlerhaube des Ford, und betrachtet ihn. Er fragt sich, woher er weiß, dass ihre Augen die Farbe wechseln können.
„Was machst du hier, im Juni?" fragt sie ihn. „Ich dachte, Sirius ist ein Winterstern."
„Ich hab mich wohl verfahren" sagt er und schafft endlich ein eigenes Lächeln.
„Ja" sagt sie und dreht einen Knopf ihrer Jacke zwischen den Fingern. „Kannst du einen Reifen wechseln, Sirius?"
„Na klar" sagt er und stellt den Motor der Lady ab. „Eine meiner leichtesten Übungen."
Sie geht um den Ford herum und bückt sich nach dem, was ihr vorhin aus den Händen gefallen ist, es ist der Wagenheber. Sirius klappt den Ständer der Lady aus und sitzt ab. Ein Magnetschild an der Beifahrertür des Ford fällt ihm auf: Melodie Blanche, Pferdeflüsterin, steht darauf, und darunter Lassen Sie sich und Ihr Pferd verzaubern und eine Telefonnummer. Vielleicht hat er das Schild vorhin schon gelesen, ohne es zu bemerken, denkt er, aber er kann nicht recht daran glauben.
Melodie gibt ihm den Wagenheber, und er kniet sich auf die Straße und schiebt mit geübter Bewegung das rostige Ding unters Auto, es scheint etwas zu sein, das er schon oft getan hat, obwohl er sich nicht erinnern kann. Während er den Ford aufbockt, fällt sein Blick auf die Innenseite der offenen Beifahrertür. Neben zerfledderten Straßenkarten und einem zitronengelben Eiskratzer steckt im Türfach etwas, das ziemlich eindeutig ein Zauberstab ist, er ist schlank und gerade, mit geschnitztem Griff und aus rötlich-hellem Holz, Kirsche vielleicht. Sirius verbirgt ein Grinsen. Irgendwie ist er nicht überrascht.
Er beschäftigt sich mit den fest gezogenen Schrauben, die das platte Rad halten. Sie hockt sich neben ihn und zieht die alte Männerjacke um ihre Schultern. Ein feiner Glitzernebel aus Sprühregen hängt in ihren Haaren. Er spürt, wie sie ihn betrachtet, und gibt ihr einen Blick unter feuchten Haarsträhnen. Er fragt sich, ob sie weiß, dass er gerade von einer anderen Frau kommt, und dann, woher sie es wissen sollte, und dann, selbst wenn sie es wüsste, was ihn das kümmern sollte, aber es kümmert ihn und macht ihn befangen.
„Ich hoffe, ich mache dir keine Umstände" sagt sie mit ihrer weichen Stimme und deutet vage auf das kaputte Rad.
„Nein" sagt er. „Nicht im Geringsten."
„Es ist…", sie sieht auf ihre Armbanduhr, „kurz nach zwei, und es fängt schon wieder an zu regnen. Und ich bin nicht in der Lage, selbst einen Reifen zu wechseln, und halte dich hier fest. Das ist mir peinlich."
„Kein Problem" wiederholt er, und das Lächeln geht ihm schon wieder leicht übers Gesicht. „Ich lasse mich ganz gerne festhalten."
„Tatsächlich" sagt sie, und er sagt „Ja" und entfaltet sein ganzes Strahlen und beobachtet, wie es auf sie übergreift. Dann hat Sirius die letzte Schraube gelöst und hebt den Reifen hinunter.
„Du hast dir einen Nagel rein gefahren" sagt er und zeigt mit dem Finger. „Aber der Reifen ist sowieso hinüber. Total abgefahren. Mit so etwas solltest du wirklich nicht unterwegs sein. Wenn du mal bremsen musst, glitscht dir das Auto weg wie Seife."
„Es gehört mir nicht" sagt sie. „Ich darf es nur benutzen."
„Dann richte dem Besitzer einen schönen Gruß aus, und sag ihm das" sagt Sirius. „Wenn man schon Muggeltechnik benutzt, muss man sich auch drum kümmern."
Sie sieht ihn überrascht an, und er grinst und zeigt auf den Zauberstab in der Beifahrertür.
„Oh" sagt sie. „Ja. Hatte ich ganz vergessen. Du hast eine gute Beobachtungsgabe, Sirius."
„Von Geburt an clever" sagt er grinsend und kommt ein wenig steif in die Höhe. „Wo ist das Ersatzrad? Hinten?"
Das Ersatzrad, ein schmales, staubiges Ding, sieht ebenso wenig vertrauenerweckend aus wie seine vier Brüder. Der Gummi ist brüchig und überzogen von einem Netz aus Rissen, und als Sirius ihn auf die Straße setzt und prüfend aufspringen lässt, bestätigt sich der Verdacht.
„Den müssen wir gar nicht montieren" sagt Sirius. „Der ist auch platt."
„Ach nein" sagt Melodie betroffen.
„Setz es deinem Freund auf die Liste" sagt er.
„Mitbewohner" sagt sie. „Meinem Mitbewohner."
„Gut zu wissen" sagt er und gibt ihr einen langen, nächtlich schattigen Blick. Sie räuspert sich und senkt den Blick, und ihre Hand dreht wieder den Knopf ihrer Männerjacke.
„Und jetzt?" sagt sie. „Hast du einen Zauber für platte Reifen?"
„Nein" sagt er. „Wenn ich einen hätte, hätte ich den anderen gar nicht abmontieren müssen."
„Hm" sagt sie.
„Oder vielleicht doch" sagt er und geht ein bisschen in Pose. „Man unterhält sich so nett. Was man natürlich auch bei einem Kaffee tun könnte, und ohne Regen."
„Was ist mit einem Reparo?" fragt sie.
„Macht das Loch im Reifen zu" sagt er, „aber kriegt die Luft nicht wieder rein. Und die nächste Tankstelle ist ziemlich weit die Straße runter. Das würde ich nicht empfehlen."
Sie seufzt und vergräbt die Fäuste in den Jackentaschen, sie sieht unglücklicher aus, als ein platter Reifen es rechtfertigen würde. Ihm ist klar, dass sie nichts zum Kaffee gesagt hat.
„Wusstest du, dass wir uns heute abend schon zum zweiten Mal begegnen?" sagt er. „Ich hab dein Auto auf dem Burger King-Parkplatz gesehen."
„Tatsächlich?" sagt sie.
„Tatsächlich" sagt er. „Zufälle gibt es."
„Ja" sagt sie.
Sie sehen sich an, es ist eine Armlänge Nacht zwischen ihnen, und er sieht den Regen auf ihren Wimpern glitzern.
„Was mach ich denn jetzt?" sagt sie und schaut hinüber zu dem dreifüßigen Ford.
„Wir machen das platte Rad wieder dran und schieben ihn auf den Parkplatz" sagt Sirius und zeigt mit dem Finger. „Dann lässt du ihn stehen, und dein Freund soll sich morgen drum kümmern. Dein Mitbewohner."
„Und wie komm ich dann nach Hause?" sagt sie.
„Ich hatte gehofft, du würdest das fragen" sagt er und grinst. „Ich wäre sehr enttäuscht, wenn du einfach apparieren wolltest."
„Ich appariere nicht gerne" sagt sie. „Und schon gar nicht, wenn ich müde bin."
„Wie schön" sagt er.
„Aber ich liege dir gar nicht auf dem Weg" sagt sie.
„Woher willst du denn wissen, wo ich wohne?" fragt er.
„Ich liege niemandem auf dem Weg" sagt sie. „Wo ich wohne, wohnen sonst nur Schafe und Kühe, und ein paar Eichhörnchen."
„Klingt romantisch" sagt er.
„Geht so" sagt sie.
„Ein kleiner Umweg macht mir aber nichts" sagt er. „Ich wollte sowieso nicht gleich nach Hause."
„Und ein großer Umweg?"
„Ist mir auch recht" sagt er.
„Okay" sagt sie, „danke" und lächelt ihr trauriges Lächeln, das ihn zu den Sternen hebt.
Er schraubt den platten Reifen wieder an, während sie neben ihm auf der glänzenden Straße steht und zusieht. Manchmal fährt ein Auto vorbei und rauscht durch eine Pfütze. Discogänger überqueren den Parkplatz und ziehen einen Schweif an Partylaune hinter sich her. Dazwischen ist es still, und sie sehen sich an, vorsichtig, und Sirius fragt sich, woher dieses vertraute Gefühl kommt.
Dann steht der Ford wieder auf vier wackeligen Füßen und wird mit Magie und Muskelkraft auf den Parkplatz befördert, wo er die Nacht über stehen bleiben kann. Melodie holt eine mit Fransen verzierte Tasche und ihren Zauberstab aus dem Auto und schließt es ab.
„Ich habe wenig Erfahrung mit Motorrädern" sagt sie und nähert sich der Lady vorsichtig. „Keine, eigentlich. Ich bin ein einziges Mal auf einem mitgefahren."
„Es ist ganz einfach" verspricht Sirius. „Sie ist ganz zahm."
„Hast du keinen Helm?" fragt sie.
„Nein" sagt er. „Unter einem Helm fühle ich mich eingesperrt."
„Aber ist das nicht gefährlich?" sagt sie.
„Ich habe Zauber" sagt er. „Das ist besser als ein Helm." Er schwingt ein Bein über den Sattel und hält ihr die Hand hin. Sie greift danach, ihre Hand ist klein und kalt und fest in seiner, und vorsichtig, mit der ungelenken Bewegung einer Ungeübten, hebt sie ein Bein über den Sattel, nimmt Platz und sammelt ihren weiten Rock um sich.
„Die Füße bitte hier" sagt er und dreht sich zu ihr, um ihr zu helfen. „Genau. Und da lassen. Schön in der Mitte sitzen bleiben, und wenn eine Kurve kommt, lehnst du dich ein bisschen rein. Nicht zu viel. Es ist eine Sache des Gefühls, aber du kannst das bestimmt."
„Und wo halte ich mich fest?" fragt sie unsicher.
„An dem Bügel hinter dir" sagt er und grinst, „oder an dem Kerl vor dir. Wie du möchtest."
„Okay" sagt sie mit kleiner Stimme.
„Keine Sorge" sagt er. „Ich fahre ganz vorsichtig."
Er lässt den Motor an, tritt den Ständer weg und lässt die Lady ganz langsam kommen.
„Wohin?" fragt er über die Schulter.
„Nach Norden" sagt sie. „Richtung Babenburg, und dann bei Etzelsanger mitten in die Wildnis."
„Cool" sagt er. „Das ist doch direkt meine Richtung."
„Bitte nicht über die Autobahn" sagt sie. „Ich kriege Angst, wenn es so schnell ist."
„Kein Problem" sagt er, er kennt den Weg über die Landstraße nicht, aber dann ist er auch nicht wirklich angewiesen auf Straßen. Er lässt die Lady über den Bordstein auf die Straße gleiten und stellt fest, dass sie den Kerl vor sich zum Festhalten gewählt hat. Ihre Arme legen sich fest um seine Mitte, es fühlt sich an, als wäre sie für ihn gemacht, als würden die leeren Flecken in seinem Inneren endlich einen Sinn ergeben, denn sie passt genau hinein und füllt ihn aus, und eine Handvoll Schmetterlinge entfaltet bunte Flügel irgendwo tief in seinem Bauch, und dann ist es nicht mehr Leere, sondern Leichtigkeit.
„Du bist ein mutiges Mädchen" sagt er über die Schulter, als die Lady schnurrend an einer roten Ampel wartet. „Oder ein ziemlich leichtsinniges. Du kennst mich gar nicht und willst mit mir irgendwohin in die Wildnis fahren. Ich könnte ein Verrückter sein."
Er spürt ihr Lachen an seinem Rücken, zart wie Schmetterlingsflügel. „Du bist kein Verrückter" sagt sie. „Jedenfalls nicht verrückter als ich."
„Es gibt Leute, die sehen das anders" sagt er.
„Es gibt Leute, die nicht wissen, dass für Sterne keine irdischen Gesetze gelten" sagt sie.
Es wird grün, und er lässt die Lady sanft anrollen. Die Straße ist leer und vierspurig vor ihnen, die Schienen der Straßenbahn glänzen vom Regen. Melodies Arme sind fest um ihn geschlungen, und wie von selbst finden seine Finger den kleinen Schalter, mit dem sich der Verschleierungszauber aktivieren lässt.
„Bist du bereit für eine kleine Überraschung?" fragt er über die Schulter.
„Ich denke, bei einem wie dir muss man das immer sein" sagt sie.
„Festhalten" sagt er und gibt Gas. Er beschleunigt kräftig, weil das Abheben dann einfacher ist, und zieht die Lady sanft nach oben. Melodies Griff um seine Mitte wird fester, aber sie sagt kein Wort. Er zieht einen sanften Schlenker zwischen den Stromleitungen der Straßenbahn hindurch und steigt auf Firsthöhe. Die nasse Stadt liegt unter ihnen ausgebreitet wie glitzernde Diamanten. Der Wind schlägt ihnen ins Gesicht, und Sirius korrigiert die Flugbahn, so dass sie vor dem Wind kreuzen und sich tragen lassen, und dann gibt er noch ein bisschen Gas, weil es sich so wunderbar anfühlt.
„Alles in Ordnung?" fragt er über die Schulter.
„Merlin" sagt sie. „Merlin, Merlin. Wie hoch sind wir?"
„Keine Ahnung" sagt er und schaut runter. „Vielleicht dreihundert Fuß. Hundert Meter, grob gerechnet. Viel höher will ich nicht gehen. Es wird ganz schön kalt da oben."
„Ja" sagt sie. „Danke. Ich finde, das reicht auch."
„Ich bin mal einem Linienflugzeug begegnet" sagt er. „Ich bin fast erfroren, trotz Zauber, aber ich wollte unbedingt mal Wolken von oben sehen."
„Und?" sagt sie.
„Toll" sagt er. „Ganz flauschig. Und die Sonne scheint immer, und der Himmel ist ganz dünn und blau. Ich war ein bisschen höhenkrank, als ich wieder runter kam."
„Willst du immer so hoch hinaus?" fragt sie.
„Ja" sagt er. „Immer höher."
Unter ihnen zieht sich das gerade Band der Autobahn, markiert durch eine lose Perlenschnur von roten und weißen Lichtern. Sirius hält den Kurs, bis die nächste Stadt in Sicht kommt, ein Teich aus weißen Lichtern im schwarzen Nichts.
„Etzelsanger" sagt er und zeigt hinunter. „In welche Wildnis soll ich abbiegen?"
„Ich weiß nicht" sagt sie an seinem Rücken. „Ich kann nicht direkt nach unten sehen. Aber wenn ich von der Autobahn runter fahre, muss ich über eine Autobahnbrücke, also würde ich sagen… links? Und dann kommt ein Wald, und ein paar Dörfer…"
„Dörfer sind einfach" sagt Sirius und zieht einen weiten Linksbogen. „Die leuchten. Wald ist schon schwieriger. Ich suche dir ein Dorf, und du kannst mir dann sagen, ob es das richtige ist."
„Okay" sagt sie und presst ihr Gesicht gegen seine Lederjacke, eine vertraute Geste, die ihn bis in die kalten Fingerspitzen wärmt.
Er lässt ein paar Dörfer aus, die zu nah an der Autobahn liegen, um den Titel „Wildnis" zu verdienen, außerdem hat er es wirklich nicht eilig mit dem Landen. Schließlich findet er ein kleines Dorf, das vom Wald umschlossen ist, und geht in sanfter Spirale tiefer. Er trifft eine schmale Landstraße, bremst und setzt zart auf.
„Das war toll" sagt sie. „Beängstigend, aber großartig."
„Warte, bis wir tags fliegen" sagt er und hat keinen Zweifel daran, dass genau das geschehen wird. „Wenn du runter schauen kannst, und alles so vor dir ausgebreitet ist, wie Spielzeug."
„Kaltenebern" liest sie vom Ortsschild. „Du hast es gut getroffen. Das nächste Dorf ist es."
Es sind nur vier Kilometer, wie das Schild am Ortsausgang verrät, und sie sind viel zu schnell zurück gelegt. Gemächlich lässt Sirius die Lady die Dorfstraße entlang rollen und biegt dann auf Melodies Weisung zwischen zwei Scheunen in einen steinigen Feldweg, der hinauf zum Waldrand führt.
„Cool" sagt er. „Hier sagen sich wirklich Wolf und Hund gute Nacht. Und ich dachte, ich würde am Ende der Welt wohnen."
„Apparieren hilft hier wirklich" sagt sie und klammert sich ein bisschen fester, denn die Lady bockt und rüttelt durch eine Serie von Schlaglöchern. Dann kommt ein trübes Licht in Sicht, eine Lampe an einer Hauswand. Ein Traktor erscheint im Scheinwerferlicht der Lady und sinkt zurück in die Dunkelheit. Schemenhaft kann Sirius weitere Gebäude erkennen, die in lockerer Hufeisenform stehen. Der nahe Wald rauscht und duftet. Irgendwo im Haus bellt ein Hund. Vor der Haustür lässt Sirius die Lady ausrollen und schaltet den Motor ab.
„Hört sich an, als würdest du erwartet" sagt er.
„Ja" sagt Melodie und löst vorsichtig ihre Arme von Sirius' Mitte. „Er bellt immer das ganze Haus wach. Wir können es ihm nicht abgewöhnen."
Sie klettert ein wenig umständlich von der Lady und kramt in ihrer Umhängetasche nach dem Schlüssel.
„Also dann" sagt sie. „Danke. Für alles. Für den Ritt und…" Sie verstummt. Der Nachtwind bläst Schatten über ihr Gesicht.
„Die Einladung steht" sagt er. „Ich hole dich ab, und wir fliegen ein bisschen rum."
„Das wäre schön" sagt sie, „aber es geht leider nicht."
„Dann ohne Fliegen" sagt er. „Nur Kaffee."
„Nein" sagt sie. „Wir können uns nicht wieder sehen."
„Weil ein schweres Geheimnis auf dir ruht" sagt er. „Du bist nur nachts ein Mensch, und tagsüber ein Falke. Wie im Märchen."
Ihr kleiner herzförmiger Mund lächelt, und ihr Gesicht ist weich, doch er sieht den Schmerz, der in ihren Augen hängt. „Wenn ich tagsüber ein Falke wäre, würde ich mich geschickter anstellen mit dem Fliegen, meinst du nicht?" sagt sie. „Aber du hast recht. Es ist… es gibt… Umstände. Ich kann dich nicht wieder sehen."
„Was für Umstände?" sagt er. Sie lächelt und tritt auf ihn zu, bis sie ihm ganz nah ist, und wie von selbst findet ihre kleine Hand den Weg in seine Haare, und ihre Lippen gleiten über seine Wange, schmetterlingsgleich.
„Gute Nacht, mein Stern" sagt sie. „Leuchte schön."
Dann ist sie im Haus verschwunden, schnell und lautlos wie ein Schatten, und das Bellen von drinnen verstummt. Sirius sitzt und betastet seine Wange, und er sitzt immer noch und hört den Wald rauschen, als im ersten Stock ein Fenster hell wird, und dann bleibt er noch sitzen, bis das Fenster wieder dunkel wird und die Nacht ihren Mantel um ihn schließt, und dann endlich kann er sich durchringen, den Motor anzulassen, der ihm unpassend laut vorkommt in der großen Stille, die um ihn herrscht, und er zieht die Lady steil nach oben, um zwischen den Scheunendächern heraus zu kommen, und nimmt direkten Kurs auf den Großen Wagen.
