Ihr Lieben,

ein bisschen Verspätung hat dieses Update, aber dafür ist es ein langes. Leider muss ich auch an dieser Stelle mein reviewbeantworttechnisches Totalversagen einräumen: Ihr wisst, ich tue, was ich kann, aber diesmal hab ich es einfach nicht hingekriegt. Aber ich habe mich sehr über all die netten Reviews gefreut, und nachdem mein Zeitplan jetzt wieder etwas lockerer wird, hoffe ich, dass ich ab jetzt wieder antworten kann.

Gehen wir also noch mal zurück nach Nummer Zwölf, wo jeder so seine eigenen einsamen Kämpfe ausficht…

Eine Runde Trösteschokolade für alle, und los geht es.

Disclaimer: Siehe Kapitel Eins.

Vier: Hinter dem Vorhang

Remus ist mit dem Hund draußen. Es ist kalt und sehr neblig, die Luft atmet sich beinahe wie Wasser, und er kann kaum die Hand vor Augen sehen. Unter seinen Füßen knirscht Kies. Um ihn herum, in einiger Entfernung, befinden sich hohe, dunkle Schemen, Bäume vielleicht. Dann ist der Nebel kein Nebel mehr, sondern Rauch von Sirius' Zigarette. Er geht neben ihm, die Zigarette im Mundwinkel, und schickt ein schiefes Grinsen zu Remus.

„Warum bist du nicht im Hund?" fragt Remus verärgert. „Warum treibe ich mich bei dieser Kälte draußen herum, wenn du sowieso nicht im Hund bist?"

Es ist weit mehr als nur eine unterlassene Wandlung, das ist Remus klar, was ihn so wütend auf Sirius macht, aber er kann es nicht bezeichnen, es mag mit dem dicken Nebel oder Rauch zusammen hängen, der ihm die Sicht versperrt. Er will Sirius in den Hund zwingen, ihn an die Leine nehmen, damit er Sirius hat, damit Sirius ihm nicht verloren geht.

„Geh in den Hund" sagt er, und Sirius sagt „Nein, ich lasse mir keine Vorschriften mehr machen", und das Lächeln ist von seinem Gesicht verschwunden.

Und dann hat Remus plötzlich doch die Leine in der Hand, und am anderen Ende der Leine ist Padfoot, den er nicht sehen kann, nur spüren. Die Leine ist straff gespannt, und Remus weiß, dass er ziehen muss, mit aller Kraft, um Padfoot zu sich zu holen, um ihn aus diesem merkwürdigen Nebel zu befreien, der wie eine Wand zwischen ihnen aufragt. Er schlingt sich die Leine um die Hand und gräbt die Fersen in den Kies unter seinen Füßen und zieht, aber seine Hände sind schwach und seine Finger lösen sich unter der Spannung, sie reißen von seinen Händen ab wie welke, vom Sturm erfasste Blätter, und dann verliert Remus den Halt und fällt, und erwacht mit einem Keuchen.

Seine linke Hand pulsiert und schickt ihm im Rhythmus seines Herzens feurige Schmerzstöße den Arm hinauf. Er blinzelt. Seine Wolfsaugen durchdringen die Dunkelheit gründlicher als ein Stablicht. Ein Luftzug kommt durchs offene Fenster und bewegt die Gardinen, und neben ihm rührt sich Emilia.

„Schon wieder geträumt?" fragt sie, ihre Stimme ein verschlafenes Flüstern, in dem aber allzu deutlich Besorgnis mitschwingt.

„Ja" sagt er und streicht sich mit der rechten Hand feuchte Haare aus der Stirn.

„Schon wieder das gleiche?" fragt sie, und er sagt „Ja" und weiß, dass er so schnell nicht wieder wird einschlafen können. Die Träume verfolgen ihn mit nächtlicher Regelmäßigkeit, und außerdem hat er sich noch nicht an seine neuen, geschärften Sinne gewöhnt, die ihn jedes Rascheln, jedes entfernte Tiergeräusch, jedes Auto auf den Straßen um Nummer Zwölf wahrnehmen und auf seine Bedrohlichkeit hin analysieren lassen. Er muss seine Wolfssinne abstumpfen, oder er wird im Lebensraum London den Verstand verlieren.

Emilia seufzt und dreht sich, ihre Hand landet auf seinem Bauch. Geh nicht, heißt diese Geste, aber wie jede Nacht hält es ihn nicht im Bett, wenn er seinen Traum gehabt hat, eine Art von erschöpfter Ruhelosigkeit treibt ihn in die Höhe, oder vielleicht ist es auch der Wolf, der seinen Gefährten suchen muss, jede Nacht aufs Neue.

„Ich bin gleich wieder da" flüstert er, nimmt Emilias Hand von seinem Bauch und küsst sie zart, bevor er sie auf seinem Kissen bettet. Sie seufzt erneut und umarmt sein Kissen.

Remus beginnt seinen Rundgang durch das Haus, das jetzt angeblich seines ist. Er bewegt sich durch die Räume mit einer Lautlosigkeit, die ihn selbst immer aufs Neue überrascht. Er macht kein Licht. Seine Hand brennt, als stünde sie in Flammen, aber er verzichtet auf die Hilfe der kleinen rosa Phiolen im Badezimmer, die man ihm in St. Mungo's mitgegeben hat. Er betrachtet den Schmerz als Katharsis. Oder vielleicht als Strafe dafür, dass er „Ja" gesagt hat und „Ich verstehe", als Strafe dafür, dass er die Distanz verloren und sich so sehr in Sirius aufgelöst hat, dass er dessen Beweggründe zum Schluss besser verstanden hat als seine eigenen, und ihn deshalb nicht aufhalten konnte, nicht aufhalten wollte.

Er weiß, dass kein Schmerz der Welt diese Schuld von seinen Schultern nehmen kann.

Er beginnt seine Suche wie immer unten, in der Küche. Sirius' blauer Wollmantel hängt noch an dem Haken hinter der Tür; er hängt dort seit dem letzten Winter, weil Sirius nie daran gedacht hat, ihn aufzuräumen. Remus sieht nach den Motorradzeitschriften in der Eckbank und nach Sirius' benutzter Kaffeetasse, in der schimmliger Kaffeesatz längst vertrocknet ist. Es ist ein hässliches schwarzes Ding, das seinem Äußeren zuwider laufend den weißen Aufdruck „Black is beautiful" trägt. Remus stellt die blau gepunktete Tasse daneben, die Emilia in mühsamer Kleinarbeit wieder geklebt hat. Dann wirft er einen Blick hinaus in den dunklen Hof, wo die Lady unter einem Überwurf aus Wachstuch schlummert. Ein dünnes Lächeln geht über seine Lippen. („Ich bin" hat Severus gesagt, „beinahe emotional berührt. Ich schwanke allerdings noch zwischen Sentimentalität und Entsetzen." Emilia hat ihn gedrängt, die Lady mit nach Hogwarts zu nehmen und fahren zu lernen, und seine Ablehnung war definitiv entsetzter als sentimental.)

Es ist wichtig, dass alle Dinge ihren Platz behalten. Die Ordensmitglieder, die in Nummer Zwölf ein- und ausgehen, verstehen es nicht, und es war ein hartes Stück Arbeit, sie davon zu überzeugen, dass sie es nicht verstehen müssen, um es zu akzeptieren. An den Dingen entlang kann er den Gefährten suchen, wie im Märchen die Spur aus Brotkrumen durch den Wald führt, kann der Verbindung nachspüren, die am Tag nach dem Mond so deutlich war, als wäre Sirius durch nicht mehr als die dünnen Stoffbahnen eines Vorhanges von ihm getrennt, als müsste er nur die Hand ausstrecken, um zu spüren, was er nicht sieht. Die Verbindung ist schwächer geworden, seit der Mond abnimmt. Der Gefährte geht ihm langsam verloren, und er fürchtet den Neumond wie zuvor den vollen.

Remus verlässt die Küche, lautlos wie er gekommen ist, und steigt die steinerne Treppe hinauf, die Generationen von Bediensteten mit ihren Schuhen rund abgeschliffen haben. Mrs. Black in der großen Halle schweigt noch immer. Ihr Gesicht ist steinern, sogar der Ausdruck von tiefer Abscheu beim Anblick des Werwolfes ist gewichen. Unbewegt sieht sie von ihrem Gemälde auf ihn hinunter. Remus erinnert sich an einen Besuch während der Sommerferien, zwölf oder dreizehn muss er gewesen sein, und Mrs. Black war eine strenge, aber charismatische Frau, schön und sehr vornehm. Sie hat beim kindlichen Remus einen tiefen Eindruck hinterlassen, aber tiefer noch war die Wut und die Trauer in Sirius' Gesicht. „Du hast ja keine Ahnung" hat er ihm gesagt, und Remus hat sich geschämt und gar nicht genau gewusst, wofür. Jetzt steht er vor ihrem Gemälde und sieht sie an und sucht ihren Sohn in ihren Zügen, die melancholischen Augen unter den langen, tiefen Wimpern, das schwere schwarze Haar, silbrig an den Schläfen, wie Sirius' es zu werden nicht die Zeit hatte. Er nickt ihr zu, und sie umgibt ihre Finger mit der spinnwebenfeinen schwarzen Spitze, die ihr Kleid ziert, es ist ihre einzige Möglichkeit, Trauer zu tragen.

Im ersten Stock führt ihn sein Weg zuerst in die Bibliothek. Nicht, dass Sirius hier viele Spuren hinterlassen hätte. Er hat immer davon fantasiert, im Keller von Nummer Zwölf ein Kino einzurichten. „Wie dick ist dieser Wälzer?" hat er gefragt. „Tausend Seiten? Ich warte lieber, bis er verfilmt ist." Dann haben sie ihn verfilmt, den dicken Wälzer, und Remus hat Sirius am wachsamen Auge des Ordens vorbei ins Kino geschmuggelt, wo er dann einen Zusammenbruch hatte, weil Dementoren in das idyllische Auenland einbrachen und Jagd auf hilflose kleine Leute machten mit ihren gesichtslosen Kapuzen, und weil er Fantasy nicht ertragen konnte, die so sehr das wahre Leben spiegelt.

Remus atmet den staubigen Papiergeruch, der zwischen den Regalen hängt, und geht im Schatten von Byron und Shakespeare hinüber zum Fenster, an dem Sirius immer gesessen ist, wenn Remus hier etwas zu recherchieren hatte. Er wirft einen Blick hinaus auf die Straße. Es ist eine ruhige Nacht, für Londoner Verhältnisse. Seine Fingerspitzen, sieben, gehen sachte über den kühlen Marmor des Fensterbretts und das raue Holz des alten Fensterrahmens hinauf. Beinahe kann er ihn noch spüren, wie er hier sitzt, die langen Beine hoch gezogen, den Blick irgendwo dort, wo die Straße sich im Gewirr der Großstadt verliert, und an seinen Haaren zupft.

Remus wünscht sich, er hätte die Bücher sein lassen und die Arbeit für den Orden verschoben und wäre mit Sirius aus Nummer Zwölf geflohen und untergetaucht im Großstadtdschungel, wann immer es ihn dorthin gezogen hätte. Er wünscht sich, er hätte nie Nein gesagt zu Sirius, bis auf dieses eine Mal.

Leise verlässt er die Bibliothek und zögert lange vor der Tür am anderen Ende des Ganges, der Tür, die er aus einem Instinkt heraus verschlossen gehalten hat, ehe er noch wusste, dass er auf der Suche ist. Er steht im dunklen Flur, lange, reglos, und spürt die Sicherungszauber, die er selbst mit dem alten, dunklen Holz verwoben hat.

Manchmal, wenn er alleine in Nummer Zwölf ist, passiert es ihm, dass ihm auf dem Weg von einem Raum in den anderen plötzlich der Sinn seiner Handlung entgleitet. Er bleibt dann einfach stehen: im Gang, eine benutzte Teetasse in der Hand (warum sie in die Spüle räumen, wenn doch sowieso kein buschiger Schwanz sie mehr wedelnd vom Teetisch fegen kann?) oder die alte, fadenscheinige Strickjacke über dem Arm (warum sie wegräumen, wenn doch niemand hier mehr einen schlechten Witz über sie reißen wird?). Er steht dann lange und fühlt sich leer und wartet auf einen Grund, sich zu bewegen, weiter zu machen, womit auch immer. Er denkt dann, dass es ohne Emilia und den Kleinen keinen Grund gäbe, hier zu bleiben, auf dieser Seite des Vorhanges, aber sie binden ihn, halten ihn, wie es immer er ist, der gebunden ist, und die anderen, die gehen. Er hat nie gehen können, wie es ihm gefällt. Er fragt sich, wie weit die Seele gehen kann, ohne den Körper mit zu nehmen.

Sirius' Abwesenheit ist von unerträglicher Präsenz hinter dieser Tür. Dort, wo der Schmerz am größten ist, kann er Sirius am deutlichsten spüren, und deshalb nimmt er es immer wieder auf sich, deshalb treibt es ihn immer wieder hierher.

Er berührt die Tür, und die Sicherungszauber fallen.

Remus betritt den Raum.

Es beginnt schon, sich zu verändern, hier, im Zentrum von Sirius' Abwesenheit. Es ist ein stiller Verfall, der die Spuren auslöscht, die den Wolf zum Gefährten führen sollen, wie im Märchen die Vögel kommen und die Spur aus Brotkrumen aufpicken. Hier sind es Fruchtfliegen und Fäulnisbakterien, die Besitz von einem halb gegessenen Apfel ergriffen haben. Der Geruch ist süßlich und morbide in Remus' wolfsfeiner Nase und verfälscht den Geruch des Gefährten, der in diesem Raum so intensiv ist wie sonst nirgendwo im Haus. Es ist Staub, der sich auf das ungemachte Bett legt wie ein grauer Schleier, es ist der Luftzug, der beim Öffnen und Schließen der Tür entsteht und der Padfoots Haare von der Hundedecke löst, und es ist Remus selbst, der jedes Mal ein wenig von den Spuren zerstört, wenn er sich durch den Raum bewegt, wenn er seinen eigenen Atem mit den Resten von Sirius' Atem mischt, wenn er mit den Fingerspitzen (sieben) unendlich sachte die Kuhle berührt, die Sirius' Kopf auf dem Kopfkissen hinterlassen hat, wenn sein Gewicht die Matratze einsinken lässt und das Laken verschiebt, obwohl er sich so vorsichtig auf den Rand setzt, als gelte es, einen Kranken zu schonen.

Und es ist hier, in diesem Raum, kurz bevor der Schmerz ihn mit erbarmungslosen Wolfszähnen frisst, dass er Sirius spüren kann, beinahe sehen, beinahe berühren, wie man jemanden spürt, der sich von hinten nähert.

„Moony?" kann er ihn beinahe hören, ein wenig verschlafen, schließlich ist es mitten in der Nacht, und er will ihm sagen, dass alles in Ordnung ist und er sich keine Sorgen machen soll, aber natürlich ist nichts in Ordnung, und es ist auch niemand da, dem er es sagen kann, und niemand, der ihn bei diesem Namen nennt. Moony ist mit Sirius durch den Vorhang gegangen, und Remus fragt sich, ob der bessere Teil von ihm tatsächlich auf dieser Seite des Vorhanges geblieben ist.

Und dann gibt es diese kurzen Augenblicke, in denen Sirius so anwesend ist, dass Remus glaubt, sich nur umdrehen zu müssen, um ihn zu sehen, nur die Hand auszustrecken, um ihn tatsächlich zu berühren, aber dann ist der Raum um ihn herum doch leer, und überhaupt gibt es den Sirius schon lange nicht mehr, den Remus sich da für die Dauer eines Wimpernschlages erwartet hat: den jungen, unversehrten, dessen Schultern frei und gerade sind und nicht beschwert von Alpträumen, einen, der den Kopf hoch trägt, dessen Augen strahlen wie der Stern, nach dem er benannt ist. Einen, dem die Welt zu Füßen liegt, weil er immer versucht hat, den Himmel zu erreichen.

Und dann bricht die ganze unendliche Leere über Remus herein und er findet sich im kalten, ausdruckslosen Nichts wie ein Astronaut, dem die Verbindung zum Mutterschiff verloren gegangen ist, und der Stern ist fern und unerreichbar, und Remus verliert sich.

oooOOOooo

Es ist Emilia, die ihn immer wieder findet, mit behutsamen Händen und wortlosen Gesten, und ihn aus dem Nichts zurückholt. Gegen seinen Willen, zunächst, denn wenn Schwärze und Leere das sind, was von Sirius geblieben ist, dann will er dunkel und leer sein und nicht zurück geholt werden in ein Licht, in dem sich das Strahlen des Siriussterns verliert. Aber dann findet er ein kleines, schwarz-weißes Ultraschallbild auf seinem Tisch und spürt verzweifelte, stürmische Liebe zu diesem winzigen Menschlein, das Geborgenheit und Wärme und Sicherheit verdient hat und das so angewiesen ist, und er schämt sich für seinen egoistischen Rückzug.

Sich in der Schwärze zu verlieren, die Sirius verschlungen hat, ist eine Möglichkeit. Sirius aus der Schwärze wieder ans Licht zu holen, ist die bessere.

Während der Mond seine Sichel stetig verschmälert, kümmert Remus sich um Dinge, die seiner Aufmerksamkeit bedürfen. Er nimmt das Unterrichten wieder auf, obwohl es ihm unendlich schwer fällt. Die Schüler fragen nach Snuffles, dem bärengleichen Hund mit dem freundlichen Gemüt, der Professor Lupin nie von der Seite gewichen ist, und Remus erklärt ihn für tot, obwohl es sich falsch anfühlt und die Worte kaum über seine Lippen wollen. Er unterrichtet, aber mit Snuffles ist die Seele aus der Schule gewichen. Die Abfolge von Latein, Literatur und Magietheorie ist mühsam, als wäre jeder Tag ein Tag nach dem Mond, und mehr als einmal muss er sich fast fluchtartig für Minuten in die Kaffeeküche zurück ziehen, wenn seine Hand geistesabwesend unter dem Tisch nach dem großen Kopf und den weichen Ohren getastet hat, die nicht mehr da sind und sich nicht mehr auf sein Knie legen können.

Und dann gibt es die anderen Dinge. Mit sieben Fingern zurecht zu kommen erfordert Übung, schwieriger ist es aber, die Wolfsaugen auszugleichen, die ihn tagsüber farbenblind und kurzsichtig machen. Er kennt die Wolfsaugen von den Tagen vor dem Mond; er kann nicht lesen mit ihnen und sich nicht einmal einen Tee kochen. Es erfordert Überwindung, mehrere Besuche bei My Magical Eye und den Einsatz des restlichen Black'schen Haussilbers, bis eine Lösung gefunden ist, mittels einer Brille die ungewöhnliche Sehschwäche einigermaßen auszugleichen. Obwohl er weiß, dass Sirius ihm bedenkenlos alle Mittel zum Erwerb der Brille zur Verfügung gestellt hätte, fühlt es sich dennoch merkwürdig an, das Silber aus der Hand zu geben.

„Es gehört dir" sagt ihm Emilia. „Du kannst damit machen, was du willst."

„Nur vorläufig" sagt er. „Ich bin nur der Verwalter, bis Sirius zurück ist."

Sie sieht ihn an.

„Warte es ab" sagt er. „Ich habe nicht den Verstand verloren. Ganz im Gegenteil. Ich habe begonnen, zu recherchieren."

Das silbrige Band, an dessen anderem Ende er Sirius spüren kann wie an einer Hundeleine, wird dünner im gleichen Maße, wie der Mond schwindet, und was das Wolfsgespür nicht mehr leistet, gleicht der Professor aus.

Remus beginnt mit der ihm eigenen Systematik, Fragen zu stellen.

„Ich weiß nichts darüber" sagt Arthur bedauernd. „Das Ministerium ist so groß, dass die eine Abteilung nicht mehr weiß, was die andere tut. Ein erheblicher Misstand, übrigens, nebenbei bemerkt. Außerdem unterliegt die Mysterienabteilung strengster Geheimhaltung. Wir kleinen Sachbearbeiter wissen nicht mehr, als dass sie existiert."

Remus stellt Fragen.

„Nichts" sagt Tonks. „Rate mal, warum sie Mysterienabteilung heißt? Sicher nicht, weil man alle ihre Geheimnisse den Auroren-Azubis auf die Nase bindet."

„Entschuldige" sagt Remus. „Ich wollte keinen wunden Punkt berühren."

„Berühr mich am besten gar nicht" sagt Tonks. „Ich bin ein wunder Punkt, von Kopf bis Fuß."

Und Remus geht und stellt Fragen.

„Warum willst du das wissen?" fragt Kingsley.

„Ich recherchiere" sagt Remus. „Ich glaube nicht, dass er tot ist."

„Remus, alter Freund" sagt Kingsley. „Ich verstehe, dass du dich schwer damit abfinden kannst, aber Sirius ist tot. Du kannst ihn nicht zurückholen."

„Woher weißt du das so genau?" sagt Remus.

„Dumbledore hat's gesagt" sagt Kingsley.

„Danke für den Hinweis" sagt Remus und geht, um Fragen zu stellen.

Dumbledore seufzt und betrachtet Remus über die Ränder seiner halbmondförmigen Brille, mit einer Mischung aus Mitleid und Zuneigung, die in Remus Übelkeit hervorruft, während die kleinen silbrigen Instrumente an den Wänden seines Büros surren und schwirren.

„Ich hatte befürchtet, dass du diesen Weg einschlagen würdest, mein Junge" sagt er mit mildem Bedauern. „Ich weiß, wie eng du mit Sirius verbunden warst."

„Das bezweifle ich, Direktor" sagt Remus, der gerade schon eine Tasse Tee abgelehnt hat. „Und, bei allem Respekt, nennen Sie mich nicht mein Junge. Ich bin schon lange kein Kind mehr."

„Wie du es wünschst" sagt Dumbledore und legt die Fingerspitzen aneinander. „Trotzdem muss ich dir dringend raten, die Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen."

„Sirius ist keine Angelegenheit" sagt Remus und bemüht sich wirklich, seine Stimme gleichmäßig zu halten.

„Sirius ist tot" sagt Dumbledore.

„Tatsächlich?" sagt Remus. „Warum? Was ist das für ein Tor? Zu welchem Zweck wurde es erbaut? Doch nicht, um Menschen zu töten, indem man sie hindurch schubst. Avada Kedavra erledigt das schneller und einfacher."

„Das Tor ist alte und dunkle Magie" sagt Dumbledore, „und hätte nie erschaffen werden dürfen."

„Was wissen Sie darüber?" fragt Remus.

„Nur so viel" sagt Dumbledore. „Wer hinein geht, kommt nicht mehr heraus."

„Aus welcher Quelle wissen Sie das?" sagt Remus. „Wussten Sie um die Existenz dieses Tores? Woher?"

„Es sind gefährliche Fragen, die du da stellst" sagt Dumbledore.

„Die harmlosen interessieren mich aber nicht mehr" sagt Remus. „Ich will Antworten."

„Ich weiß nichts, was dir weiter helfen könnte" sagt Dumbledore. „Mein Wissen beruht auf einer Kombination aus Beobachtung und Lebenserfahrung. Aber weil ich die in höherem Maße habe als du, will ich dir diesen Rat geben: Verfolge das Vorhaben nicht weiter. Du wirst dich unglücklich machen."

„Ich brauche keine guten Ratschläge" sagt Remus. „Ich weiß, was ich zu tun habe. Ich werde meine Antworten bekommen, Direktor, und wenn nicht von Ihnen, dann von einem anderen. Verlassen Sie sich darauf."

Dumbledore entlässt ihn mit mildem Lächeln, hinter dem die Kälte steht.

oooOOOooo

Kingsley sitzt in der Küche von Nummer Zwölf und rührt trübe in einer Teetasse, deren Inhalt aussieht, als hätte er zu viel Milch erwischt.

„Ich habe meine Versetzung beantragt" sagt er. „Es wird ein Abteilungsleiter-Posten frei, drüben in der Abteilung für Muggelangelegenheiten. Vielleicht werde ich berücksichtigt. Ich kann einfach nicht weiter einen Toten jagen."

„Er ist nicht tot" sagt Remus.

„Ach, Remus" sagt Kingsley.

„Beantworte mir nur eine Frage" sagt Remus. „Bitte."

Kingsley sieht von seiner Tasse auf, sein Löffel klingt spröde am Tassenrand.

„Kennst du jemanden aus der Personalabteilung im Ministerium?" fragt Remus.

„Entfernt" sagt Kingsley. „David Hollander. Wir gehen gelegentlich in der Mittagspause gnomgolfen. Warum fragst du?"

„Ich brauche die Information, ob es nach dem Zwischenfall fristlose Entlassungen gegeben hat."

„Wozu das denn?" sagt Kingsley verwirrt.

„Die Mysterienabteilung" sagt Remus. „Der Ort, an dem die Dinge aufbewahrt werden, die keinesfalls an die Öffentlichkeit dringen sollen. Man sollte meinen, ein solcher Ort sei besser gesichert als lediglich durch einen Raum, dessen Grundfläche sich bewegt."

„Ja" sagt Kingsley. „Und?"

„Man sollte meinen, es gäbe Wachpersonal dort" sagt Remus.

„Es gab keines, als wir dort waren" sagt Kingsley.

„Gab es keines" sagt Remus, „oder war es vielleicht schon von den Todessern ausgeschaltet, die vor uns eingetroffen sind? Wie wahrscheinlich ist es, dass sie die gesamte Abteilung nachts unbewacht lassen?"

„Hm" sagt Kingsley.

„Genau" sagt Remus. „Irgendwo muss es einen armen Teufel geben, der von den Todessern ausgeschaltet wurde, und daraufhin vermutlich seine Kündigung vom Ministerium kassiert hat, obwohl er nüchtern betrachtet gegen die Todesser nie eine Chance hatte. Wäre ich dieser Wachmann, ich wäre sehr frustriert und wütend und vielleicht bereit, einem Fremden ein paar Informationen zu verkaufen."

„Was willst du denn mit einem Wachmann" sagt Kingsley.

„Wachleute sind oft hervorragend informiert" sagt Remus. „Sie sind vor Ort, und sie haben die Zeit, Dinge aufzuschnappen. In der Regel hält man sie für vertrauenswürdig und achtet vielleicht nicht auf jedes Wort, in ihrer Gegenwart."

„Das ist eine Anhäufung von Theorien, die du da produziert hast, ist dir das klar?"

„Die geschätzte Erfolgsquote liegt bei fünfundvierzig Prozent. Zu viel, als dass ich darauf verzichten könnte, diesen Weg zu gehen."

„Und wenn er obliviert ist, dein Wachmann? Sie setzen doch niemanden auf die Straße, der vitale Informationen hat."

„Es sei denn, sie wüssten nicht, dass er sie hätte" sagt Remus. „Deshalb will ich einen Wachmann, und keinen Mitarbeiter der Verwaltung."

Kingsley schnauft und rührt in seinem Tee.

„Wie soll ich das denn erfragen" sagt er.

„Ich weiß nicht" sagt Remus. „Geh mit deinem Bekannten gnomgolfen. Erzähl ihm, dein Vetter dritten Grades hätte eine Sicherheitsausbildung und wäre auf Jobsuche. Ob es freie Stellen gäbe. So etwas."

„Ich weiß nicht" sagt Kingsley.

„Komm schon" sagt Remus.

„Wenn ich nur daran glauben könnte, dass wir ihn zurück holen können" sagt Kingsley.

„Ich glaube daran" sagt Remus. „Das muss reichen."

Eine Woche später hat Remus eine Verabredung. Es ist nach Mitternacht, und das Licht im Flying Sax ist getrübt von dicken Rauchschwaden. Jazz tröpfelt träge aus der Musikanlage, und in Remus' Glas klingeln die Eiswürfel. Er raucht, weil er eigenen Zigarettenrauch besser erträgt als den von anderen, und weil sich die Gewohnheit eingeschlichen hat seit einigen Wochen, und wartet. Seine Manteltasche ist schwer von dicken, alten Goldstücken, Sonderprägungen aus den Fünfzigerjahren, von denen Sirius' Vater eine kleine Sammlung angelegt hat.

Ende der zweiten Zigarette schließlich fällt ihm ein kleiner, dünner Mann mit schütterem Haar auf, der sich den Weg zur Bar erkämpft hat und sich nun suchend umsieht. Remus fängt seinen Blick auf und hält ihn, bis der Mann zu ihm hinüber kommt.

„Guten Abend" sagt Remus. „Ich nehme an, Sie sind verabredet?"

„Kommt drauf an" sagt der Mann, dessen wässerige Augen unruhig herum wandern, als fürchte er, ertappt zu werden.

„Mit jemandem, der Ihnen angeboten hat, auf schnelle und bequeme Art ein bisschen Gold zu machen" sagt Remus und macht sich kaum die Mühe, die Stimme zu senken. Jeder hier ist über seinem Glas alleine.

„Könnte sein" sagt der Mann.

„Etwas zu trinken?" sagt Remus.

„Scotch" sagt der Mann.

Remus bestellt und rückt zur Seite, damit an der Bar Platz für den anderen entsteht. Der Scotch kommt, und der Mann nimmt das Glas und trinkt einen eiligen, ängstlichen Schluck.

„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann" sagt er und beäugt misstrauisch seinen Nachbarn zur anderen Seite.

„Beantworten Sie mir einfach ein paar Fragen" sagt Remus. „Über Ihren alten Arbeitgeber, beziehungsweise den Bereich, in dem Sie eingesetzt waren."

Der Mann zögert, und Remus lässt ein Goldstück von seinen Fingern in die des anderen gleiten.

„Arbeitslosigkeit ist schwer zu ertragen, wenn man keine Ersparnisse hat" sagt er mit unverbindlichem Lächeln. „Nicht wahr?"

„Woher wollen Sie wissen, ob ich Ersparnisse habe?" fragt der andere.

„Wären Sie hier, wenn Sie nicht das Geld wollten?" fragt Remus sanft.

„Fragen Sie" sagt der Mann.

„Ein steinerner Bogen, wie ein Durchgang" sagt Remus. „In der Mitte eines großen Raumes, und verhängt mit einem zerrissenen, grauen Vorhang. Was wissen Sie darüber?"

„Der Torraum" sagt der Mann und wird plötzlich nervös. „Ich konnte nur einmal einen Blick hinein werfen. Niemand durfte ihn betreten. Es ist Alte Magie dort am Wirken, hat es geheißen. Und Dunkle."

„Weiter" sagt Remus.

„Es wurde gemunkelt, dass das Tor älter ist als das Ministerium, vielleicht älter als das gesamte Magische Staatswesen" sagt der Mann und wischt sich mit dem Ärmel Schweißperlen von der Stirn. „Man sagt, es wäre in den Gründungstagen hergebracht worden, oder vielleicht sei das Ministerium auch um es herum erbaut worden. Haben Sie, haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich?"

Remus bietet ihm die Schachtel an, und er nimmt sich eine und dreht sie zwischen den Fingern.

„Französische Marke, eh?" sagt er und lacht nervös.

„Die Gewohnheit eines Freundes" sagt Remus. „Feuer?" Ein Blick auf die Zigarette produziert eine kleine Stichflamme an ihrem Ende. Der Mann zuckt, als habe ihn eine Schlange gebissen, behält die Zigarette aber zwischen den Fingern und nimmt einen nervösen Zug.

„Weiter" sagt Remus.

„Ja" sagt der Mann. „Also. Viel weiß ich nicht. Ein Kollege hat mal erzählt, sie hätten im Torraum Experimente gemacht, aber sie hätten die Magie nicht in den Griff gekriegt, oder so ähnlich. Vor ein paar hundert Jahren. Man hätte den Raum dann versiegelt und versucht, das Projekt zu vertuschen. Ich weiß nicht, wo er das gehört hat. Aber auffällig war es schon, dass niemand sich mit dem Tor beschäftigt hat. Mit den anderen Unterabteilungen schon. Wir hatten immer wieder Wissenschaftlerteams, bei den Gehirnen oder den Unfreien Geistern, oder im Archiv, aber nie im Torraum. Da ist nie einer hin. Das, das ist eigentlich alles, was ich weiß."

„Gab es Gerüchte über den Zweck des Tores?"

„Ich weiß nicht" sagt der Mann und stößt zitternd Rauch aus. „Ein Tor ist zum Hindurchgehen da, nicht wahr? Vielleicht bringt es einen an einen anderen Ort. Wie ein Portschlüssel. Portusmagie, könnte doch sein."

„Könnte sein" sagt Remus. „Gibt es noch mehr Informationen?"

„Gibt es noch mehr Gold?"

„Nur wenn Verwertbares kommt" sagt Remus unbewegt. „Bisher habe ich nettes Hintergrundwissen bekommen, das mich nicht weiter bringt."

„Was haben Sie vor?" fragt der Mann.

„Wollen Sie das wirklich wissen?" sagt Remus.

„Eigentlich nicht" sagt der Mann.

„Kluge Entscheidung" sagt Remus.

„Ich weiß nicht mehr" sagt der Mann. „Wir hatten wenig am Torraum zu tun, gerade weil es dort keinen Publikumsverkehr gab. Er ist ja auch ganz hinten. Wir waren zumeist vorne, im Eingangsbereich."

„Etwas anderes, dann" sagt Remus. „Sagen Sie mir, wie ich ins Archiv komme."

„Was wollen Sie denn…" sagt der Mann. „Nein. Ich will's nicht wissen."

„Ich lese gern" sagt Remus und gestattet sich ein kaltes Lächeln.

„Ja" sagt der Mann und streift Asche von seiner Zigarette. „Zuerst müssen Sie Zutritt zur Mysterienabteilung haben. Sie geben an der Tür einen siebenstelligen Code ein. Die Tür hat einen Illusions- und Polyjuicefilter, übrigens. Danach müssen Sie sich bei den Wachleuten am Eingang identifizieren. An der Tür zum Archiv gibt es einen Einlasser, der die Tür nur öffnet, wenn Sie als zugangsberechtigt erkannt worden sind."

„Das ist alles?" sagt Remus.

„Die Wachleute haben abgerichtete Hunde" sagt der Mann. „Und es liegt ein Feld über der Abteilung, das geworfene Zauber registriert und zurück verfolgt. Zum Zweck der lückenlosen Dokumentation, oder so. Es hatte allerdings einige Ausfälle, in letzter Zeit. Sonst gibt es nichts. Es wird dort schließlich nichts Wertvolles aufbewahrt. Es ist ein ruhiger Job, im Allgemeinen."

„Und Sie meinen nicht, dass man die Sicherheitsvorkehrungen vielleicht verschärft hat, seit dem Vorfall?"

„Ich weiß nicht" sagt der Mann. „Könnte sein."

„Wird der Code am Eingang regelmäßig geändert?"

„Ja."

„Beschaffen Sie mir den aktuellen Code."

„Aber" sagt der Mann und fummelt nervös mit seiner Zigarette, bis sich ein zweites, dickes Goldstück zwischen seine Finger schiebt.

„Ein drittes, sobald ich den Code habe" sagt Remus, und der Mann atmet sichtbar und verstaut das Goldstück in der Tasche.

„Wer sind Sie?" fragt er, als käme der Gedanke ihm just in diesem Augenblick, und zieht die Augenbrauen über den wässerigen Augen zusammen. „Was wollen Sie in der Mysterienabteilung?"

„Es ist nicht in Ihrem Interesse, das zu wissen" sagt Remus.

„Und was" sagt der Mann lauernd, „wenn ich Sie verpfeife? Wenn ich meine Exkollegen warne? Wie viel Gold wollen Sie mir geben, damit ich meinen Mund halte?"

„Wenn Sie mich verpfeifen" sagt Remus, beugt sich zu seinem Gegenüber und nimmt mit schmaler Bewegung die Brille von der Nase, „dann werde ich Sie jagen, und dann werde ich Sie kriegen."

Der Andere keucht und macht einen Satz rückwärts.

„He, Kumpel" sagt der Mann hinter ihm, dessen Bier aus dem Glas auf die Theke klatscht. „Aufpassen, ja?"

„Beherzigen Sie den Rat" sagt Remus, der seine Wolfsaugen längst wieder hinter der Brille versteckt hat. „Niemand muss seinen Kopf verlieren, wenn Sie jetzt nicht den Kopf verlieren."

Er lächelt, und es ist ein kaum maskiertes Zähnezeigen. Der Satz ist aus einem von Sirius' Lieblingsfilmen, und „Siehst du?" hört er die Siriusstimme in seinem Kopf, „Fernsehen bildet! Sag ich doch."

„Okay" sagt der Mann schwach.

„Gut" sagt Remus. „Ich sehe, wir verstehen uns."

oooOOOooo

Dass sie sich wirklich verstanden haben, stellt Remus mit einem Impuls von adrenalinverstärkter Erleichterung fest, als das rote Licht am unteren Rand des Tastenfeldes von Rot auf Grün springt. Zischend öffnet sich die schwere Eisentür, und Remus huscht hindurch und duckt sich sofort in die Ecke links hinter der Tür, wo er sich außerhalb des Sichtbereiches der Wachleute befindet, die vorne am Knotenpunkt ihre Station haben. Er greift in die Manteltasche, wo er die Phiole mit dem Polyjuice bereit hält, zieht den Stöpsel und stürzt das graue, klumpige Zeug hinunter. Die unangenehme Verwandlung erträgt er stoisch: er hat schlimmere Verwandlungen durchgemacht als die in einen großen, schlanken Mann mit dunklen Haaren und schweren Augenlidern über nebelgrauen Augen. Er schüttelt einen Anflug von Unbehagen ab, das wahrscheinlich jeden beschleichen würde, der in die Haut eines Toten schlüpft, streckt sich in den Kleidern, die ihm nach der Verwandlung endlich passen, und geht lockeren Schrittes nach vorne zur Station der Wachleute. Der zufällige Fund einer mit himmelblauem Schleifchen zusammen gehaltenen Haarlocke in dem alten Fotoalbum war ein Glücksfall gewesen. Er hat lange nachgedacht, wessen Identität er sich leihen könnte, ohne bei der betreffenden Person Schaden anzurichten.

„Stehen bleiben" sagt einer der Wachleute. Zwei Deutsche Schäferhunde kommen von ihrem Platz hinter dem Sicherheitstresen in die Höhe und bauen sich knurrend neben ihren Herren auf.

„Nabend" sagt Remus und hebt lässig die Hand zum Gruß.

„Identifizieren Sie sich" sagt der Wachmann, Zauberstab im Anschlag.

„Gerne" sagt Remus. „Was hätten Sie gerne? Ausweisnummer? Blutgruppe? Schuhgröße? Gencode?" Er hat den, dessen Gesicht er sich geliehen hat, kaum gekannt, aber da gibt es diesen anderen in seinem Inneren, den er besser kennt als sich selbst, und der sich mit Freude in den Vordergrund schiebt, wo es ihm ja ohnehin immer besonders gut gefallen hat.

„Einen Namen, für den Anfang" sagt der Wachmann misstrauisch.

„Ach so" sagt Remus. „Ja, klar. Der Name ist Black. Regulus Black."

„Und was führt Sie zu uns, zu dieser späten Stunde, Mr. Black?" fragt der Wachmann.

„Gerade halb drei" sagt Remus. „Ist doch keine Zeit."

„Beantworten Sie die Frage" sagt der Wachmann.

„Man sagt, mein Bruder sei kürzlich hier gesehen worden" sagt Remus. „Ich dachte, ich frag mal nach."

„Ihr Bruder" sagt der Wachmann, und Remus bemerkt, wie der zweite Wachmann sich unauffällig, aber taktisch klug zwischen ihn und den Fluchtweg durch die Eingangstür schiebt. Remus stört das nicht. Der Fluchtweg wird frei sein, wenn er fliehen will, und so lange der Wachmann sich auf taktische Abläufe konzentriert, bemerkt er die stablose Zauberei nicht, die auch das Sicherheitssystem nicht wird zuordnen können.

„Genau" sagt Remus. „Sein Name ist, raten Sie. Black. Sirius Black."

„Moment mal" sagt der Wachmann. „Was ist das für eine irre Geschichte? Sirius Black? War das nicht der Typ, der letzthin von Azkaban geflohen ist?"

„Bingo" sagt Remus und kneift ein wenig die Augen zusammen. Präzisionsarbeit, jetzt. „Wissen Sie etwas darüber?"

„Zuerst händigen Sie Ihren Stab aus" fordert der Wachmann. „Legen Sie ihn dort in das rote Feld auf dem Tresen. Dann wird Ihre Zugangsberechtigung überprüft, und dann kommen wir noch einmal auf Ihre irre Geschichte zu sprechen."

„Okay" sagt Remus gleichmütig und legt den Ebenholzstab mit den kleinen silbrigen Runen auf das rote Feld. Ein Blick über die Schulter zu dem zweiten Wachmann zeigt ihm, dass die winzige, mit einem Unauffälligkeitszauber belegte Phiole sich unbemerkt in dessen Tasche versenkt hat. Remus ballt die Faust. Das dünne Glas der Phiole zerspringt. Ein kleiner feuchter Fleck bildet sich auf dem grünen Stoff der Uniformrobe.

Drei, denkt Remus. Zwei. Eins. Party.

Es ist der kleinere der beiden Schäferhunde, dessen Aufmerksamkeit zuerst von Remus abgleitet. Wie an der Nase gezogen, steuert er auf den zweiten Wachmann zu, das scharfe Kommando des ersten schlicht ignorierend. Der zweite Schäferhund folgt auf dem Fuße, die Zunge hängt ihm lose aus dem Maul. Der magisch verstärkte Duftstoff aus T-Bone-Steak und läufiger Hündin tut seine Wirkung, und der völlig überraschte Wachmann geht unter dem Ansturm der beiden schweren Hunde zu Boden.

„Rex!" schreit der Wachmann, der noch steht. „Wolf! Aus!"

„Geht doch nichts über einen gut erzogenen Hund" sagt Remus und hebt die Stimme über das eifrige Gejaule und Gekläffe, das aus dem Knäuel auf dem Boden ertönt.

„Sie bleiben, wo Sie…" sagt der Wachmann, der noch steht.

Remus streckt die Hand gegen ihn aus, Handfläche nach vorne geöffnet.

Petrificus" sagt er freundlich, und der Wachmann erstarrt, einen Ausdruck völliger Überraschung auf dem Gesicht.

„Wolf" sagt Remus. „Also, wirklich. Was für eine Übertreibung." Er fasst unter seinen Mantel, wo er ein Paar schmaler, langer Lederriemen um die Hüften geschlungen hat, löst den Knoten und schüttelt sie aus. Ein Rausch von Euphorie jagt durch seinen Körper; der Petrificus war die Schwachstelle des Planes; in Ermangelung freiwilliger Opfer hat er diese stablose Variante nur an Flobberwürmern und ein paar unvorsichtigen Doxies üben können.

Immobilis" sagt er und wirft die Lederriemen auf den Boden, wo sie wie dünne Schlangen zu dem bewegten Bündel aus Mensch und Hunden hinüber kriechen und sich um Arme und Beine schlingen.

„Hilfe" sagt der Wachmann erstickt, während einer der Hunde auf seinem Brustkorb sitzt und ihm das Gesicht ableckt.

Silencio" sagt Remus, und der Wachmann verstummt.

Ab jetzt, weiß Remus, läuft die Zeit. Um drei Uhr kommt die Ablösung, bis dahin muss er spurlos verschwunden sein. Zwei kleine Päckchen hat er noch in der Manteltasche, die auf ihren Einsatz warten. Er nimmt das größere, leichtere und aktiviert die Energiezelle an der Rückseite. Er hat nur eine unklare Vorstellung davon, wie das elektronische Innere mit der Magie des Einlassers interagieren wird, aber Detailwissen, so hat Sabine Schwarz ihm versichert, sei auch gar nicht nötig. Ihrer Anweisung folgend platziert er das Gerät, das etwa dir Größe einer Tafel Schokolade hat, direkt neben dem Bedienfeld des Einlassers an der Tür zum Archiv. Er wartet, bis die kleine Leuchtdiode von Gelb auf Orange springt, dann gibt er den fünfstelligen Gerätecode ein, und das Gerät beginnt zu summen. Remus wartet. Ein Blick über die Schulter zeigt ihm, dass der erste der Hunde das Interesse an dem Wachmann verloren hat, der enttäuschender Weise weder ein Steak noch eine Hündin in den Falten seiner Roben verbirgt, und allmählich abwandert, die Nase suchend über dem Boden. Dann ändert das Gerät den Summton, und das Licht springt auf Grün. Remus presst seine Hand auf das Bedienfeld des Einlassers, und der erkennt den polyjuice-generierten Regulus Black als berechtigt, das Archiv zu betreten, eine Information, die ihm soeben aus dem kleinen Gerät überspielt worden ist. Remus nimmt das Gerät wieder an sich und betritt das Archiv, dessen Tür sich ihm bereitwillig öffnet. Seine Bewegung aktiviert den Lichtzauber, der in schmalen Lichtleisten an der Decke schlummert. Remus sieht sich um. Eine Flucht von fensterlosen Räumen erstreckt sich zu beiden Seiten: schmucklose weiße Wände, schmale dunkle Regale, in denen Bücher und Schriftrollen unter Staubschutzzaubern auf Benutzer warten. Die Luft riecht trocken und alt. Vor sich hat Remus einen Tresen, und dahinter eine Wand voller Karteikästen, alphabetisch geordnet. Mit ein paar schnellen Schritten ist Remus hinter dem Tresen.

„Beginne neue Suche" sagt er, in der Hoffnung, man möge sich hier ein selbst-bedienendes Karteisystem geleistet haben. „Buchstabe T."

Ein langer, schmaler Hängeordner für Karteikarten springt nach vorne auf.

„Suchbegriff Tor" sagt Remus, und eine Handvoll Karteikarten startet aus dem Hängeordner und flattert auf ihn zu wie ein Vogelschwarm. Der Wolf fängt sie aus der Luft, ehe Remus anhand einiger Nachzügler bemerkt, dass sie sich ganz von selbst zu Stapeln ordnen und sanft auf dem Tresen landen.

„Okay" sagt er atemlos. „Suchbegriff Durchgang. Suchbegriff Ministerium Bindestrich Gründungszeit. Suchbegriff… strengste Geheimhaltung."

Neue Karteikarten flattern auf ihn zu, und er lässt sie sich selbst zu Stapeln ordnen, während er angestrengt nachdenkt. Ein paar Suchbegriffe später ist der Stapel fingerdick: gelbe, an den Rändern braun verfärbte Karten, sorgfältig mit schwarzer Tinte beschriftet. Die Schrift kommt Remus altmodisch vor, und die Karten sind weich wie altes Papier: alte Literatur, vor Dekaden katalogisiert. Remus macht sich zwischen den Regalen auf die Suche.

Das Archiv ist eine Schatzkammer. Er könnte sich hier tagelang einsperren lassen, ohne das Bedürfnis zu entwickeln, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Wie in einem Labyrinth bewegt er sich von der Karteikarte zum Buch, lässt sich vom Inhaltsverzeichnis auf eine neue Spur bringen, verfolgt oder verwirft sie, stellt Querverbindungen her und sortiert immer wieder Karteikarten aus, die von selbst an ihren Platz im Kasten zurück kehren. Ein Instinkt drängt ihn, von der gedruckten, veröffentlichten Literatur weg zu kommen: die Werke über Portal- oder Transitionsmagie sind ihm zu allgemein, und er kann sie in jeder beliebigen Zauberbibliothek ausleihen, wenn er sein Grundlagenwissen auffrischen will. Er fragt sich, wo man in diesem Archiv die Handschriften aufbewahrt; die Verlaufsprotokolle und Dokumentationen, ohne die in diesem Haus kein Bleistift angespitzt wird.

Es ist eine alte, eselsohrige Karteikarte, die ihn schließlich auf die Spur bringt. „Arbeitsgruppe Einstein-Projekt" steht darauf in spinnendünner Handschrift vermerkt, und Remus will die Karte schon als Fehlgriff einordnen und in ihren Kasten zurück schicken, als die Erkenntnis ihn trifft.

Einstein. Relativitätstheorie. Quantenphysik, Theorie des Multiversums.

Multiversum. Die Theorie, das beobachtbare Universum sei nur eines von unendlich vielen.

Nicht Zeit- sondern Dimensionsreisen.

Und dann gab es da noch die Katze eines Deutschen, Schröder oder so ähnlich, aber die kann Remus aus dem Stand nicht mehr in den Zusammenhang einordnen.

Dimensionsreisen. Der Versuch, etwas in praktische Magie umzusetzen, das ein Muggel namens Albert Einstein Anfang des letzten Jahrhunderts auf den Weg gebracht hat?

Remus' Gedanken überschlagen sich, und er setzt sich hastig in Bewegung.

Und dann wartet eine weitere Überraschung auf ihn.

oooOOOooo

„Schrödinger" sagt Severus. „Und er war Österreicher, übrigens, kein Deutscher."

„Das ist doch egal" sagt Remus ungeduldig. „Jetzt häng dich nicht an der Katze auf."

„Du weißt, dass es schlecht aussieht für deinen Freund, wenn man im Experiment Schrödingers Katze durch einen animagischen Hund ersetzt" sagt Severus. „Er befände sich, wie der Atomkern, in einem Zustand der Überlagerung von lebendig und tot."

„Du kannst dein Lexikon wieder wegstellen" sagt Remus und deutet auf das dicke, in Leder gebundene Buch, das Severus aufgeschlagen vor sich hält. „Ich hab's im Internet nachgesehen. Aber man muss kein Quantenphysiker sein, um anzunehmen, dass er wahrscheinlich ein Problem hat."

„Wenn er noch in der Lage ist, Probleme zu haben" sagt Severus und überfliegt den Artikel.

„Was wir nie erfahren werden, wenn es uns nicht gelingt, diese Verschlüsselung zu knacken" sagt Remus und zeigt auf die schweren, vom Alter gedunkelten Pergamentrollen, die auf Severus' hellem Sofa liegen und dort wahrscheinlich ein paar Staubflecken hinterlassen werden.

„Lass mich einmal mehr betonen, dass ich wenig erfreut bin, Diebesgut von dieser Brisanz zwischen den Mauern dieser Schule zu wissen" sagt Severus. „Genauer, in meinen privaten Räumen, zu allem Überfluss."

„Keine Sorge" sagt Remus. „Ich nehm's wieder mit. Sobald du mir gesagt hast, was du in dieser Angelegenheit zu unternehmen gedenkst."

„Nichts" sagt Severus. „Und jetzt nimm deinen Haufen Papier und entferne dich. Ich habe für die fünfte Klasse einen Versuchsaufbau vorzubereiten."

„Nichts ist nicht akzeptabel" sagt Remus. „Ich brauche den Code."

„Dann wirst du ihn selbst entschlüsseln müssen" sagt Severus. „Ich bin klüger, als den Rabenkönig in direkte Verbindung mit einer Serie von höchst fragwürdigen Zwischenfällen zu bringen."

„Es war keine Serie" sagt Remus. „Ich bin kein Berufsverbrecher, weißt du."

„Zuerst ein nicht geklärter, desaströser Zwischenfall im Ministerium, der sein Zentrum im Torraum hatte" sagt Severus. „Dann ein Einbrecher, der gerade die Unterlagen zum Torprojekt stiehlt und nichts anderes. Dass diese beiden Zwischenfälle in Verbindung stehen, sollte selbst dem dämlichsten Ministerialen klar sein."

„Zwei ist ja wohl die Mindestanforderung für eine Serie" sagt Remus.

„Überdies finde ich deine Vorgehensweise fragwürdig" sagt Severus und sieht an seiner, nun ja, prominenten Nase entlang auf Remus herab, als hätte er auf Sand gebissen. „Du scheinst vergessen zu haben, wie man sich in einer Bibliothek benimmt. Erst deine halbstarken Spielchen mit dem Feuer, und jetzt auch noch Explosivstoffe. Ich finde diese Entwicklung bedenklich."

„Ich habe das verdammte Archiv nicht gesprengt!" begehrt Remus auf. „Ich habe nur ein Loch in die Wand gemacht, als Fluchtweg! Und es war nicht einmal ein sehr großes Loch."

„So" sagt Severus.

„Ganz klein" sagt Remus. „Man könnte einen Teppich drüber hängen, dann sieht man's gar nicht."

„Die Antwort ist nach wie vor nein" sagt Severus. „Ich werde den Rabenkönig nicht involvieren."

Remus sieht Severus an, er kennt ihn gut genug, um zu wissen, wann sein Verhandlungsspielraum ein Ende hat.

„Sag mir nur eins" sagt er. „Würdest du es tun, wenn es nicht Sirius wäre?"

„Meine persönliche Befindlichkeit tut nichts zur Sache" sagt Severus. „Ich lasse mich von übergeordneten Interessen leiten."

„Ja" sagt Remus. „Klar. Typische Severus-Antwort."

Severus macht zwei lange, robenraschelnde Schritte zur Tür und öffnet sie. Das Trappeln von Schülerfüßen, Gelächter und Kinderstimmen dringen von fern in den Raum.

„Wenn ich bitten darf" sagt Severus. Remus rafft die alten, staubigen Pergamentrollen vom Sofa und begibt sich zur Tür, wie Severus es anzeigt.

„Ich krieg's auch ohne den Rabenkönig hin" sagt er. „Alles, was ich wollte, ist Zeit zu sparen."

„Du vergisst, dass die Zeit nur auf deiner Seite des Vorhanges linear verläuft" sagt Severus. „Du hast keine Möglichkeit, fest zu stellen, ob auf seiner Seite des Vorhanges Minuten oder Jahre vergangen sind. Insofern ist Zeit nicht relevant."

„Ich nehme an, das soll mich trösten" sagt Remus.

„Es ist nicht meine Aufgabe, Trost zu spenden" sagt Severus, und dann hält er Remus, der schon zur Tür hinaus ist, doch noch am Ärmel fest.

„Ich empfinde das Entschlüsseln eines Codes durchaus als interessante intellektuelle Herausforderung" sagt er. „Du wirst für deine Arbeit nicht alle fünf Rollen benötigen, nicht wahr?"

„Nein" sagt Remus, nimmt eine vom Stapel und reicht sie Severus hinüber. Der nimmt sie mit unbewegtem Gesicht entgegen.

„Möge der Bessere gewinnen" sagt Severus.

„Ist das eine Herausforderung?" sagt Remus und begegnet einem dunklen Blick, in dem beinahe so etwas wie Amüsement liegt.

„Ich versuche lediglich, der Angelegenheit ein wenig Würze zu verleihen" sagt Severus. „Ich denke, ich werde dich als lebendes Anschauungsmaterial im Unterricht einsetzen, wenn ich gewinne. Eine kleine Fragestunde zum Thema Lykantrophie, um den Unterricht anschaulicher zu gestalten."

„Vergiss es" sagt Remus. „Aber zieh dich schon mal warm an, denn du wirst ein paar Runden auf der Lady drehen, wenn ich gewinne."

„Dann haben wir eine Verabredung" sagt Severus, und dann ist es doch etwas wie ein flüchtiges Lächeln, das seine Mundwinkel nach oben zieht.

oooOOOooo

Und plötzlich ist es Herbst. Das Baby in Emilias Bauch ist so groß wie ein Wolfswelpe. Es strampelt und tritt, dass Emilia die Luft weg bleibt, und hat bereits die Augen geöffnet. Draußen streift der Wind die Blätter von den Bäumen, und drinnen, in der dämmerigen Halbwärme von Nummer Zwölf, legt Remus die Wange an Emilias Bauch und spürt die Bewegungen seines Kindes, und dann geht er und packt behutsam Sirius' Sachen in Kisten. Er trägt sie nicht auf den Speicher. Er verschließt die Kisten sorgfältig und stellt sie in Sirius' Schlafzimmer.

Der Wolf hört langsam auf, seinen Gefährten zu suchen.

Der Abschied verläuft in Wellen, die dem Rhythmus des Mondes folgen, ein sanftes Auf und Ab, innere Gezeiten, die Remus hinauf tragen auf den dunklen Strand einer stillen Trauer und ihn dann wieder hinab reißen in Verzweiflungstäler, denen nur der Wolf Stimme verleihen kann. Er gewöhnt sich, wie er sich vor langem schon an die Gezeiten des Wolfes gewöhnt hat. Er arbeitet, wann immer er kann, an den verschlüsselten Seiten, die er aus dem Ministerium gestohlen hat.

Es ist eine merkwürdige Form der Keilschrift, die das alte, brüchige Pergament füllt. Es ist eine Reihe von Konservierungszaubern notwendig gewesen, damit die Rollen unter Remus' vorsichtigem Zugriff nicht brechen und reißen. Er hat sich den hinteren Teil der Hausbibliothek als Arbeitsraum eingerichtet und geht zwischen den Wänden hin und her, die er mit Abschriften aus den Rollen tapeziert hat, während der Wind Regen gegen die Fenster schlägt. Das Haus ist dunkel um ihn, und er treibt auf einer Lichtinsel durch zeitlosen Raum und umgibt sich mit Zeichen.

Sie ergeben keinen Sinn, immer noch nicht, sie wehren sich mit einer Hartnäckigkeit, die Remus beinahe persönlich nimmt. Er hat sich Schriftproben der entschlüsselten alten Keilschriften besorgt: die sumerische, die syrische, die persische; aber die Mitglieder der Projektgruppe Einstein sind einen Schritt weiter gegangen als sich nur einer bekannten Keilschrift zu bedienen. Sie haben eine eigene entwickelt oder eine der alten modifiziert oder eine zusätzliche Verschlüsselung darüber gelegt oder alles zusammen, und so bleibt die Schrift kryptisch und der Sinn verborgen.

Remus geht seinen Weg. Er achtet nicht auf das Ende dieses Weges, das er nicht erkennen kann, weil es sich vor ihm irgendwo im Nebel verliert. Er achtet nicht auf Erschöpfung und Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, nur immer auf den nächsten Schritt, er weiß, dass er nicht stehen bleiben darf, weil er sich vielleicht sonst nie wieder in Bewegung setzt, und das darf er Emilia nicht antun und dem Wölfchen, und so hält er sich an Emilia aufrecht und geht weiter, blind und taub und gefühllos und mechanisch, aber er geht.

Er bündelt seine Kräfte. Wie von ferne betrachtet er Dumbledore und fragt sich, ob es tatsächlich sein kann, dass dieser alte Mann ihn gerade beauftragt hat, alles hier hinter sich zu lassen, um ein Rudel schottischer Werwölfe zu unterwandern.

Was glaubt dieser alte Mann eigentlich?

„Nein" sagt er. „Keine schottischen Werwölfe."

„Nur für ein paar Monde" sagt Dumbledore. „Keine Sorge. Wir können es so gestalten, dass du pünktlich zum Geburtstermin wieder in London bist."

Hat er nicht gehört?

„Nein" sagt Remus. „Keine Projekte mehr für mich. Nicht einen Tag mehr."

„Ich verstehe, dass du belastet bist" sagt Dumbledore. „Und verwirrt. Aber du musst…"

„Ich bin nicht verwirrt" sagt Remus. „Ich habe nie so klar gesehen. Und ich bestimme selbst, was ich muss. Ich lasse mir keine Vorschriften mehr machen. Meine Familie ist meine Priorität. Emilia. Sirius. Und das Baby. Ich gehe nirgendwohin."

„Sirius ist…" sagt Dumbledore.

„Nein" sagt Remus. „Ist er nicht."

„Du bist der einzige, der mit den schottischen Werwölfen in Kontakt treten kann" sagt Dumbledore. „Es gibt keine andere Möglichkeit."

„Doch" sagt Remus. „Es ist aber nicht meine Aufgabe, sie zu finden, sondern Ihre. Ich stehe nicht mehr zur Verfügung."

„Du musst es zum Wohl der Zaubergemeinschaft tun" sagt Dumbledore. „Was, wenn die schottischen Rudel sich der Dunklen Seite anschließen? Du hast eine gesellschaftliche Verantwortung."

„Diese Gesellschaft hat mich verhungern und erfrieren lassen" sagt Remus. „Ich bin ihr nichts schuldig."

„Ich verstehe nicht, wie du so egoistisch sein kannst" sagt Dumbledore, und sein Blick ist wasserblaues Eis hinter den halbmondförmigen Gläsern. „Nach allem, was ich für dich getan habe."

„Sie haben mir die Chance auf einen Schulabschluss gegeben" sagt Remus, „und dafür bin ich dankbar. Aber Dankbarkeit hat ein Ende, und sie hätte es haben müssen, als Sie mich während des ersten Krieges zum Verräter gemacht haben, als ein Schuldiger nötig war für die Moral des Ordens. Ich habe für meinen Schulabschluss mehr als bezahlt. Ich gehe diesen Weg, mit oder ohne den Orden. Ich bin nicht mehr bereit, Opfer zu bringen."

Dumbledore sieht ihn an, und es ist unter dem langen, dichten Bart schwer in seinem Gesicht zu lesen. Remus bemerkt mit Erstaunen, dass es ihn nicht interessiert, was sich unter dem Bart verbirgt. Soll der alte Mann denken, was er will.

„Der Orden kann das Haus weiterhin als Hauptquartier nutzen" sagt Remus, „und ich mache die Buchhaltung, wenn ich die Zeit dazu finde. Niemand soll mehr von mir verlangen."

Dann geht er und lässt Dumbledore stehen und spürt, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, die Freiheit, die er an Sirius immer so bewundert hat.

Die wenigsten wissen, woran er arbeitet, wann immer er die Zeit findet. Harry weiß es nicht. Er ist seit Sirius' Trauerfeier nicht mehr in Nummer Zwölf gewesen. Die Briefe, die er Remus gelegentlich schreibt, sind düster und voll verwirrender Verschwörungstheorien, Remus spürt den Verlust von Halt und Orientierung in jeder Zeile, aber Harry will Remus nicht sehen, er scheint jeden zu meiden, der ihn an Sirius und Nummer Zwölf erinnern könnte. Remus schreibt ihm lange Briefe, die er mit Erinnerungen an James und Lilly Potter füllt, mit den guten, den glücklichen, um dem Jungen wenigstens einen Blick auf seine Wurzeln zu ermöglichen, um ihn davor zu bewahren, in einem unübersichtlichen Strudel abgetrieben zu werden. Die Briefe schmerzen, denn einen fühlt er immer hinter sich stehen, während er schreibt, er spürt seine Trauer und seine Tränen, die er nicht vergossen hat um den Freund, der ihm immer der liebste gewesen ist. Er wünscht sich, Sirius wäre jemals so weit gekommen, sich lächelnd erinnern zu können. Aber Remus schreibt, weil es das einzige ist, das er für Harry tun kann, während er daran arbeitet, ihm den Paten zurück zu holen.

Remus richtet sich ein. Sirius zurück zu holen ist keine Sache von Tagen, nicht einmal eine Sache weniger Monate. Sirius zurück zu holen ist, so lässt es sich an, ein großes Projekt. Remus ist sich bewusst, dass er mit der eigentlichen Arbeit noch nicht einmal begonnen hat, und wären da nicht Emilia und das Wölfchen, er wäre mehr als versucht, die Angelegenheit abzukürzen und selbst einen Blick auf die andere Seite des Vorhanges zu werfen.

Emilia weiß es.

„Wenn wir nicht wären, wärst du schon drüben" sagt sie. „Stimmt's?", und er sagt „Vielleicht", weil er nicht „Ja" sagen will.

Remus zieht Konsequenzen. Er verkauft Mrs. Blacks Brillantarmband und ihre goldenen Ohrringe und bezahlt mit dem Geld einen jungen Lehrer für die Wolfsschule, der ihm den halben Unterricht abnimmt. Der Mann ist kein Werwolf, aber er hat keine Vorurteile und eine Liebe zum Unterrichten, die Remus von sich selbst kennt. Die gewonnene Zeit verbringt Remus mit der rätselhaften Keilschrift und mit Bemühungen, eine Zugangsberechtigung für ein ägyptisches Archiv zu erhalten, wo er sich weitere Informationen erhofft. Das Projekt zieht seine Kreise, aber Remus hat längst entschieden, diesen Weg bis zum Ende zu gehen: bis zum Ende des Weges oder bis zu seinem eigenen.

oooOOOooo

Dann wird es Weihnachten, und Emilias Leib ist rund und schwer. Trotzdem scheint sie sich wohl zu fühlen. Sie hat schon vor Monaten aufgehört, sich zu übergeben, und jetzt räumt sie das gemeinsame Schlafzimmer in Nummer Zwölf mit Hilfe von Zaubern leer und lässt es in hellen Farben streichen, bevor sie neue, helle Möbel hinein stellt. Remus staunt und lässt sie gewähren.

„Dir ist klar, dass Nummer Zwölf kein Ort ist, an dem ein Kind aufwachsen kann" sagt Emilia. „Es wird ihn nicht stören, so lange er ein Säugling ist, aber spätestens wenn er zu krabbeln beginnt, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen."

„Es sind zwei Kinder in diesem Haus aufgewachsen" sagt Remus.

„Genau" sagt Emilia. „Und du weißt, was aus ihnen geworden ist."

Remus sieht sie an, und sie sagt „Oh" und „Entschuldigung, so war's nicht gemeint", und Remus ringt sich ein Lächeln ab und sagt, dass sie ja Recht hat, schließlich gibt es auch einen Grund, warum der Kleine nicht Sirius' Namen tragen soll.

Remus beobachtet Emilias unerwartete Arbeitswut mit leiser Besorgnis. Sie putzt die Küche, entrümpelt den Küchenschrank und entfernt Spinnenweben aus Ecken, die kein Mensch seit der Neubesiedelung von Nummer Zwölf betreten hat. Sie verjagt die letzten kümmerlichen Doxies, näht neue Vorhänge und hängt sie auf, tauscht die Ahnengalerie im oberen Flur gegen eine Fototapete mit karibischem Strand, ungeachtet der altvorderen Proteste, und legt flauschige helle Teppiche über das altersdunkle Parkett. Nach zwei Wochen ist Nummer Zwölf kaum wieder zu erkennen, und Emilia geht ohne Ermüdungserscheinungen zur Weihnachtsbäckerei über.

Am Nachmittag des Vierundzwanzigsten nimmt Remus sie und appariert sie nach Deutschland zu ihren Eltern, ehe ihr zwischen Vanillehörnchen und Buttergebäck noch einfällt, die Bibliothek aufräumen zu müssen. Er zwingt sich, seine Arbeit in Nummer Zwölf zurück zu lassen, nur für ein paar Tage, wie er stumm dem verkaterten Sirius auf dem Foto verspricht. Er bemüht sich, nicht an das Weihnachten im letzten Jahr zu denken.

Der Abgrund uferloser Erschöpfung verschlingt ihn auf dem schwiegerelterlichen, spinatgrünen Sofa. Zum ersten Mal seit Monaten hat er keine Arbeit zu erledigen, keine Korrekturen, keine Schriften, keine Recherche. Er fühlt sich leer und ausgebrannt, eine menschliche Ruine. Er steht vorsichtig auf und geht nach draußen, ehe jemand etwas bemerkt.

Im Vorgarten steht der alte Flieder. Seine dunkle, raue Rinde trägt tiefe Schrammen, Spuren eines Aufpralls, verheilt, aber sichtbar. Remus geht mit den Fingern über die Narben am Baumstamm und fragt sich, ob er jemals wieder heil sein wird.

Er würde gerne ein paar Tränen laufen lassen, man sagt, es wäre erleichternd, aber er ist zu erschöpft. Er steht lange draußen und sieht zu, wie der Himmel zwischen den steilen Dächern tiefer wird.

Tags darauf ist Emilia unruhig. Sie wandert in ihrem Elternhaus umher und ist nirgends lange zu halten: vom Sofa auf den Stuhl, von dort aufs Bett, von da wieder hinunter in die Küche und auf einen rastlosen Streifzug durch das Haus. Schließlich gelingt es Remus, sie für fünf Minuten auf dem Hocker in der Küche zu halten, während er ihre verspannten Schultern massiert. Er lässt den Wolf an der Gefährtin schnuppern, und der Wolf bestätigt seine Vermutung.

„Das Kind kommt" sagt Remus. „Meinst du nicht?"

„Quatsch" sagt Emilia. „Viel zu früh. Es sind noch fast drei Wochen."

„Du wanderst" sagt er. „Wie eine Wölfin. Du suchst einen guten, ruhigen Ort für die Geburt."

„Der gute, ruhige Ort ist St. Mungo's, wie besprochen" sagt Emilia. „Ich bin ein modernes Mädchen. Ich steh' nicht auf Hausgeburten."

„Dann sollten wir jetzt apparieren" sagt Remus.

„Nein" sagt Emilia. „Lass mal. Mir ist gerade nicht nach großen Apparitionen."

„Bist du sicher?" sagt Remus, dessen Finger vorsichtig an Emilias Hals entlang gleiten. Er hat sich langsam daran gewöhnen müssen, sie mit der zweifingrigen Hand zu berühren, vor allem, seit er keinen Verband mehr trägt: die Außenkante bis hin zu den verbliebenen Fingern ist bedeckt von rötlichem Narbengewebe, und manchmal sieht die ganze Hand so fremd aus, als gehöre sie nicht ihm, wie ein verdorrter Ast oder die Klaue eines merkwürdigen Vogels, aber Emilia hält ihn an dieser Hand und küsst diese Hand und legt sie auf ihren Babybauch, und er denkt, dass er keine Vorbehalte haben sollte, wenn sie auch keine hat.

„Ich bin einfach nur gestresst" sagt Emilia. „Vielleicht hätten wir uns ein ruhiges Weihnachten in Nummer Zwölf machen sollen. Das ist mir fast zu viel hier, mit all den Leuten."

„Hört, hört" sagt Remus.

„Ich muss dringend entspannen, bevor die heute Nachmittag alle zum Kaffee kommen" sagt Emilia und lässt ihren Kopf nach hinten gegen Remus fallen. „Du hast nicht zufällig eine Idee?"

„Mehrere" sagt Remus und fühlt ein Lächeln auf seinen Lippen, es ist dort so selten geworden, dass es sich ganz fremd anfühlt. „Wenn du es schaffst, die Treppe hinauf zu steigen, heißt das."

„Das schaff' ich" sagt sie und arbeitet sich breitbeinig in die Höhe. „Noch bin ich kein Fall für Greenpeace."

„Greenpeace?"

„Die ziehen doch immer die Wale zurück ins Meer."

„Gut zu wissen. Ich wollte dir gerade ein heißes Bad vorschlagen, aber dann weiß ich gleich, wen ich anrufen kann, wenn etwas schief läuft."

Emilia lacht, und Remus lächelt immer noch und fragt sich, wie lange es her ist, dass sie miteinander gelacht haben und mehr ausgetauscht haben als nur ein paar flüchtige Zärtlichkeiten. Er nimmt sie um die Schultern und küsst sie zwischen Küchentisch und Kühlschrank, er muss sich seitlich zu ihr stellen, damit der Babybauch nicht im Weg ist, und sie ist weich und warm und gut, und ihre dunklen Augen gehen über seine geschundene Seele wie warme Schokolade.

Er begleitet sie hinauf ins elterliche Badezimmer, sucht Handtücher heraus, sperrt die Tür ab und lässt Wasser ein, während sie auf dem herunter geklappten Klodeckel sitzt und nun doch hörbar ausatmet, beide Hände auf dem Bauch.

„Was ist?" sagt er besorgt. „Wehen?"

„Nein" sagt sie mit nach innen gekehrtem Blick. „Nur ein bisschen Rückenschmerzen. Ich meine, es können keine Wehen sein, so lange es nicht richtig weh tut, oder? Das sagt doch schon der Name."

„Ich weiß nicht" sagt er. „Wollen wir nicht doch…? Vorsichtshalber?"

„Nein" sagt sie, diesmal entschieden. „Ich will mit dir in diese Badewanne."

„Ich dachte, die wäre nur für dich" sagt er.

„Komm schon" sagt sie. „Du nimmst doch praktisch keinen Platz mehr weg, da drin."

Er zögert für einen Augenblick, denn das ist genau der Grund: sein Körper trägt überdeutlich die Spuren seiner Versuche, sich selbst aufzulösen, seine Anwesenheit auf ein Minimum zu reduzieren, einem hinterher zu gehen, dessen Abwesenheit so gegenwärtig ist. Er sieht sich im Spiegel und sieht ein Gespenst, knochig abgemagert und fahl, mit rapide ergrauendem Haar und langen, schlimmen Narben an Unterarmen und Brust, ihr schmerzliches Rot ist die einzige Farbe, die sich auf seinem Körper noch findet. Er weiß nicht, was ihm die Farbe heraus zieht, der Tod oder das Leben, er fühlt sich grau, nicht einmal mehr schwarzweiß, das sind Kontraste, die er nicht mehr aufzubieten hat, und er fragt sich, ob er jemals wieder für einen anderen in Farbe sein kann.

Sie folgt seinem Blick in den Spiegel, steht auf und tritt hinter ihn.

„Tut mir leid" sagt sie leise. „So war's nicht gemeint."

„Du musst dich nicht entschuldigen" sagt er. „Du am allerwenigsten."

„Gehst du mit mir in diese Badewanne?"

Er dreht sich zu ihr und küsst sie, lange und innig, während sie ihre Finger mit seinen Hemdknöpfen beschäftigt. Sie ziehen sich gegenseitig aus, behutsam, als wäre es das erste Mal, und dann nimmt das heiße Wasser sie in Empfang und Emilia schließt seufzend die Augen. Sie ist schön, denkt Remus, voller Leben, lebendig, sie trägt ihren großen, schweren Leib mit Grazie, ihre Schultern und Brüste sind rund und weiß, das heiße Wasser legt einen Hauch von Rosa darüber, und ein Lächeln liegt in ihren Mundwinkeln. Er erlaubt seinen Händen ein zartes Gleiten über die sanften Hügel und Täler und über die große Wölbung, die das Baby birgt, und spürt zum ersten Mal seit langer Zeit ein Begehren, das aus der Seele kommt, nicht nur aus der flachen, schnellen Triebhaftigkeit des Wolfes. Er lehnt sich zu ihr, um sie zu küssen, es ist nicht ganz einfach mit dem Baby zwischen ihnen, aber sie kommt ihm entgegen und findet seine Lippen mit geschlossenen Augen, und ein warmes Glitzern rinnt ihm aus dem Herzen und sammelt sich tief in seinem Bauch zu einem festen, lebendigen Wärmeball. Die Seele zieht den Körper mit, er spürt, wie er hart wird, und Emilias Hände gehen über seinen geschundenen Körper wie über ein kostbares Geschenk , und dann verschwinden sie unter der Wasseroberfläche, und Remus lehnt sich in ihre Berührung und stöhnt. Emilia lächelt und flüstert Zärtlichkeiten, und er umschlingt sie mit Armen und Beinen, so gut Baby und Badewanne es zulassen, und überlässt sich ihren Fingern und einer Lust, die in ihrer Dringlichkeit ihn selbst am meisten überrascht. Er schwimmt auf einem Strom von Licht und Wärme, den Kopf auf ihrer Schulter und seine Zähne auf ihrer warmen Haut, und dann kommt er und kommt zu ihr zurück auf eine Art, die ihm Tränen in die Augen treibt.

„Aua" sagt Emilia, aber ihre Augen funkeln, als sie die kleine, rote Bissstelle auf ihrer Schulter betastet.

„Entschuldige" flüstert er und wischt sich mit der nassen Hand über die nassen Augen. „Ich wollte dir nicht wehtun. Ich wollte dir nie wehtun."

„Das weiß ich" sagt sie und beugt sich zu ihm, um seine knochige Schulter zu küssen, und dann nimmt sie seine Hand und begleitet sie über den warmen Babybauch hinunter, unter Wasser und tiefer, und seine Finger erinnern sich und haben nichts verlernt, und Emilia schließt ihre dunklen Kirschenaugen und atmet gegen seine Brust und ist so beschäftigt mit dem, was seine Finger tun, dass er unbemerkt ein paar Tränen in ihre Locken fallen lassen kann; nicht weil er traurig wäre, sondern weil es ihn schmerzt, so voll zu sein, nachdem er so lange so leer war.

Dann versteift sie sich in seinen Armen und stöhnt, es ist ein dunkler, lang gezogener Laut, der ganz aus der Tiefe kommt, und es klingt so anders als sonst, dass er verwirrt innehält.

„Oh" sagt Emilia und hebt den Kopf von seiner Brust. „Das… das hat richtig wehgetan, jetzt."

Remus schluckt.

„Auf die Gefahr hin, dass du jetzt siehste sagst" sagt Emilia. „Ich glaube, das Baby kommt."

Remus atmet aus und streicht sich nasse Haare aus der Stirn.

„Okay" sagt er. „Wohin? St. Mungo's? Ich brauche nicht mehr als einen Zwischenstopp."

„Nein" sagt sie. „Keine großen Apparitionen. Am liebsten würde ich gar nicht mehr apparieren."

„Aber wie willst du dann ins Krankenhaus kommen?" sagt er, und sie sagt „Mit dem Auto, natürlich" und er sagt „Natürlich" und kommt sich dumm vor, oder vielleicht auch nur eine Spur aufgeregt.

Minuten später sind sie aus der Wanne, trocken gezaubert und angezogen. Emilia hat die Hände auf dem Bauch und lauscht konzentriert nach innen. Auf halber Treppe hält sie inne, sagt „Jetzt" und beugt sich stöhnend nach vorne. Sie atmet, lange tiefe Züge, und Remus hält sie und zählt mit, und nach elf langen Atemzügen kommt sie wieder in die Höhe und sieht ihn an.

„Wo ist das nächste Krankenhaus?" sagt Remus.

„Zwei Minuten, mit dem Auto" sagt Konrad, der am Fuß der Treppe steht. „Ich hol's schon mal aus der Garage, scheint mir."

„Okay" sagt Remus und atmet gegen einen merkwürdigen Luftmangel, der ihm ein schwummriges Gefühl im Kopf verursacht. „Also dann."

Die Zeit verhält sich merkwürdig an diesem frühen Nachmittag, wie ein schlecht durchgerührter Kesselinhalt aus Schultagen: zähe, dicke Zeitklumpen, in denen nichts fließen will, wechseln mit quecksilbrig raschem Vorbeiströmen. Auf einem mit kaltem Neonlicht gefluteten Krankenhausflur wartet Remus eine Ewigkeit neben Emilia, auf einen Arzt oder eine Wehe, beides kommt dann gleichzeitig, nur um dann mit einem Wimpernschlag Aufnahmeformalitäten, Ultraschall und ein anderes, kurvenmalendes Muggelgerät hinter sich zu bringen. Und dann steht die Zeit wieder still, als die junge Ärztin lange das schwarzweiße Ultraschallbild betrachtet.

„Er liegt mit dem Gesicht nach oben" sagt sie. „Wussten Sie das? Ein Sterngucker."

„Ist das ein Problem?" fragt Remus und arbeitet gegen die Angst.

„Nein" sagt die Ärztin und lächelt. „In der Regel nicht. Nur ungewöhnlich."

„Ein Sternenkind" sagt Emilia und lächelt und liebkost ihren Bauch, und Remus blinzelt Tränen weg und hilft ihr durch die nächste Wehe, und dann lässt er sich umschließen von einem zeitlosen Raum, in dem es nur Wehe um Wehe gibt, wie das Auf und Ab von Wellen auf einem Strand, rhythmisch und friedlich und gewaltig, und Emilia vollführt die älteste und urtümlichste Form der Magie mit großer Selbstverständlichkeit, und weil sie keine Angst hat, hat Remus auch keine. Und dann wird der zeitlose Raum eng und zieht sich um Wolf und Wölfin zusammen, und dann ist plötzlich das Wölfchen da, ein kleines, blutverschmiertes Bündel mit Fäustchen und winzigen Zehen und fest zusammengekniffenen Augen und einem zahnlosen Mäulchen, durch das es atmet und seinen ersten Schrei tut. Emilia lacht und streckt die Arme aus, und fürsorgliche Hände legen ihr das Kind in den Arm, und Remus weiß, dass er nie vergessen wird, wie sie das Baby ansieht in diesem Augenblick.

„Herzlichen Glückwunsch" sagt der Arzt. „Wie soll er denn heißen?"

„Jerôme" sagt Remus heiser, und Emilia sieht zu ihm hinauf und lächelt und sagt „Jerôme Antares."

„Antares ist Sirius' zweiter Name" sagt Remus, und Emilia nickt und sagt „Ja, na eben", und Remus sagt „Jerôme Antares", und der so Benannte quäkt und wendet suchend das Köpfchen zur Mutter.

Viel später, Mutter und Kind sind längst eingeschlafen, steht Remus auf dem dunklen, verlassenen Krankenhausparkplatz, obwohl die Kälte ihm durch den dünnen Trenchcoat in die Knochen schneidet. Eine flackernde Bogenlampe wirft fahles Licht auf zwei verlassene Autos, und Remus sieht hinauf zum sternenübersäten Himmel und findet Orion mit seinem glitzernden Gürtel, und links zu seinen Füßen den Hellsten, der auf ihn hinunter strahlt.

„Ich bin Vater geworden" sagt er leise.

Damit war früher oder später zu rechnen, oder nicht? sagt der Stern und grinst.

„Du solltest ihn sehen" sagt Remus. „Er ist wunderschön. Er ist blond, und seine Augen sind ganz dunkel."

Natürlich ist er wunderschön, sagt der Stern sanft. Er ist dein Kind.

„Und Emilia war großartig" sagt Remus. „So selbstverständlich. Ich war ein paar Mal ziemlich erschrocken, aber sie hatte gar keine Angst."

Bis auf diesen Mittelteil, in dem sie dir sagte, das alles sei unzumutbar und das nächste Kind könntest du selber bekommen, sagt der Stern und grinst schon wieder.

„Woher weißt du das denn" sagt Remus.

Ich habe zum Fenster hinein gesehen, sagt der Stern.

„Das finde ich ziemlich indiskret" sagt Remus.

Klar, sagt der Stern. Aber deshalb liebst du mich.

„Ja" sagt Remus. „Und aus vielen anderen Gründen."

Ich liebe dich auch, Moony, sagt der Stern.

„Ich wünschte, du wärest hier" sagt Remus.

Aber das bin ich doch, sagt der Stern.

„Und bald wieder ganz" sagt Remus. „Das verspreche ich dir."

oooOOOooo

Es ist ein früher, grauer Morgen, als Remus zum Haus seiner Schwiegereltern appariert, um ein paar Sachen zu holen, die Emilia brauchen wird. Er fühlt sich hellwach und übermüdet gleichzeitig, ein Zustand, der ihn für immer vom Schlafen abschneiden wird, wenn er sich nicht wieder ändert. Die Schwiegereltern, die bereits telefonisch verständigt sind, halten eine gepackte Tasche bereit und eine Überraschung.

„Das kam vor ein paar Stunden, mit einer Eule" sagt Konrad und gibt Remus ein verschnürtes Päckchen. Remus erkennt die schräge, disziplinierte Handschrift auf den ersten Blick. Er öffnet die Verschnürung und wickelt mehrere Schichten Holzwolle und Daily Prophet ab, ehe ihm eine kleine, mit einem Zerstäuber versehene Phiole in die Hand fällt, begleitet von einem akkurat gefalteten Brief.

Lupin,

anbei eine sparsam einzusetzende Dosis von Scripturevelationis. In feinem Nebel auf das Pergament aufgebracht, enthüllt er ein System von Richtungsangaben, die sich möglicherweise auf die Leserichtung oder den Grad der Ver- oder Entspiegelung beziehen.

Ich schlage vor, Du flickst schon mal Deine Festtagsrobe, die Du zweifelsohne tragen willst, wenn ich Dich meiner Klasse präsentiere.

SS

„Ist die Eule noch da?" fragt Remus, plötzlich ein wenig atemlos.

Donna Anna schnaubt.

„Sitzte in Wohnzimmer auf Schrank, dummes Vieh" sagt sie, „und lässte fallen ihre kleine Eulenmist auf meine Teppich. Wann nehmte ihr Zauberer die Post, wie jede vernunftige Mensch?"

„Eulenpost ist vernünftig" versichert Remus, „man muss nur den Postboten ein bisschen füttern."

Eine Schale Müsli und eine mit Wasser locken die Eule schließlich vom Schrank, und während sie sich für den Rückflug stärkt, verfasst Remus eilig eine Antwort.

Severus,

Du darfst uns gratulieren. Es ist ein Junge. Mutter und Kind sind wohlauf.

Danke für das Mittel. Sollte dieser Weg zum Erfolg führen, werde ich meine Festtagsrobe für Dich nicht nur flicken, sondern auch bügeln. Und selbstverständlich keine Gelegenheit auslassen, Sirius, sobald er wieder hier ist, den maßgeblichen Anteil Deiner Arbeit an seiner Rettung in blühenden Farben zu schildern, damit er Dich mit seiner Dankbarkeit großzügig beglücken kann. Freu Dich drauf.

RJL